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Johannes Gutenberg. Zweiter Band

Henrich-Wilhelmi Hedwig: Johannes Gutenberg. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorPaul Stein
titleJohannes Gutenberg. Zweiter Band
publisherFr. Wilh. Grunow
year1861
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20170811
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5.

Die reine, weiße Decke des Winters hatte sich über die weite Ebene um Straßburg gelagert und gab ihr eine klare, doch eintönige Färbung. Aus ihrer Mitte ragte der hohe Münster, dies heiliggroße, ungeheure Werk, das Menschenhand und Göttersinn gebildet, gleich einer Pyramide hoch empor und fesselte den Blick an seine gigantische Masse, welcher die Stadt mit ihren Häusern, Thürmen, Zinnen und Mauern demüthig zu Füßen lag. Die letzten Strahlen der Abendsonne beleuchteten eben noch die höchsten Spitzen des Münsters und übergossen sie mit jenem zauberischen Lichte, dem unwiderstehlich das Auge folgt, bis es erloschen.

Zwei Wanderer, die längs am Ufer der Ill durch den Schnee sich einen näheren Weg zur Stadt suchten, hingen mit ihren Blicken gefesselt an den strahlenden Spitzen und Zacken des hohen Thurmes, jedoch in sehr verschiedener Weise. Der kleinere und jüngere sah mit allen Zeichen einer sehnsüchtigen Ungeduld nach dem leuchtenden Thurme, während auf dem Angesichte seines Gefährten eine andächtige Bewunderung sich ausdrückte. Jener seufzte zu wiederholten Malen, und sein Schritt wurde schleppender, während dieser von frischer Kraft belebt, rascher voranschritt, so daß eine kleine Strecke Weges zwischen ihnen blieb.

»Erwins Geist umschwebt sein großes Werk in jenem himmlischen Strahle!« sprach der rasch voranschreitende Wanderer, sein Auge fest und andächtig an die hohe Kuppel des Münsters geheftet. »Großer Meister, dessen Geist selbst seine Kinder so beseelte, daß ihre Hände vollbringen konnten, was du kühn ersonnen und begonnen, nimm auch meinen Dank für dein heiliges Werk. Gott, der den erhabnen Gedanken dir gab, Seele und Körper zu seiner Ausführung dir stärkte, möge auch mir gnädig sein, daß der Bau, der meinem Geiste vorschwebt, einst so fest und unerschütterlich dastehe, wie der deine und strahlend die ganze Welt durchleuchte, wie jetzt deine sonnengeküßte Spitze diese weite Ebene. Erhabener Tempel, in dich will ich eintreten und beten um Kraft und Ausdauer, – an deinem Anblicke will ich die Gedanken meines Geistes stärken und den ermüdenden Körper zu frischer Thätigkeit anspornen. Du bedurftest Jahrhunderte zu deiner Vollendung, doch eine Hand nur zeichnete den Plan, die feste, sichere Form. Dieses zu finden – ja, sie zu finden – und dann zu sagen: so und nicht anders steige der Bau empor – so muß es sein – so ist es gut!«

Die Sonne sank unter, und nur noch in undeutlichen Umrissen war der Riesenbau in der Dämmerung zu erkennen; nach und nach verschwand er gänzlich in der Dunkelheit.

»Deine Helle soll auch die finsterste Nacht durchdringen, wenn du, mein Werk, vollendet sein wirst,« sprach Gutenberg mit lauter Stimme, als wolle er damit die dunkeln Mächte beschwören, die auch sein Werk umhüllen könnten, – dann fuhr er leiser fort: »Aus deiner kleinen, unscheinbaren Gestalt ströme einst Licht und Wahrheit über die ganze Erde und führe Vermittelnd das Geschiedene, das Widerstrebende in christlicher Liebe und menschlich schöner Harmonie zusammen. Längere Jahrhunderte, als zu deinem Aufbau nöthig waren, erhabenes Gotteshaus, werden dahingehen, bis so große geistige Vollendung meinem Werke die Krone baut;– reicht doch mein Leben kaum aus, nur seinen Grundstein zu legen! – O, nur dieses, guter Gott, laß mich erringen, und sei es erst in meinen letzten Tagen – sei es unter Mühen und Drangsalen, unter Noth und Gefahren, unter Opfern und Täuschungen aller Art! Nicht erlahmen soll die Hand, so lange die Möglichkeit der Ausführung vor meiner Seele steht, und ergeben in deinen Willen, Allmächtiger, leite du Arm und Geist zum Ziele, und nimm es dann hin, als dein alleiniges Werk.«

Gutenberg's Schritt war langsamer geworden. Lorenz hatte ihn wieder erreicht und äußerte seine Unzufriedenheit über den beschwerlichen Weg und seine nur schwer zu besiegende Entkräftung. Gutenberg suchte ihn zu ermuntern mit der Aussicht auf eine gute Herberge in der nun bald erreichten Stadt; allein Lorenz wollte davon nichts wissen. Er behauptete, der Münster laufe nun schon seit drei Stunden ihnen davon, er werde sicher jetzt, wo sie ihn nicht mehr sähen, sie erst recht necken und in der Irre umherführen, denn es sei ja auf dem Schneefelde kein menschlicher Weg noch Steg zu entdecken, und das Rauschen der Ill werde bei der zunehmenden Kälte immer leiser; sie könnten auch dieser Fährte nicht länger folgen, drum wäre es besser, in der ersten, besten Hütte um Nachtquartier einzusprechen.

Gutenberg, so gerne er auch die Stadt noch erreicht hätte, in der er einige befreundete Familien zu finden hoffte, sah doch ein, daß sie dieselbe bei der herrschenden Dunkelheit wohl schwerlich noch vor Thorschluß erreichen würden. Die Lage und Beschaffenheit Straßburgs war ihm aus Beschreibungen bekannt und er wußte, daß sie erst Brücken und Vorwerke passiren mußten, um das Thor der Stadt zu erreichen. Zudem hatten sie die Straße seit mehreren Stunden verlassen, um in gerader Richtung schneller an's Ziel zu kommen; und es war kaum anzunehmen, daß sie bei Nacht eine Brücke finden würden, über die sie einen der Flüsse oder Rheinarme, welche Straßburg umgaben, passiren konnten.

»Finden wir unterwegs ein Haus, wollen wir um Aufnahme bitten,« stimmte nach kurzem Ueberlegen Gutenberg in Lorenz Vorschlag ein.«

Doch nirgends wollte sich ein hoffnungsvoller Lichtschimmer zeigen; und so weiß auch die Schneedecke schimmerte, wurde es doch immer mühsamer, auf ihr fortzukommen.

»Wären wir noch einmal in Antonio's schönem Hause!« seufzte Lorenz.

Gutenberg's Stirne faltete sich bei diesem klagenden Ausruf seines Dieners, und in strengerem Tone, als er sonst zu sprechen pflegte, erwiderte er: »Wir haben nur zu lange dort gelebt!«

Lorenz schwieg eine Weile, dann aber murrte er wieder. »Es ist doch wahrlich kein Vergnügen, auf deutschem Erdboden, oder viel mehr Schneeboden zu wandeln. Bald, Herr, breche ich in die Knie vor Kälte und Müdigkeit.«

»Armer Lorenz,« beschwichtige Gutenberg gutmüthig. »Du trägst auch so schwer. Komm, lade deinen Bündel auf meine Schultern.«

»Nun, das fehlte Euch noch. Tragt Ihr doch schon schwer genug an dem Euren, in den Ihr all das schwere Zeug von Holz und Glas und Metall gesteckt habt, als Ihr so plötzlich von dem schönen Venedig Abschied nahmt. Hätte ich meine fünf Sinne so wenig beisammen gehabt, als Ihr damals, kein Kleidungsstück, kein Hemd, gar nichts brauchbares wäre mitgewandert, und es stände noch schlimmer um uns als es, Gott sei's geklagt, der Fall ist.«

»Es wird schon wieder besser werden,« tröstete Gutenberg. »Sind wir doch jetzt in der deutschen Heimath, am schönen Rheinstrom, wo auch die Häuser unserer Eltern stehen.«

»Wohl wahr, aber leider liegt unsere Heimath viel weiter abwärts. Wir können sie von Straßburg aus so wenig sehen, als von Venedig.«

»Doch sind wir ihr näher, können sie leichter erreichen und leben wieder auf deutscher Erde.«

»Und stecken in deutschem Schnee, – doch, edler Junkherr, Euer Wille ist der meine, wohin Ihr geht, führt auch mein Weg. Laßt Euch meine Klagen nicht anfechten – es ist meine Art so, wenn es dunkelt um mich her, zu klagen und zu murren – ich kann's nun einmal nicht leiden, nicht weit auszuschauen, es macht mir die Brust eng und ärgert mich. Das war in Venedig eine wahre Himmelsluft, so über das Meer hin den Blick schweifen zu lassen! Seht, das vergesse ich auch am Rheinstrom nicht, ja ich glaube selbst, in Eltwill nicht mehr, und wenn mich das schöne Fräulein noch eben so holdselig anlachte, wie sie damals gethan als sie mich bat, Euch zu begleiten durch die Welt.«

Gutenberg erwiderte nichts mehr auf das Geplauder seines Dieners, der sich seine Müdigkeit und Unlust damit zu vertreiben suchte.

Endlich zeigte sich ein Lichtstrahl in einiger Entfernung, den Lorenz jubelnd begrüßte. Er kam aus einem hohen, weitläufigen Gebäude, dessen dunkle Umrisse sich bald ziemlich deutlich aus dem weisen Felde abzeichneten. Der Lichtstrahl, welcher aus einem Fenster dicht unter dem Dache kam, ließ zwei spitze Thürme erkennen, die zu beiden Seiten des Hauses gleichmäßig emporstiegen.

»Das scheint ein Kloster, doch ein verlassenes Kloster zu sein,« sagte Lorenz, »da außer dem kleinen Lichtstrahl unter dem Dache, sich nirgends eine Spur des Lebens in dem großen Gebäude zeigt.«

Gutenberg sah schärfer hin und bemerkte ein Thor in der lang hinlaufenden Mauer, welche das Haus und einen großen Hofraum umschloß. Durch die Oeffnungen eines Gitters drang ebenfalls einige Helle hervor, die von einem kleinen Feuer herzurühren schien.

»Das Haus hat mehrere Bewohner,« meinte er, zu Lorenz gewendet. »Drum beruhige dich, der Eine oder der Andere wird uns bei sich aufnehmen«

»Gebe es Gott und seine Heiligen!« rief der müde Lorenz und strengte sich an, rascher zum Ziele zu kommen.

Bald war das Gebäude erreicht.

Lorenz spähte durch das Gitter des Thores. Neben an, im Erdgeschosse war ein bewohnter Raum. Ein Herd mit glühenden Kohlen, um die einige Töpfe standen, war zu erkennen, – auch zeichnete sich vorübergehend der Schatten einer menschlichen Gestalt ab. Lorenz klopfte an das Thor, doch ohne Erfolg. Da bat Gutenberg mit lauter Stimme um Einlaß, und als läg' in ihrem sonoren Klange ein Zauber, öffnete sich sogleich ein Schieber in der Mauer, und:

»Wer seid ihr? Was wollt ihr?« fragte mit rauher Stimme ein bärtiges Gesicht, das an der Oeffnung zum Vorschein kam.

»Müde Wanderer sind wir, die weiten Weges daherkommen, ehrlicher Leute Kind, guter Mann, drum nehmt uns auf für eine Nacht,« bat Gutenberg.

»Es klingt, als ob wahr sei, was Ihr sagt,« erwiderte die rauhe Stimme. »Allein Vorsicht thut Noth an so einsamem Orte. Kein Ruf dringt von hier in die Stadt, nicht einmal an die hohe Warte oder das Waghäusel, die zum Schutze der Gelegenheiten hier herum aufgebaut worden sind. Der krumme Rhein und die Ill liegen zwischen St. Arkobast-Kloster und ihnen, – drum ziehet weiter, wer bürgt mir für Euch?«

»Ich, du rauher Cerberus,« rief eine zitternde Stimme von oben.

Das Fenster unter dem Dache, hinter dem das kleine Licht brannte, hatte sich geöffnet, und das kahle Haupt eines Mönches zeigte sich unter demselben.

»Wie? Kennt ihr die Fremden?« rief der Pförtner erstaunt zu dem Mönche empor. »Nicht möglich, Pater Medardus.«

»Laß sie ein, befehl' ich dir – ich der letzte Mönch von St. Arkobast. Siehst du den glänzenden Stern denn nicht, der heute zum erstenmale über dem einsamen Kloster steht? Er verkündet ihm Heil; – mach auf – laß sie ein – säume nicht länger.«

»Mag's drum sein!« brummte der bärtige Mann, öffnete die Pforte und führte die Halberstarrten in seine Stube, theilte sein ärmliches Mal mit ihnen und schien bei genauerer Besichtigung Vertrauen zu ihnen zu gewinnen. Er wurde freundlicher und entschuldigte gewissermaßen seine Weigerung, sie einzulassen, indem er ihnen erzählte, daß er und der alte Klosterbruder die einzigen Bewohner des großen Gebäudes wären; – das Kloster sei bestimmt, einzugehen, da seine abgesonderte Lage bei den häufigen feindlichen Angriffen auf Straßburg es stets in Noth und Gefahren versetze; – die Mönche seien bis auf Medardus ausgestorben und die Stadt wolle die Realitäten verpachten, – bis jetzt habe sich jedoch Niemand dazu gefunden. Die oft bedrohte Lage des Ortes abgerechnet, sei noch gar mancherlei, was die Leute abhalte, hier ihre Wohnung aufzuschlagen. »Geister,« fuhr er geheimnißvoll fort, »gingen in dem alten Gebäude um und der nahe Galgenbühl erwecke trotz seiner heiligen Kapelle bei Jeden Grauen, denn obgleich Bischof Arkobast ein Bethaus dem heiligen Ulrich geweiht, darauf errichtet habe, und seine eigenen Gebeine darin begraben lägen, lebe doch noch die Erinnerung an die frühere Bestimmung dieses Ortes in Aller Gedächtniß, und die Sage gehe, daß die Seelen der Verbrecher, welche einst hier am Galgen geendet, das weite Binnenfeld rings umher und abwärts bis an den krummen Rhein und über St. Arkobast hinauf bis an die Marxkapelle durchwandeln müßten, um fort und fort ihre Gebeine zu suchen, die aus dem Hügel gebleicht, nun in der Huth des frommen Bischofs ihnen vorenthalten blieben bis zum Tage der Auferstehung. Er selbst, setzte der Erzähler hinzu, habe nur ungern die Stelle eines Wächters über das Gebäude und den alten, kindischen Mönch übernommen, und nur ganz besondere Umstände hätten ihn dazu vermocht.

Lorenz überlief ein Schauder bei dieser Erzählung, und als Gutenberg sich erhob und den Wunsch aussprach, in einer Zelle zu übernachten, machte er eine abwehrende Bewegung und ließ sich seines Herrn Befehl, an dem Feuer sich niederzulegen, nach kurzem Widerstreben gefallen. Der Wächter des Hauses führte seinen Gast in eine noch gut erhaltene Zelle, in der sich nebst einer Lagerstätte, ein Tisch ein Stuhl und ein Betpult befand. Todtenstille herrschte in dem weiten Gebäude. Ein ungestörter Schlummer erwartete den Müden. Gutenberg streckte sich, verlangend nach Schlaf und Ruhe auf dem harten Lager aus – doch umsonst. Gerade die lautlose Stille regte seine Nerven aus, die von allzu großer Ueberanstrengung nicht zur Ruhe kommen wollten. Nach einigen Stunden vergeblichen Umherwerfens erhob er sich wieder, trat an das Fenster und sah in die nächtliche Landschaft hinaus. Der Mond war inzwischen am Himmel aufgezogen und erhellte mit seinem eigenthümlichen, geheimnißvollen Lichte das weite Schneefeld. Vorn lag die Stadt, umschlossen von ihren Schutzmauern und Zinnen in undeutlichen Umrissen, und nur der riesige Dom stand fest und bestimmt auch in der nächtlichen Beleuchtung da. Sonst bot die Ebene kein deutliches Bild, ihre kleinen, hügelartigen Erhöhungen, ihre einzelnen Bäume und Gesträuche, selbst die hohe Warte, die, ein festes, gethürmtes Bollwerk zwischen dem Rheinarme, der krumme Rhein, oder Krümmich genannt, und der Ill sich erhob, erschien nur wie ein dunkles unbestimmtes Etwas aus der weißen Fläche. Diese geheimnißvolle Monotonie, diese Stille, diese Einsamkeit, wirkten mehr als ein belebtes, heiteres Bild auf Gutenberg's Phantasie. Aus ernstem Sinnen führte ihn dieses phantastische Geisteskind unwillkürlich in seine poetische Welt hinüber und nahm mit zauberischer Macht seinen hellen Geist gefangen.

Aus der stillen Ebene drangen süße Heimathstöne an sein Ohr; – der Kindheit Freuden, – der Jugend heilig Sehnen ihm in holden Lauten vorzuführen. Margarethe, Katharina murmelten seine Lippen. Die schöne Bürgerstochter, mit ihrer blühenden Gestalt, voll Liebe, Trotz und Hochmuth – reichte ihm versöhnt die Hand. Katharinas zartes engelgleiches Angesicht mit den träumerischen, blauen Augen lächelte in süßem Schmerze ihn an und ihre weiße, durchsichtige Hand zeigte in die Ferne. Dort aus den Nebeln entwickelte sich die Werkstätte zu Harlem. Er sah den Meister, die emsigen Gesellen – er sah wie sie in ihrer Kunst immer weiter kamen, sah sein Büchlein und viele andere noch, um sie her liegen, und kalte Tropfen traten auf seine Stirn. »Mein Büchlein, Marianne!« rief er leise hinaus und seine Brust beklemmte sich. – Da stand das bleiche, stille Kind vor ihm, sein Geschenk fest an das Herz gepreßt – und er athmete wieder freier. Sein Blick suchte den Himmel und traf den glanzvollsten seiner Sterne. Er strahle ihm entgegen, leuchtend wie Angela's Auge. Heiße Gluth überzog sein Angesicht, durchströmte seine Adern, sein Herz – alle seine Pulse pochten stürmisch, – die menschliche Leidenschaft, das natürliche Verlangen eines jungen Lebens wurden noch einmal mächtig in ihm – und:

»Angela, süßes, geliebtes Weib,« stammelte sein Mund.

Da schlug es Mitternacht von dem hohen Dome. Deutlich und klar trug der Abendwind den Schall an sein Ohr und er drang wie eine mahnende Stimme aus heiliger Höhe in seine Seele. Sein glühender Blick, der verlangend an dem glänzenden Sterne gehangen, senkte sich und auf die Knie fallend und seine Hände faltend lag er in langem Gebete vor Gott. Alle Wünsche und alle Freuden des eignen Selbst ihm anheimzugeben, der eine andere Bahn ihm vorgezeichnet, als das Streben nach menschlichem Glück, der mit dem göttlichen Odem, mit dem er ihm die Seele eingehaucht, auch dieser den Gedanken gab, der ihn über jedes selbstsüchtige Verlangen stellte. Klarheit und Ruhe kehrten ihm wieder. Zufrieden lehnte er sein Haupt an den Betstuhl an, der neben ihm stand, und entschlummerte nach kurzer Weile.

Der Mond kam inzwischen in seinem stillen Laufe dem Fenster der Zelle gegenüber und schaute freundlich auf den Schläfer, beleuchtete mit seinem sanften Lichte das bleiche Angesicht desselben und umsäumte seine lichtbraunen Locken mit einem hellen Goldrande.

Da öffnete sich unhörbar die Thüre der Zelle und der letzte Mönch von St. Arkobast trat herein, leise und gespenstisch wie ein dem Grabe Entstiegener. Seine welke Hand trug ein Crucifix und an dem Strick, der sein schwarzes Gewand zusammenhielt, hing ein Rosenkranz. Er näherte sich Gutenberg und sah lange und forschend auf ihn nieder, dann machte er das Zeichen des Kreuzes über ihn und murmelte:

»Er ist es wirklich, den ich so lange ersehnt. Der Heiligenschein um sein Haupt bekundet seine göttliche Sendung. Nun kann ich ruhig zu Grabe gehen, – bin ich doch nicht der letzte Priester in St. Arkobast; dieser Gottgesendete wird mir nachfolgen und einen neuen Orden hier stiften. Du heilig Haus sollst nicht untergehen im Gedächtniß der Menschen. Ja, ja, was die beschließen, die sich die Weisen der Erde dünken, durchkreuzt Gottes Wille. Ein Wunder geschieht und ihr Thun wird zu nichte. Mit mir solltest du, heiliger Ort, in Vergessenheit dahinsinken – aber nimmermehr – Gottes Gesandter zieht ein, und dein heiliger Name lebt ewig.«

Er lächelte in kindlich frommer Weise vor sich nieder, dann breitete er segnend seine Hände übers dem Schläfer aus und fuhr fort: »Du wirst erwachen, wenn der Tagesstrahl das bleiche Mondlicht verdrängt – ich werde dann schlafen gehen für immer. Gott sei mit uns Beiden!« –

So leise, wie er gekommen, verließ er die Zelle wieder. Am andern Morgen fand man ihn todt auf seinem Lager. Der letzte Mönch, der wunderliche Alte von St. Arkobast ist zur ewigen Ruhe eingegangen, – hieß es in der Stadt – und alle Räumlichkeiten des großen Gebäudes wurden zur Benutzung ausgeboten. Doch Niemand meldete sich in dem Kloster, das Geister beherbergte, und von Spukgestalten und andern Gefahren umgeben war, seine Wohnung aufzuschlagen.

Gutenberg hatte nach seinem nächtlichen Aufenthalte darin, neu gestärkt die Stadt erreicht und suchte dort einige befreundete Familien auf, deren Namen und Verhältnisse er von seinem Elternhause her kannte. Man nahm den vielgewanderten Sohn aus einem angesehenen Patrizierhause des mächtigen Mainz freundlich auf und suchte ihn in die vornehmeren Kreise der Stadt zu ziehen. Seine gebietende Gestalt, sein schönes männliches Angesicht, seine sauste Art und Weise, wie seine ansprechenden Manieren, die in Antonio's Hause die deutsche Rauhheit gänzlich abgelegt hatten, gewannen ihm schnell das Wohlwollen Aller, besonders das der Frauen, die sich bemühten, den Mainzer Junkherr für immer an Straßburg zu fesseln.

Er schrieb nach langer Zeit wieder einmal den Seinen und die Trauerkunde wurde ihm, daß sein Vater gestorben. Zugleich erhielt er seinen Antheil an dem väterlichen Erbe, das jedoch nur aus einer sehr kleinen Summe Geldes bestand. Der alte Genßfleisch hatte noch zu Lebzeiten seinem Sohne Frielo den bei weitem größten Theil seines Besitzthums hingegeben, da dessen Lebensweise ihn immer und immer wieder in Schulden und Ungelegenheiten stürzte. Doch Gutenberg, weit entfernt, an dem unbedeutenden Erbe zu mäkeln, war dankbar für die Hilfe in der Noth, denn er wußte in der ersten Zeit nicht, mit was seinen Aufenthalt in Straßburg fristen. Die mechanischen Fertigkeiten, welche er besaß, im Dienst um das tägliche Brod auszudeuten, fiel ihm schwerer, als er gedacht, besonders in einer Stadt, in der seine Standesgenossen dasselbe Vorurtheil hatten, welches ihn aus der Heimath fortgetrieben. Hier wie dort galt dem Adel die Arbeit der Hände, wenn sie auch noch so Schönes und Nützliches lieferte, für eine Entwürdigung ihrer Lebensstellung, das gewerbliche Treiben nur für eine Sache, dem Bürgerlichen ganz allein zugehörig. Zudem lag es nicht in Gutenberg's Sinn, als ein Gewerbtreibender seinen Lebensunterhalt zu finden. Was er lernte, ersann und mit seinen Händen ausführte, galt ihm als ein Mittel zu dem hohen Zwecke, der ihm vorschwebte, war ihm die Stufenleiter, um auf die Höhe einer Kunst zu gelangen, deren Ausübung eine göttliche, eine welterschütternde werden mußte. – Das gesellige Leben unter dem Adel in Straßburg fing an, Rechte an seine gastliche Person geltend zu machen, was durchaus seinen Neigungen nicht entsprach und schnell das kleine väterliche Erbtheil aufzuzehren drohte.

Diesem zu entgehen, suchte er eine der Stadt entfernte Wohnung, und das Kloster St. Arkobast fiel ihm wieder ein. Noch standen seine Räumlichkeiten unbenutzt, bis auf die Stube des Wächters. Gutenberg miethete sich hier ein und suchte einige taugliche Gemächer für sich und Lorenz aus. Man nannte ihn einen Sonderling und ein neugieriges Interesse verfolgte ihn noch längere Zeit – so lange, bis der adelige Junkherr aus seinen mechanischen Kenntnissen eine Erwerbsquelle machte, Steine schliff und kleine Spiegel zum Verkauf anfertigte. Die Nothwendigkeit trieb ihn dazu. Seine bescheidene Einrichtung hatte einen Theil seines Erbes aufgezehrt, den andern seine geheimen Arbeiten.

In einem entlegenen Gemache des ehemaligen Klosters saß er Stunden, Tage und häufig auch Nächte hindurch und arbeitete und mühete sich, nur zu häufig in vergeblichen Versuchen ab. Hier lag ausgebreitet vor ihm, was er in tagelangen einsamen Arbeiten zu Stande gebracht, und ihn noch keineswegs befriedigte. Die Holztafeln mit den eingeschnittenen Buchstaben und Bildern, die unzähligen Versuche, sie in leichter Weise abzudrucken und zu vervielfältigen – Farbentöpfe – verschiedene Tinten – Reiber – und Anfänge zu Pressen ähnlichen Apparaten; dann Papier, Pergament, Leinwand, Leder und Metall, wie Handwerkzeug aller Art. Jeder Tag häufte das Material; doch bald fehlten die Mittel dazu, wie auch für die täglichen Bedürfnisse Für beides mußte Rath geschafft werden.

Gutenberg errichtete noch eine andere Werkstätte und Lorenz ging in die Stadt und suchte Arbeit dafür. In den hellen Stunden des Tages schnitt oder schliff er dort Steine, und polirte Spiegel. Die Kunst, die er in Venedig erlernt, mußte ihm in Straßburg Brod erwerben, noch mehr, mußte ihm die Mittel geben, um in jahrelangen, vielleicht fruchtlosen Versuchen einem Gedanken nachzujagen, dessen Endziel mit magnetischer Kraft sein Sinnen und Trachten fest hielt und alle seine Handlungen bestimmte. Alles, was ihn darin störte, wurde ihm peinlich, weshalb er auch den Verkehr mit Menschen möglichst vermied und Lorenz zum Vermittler zwischen ihnen und seinen Arbeiten machte, so weit dies nur anging. Der treue Diener lebte sich mit seinem Herrn so in dies einsame Leben hinein, daß er sich nur einmal dagegen auflehnte, als nämlich die Nachricht von Mainz eintraf: die Patrizier hätten sich mit den Zunftgenossen verständigt und die meisten von ihnen seien wieder in die Vaterstadt zurück gekehrt. Unter denen, die namentlich dazu aufgefordert worden, befand sich auch Johann Genßfleisch der junge, genannt zum Gutenberg. Da wollte der rheingauer Schiffer aufbrechen und nach der Heimath ziehen. Alle lieben Erinnerungen aus ihr wachten in ihm aus, doch Gutenberg hatte sich an den einsamen Aufenthalt so fest gekettet, daß dieser Heimathruf ihn nicht davon loszureißen vermochte. Ihm erschien er nur als eine neue Störung seiner Arbeiten, eine Unterbrechung, die er nicht verantworten konnte, und so sehr sein Herz auch darnach verlangte, die alte Mutter wiederzusehen, den Segen des am Grabe stehenden Martins zu empfangen, und zu hören, was aus Katharina geworden, verschob er doch immer und immer wieder selbst eine Reise nach Mainz, die ihn jedenfalls längere Zeit von seiner geheimen Werkstätte getrennt hätte. Er blieb in dem Kloster zum heiligen Arkobast und Lorenz hütete nach wie vor den Meister und seine geheimen Arbeiten, deren Zweck er nicht kannte und zuweilen selbst ein Grauen davor empfand, denn obgleich er auf die Gottesfurcht seines Herrn schwor, wie auf die Wahrheit des Evangeliums, erfüllte sein geheimnißvolles Schaffen, von dem er keinem Menschen Rechenschaft gab, doch zuweilen seine Seele mit einem unheimlichen Gefühle, das der Aufenthalt in dem großen, leeren Gebäude voller Geisterspuk mitunter zu einer schlimmen Krisis steigerte, in der er Gutenberg's sonderbares Treiben zu allen Teufeln wünschte – dann ihm aber wo möglich immer wieder mit doppelter Liebe und Treue anhing.

So gingen mehrere Jahre vorüber in Forschung, Arbeit, Mühen und Sorgen.

Gutenberg, der eine jährliche Rente, die ihm seine Mutter in besseren Zeiten angekauft, von der Stadt Mainz zu beziehen hatte, wurde diese, da er auf ihren Ruf nicht zurückkehrte, vorenthalten und alle Mahnungen darum, wie selbst die Vermittlung seiner Mutter blieben fruchtlos. So kam er, als das kleine väterliche Erbe aufgezehrt war, in große Noth und er mußte mehr an den täglichen Erwerb, als das Fortschreiten der Druckkunst denken, was ihn mit namenloser Pein erfüllte. Nach Mainz zurückkehren wollte er nicht früher, als bis er Wesentliches darin erreicht hatte; wollte nicht mit dem noch so Unvollkommenen vor seine Mutter treten, nicht vor Katharina, nicht vor den alten Lehrer, und ihre Sorgen um ihn mehren; noch weniger mochte er von ihnen an eine Umkehr von seinem Wegen gemahnt werden – und er fürchtete es, wenigstens von Martin und seiner Mutter. Drum besser, er blieb der Heimath vorerst noch fern. Sehen wohl wollte er die Lieben einmal wieder, doch nur, um sie an das Herz zu drücken und dann wieder zu scheiden. Aber dazu fehlte ihm das nöthige Geld – auch geizte er mit der Zeit, und die Reise nach Mainz wurde immer wieder hinausgeschoben.

Da kehrte eines Tages Lorenz fast athemlos aus der Stadt zurück und berichtete, daß der Stadtschreiber Nikolaus aus Mainz sich in Straßburg befinde, und Gutenberg mit Fug und Recht zustände, ihn festzusetzen, bis seine Vaterstadt ihn auslöse, indem sie die ihm zugehörige jährliche Rente auszahle.

Gutenberg besaß ein Schriftstück darüber, wo es unter anderem hieß, daß, sobald ihm diese Rente nicht richtig ausbezahlt würde, Bürgermeister und Rath der Stadt Mainz dafür einstehen müßten, und er sie greifen und pfänden lassen dürfe, wo es auch sei.

Daran gründete sich sein Recht auf die Person des Rathschreibers, und so ungern er sich auch zu einem gewaltsamen Schritte bewegen ließ, war es doch eine zu große Nothwendigkeit für ihn, Geld zu bekommen, als daß er sich nicht entschlossen hätte, der Mahnung seines Dieners zu folgen. Er begab sich sogleich mit Lorenz nach Straßburg und fand den Stadtschreiber dort in einer Schenke; er besprach sich mit ihm, und erst, als sich dieser zu keiner gütlichen Vereinbarung entschloß, führte er Klage gegen ihn und ließ ihn gefangen nehmen. Empört darüber blieb der städtische Vorstand zu Mainz bei der Verweigerung die Rente auszuzahlen, und wendete sich an den Rath von Straßburg um Freigebung des Gefangenen. Gutenberg, dessen friedlicher und humaner Sinn sich auch bei dieser Gelegenheit bewährte, gab nach und traf eine Uebereinkunft mit dem Stadtschreiber, worin dieser sich verbürgte, gleich nach seiner Heimkehr dreihundert Gulden, abschläglich der Rente an einen Vetter Gutenberg's auszuzahlen.

Da es nun längst schon in seinem Sinne gestanden, seine Mutter zu besuchen, den Segen seines alten Lehrers sich zu holen und zu sehen, was aus Katharina geworden, beschloß er, dieses Geld selbst in Empfang zu nehmen, – lieh eine kleine Summe darauf und machte sich ungesäumt aus den Weg nach Mainz, Lorenz als treuen Wächter in St. Arkobast zurücklassend.

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