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Josephine Siebe: Joli - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Siebe
titleJoli
publisherVerlag von Levy & Müller
illustratorPaul Leuteritz
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140605
projectid64542dc7
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Neuntes Kapitel.

Bimbo sieht und erlebt allerlei im Menschenhaus

»Der Jaguar hat Bimbo gefressen!« Die Tiere riefen es einander im Urwald zu, und mitleidig eilten sie zum Wohnbaum von Bimbos Mutter, um diese zu trösten. Bitterlich weinend saß die kleine, schwarzbraune Affenmutter mit ihren beiden andern Kindern auf der höchsten Stufe ihres Wohnbaumes und rief immer wieder klagend: »Bimbo, Bimbo, wo bist du?« Aber ach, kein Bimbo gab Antwort.

Alle großen und kleinen Tiere, die Affen und Vögel, die Alten und Jungen sagten es, Bimbo sei auch zu frech gewesen, er hätte selbst sein Unglück verschuldet. Freilich sagten sie das leise, denn Bimbos Mutter tat ihnen allen sehr, sehr leid. Die drei rosenfarbenen Papageien, die Ho, Ko und Lo hießen, waren auch gekommen; sie erzählten, wie Bimbo am Tag vorher an ihnen vorbeigesprungen sei.

»Er war zu frech,« brummte Tamandu, der auch gekommen war, und er brummte so sehr, daß ein kleines Affenmädel vor Schreck zu schreien anfing.

»Ich hab' es gleich gesagt,« schnarrte Ho.

»Ich auch, ich auch,« kreischten Ko und Lo.

Selbst Itohu und Rosso waren gekommen. Die beiden saßen ernst und würdig neben der weinenden Mutter, und Itohu war es, die sagte: »Vielleicht hat ihn der Jaguar gar nicht gefressen, und er hat sich nur verlaufen.«

»Ich habe ihn die ganze Nacht gesucht,« klagte die arme Mutter, »bis an den Waldrand bin ich geklettert, ich konnte ihn nirgends sehen.«

»Aber ich habe ihn gesehen,« zwitscherte in all das Weinen, Klagen und Bedauern hinein ein ganz, ganz feines Stimmchen. Hoch oben im Gezweig des Riesenbaumes saß ein Kolibri, der schimmerte und funkelte wie ein großer, grünblauer Edelstein, ordentliche Strahlen gingen von ihm aus, und der Paradiesvogel, der neben ihm saß und doch wie ein ganzer Juwelenschrein flimmerte, neidete dem Kleinen ordentlich die Pracht seines winzigen Kleides. Denn der Paradiesvogel wollte immer der allerschönste sein, kein Tier sollte ihm gleichen; er war so eitel wie Schneewittchens Mutter im Märchen. Er rief mit mißtöniger Stimme:

»Klugschnabel du, bilde dir doch nicht ein, mehr zu wissen als alle die klugen und verständigen Leute, die hier versammelt sind.«

.

»Laß den Kleinen erzählen!« brummte aus der Tiefe herauf Tamandu, und alle andern Tiere kreischten, pfiffen, schrieen und knurrten: »Der Kolibri soll erzählen!«

Ärgerlich flog der Paradiesvogel davon. Das war doch dumm, daß man auf einen winzigen Kolibri hörte, und ihn, den schönsten Vogel auf der Welt, hatte man gar nicht beachtet. Der Kolibri aber erzählte, daß er bei Sonnenaufgang an den Waldrand geflogen sei und dort gesehen habe, daß die Menschen dem toten Jaguar sein prächtiges Fell abgezogen hätten. Neugierig sei er dann zum Menschenhaus geflogen, und dort habe er Bimbo liegen sehen; ein kleines Menschenmädel aber sei gar lieb und freundlich zu ihm gewesen.

»Mein Bimbo lebt,« schluchzte die Mutter, »aber ach – er ist gefangen!«

»Das kleine Menschenmädel tut ihm sicher nichts,« rief Itohu, »sie hat so gute Augen. Nachher, wenn es dunkel ist und die Vampire, diese Faulpelze, aufgewacht sind, bitten wir sie einmal, nach dem Menschenhaus zu fliegen und Bimbo zu fragen, wie er hingekommen ist.«

Alle stimmten Itohus verständigem Rat zu, denn für die huschenden Vampire war der Flug nach dem Waldrand am ungefährlichsten. Jetzt hingen sie noch, in festen Schlaf versunken, in einem hohlen Baum im tiefsten Dickicht des Urwaldes und rührten und regten sich nicht. Doch kaum war die Nacht angebrochen, da wachten sie auf und rüsteten sich zum Flug. Itohu rief ihnen zu, sie möchten nach Bimbo sehen, und die Vampire, die gefällig und hilfsbereit waren, versprachen es gleich. –

Nach einem sehr arbeitsreichen Tage saßen der Urwaldjäger, Fabian und die beiden Kinder noch eine Weile auf der Veranda, denn der Tag war warm gewesen, wenn auch nicht zu heiß. Auf einmal schrie Lieselinchen erschrocken auf: eine Schar großer Vögel kam auf das Haus zugeflogen und umflatterte es.

»Was ist das?« rief die Kleine ängstlich, und Fabian griff schnell nach dem Gewehr.

Der Gast wehrte: »Nicht schießen, das sind Fledermäuse, sogenannte Vampire!«

»Pfui,« riefen die Kinder entsetzt, »Vampire, das sind ja die furchtbaren Tiere, die den Menschen das Blut aussaugen.«

»Unsinn,« sagte der Urwaldjäger lachend, »es sind ganz harmlose, gutmütige, sehr nützliche Fledermäuse. Laßt sie immer euer Haus umflattern, die fangen die bösen Moskitos und manches lästige Insekt weg. Die armen Dinger sind nur so häßlich, und unverständige Menschen haben ihnen darum schlimme Dinge nachgesagt. Sie tun euch nichts zu leid. Seltsam aber ist es, daß sie so in Scharen und so dicht das Haus umflattern, das habe ich noch nie beobachtet.«

Nun saßen die Kinder still und schauten zu; die Vampire kamen näher und flatterten wieder davon. Einmal waren sie so dicht zusammen, daß sie wie eine dunkle Wolke heranschwebten. Niemand sah es, daß aus dieser Wolke sich eine einzelne Fledermaus herauslöste und in die Ecke huschte, in der Bimbo lag. Der erschrak; er hatte nämlich gar oft die armen Vampire, wenn sie am Tag schliefen, weil sie nur in der Nacht sehen konnten, in ihrem Baumwinkel gestört und sie furchtbar erschreckt.

»Nun kommen sie, mich zu bestrafen,« dachte er zitternd, aber der gutmütige flatternde Bote dachte nicht daran. Er ließ sich neben Bimbo nieder, brachte die Grüße von der Mutter, den Geschwistern, von Itohu, Rosso und vielen andern und ließ sich Bimbos Abenteuer berichten. Der Vampir sagte auch nicht: »Dir ist recht geschehen für deine Unart,« gar freundlich tröstete er den kleinen Affenbuben, versprach, ihn wieder einmal zu besuchen, und flog dann davon. Noch ein Weilchen umflatterten die Tiere das Haus, dann huschten sie fort, um der Mutter von Bimbo zu erzählen. Heute war es still im Urwald, denn die Jaguare trauerten um ihren Gefährten und gingen nicht auf die Jagd.

»Heute gefällt es mir,« sagte Lieselinchen gerade, als sich jäh ein lautes Geschrei erhob.

»Was ist das?« fragten die Kinder und Fabian erschrocken.

Der Jäger lachte: »Ich weiß es nicht genau, es klingt aber so, als hätten die Affen sich eben sehr über etwas gefreut; so schreien sie, wenn sie lustig sind.«

»Ach bitte, erzählen!« baten Bruder und Schwester, die es zu gern hörten, wenn der Urwaldjäger ihnen von den Tieren des Waldes erzählte.

Doch da brummelte Fabian plötzlich: »Gute Nacht!« das sollte heißen: »Kinder, macht, daß ihr zur Ruhe kommt.« Dietrich und Lieselinchen verstanden es auch gleich und krochen schnell unter ihre Decken. Es brauchte ihnen auch niemand ein Schlummerlied zu singen, sie waren müde genug.

Am nächsten Morgen wachte Lieselinchen zuerst auf. Sie freute sich darüber und dachte, nun würde sie geschwind und heimlich das Frühstück rüsten und die andern überraschen. Viel zu kochen gab es nicht: Tee und eine Art Schiffszwieback. Die Ziegen, die die Morgenmilch liefern sollten, wollte der Vater erst mitbringen. Als Lieselinchen die Treppe hinabkam, stieß sie unten einen hellen Ruf der Bewunderung aus und weckte damit die andern. Vor dem Hause nämlich lagen am Boden ganze Büschel der wundervollsten Blüten, blutrote, türkisfarbene, sonnengelbe und lilienweiße, alle durcheinander, Blüten, wie sie die Kleine noch nie gesehen hatte; es schimmerte und leuchtete in der Sonne, als wäre der ganze Boden mit funkelndem Geschmeide besät.

»Wie schön, ach wie schön!« jauchzte Lieselinchen. »Das hat Herr Harding getan!«

»Das hat er nicht getan,« sagte Herr Harding, der neben sie getreten war, und der nun selbst staunend auf die blühende Pracht sah.

Fabian und Dietrich kamen nun auch herbei, und der lange Bursche brummte: »Der Wind.« Dabei streckte er die Nase in die Luft und schnupperte, als könnte er den Wind riechen, der gar nicht da war. Kein Lüftchen wehte, ganz still und unbewegt standen die Bäume.

»Der Wind? Unsinn!« rief der Jäger.

»Wer denn?« schrie Fabian so laut, als wären die andern alle taub. Ja wer? Es war ein Rätsel. Herr Harding ging den Weg nach dem Flusse hin. Waren Menschen vorbeigekommen, sah man Fußspuren? Dietrich riet Indianer, Lieselinchen sagte träumend: »Es ist wie ein Märchen.«

Aber Fabian blieb dabei, es sei der Wind gewesen. Wenn er an diesem Tag einmal nicht gerade zum Essen und Luftschnappen den Mund auftat, dann rief er jedesmal: »Der Wind!« und wenn der Urwaldjäger das hörte, schrie der zurück: »Unsinn!«

Wer nun aber auch die Blumen gebracht haben mochte, sie liegen und verwelken lassen, das fiel natürlich den Geschwistern nicht ein. Sie sammelten sie geschwind und füllten sie in ein paar leere Konservenbüchsen. Die stammten noch aus dem Reisevorrat, und Fabian gab sie nur sehr widerwillig her; es erschien ihm Verschwendung, sie als Blumenvasen zu benützen. Da merkten die Kinder wieder einmal, daß man im Urwald auf allerlei verzichten muß. In der alten Heimat waren sie einfach zur Mutter gelaufen und hatten sich eine der hübschen, bunten Porzellanvasen aus dem Schrank geben lassen. Nachher aber fanden sie, daß die Konservenbüchsen mit all den köstlichen Blüten darin sich doch recht stattlich in der himmelblauen Stube ausnahmen.

Fabian nickte beifällig; er sagte nun nicht mehr: »Bei Grafens kann's nicht schöner sein,« das war ihm zu gering, er meinte: »Fürstens können es nicht feiner haben.«

»Oder Königs oder Kaisers,« rief Dietrich neckend.

»Wohl, wohl,« brummte Fabian, und weil gerade der Urwaldjäger hereinkam, rief er laut und patzig: »Gut, daß der Wind die Blumen hergeweht hat.«

»Unsinn, Unsinn, dumm, dumm, dumm!« schrie der Jäger wütend und rannte hinaus, ohne nur mit einem Blick die geschmückte Stube zu bewundern. Er rannte dem Walde zu und verschwand darin, und die Kinder klagten betrübt: »Nun kommt er nicht wieder!«

Er kam aber doch wieder. Gegen Abend stellte er sich ein, und schon von weitem schrie er: »He, hat der Wind wieder Blumen hergeweht?«

»Der Wind war's doch,« schrie Fabian zurück und legte rasch ein paar gute Bissen für den Gast zurecht.

Beim Abendessen schwieg aber dann der Streit. Die Kinder sprachen von der Ankunft der Eltern; sie meinten, es nun auf einmal vor Sehnsucht und Ungeduld nicht mehr aushalten zu können, und Lieselinchen erklärte, sie würde die Nacht aufbleiben, vielleicht kämen die Erwarteten in der Nacht; nachher schlief sie freilich schnell genug ein.

.

Erst gegen Abend des andern Tages hörten die Bewohner des kleinen Urwaldhauses in der Ferne menschliche Stimmen. So laut jauchzten die Kinder auf, daß Bimbo seinem Winkel furchtbar erschrak, glaubte er, ein Jaguar sei gekommen, nachher aber merkte er bald, daß die Menschenkinder sich freuten. »Wenn das doch Herr Rosso hören möchte, wie die schreien können,« dachte er befriedigt; »schlimmer tun wir Affenkinder es doch auch nicht.« Er war aber unsagbar neugierig, warum die Kinder sich so freuten, und geriet ordentlich in Wut, daß er mit seinem wunden Bein nicht hinausspringen und sehen konnte, was es eigentlich gab. Er mußte aber in seinem Winkel bleiben, während Dietrich und Lieselinchen hinausrasten, den Ankommenden entgegen. Da waren sie, die Langersehnten: die Mutter, von der die Kinder zum erstenmal in ihrem Leben wochenlang getrennt gewesen waren, und Bubele und Babele, und hinter diesen tauchte Linas rundes, rotes Gesicht auf, und das Erste, was sie rief, war: »Die Affen, nee, die verflixten Affen! Auf jedem Baum sitzt so'n Untier. Wie kann denn das ein vernünftiger Mensch aushalten! Ich glaube, hier fallen einem die Affen in die Suppe und in die Kaffeetasse wie zu Hause die Fliegen. Jemine, jemine, ist das greulich!«

Die Wiedersehensfreude der Eltern und Kinder aber war so groß, daß niemand sonderlich auf Linas Klage hörte.

»Wie geht es? Wie ist es gegangen?«

»Da ist das Haus. Ist es nicht schön? Mutti, Mutterli, komm und sieh die himmelblaue Stube an, sie ist so fein, so fein!«

Dietrich und Lieselinchen hingen an der Mutter Hals, Bubele und Babele wollten auch umarmt sein, der Vater wurde abgeküßt, Fabian grinste dazu, und sein Mund glich wieder einem Scheunentor. Der Urwaldjäger lachte, die Träger lachten, selbst Lina lächelte und sagte anerkennend: »Na, wenigstens is'n Haus da. Ich dachte schon, ich müßte in einem Erdloch wohnen!«

Bimbo hatte sich ängstlich ganz und gar in seinem Winkel verkrochen. Wirklich, das Geschrei war so, als ob doch ein Jaguar gekommen wäre. Auf einmal sah Bimbo aber etwas ganz Seltsames; er erblickte einen Affen, der ihm sehr, sehr ähnlich war, nur daß der ein silbernes Band um den Hals trug und eine rote Mütze aufhatte. Und dieser kleine Affe kletterte an den beiden blonden Menschenkindern in die Höhe, die streichelten ihn und taten, als wären sie die allerbesten Freunde miteinander. Sie nahmen ihn sogar mit hinein in das Haus, und bald darauf ertönten von drinnen laute, frohe Rufe. Die himmelblaue Stube wurde gezeigt, Bubele, Babele und Lina fanden sie über die Maßen schön, die Mutter aber lächelte wehmütig; sie dachte an ihr trauliches Haus in der Heimat. Ach, sie fühlte schon jetzt das Heimweh nach Deutschland.

»Fein, wirklich fein,« sagte Lina anerkennend, denn es gefiel ihr wirklich. Eilig lief sie durch alle Räume und rannte schließlich auf die Veranda hinaus. Plötzlich gellte von dorther ein lautes Angstgebrüll.

Die andern, die noch immer die himmelblaue Stube bewunderten, kamen erschrocken herbei, und der Jäger, der unten bei den Trägern geblieben war, stürzte die Treppe herauf. Was war geschehen?

Auf dem Boden saß Lina, heulend, händeringend, und ein Stücklein von ihr entfernt saß Bimbo. Niemand konnte entscheiden, wer ängstlicher dreinsah, der Affe oder das Mädchen.

»Da ist schon einer, da ist schon einer! Er hat mich hingeworfen, er hat mich hingeworfen!« schluchzte Lina.

»Ih nee, das kleine Ding,« sagte Fabian verächtlich und hob mit einem kräftigen Ruck Lina so geschwind hoch, daß diese auf einmal das Schreien vergaß.

Bimbo saß ganz verdattert da. Nein, waren die Menschen närrisch! Vorhin hatte er es doch selbst gesehen, wie der fremde Affe immer an den Menschenkindern emporgesprungen war; das darf man also, hatte er gedacht. Als daher Lina allein auf die Veranda gekommen war, hatte er versucht, ob er wohl schon springen könnte, aber o weh, war das eine Geschichte geworden! Gleich umgefallen war das Mädchen, plumps! da lag es, und er war vor Schreck nach der andern Seite hingepurzelt. Ach, und das fürchterliche Geschrei! Und nun kamen auch noch die andern Menschen herbei und schrieen auch so ungeheuer. Davon konnte es wirklich so einem kleinen, kranken Affenjungen schlimm werden! Bimbo schloß die Äuglein und fiel einfach ganz und gar um, er hielt dies für das Beste.

. »Der andere Joli sterbt,« schrie Babele, und Bubele echote: »Er sterbt, er sterbt!«

Die Kinder stürzten miteinander auf Bimbo los, aber der tat vor Angst, als ob er nun wirklich ganz tot wäre, und je mehr die Kinder klagten, desto fester schloß er seine unnützen Schelmenaugen.

»Der erholt sich schon wieder,« sagte der Urwaldjäger, und auch Fabian meinte, es sei am besten, den Kleinen in Ruhe zu lassen. So bekam Bimbo Ruhe und konnte wieder ungestört in dem Winkel liegen, nach dem nun Lina von Zeit zu Zeit einen scheuen Blick warf. Die Familie hatte auch wirklich mehr zu tun, als sich um einen kleinen, ausgerissenen Affen zu kümmern, man mußte sich doch aneinander freuen, mußte sich erzählen, was man in den vergangenen Wochen getan hatte.

»Hier bin ich überflüssig,« dachte der Jäger trübe und rüstete sich still, um unbemerkt davonzugehen. Aber kaum hatte er seinen Rucksack genommen und sein Gewehr über die Schulter gehängt, als Fabian ihn anschrie: »Wohin?«

»Dahin!« brüllte der Jäger zurück.

»Warum?« schrie Fabian.

»Darum!« knurrte der Jäger.

»Nee,« gebot Fabian, »bleiben!«

»Nee, gehen!« gab der Jäger patzig zur Antwort.

Die beiden schrieen sich in aller Freundschaft wieder mal so laut an, daß es Herr Hesse hörte. Der kam geschwind und bat den Jäger, der in seiner Abwesenheit so treulich seine Kinder mit behütet hatte, zu bleiben. Die Kinder kamen auch dazu und baten gar herzlich und zutraulich, und der Gast blieb; er blieb viel lieber, als sie alle es ahnten. Sein einsames Leben gefiel ihm gar nicht mehr recht, und als nach einem Weilchen Bubele zu ihm kam und gleich darauf Babele und beide ihn Onkel nannten, schmunzelte er und strich sacht über die Blondköpfe, das sollte heißen: »Hier gefällt es mir.«

Den andern gefiel es auch gut an diesem ersten Abend des Zusammenseins in der himmelblauen Stube des Urwaldhauses. Selbst die Mutter schaute fröhlich drein; sie hatte nun ihre Lieben beisammen, da schwieg das Heimweh nach dem deutschen Vaterland. Lächelnd ließ sie sich von Dietrich und Lieselinchen von den ersten Urwaldwochen erzählen. Das klang ganz heiter und vergnügt, und Lina, die andächtig zuhörte, sagte einmal befriedigt: »Nu, ich hab's mir schlimmer gedacht! Freilich, freilich, Affen könnten weniger sein, so'n Lumpengesindel brauchte es nicht zu geben. Aber, du meine Güte, wo ist denn unser Joli hin?«

»Ach, der liegt in der Ecke und schläft,« sagte Lieselinchen und schwatzte weiter, sie erzählte, wie Fabian die Stube angestrichen hatte. Die andern hörten heiter zu und vergaßen darüber Joli und die andern Affen, die im Urwald wohnten.

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