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Johannes Gutenberg. Zweiter Band

Henrich-Wilhelmi Hedwig: Johannes Gutenberg. Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
authorPaul Stein
titleJohannes Gutenberg. Zweiter Band
publisherFr. Wilh. Grunow
year1861
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20170811
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8.

Die Summe von einhundertundsechzig Gulden, die Heilmann und Dritzehn für ihre Theilnahme an dem zwischen Gutenberg und Riffe abgeschlossenen Geschäfte zahlten, half den Verhältnissen des Ersteren wenig auf. Er brauchte das Geld sehr nöthig für Anschaffungen und mußte seine Zeit nun hauptsächlich für diese Sache verwenden und dabei auch seinen Verpflichtungen als Lehrer im Steineschleifen und Spiegelmachen nachkommen. Für ihn selbst und seine geheimen Arbeiten blieben ihm nur noch die Nachtstunden, und er gönnte sich weder Schlaf noch Ruhe mehr. Die Heiligthumsbüchlein erforderten mehr Zeit und Geld, als er gedacht. Die kleine Presse war unzureichend; bald hatte er dies, bald jenes zu ändern und gar viele Versuche mißglückten. Alles ging daher viel langsamer, als seine Genossen erwartet, und er, um ihren Anforderungen möglichst treu nachzukommen, und da er seine geheimen Arbeiten nicht bei Seite legen wollte, strengte sich über seine Kräfte an. Das Grauen des Tages fand ihn noch wach und beschäftigt und kaum stieg die Sonne am Himmel auf, klopften schon die Genossen an seine Pforte und mahnten ihn wieder zur Arbeit.

Diese Ueberanstrengungen, verbunden mit dem moralischen Zwange, den er sich auferlegte, und dem Drucke seiner Verhältnisse, mußten seinen starken Körper erschüttern, und nachdem er sich einige Wochen mühsam aufrecht erhalten hatte, sank er schwer erkrankt darnieder – und Monate gingen dahin, bis er sein Lager wieder verlassen konnte. In diesen Tagen des Leidens war Lorenz sein bester Trost. Der treue Diener wich nur dann von seiner Seite, wenn er ihn wegschickte zur Bewachung seines Heiligthums. Lorenz pflegte ihn, wie ein liebender Sohn seinen Vater, und seine geheime Werkstätte hütete er mit Argusaugen. Er wußte, daß Anne noch immer an dem Gedanken hing, ein wichtiges Geheimniß liege dort verborgen, welches Gutenberg bei ihrem gewaltsamen Eindringen durch irgend ein Mittel zu Verbergen gewußt, – denn, da er nicht aufhörte, seine Nächte in der geheimen Kammer zuzubringen, glaubte sie auch nicht daran, daß er nur an dem Heiligthumsbüchlein arbeite; – und Lorenz war überzeugt, daß sie die Zeit seines Krankseins gerne benutzen würde, genauere Kenntniß sich darüber zu verschaffen. Auch Gutenberg mußte dies einfallen, denn oft sandte er Lorenz plötzlich hinweg, um nachzusehen, ob auch die Thüre seiner Werkstätte noch wohl verwahrt sei, und der treue Diener verwahrte und bewachte sie so gut, daß weder Anne noch irgend einer aus der Gesellschaft es wagen konnte, einzudringen.

Anne, deren Nähe Gutenberg peinigte, ließ sich durch Lorenz gerne der Krankenpflege überheben. Für die nöthigen Bedürfnisse des Kranken sorgte sie zwar, wie auch, daß Alles im Haushalt in gehöriger Ordnung blieb, doch sie sorgte nicht mit Liebe dafür, nur eben mit dem, ihr angebornen Sinn für häusliches Schalten und Walten, was sich, seit sie Gutenberg's Frau war, nirgends in liebenswürdiger Weise kund that. Hatte sie ihr Hauswesen geordnet und gesorgt, daß dem Kranken nichts Wesentliches gebrach, glaubte sie ihre Pflicht mehr als nöthig erfüllt zu haben. Häufiger als sonst ging sie nach Straßburg und kam oft erst spät am Abend zurück. Sie verkehrte viel mit Heilmann und Andreas Dritzehn und kam dadurch wieder in nähere Berührung mit Georg, dem jüngern Bruder des Letztern. Ihre frühere Neigung zu ihm erwachte wieder, und obgleich er sich inzwischen auch verheirathet hatte, gelang es ihr doch, eine gewisse Herrschaft über ihn auszuüben. Um sich diesen Vortheil zu sichern, knüpfte sie ein Freundschaftsband mit seinem Weibe. Ebenso wußte sie Andreas, durch hingeworfene Vermuthungen über ihres Mannes geheimes Schaffen, so für sich zu gewinnen, daß er in ihrem Umgange mit Georg nichts Arges sah, oder sehen wollte und selbst seinem ältern Bruder Klaus jeden Verdacht deshalb benahm.

Andreas wäre gar zu gerne in Gutenberg's Geheimniß eingedrungen. Er war ein unternehmender Mann, der schnell entschlossen riskirte, wo er einst zu gewinnen hoffte. Was ihn Gutenberg bisher gelehrt, war er gewiß, daß es mit der Zeit sehr einträglich werden würde – um wie viel besser mußte also das sein, was jener so geheim hielt. – Anne überzeugt, daß es jedenfalls vortheilhafter wäre, wenn alle Künste ihres Mannes in praktischere Hände als die seinen kämen, machte Dritzehn immer begieriger darauf und schürte auch in's Geheim an Heilmann und Riffe; allein so gerne sie Alle in Gutenberg's geheimes Schaffen eingedrungen wären, wagten sie es doch nicht, während seiner Krankheit irgend einen Schritt ohne seine Zustimmung zu thun, – dazu gebrach ihnen der nöthige Muth; dafür hatte Gutenberg's ernste Gestalt zu viel Respekt in ihnen erweckt. Anne allein hätte vielleicht nicht gezaudert, die geheime Kammer abermals zu betreten, wenn sie Lorenz getraut; allein er hielt zu treue Wache, und so oft sie auch vor der verschlossenen Thüre stand – sie zu öffnen, wagte sie nicht.

Mit Gutenberg's Genesung ging es nur langsam vorwärts, und selbst als er wieder sein Lager verlassen konnte, fühlte er sich noch längere Zeit zu schwach zur Arbeit. Dies war schwer, fast unerträglich für ihn. Er konnte nun nicht einmal seinen Verpflichtungen gegen die Genossen nachkommen. Die Aachener Wallfahrtsmesse rückte näher, und erst eine kleine Anzahl Büchlein war fertig, – das Unternehmen mußte um ein Jahr aufgeschoben werden. Welch ein Zeit- und Geld-Verlust war dies! Und das Schlimmste für ihn war die abermalige Verzögerung des höchsten Verlangens seiner Seele.

Die Geschäftsgenossen äußerten ihre Verstimmung über die verfehlte Speculation und beklagten ihren Geldverlust und verlangten eine Schadloshaltung von Gutenberg. Dieser noch geschwächt von der langen Krankheit und voll Unlust über sich selbst und am tiefsten alle Nachtheile empfindend, gab endlich ihrem Drängen nach, sie in seine geheime Kammer zu führen und sie die Künste zu lehren, die er dort treibe. Er versicherte sie zwar, daß er sie nichts weiter lehren könne, als die Heiligthumsbüchlein zu drucken mit Hilfe einer Presse statt eines Reibers, wie es bisher die Briefdrucker gemacht, – daß allerdings große Vortheile dadurch zu erreichen seien, allein um es nur zu einer gewissen Vollkommenheit zu bringen, noch viel Zeit, Geld, Geduld und Ausdauer nöthig wären.

Dieser Ausspruch jedoch schreckte seine Genossen nicht zurück. Was ihm so viele Zeit, Geld und Mühe schon gekostet, mußte reichen Gewinn versprechen, dachten sie und folgten ihm in größter Spannung an den noch nie von ihnen betretenen Ort.

Seine Hand zitterte, als er die Thüre der geheimen Arbeitsstätte aufschloß; doch ruhig zeigte er ihnen die kleine Presse und setzte ihnen den Vortheil auseinander: wie durch sie leicht und schnell die Holztafeln abzudrucken wären. Mit Erstaunen sahen sie die Mechanik der Sache und ihre Vortheile ein. Durch die leichte Art des Abdruckes vermittelst einer Presse konnte man ja in kurzer Frist alle Briefdrucker überflügeln und Heiligenbilder und kleine Büchlein in Menge in die Welt senden.

Wie es häufig zu geschehen pflegt, der Vortheil der Sache leuchtete ihnen schneller ein, als die Schwierigkeiten derselben, und jetzt erst bestanden sie fest darauf, auch den Druck zu erlernen, und dieses Geschäft gemeinschaftlich mit Gutenberg zu betreiben, überhaupt fortan in allen seinen Künsten gemeinschaftliche Sache mit ihm zu machen. Er sei es ihnen schuldig, wegen der verfehlten Speculation mit der Messe zu Aachen, behaupteten sie – und Gutenberg gab dies bedingungsweise zu. Er wolle sie im Drucken unterweisen, sie Steine schleifen und Spiegel machen lehren, versprach er, doch sollten ihm dafür Dritzehn und Heilmann noch zweihundertundfünfzig Gulden zahlen, – jeder fünfzig Gulden gleich und das Uebrige in Terminen. Nach kurzem Bedenken gingen sie es ein und Heilmann zahlte seine fünfzig Gulden alsobald – Dritzehn dagegen nur vierzig und wollte erst weitere Zuschüsse geben, wenn eine größere und entsprechendere Presse gemacht, und diese in seinem Hause aufgestellt worden sei. Dorthin solle, beharrte er, die Hauptdruckerei kommen, da es so zu ihrem allseitigen Vortheil nöthig wäre. Ungern verstand sich Gutenberg auch dazu, allein er sah ein, daß er, nun einmal an sie gebunden und ihnen schon so viel vertraut habe, ohne ihre Hülfe nicht leicht mehr weiter voran kommen könne. Was er bis jetzt als Erwerb betrieben, hatte er sie bereits so weit gelehrt, daß sie bei ihren günstigeren Vermögensverhältnissen ihm diese nothwendige Sache so erschweren konnten, es ihm unmöglich zu machen, ferner davon zu leben, und damit waren auch seine andern Pläne vernichtet. Drum besser, er gab, neue Mittel zu gewinnen, einen Theil seines Wissens dafür hin, den Theil, der ihn ja doch nicht befriedigte, für sie aber ausreichte, da ihnen der pecuniäre Gewinn als das Höchste galt. Sie konnten, was sie einsetzten, einst verdoppeln, vielleicht verzehnfachen, wenn sie Geld, Geduld und Ausdauer hatten, und er konnte mit dem Gelde, das sie ihm als Lehrherrn boten, wieder mehr für die Arbeiten verwenden, welche ihm über Alles gingen.

Nach kurzer Zeit kam ein Vertrag zwischen ihm und seinen Genossen zu Stande, der nebst verschiedenen Bedingungen ihre Verbindung auf fünf Jahre festsetzte.

Er gab ihnen damit die Arbeit und Forschung vieler mühsamer Jahre hin – aber das Große, was seine Seele bewegte, offenbarte er ihnen nicht – und sie hätten es auch nicht verstanden, wenigstens nicht, wie es ihn durchdrang, wie er es bis jetzt nur an eine Menschenseele wieder hingegeben – an die Katharina's. Nicht Kuno's heller Geist, nicht Angela's strahlendes Auge, nicht Antonio's praktischer Sinn waren tiefer in sein inneres Leben eingedrungen. Sie erkannten wohl, daß etwas Höheres in ihm verborgen liege, zweifelten aber, ob er den rechten Weg finden würde, seine Ideen zu verkörpern. Die bleiche Marianne und seiner Mutter ahnende Liebe hatten es besser erkannt – doch Katharina allein ihn ganz verstanden, ohne viele Worte ihn verstanden, weil ihr frommer Sinn sie eine höhere Bestimmung darin erkennen ließ, und ihr Herz ihm grenzenlos vertraute.

An die berechnende Speculation seine großen Gedanken hinzugeben, war ihm noch eine Unmöglichkeit, und so sorgsam wie bisher Alles, was damit in Verbindung gestanden, verwahrte er jetzt die kleinen Typen, die er in einsamen Stunden der Nacht mühsam verfertigte. Sie die kleinen, unscheinbaren Chiffern verkündeten ja klarer als Alles, was er bisher gethan, die große Idee, die er erst in verkörperter Vollendung der Welt übergeben wollte.

Andreas Dritzehn, der den größten Eifer unter den Genossen Gutenberg's zeigte, brachte einen geschickten Dreher Namens Sahspach nach St. Arkobast, damit dieser eine vollkommenere Presse nach Gutenberg's Angabe verfertigen sollte. Der Handwerksmann mußte feierlichst Schweigen geloben, worauf er so weit, als es zum richtigen Verständnis dessen, was er liefern sollte, nöthig war, von der Sache unterrichtet wurde. Sahspach war nicht nur ein geschickter, sondern auch ein redlicher Mann und kam seinem Auftrage zur vollen Zufriedenheit Gutenberg's nach. Die Presse wurde nach kurzer Zeit von Sahspach in Dritzehn's Haus gebracht und dort in einer abgelegenen Stube aufgestellt. Andreas, der trotz seines Eifers und seiner Unternehmungslust, sich doch auch gerne möglichste Sicherheit für das, was er einsetzte, verschaffte, fühlte sich sehr befriedigt, als die ersten Druckversuche in seinem Hause gemacht wurden und wollte Gutenberg von da an veranlassen, alle seine Geschäfte, so viel als nur möglich, in die Stadt zu verlegen. Gutenberg ging scheinbar darauf ein, doch nur dasjenige was zu den Heiligthumsbüchlein, oder vielmehr zum Tafeldruck gehörte, wanderte in Dritzehn's Haus, wo er den größten Theil des Tages arbeitete. Sobald er nach St. Arkobast zurückkehrte, schloß er sich wie früher in seine Kammer ein und verfertigte Typen aus Holz, später auch aus Blei und erprobte sie in seiner kleinen Presse. Doch diese nur leicht und unvollständig zusammengefügt, brach bald zusammen und er mußte ungestörte Stunden in Dritzehn's Haus abwarten, um dort s eine geheimen Versuche vermittelst der bessern Presse zu machen. Tage- und wochenlang trug er oft die Typen mit sich herum, bis er endlich Gelegenheit fand, sie unter der Presse zu erproben – und ach, wie oft mißglückten diese Proben. Die kleinen Buchstaben wollten nicht fest zusammenhalten und zerbrochen bei dem Drucke der Presse immer wieder. Er schnitzelte andere, immer wieder andere – versuchte es endlich mit Blei – aber das zeigte sich noch weniger haltbar als Holz.

Welche Geduld, welche Ausdauer, welch hoher Sinn und Muth gehörte nicht dazu, in dieser mühsamen und ermüdenden Arbeit fortzufahren, besonders in einer Zeit, wo die Gemeinschaft mit Anderen ihm die Aussicht auf baldige, einträgliche Geschäfte eröffnete. Freilich ging es auch damit nicht so rasch, als Dritzehn gehofft, – doch hätte Gutenberg alle seine Kräfte daraus verwendet, wäre vielleicht schnellerer Erfolg gekommen. So blieb der Erwerb ihm aber eine Last, die ihn schwer drückte, – und so viele Zeit er auch dafür verwandte, seine Gedanken waren nicht so dabei, wie es wohl hätte sein müssen, um der Hände Arbeit schnellen Gewinn zu sichern.

Da nun die Heiligthumsbüchlein viel mehr Kosten- und Zeitaufwand erforderten, als man anfänglich geglaubt, legten sich Dritzehn und Heilmann wieder mehr aus die ergiebigeren Künste des Steineschleifens und Spiegelpolirens und Hans Riffe, der überhaupt um die Arbeiten selbst sich wenig bekümmerte, kam immer seltener nach Straßburg. Dadurch gewann Gutenberg wieder mehr ungestörte Zeit und konnte jetzt häufiger Versuche mit den Typen unter der Presse machen und, durch Erfahrung belehrt, manches daran verbessern. So bohrte er in die kleinen Klötzchen Löcher ein, um mit Bindfaden sie fest an einander zu ketten; und es gelang ihm eines Tages, auf diese Weise eine etwas leserlichere Schrift zu Stande zu bringen.

Morgen wollte er weitere Versuche machen und ganze Seiten zusammensetzen und abdrucken, und umschloß deshalb die zusammengepreßten Typen mit festen Stäben und legte sie unter die Presse. Die Holztafeln und Metallplatten lagen daneben – sie waren ja längst den Genossen keine geheime Sache mehr. Doch auch die Typen ließ er heute da, als er nach St. Arkobast zurückkehrte, – er sparte sich so für Morgen eine mühsame Arbeit. Andreas war krank und konnte nicht in die Arbeitsstube gehen und war zu mißtrauisch, als daß er einen der Andern, außer Gutenberg, allein eintreten ließ. Dieser übergab ihm deswegen auch heute ohne alle Besorgniß den Schlüssel, wie er immer zu thun pflegte, ehe er weg ging.

Nachdenkend über dieses und jenes, was noch anders werden müßte, erreichte er seine einsame Behausung und wollte eben zu einigen Stunden Arbeit sich noch in seine Werkstätte begeben, als Heilmann athemlos in St. Arkobast ankam und die Schreckenskunde mitbrachte: Andreas Dritzehn sei eben eines unerwarteten, plötzlichen Todes verblichen, und hinzusetzte, daß bereits seine Angehörigen sich um seine Leiche versammelt hätten, damit ihnen ja nichts von dem Erbe entgehe, und daß sie ohne Zweifel gesonnen seien, Hand an Alles zu legen, – auch an die Werkstätte, die Presse und Alles, was sich dort befinde. Klaus und Georg, die Brüder des Todten, seien längst angehalten über das viele Geld, das Andreas für die Drucksache verwendet habe, und würden gewiß jetzt Ansprüche an die Gesellschaft machen. Gutenberg war unter Heilmann's Worten immer bleicher geworden, und voll Schrecken rief er aus:

»Andreas todt – und sie die Erben in der Kammer – an der Presse – nimmer, nimmermehr darf das geschehen – ich will fort sie daran verhindern.«

»Das wäre das Schlimmste, was Ihr thun könntet,« fiel Heilmann ein. »Da würden sie erst Wunder glauben, was Alles zu finden wäre, und Euch gewiß nicht die Kammer öffnen. Nein, laßt uns erst überlegen – es hat ja noch Zeit –«

»Zeit? Nein, es hat keine Zeit,« unterbrach ihn Gutenberg außer sich. »Was wißt Ihr davon, welch ein Gut in der Presse liegt – mein Alles – mein Geheimniß – die Arbeit meines ganzen Lebens!«

Er sank in einen Stuhl und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen.

»Was sagte er?« murmelte Anne mit einem scharfen Blicke auf ihn. »Sein Geheimniß – die Arbeit seines ganzen Lebens? – Da ist keine Zeit zu verlieren.« Und sie entfernte sich eilends.

Weder Gutenberg noch Heilmann fiel Annen's Entfernung auf, und auch Lorenz schüttelte nur leicht den Kopf darüber. Gutenberg, noch außer Fassung, sprang wieder auf und durchschritt in höchster Unruhe das Zimmer, während er durch die Zähne murmelte:

»Sie werden voll Neugierde die Presse aufmachen und Alles auseinander nehmen, die zusammengesetzten Buchstaben entdecken, ihre Bedeutung erkennen – und profane Hände werden mein höchstes Gut, mein großes Geisteskind als eine unreife Geburt, verunstaltet in die Welt senden.«

»Was ist Euch, Gutenberg?« sprach Heilmann verwundert, als er den sonst so ruhigen, ernsten Mann in solcher Aufregung sah. Doch Gutenberg gab ihm keine Antwort, er hörte ihn nicht, – dachte nur an die eine fürchterliche Möglichkeit: wie sie über die Presse herfielen, die beweglichen Lettern entdeckten, dann sie genauer prüften – und dann – es schwindelte ihm und taumelnd faßte er die Lehne eines Stuhles.

Lorenz, der am besten begriff, um was es sich handle, trat zu ihm und sagte:

»Mein guter Herr, faßt Euch! Es wird so schlimm nicht werden, als Ihr fürchtet. Schickt mich in die Stadt. Noch wissen sie ja nicht, daß Euch Kunde von Andreas' Tod geworden, und ich will thun, als erfahre ich es erst bei meinem Eintritt in sein Haus, und will ihnen sagen, Ihr hättet etwas in der Arbeitsstube liegen lassen, dessen Ihr heute noch bedürftet. Sie wissen ja Alle, daß Ihr viel in der Nacht arbeitet, und werden es drum auch glauben und mir nicht wehren, unter ihren Augen in die Kammer zu gehen. Bin ich dann einmal drin, Herr, werd' ich schon wissen, was zu thun ist.«

»Ja, geh', Lorenz, – doch gehe zu Klaus,« erwiderte Gutenberg etwas ruhiger; »er ist der vernünftigste von ihnen, und sage ihm, nicht daß ich etwas vergessen und nicht wisse, daß der Andreas gestorben, nein, sage ihm, daß ich das Unglück erfahren und ihn bitten lasse, er solle mit dir in die Stube gehen und die Schrauben der Presse öffnen, denn wenn ein Fremder es thue und unser Schaffen kennen lerne, sei dies zu unserem großen Nachtheile und auch zum Nachtheil der Erben des Andreas. Was er unter der Presse finde, soll er herausnehmen, es auseinander legen, daß es zerfalle. Gieb wohl Acht, Lorenz, und raffe dann schnell die einzelnen Theile zusammen und bringe sie mir – oder duldet er das nicht, soll er sie gut verwahren, damit Niemand sie sieht. Wenn der Todte bestattet sei, sag' ihm, wolle ich Rücksprache mit ihm nehmen.«

»Ich bringe Euch die Formen; sind sie nur erst in meiner Hand, entreißt sie mir Niemand mehr,« versicherte Lorenz und schickte sich an, wegzugehen. Doch Heilmann bat ihn, noch ein wenig zu verweilen, dann gehe er mit ihm; er verabredete noch mit Gutenberg, daß man auch die Presse vor jedem unberufenen Auge sicher stellen und zu diesem Zwecke Sahspach zu des Verstorbenen Bruder senden solle, um diesen zu bestimmen, die Presse auseinander nehmen zu lassen, damit Niemand erkenne, welchem Zwecke sie gedient habe; er selbst könne sich ja später von dem, was ihn zu wissen verlange, Aufklärung bei Gutenberg verschaffen, eine weitverbreitete Kenntniß der Sache wäre nur von Schaden für die Genossenschaft sowohl, als seine etwaigen Erbansprüche.

Nach dieser Uebereinkunft schieden sie und Gutenberg blieb allein in dem großen, einsamen Hause zurück. Auch Anne zeigte sich nicht mehr; doch sie entbehrte er am wenigsten, – in dieser Stunde wäre sie ihm die unwillkommenste Gesellschaft gewesen. Von namenloser Unruhe gequält, war es ihm nicht möglich, sich niederzulegen. Bald ging er mit hastigen Schritten umher, bald sank er, erschöpft von Zweifel und Ungewißheit, in einen Stuhl – dann sprang er wieder auf und lauschte, ob Lorenz noch nicht nahe, und dieser konnte doch erst nach mehreren Stunden zurückkehren. Wie langsam, wie schleichend ging ihm eine Viertelstunde nach der andern hin – und Stunde auf Stunde verrann und Lorenz kehrte noch immer nicht wieder. Er trat an das Fenster und starrte in die Dunkelheit hinaus, als müsse er sie durchdringen und er könne seinen Diener herbeisehen. Es dämmerte, da war es ihm, als husche eine Gestalt zum Thore herein. Sein Auge folgte gierig dem Schatten, der sich lautlos an der Mauer hinbewegte. Konnte das denn Lorenz sein? Er riß das Fenster auf und rief seinen Namen. Keine Antwort erfolgte und der Schatten verschwand hinter einer Ecke des Hauses. Hatte denn das Verlangen, Lorenz zu entdecken, seinem Auge ein täuschendes Phantom vorgeführt? – Es mußte wohl so sein, denn er vernahm keinen Laut mehr, und Lorenz kehrte erst bei hellem Tage zurück. Doch schlich auch er lautlos, als fürchte er gesehen zu werden, zum Thore herein. Sein Gang, sein Gesicht verkündeten nichts Gutes. Gutenberg eilte ihm hastig entgegen, doch Lorenz vermochte nicht zu sprechen, als er seines Herrn verstörte Miene sah.

»Rede, sprich! Er ließ dich nicht in die Kammer?« fragte Gutenberg tonlos.

»Doch, Herr,« stotterte Lorenz. »Der Klaus war guten Sinnes. Er hatte nichts dagegen.«

»Nun, und du –?«

»Ich? Ich war froh darob und mahnte den Klaus zur Eile, da – «

»Da –?«

»Fand er den Schlüssel nicht – und erst, als nach einigen Stunden Georg dazu kam, entdeckte dieser ihn unter dem Kopfkissen des Todten.«

»So gut hatte Andreas ihn verwahrt!« rief Gutenberg erleichtert und fuhr dann hastig fort: »Ihr ginget also in die Kammer, an die Presse, Kaus öffnete die Schrauben –«

»Nein, Herr, das ist ja das Unbegreifliche, das Schlimme – die Schrauben waren aufgedreht –

»Die Schrauben aufgedreht?« rief Gutenberg bebend und faßte den Diener hart an der Schulter, ließ ihn aber sogleich wieder los und fragte in höchster Spannung: »Und was saht, was fandet ihr –?«

»Nichts, Herr, nichts. Alles war fort.«

»Alles war fort?« wiederholte Gutenberg, als habe er nicht recht verstanden.

»Ja, Herr, gar nichts fanden wir, als die Presse, einige Metall- und Holzplatten, Material und gemachtes Werk. Die Presse hat nun Sahspach auseinander gelegt,« setzte er schnell hinzu, als er Gutenberg's Entsetzen gewahrte. »Niemand sieht mehr, zu was sie gedient.«

Doch Gutenberg hörte nicht darauf. Einen Augenblick stand er wie vernichtet, dann rief er:

»Das ist ja aber nicht möglich, Lorenz. Ich selbst – ich selbst legte die Buchstaben in die Form nebeneinander und unter die Presse und übergab Andreas den Schlüssel. Er starb gleich nach meinem Weggehen und den Schlüssel fandet ihr unter seinem Haupte. Wie konnte denn da ein Dieb in die Kammer gelangen – in einem Haufe, wo man bei einem eben erst Gestorbenen wachte?«

»Ja, Herr, es ist unbegreiflich; und zudem fanden wir die Stube fest verschlossen«

»Dein Auge war geblendet, Lorenz, – deiner Hand fehlte der Tastsinn. So wird es gewesen sein, – es ist nicht anders möglich. Ich will selbst hin, mich erst überzeugen, ehe ich glaube – das Entsetzliche glaube – sie verloren gebe, die Arbeit meiner Nächte – und ach, die Arbeit, die so augenscheinlich von dem schöpferischen Gedanken zeugt! Nein – nein – sie darf nicht verloren sein! Komm, Lorenz, komm schnell, schnell nach Straßburg!« Er nahm Barett und Mantelrock und eilte, von Lorenz begleitet, davon.

Aus einem entlegenen Fenster des Hauses beobachtete Annen's Blick die Davoneilenden, indem sie vor sich hinsprach:

»Es ist gut, daß sie gehen, um so weniger denken sie über meine Entfernung und mein Wiederkommen nach. Das Eine ist dem Lorenz doch nicht entgangen und das Andere bemerkte er, obgleich ich nicht glaube, daß er mich erkannte. Ja, eilt nur, was ihr könnt l« rief sie laut hinaus, als Lorenz und Gutenberg hinter dem Ulrichshügel verschwanden. »Zu spät kommt ihr doch, dafür habe ich gesorgt, Johann; nicht du sollst es, ich, ich will jetzt Gewinn aus deiner Arbeit ziehen.«

Damit ging sie in ihre Behausung und schaltete darin, wie an jedem Tage, nur daß sie, als Gutenberg zurückkehrte, freundlicher als sonst gegen ihn, war und Lorenz ein besseres Gericht, als gewöhnlich, vorsetzte. Gutenberg zog sich jedoch sogleich in seine Werkstätte zurück, ohne ein Wort mit ihr zu wechseln. Was Lorenz ihm mitgetheilt, hatte er bestätigt gefunden, und Trost konnte er allein bei sich selbst und in seiner Arbeit finden. Lorenz, den Anne ausforschen wollte über das, was ihr Mann mit den Dritzehn vorgehabt, stand ihr nicht viel Rede und warf einen recht bösen Blick auf sie, als er sagte:

»Fragt den Georg um diese Sache, der kann es Euch am besten sagen; – seht Ihr ihn doch jedesmal, Frau Gutenbergin, so oft Ihr nach Straßburg kommt.«

»Wer sagt das?« fuhr sie erbost auf. »Und wenn's wäre, was ging's dich an, Lorenz? Ich kann thun, was ich will.«

»Mag's Euch bekommen, wie Ihr's verdient!« brummte er, verließ sie und ging in sein kleines Kämmerlein und dachte über dies und jenes nach, was gerade nicht zu ihrem Vortheil war.

Von da an beobachtete er sie schärfer als bisher und ging ihr auf Schritt und Tritt nach, wo es nur immer geschehen konnte. Selbst ihre Gänge in die Stadt verfolgte er und forschte, was sie so oft dort zu thun habe. Da entdeckte er denn, daß sie noch außer in Georg Dritzehn's Haus in ein anderes gehe und besonders zur Abendzeit; in das Haus einer Verwandten Georg's, einer kinderlosen Witwe, die nicht in besonders gutem Rufe stand, und daß ihr Georg, meistens aber in Begleitung eines jungen Mannes, dahin nachfolgte. Wäre Georg allein gewesen, hätte Lorenz sie eben der Untreue an ihrem Manne beschuldigt, da dieser aber, mit wenig Ausnahmen, einen Begleiter hatte, mußte noch etwas Anderes hinter diesen Zusammenkünften stecken, und Lorenz nahm sich vor, um jeden Preis der Sache auf die rechte Spur zu kommen.

Als Anne eines Tages sich wieder anschickte, in die Stadt zu gehen, wußte er es einzurichten, daß er unbemerkt ihr zuvorkam und in der Nähe des ihm verdächtigen Hauses sich aufhielt, bis es zu dunkeln begann. Noch war Anne nicht gekommen, als eine Magd aus dem Hause trat, um Wasser zu schöpfen; er benützte diesen Umstand und schlüpfte unbemerkt durch die Thüre und stieg eilends eine Treppe hinauf, die in das erste Stockwerk führte. Dort hatte er wie immer, wenn Anne da war, ein Licht bemerkt, das durch die Ritzen eines Ladens schimmerte. Sein scharfes Auge, dem der Tastsinn zu Hilfe kam, erkundete bald die Lokalität der Hausflur, aus der er anlangte, und zeigte ihm einen Versteck hinter einem großen Schranke, den er sogleich einnahm. Dort harrte er, auf die Gefahr hin, als ein Dieb angehalten zu werden, geduldig der Dinge, die da kommen würden.

Und siehe, nach kurzer Frist sprang Anne mit sicherem Tritte die enge Treppe heraus und öffnete, ohne anzuklopfen, eine Thüre, dem Verstecke Lorenz' schräg gegenüber. Eine Stube wurde vorübergehend sichtbar, in der aus einem großen, viereckigen Tische ein Licht brannte. Doch sonst konnte der Lauscher nichts erspähen. Bald darauf wurde leise an die Hausthüre gepocht, sie geöffnet und wieder verschlossen, worauf männliche Tritte sich nahten; abermals ging die Thüre Lorenz gegenüber auf, und zwei Männer traten, von Anne freudig begrüßt, in die Stube. In dem Einen erkannte Lorenz Georg, den Anderen sah er nicht deutlich, doch schien es ihm Georg's gewöhnlicher Begleiter zu sein. Ein lautes Gespräch entwickelte sich immer lebhafter in der Stube, doch Lorenz vermochte nur einzelne Worte deutlich zu verstehen und strengte vergebens sein Gehör an, einen Zusammenhang hineinzubringen. Da riß endlich seine Geduld, und sich kecken Muth fassend, sprach er zu sich selbst:

Lorenz, was du angefangen, mußt du auch zu Ende führen, und da du dich vor den Dreien da drinnen nicht zu fürchten brauchst, denn nicht du, sondern sie haben ein böses Gewissen, tritt als Richter und Rächer zu ihnen.«

Damit ging er rasch auf die Thüre zu, öffnete sie mit kräftigem Drucke und stand mitten in der Stube, zum größten Schrecken der Anwesenden. Anne saß in vertraulicher Stellung neben Georg – ihnen gegenüber ein junger Mann und aus dem Tische, der sie schied, lagen allerlei Gegenstände umher, die Lorenz sogleich, als seinem Herrn gehörend, erkannte. Nach einem Blicke darauf wurde es Lorenz plötzlich klar, daß Anne mit Hilfe Georg's die von Gutenberg schmerzlich vermißten Gegenstände aus der Presse entwendet habe. Sie war ihm nach Straßburg vorausgeeilt und war mit Georg in der Kammer gewesen, während Klaus vergebens den Schlüssel zu derselben suchte, den Georg bereits besaß und den er angeblich unter dem Kopfkissen des Todten gefunden haben wollte. Es blieb Lorenz darüber kein Zweifel mehr, und ehe noch die Erschrockenen zur Besinnung kamen, schlug er mit derbem Schlage auf den Tisch und rief voll Ingrimm:

»Ihr Diebe, Ihr schlechtes Gesindel! So, habe ich Euch endlich erwischt, Frau Gutenbergin, bei dem Liebsten, mit dessen Hilfe Ihr Euern Eheherrn beraubt und beträgt? Aber das soll Euch nicht geschenkt sein, so wahr mir Gott in allen meinen Nöthen helfen möge. He, holla, ihr Leute, ihr ehrlichen Nachbarn, zu Hilfe! – Wohnt denn keine einzige redliche Seele in dieser vermaledeiten Spitzbubenhöhle?«

»Was? Mein Haus eine Spitzbubenhöhle?« kreischte die Stimme eines Weibes, die aus einer Nebenstube hervorstürzte. »Wer ist der Strolch, der Nichtsnutz, der so etwas redet? Warum werft ihr ihn nicht die Stiege hinunter, daß er das Genick bricht und ihm Hören und Sehen vergeht?«

Georg sprang auf, Lorenz zu packen; doch schon war dieser am Fenster, es aufzureißen und um Hilfe zu rufen.

»Lorenz, um Gotteswillen, schweig – komme doch zur Vernunft!« flehte Anne. »Und du, Georg, keine Gewaltthätigkeit! Es gäbe Lärmen, Auslauf in der Gasse, Stadtscandal und Gott weiß, was noch Alles.«

Georg, der Lorenz gepackt hatte, kam bei diesen Worten zu einiger Ueberlegung und bat mit Anne den Ergrimmten, sie erst ruhig anzuhören, ehe er weiteren Lärmen mache.

»Die Nachbarn strecken schon die Köpfe zu den Fenstern heraus,« rannte der junge Mann, der bisher ganz ruhig geblieben war und wie in Verlegenheit mit den Sachen, die auf dem Tische umherlagen, gespielt hatte, der Hausfrau zu, die mit aufgestützten Armen sich an den Tisch postirt hatte und sich nun alsbald wieder in den Streit mischte.

»Das fehlte mir noch, Scandal in meinem ehrlichen Hause! Nein, Georg, so gern ich dir auch zu Willen bin und auch Euch, Frau Gutenbergin –, so weit gebt doch meine Gefälligkeit nicht. Macht die Sache im Guten aus – ich will nichts damit zu thun haben.«

Lorenz, dem inzwischen eingefallen war, daß eine öffentliche Beschimpfung seines Weibes Gutenberg höchst ungelegen kommen könnte, indem dabei das Wichtigste war, was leicht mehr, als er wünschte, von seinen geheimen Arbeiten bekannt werden würde, da jedenfalls bei einem Processe die Gegenstände des Raubes einer weiteren Untersuchung ausgesetzt waren, zeigte sich zu einem Abkommen in Güte geneigt, doch hielt er fest an zwei Bedingungen.

Erstens: Anne solle künftighin nicht mehr in St. Arkobast wohnen, sich über ihren Lebensunterhalt mit ihrem Manne gütlich verständigen, und wolle dieser eine gerichtliche Trennung vorziehen, dieser nichts entgegenstellen. Zweitens: solle ihm sofort Alles ausgeliefert werden, was sie Gutenberg entwendet.

»Hier ist es,« sprach sogleich der Mann, der sich inzwischen damit beschäftiget hatte, zu Lorenz, indem er die umherliegenden Gegenstände, Formen und einzelne Lettern zusammenraffte und in ein Tuch band.

Lorenz griff gierig darnach. Er hatte nicht bemerkt, daß ein großer Theil der geschnitzelten Buchstaben während seiner Unterhandlung mit Anne und Georg in die Tasche jenes Mannes gewandert war. Anne wollte nicht gleich auf die an sie gestellten Bedingungen eingehen, als jedoch Lorenz ihr und Georg drohte, eine Anklage sowohl bei dem Rathe der Stadt, als dem geistlichen Gerichte zu erheben, fand sie es klüger, nachzugehen, und hoffte im Stillen von dem friedfertigen Sinne Gutenberg's das Beste für sich.

Sehr befriedigt durch seine Thaten schritt der treue Diener St. Arkobast zu und überbrachte mit einer Thräne der Freude das Bündel seinem Herrn. Doch Gutenberg's anfängliches Entzücken darüber wurde bald gedämpft, als er die fehlenden Typen vermißte, deren ganzer Ersatz ihm am meisten am Herzen lag.

»Waren sie verschleudert worden, die kleinen, unansehnlichen Dinger – oder in eine Hand gerathen, die sie festhielt, – ihre Bedeutung erkannte?«

Eine namenlose Unruhe bemächtigte sich seiner und ließ ihn wenig auf das achten, was ihm Lorenz von seinem Weibe berichtete. Am andern Tage, mußte er ihn erst wieder daran erinnern, ein schriftliches Abkommen mit Anne aufzusetzen, das ihn von ihrer Gegenwart befreite und ihren Lebensunterhalt, so weit es Gutenberg möglich war, sicherte. Weiter wollte er es nicht treiben, und Anne gab sich vorerst damit zufrieden. Sie blieb bei der Verwandten Georg's, doch Zank und Streit trennten sie bald wieder und sie lebte von da an allein für sich. Georg besuchte sie noch einige Zeit, zog sich aber dann von ihr zurück, theils weil sie ihm lästig wurde, theils auch, weil er mit seinem Bruder Klaus die Absicht hatte, an Stelle ihres verstorbenen Bruders den Geschäften Gutenberg's sich anzuschließen.

Dieser jedoch ging nicht darauf ein und forderte, von ihnen die Presse, wie auch alles vorhandene Material und die gemachten Sachen zurück, was sie ihm seither unter dem Vorwande der Erbschaftsausgleichung vorenthalten hatten. Die Brüder Dritzehn, erboßt darüber, daß er ihnen keinen Antheil gönnen wollte, verklagten ihn bei dem hohen Rathe der Stadt und verlangten, daß er ihnen das von dem Verstorbenen vorgeschossene Geld zurückgeben solle, sowie auch die Gelder, wofür Andreas sich verbürgt, als Gutenberg Material, Blei und dergleichen gebraucht habe, und was der Verstorbene später hätte bezahlen müssen. Gutenberg dagegen behauptete, daß das Letztere unwahr sei, und da sie keine hinreichenden Beweise dafür hatten, zerfiel die Klage in sich selbst. Gegen die andere Klage brachte er einen versiegelten Brief, der die Bedingungen ihrer Verbindung enthielt. Sie lauteten, daß wenn einer der Genossen während der fünfjährigen Dauer ihrer Gesellschaft mit Tod abgehen würde, alles Geschirr und gemachte Werk den Ueberlebenden zugehören solle, und die Erben des Verstorbenen erst nach Ablauf dieser Zeit Ansprüche auf hundert Gulden machen könnten. Nun habe aber Andreas erst vierzig Gulden von einhundert und fünfundzwanzig, die er zu zahlen gehabt, entrichtet, sei also noch mit fünfundachtzig im Rückstand, weshalb ihm von Allem, was sich in der Gesellschaft vorfinde, nichts zukomme, als fünfzehn Gulden. Damit und mit den fünfundachtzig Gulden, welche nicht bezahlt worden, seien die bedungenen hundert Gulden entrichtet. Nachdem Gutenberg, Heilmann und Riffe die Wahrheit von diesem Allen beschworen, wurde den Klägern aller Anspruch an die Genossenschaft des Verstorbenen bis auf fünfzehn Gulden abgesprochen Als merkwürdiges Denkmal der alten Abfassung solcher Rechtserkenntnisse findet sich dieses berühmte Aktenstück in seiner ganzen Ausdehnung in Johann Wetter's Geschichte der Buchdruckerkunst, S. 68 - 72., und Gutenberg kam wieder in den Besitz der Presse und alles dessen, was sich in der Werkstätte in Dritzehn's Hause vorfand.

Er arbeitete seitdem nur noch in St. Arkobast, da aber weder Hans Riffe, noch Heilmann mehr Geld zuschießen wollten, zerschlug sich die Spekulation mit der Wallfahrtsmesse gänzlich. Ueberhaupt verloren seit dem Tode des thätigen und unternehmenden Andreas Dritzehn die beiden Anderen den Muth, und nur noch ein loses Band hielt sie fortan mit Gutenberg zusammen. Riffe gab sein eingesetztes Gut verloren und tröstete sich als wohlhabender Mann darüber; – Heilmann suchte durch Steineschleifen und schneiden das Eingesetzte wieder zu verdienen und Gutenberg war ihm dabei so viel wie möglich behilflich. Ihm selbst erging es schlimm. An den großen Gedanken fest gekettet, opferte er ihm Alles. Durch neue Versuche immer wieder zu schönen Hoffnungen baldigen Gelingens ermuthigt, gab er sein Letztes dafür hin. Eine kleine Erbschaft, die ihm von Mainz zukam, und all das, was seine Mutter als möglichst entbehrlich ihm sandte, hatte er in kurzer Zeit wieder verbraucht. Nur das, was er für Katharina niedergelegt, blieb unangetastet als sein und Martin's Geheimniß.

Da Alles, was ihm bis jetzt gelungen, ihn nur als einzelne Denkmale der Kindheit seiner Erfindung umstanden, noch unfähig zu selbstständigem Leben, stockte sein Erwerb gänzlich, und er gerieth in Schulden, die ihn oft schwer drückten. Dabei sah er sich vereinsamt, verlassen, ein beklagter, oft verspotteter Sonderling in dem einsamen St. Arkobast, der Vermögen, Verdienst und Leben einer geheimen Kunst hinopferte, von welcher nach Jahren und Jahren immer noch nichts zum Vorschein kommen wollte. Nicht freundliche Theilnahme, nur die Neugierde drängte sich noch zuweilen in St. Arkobast ein, und auch die Bosheit umschlich das stille Haus – in seinem ergrimmten Weibe Anne, welche mit Quälereien aller Art die Tage des einsamen Forschers, dessen Namen sie trug, zu trüben suchte und immer und immer wiederkehrte, Ansprüche an ihn zu machen, die er nicht erfüllen konnte, ohne seine Schulden zu mehren, machte die schwere Last seiner Tage noch schwerer.

Der Gedanke, nach Mainz zurückzukehren, lag ihm oft sehr nahe, doch immer wieder schob er es auf. Erst dies und jenes wollte er versuchen – nur etwas weiter wollte er noch in seiner Kunst kommen, ehe er wieder in die Vaterstadt einzog, um sie dort auszuüben. Bald fehlte an diesem noch etwas, bald war jenes nicht so wohl gerathen; wie er gehofft – und dann, wie war es möglich, sich zu trennen von den theuren Gegenständen, die sich um ihn in seiner Werkstätte aufgehäuft hatten und die er nicht alle mitnehmen konnte. An jedem hingen die Schweißtropfen mühsamer Arbeit – und was noch weit mehr – sie waren die bildliche Stufenleiter seiner geheimsten Gedanken, die lieben, schmerzlich theuren Zeugen jahrelangen vergebenen Suchens, jahrelangen mühsamen Fortschreitens auf dem endlich entdeckten Wege zum fernen Ziele. Und so blieb der einsame Mann wieder Jahr aus Jahr in Straßburg. Da endlich sagte er eines Tages zu Lorenz, dem einzigen treuen Gefährten, der ihm in der Fremde geblieben:

»Freue dich, mein guter Lorenz, wir ziehn jetzt heimwärts. Der Mutter Leben neigt sich zu Ende, sie verlangt nach dem Sohne. Und dann auch komme ich mit meinem Schaffen hier nicht mehr weiter. Ich sehe ein, daß ohne Mittel, ohne Geld mein Werk nicht weiter voranschreitet. Vielleicht finde ich die rechte Hilfe in der Heimath. Ach, guter Lorenz, mein Stolz war zu groß. Ich baute zu viel auf die eigene Kraft, hatte zu wenig Vertrauen zu Anderen und verschloß allzu ängstlich, was ich dachte, was ich that – und möchte es jetzt noch verschließen wie mein eigenstes Eigenthum – Das hängt mir von der Jugendzeit an, wo der schuldlose, kindliche Sinn sein theuerstes Verlangen vor dem Hochmuthe verbergen und es aus der Heimath in die weite Welt flüchten mußte.

Jetzt kehre ich wieder dahin zurück, von wo ich vor einigen zwanzig Jahren ausgegangen bin, noch erfüllt von demselben Gedanken, mit demselben festen Willen und dem mühsam errungenen Gute, demuthsvoll ergeben in das Geschick, das mich nach langem alleinigen Suchen zur Erfindung, doch nicht bis zur Vollendung führte.«

Er senkte sein Haupt tief auf die Brust herab.

Lorenz schlich leise weg. Er wollte den Betenden nicht stören. –

Wenige Wochen später lag ein großer Haufe von verschiedenen Gegenständen aufgeschichtet im Hofe von St. Arkobast. Mehrere größere und kleinere Kisten standen zur Seite, die Lorenz im Laufe des Tages mit Hilfe eines Karrens nach einem Schiffe brachte, das bestimmt war, morgen nach Mainz abzusegeln. Als die Nacht kam, trat Gutenberg, der eben den letzten Pack Lorenz zum Besorgen übergeben hatte, mit einem brennenden Kienspahne aus dem Hause und warf ihn in den aufgeschichteten Haufen. Hell loderten die Flammen empor und ernst in ihre Gluth hineinschauend, sprach Gutenberg laut:

»Nichts bleibe von meinem Schaffen hier zurück, als was mir geraubt worden. Möge der Same, nach dem eine sündige Hand griff, in eine gute fallen, durch sie ausgestreut werden und Wurzel fassen und dir schöne Früchte tragen, Straßburg, du liebe deutsche Stadt! Dankbar werde ich stets deiner gedenken, wie dein, du mein stilles, einsames Haus – die Stätte tiefer Leiden und hoher Freuden. Hier war das Suchen und Finden – in Mainz werde die Vollendung – und gedeiht sie der Welt zum Heile, sei nächst Gott dir die Ehre, theure Vaterstadt! – Und du, Katharina, Heilige meines Lebens, du nimm einst mein erstes großes Werk als fromme Gabe hin. Dein Auge falle zuerst segnend darauf, deine Hand falte sich zuerst betend darüber – über der gedruckten heiligen Schrift!«

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