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Josephine Siebe: Joli - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Siebe
titleJoli
publisherVerlag von Levy & Müller
illustratorPaul Leuteritz
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140605
projectid64542dc7
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Drittes Kapitel

Ein gestörtes Weihnachtsfest.

Daß sich der Winter bald naht, wenn erst Birnen und Äpfel abgeerntet sind, das wissen nicht allein Gärtnerskinder. Überall im deutschen Lande fangen um diese Zeit die Kinder an, recht gründlich und ausführlich von Weihnachten zu reden. Manche beginnen freilich schon früher damit, es soll sogar solche geben, die zwei Tage nach Ostern fragen, wenn ihnen just noch das letzte Osterei im Halse steckt: »Mutterle, wann ist Weihnachten? Bald, ja?«

Zu diesen ganz Ungeduldigen, zu diesen kleinen Nimmersatten gehörten die Hesseschen Kinder nun freilich nicht, aber reichlich früh redeten auch sie schon von dem lieben Fest. Zuerst fingen Bubele und Babele davon an, und es dauerte nicht lange, da redeten die älteren Geschwister mit. Je näher das liebe Fest heranrückte, desto dringlicher wurden der Kinder Wünsche und Fragen.

Einmal kam Babele gelaufen, und wenn es die andern nicht bestimmt gewußt hätten, daß es ihr Babele war, sie hätten die Kleine für ein Schornsteinfegerlein oder einen Tintenwischer halten können. Das Babele war mit Tinte beschmiert wie ein vielgebrauchtes Löschblatt. Auf der Mutter erstaunte Frage: »Aber Babele, was hast du nur getan?« antwortete die Kleine frohgemut: »Wunschzettel geschreibt!« Sie brachte einen mit Tinte beklecksten Wisch und las den lachenden Geschwistern stolz die Krähenfüße vor: »Puppe, Puppe, Puppe, und doll viel Pfefferkuchen!«

Eine Stunde später verlangte Bubele von Lieselinchen auch einen Zettel und Tinte, aber die Schwester gab ihm nur einen Bleistift, und so fiel Bubeles Wunschzettel weniger schwärzlich aus.

Je kürzer die Tage wurden, je tiefer der Garten in winterliches Schweigen versank, desto höher rauschten die Freudenklänge im Hause. Ganz still konnte es sein, die Mutter mochte sich gerade ein wenig über die Stille wundern, da ertönte wohl plötzlich ein Stimmlein, die andern fielen ein, und irgend ein trautes Weihnachtslied zog holdgrüßend durch das Haus.

.Wenn der Vater es hörte, ging wohl rasch ein Schatten über sein Gesicht. Den tätigen Mann beschäftigten um diese Zeit allerlei ernste, schwere Fragen. Er dachte viel in der beginnenden Winterstille an ein fernes, fernes Land. Der alte Onkel Dietrich hatte einst in Südamerika in der brasilianischen Provinz Santa-Katarina Land gekauft, Urwald. Er wollte einen andern Neffen, einen Vetter von Rudolf Hesse hinschicken, der sollte dort eine deutsche Musterwirtschaft errichten. Aber dem jungen Mann, Reinhold Breitenstein, hatte das Seefahren besser gefallen, er war ein Seemann geworden, dem das Meer die Heimat war. Von Zeit zu Zeit kam er mit seinem Schiff nach Brasilien und erkundigte sich dann dort nach dem gekauften Land. Einmal hatte er auch einen andern deutschen Ansiedler als Pächter gewonnen, aber der war nach einiger Zeit fortgegangen, niemand wußte wohin, und das Land lag noch immer unbebaut da. Herr Hesse hatte an Reinhold Breitenstein auch nach der Bestimmung seines Onkels das Erbteil ausgezahlt, nun gehörte ihm das Land ganz allein. Er hatte schon manchmal daran gedacht, mit seiner Familie dorthin zu ziehen. Die neue, große Aufgabe lockte ihn. Seine Gärtnerei war klein, er konnte sie schwer vergrößern, da das Land ringsherum einem reichen, adeligen Herrn gehörte, der lieber die Gärtnerei selbst gekauft hätte, statt einen Strich seines Landes abzugeben. Rudolf Hesse hatte schon als Bube die Sehnsucht gehabt, fremde Gegenden kennen zu lernen, einmal unter einem andern Himmelsstrich das Blühen und Gedeihen der Pflanzen zu beobachten. Aber der Gedanke an seine Frau, an seine Kinder hielt ihn immer zurück. Nun war im Herbst die Nachricht von dem Vetter gekommen, er sei wieder einmal kurze Zeit in Brasilien gewesen und habe dort gehört, daß das Land seines Vetters einfach von andern Ansiedlern in Besitz genommen werden sollte. »Komm herüber und wahre deinen Besitz,« hatte er an Rudolf Hesse geschrieben. Die Reise nach Südamerika schien ihm, dem Vielgereisten, nicht allzu lang und beschwerlich. Herr Hesse wollte nun wirklich nach Weihnachten die Reise antreten, aber allein, Fabian sollte die Gärtnerei verwalten.

»Nimm uns alle mit,« bat seine Frau mit schwerem Herzen, als er von seinem Vorhaben sprach.

»Die Reise ist zu anstrengend für dich und die Kinder,« sagte ihr Mann, »du wirst das Klima nicht vertragen, und dann, wo sollen unsere Kinder dort zur Schule gehen?« Die Mutter nickte traurig. Gewiß, ihr Mann hatte recht, aber der Gedanke, ihn allein in die weite Ferne reisen zu lassen, betrübte sie sehr.

Die Kinder ahnten noch nichts von des Vaters Plan. Sie lebten in sehnsüchtiger Weihnachtsfreude die Tage dahin, und Joli bekam in dieser Zeit sehr, sehr viel von dem schönen Fest zu hören.

»Er versteht es,« behaupteten sie alle.

»Er sieht immer so nachdenklich dabei aus.«

»Er freut sich,« meinte Bubele.

»Freust dich, gelt ja, süßer Joli?« fragte Babele.

»Freuen, der Affe? Auf was Unnützes ist er bedacht! Seht nur, was er für boshafte Augen hat,« schalt Lina, die den armen Joli nun einmal nicht leiden konnte.

Schwapp, flog Lina ein Tannenzapfen an den Kopf. Joli hatte gestern einige als Spielzeug bekommen. Das Äffchen merkte Linas Abneigung, und darum konnte es sie auch nicht leiden.

»Da seht ihr's,« schrie Lina erbost. »Na, ich sag's ja, der richtet noch einmal ein Unheil an. Wie sieht er denn aus? Wie ein lebendiger Teufel.«

»Aber Lina, pfui, wie kannst du unsern Joli so schelten!« riefen die Kinder entrüstet. Aber alle ihre Lobreden auf Jolis Klugheit und Possierlichkeit vermochten Lina nicht umzustimmen. Sie blieb dabei, Joli habe einen schlechten Charakter. Wo sie daher den kleinen Kerl nur erblickte, gleich schalt sie auf ihn und drohte ihm mit Besen oder Wischtuch, Kochlöffel oder Quirl, was sie gerade in der Hand hatte. Joli warf ihr dann freilich oft geschwind etwas an den Kopf, dann rief Lina beinahe triumphierend: »Na seht, ich sag's doch, er hat einen schlechten Charakter, der Satan.«

»Wenn man so ein Tier reizt, wehrt es sich,« sagte Herr Hesse oft. Aber Lina hörte nicht darauf. Ihre Abneigung gegen Joli wurde immer größer, selbst in der heiteren, traulichen Zeit vor Weihnachten war sie oft schlecht gelaunt, nur um des Affen willen. »Lina hat Affenlaune,« knurrte dann Fabian, der eine ganz besondere Vorliebe für den kleinen, drolligen Hausgenossen hatte. Er verstand es auch am besten, dem Tierchen allerlei Kunststücke beizubringen. Joli konnte sein rotes Tuchjäckchen, das Lieselinchen ihm genäht hatte, anziehen; er konnte von einem Teller essen und seine Milch aus der Tasse trinken; sagte Fabian: »Joli, lies!«, dann nahm der kleine Schelm ein altes Bilderbuch, zog ein ernsthaftes Gesicht und tat, als studiere er eifrig die Verslein unter den Bildern. Babele sagte, er würde wohl noch einen Weihnachtsvers lernen; so weit brachte es der Schelm aber doch nicht. Dafür lernten die Kinder neue Verse und Lieder, die Weihnachtsarbeiten wurden rechtzeitig fertig, und auf einmal war das liebe Fest da und schaute lachend in das Haus hinein.

.

»Heute is Weihnachten!« rief Bubele und purzelte in aller Morgenfrühe aus seinem Bettchen. Platsch, lag er am Boden, weil er gar zu geschwind heraus gewollt hatte. An einem gewöhnlichen Wochentag hätte Bubele sicher etwas gebrüllt, heute schaute er sich sehr vergnügt um, als er wieder auf seinen dicken, weißen Beinchen stand. Es war ja Weihnachten! Zur Morgenmilch gab es frischen Kuchen, und allerlei feine Gerüche durchzogen das Haus. Mutter kam ganz eilig herein, ein paar schimmernde Goldfädlein im Haar, und die beiden Kleinen staunten sie an, als wäre sie das Christkind selbst. Obgleich Lieselinchen, die sonst sehr geduldig war, meinte, es würde an diesem Tage wohl nie Abend werden, wurde es doch dunkel, und der Augenblick kam, da ein heller Klingelton das Haus durchzog und sich gleich darauf die Türen des Weihnachtszimmers öffneten.

Wie wunderlich das war! Das gleiche Zimmer war es, das die Kinder täglich sahen, und doch schien es, als hätte sich der ganze Raum verändert. Im Märchenglanz lag er da, flimmerhell im Kerzenschein, und auf den weißgedeckten Tischen lagen allerlei köstliche Dinge. Im ersten Staunen vergaßen die Kinder Joli ganz und gar, der mit ihnen gekommen war. Dem wurde das Fernstehen aber bald langweilig, er meinte, so schöne Sachen, wie sie auf den Tischen lagen, müßte man ansehen, und hopps! saß Freund Joli in aller Weihnachtsherrlichkeit drin, gerade neben Babeles neuer Puppe, die er mit stürmischer Zärtlichkeit in seine braunen Arme nahm.

Babele schrie gellend auf. Bubele schrie zur Gesellschaft mit, Lina kreischte los, und einen Augenblick sah es aus, als sollte durch Joli alle Weihnachtsfreude zerstört werden. Doch da war der Vater schon am Tisch und packte den kleinen Missetäter, noch ehe dieser des neuen Puppenkindes goldblonde Lockenperücke zerzausen konnte.

»Pfui, Joli, böser Joli!« schimpfte Babele noch immer tief erschrocken, als ihr der Vater nun das Püppchen in den Arm legte. »Pfui, Joli!« schalten auch die Geschwister, als aber Joli wieder seine traurigen Augen machte und ordentlich niedergeschlagen vor seinem Weihnachtsplätzchen hockte, da schwand aller Groll, es hieß bald wieder »süßer Joli«, und selbst Babele streichelte wieder zärtlich den kleinen Wildling.

Nur Lina brummte und schmollte. »Der braune Satan verdirbt mir alle Weihnachtsfreude,« behauptete sie, biß dabei aber doch eifrig an einem großen Pfefferkuchen herum. »Der richtet sicher noch einmal Unheil an.«

Trotz Linas Groll verlief der Weihnachtsabend aber doch in Lust und Freude, und Joli trug viel zur allgemeinen Freude und Heiterkeit bei. Er ließ sich geduldig in den neuen, blauen Wagen setzen, der nun viel prächtiger, als die Kinder sich ihn geträumt hatten, mitten unter dem Christbaum stand. Joli versuchte, die Trommel zu schlagen, und machte ein so dumm verwundertes Gesicht, als Lieselinchen die kleine Spieldose, die sie bekommen hatte, aufzog, daß selbst Lina ein ganz klein wenig lachen mußte. –

Es ist nun mal so dumm, daß Weihnachtsabende auch vorübergehen, und viel zu früh erklang den Kindern der Ruf: »Zu Bett!« Sie behaupteten, sie wären noch kein bißchen müde, und Bubele sagte: »Ich brauche gar nicht zu schlafen.« Nach fünf Minuten schlief er aber schon fest und tief, und die Geschwister folgten ihm geschwind ins lustige, bunte Traumland nach. Joli durfte heute im warmen Herdwinkelchen in der Küche bleiben, obgleich Lina darüber schalt.

»Er wird schon brav sein,« versicherte ihr Frau Hesse, der der kleine Kerl, der doch von seiner Heimat her ein wärmeres Klima gewöhnt war, leid tat; der Herdwinkel war doch noch behaglicher als Jolis Kammer. Draußen war es bitter kalt, und so brauchte das Äffchen nicht mehr bis zum Gewächshaus zu laufen.

Lina zog sich brummend mit ihren Weihnachtsschätzen in ihre Stube zurück. Ihre Herrin mahnte: »Geh auch zu Bett! Vergiß nicht, die Lampe auszulöschen!«

Das Mädchen versprach es, und Frau Hesse, die von allen Festvorbereitungen ermüdet war, ging auch schlafen; sie freute sich auf die ruhevollen Feierstunden der kommenden Tage. Bald schliefen alle im Hause, nur ein Fenster war noch erleuchtet. Über dem Anschauen der Geschenke hatte Lina das Zubettgehen vergessen. Sie band sich die neuen Schürzen um, steckte sich eine Schleife vor, überlegte, wie sie das neue Kleid machen lassen wollte, und schmauste dabei vergnügt Pfefferkuchen. Auf einmal fiel es ihr ein, daß sie den Kasten mit dem schönen, rosaroten Briefpapier noch im Weihnachtszimmer hatte stehen lassen. Ei, den mußte sie doch noch holen. Sie nahm die Lampe und lief flugs hinüber in das Weihnachtszimmer. Unterwegs aber löschte ihr vom raschen Gehen die Lampe aus, und ein Weilchen stand sie ganz verdattert im Dunkeln da. Dann tappte sie sich nach der Küche, suchte dort Streichhölzer und zündete sich, da die Lampe noch heiß war, ein Licht an.

Joli lag in seiner Ecke und blickte Lina mit seinen klugen, dunklen Augen so unverwandt an, daß es dieser ganz unheimlich wurde. »So'n Tier,« murrte sie, »fürchten kann man sich vor ihm.« Sie lief rasch hinaus und vergaß in der Eile, die Küchentür fest zu schließen. Sie wäre auch beinahe wieder umgekehrt, es war so seltsam im Hause in der tiefen Stille der heiligen Nacht.

Allerlei Märchen fielen Lina ein, die sie gehört hatte, auch daß die Tiere in der heiligen Nacht sprechen können wie die Menschen. »Brrr, wenn das Joli tut,« dachte sie geängstigt und suchte hastig auf dem Tisch nach ihrem Kasten. Da war er. Sie ergriff ihn schnell, nahm das flackernde Lichtlein und rannte aus dem Zimmer hinaus, ohne sich noch einmal umzuschauen. Auch an der Küchentüre lief sie vorbei, ohne zu sehen, daß diese offen stand. In ihrer Kammer ließ sie die Sachen liegen, wie sie lagen, und kroch flugs in ihr Bett.

Sie konnte aber lange nicht einschlafen; es war ihr, als liefen huschende Schritte an ihrer Kammer vorbei, es knisterte und knasterte im Haus, und in ihrem Haß gegen Joli dachte sie wieder: »Daran ist nur der braune Satan schuld. Ich habe immer gesagt: Das Tier ist unheimlich, es wird noch mal 'n Unglück ins Haus bringen.«

Lieselinchen schlief auch in dieser heiligen Nacht so tief und sanft wie sonst. Doch plötzlich wurde sie in einem heiteren Traum gestört. Jemand hatte sie angefaßt und schüttelte sie. Erschrocken fuhr sie auf, sie fühlte etwas Weiches, Haariges neben sich.

»Joli!« rief die Kleine erschrocken.

Das Äffchen stieß einen kurzen, ängstlichen Schrei aus, und davon wurde Lieselinchen ganz wach.

»Joli, was hast du?« fragte sie ängstlich.

Im Schein der Nachtlampe, die das Mädchenstübchen matt erhellte, sah sie, daß ihr kleiner Freund ganz verstört aussah. Er zitterte vor Angst und stieß klagende, flehende Schreie aus. Und dann merkte Lieselinchen noch etwas: es roch so seltsam im Zimmer, und durch die Türe, die offen stand, zogen weißliche, dicke Wolken.

Feuer! Lieselinchen saß wie erstarrt da. Feuer! War das möglich? Aber da zerrte und zog Joli an ihrem Hemdchen, er strich mit seiner kleinen Pfote über ihr Gesicht und jammerte laut, als wollte er bitten: »Rette dich doch, rette dich doch!«

Dies brachte Lieselinchen zur Besinnung. Mit beiden Beinchen sprang die Kleine aus dem Bett heraus, stolperte in das Schlafzimmer der Eltern und schrie: »Feuer! Feuer! Vaterle, es brennt!«

Eine Minute später hatte Herr Hesse die Gefahr erkannt, in der alle schwebten; das ganze Treppenhaus war bereits in Qualm gehüllt. Da gab es kein Besinnen mehr, und zum Glück war er ein ruhiger, entschlossener Mann, der in der Gefahr nicht den Kopf verlor. Er nahm Bubele und Babele, die ganz verschlafen waren, hüllte sie noch in eine Bettdecke und eilte mit ihnen hinaus. Die Mutter, Dietrich und Lieselinchen folgten. Jedes hatte noch schnell nach seinen Sachen gegriffen. Der Vater aber rief eilig: »Vorwärts, vorwärts! Kümmert euch nicht um die Sachen!«

Er ging die Treppe hinunter in den dicken Qualm hinein, nur drei Stufen, dann schrie er: »Umkehren!« Er sah, daß es unmöglich war, durchzukommen, schon schlugen aus dem Wohnzimmer die hellen Flammen heraus.

»Am Spalier hinab!« keuchte der Vater und schob die Seinen zurück ins Schlafzimmer. Dort an der Rückwand des Hauses zog sich fast bis zu den Fenstern ein Weinspalier hinauf. An ihm schwang sich Herr Hesse hinunter, Dietrich folgte geschwind, und beide schleppten rasch eine Leiter herbei, auf der die Mutter und die andern Geschwister folgen konnten.

»Seid ruhig!« tröstete der Vater die weinenden Kinder.

»Meine Puppe, meine neue Puppe!« jammerte Babele, aber da war sie schon unten, und durch den beschneiten Garten ging es mit lauten Rufen nach dem einige Schritte entfernt liegenden Warmhaus.

An Lieselinchens Hals hing Joli. Der hatte nicht einen Augenblick seine kleine Herrin verlassen, so fest hielt er sie aber umschlungen, daß diese ihn gar nicht zu halten brauchte.

Fabian war durch Karos klagendes Bellen aufgewacht, da hatte er seine Kammer in vollem Feuerschein gesehen, und auch er war rasch aufgesprungen und kam nun den Geretteten entgegen, Bartel, der Lehrling, hinter im drein.

»Lina, wo ist Lina?« rief Frau Hesse.

Ihr Mann tröstete: »Geht nur alle ins Gewächshaus, in das letzte; hier werden die Scheiben springen. Wir holen Lina,« und mit Fabian stürzte er zurück, um Lina aus dem brennenden Hause zu retten.

Kaum schien das noch möglich. Schon schlugen aus den Fenstern heraus die hellen Flammen, und eine dicke, schwere Rauchwolke stieg zum nächtlichen Himmel empor. In ihrer Kammer aber lag Lina in tiefem, festem Schlaf; der eindringende Rauch hatte sie schon bewußtlos gemacht, und sie hörte nichts von dem Lärm, sie hörte nicht das angstvolle Rufen, sie wußte auch nicht, daß Fabian ihr Fenster einschlug und rauchgeschwärzt in ihre Kammer eindrang. Die Rettung kam im letzten Augenblick. Denn kaum hatte Fabian mit der Bewußtlosen sich wieder zum Fenster hinaus geflüchtet, da stürzte mit donnerndem Gepolter ein Teil der Mauer ein. Nun rasten die Flammen, durch nichts mehr gehindert, durch das Haus und verzehrten gierig alles, was sie fanden. Jedes Stück des Hausrates wurde ihre Beute. Das Weihnachtszimmer mit all seiner Märchenherrlichkeit war zuerst ausgebrannt; nichts blieb von all den hübschen Dingen übrig, auf die die Kinder sich wochenlang sehnsüchtig gefreut hatten. Und so manches liebe Stück, das noch aus der Großeltern Hause stammte, verbrannte. Nichts wurde gerettet.

Als der Morgen graute, war das freundliche, behagliche Gärtnerhaus, in dem die Hesses so viele glückliche Stunden verlebt hatten, nur noch ein rauchender Trümmerhaufen. Auch die Gewächshäuser waren zum Teil zerstört, die Scheiben gesprungen, nur eines, das etwas abseits am Gartenende stand, war unversehrt. In diesem saßen die Abgebrannten an diesem trübseligen Morgen des ersten Feiertages.

»Wir müssen in der Stadt ein Unterkommen suchen,« sagte der Vater niedergeschlagen, als er sah, daß aller Kampf vergeblich war und das Feuer sich nicht dämmen ließ. Traurig fuhren alle auf einem Leiterwagen in die Stadt. In Decken gehüllt, notdürftig gekleidet, so kauerten die Kinder schluchzend zusammen. Die Kleinen weinten um die verbrannte Weihnachtspracht, die Großen aber verstanden schon mehr den Kummer der Eltern. Joli saß dicht neben Lieselinchen; der kleine Kerl zitterte immerzu und warf manchmal böse Blicke auf Lina. Das Mädchen weinte, seit sie wieder zu sich gekommen war, unaufhörlich; so verzweifelt war ihr Klagen, daß Frau Hesse, der ihr Herz doch selber bitter schwer war, sie noch zu trösten versuchte. Vergeblich, Lina hörte gar nicht auf die sanften Worte, sie schluchzte und klagte, als sei es ihr Haus gewesen, das verbrannt war.

Wie sie so miteinander in dem frühen, grauen Morgen dahinfuhren, an Häusern vorbei, in denen die Menschen noch friedlich und festtagsruhig schliefen, sagte Herr Hesse nachdenklich: »Wie mag nur das Feuer entstanden sein? Ich grüble und grüble und kann keine Erklärung finden. Das Licht war doch im ganzen Hause überall ausgelöscht?«

»Im Weihnachtszimmer hat es anscheinend angefangen. Gewiß ist beim Baumanzünden oder beim Auslöschen ein Fünkchen irgend wohin geflogen und hat gezündet,« sprach Frau Hesse.

Ihr Mann schüttelte trüb den Kopf. »Ich habe so genau nachgesehen.« Plötzlich sah er die weinende Lina an, die ganz zusammengesunken dasaß. »Warst du noch einmal im Weihnachtszimmer?« fragte er.

»Nein, nein,« schrie das Mädchen, »daran ist ganz gewiß der Affe schuld. Ich habe immer gesagt, mit dem Tier kommt Unglück ins Haus!«

»Joli hat mich aber doch gerettet,« verteidigte Lieselinchen ihren Liebling, »er hat mich geweckt.«

»Dich gerettet?« riefen alle erstaunt. Im ersten Entsetzen hatte niemand gefragt, wie es gekommen war, daß Lieselinchen zuerst aufgewacht war. Nun erzählte die Kleine, und immer erstaunter schüttelte Herr Hesse den Kopf.

»Seltsam,« murmelte er, »wie konnte das Tierchen die schwere Küchentüre aufklinken? Eure Schlafzimmertür, ja, die geht leicht auf, aber die Küchentüre bringt ja selbst unser Bubele noch nicht auf.«

»Warst du noch einmal in der Küche?« fragte Frau Hesse Lina und sah das Mädchen forschend an.

»Nein,« murmelte diese und schluchzte weiter. Das Herz war ihr schwer ob der Lüge, aber es war fürchterlich, die Wahrheit zu bekennen, denn dann würden alle sagen, sie sei schuld am Feuer. »Du bist es auch, du bist es auch,« klang eine Stimme in ihr. Sie schloß zitternd die Augen und sah sich plötzlich wieder mit dem flackernden Lichtlein durch das Zimmer eilen.

»Ach mein Gott, ich hab' doch das Feuer angezündet,« murmelte sie verzweifelt.

»Sagtest du was, Lina?« fragte Frau Hesse, die die Weinende beobachtete.

»Nee,« schluchzte Lina. »Ach mein Gott, der Affe, der Affe ist an allem schuld, er alleine, er alleine!«

Die Kinder konnten Joli nicht noch einmal verteidigen, dem Wagen entgegen kamen jetzt rasch Leute geeilt, und den Abgebrannten tönten herzliche Rufe entgegen: »Kommt zu uns, wir haben Platz!« – »Wir auch!« – »Seid nicht traurig! Gottlob, daß alle gesund sind!«

Da merkten es die Hesses an diesem trüben Festmorgen recht, wie gut es ist, Freunde in der Not zu haben. Nach einer Stunde saßen sie alle warm und geborgen bei lieben Menschen. Diese und viele andere waren bemüht, ihnen recht viel Liebe zu erweisen.

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