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Johannes Gutenberg. Zweiter Band

Henrich-Wilhelmi Hedwig: Johannes Gutenberg. Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorPaul Stein
titleJohannes Gutenberg. Zweiter Band
publisherFr. Wilh. Grunow
year1861
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20170811
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7.

Die Fahrt rheinaufwärts ging damals noch sehr langsam von statten und Gutenberg wurde sie fast unerträglich lange. Sein Gemüth, von dem Abschied gedrückt, fand bei der geringen Abwechslung, welche diese Reise bot, keine erheiternden Momente, und in wahrem Schneckengange schlichen die Stunden und Tage an ihm vorüber. Es verlangte ihn nach Arbeit; sie that ihm in seiner jetzigen Stimmung doppelt noth, und mit Ungeduld sehnte er sie herbei.

Für einige Zeit wieder mit Geldmitteln versehen, konnte er nun größere Versuche wagen, nöthige Gegenstände sich verschaffen, verschiedene fördernde Dinge sich machen lassen. Sein Ziel stand ihm noch so ferne, denn was er bis jetzt auch geschafft und erreicht, es blieb doch immer nur erst ein Anfang zu dem großen Werke, das seinem Geiste vorschwebte und dessen Vollendung, ja nur Vervollkommnung ihm immer wieder bald durch größere, bald kleinere Hemmnisse in unabsehbare Ferne entrückt worden war. Wohl verfertigte er in seiner geheimen Werkstätte kleine Bücher durch Holztafeldruck vermittelst eines Reibers und diese wurden viel schöner und zierlicher, als jenes war, das er bei seinem Abschiede aus Harlem der Tochter des Küsters gegeben, – auch war es nicht schwer, aus dieser Kunst einen industriellen Erwerbszweig zu machen. Aber dies stand weit, himmelweit hinter seiner großen Idee zurück und konnte ihm deshalb auch keine Befriedigung gewähren. Was er bis jetzt erreicht, überschritt in nichts Wesentlichem das Gewerbe der Briefdrucker, das sich in dieser Zeit allenthalben ausbreitete. Theils hatten sich seither die nöthigen Geldmittel einem rascheren Voranschreiten Gutenberg's hemmend entgegengestellt, und dann war ihm auch eine Hauptsache, die richtige mechanische Erkenntniß noch nicht ausgegangen; er hatte sich bis jetzt mit der Vervollkommnung des unzureichenden Tafeldruckes in jahrelanger Arbeit abgemüht und mußte endlich der Ueberzeugung Raum geben, daß aus diese Weise der Druck niemals die Bedeutung gewinnen könne, die ihm von demselben vorschwebte. Anderes mußte ausgedacht, mußte versucht werden, und er brannte vor Verlangen, sein stilles Asyl wieder zu erreichen. Die welterschütternde Bedeutung einer leichten und schnellen Vervielfältigung der Schrift stand klar vor Gutenberg's Geist – aber noch war ihm das Wie nicht klar geworden, noch suchte er vergebens darnach, suchte während des Verbesserns mangelhafter Hilfsmittel neue zu entdecken, um aus den rechten Weg der Erfindung zu gelangen, deren Größe und Wichtigkeit er erkannte. »Wer sucht, der findet.« Dieses Wort der Schrift vergaß er nie, und sein Glaube, daß er finden werde, was er suchte, hatte sich während seiner Wanderschaft zu einer seltenen Seelenstärke gestählt. Die Vollkommenheit, die sich ihm in vielen Zweigen des technischen Wissens, wie der gewerblichen Arbeit, besonders in Venedig gezeigt, bestärkten ihn darin, daß die ersten rohen Versuche des Druckverfahrens, die er in Harlem kennen gelernt und dort selbst ausgeübt hatte, nur die Vorläufer einer weit auszubildenden Kunst seien, einer Kunst, deren ungeheure Bedeutung schon in früher Kindheit ihn ahnend durchdrungen hatte und mit ihm emporgewachsen war, wie ein Theil seines eignen Selbst und in ihm fortlebte, gleichsam als das Vorgefühl der ihm innewohnenden Kraft, als die göttliche Triebfeder, die richtig erkannt und verstanden, den Menschen stets seiner wahren Bestimmung entgegenführt, indem sie sein Wollen und Thun mit den Eigenthümlichkeiten seines innersten Wesens in Einklang bringt.

Daß Gutenberg so lange Jahre zur Erfindung einer Kunst bedurfte, deren technischen Anfang er frühzeitig gesehen und erlernt, überrascht uns bei der großen Ausdehnung des Wissens unserer Tage, das die Ideen erfinderischer Köpfe so leicht realisiren läßt. Bedenkt man jedoch, daß Gutenberg's Schaffen ein abgeschlossenes, vereinzeltes Schaffen war, das auf einem ganz rohen Fundamente fußte, der nöthigen Hilfsmittel entbehrte, und er sich diese erst durch mühsame Versuche mit seiner Hände Arbeit verschaffen mußte; – blickt man mit ehrfurchtsvoller Bewunderung auf die riesige Ausdauer, mit der er sein ganzes Leben an den einen Gedanken hingab – und nur die vollständige Erkenntniß von der Größe und Wichtigkeit desselben konnte dies möglich machen. Lag doch schon den gebildeten alten Völkern die Erfindung des Bücherdruckes sehr nahe. Viele Beweise sprechen dafür. Allein sie gingen daran vorüber, weil sie den großen Zweck nicht erkannten, zu dem freilich ihre Zeitverhältnisse nicht so entschieden hindrängten, als es damals der Fall war, wo in Gutenberg's Seele zuerst die große Idee lebendig wurde. Bei ihm kam dann noch hinzu, daß der fromme Glaube seiner Zeit in rührend schöner Weise in ihm lebte und ihn das Außerordentliche, was sein Geist erfaßte, als eine göttliche Offenbarung hinnehmen ließ.

Doch folgen wir ihm nach Straßburg.

Je näher er dieser Stadt kam, desto klarer wurde wieder sein Auge, und als er endlich den hohen Münster erblickte, schien selbst der letzte schmerzliche Nachklang des Abschieds in seiner Brust zu verstummen, – denn sie hob sich in einem langen, tiefen, frohen Athemzuge, und als müsse er den mächtigen Bau freudig begrüßen, streckte er, in unwillkürlicher Bewegung, die Arme nach ihm aus, neigte er sein Haupt ihm entgegen. Sein Auge hing sich mit begeisterter Freude an die erhabene Schöpfung, in der sich ihm die ganze Kunst, Größe und Frömmigkeit einer Zeit ausdrückte, deren Verfall ihre unerquicklichen Trümmer rings umher aufgeschichtet hatte, und aus denen mahnende Geisterstimmen nach neuen, erhebenden Thaten riefen, nach Thaten, die aus ihrem Untergang eine neue Zeit in milderm Lichte heraufbeschwören wollten. Der Anblick des riesigen Tempels machte stets eine erhebende und erschütternde Wirkung auf Gutenberg's Gemüth und übte so einen mittelbaren Einfluß auf sein Schaffen aus.

Der Geist, welcher die großen Meister geleitet, deren Werke als ein ewiges Denkmal der gigantischen Kraft ihrer Zeit wie ihres eignen Wollens vor uns stehen, lebte verjüngt und verfeinert in Gutenberg fort. Er selbst empfand dies, so oft er an dem großen Münster hinauf sah und er fühlte sich dem Geiste Erwins von Steinbach nahe verwandt; es war ihm stets, als reiche ihm der große Meister über das Jahrhundert, das sie schied, ermunternd die Hand zum geistigen Freundesbund und rufe ihm zu: »Blick auf mein Werk – stärke daran dein Wollen, deine Geduld, deine Ausdauer! Auch das Unmöglichscheinende läßt sich damit erreichen, sobald es ein heilig Werk ist, wie das meine, wie das deine, dem der Segen von Oben nicht fehlt.«

Kaum hatte das Schifflein gelandet, das Gutenberg trug, als er raschen Schrittes dem Thore Straßburgs zueilte, ebenso ging er durch die krummen und engen Gassen der Stadt, bis er aus dem kleinen, freien Platze anlangte, wo in überwältigender Größe der Münster sich erhob. Lange sah er an ihm auf, prüfte mit liebendem Auge die Schönheit und das Ebenmaaß seiner kolossalen und doch so anmuthigen Verhältnisse und trat dann in das Schiff der Kirche. Die stillen, heiligen Räume dieses Tempels, von aufstrebenden Pfeilern gestützt und getrennt, das milde Licht in ihnen, der Schmuck ihrer hohen Wände; so mannigfaltig und doch so einheitlich, so überreich, so willkürlich verschlungen und verbunden, und doch so voll Harmonie, voll tiefer Sinnigkeit, so fest und sicher und dabei so leicht und zierlich, wie Alles an dem erhabenen Baue ganz wunderbar vollendet vom Kleinsten bis zum großen Ganzen. Wie hätte es nicht Gutenberg's ernste, tieffühlende Seele bewältigen sollen?

So oft er hier weilte, beugte sich sein Geist in Demuth vor Gott, stärkte sich sein Sinn im Anschauen dieses göttlichen Menschenwerkes! – Auch heute sank er an den Stufen eines Altares nieder und betete mit der ganzen Innigkeit seines frommen Gemüthes. Frisch gestärkt erhob er sich wieder und voll Muth und Zuversicht schlug er den Weg nach St. Arlobast ein. Freudig begrüßte er das einsame Haus, als die Spitzen seiner Thürme hinter dem St. Ulrichshügel sichtbar wurden.

»Mein stilles Asyl,« sprach sein Herz ihm entgegen, »laß mich in dir erreichen, was zu dem hohen Zwecke frommt, dann will ich dankend einst von dir scheiden, und es heimwärts tragen in die liebe Vaterstadt. Dein Sohn, mein goldenes Mainz, bleibt dir treu, auch in der Ferne, selbst wenn du ihn mißhandelst. Was ich thue und vollbringe; gedeihe nächst Gott dir zu Ehre und Ruhm.«

Das Thor in der Mauer, die das ehemalige Kloster umschloß, stand gegen die sonstige Gewohnheit weit offen, als wolle man den Ankömmling feierlich empfangen, denn auch der sonst unsaubere Hof zeigte sich heut ein schönster Ordnung. Er sah wie frisch gewaschen aus und war aufgeputzt mit einem Blumenbeet, das seine Mitte einnahm. Etwas seitwärts davon, der Mauer entlang, regte es sich lebendig und ein Schnattern, Gackern und Pipern von allerlei Geflügel, das in einem eingezäunten Raume sich befand, ließ sich hören. Zwischendurch girrten Tauben, die zu den Fenstern des ersten Stockwerkes ausflogen, vor denen einige Blumentöpfe und ein hölzerner Vogelbauer mit einer hellschlagenden Wachtel darin gar freundlich herabschauten. Hinter dem Käfig bewegte sich flüchtig ein Frauenkopf hin und her, was jedoch Gutenberg entging, und erst als er die ansprechende Veränderung eine Weile verwundert angestaunt hatte, bemerkte er ein weibliches Wesen, das eben aus der Thüre des Hauses trat und dem Blumenbeet nahte. Ihre Blicke begegneten sich, und gleichzeitig verneigten sie sich grüßend gegeneinander. Die Frau oder Jungfrau, was sie sein mochte, sah recht stattlich aus und gehörte, nach ihrer Kleidung zu schließen, den höhern Ständen an. Ein helles, durchsichtiges Tuch hing leicht und zierlich gefaltet über ihren Kopf und bedeckte bis auf die Flechten, welche sich den etwas derb rothen Wangen anschlossen, das dunkelbraune Haar. Das knappanliegende Mieder zeichnete die vollen Formen in etwas kecker Weise aus, während es sich über der Brust sittig an ein Goller anschloß, dessen steifer Kragen bis unter das Kinn reichte. Der blaue Rock und die Aermel waren lang und faltig und ausgeputzt mit gelben Streifen; doch sonst hatte der Anzug keine besonderen Verzierungen, selbst der so beliebte Gürtel mit den goldenen Knöpfen und Schellchen fehlte; ein breites Band, das eine feine, weiße Schürze über den Hüften festhielt, ersetzte ihn, was den Anzug äußerst freundlich und häuslich machte.

Bei dem ersten Gruße zeigte die Frau – sie stand in dem Alter, daß man annehmen konnte, sie sei zu diesem Titel berechtigt – etwas Schüchternes und Verlegenes, das nicht recht zu ihrem Gesichte paßte. Als jedoch Gutenberg in gleicher Weise an ihr vorübergehen wollte, warf sie mit einer raschen Bewegung den gesenkten Kopf in die Höhe und fragte, ob er nicht der Junkherr Gutenberg sei, den sein Diener schon so lange sehnlichst erwarte.

»Der bin ich, edle Frau,« gab er kurz zur Antwort.«

»Fräulein – wenn ich bitten darf, edler Junkherr,« fiel sie schnell ein. »Anne zu der eisernen Thüre genannt – – und Eure Hausgenossin seit einiger Zeit.«

»Wie kommt so ein schmuckes Fräulein an solch abgelegenen Ort?« erwiderte er höflich, doch etwas verwundert.«

»Auf sehr einfache Weise,« plauderte sie fort. »Seit sechs Jahren schon bin ich eine Waise und lebte seitdem bei einem weitläufigen Verwandten zu Straßburg. Der ist nun aber Vogt zu Lichtenau über dem Rheine drüben geworden, und da ich nicht mit ihm über das breite Wasser ziehen wollte, das mich von der Stadt trennt, zog ich es vor in der Nähe von Straßburg zu bleiben, und da mich, obgleich ich von altem, adeligem Stamme und nicht mittellos bin, doch meine Verhältnisse zu einiger Sparsamkeit zwingen, habe ich mit meiner alten Muhme den billigen Aufenthalt in St. Arkobast dem in Straßburg vorgezogen. Wir leben so in der nächsten Nähe der Stadt, einfach und ungenirt. Habt keine Sorge,« setzte sie eifrig hinzu, als sie bemerkte, daß während ihrer Rede sich Gutenberg's Angesicht etwas verfinsterte – »habt keine Sorge, edler Junkherr, daß wir Euch in Eurem Thun stören werden. Dafür habe ich zu viel Respekt vor der Gelehrsamkeit – und die soll Euch inne wohnen, wie ich höre. Ihr sollt studiren und Kenntnisse von vielen Künsten besitzen, wie weit und breit kein Anderer mehr. Meine Gegenwart soll Euch keine Störung bereiten. Ihr werdet in Eurer abgelegenen Stube weder meine Stimme, noch die meiner Vögel oder meines Geflügels hören. Sollte jedoch das Eine oder das Andere je der Fall sein, so sagt's nur kecklich, und ich werd's zu ändern wissen.«

»Wie gütig Ihr seid, Fräulein Anne zu der eisernen Thüre! Ich danke Euch für Eure Willfährigkeit, und hoffe, daß keine Eurer Freuden durch mich gestört werden soll.«

»Wie keine Eurer gelehrten Liebhabereien durch mich. Seid dessen gewiß, und reicht mir die Hand auf friedliche Nachbarschaft!«

»Auf recht gute Nachbarschaft, Fräulein Anne. Gehabt Euch indessen wohl und stört Euch in Nichts.«

Er ging seiner Behausung zu. Sie sah ihm mit einem scharfen Blicke nach, der ihrem, ziemlich hübschen Gesichte nicht vortheilhaft war; – dann trat sie nachdenklich an den Zaun des kleinen Geflügelhofes, warf den Thieren Brodkrumen zu, und je mehr sich diese darum zerrten, desto mehr ging ihr Nachdenken in ein Vergnügen an ihren gefiederten Zöglingen über.

Nach dieser ersten Begegnung sah Gutenberg seine Nachbarin mehrere Tage nicht wieder, und trotz des günstigen Eindruckes, den sie aus ihn gemacht, vergaß er sie fast gänzlich. Seine geheime Werkstätte nahm ihn so in Anspruch, daß er sich kaum einige Stunden der Ruhe gönnte, denn obgleich er Alles so wiederfand, wie er es verlassen, kam es ihm dennoch vor, als stände es weiter denn je hinter seinen Wünschen zurück. Eifriger ging er an die Arbeit, und das Geld, was er mitgebracht, fand in neuen Versuchen und Anschaffungen von Materialien eine schnelle Verwendung, kaum daß ihm nach kurzer Frist noch so viel übrig blieb, um einige theurere, doch ihm sehr förderlich scheinende Gegenstände machen zu lassen. Seine Baarschaft war bis auf hundert Gulden zusammengeschmolzen Diese Summe nahm er nun und brachte sie Hans Dünne, dem Goldschmied, für Bestellungen von Metallplatten und Stempel. Da es damals weder Stempelschneider noch Schriftgießer gab, mußte er bei den fast allein nur in der Gravir- und Ciselirkunst erfahrnen Gold- und Silberarbeitern seine Zuflucht nehmen, und es ist kaum noch einem Zweifel unterworfen, daß er sich von Hans Dünne, dem Straßburger Goldschmied, die ersten Metallplatten und vielleicht auch Buchstabenstempel zu weiteren Versuchen in der Druckkunst anfertigen ließ.

Er mußte sie jedoch Hans Dünne theuer bezahlen, da er sich zugleich auch dessen Schweigen erkaufte. Noch hielt er sein Schaffen in der geheimen Werkstätte mit Aengstlichkeit vor jedem Auge verborgen; selbst Lorenz wagte nicht, ihre Schwelle zu überschreiten – nicht viel anders machte er es auch mit denjenigen Arbeiten, die ihm als Erwerbsmittel dienten. Er betrieb sie zwar nicht gerade als ein Geheimniß, ließ jedoch nur selten Jemand genauere Einsicht davon nehmen.

Seine Geschicklichkeit im Steineschneiden und Schleifen und Spiegelpoliren war um diese Zeit in Straßburg berühmt, und er würde leicht viel Geld damit verdient haben, wenn er seine Zeit allein darauf verwendet hätte. Allein er betrieb diese einträglichen Künste nur so viel, als zu seinem Lebensunterhalt durchaus erforderlich war, und sobald er nur die kleinste Summe beisammen hatte, brachte ihn nichts aus seiner geheimen Werkstätte heraus, bis diese wieder zu Ende ging. Sein Leben in St. Arkobast wurde ihm, wie seine Hausgenossin es versprochen hatte, in nichts durch sie unangenehm gestört. Im Gegentheile, ihre Nähe brachte mehr Wohnlichkeit in das große Gebäude: ein häusliches Etwas, das Gutenberg heimathlich ansprach, und öfter als er sonst gethan, kam er in den Hofraum herab, der durch Annen's Anordnungen eine so ansprechende Umwandlung erlitten hatte. Oft stand er plaudernd neben ihr, wenn sie die Blumen begoß und gedachte dabei der Mutter und des verwilderten Gärtleins im Hofe zum Gutenberg, der so nöthig eines heiteren Sinnes und einer sorgenden Hand bedurft hätte. Und immer angenehmer klang ihm Annen's etwas rauhe Stimme, wenn sie mit dem Geflügel scherzte oder die Tauben liebkosete. Es war etwas Rühriges, Kräftiges in ihrem Wesen, das Gutenberg bestach und ihn die ihr mangelnde Bescheidenheit und Sanftmuth übersehen ließ. Auch suchte Anne in seiner Gegenwart sich immer im besten Lichte zu zeigen und wußte selbst Lorenz so damit zu blenden, daß gar bald in des treuherzigen Dieners Seele der Gedanke ausging: sein unpraktischer Herr könnte keine bessere Frau finden, als das Fräulein zur eisernen Thüre. Daß sie ihm wohlwolle, blieb Lorenz kein Zweifel, da Anne es vor ihm nicht zu verbergen suchte; und er, um sie recht fest darin zu bestärken, erzählte ihr viel von Gutenberg's Familienverhältnissen in Mainz, die er freilich allzusehr zum Vortheile seines Herrn schilderte, indem er den Reichthum seiner Vettern und Basen auch auf ihn übertrug.

Nachdem Anne eines Tages den Erzählungen des gesprächigen Lorenz lange zugehört hatte, sagte sie zu ihrer Muhme, einer uralten Jungfrau:

Base Bärbel, mein Plan war ein guter, der uns hier einziehen hieß. Der Junkherr, der mir schon zu Straßburg in die Augen stach, wenn er an unserer Wohnung vorüber ging, ist nicht nur stattlich von Person und besitzt Kenntnisse in vielen Dingen, die zu Reichthum und Ansehen führen können, er ist auch wohlhabend von Haus aus. Seine Familie ist eine der ersten in Mainz, der güldenen Stadt, wie man sie nennt. Seine Mutter, eine Frau in hohen Jahren, wohnt in einem großen Hause, dem Hofe zum Gutenberg, das sein Eigenthum wird, sobald sie das Auge schließt Daß es setzt mitunter recht knapp und kurz bei ihm steht, liegt nur daran, weil er zu viel in geheimen Arbeiten verbraucht, die ihm jedoch einst, wie Lorenz behauptet, großen Reichthum bringen würden, größern, als selbst Grafen und Herren besäßen Drum, Bärbel, denke ich, ich riskire nicht viel, wenn ich meinen Plan schnell in's Werk setze, gegen ihn thue, als ob ich an seine Armuth glaubte und ihm nur aus Liebe meine Hand reichte. Er ist von edlem Sinne, das wird ihn rühren – und ich werde endlich an das heiß ersehnte Ziel aller Jungfrauen kommen, welche die Dreißige überschritten haben – und werde auch noch, was ich im Stillen längst ausgegeben, eine Frau von adeligem Stande, dem ich doch nur ungern um einer Heirath willen entsagt hätte.«

»Hättest doch auch einen aus dem Bürgerhause der Dritzehn genommen, und es kostete dich Thränen, als der Claus, der älteste von den Brüdern dem Georg den Gedanken einer Heirath mit dir aus dem Sinne redete,« entgegnete die alte Base.

»Bin dem Georg immer noch gut, Bärbel,« entgegnete Anne. »Und wäre er reicher und vornehmeren Standes gewesen, ich hätte ihn nicht so leichten Kaufes losgelassen und wäre trotz Claus und seiner ganzen Sippschaft, der das arme, hochmüthige Fräulein, die Letzte vom Stamme zur eisernen Thüre nicht anstand, Frau Dritzehn geworden. Es ist gut jetzt, daß ich stolz und Georg schwach war, denn der ernste Gelehrte aus dem vornehmen Hause in Mainz ist mir zu einer Heirath jedenfalls lieber, als der Straßburger Zunftgenosse.«

»Aber will er dich denn auch zum Weibe, Ennel?« wandte die Alte zweifelnd ein.

»Das wird schon kommen; – verlasse dich darauf, Base. Wie wäre es auch anders möglich an so einsamem Orte, wenn man täglich zusammenkommt und vertraulich mit einander plaudert. Ihm fehlt ein Weib, das ihn und seinen Haushalt lenkt. Dazu bin ich wie geschaffen, – hab's gerne, wenn Alles nach meinem Kopfe geht; – und der rechte Augenblick wird schon kommen, wo er begreifen soll, daß wir zueinander passen.«

»Gebe Gott seinen Segen dazu!« murmelte Bärbel mit einem Seufzer.

»Nur an dem rechten Augenblick fehlt's, Base; das Andere findet sich schon von selbst,« entgegnete Anne mit einigem Spott.

»Du bist nicht fromm Und tugendsam, Ennel, wie es sein sollte; – wirst darum auch kein Glück haben;« warnte die Alte.

»Was kümmert's dich? – Das ist meine Sorge,« entgegnete Anne hart und drehte mit verächtlichem Blicke der grauen Base den Rücken, indem sie die Thüre unsanft hinter sich zuschlug.

Im Hofe traf sie Gutenberg. Es war Abend, – er suchte Erholung in der frischen, Luft und Annen's Geplauder, das ihn erheiterte. Sie wußte ihm immer so viel zu erzählen, als ob das Leben in St. Arkobast das unterhaltendste von der Welt wäre. Sie sprach mit aller Wichtigkeit von ihrem Haushalte, – den täglichen Bedürfnissen desselben und wie man dies und jenes einrichten müsse, um ganz angenehm an so einsamem Orte sich zu fühlen, – und wie sie nicht begreife, daß er so alle kleinen Lebensannehmlichkeiten verschmähe. – Sie bedauerte ihn mit herzlichen Worten und heute ließ sie nicht nach, bis er ihr zu der alten Vase hinauf folgte, um das Abendbrot mit ihnen zu genießen. Es war das erstemal, daß er in ihre Stube trat; die Nettigkeit und Reinlichkeit darin überraschte ihn angenehm und erinnerte ihn an die Stube seiner Mutter, – Anne stieg dadurch bedeutend in seiner Achtung und die Theilnahme, die sie ihm bezeugte, rief die seine für sie hervor. So ging der Abend unter allerlei Geplauder schnell und angenehm vorüber.

Als er »gute Nacht« gewünscht, sagte Anne zu ihrer Base: »Nun, zweifelst du noch am Gelingen meines Planes?«

Und Lorenz, der seinen Herrn im Hofe erwartete, rieb sich vergnügt die Hände und dachte bei sich: nun werden bald freundlichere Tage in dem alten Eulenneste einkehren. Das Fräulein zur eisernen Thüre wird schon den rechten Wegweiser auf meines Herrn Lebensweg setzen, den er doch sonst nimmermehr entdecken würde.

Anne ging von diesem Abend an ganz entschieden auf das Ziel zu, das sie sich gesteckt und mischte sich in kluger Weise in Gutenberg's Leben praktisch ein, indem sie ihm zunächst vorstellte, wie nachtheilig seine Absonderung von der Welt und den Menschen für ihn sowohl, als auch für seine Beschäftigungen wäre, welcher Art diese auch sein möchten; – und nachdem sie mit Georg Dritzehn, der noch immer mit ihr in freundschaftlicher Verbindung stand, eine geheime Rücksprache genommen, machte sie Gutenberg mit diesem und auch mit seinem Bruder Andreas bekannt, einem angesehenen und wohlhabenden Bürger von Straßburg, den schon lange die Arbeiten des einsamen Bewohners von St. Arkobast interessirten Er schloß sich auch sogleich in zuvorkommender Weise an Gutenberg an, und es gelang seinem zuthunlichen Wesen, sich ihm angenehm zu machen. Nachdem sie einige Zeit freundlich mit einander verkehrt hatten, bat ihn Andreas, ihn gegen eine bestimmte Summe Geldes Steine schleifen und Spiegel machen zu lehren. Da Gutenberg's Baarschaft gänzlich zu Ende war, ging er darauf ein und Andreas kam von da an fast täglich nach St. Arkobast. Mit dem Opfer seiner Zeit erkaufte sich Gutenberg wieder einige Mittel für seine geheimen Arbeiten.

Was Andreas in St. Arkobast lernte, übte er in seinem Hause in Straßburg und gewann bald so große Liebhaberei daran, daß er einen bedeutenden Theil seines Vermögens darauf verwendete. Wie Anne sah, daß schon dieser Theil von Gutenberg's Kenntnissen in Andreas Dritzehn große Gewinnhoffnungen erregte, wurde ihr Glaube an die Wichtigkeit dessen, was er im Geheimen betrieb, immer fester, und sie zweifelte kaum noch, daß Schätze auf Schätze aus der geheimen Kammer hervorgehen würden, sobald sie nur einem praktischeren Sinne, als dem Gutenberg's, zugänglich wäre. Allein so spähend sie auch um dieses Geheimniß herumging, es offenbarte sich ihr in nichts, und sie kam zu der Ueberzeugung, daß sie hier nur dann eindringen könne, wenn sie sich Gutenberg ganz und für immer verbunden.

Damit dies bald geschähe, suchte sie sich ihm auf alle Weise unentbehrlich zu machen und nahm zu diesem Zwecke seine häuslichen Angelegenheiten, wie tausenderlei kleine tägliche Bedürfnisse von ihm unter ihre specielle freundschaftliche Fürsorge; verpflichtete ihn sich so zu Dank und gewöhnte ihn an immer häufigeren Umgang mit ihr. Allein so naheliegende Momente sie auch herbeizuführen wußte, überschritt er doch nie die Grenze freundschaftlichen Verkehrs. Selbst wenn zuweilen der Wunsch seiner Mutter und die Zusage, die er ihr gegeben, ihm einfielen und er dann versuchte, sich glauben zu machen, daß Gott die Hausgenossin an den einsamen Ort gesandt, damit er das der Mutter gegebene Versprechen halten könne, ward es ihm doch nicht möglich, in den vertraulichsten Stunden bei Annen dieser Eingebung zu folgen. Eine gewisse Furcht, eine unüberwindliche Scheu hielt ihn stets von diesem entscheidenden Lebensschritte zurück, trotz allen Einwänden einer vernünftigen Ueberlegung, zu der ihn Annen's häusliches Schalten und Walten mitunter verleitete.

Damals, als ihn ein jugendliches, natürliches Verlangen zu Angela hinzog, sagte er sich, daß Liebesglück auf die ernste Bahn seines Lebens nicht gehöre, und er entsagte selbst in dem Momente, wo er sich geliebt glaubte. Zu Annen zog ihn weder Liebe noch sinnliches Verlangen hin, es war nur die Sehnsucht nach einer geordneten Häuslichkeit, die den einsamen, älter werdenden Mann zuweilen beschlich, wenn er Anne mit ihrer häuslichen Rührigkeit um sich her schalten und walten sah, und der Gedanke, der lieben Mutter durch Erfüllung ihres Wunsches noch eine recht große Freude vor ihrem Grabesgange zu machen.

Allein ungeachtet diesem Allen wäre es doch wohl schwerlich zu einer Verbindung für's Leben mit Annen gekommen, wenn nicht eines jener Ereignisse, die oft plötzlich die Handlungen der Menschen bestimmen, hinzugetreten wäre. Annen's Base, ihre letzte liebe Stütze im Leben, wie sie die gebrechliche, alte Jungfrau bei Gutenberg nannte, wurde schwer krank. In diesen Tagen des Leidens nun suchte Anne Trost und Hilfe bei dem befreundeten Hausgenossen – und nicht vergebens. Sein gutes Herz führte ihn oft zu ihr, und ihr Leid brachte das ihre ihm näher. Als endlich nach einer langen, bangen Nacht die Kranke verschied, zeigte Anne mit allen Zeichen der Trostlosigkeit die Leiche dem Freund und rief klagend aus:

»Nun habe ich Niemand mehr auf der Welt, der mich liebt, bei dem ich, die einsame Verlassene, die Letzte eines dahingegangenen edlen Stammes, fürder weilen kann. Nur das Kloster bleibt mir noch übrig; und – ach – ich fürchte mich vor dem Kloster, denn rege Thätigkeit ist mein Lebenselement.«

Ihre Thränen, ihre Klagen Riffen Gutenberg in edlem Mitleid hin, und er bot ihr seine Hand zur Stütze an, wenn sie sein beschwerliches Leben theilen wolle.

Endlich am Ziele ihrer Wünsche verließ Anne ihre seitherige Klugheit, und ungestüm warf sie sich in seine Arme und rief:

»Ach, welch ein Glück schickt mir der Himmel in meinem größten Leid! Denn wißt, mein Auge hing schon lange an Euch, und Euer Weib zu werden, war mein sehnlichster Wunsch!«

Dieses voreilige Geständniß machte Gutenberg's Inneres erbeben. Er empfand dabei mit einemmale, und empfand es recht schwer, welche bedeutungsvolle Verpflichtungen er Annen gegenüber auf sich genommen, – Verpflichtungen, zu deren Uebernahme weder Vernunftgründe noch Mitleid ausreichen wollten. Doch Anne hatte sein Wort, und er dachte nicht daran, es zu brechen, aber unruhiger und unsicherer fühlte er sich und suchte in angestrengter Arbeit dies zu überwinden. Anne, ihrer Sache sicher, entwickelte mit einemmale eine unangenehme Lebendigkeit und drängte sich in alle Angelegenheiten Gutenberg's ganz entschieden ein, als ein Recht, das ihr zustand. Die Verlobte, die sich häufig, selbst in zänkischer Weise in sein Thun und Lassen einmischte, – wurde ihm bald lästig, mitunter in einem Grade, daß ihn der Gedanke an eine unauflösbare Verbindung mit wahrem Grauen erfüllte.

Allein was half dies nun? Er hatte ihr sein Eheversprechen gegeben – und sie hielt fest daran und drängte ihn, es zu erfüllen. Sein Zögern damit, sein Hinausschieben, die nöthigen Schritte dazu in seiner Heimath zu thun, verdroß sie endlich so sehr, daß ihr heftiges Temperament ihre Klugheit überstürzte und es zu schlimmen Scenen zwischen ihnen kam. In einer solchen nahm Gutenberg sein Versprechen zurück und war von diesem Augenblick an für Anne nicht mehr zugänglich.

Vergebens suchte sie ihm wieder zu nahen und sich mit ihm zu versöhnen. Lorenz, dessen gute Meinung von ihr, seit sie seines Herrn Verlobte war, einen gewaltigen Stoß erlitten hatte, versperrte ihr jeden Weg zu ihm. Im höchsten Grade dadurch erbost und durch den Widerspruch zu einer gewissen Liebesleidenschaft für ihren Verlobten entflammt, schwor sie, das bindende Wort ihm nicht zu erlassen und schied von St. Arkobast, um eine Klage gegen ihn wegen gebrochenen Eheversprechens bei dem bischöflichen Richter in Straßburg einzureichen.

Gutenberg wurde vorgeladen, und da er die Thatsache nicht läugnete, wurde ihm nach damaligem Gesetz und Recht zuerkannt, daß er Anne zur eisernen Thüre ehelichen müsse. Er betrachtete dies Urtheil als eine gerechte Strafe und fügte sich geduldig in das Unvermeidliche, führte nach kurzer Zeit Anne zum Altare, knüpfte jedoch die Bedingung daran, daß sie einem ferneren Aufenthalte in St. Arkobast sich in keiner Weise widersetzen, noch sich in seine geschäftlichen Verhältnisse einmischen dürfe. Im Uebrigen sollten ihr, als Herrin des Hauses, ihre Rechte zukommen, und er wolle redlich seinen Verdienst mit ihr theilen.

+++

So wurde das Band geschlossen, das Gutenberg mit Anne zur eisernen Thüre verknüpfte – eine schwere Zugabe zu seinen sorgenvollen Tagen in Straßburg, ein trüber Schatten auf sein ganzes Leben. Statt nach den Mühen des Tages eine häusliche Behaglichkeit zu finden, schaltete und waltete ein böses Weib um ihn, deren bessere Eigenschaften in dem Grolle, ihre Erwartungen getäuscht zu sehen, zwar nicht gerade untergingen, aber sich doch nur in sehr unansprechender Art noch zeigten. Herrisch handhabte sie die Ordnung des Haushaltes und mit Härte bestand sie auf den nöthigen Mitteln dazu. Gutenberg's ganzer Verdienst wollte oft nicht dafür hinreichen und nur schwer und unter Zank und Streit ward es ihm noch möglich, für seine geheimen Arbeiten etwas zu erübrigen. Dann auch geizte und keifte sie mit ihm um die Zeit, die er darauf verwandte, und die er, wie sie meinte, besser benutzen könnte. Kehrte er sich nicht daran, verfolgte sie ihn oft selbst bis an sein verschlossenes Heiligthum, pochte um Einlaß an und verlangte zu sehen, was er hier treibe.

Da saß er denn oft mit bitteren Thränen des Schmerzes und Ingrimmes in seiner Werkstätte – nicht Rath noch Hilfe findend. Sanfte Vorstellungen fruchteten so wenig bei Anne als strenge Worte – und Gewalt an einem Weibe zu üben, das seinen Namen trug, war seiner edlen Natur nicht möglich. Trostlos, gebrochen, starrte er nach solch schweren Stunden seine Arbeiten an, in die ein völliger Stillstand zu kommen drohte. Jetzt ein Stillstand – nach einem so großen Schritte vorwärts!

Vor ihm stand eine kleine Presse, die er in langen und mühsamen Tagen und Nächten angefertigt hatte. Wohl war sie noch unvollkommen, noch gar viele Mängel an ihr wahrzunehmen, – aber doch endlich eine vielversprechende Idee durch sie in reeller Gestalt erprobt. Wie viel leichter und schneller mußte mit ihrer Hilfe der Druck gehen, als mit einem Reiber; – und dann ließen sich mittelst einer Presse die Blätter auf beiden Seiten bedrucken. Welch ein Vortheil für den Druck eines Buches! – Die schwerfälligen Holztafeln freilich wollten sich noch immer nicht durch etwas Genügenderes ersetzen lassen; und immer versuchte er wieder auf's neue, sie zu verbessern, und machte auch Druckversuche mit Metallplatten.

Er besaß jetzt eine ziemliche Anzahl Tafeln mit hübsch eingeschnittenen Bildern und Textesworten – allein sie gaben erst ein paar kleine Büchlein – und was konnten diese, selbst vertausendfältigt, der Welt nützen? – – Er nahm eines der fertigen Büchlein zur Hand, doch so hübsch es auch in allen seinen Theilen gelungen war, ihn konnte es nicht erfreuen.

»Immer nur ein unzureichender Anfang!« klagte er. »Was frommt der Welt ein Buch, und wäre es viel, viel umfangreicher als dieses hier – und wer vermöchte, alle Weisheit, die ihr noth thut, in Tafeln von Holz oder Metall einzuschneiden! – Das ist unmöglich. – Der Tafeldruck, noch so vervollkommnet, wird nimmermehr ausreichen und stets eine kleine unbedeutende Sache bleiben, – für jeden Briefdrucker recht, der Gewinn daraus zu ziehen versteht – nicht aber für den Geist, der mehr will, der die ganze Welt damit beglücken möchte und seine ganze Kraft freudig daran setzte. O, so viele lange Jahre sind mir nun schon dahingegangen, – und noch immer nichts erreicht, nichts! – Gestehe es dir nur offen, Johannes Gutenberg, so kommst du nicht an's Ziel mit allen deinen Mühen – so nicht.«

Er versank in Nachdenken und nach einer Weile drang es in leisen, dann immer lauteren Tönen aus seiner Brust:

Stäbe mit eingegrabenen Sätzen oder Worten wären besser, – man könnte Tafeln damit bilden – verschiedene Tafeln, denn sie ließen sich versetzen – aber wie ihnen Festigkeit geben? – Denn fest müßten sie zusammenhalten – sehr fest – und ganz gleichmäßig müßten sie sein – dann ginge es. – Doch ganz gleichlautende Sätze wiederholen sich nicht oft in einem Buche. Worte, Worte nur wären zweckmäßiger, – aus Worten könnte man Sätze bilden – wie man aus Buchstaben Worte – ah – mein Gott – ja, ja – das kleine Alphabet enthält die ganze Sprache – die ganze, reiche Sprache – fünfundzwanzig Chiffern! – Allmächtiger, es will tagen in mir! – Licht! – Luft!« Er faßte mit beiden Händen an sein Haupt und fast athemlos fuhr er fort: »Endlich, endlich finde ich den rechten Faden aus diesem Labyrinthe! – Das Alphabet tausendmal und abertausendmal vervielfältigt – die einzelnen Buchstaben zu Worten zusammengesetzt, – die Worte zu Sätzen, und so fort, diesem jenen Gedanken – Alles – Alles – zuerst eine Seite – ein Bogen – hundert-, tausendmal abgedruckt – und dann weiter – immer weiter – ein ganzes Buch voll – tausend Bücher. O, mein Gott! So, ja nur so kann er gelingen zum Heile der Welt – der Druck mit beweglichen Lettern!«

Auf die Knie fallend und die kleine Presse umfassend blickte sein Auge in begeisterter Andacht aufwärts – doch Worte zum Beten fand er nicht. Was sein Herz bewegte, seine Seele durchjauchzte, Alles war ja Gebet, Preis und Dank, war das unaussprechliche Gefühl einer Menschenbrust, die von der höchsten Befriedigung und der heiligsten Demuth zugleich durchdrungen ist. In Freudenthränen löste sich nach und nach die hehre Seelenstimmung; – und Gutenberg's Hand griff wieder zur Arbeit – griff nach einer Holztafel voll Chiffern und zerschlug sie in zitternder Hast in kleine Theile, dann schnitt er bedächtiger einzelne Buchstaben heraus und betrachtete sie mit unendlicher Liebe und Freude. Der eben erst geborene Gedanke voll großer Zukunft ließ keine Befürchtung, keine Sorge zu, und alle Schwierigkeiten, die sich ihm noch Jahre lang entgegenstellten, umstanden seine Wiege nur wie die Sorgen und Schmerzen des Lebens ein schlummerndes Kind, das frisch gestärkt nach langem Schlummer erwacht.

Vertieft in die neue schwierige Arbeit, bemerkte er nicht, wie Stunde um Stunde verrann, bis sich der Tag zu Ende neigte. Da erst blickte er von seiner Arbeit auf, doch nur, um eine Leuchte anzuzünden, denn noch konnte er sich nicht davon losreißen; – und emsig begann er wieder zu schnitzeln, als ihn ein harter Schlag an die Thüre und Annen's Stimme aufschreckte, welche draußen rief:

»Schnell aufgemacht – oder ich brauche Gewalt!«

Und kaum war dies ausgesprochen, als auch schon die Thüre hereinbrach und Anne mit einem älteren Manne darunter erschien. Ihr rundes Auge funkelte gierig durch den wenig erhellten Raum, dann sprach sie rauh:

»Endlich werde ich erfahren, was du hier treibst und welche Schätze du so geheimnißvoll hier anhäufst. Gewaltsam muß ich mir mein Recht verschaffen, und den einzigen Verwandten, der mir noch lebt, zu Hilfe rufen.«

Gutenberg hatte· sich bei dem gewaltsamen Einbruche hoch emporgerichtet und vor die kleine Presse gestellt, indem er schnell die einzelnen Stückchen der zerschlagenen Holztafel in ihr verbarg. Ein strafender Blick traf sein Weib, ein verächtlicher ihren Begleiter, doch zu Worten ließ ihn Anne nicht gleich kommen.

»Wie sieht es hier aus!« zankte sie fort. »Eine Spelunke voll alten Krams ist besser noch, als dieses wüste Durcheinander. Ist denn gar nichts zu finden, was mein Auge erfreut und dein ewiges Hiersitzen rechtfertigt? Sind das die kostbaren Schätze, von denen mir Lorenz einst vorfaselte?«

Sie stieß verächtlich mit dem Fuße an einen Gegenstand, der ihr im Wege lag, – da aber legte Gutenberg seine Hand mit so hartem Drucke auf ihre Schulter, daß sie darunter sich beugte, und er sagte dumpf, doch durchdringend:

»Nicht weiter, Weib – zwinge mich nicht, Hand an dich zu legen und an deinen Begleiter, – ihr könntet sonst zu dieser gewaltsam erbrochenen Thüre hinauskommen, daß Eure Neugierde für immer zu Ende wäre.«

»Nu, nu, Vetter Gutenberg, seid nicht so unwirsch!« beschwichtigte etwas ängstlich Annen's Begleiter. »Sind wir doch Verwandte. – Was schadet's Euch, daß ich hier eintrat? Und Eurem Weibe müßt Ihr schon etwas zu gute halten; thut Ihr doch auch nicht an ihr, wie's Recht ist. Sie lebt in Noth und glaubte Euch hier zwischen Goldhaufen zu finden – was Wunder, daß sie einzudringen verlangte und mich, ihren einzigen Verwandten, zu Hilfe rief. Ich hielt es gewissermaßen für eine verwandtschaftliche Pflicht, ihr beizustehen, – schlimme Absicht hatte ich nicht dabei – das könnt Ihr mir glauben, Vetter Gutenberg. Es scheint mir übrigens auch nicht, als wenn Ihr hier Schätze sammeltet?«

»Wahrlich nicht!« mischte sich Anne ein, kaum fähig, ihren Ingrimm zu meistern. »Nichts ist hier, als was ihn Geld kostet und keins einbringt. So unnütz vergeudest du deine Zeit, Johann, und fürchtest dich nicht der Sünde? Statt daß du Spiegel machst und Steine schleifst, was doch etwas eintrüge, sitzest du Tag und Nacht hier und treibst geheime Künste, die Niemand versteht und die nichts nützen. Oder kannst du es anders sagen, so rede.«

Gutenberg würdigte sie keiner Antwort. Mit verschränkten Armen stand er an seine Presse gelehnt, ruhig, todtenbleich; – nur sein Auge funkelte lebhaft und verfolgte jede Bewegung Annen's und ihres Begleiters.

Hans Riffe, der Vogt von Lichtenau, der mehr nur einer unwiderstehlichen Neugierde gefolgt war, die Anne in ihm zu erregen gewußt, als irgend einem schlimmen Begehren, fühlte einige Beklommenheit und sah sein Unrecht ein; drum suchte er auch den Beleidigten zu versöhnen und brachte allerlei Entschuldigungsgründe hervor. Da Gutenberg ihn als einen braven, aber etwas schwachen Mann kannte, war ihm Annen's ganze Schuld bald klar, allein eine schlimme Scene mit ihr lag nicht in seiner jetzigen Stimmung und er schickte sich eben an, Beide mit kurzen Worten hinauszuweisen, als Hans Riffe, eines der fertigen Büchlein erblickend, es rasch in die Hand nahm und mit sichtlicher, großer Bewunderung anstarrte. Gutenberg's erste Bewegung war, es ihm zu entreißen, doch er besann sich schnell eines anderen und beobachtete den Vogt, dessen Gesichtsausdruck sich ungemein erheiterte.

»Habt Ihr das gemacht, Vetter Gutenberg?« fragte er voll Erstaunen.

»Ja,« war die kurze Antwort.

»Nun dann,« wandte er sich zu Anne, »hat er seine Zeit nicht unnütz vergeudet, wenn er gleich nicht ein Goldmacher ist, wie du glaubtest. Das da ist auch Goldes werth.«

»Schwatzt nicht solchen Unsinn, Vetter,« murrte Anne.

»Unsinn? Ei sieh doch! Was verstehst denn du davon?«

»Wohl mehr als Ihr.«

»Schwerlich, Base. Und jetzt schweige und habe Respekt vor mir und deinem Eheherrn.«

Sie drehte sich unwillig um, er aber wandte sich wieder zu Gutenberg und fragte abermals: »Habt Ihr wirklich das gemacht – ganz allein, so wie's da ist, fix und fertig?«

»Ich hab's Euch gesagt.«

»Dann seid Ihr ein geschickter Mann, und allen Respekt vor Euch, Vetter Gutenberg. Euer Weib soll nicht mehr kommen und Klage führen über Euch – ich wollt's ihr vertreiben – Gott verdamme mich, – doch davon ein andermal. Sagt mir nur noch das eine: weshalb haltet Ihr diese Kunst so geheim und macht nicht Geschäfte damit? Ich versichere Euch, Ihr könntet viel Geld dabei gewinnen, denn dieses Büchlein da ist tausendmal schöner, als es jene waren, die ein niederländischer Händler auf der Cölner Messe zum Verkauf ausbot für theuren Preis.«

»Ein niederländischer Händler?« fragte Gutenberg mit schnell erwachtem Interesse, das seinen Aerger niederkämpfte. »Was wißt Ihr davon? Sprecht, Vogt Riffe, sagt es mir.«

»Nun, ich war gerade zu Cöln in Geschäften – es ist etwa ein halbes Jahr her – und sah mir dabei die Messe an, die eben abgehalten wurde, da drängte Alles an eine Bude. Ich drückte mich auch hindurch und sah einen Tisch voll Heiligthumsbüchlein und Bilder, das Leiden Christi darstellend und die Thaten der Heiligen; – Gott Vater auf seinem Throne, Petrus mit dem Schlüssel und die heilige Jungfrau mit dem Christuskindlein. Ich hatte noch nie dergleichen gesehen und blieb lange an der Bude stehen. Gern hätte ich meinem Weib so ein Büchlein mitgebracht, aber der Preis war mir zu hoch. Der Niederländer verlangte ein schönes Stück Geld dafür und doch waren seine Büchlein lange nicht so zierlich und fein, wie das Eure, Vetter Gutenberg.«

»Nicht? So –, doch sprecht, habt Ihr den Namen des Meisters nicht erfahren, der sie gemacht?« fragte Gutenberg mit steigendem Interesse.

»Ja, doch – wartet einen Augenblick, ich besinne mich vielleicht wieder darauf. Der Niederländer rief anpreisend aus: »»Nur zu!«« schrie er, »»kauft, ihr lieben Leute, kauft Heiligthumsbüchlein und schöne Bilder, gemacht von –««

»Lorenz dem Küster in Harlem?« fiel Gutenberg in höchster Spannung ein.

»Richtig. Ihr habt's getroffen, Vetter, Ja, ja, Lorenz Köster, so lautete, wie ich glaube, der Name.«

Das reinliche Haus in Harlem, mit Meister Lorenz und seinen Gesellen und der bleichen Marianne stand lebhaft, wie lange nicht mehr, vor Gutenberg's innerem Auge. Alles tauchte wieder vor ihm auf. – Er fragte nach dieser und jener Eigenschaft der Büchlein und Bilder; doch darüber wußte der Vogt ihm wenig Auskunft zu geben. Er kam statt aller weiteren Auseinandersetzung immer wieder darauf zurück, daß Gutenberg's Machwerk viel werthvoller sei, als jene Büchlein, die er auf der Cölner Messe gesehen.

Diese Versicherung hätte einige Stunden früher Gutenberg schwerlich zufriedengestellt, denn der Gedanke an Meister Lorenz und sein Schaffen rief zuweilen in gedrückten Stunden eine ängstliche Stimmung in ihm hervor: die Befürchtung, der Küster Harlem werde am Ende mit seinen Arbeiten der Welt noch Besseres bieten, als ihm je möglich sei; und die Kunde des Vogts, daß die Erzeugnisse seiner Kunst schon auf den deutschen Messen verkauft würden, hätte ihn ohne Zweifel darin bestärkt, wenn der neue große Schöpfungsgedanke noch nicht in ihm wach geworden wäre. So aber erschien ihm mit einemmale Alles, was er seither selbst gethan und was die Briefdrucker aller Orten zu Wege brachten und bringen konnten, klein und unbedeutend und es war mehr das persönliche Interesse, was er an dem Hause des Küsters nahm, das ihn zu seinen Fragen veranlaßte, als die Wißbegierde, wie weit der Harlemer Meister in der Kunst des Tafeldruckes wohl gekommen sein möge.

Hans Riffe, der mit Befriedigung wahrnahm, daß Gutenberg's Groll hinschwand, wurde immer freundlicher, gesprächiger, und kam darauf zurück, daß er Geschäfte mit seinen Büchlein machen solle.

»Wie wär's, Vetter,« redete er ihm vertraulich zu, »wenn Ihr eine bestimmte Anzahl Heiligthumsbüchlein machen würdet zur Aachner Wallfahrtsmesse; dort ließen sich gewiß gute Geschäfte damit machen, besonders da Eure Büchlein die des Niederländers übertreffen. Ihr könntet sie im Preise hochhalten – das gäbe Gold und Ehre.«

»Zu solchem Unternehmen, Herr Vogt,« entgegnete Gutenberg, »gehört mehr Geld, als ich besitze, und Zeit, viele Zeit und eben so viel nöthiges und theures Material, – dann die Reise. Bedenkt, so etwas ist leichter gesagt als gethan.«

»Nun,« meinte der Vogt, »wenn Ihr nur Lust dazu hättet, das Uebrige fände sich schon. Ich selbst schöße gern ein Kapitälchen dazu – für Gewinnantheil, versteht sich. Laßt es uns überlegen bei einem Becher Wein. Geh hinauf, Base,« wandte er sich zu Anne, »und bereite ein gutes Mahl – dann trinken wir dabei auf Versöhnung und gute Geschäfte.«

Gutenberg zog die Brauen finster zusammen, doch Hans Riffe achtete nicht darauf und setzte ihm alle Vortheile eines solchen Unternehmens auseinander: wie er leicht dadurch ein wohlhabender Mann werden könne und dergleichen mehr. Gutenberg fing an zu überlegen. Vor Allem, das sah er ein, mußte er für's Brod arbeiten und konnte erst, wenn er für einige Zeit dafür gesorgt hatte, mit Ruhe der neuen Idee des Druckes nachhängen. Wie schwer fiel es ihm auf die Seele, nicht allsogleich mit ungetheilter Kraft dies thun zu können. Die Unmöglichkeit stand plötzlich wie ein böser Geist vor ihm und traurig blickte er auf seine Presse.

Nehmt's nicht so schwer,« ermunterte der Vogt. »Ich kann schon einige hundert Gulden dran setzen – und bei Gott, ich will's. Die Sache leuchtet mir ein. Schlagt ein, Vetter, auf gemeinschaftliche Geschäfte – und daß Ihr sehet, wie gut ich es mit Euch meine, sollen Euch zwei und mir nur ein Theil des Gewinnes gesichert werden. Kommt, laßt uns die zerbrochene Thüre wieder herrichten und dann hinaufgehen in Eure Stube. Da stipuliren wir die Sache, und bald wird Eure ganze Häuslichkeit ein anderes Ansehen gewinnen.

Daran dachte Gutenberg nicht, aber er dachte an die Mittel, die ihm dadurch werden konnten, dann wieder lange Zeit ungestört seinen geheimen Arbeiten zu leben. Er ging nach einigem Ueberlegen auf den Vorschlag des Vogts ein und es wurde eine Uebereinkunft zwischen ihnen geschlossen, die auch Geheimhaltung der Sache bedingte. – Allein Anne konnte nicht schweigen und Andreas Dritzehn, der fast täglich nach St. Arkobast kam, wurde von ihr unterrichtet und drängte sich alsbald als Dritter in diesen Bund ein. Da Gutenberg jedoch dafür hundertundsechzig Gulden verlangte, schlug er noch einen Theilnehmer dazu vor, Anton Heilmann aus Straßburg. Riffe gab sogleich seine Zustimmung dazu, da er gern das Geschäft erweitert sah ohne sein alleiniges Risiko. Gutenberg gab auch hierin nach und so bestand jetzt die Gesellschaft aus vier Theilnehmern. Dadurch kam mehr Lebendigkeit in das einsame Haus, was Anne angenehm war, Gutenberg dagegen oft sehr lästig wurde; aber er behielt doch die stillen Nächte für sich und konnte mit mehr Ruhe an die Zukunft denken, denn er bezweifelte nicht, daß mit den Heiligthumsbüchlein auf der vielbesuchten Wallfahrtsmesse zu Aachen sich einträgliche Geschäfte machen ließen.

Was Gutenberg mit seinen Genossen gemeinschaftlich betrieb, das Steine schleifen und schneiden und Spiegel machen, wie auch unwichtigere Nebenarbeiten zu dem Heiligthumsbüchlein, geschah in einer Stube dicht neben seiner Wohnung. Seine geheime Werkstätte blieb verschlossen; er gab vor, dort die Blätter zu drucken, ein Geschäft, bei dem er nicht gestört sein wolle, und sonst weiter nichts zu treiben. Allein Anne glaubte ihm nicht, da er ganze Nächte in dieser Werkstätte verbrachte, und machte Dritzehn und Heilmann, welche sich weit eifriger als Riffe mit der ganzen Angelegenheit beschäftigten, gegen ihren Mann mißtrauisch. Doch Gutenberg verwies ganz entschieden ihr Begehren, auch den Druck zu erlernen, auf eine spätere Zeit, wo die Arbeit nicht so dränge. Was er die Nächte hindurch in der verschlossenen Kammer trieb, war und blieb sein Geheimniß – seine alleinige Arbeit – und war doch so schwer für eine Hand – und ach, so oft vergeblich! Denn welche Schwierigkeiten bot das Ausschnitzeln der einzelnen Buchstaben; wie gleichmäßig mußten sie sein – wie klein und zierlich sollten sie werden und dabei doch so stark und dauerhaft. Hunderte mißglückten, hunderte zerbrachen und unzählige waren nicht haltbar und prägten sich nicht deutlich genug aus, wenn er sie unter der Presse erprobte. Aber seine Geduld ermüdete nicht. Ueberzeugt, daß er endlich den rechten Weg gefunden, schritt er darauf fort, wenn auch noch so langsam, noch so oft gehemmt, – selbst oft wieder rückwärts geworfen, – immer und immer wieder voran, weiter – nur immer etwas weiter wieder vorwärts – so nur war ja endlich das Ziel zu erreichen – das große herrliche Ziel!

Aber seine Wange wurde dabei immer bleicher, sein Auge immer größer und glanzloser und durch seine langen, braunen Haare zog sich hin und wieder ein frühzeitiger weißer Faden.

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