Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Josephine Siebe: Joli - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Siebe
titleJoli
publisherVerlag von Levy & Müller
illustratorPaul Leuteritz
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140605
projectid64542dc7
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel.

In die Heimat zurück.

Während Joli wieder im Urwald lebte und nur manchmal heimlich einen schönen Blütengruß vor das kleine Urwaldhaus legte, war dort die Sorge eingekehrt. Erst war das Bubele erkrankt, dann das Babele, und als alle beide blaß und schmal zwar, doch gesund wieder vor dem Hause sitzen konnten, legte sich die Mutter. Sie wurde sehr krank, so krank, daß sie selbst glaubte, sie müßte ihre Lieben im Urwald verlassen und auf immer von ihnen gehen. Das waren trübselige Tage und Wochen für die Familie im einsamen Urwaldwinkel. In der himmelblauen Stube lag die liebe Kranke, und wenn jemand an ihr Bett trat, dann lächelte sie wohl, aber die Wangen waren totenbleich, und die schönen Augen blieben traurig; die Sorge um Mann und Kinder machten ihr das Kranksein noch doppelt schwer. In diesen Tagen sagte die Kranke aber auch oft: »Wie gut, daß Lina da ist!« und die andern sagten ihr das dankbar nach.

Lina tat alles, sie versorgte das Haus und pflegte die Kranke, und darüber hatte sie all ihr Brummen und Schelten vergessen. Sagte jemand: »Lina, du hast es so schwer! Lina, du wirst wohl müde sein!«, dann sagte sie gewiß: »Ih wo, gerade recht behaglich ist mir's.« Sie fand alles gut und alles schön und war mit allem zufrieden.

Neben Lina und Fabian, der auch doppelte Hände zu haben schien in dieser schweren Zeit, hatte sich noch einer eingefunden, der der Familie ein gar guter Freund geworden war: der Urwaldjäger Herr Harding.

»'n merkwürdiger Mann!« sagte Lina von ihm. »Wenn man ihn braucht, ist er da. Nee, und so fein still ist er!«

Der Jäger war aber auch wirklich immer da, wenn er gebraucht wurde. Manchmal sagte jemand, wenn doch dies oder das wäre, und just da kam der gute Freund ins Haus und tat die Arbeit, die zu machen war.

»Ich glaube, wenn ich sagte, ich möchte jetzt in 'ne Kutsche mit zwei Pferde vorn und zwei hinten, nee doch, vier vorn, spazieren fahren, der Herr Harding brächt' sie an!« sagte Lina.

Das hätte nun zwar Herr Harding doch nicht im Urwald gekonnt, aber vieles konnte und wußte er, was den Ansiedlern sehr nützlich war. Er wußte, wie die verschiedenen Pflanzen am besten gepflegt werden, er wußte auch allerlei Mittel, um die lästigen Insekten zu vertreiben, die nun, da es immer heißer wurde und die Sommerhitze kam, sich immer mehr einfanden. Moskitos, Stechfliegen, Ameisen und noch viel anderes lästige Kleinzeug quälten die Ansiedler. Und wieder litt die Mutter am meisten darunter, und Bubele und Babele weinten oft bitterlich, wenn die kleinen kriechenden und fliegenden Feinde sie gar zu sehr zerstochen hatten.

Herr Harding braute auch einen Trank für die Mutter, der ihr langsam Besserung brachte. »Sie kann das Klima nicht vertragen,« sagte der Jäger, »und das Babele auch nicht.« Das Babele bekam nämlich seine frischen, roten Bäckchen gar nicht wieder, es sah immer blaß aus und mochte nicht essen; am liebsten saß es still an der Mutter Bett.

In diesen Tagen der Sorge fand Lieselinchen einst früh wieder Blumen vor dem Haus, und wie immer sagte sie: »Die sind gewiß von Joli.«

Als der Vater die Blüten sah, staunte er; es waren so köstliche Orchideen, wie er sie noch nie gesehen hatte.

»Ach,« rief er, »wenn ich von diesen Blüten Samen hätte, dann könnte ich viel Geld damit verdienen!«

»Und nach Deutschland zurückkehren,« rief der Urwaldjäger, der gerade wieder einmal dazukam. »Just in diesen Tagen hat mir eine große englische Gärtnerei den Auftrag gegeben, Orchideen zu sammeln. Auf, wir wollen suchen! Den Gewinn teilen wir uns. Die Blumen sind ganz frisch, wir werden sie also vielleicht ganz in der Nähe finden.«

»Für Blumen so viel Geld?« Die Kinder rissen die Augen weit auf, so erstaunlich schien ihnen das. Fabian riß auch den Mund auf, er konnte es erst gar nicht glauben, als ihm der Urwaldjäger erklärte, daß, wie man früher für Tulpen und Hyazinthen hohe Summen bezahlt hätte, heute das, namentlich in England, für Orchideen getan würde.

»Von den Tulpen, das stand schon in meinem Lesebuch,« knurrte Fabian. »Also meinetwegen, los! Mir soll es recht sein; je schneller wir nach Deutschland kommen, desto besser für unsere Frau.«

Herr Hesse war zwar nicht so hoffnungsvoll, aber er meinte doch auch, man müßte suchen gehen.

Es wurde nun beschlossen, am nächsten Morgen aufzubrechen und nach den Blumen zu suchen. Dietrich und Lieselinchen baten: »Nehmt uns mit!« und Lieselinchen fugte leiser hinzu: »Vielleicht zeigen uns die Affen den Weg.«

»So'n Unsinn,« brummte Fabian.

»Warum Unsinn? Haben sich die Affen nicht schon dankbar gezeigt?« rief der Urwaldjäger. »Sie sind klüger, als wir Menschen denken, und das Lieselinchen soll nur mitgehen, vielleicht, vielleicht hilft es wirklich!«

Erst erschrak die Mutter, als sie von dem Plan hörte, aber dann wurden ihre Augen plötzlich hell und froh. »Ja,« rief sie, »tut es, sucht die Orchideen! Ich fühle, es ist unser Glück!« Ihr Blick fiel auf das blasse Babele, neben dem das Bubele saß, das auch noch immer blaß und schmal aussah, und sie sagte leise: »Oh, könnten wir heim ins Vaterland!«

Lina, die dabeistand, meinte: »Für unsere Frau wär's schon am besten. Ich freilich find' es ganz spaßig hier. Aber nun komm, Lieselinchen, hilf mir waschen, es ist Zeit.«

Lieselinchen folgte willig der Aufforderung. Sie war schon eine richtige kleine Hausfrau geworden hier im Urwald. Sie tat alles gern und willig. Aber merkwürdig war es doch: früher hatte sie oft gemeint, es müßte wundervoll sein, keine Schule zu haben, nun sie keine hatte, sehnte sie sich danach. Dietrich ging es ebenso. Der Bube half fleißig im Garten und auf dem Feld, aber in seinen Freistunden saß er oft mit der Schwester über den alten Schulbüchern, die mit in den Urwald genommen worden waren. Nur daß es mit dem Lernen allein nicht so gut gehen wollte. Ach, wie schön war es dagegen daheim in der Schule gewesen! Der Gedanke, daß ihre Kinder nun aufwachsen sollten, ohne richtig eine Schule zu besuchen, war den Eltern auch sehr schwer, und die kranke Mutter grämte sich viel darum. Ja, wäre sie gesund gewesen, dann hätte sie selbst mit den Kindern gelernt, aber sie war so müde, ja sterbensmüde manchmal.

Am nächsten Morgen, es war kaum Tag geworden, zogen der Vater, Dietrich, Lieselinchen und der Urwaldjäger in den Wald, den Flußlauf entlang, um die köstlichen, wundersamen Blüten zu finden. Lieselinchen trug wieder Bubenhöslein, und tapfer marschierte sie neben den Männern her, in der Hand eine Orchidee.

»Wenn ich eine sehe, weiß ich schon, daß es eine ist,« meinte der Vater, »warum nimmst du die Blume denn mit?«

»Ich will sie den Affen zeigen,« sagte die Kleine etwas verlegen. »Sieh, da ist schon einer, der auch wie Joli aussieht,« und rasch hielt sie ihre Blume hin.

Juju, er war es, glotzte die Wanderer erstaunt an. Was tat nur das kleine Menschenmädel mit der Blume?

.

»Ich soll gewiß grüßen,« dachte er, machte »Hm hm,« so gut oder vielmehr so schlecht er konnte, verbeugte sich und – sauste vom Baum herunter.

Die Kinder lachten. Nein, sah das drollig aus, und – es war zu schnurrig – aber der Affe hatte wirklich so gebrummt, wie Fabian es oft tat.

»Hm hm,« machte Juju kläglich, der sich bei dem schönen Gruß tüchtig geschlagen hatte; als aber Lieselinchen auf ihn zutrat, sprang er doch rasch auf und floh tiefer in das Dickicht hinein. Ein paar Minuten später gellte seine Stimme durch den Wald: »Menschen kommen, Menschen kommen, haio, haio, unsere Freunde sind's, haio, haio!«

»Potz Jaguarschwanz,« schalt die Urgroßmutter Itohu ärgerlich, »das Kindervolk schreit aber doch vom frühen Morgen an. Nicht einmal seinen ruhigen Schlaf hat man!«

»Urgroßmutter,« ertönte da Jolis Stimme, »sie kommen, die Kinder sind dabei. Lieselinchen hat die Blume in der Hand, die ich ihr gestern brachte. Sag mir, was sie wollen?«

»Hör doch zu,« rief Itohu, »du kennst doch ihre Sprache. O Joli, du bist doch ein kleiner Dummkopf!«

Beschämt kletterte Joli von seinem Ast herunter. Unten kamen gerade die Wanderer vorbei.

»Da ist Joli!« schrie Lieselinchen.

»Ach, Mädel,« sagte der Jäger, »hier gibt es hundert Affen, die wie dein Joli aussehen. Wer weiß, wo der steckt!«

»Es ist doch Joli,« riefen beide Kinder zugleich und lockten: »Joli, Joli, lieber, lieber Joli! Er ist es bestimmt, er sieht uns so bekannt an!«

»Ich gehe nie mehr zu ihnen,« hatte Joli immer gedacht, als nun aber die Kinder ihn so bittend und zärtlich riefen, da klopfte sein kleines Affenherz laut, und er fühlte recht, wie sehr er die Menschenkinder liebte. Er sprang mit einem Schrei auf Lieselinchen zu und hing wie sonst an ihrem Halse.

»Joli, mein Joli!« jauchzte die Kleine selig.

»Joli, lieber Joli!« sagte Dietrich, ihn streichelnd, und hopp! saß das Äffchen auf des Buben Schulter und rieb sein Gesichtel an dessen Wange.

Hunderte von runden, schwarzen Affenaugen sahen staunend zu. Nein, das war doch aber ungeheuer merkwürdig, wie gut die Menschen mit Joli waren!

»Ich will auch zu den Menschen,« schrie Juju, und Bimbo meinte eifersüchtig: »Mich haben sie ganz vergessen!«

»Wir müssen grüßen,« tuschelten sich ein paar Affenbuben zu, und gleich darauf riefen die Menschen verdutzt: »Nein, was für komische Sachen die Affen machen! Erst brummen sie alle wie Fabian, dann purzeln sie vom Baum!«

Joli verzog sein Gesicht. O weh, nun wollten die Affen zeigen, was sie bei ihm gelernt hatten; er schämte sich ordentlich.

Hm hm, klatsch! hm hm, klatsch! ging es da und dort, alle Affenbuben und -mädel wollten sich gebildet benehmen, und als die Kinder immer mehr lachten, nahmen sie das für Freude und purzelten von den Bäumen herunter wie reife Pflaumen, bis sie sich braun und blau geschlagen hatten.

»Weiß der Himmel, ein närrisches Gesindel!« rief der Urwaldjäger lachend. »Purzelbäume schießen, das können sie, ob sie uns aber wohl helfen werden die Orchideen finden?«

Da hielt Lieselinchen ihre Blume Joli vor die Nase und fragte: »Weißt du nicht, wo sie wächst?«

Und Joli sah seine kleine Freundin mit seinen klugen Augen ernsthaft an, gerade als wollte er sagen: »Ja gewiß, vertrau nur auf mich!« Er sprang zu Boden und kletterte flußaufwärts, er schwang sich an den dicken Seilen der Schlingpflanzen von Baum zu Baum, nicht sehr schnell und immer so, daß die Menschen ihn sehen konnten. Manchmal schaute er sich auch nach ihnen um und zeigte mit seinen langen Armen vorwärts, und unwillkürlich folgten die vier dem kleinen Führer. Bimbo und Juju gesellten sich zu Joli, und als die andern Affenkinder das sahen, folgten sie auch. Eine ängstliche Mutter wollte ihre beiden Buben zurückrufen, die Urgroßmutter aber sagte: »Laß sie nur, die Menschen tun ihnen ja nichts! Sieh doch, die haben ja nur ihre Freude dran!«

.

Da hatte die Urgroßmutter recht. Besonders den Kindern erschien es ein vergnügliches Wandern; sie kamen auch beide überein, daß sie am halben Maisbrot genug hätten, das jedes als Wegzehrung bei sich trug, und so teilten sie die Hälfte an die Äffchen aus.

Erst zögerten sie, als sie aber sahen, wie geschwind Joli zugriff, da wollten sie alle etwas, und Lieselinchen mußte ordentlich kunstvoll teilen, damit es langte. Zuletzt gaben die beiden Männer auch noch etwas her, denn ein paar Äfflein greinten gar zu jämmerlich, weil sie leer ausgehen sollten.

Der Strom machte jetzt eine Wendung und nahm einen andern, schmäleren Fluß auf. An diesem Ufer kletterte nun Joli entlang.

»Hier kommt man kaum durch,« klagten die Kinder, aber der Urwaldjäger ermunterte sie: »Nur vorwärts, mir nach, ich bahne schon einen Weg! Mir sind solche Pfade ganz vertraut.«

Das Gewirr der Schlingpflanzen war aber auch fast undurchdringlich. Tausende von Blüten durchzogen es. Da spannte sich eine scharlachfarbene Decke aus, und als die Kinder näher zusahen, waren es lauter Blumen. Ein paar Riesenstämme, halb vermodert schon, lagen quer über den Fluß, und mächtige Farren waren neben ihnen emporgewachsen.

»Eine Schlange!« schrie Dietrich plötzlich. Schillernd, glänzend wand sich so ein mächtiger Wurm um einen Baum; ihr schmaler Kopf reckte sich vor, sie zischte böse, aber da traf sie schon ein wuchtiger Axtschlag des Urwaldjägers, der ihr den Kopf spaltete.

Herr Harding blieb stehen und spähte in das Pflanzengewirr hinein. »Vielleicht ist es besser, wir kehren um. Der Weg ist zu weit, und die Kinder sind noch zu wenig an die Urwaldgefahren gewöhnt.«

Die Geschwister wollten gerade lebhaft bitten, doch weiter zu gehen, als Joli eilig vom Baum herabsprang. Die andern Affen folgten ihm, und alle krochen mit lautem Geschrei in das Dickicht und verschwanden darin.

»Sie haben dort etwas,« rief Dietrich und lief geschwind nach. Die andern folgten ihm, und dann standen alle verwundert an einem breiten Graben, der den Wald in zwei Teile teilte. Hier blühte es in märchenhafter Pracht, und die beiden Männer riefen wie aus einem Munde: »Orchideen!«

In dicken Büscheln hingen sie von den Bäumen herab oder schwebten wie große Falter über dem Boden. Es gab Blüten darunter, die selbst Herr Harding, der doch im Urwald Bescheid wußte, noch nicht gesehen hatte. Lieselinchen wollte sich jauchzend darauf stürzen und pflücken, aber der Vater wehrte ab: »Das nützt uns nichts, wir müssen Samen gewinnen oder Wurzeln ausgraben, nur dann kann der Fund wertvoll für uns werden!«

»Da kann man die ganzen Urwälder durchstreifen, ehe man einen solchen Fleck findet,« rief der Jäger erstaunt. »Euer Joli, Kinder, ist wirklich ein ausnehmend kluger Kerl!«

Noch vor Anbruch des Abends kehrten die Blumensucher in das Waldhaus zurück. Die Mutter war schon in Sorge gewesen, nun staunte sie, als sie den Bericht vernahm. Sie wußte besser als die Kinder, was der Fund bedeutete.

»Aber Joli ist nicht wieder mitgekommen,« klagte Lieselinchen, »er ist doch im Wald geblieben.«

An diesem Abend sprachen die Erwachsenen noch lange ernsthaft miteinander, und am nächsten Morgen gab es eine große Überraschung für die Kinder, es hieß: »Wir kehren nach Deutschland zurück!« Herr Harding wollte das Waldhaus und das Land übernehmen, und Herr Hesse wollte drüben eine große Kunstgärtnerei errichten, eine Orchideenzüchterei. In Feldburg wollte er Land erwerben; war es dann auch nicht mehr der alte Besitz, so war es doch die Heimat, das vertraute, gemütliche Heimatstädtchen. Nach etlichen Jahren, wenn er noch mehr der köstlichen Blüten gefunden hatte, wollte der Urwaldjäger auch heimkehren; einstweilen gab er sein ziemlich großes Vermögen Herrn Hesse zum Anfang.

»Heim, nach Deutschland zurück, wieder nach Feldburg!« Staunend sagten es die Kinder zueinander, sie konnten es kaum fassen, aber dann sahen Dietrich und Lieselinchen in der Mutter strahlende Augen. Sie freute sich, ach, wie sehr! Da jauchzten auch sie auf: »Mutti, Mutterle, nun wirst du gesund! Ach, jetzt wird alles gut!«

»Aber alle geht ihr nicht nach Deutschland zurück,« sagte der Urwaldjäger mit leisem Lachen, »jemand von euch bleibt da – ratet, wer es ist!«

Die Kinder sahen einander an, die Mutter lächelte, also war es keins von ihnen, denn dann hätte die Mutter traurig ausgesehen. Also war's Fabian! Sie riefen plötzlich alle vier wie aus einem Munde: »Oh, unser Fabian!«

»Nee,« grinste Fabian, »ich bin nicht so dumm, und dann – – Herr Harding kann mich doch nicht heiraten.«

»Lina, o Lina, du?« schrieen die Kinder.

»Ja, ich,« sagte die sehr vergnügt, »und der Herr Harding wird mein Mann, und 's ist gut, daß er nicht viel redet, dann brauche ich nicht meinen Mund zu halten.«

»Aber Lina, du?« fragten die Kinder. »Dir gefällt's doch nicht im Urwald!«

»Nee, wer sagt das? Fein ist's, wunderfein!« rief Lina. »Ich bleib gern hier, nun ich doch weiß, daß ihr wieder ein Haus bekommt!«

»Aber die Affen, die Affen, Lina!« schrieen Dietrich und Lieselinchen, und Bubele und Babele krähten hinterher: »Affen, Affen!«

»Mit denen werde ich schon fertig werden, da hab' ich keine Angst.« Lina lachte sehr vergnügt: »Die lad' ich mir immer mal zum Kaffee ein, den Joli und die andern dazu. Und daß ich 'ne himmelblaue Stube hab', gefällt mir auch, – na, kurz und gut, ich bleibe!«

»Und ich geh',« brummelte Fabian.

Dabei blieb es auch. Den Kindern kam es ganz seltsam vor, daß sie nun auf einmal wieder das kleine Urwaldhaus verlassen und nach Deutschland zurückkehren sollten. Es wurde ihnen gar nicht leicht, dennoch lockte die alte Heimat gar gewaltig, und manches Gespräch fing in diesen Wochen an: »Wenn wir erst wieder in Feldburg sind!«

Zu packen und vorzubereiten gab es diesmal nicht viel; die meisten Sachen blieben da, die brauchten der Jäger und seine Frau Jägerin, wie die Kinder jetzt Lina immer nannten. Es wurde im Urwald-Haus auch noch eine fröhliche Hochzeit gefeiert. Freilich, zur Kirche konnten die Gäste nicht alle fahren, die lag gar zu weit fort, der Jäger und die Jägerin hatten erst eine Reise dorthin unternehmen müssen. Aber nach der Heimkehr gab es Hochzeitskuchen, den die Mutter und Lieselinchen gebacken hatten, und beinahe hätten Bubele und Babele ein Gedicht gesagt, aber damit war Fabian nicht fertig gewordene er fand keinen Reim auf Affe und keinen auf Joli, und der hätte doch in dem Gedicht vorkommen müssen.

»Schadet nichts,« sagte Lina, »singt mir man 'n paar Lieder vor, Weihnachtslieder, das ist nun bald, wer weiß, wann ich die wieder höre!«

Da sangen die Kinder wirklich zur Hochzeit im Urwald die lieben deutschen Weihnachtslieder, daß sie bis zum Wald hinüberschallten. Beim Singen kam recht die Heimatsehnsucht über sie, und in aller Hochzeitsfreude sagten sie: »Morgen reisen wir.«

»Morgen reisen die Menschen mit den Kindern fort,« sagten die Affen zueinander, »sie kommen wohl nie wieder. Schade, sehr schade!«

Urgroßmutter Itohu sah Joli an. Was würde der tun? Auch Herrn Rossos Augen ruhten oft auf dem kleinen Freund der Menschenkinder. Würde er mit ihnen gehen?

Joli hockte still auf seinem Ast. Wie schön doch die Heimat war, und wie gut sie ihm gefiel, und wie lieb, sehr lieb er alle seine Onkel, Tanten, Vettern und Basen, Itohu und Herrn Rosso hatte. Freilich, er fühlte, wie sein kleines Herz schlug: Dietrich und Lieselinchen, die hatte er noch lieber, viel lieber sogar. Er seufzte schwer. Ach, warum gingen sie nur fort! In den letzten Tagen hatte er sich manchmal bis an das Haus gewagt und hatte auch gesehen, wie lieb ihn die Kinder hatten. Er seufzte wieder, und der kluge, weise Herr Rosso dachte: »Armer kleiner Joli!«

»Sie kommen hier vorbei,« rief Juju am nächsten Morgen Bimbo zu, und bald gellte es durch den Wald: »Sie kommen hier vorbei!« Da sie diesmal nicht so viel Gepäck hatten, zogen die Ansiedler wieder den kürzeren Weg am Flusse entlang. Wieder geleitete sie Herr Johnson; dem tat es herzlich leid, daß die Familie schon fortzog, er sah aber, daß die Mutter und Babele wohl nie das Klima vertragen würden.

»Aber ich komme wieder, wenn ich groß bin,« rief Dietrich, und Herr Johnson nickte: »Ist recht! Das Hessehaus bleibt ja stehen, und das Hesseland ist in guter Hut; ein Stück Heimat habt ihr also auch hier.«

Lieselinchen sah mit verträumten Augen um sich. Es war doch wundervoll gewesen in diesem Märchenland mit all seinen bunten Blumen, seinen seltsamen Vögeln und Tieren. Da saßen wieder drei allerliebste Papageien, die nickten mit den Köpfen und kreischten; was, verstand die Kleine nicht, sie verstand nicht Ko, Ho und Los freundlichen Abschiedsgruß. Ach, und Joli, Joli, der Ungetreue, er blieb hier!

»Noch einmal sehen möchte ich ihn doch,« sagte Lieselinchen zum Bruder, und lockend rief sie: »Joli, Joli!«

Der hatte bisher still auf seinem Ast gesessen, aber als er die Stimme seiner kleinen Freundin vernahm, da konnte er es nicht aushalten vor Sehnsucht, er stürzte geschwind von oben herab und sprang Lieselinchen auf die Schulter.

»Er kommt, er geht mit!« jauchzte die, aber ach, da kehrte Joli auch schon wieder zurück.

»Itohu und Herrn Rosso muß ich doch Lebewohl sagen,« dachte Joli und eilte in die Lianenlaube und in den Schulbaum.

»Ich gehe zu den Menschen,« rief er, und bald gellte es durch den Wald: »Joli verläßt uns, er kehrt zu den Menschen zurück.«

»Lebt wohl, lebt wohl!« schluchzte das Äffchen und stürzte den Wanderern nach, von denen er mit lautem Jubel empfangen wurde.

»Joli kehrt zu den Menschen zurück!«

Da schauten Hunderte von Affenaugen ernsthaft, ja traurig den Fortziehenden nach, viele gute Wünsche folgten ihnen, und die Äfflein schrieen: »Lebt wohl! Wir haben euch lieb, ihr wart so gut, so gut!«

»Geschwind doch, wir wollen grüßen, wie Menschen grüßen,« rief Juju, und trotzdem Bimbo sie auslachte, machten auf einmal wieder alle Affenbuben und Affenmädel: »Hmhmhm, hmhmhm,« und klatsch! sausten sie von den Zweigen herab.

»Donnerwetter!« Fabian blieb ganz verdutzt stehen, die ahmten ihm ja nach.

»Na na,« brummelte er, »'s ist und bleibt eine kuriose Gesellschaft. Eigentlich frech, es mir nachzumachen! Aber treu sind sie, und daß unser Joli wieder mitgeht, das gefällt mir. Bravo, kleiner Kerl!«

Nach einigen Tagen hatten die Reisenden den Hafen erreicht, und als sie an Bord des Schiffes kamen, das sie in die Heimat bringen sollte, stand da breit und behaglich Onkel Reinhold Breitenstein. Der lachte dröhnend und rief: »Schon wieder heimwärts?«

»Ja,« rief Herr Hesse.

»Nord, Süd, Ost, West,
Daheim am best.«

Joli aber schmiegte sich fest an Lieselinchen an, für ihn war nun die Heimat da, wo seine Freunde waren.

»Joli, unser lieber Joli,« sagten die Kinder, »wir wollen dich immer lieb haben!«

.
 << Kapitel 14 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.