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Josephine Siebe: Joli - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Siebe
titleJoli
publisherVerlag von Levy & Müller
illustratorPaul Leuteritz
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140605
projectid64542dc7
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Zehntes Kapitel.

Was Joli seinem neuen Freund erzählt.

Während die wiedervereinte Familie vergnügt zusammen saß, lag Joli nicht, wie Lieselinchen meinte, schlafend in seinem Winkel. Er war ganz leise hinausgehuscht und hatte in dem Verandawinkel den kleinen, kranken Bimbo aufgesucht. Der war immer noch vor Schreck über Linas Geschrei halb betäubt. Plötzlich fühlte er ein leises Streicheln. Zitternd fuhr er empor und sah zu seinem Erstaunen den fremden Affen sitzen, der vorher so vergnügt von den Kindern begrüßt worden war. »Du kennst mich nicht,« sagte der freundlich, »die Menschen nennen mich Joli, aber ich heiße eigentlich Tohubohu, und meine Heimat ist hier; ich bin aber in einem fremden Land gewesen, weit, weit von hier entfernt.«

»Tohubohu?« schrie Bimbo und riß seine Äuglein so weit auf, als er konnte. »Aber Tohubohu das ist ja der Affe, von dem Urgroßmutter Itohu und Herr Rosso immer erzählen.«

»Die Urgroßmutter und Herr Rosso!« rief nun Joli. »Leben sie noch? Oh, wie geht es ihnen? Ach, und du sagst, sie denken noch an mich? Rasch, rasch, erzähle mit von ihnen!«

So schnell ging das aber bei Bimbo nicht, so gut er sonst auch schwatzen konnte, er mußte erst Luft schnappen vor Erstaunen. Er starrte den heimgekehrten Affen wie ein Wunder an, endlich bat er: »Erzähle du zuerst, ich platze vor Neugierde. Der Urgroßmutter und Herrn Rosso geht es gut; gestern haben mir es erst die Vampire erzählt.«

»Ach, die Vampire,« rief Joli, »wie oft habe ich die in ihrem Tagesschlaf gestört, wenn sie nichts sehen konnten!«

»Pfipfi, pfipfi,« kreischte Bimbo, der darüber alle seine Schmerzen vergaß, »das hast du auch gemacht? Ich auch, ich auch!«

»Ach ja,« sagte Joli seufzend, »ich tat es, ich war ein sehr böser, ungezogener kleiner Affenjunge. Wie oft sangen die Papageien droben, wenn ich wieder etwas getan hatte:

»Tohubohu eia oh,
Treib es doch nicht wieder so!
Strafe gibt es sicherlich,
Du bereust dann bitterlich
Deine Unart und denkst: Oh,
Hört' ich doch auf Ko, Ho, Lo!«

»Potz Jaguarschwanz und Bananenschale,« schrie Bimbo erschrocken, »dich haben Ko, Ho, Lo auch schon gekannt und gewarnt? Ach, mich auch, ach – huhu – huhu – und – ich – ich – hab' nicht drauf gehört.« Bei dem Gedanken an seine Unart und all die erlittene Angst brach Bimbo in Tränen aus. Er war ja gefangen, er saß ja nicht mehr im lieben Urwald, und tiefbetrübt klagte er: »Ach, hätte ich doch gefolgt!«

»Das habe ich später auch oft gedacht,« sagte Joli betrübt, »damals aber lachte ich die Papageien nur aus, ja einmal warf ich sogar dem armen Ho eine Kokosnuß an den Kopf. Ach, das gab ein Geschrei im Wald! Drei Tage lang mußte Ho den Kopf verbunden tragen, und Ko und Lo weinten jämmerlich um ihren Gefährten. Ich wurde bestraft, in der Schule wurde ich mit meinem Schwanz angebunden, aber es half alles nichts, ich blieb der frechste Affenjunge im ganzen Wald.«

»Das sagen sie von mir auch immer,« murmelte Bimbo und kratzte sich verlegen hinterm Ohr.

. Joli nickte: »Ich dachte es mir gleich, als ich dich hier sah. So was, daß man gefangen wird, geschieht einem immer, wenn man es zu toll treibt. Aber du bist doch hier geblieben und bist gleich zu guten Menschen gekommen.«

»Na,« sagte Bimbo gedehnt, »ich glaube, die da vorhin so geschrieen hat, ist sehr böse!«

»Ih wo,« erwiderte Joli und lächelte ein bissel verschmitzt, »die ist gar nicht so schlimm; sie ist jetzt ganz gut, seit es gebrannt hat, früher, da war sie schon manchmal böse. Aber die ersten Menschen, bei denen ich war, die waren schlimm, o weh, o weh!«

»Erzähle doch!« bat Bimbo halb neugierig, halb furchtsam. Er rückte näher an Joli heran, und der erzählte:

»Nachdem man mich im Wald gefangen hatte – ich war ausgerissen, weil ich meine Tante am Schwanz gezogen hatte –, fiel ich den Menschen in die Hände und wurde auf ein Schiff gebracht. Es waren noch mehrere Affen da. Wir wurden streng bewacht, waren immer in einem engen Käfig eingesperrt, und wenn wir kratzen und beißen wollten, wurden wir geschlagen. Einige meiner Gefährten starben, ich kam in ein Land, das sie Deutschland nennen. Es ist ganz schön dort, nur gibt es eine gräßliche Sache: sie nennen es Winter. Das ist eine Zeit, in der man immer friert. Es fällt etwas Weißes vom Himmel herunter, das wird Schnee genannt, und der ist so kalt, furchtbar kalt. Ich habe ihn nie leiden mögen, den Winter, aber die Menschen dort finden ihn schön. Wenn der Schnee kommt, dann sterben alle Blumen, die Bäume werden ganz kahl – zu komisch ist das. Aber nein, wenn ich so fort erzähle, dann kann ich morgen früh noch reden. Später sollst du mehr vom Winter hören.«

»Lieber nicht,« sagte Bimbo ängstlich, »ich friere jetzt schon, wenn ich daran denke; es muß gräßlich sein!«

»Du bist dumm,« rief Joli, »manchmal ist es auch ganz hübsch, aber natürlich, das verstehst du nicht. Also ich kam nach Deutschland, dort kaufte mich ein Mann, der immer im Lande herumzog. Ich mußte Kunststücke machen, o weh, war das schwer! Bei Herrn Rosso lernte es sich leichter. Ich mußte den Menschen allerlei nachmachen, essen wie sie, mich an- und ausziehen wie sie, schreiben sollte ich lernen, durch einen Reifen springen und noch viele andere Dinge tun. Wollte ich nicht, dann wurde ich geschlagen und bekam nichts zu essen; sah ich böse und traurig aus, lachten mich die Menschen aus. Ich wäre gewiß schon tot, wenn Dietrich und Lieselinchen, das sind die Kinder, die dich gepflegt haben, mich nicht gekauft hätten!«

»Sind die gut?« fragte Bimbo eifrig.

Joli nickte. Seine schwarzen Augen strahlten ordentlich. »Sehr!« rief er aus vollem Herzen, und dann erzählte er dem kleinen Urwäldler, wie es ihm auf dem Jahrmarkt ergangen war, und was er alles bei Hesses erlebt hatte.

Bimbos Augen wurden immer runder und größer. Nein, so etwas! Was dieser Tohubohu, der sich nun Joli nannte, aber auch alles gesehen und gehört hatte! Freilich, als er seine Geschichte erzählt hatte, da sagte der kleine Affenjunge doch recht aus Herzensgrund heraus: »Ich – ich möchte nie zu den Menschen gehen, ich will doch lieber hier bleiben.«

Joli nickte. »In der Heimat ist's immer am schönsten.« Ganz traurig senkte er den Kopf, und eine Träne purzelte aus seinen Augen und fiel auf Bimbos Pfötchen.

»Du,« sagte der erschrocken, »du weinst? Aber du bist nun doch wieder in der Heimat und kannst springen. Spute dich doch, spute dich doch, damit du bald zur Urgroßmutter und den andern kommst.«

Joli schüttelte den Kopf. »Das geht nicht! Siehst du, Bimbo, das wäre unrecht. Die Menschen waren so gut zu mir, sie haben mich gepflegt, ich gehöre ihnen, ich muß bleiben, wenn sie mich nicht freilassen! Dietrich und Lieselinchen würden mich für ganz undankbar halten, wollte ich ausreißen. Nein, nein, das darf ich nicht.«

»Aber wenn sie dich nicht freilassen?« rief Bimbo fast ärgerlich.

Joli sagte leise: »Dann muß ich bleiben.«

Bimbo, der kleine, unnütze Bimbo, sah tief betrübt aus. Er fühlte unendliches Mitleid mit dem armen Tohubohu, er hätte ihm so gern geholfen. Der war ja so gut und klug, beinahe wie Itohu und Herr Rosso. Nein, Herr Rosso war noch klüger; selbst die Urgroßmutter sagte, er sei der klügste Affe weit und breit. Vielleicht kann er helfen. Gerade dachte Bimbo das, als Lieselinchen auf die Veranda trat und rief: »Joli, mein Joli, wo bist du denn?«

Bimbo verstand das nicht, aber Joli verstand es, er hatte inzwischen die Sprache gelernt und hörte auch heraus, daß seine kleine Herrin Angst um ihn hatte. Geschwind sprang er herbei, Lieselinchen nahm ihn zärtlich auf den Arm und trug ihn in das Haus, und Bimbo blieb allein zurück.

. »Na,« dachte der gekränkt, »einmal hätte sie sich auch nach mir umsehen können.« Er war ordentlich eifersüchtig und schmollte ein wenig. Doch das dauerte nicht lange, er mußte wieder an Joli-Tohubohu denken, und wie traurig es war, daß der nicht in den Wald zurückkehren konnte. Bimbo tat, was er in seinem Leben noch recht selten getan hatte, er dachte nach. Darüber wäre er nun freilich beinahe eingeschlafen, und das soll auch richtigen Menschenkindern manchmal so gehen.

Wie lange Bimbo so nachgedacht hatte, wußte er nicht; die Vampire umflatterten ihn plötzlich, und darüber wurde er wieder ganz munter.

»Geht's allen gut? Lebt Herr Rosso auch noch?« schrie er den nächtlichen Boten zu.

»Freilich, freilich,« erwiderten die. »Aber warum fragst du denn gerade nach Herrn Rosso? Es tut dir wohl leid, daß du immer so faul in der Affenschule warst? Na ja, du hast es auch toll genug getrieben. Der Schlimmste im ganzen Wald warst du schon!«

Bimbo tat, als hätte er dies gar nicht gehört, er fand das gar nicht nett von den Vampiren, so etwas zu sagen.

»Nun erzähle ich ihnen auch nichts von Tohubohu,« dachte er. »Wartet, das ist eure Strafe.« Ganz wichtig sagte er dann: »Nach Herrn Rosso habe ich gefragt, weil ich – weil ich ihm etwas zu sagen habe.«

Die Vampire lachten: »Nein, Bimbo, du bist doch aber auch unverbesserlich! Du denkst wohl gar, Herr Rosso soll zu so einem unnützen kleinen Affenjungen, wie du einer bist, kommen, weil du ihm etwas sagen willst?«

»Na freilich,« schrie Bimbo, geärgert über den Spott, »er muß kommen, und er wird kommen, wenn ihr es ihm nur ordentlich sagt.« Und dann kroch er fix in seine Ecke, tat, als ob er schlief, und kümmerte sich gar nicht mehr um die Vampire. Die flogen wütend fort und riefen zornig: »Krikrikri, wir kommen nie wieder, krikrikri, du bist ein böser Junge!«

Kaum waren sie fort, da tat es Bimbo furchtbar leid. Nun hatte er die guten Vampire so geärgert, ach, und wie so oft schon bei seinen dummen Streichen tat es ihm hinterher sehr, sehr leid.

.

Nun würden die flatternden Boten nicht wiederkommen, ihm nichts mehr von der Mutter und den Geschwistern erzählen, und daran war er ganz allein schuld. Er seufzte und stöhnte jämmerlich, aber niemand hörte ihn, niemand achtete auf ihn, er kam sich so unendlich verlassen vor. Ach, und was würde Tohubohu von ihm denken, wenn er ihm morgen seine Unart erzählte, er, der so klug war und von den Menschen geliebt wurde? Endlich schlief der kleine Schelm trotz seines Kummers ein. Die Nacht war schon beinahe zu Ende, als er von einer leisen Berührung aufwachte. Erstaunt richtete er sich auf und sah – Herrn Rosso an seinem Lager sitzen.

»Ich träume,« dachte Bimbo und zwickte sich geschwind in seinen Schwanz, aber das tat weh, und daran merkte er, daß er wirklich wach war, und daß Herr Rosso wirklich bei ihm saß. Er wußte vor Verlegenheit gar nicht, was er sagen sollte, und tat, was kleine Menschen manchmal auch tun, wenn sie sehr verlegen sind, er fing an zu heulen.

»Na, Bimbo,« sagte Herr Rosso tröstend, »weine nur nicht, ich will dir ja nichts tun. Die Vampire haben mir erzählt, was du zu ihnen gesagt hast. Recht ungezogen warst du freilich wieder einmal, aber ich dachte doch, es wäre wohl gut, wenn ich nach dir sehen möchte. Deine Mutter kann doch deine Geschwister nicht allein lassen. Ach, Bimbo, deine arme Mutter, wie traurig ist sie, wieviel weint sie um dich!«

»Huhu, huhu,« schluchzte Bimbo, »ich bin auch so unglücklich, ich will's nie – nie wieder tun, es ist zu schrecklich, und der arme Tohubohu – huhuhuhu!«

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»Tohubohu?« Herr Rosso sah etwas erstaunt drein, »was ist es mit ihm? Ach, der ist wohl schon lange, lange tot!«

»Nein,« rief Bimbo, »das ist es ja, er lebt noch, und ich hätte es den Vampiren auch gesagt, wenn – wenn sie – mich nicht geneckt hätten, daß ich – in der Schule faul – war!«

»Na, stimmt das denn nicht?« fragte Herr Rosso und lächelte etwas. »Aber nun erzähle schnell und kurz, es wird bald hell werden, und ich muß zurück!«

Da erzählte Bimbo alles, was er von Tohubohu, der jetzt Joli hieß, erfahren hatte, und daß der arme Tohubohu meinte, er dürfte nun nicht mehr in den Wald zurück ohne Erlaubnis der Menschen, denen er gehörte.

»Da hat er recht,« sagte Herr Rosso ernst, »ei, das gefällt mir von ihm. Aber wie wunderbar, wie wunderbar ist das doch, daß Tohubohu zurückgekommen ist!«

»Kann ihm nicht geholfen werden?« klagte Bimbo. »Er tut mir so schrecklich leid.«

Herr Rosso streichelte freundlich seinen allerungezogensten Schüler und dachte: »Ei, der schlimme Bimbo hat doch ein gutes, kleines Herz! Ich will darüber nachdenken, wie man ihm helfen kann. Aber nun muß ich gehen. Hast du mir noch etwas zu sagen? Soll ich deiner Mutter etwas bestellen und den Vampiren?« fragte er.

Bimbo fing wieder an zu weinen, er umschlang seinen Lehrer, und der wußte gar wohl, daß der Kleine seine Unart bitter bereute. »Muß ich nun immer hier bleiben?« flüsterte Bimbo traurig.

»Ich glaube nicht,« tröstete Herr Rosso. »Was sollten die Menschen wohl mit so einem dummen, kleinen Affenjungen, wie du einer bist, anfangen? Sie wissen ja auch, daß der Wald drüben deine Heimat ist.«

Herr Rosso eilte fort, denn schon wurde es hell. Bimbo schloß wieder die Augen. Nun war er nicht mehr so traurig wie vorher, denn sicher würde nun alles, alles gut werden. Er dachte noch: »Aber wenn ich wieder daheim bin, dann werde ich immer ganz ungeheuer brav sein.« Er rekelte und dehnte sich und rutschte ein Stückchen weiter. Da lag etwas, das sehr weich war; darauf kauerte er sich zusammen und schlief ein. Er träumte ganz wundervolle Dinge vom heimischen Wald. Er saß auf einem Ast, ringsum alle seine Freunde und Freundinnen, und Urgroßmutter Itohu sagte gerade: »Unser Bimbo soll König werden, er ist der fleißigste und klügste und artigste Affe.«

»Nein, so ein fauler, unnützer Strick!« sagte da jemand halb lachend, halb ärgerlich, und eine andere Stimme schrie wütend im Haus drin. Tohubohu-Joli saß neben Bimbo und lachte, als der erschrocken aufwachte.

»Du bist ja unglaublich faul! Es ist ja längst Tag, und du liegst ja auf Linas Tuch. Die sucht es überall. Hörst du sie nicht schreien? Flink, steh auf, sonst wird sie böse!«

Erschrocken wollte Bimbo in seine Ecke zurückkriechen, da kam aber auch schon Lina angerannt; das schöne Tuch hatte sie gestern in der Aufregung des ersten Abends auf der Veranda liegen lassen.

»Na richtig!« schrie sie, »da liegt wirklich das gräßliche Affentier drauf. Du meine Güte, du meine Güte, wie wird das hier werden!« Sie schaute Bimbo wütend an, riß das Tuch empor und lief weg.

»Potz Jaguarschwanz und Bananenschale!« seufzte Bimbo. »Es ist wirklich schrecklich schwer, brav zu sein.«

»Ach ja,« sagte Joli, »das ist's schon.« Die beiden Äfflein kauerten zusammen, und während sich die Familie Hesse zum erstenmal vereint in der neuen Heimat an den Frühstückstisch setzte, erzählte Bimbo seinem Gefährten von Herrn Rossos Besuch.

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