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Johannes Gutenberg. Zweiter Band

Henrich-Wilhelmi Hedwig: Johannes Gutenberg. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorPaul Stein
titleJohannes Gutenberg. Zweiter Band
publisherFr. Wilh. Grunow
year1861
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20170811
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2.

So kam es denn auch. Der Zeitraum weniger Jahre veränderte das Haus des Küsters von Harlem sehr wesentlich. Herrschte auch immer noch in allen Verhältnissen ein geordneter, stetiger Gang, zeigte sich doch ein ganz anderes Leben darin als früher. Von dem pekuniären Vortheile, den ihm die Arbeit vieler Hände brachte, wurde das ängstliche Mißtrauen des Küsters überwunden und zwar so, daß er es räthlich fand, bald nach Gutenberg's und Kuno's Aufnahme, noch mehrere Gehilfen ihnen beizugesellen. Dadurch wurde es laut in dem stillen Hause – und Dortens ruhige Tage waren dahin.

Sie war jedoch zufrieden mit dieser Veränderung, denn der schnell sich mehrende Wohlstand ihres Herrn galt ihr wie ein eignes Gut, da sie die geheime Hoffnung hegte, einst noch von der Dienerin zur Frau des Hauses emporzusteigen. Allein es ging nicht so schnell damit, als sie gehofft; so ungehindert ihr Herr sie auch im Hauswesen schalten und walten ließ und ihr darin viele Herrscherrechte einräumte, schien ihm doch der Gedanke nicht kommen zu wollen, die hübsche Haushälterin zur Frau Küsterin zu machen. Dorte besaß jedoch in allen Dingen Geduld und Ausdauer und gab diesen Lieblingswunsch keineswegs aus, war übrigens zu ehrenhaft, um dem Küster in verlockender Weise entgegenzukommen und wartete lieber mit stoischer Ruhe den rechten Augenblick ab, in der sichern Zuversicht, daß er endlich kommen müsse. –

Die Erfindung, von Holztafeln vielfältige Abdrücke zu machen, welche der Küster mehrere Jahre als geheime Kunst allein betrieben, war jetzt bei ihm zu einem offenen Geschäfte geworden, das ihm viel eintrug und ihm den Namen Lorenz Küster der Briefdrucker erwarb. Diese Kunst blieb jedoch noch immer eine sehr unvollkommene, mühsame und sehr 'langsam sich entwickelnde Sache und beschränkte sich vorerst aus Heiligenbilder mit kurzen Textworten zur Erklärung derselben, oder kleinen Bibelsprüchen.

Dennoch brachte es Meister Lorenz vielen Gewinn, da die Heiligenbilder sehr gesucht und theuer bezahlt wurden. Dies mochte mit dazu beitragen, daß es mit der Vervollkommnung des Holztafeldrucks nur sehr langsam vorwärts ging und der Küster mehr damit spekulirte, als durch neue Versuche, welche Opfer kosteten, ihn zu verbessern strebte. Er beschickte die Messen mit den Erzeugnissen seiner Werkstätte und Kuno, welcher weniger Geschmack an der Arbeit selbst fand, wurde von ihm als Verkäufer benutzt und war dadurch häufig abwesend. Gutenberg dagegen verließ nur selten die Werkstätte, noch seltener das Haus, – Eigenschaften, die ihn dem Meister werth, bald unentbehrlich machten, denn es lag Köster viel daran, seine Gehilfen an seine Person und sein Haus fest zu ketten, damit durch sie seine Erfindung nicht weiter verbreitet und so sein Vortheil geschmälert werde. Gutenberg's gutes Beispiel ermunterte zur Nachahmung und hatte eine bestimmte, strenge Hausordnung, wie selbstverständlich zur Folge. An den Wochentagen verbrachten die Gesellen die kurzen Feierstunden zu Hause; der Sonntag gehörte theils der Kirche, theils wurde er zu gemeinschaftlichen Spaziergängen verwendet, denen beizuwohnen der Meister selten unterließ. Gutenberg arbeitete gewöhnlich selbst am Feierabende noch, ja oft Nächte hindurch in seinem Kämmerlein, das er mit keinem der Gehilfen, auch nicht mit Kuno theilte. Diese Vergünstigung hatte er sich mit Dortens Hilfe zu erringen gewußt, und unter den Hausgenossen verbreitete sich dadurch, freilich nur im Scherze das Gerücht: der ernste deutsche Geselle befasse sich mit geheimen Künsten.

War er einmal nicht in der Kammer oben, dann saß er neben Marianne und sah ihr zu, wie sie zeichnete und malte, oder auch sich mühte, Figuren in Holztafeln einzuschneiden. In der letzteren Kunst unterwies er sie und dies machte ihr Freude – weniger die Sache selbst. Es ging ihr zu langsam von statten; war sie doch viel schneller mit Umrissen auf dem Papiere fertig und fand diese dazu noch viel anmuthiger. Doch auch nur selten genügte ihr eine Zeichnung, meistens warf sie die halbvollendeten Skizzen bei Seite und fing etwas neues zu entwerfen an.

»Es wird nie so, wie es vor meiner Seele steht,« klagte sie Gutenberg ; und insgeheim klagte er ihr nach:

»Wann wird meiner Hände Werk so werden, wie mein Geist es verlangt, soll nicht Alles nur Phantasiegebilde bleiben!«

Er beschäftigte sich gerne mit Marianne, deren sinnige Weise ihm theure Erinnerungen aus der Heimath vorführte. Hatten sie gemeinschaftlich irgend eine Arbeit vollführt, strahlte ihr blaues Auge ihn so innig an, daß es ihm war, Katharina's Blick weile auf ihm, und ein Gruß der fernen, lieben Seele berühre die seine, dann faßte er wohl auch von süßem Weh ergriffen, des Mädchens Hände, und der Ton wurde inniger, in dem er mit ihr sprach. So kam es denn, daß der deutsche Geselle mit den langen braunen Locken der Tochter des Küsters immer theurer wurde.

Um die andern Hausgenossen kümmerte sich Marianne wenig; Kuno vermied sie sogar, seine freien Manieren verletzten sie und sein Humor, der ihm Dortens besondere Zuneigung erhielt, schreckte sie von den Gesellen zurück. Nur mit dem jungen Lorenz war sie noch freundlich, der als ein gefälliger, dienender Bursche, die Gunst Aller besaß.

Wenn Gutenberg Heimweh überkam, dann suchte und fand er Beruhigung bei Marianne. Ihr allein mochte er von seiner Heimath erzählen, von der theuren Mutter und der lieben Base, die ihr ähnlich sähe und dem guten Pater. Sie befragte ihn nie neugierig nach Stand und Namen der Seinen; – das Bild genügte ihr, das er mit Liebe von ihnen entwarf, und wenn er ihr Auge mit dem Katharina's verglich, war es ihr, sie müsse ihm eben so theuer sein, wie die ferne Verwandte und damit war sie zufrieden. Klagte er, daß er erst einmal Nachricht von zu Hause erhalten, suchte sie ihn zu trösten und vertraute ihm, was sie Schönes und Liebes allnächtlich von den Seinen träume und daß ihre Träume selten trügen. So hätte sie auch ihn schon im Traume gesehen, ehe er ihr Haus betreten, und das allein habe sie damals bewogen, mit Dorte gemeinschaftliche Sache zu machen, um den Vater zu bestimmen, die fremden Gesellen aufzunehmen.

Meister Lorenz bemerkte bei dem Eifer, mit dem er seine Kunst und den Handel mit den Erzeugnissen derselben betrieb, das innige Hinneigen seines Kindes an Gutenberg nicht. Allein Dorte wurde es plötzlich bemerklich; es fiel ihr mit einem Male auf, daß Marianne kein Kind mehr sei, wie sie es zu der Zeit gewesen, als die Gesellen in's Haus gekommen, und es erschien ihr nachgerade nothwendig, ihren Herrn auf die Gefahr aufmerksam zu machen, die dem Herzen seines Kindes drohe. Gefiel ihr auch die Person Gutenberg's wie sein ganzes Wesen, so war es doch sehr fraglich, ob sich seine Herkunft und seine Vermögensverhältnisse für die Tochter des Küsters schickten, der täglich reicher und angesehener wurde. Noch waren ihr diese Dinge gänzlich unbekannt; denn trotz dem, daß sie von Neugierde keineswegs frei war und bereits Alles aufgeboten hatte, Kuno über diesen Punkt zum plaudern zu bringen, war es ihr doch noch nicht gelungen, darüber etwas Gewisses zu erfahren. Daß Kuno sie hier absichtlich in der Irre herumführe, durchschaute sie und das machte ihr die beiden Gesellen mitunter verdächtig. Aber Kuno war nun einmal ihr Liebling, und Gutenberg wurde für Meister Küster immer unentbehrlicher. Sorge um Marianne, verbunden mit dadurch gesteigerter Neugierde, wie auch der Entschluß, ihre eignen Wünsche und Hoffnungen endlich in Erfüllung zu bringen, drängte ihr die Nothwendigkeit auf, um jeden Preis eine vertrauliche Unterredung mit ihrem Herrn herbeizuführen. Allein das war eine schwere Sache geworden, seit das stille Haus sich in ein geschäftliches verwandelt hatte. Nirgends zeigte sich eine passende Stunde, ein geeigneter Ort dafür. Der Meister hatte so vielerlei zu thun, war selten ungestört, und kamen einige ruhige Augenblicke, schloß er sich in seine Stube ein und war für Jedermann unzugänglich

Doch Dorte hatte nun einmal beschlossen, den Meister eine Stunde für sich allein zu haben und überwand mit frischem Muthe alle kleinlichen Bedenklichkeiten, entfernte, selbst auf die Gefahr hin, gescholten zu werden, die Gesellen sammt Lorenz eines Abends mit allerlei Aufträgen aus dem Hause – eine·Sache, die sie noch nie gethan hatte. Nur Gutenberg wagte sie nicht, um einen derartigen Dienst zu bitten und sie mußte es eben geschehen lassen, daß er allein bei Marianne blieb, als sie ihren Herrn mit wichtiger Miene abrief, und ohne ihm eine Erklärung zu geben, ihn in ihr jungfräuliches Gemach führte, in dessen Heiligthum noch nie ein männliches Wesen getreten war.

»Denkt nichts Uebles von mir, daß ich Euch hieher führe,« hob sie, nicht ohne einige Verlegenheit an, doch schnell gefaßt, denn einmal mußte der·erste Schritt geschehen, setzte sie beherzt hinzu: »Man hat nirgend ein Plätzchen mehr im Hause, wo sich ein vertrauliches Wörtchen reden läßt, absonderlich mit Euch, Herr Lorenz. Ihr begrabt Euch so völlig in Eure Geschäfte, daß für Unsereins Euch keine Minute Zeit mehr bleibt.«

»Darfst darüber nicht klagen, Dorte,« erwiderte der Küster verwundert. »Du gabst die erste Veranlassung dazu. Denke nur darüber nach; – übrigens ist es gut ausgefallen.«

»Ja, ja. Ihr werdet reich dadurch – aber die Dorte, die hat nichts davon, als das Schlimme, was neben dem Guten herläuft, daraus habt Ihr freilich nicht das geringste Augenmerk – und will ich einmal meines Herzens Last erleichtern, muß ich allen Anstand bei Seite setzen, und Euch fast mit Gewalt hier in mein Kämmerlein führen.«

»Was ist's denn? Was hast du, Dorte? Du machst mir wirklich bange. Ist im Hause etwas Schlimmes vorgefallen?«

»Wie man's nimmt, Herr. Doch vor allen Dingen will ich von mir beginnen, – denn am Ende hat der Mensch auch Pflichten gegen sich selbst, obgleich ich dies, seit ich in Eurem Hause bin, ganz außer Acht gelassen habe. Mehr als zehn Jahre bin ich nun in Euren Diensten, – meine schönste Lebenszeit ging darüber hin, und nie hätte ich geglaubt, daß Ihr meine Treue und Anhänglichkeit so lange unbelohnt lassen würdet.«

»Was verlangst du denn dafür? Sag's frei heraus,« mahnte verwundert der Küster, und fügte hinzu, daß er recht wohl wisse, daß sie ihm unentbehrlich sei und er gerne ihre Dienste reichlich belohnen wolle.

»Lohn und immer nur Lohn,« murrte Dorte. »Von Dankgefühl und Anhänglichkeit kein Wort. Ich werde doch nicht ewig Eure Magd bleiben sollen, Meister Lorenz? Nu, das wäre mir eben recht. Drum hört: wie ich da vor Euch stehe, trete ich demnächst in mein dreißigstes Jahr ; noch sehe ich passabel aus, ein paar Jährlein später nennt man mich alte Jungfer, und das, Herr, ist ein Titel, nach dem ich nicht trachte und wie ich denke, es auch nicht nöthig habe, sobald ich mich verheirathen will.«

»Was zum Henker ist in dich gefahren, Dorte?« rief voll Erstaunen der Küster, indem er sie von oben bis unten maß und dabei bemerkte, daß sie wirklich eine gar hübsche und stattliche Person sei, und beinahe zu viel Anstand und Würde für eine Dienerin habe.

»Gar nichts besonderes ist in mich gefahren,« erwiderte sie ruhiger. »Denn längst ist es fest in mir beschlossen, nur als Frau in das dritte Jahrzehnt meines Lebens einzutreten.«

»Ich meine,« fiel der Küster ein, »daß du dies schon vor vier Jahren gethan?«

Dorte wurde wieder unruhiger, doch warf sie nur verächtlich hin: »Was wißt Ihr denn davon? Ich habe Euch meinen Taufschein nie gezeigt, und kurz und gut, Ihr könnt Euch nun nach einer andern Magd umsehen, oder – was besser für Euch und Euren Haushalt wäre, um eine Ehefrau.«

Der Küster riß seine Augen weit auf und starrte die Magd fragend an. Sie fuhr fort:

»Eurem Kinde ist eine Mutter jetzt noch mehr von Nöthen, als in der Zeit, wo ich das arme Waislein über den Tod Eures Weibes zu trösten hatte; – denn das Herz fängt an, sich bei Marianne zu regen, – das Kind ist kein Kind mehr, und ein Mutterauge muß über ihr wachen, soll's kein dummes Zeug geben.«

»Wie, was sagst du von Marianne?« fragte der Küster von einem Erstaunen in's andere fallend.

»Ei, Herr, habt Ihr denn nichts als Eure Geschäfte im Sinn, und merkt nicht, daß Eurem Töchterlein und Eurem ersten Gesellen die jungen Herzen stärker klopfen, als zu Nutz und Frommen für Euer Haus ist? Ihr denkt zu wenig über Dinge nach, die doch auch nicht gerade Sache der Magd sind, und wenn ich das Mädchen nicht wie eine Tochter liebte, hätte ich geschwiegen und es Euch überlassen, über dem Glücke Eures Kindes zu wachen.«

»Wie kann ich an solche Dinge denken?« fiel der Küster erschrocken ein. »Das mußt du thun, Dorte, drum aber darfst du auch nicht fort aus meinem Hause. Wie magst du nur solches denken?«

»Das ist nun einmal nicht anders, Herr. Ich habe meinem Schutzpatron einen heiligen Eid geschworen: nicht länger als bis zum dreißigsten Jahre ledigen Standes zu bleiben,« erwiderte Dorte feierlich. »Was kann ich da noch ändern, selbst wenn ich wollte? Ich darf doch nicht meineidig werden.«

»Nun dann in Gottesnamen, wenn du durchaus heirathen mußt,« erwiderte der Küster mit einem tiefen Athemzuge, »so heirathe ich dich lieber selbst, als daß ich dich ziehen lasse.«

»Endlich!« jubelte Dorte in ihrem Innern, doch sagte sie mit vieler Gelassenheit: »Ihr? So, so – ja das wäre allerdings ein Ausweg. Ich will mir's überlegen, wenn es Euch wirklich Ernst damit ist.«

»Was braucht's da langer Ueberlegung?« widersprach er, indem er einen wohlgefälligen Blick auf sie warf. »Schlage ein und werde, was du bis aus einige Punkte eigentlich schon lange warst, die Hausfrau hier und laß dann, bis wiederum auf einige Punkte, alles beim Alten bewenden. Wir wollen's in der Stille abmachen und möglichst schnell, wegen dem Gerede der Leute.«

Dorte zögerte nun nicht länger mit ihrer Zustimmung und war über die leicht gelungene Sache so vergnügt, daß sie Marianne und Johann, die in der stillen Abendstunde ungestört beisammen saßen, ganz darüber vergaß. Als ihr endlich das junge Paar wieder einfiel und sie von ihrem Zukünftigen wissen wollte, was hiebei zu thun wäre, fand sie ihn völlig rathlos, da er weder den geschickten Gesellen entlassen, noch durch eine Verbindung mit Marianne ihn fest an sich ketten wollte. Er hatte andere Pläne mit seinem Kinde. Reichthum und Schönheit sollten Marianne ein vornehmes Haus öffnen, sein Amt und Geschäft einst aus die Söhne seiner ältesten Tochter übergehen, die schon seit vielen Jahren verheirathet war. Da nun aber die beschlossene Heirath mit Dorte nicht recht zu diesem Plane stimmte, lag es nahe, auch Mariannens Zukunft anders aufzufassen, und es war zu überlegen, in wie fern der tüchtige Geselle sich dafür eigne. – Seine Heirath mit Dorte sah der Küster als eine Nothwendigkeit an, da er ihre Treue und Zuverlässigkeit für unentbehrlich hielt. Dabei machte auf einmal ihre hübsche Persönlichkeit Eindruck auf ihm, und eine Heirath mit ihr, ihm zu einer angenehmen Sache. Was nun wegen Mariannens Herzensregung zu beschließen sei, gab eine lange Berathung, in welcher der Küster endlich beschloß, den Heimathsverhältnissen des Gesellen nachzuspüren, welche, wie Dorte behauptete, ganz absonderlicher Art sein mußten, und eben so gut Schlimmes, wie Gutes bergen könnten.

Während nun in Dorte's kleinem Stübchen so Wichtiges verhandelt und abgemacht wurde, saß Marianne still vergnügt neben Johann und prüfte mit ihm einige Arbeiten der letzten Zeit.

»Könnte man nur die Holzschnitte rascher mehren,« sagte das Mädchen mit kindlicher Ungeduld, »daß Vielseitigkeit in die Sache käme, – auch die Farben wollen nicht so fest halten und so klar werden, wie es sein sollte. »Mir ist's, Johann, es müsse an des Vaters Erfindung noch gar vieles verbessert werden, bis sie mit Recht den Namen einer Kunst verdiene.«

»Allerdings müßte dafür erst Höheres erreicht werden, als die Stuben mit Heiligenbildern zu schmücken,« setzte Johann hinzu.

»Wie meint Ihr das?«

»Ich meine, daß was wir schaffen besser werden, und mehr zum Wohl der Menschheit dienen sollte,« erwiderte er nach einigem Nachdenken.

Das Mädchen sah sinnend vor sich nieder und sprach dann mehr zu sich selbst als zu Johann: »Die Heiligenbilder erfreuen ein andächtiges Herz, und sind sie gut gruppirt und in schönen Farben ausgeführt, auch das Auge. Sie sind eine Zierde in jedem Hause – und man kann auch beten zu ihnen. Beides ist doch eine Wohlthat für den Menschen. Ist's nicht so, Johann?«

»Gewiß, Marianne, und Ihr seht ja, wie eifrig wir an der Arbeit sind und sie zu vervollkommnen streben; und stände der Geldgewinn Eurem Vater nicht oben an, ließe er uns mehr Versuche wagen, Besseres käme zu Stande. So bleibt's vorerst nur der rohe Anfang einer Kunst, die göttliches – –«. Er stockte.

»Fahrt doch fort!« bat Marianne. »Ihr habt oft so schöne, große Gedanken! Ich höre Euch so gerne zu.«

»Ach, was nützen die besten Gedanken, wenn die Kraft fehlt, sie in Thaten umzuwandeln,« sagte Gutenberg mit Schmerz und senkte sein Haupt.

»Seid nicht muthlos,« beschwichtigte sie, »ich weiß gewiß, Ihr werdet einst noch Großes vollbringen. In Eurem Auge steht's geschrieben, deutlich, als ob's Gott selbst hineingezeichnet hätte. Drum blickt aus und seid heiter, Ihr könnt es sein, denn in Euch wohnt eine Kraft wie in wenig Andern. Wenn Ihr trauert, was soll ich denn thun?« – Sie lächelte wehmüthig und legte ihre kleine zarte Hand vertraulich aus seine Schulter und fuhr nach einer Pause fort: »Soll ich Euch ein Kunstwerk von meiner Hand zeigen? – Wollt Ihr sehen, woran ich lange im Geheim gearbeitet, bis ich es endlich zu Stande gebracht? – Wollt Ihr mich auch lehren, die Umrisse in Holz einschneiden, und mir dabei helfen, daß es rasch voran geht? – Seht, das würde mich glücklich machen. Doch ganz in's Geheim müßte es geschehen – ist's fertig, überraschen wir den Vater damit.«

Er nickte ihr freundlich bejahend zu und rasch holte sie aus einer Schublade eine skizzenartige Zeichnung und legte sie mit fragendem Blicke ihm vor.

»Das habt Ihr gezeichnet!« rief er überrascht. »Wie schön ist diese Gruppe – und wie geeignet für den Holzschnitt. Kein ähnliches gutes Bild haben wir bis jetzt geliefert.«

»Wirklich? Wirklich? Wie mich das erfreut. – Es ist also wirklich gelungen? O, dann nehmt es, und schneidet es allein in Holz. Ihr wißt, ich habe dazu wenig Geschick und Geduld. Euch wird's gelingen und Ihr habt dann den größeren Theil an dem Werke.«

Die Zeichnung stellte den Heiland zwischen zwei brennenden Kerzen auf einem Altare stehend dar. Vor ihm kniete der Papst, dem ein Kardinal die dreifache Krone über das Haupt hielt. Das Ganze war mit den Symbolen des Leidens Christi umgeben.

»Die Inschrift fehlt noch,« sagte Marianne. »Die müßt Ihr verfassen. Ja, dichtet einen schönen Reim dazu, das spricht oft mehr zum Herzen, als die Bibelsprüche oder gar eine trockne Auslegung.«

»Dichten und singen verstehe ich nicht« entgegnete er lächelnd. »Davon wißt Ihr sicher mehr, so sagen es wenigstens Eure Augen, die blau wie der Himmel von himmlischen Dingen erzählen.«

Sie sah ihn groß an und ein rosiger Schimmer verschönte ihr bleiches Gesicht.

»Katharine!« klang es in seinem. Herzen, und Marianne fühlte das ihre erzittern unter seinem innigen Blick. Eine süße namenlose Angst überkam sie, und daß sie mit dem jungen Gesellen allein sei, fiel ihr mit einemmale auf.

»Sind wir denn ganz allein?« fragte sie naiv und trat einen Schritt von ihm zurück. »Wo bleiben denn nur die Andern, der Vater und Dorte?«

»Soll ich nach ihnen rufen, Marianne? Fehlt Euch etwas, Eure Wange glüht, und Eure Brust erbebt unter den Schlägen Eures Herzens.«

Johann faßte bei diesen Worten theilnehmend beide Hände des bangathmenden Mädchens, und sie neigte sich, wie magnetisch angezogen, zu ihm hin und flüsterte: »Mir ist so eng, so sonderbar; – o, mein Herz – « dann sank sie in seine Arme. Die Gluth ihrer Wangen wich einer Todenblässe – der Athem entschwand ihr.

»Marianne, theures Kind, blickt auf! – mein Gott, sie stirbt – Marianne!« rief der junge Mann entsetzt und suchte mit seinem Hauche ihre kalten Hände zu erwärmen.

Da öffnete sich die Thüre und der Küster trat mit Dorte ein.

»Steht der Jungfrau bei!« bat Johann voll Schrecken, auf die Erblaßte zeigend.

Dorte wechselte einen schnellen Blick mit ihrem Verlobten, besprengte die Ohnmächtige mit Wasser und leitete sie dann aus dem Zimmer.

»Was heute in meinem Hause nicht alles vorgeht!« sagte der Küster kopfschüttelnd und gab Gutenberg einen Wink, sich neben ihm niederzulassen und bat ihn nach einigen Umschweifen, ihm in Beziehung auf seine Herkunft und Familienverhältnisse ohne Hehl und Rückhalt nähere Aufklärung zu geben, indem dies in seinem eigenen Interesse nothwendig sei. Gutenberg gab ihm hierauf die Versicherung, daß er einer ehrenhaften Familie angehöre, bemerkte ihm jedoch, sich nicht ans weitere Erörterungen einlassen zu können, und setzte hinzu: er wisse ja, daß er ihn als Meister ehre, und ebenso auch hoffe, seine Achtung sich erworben zu haben, – mehr bedürfe es zu ihren beiderseitigen Beziehungen nicht, und sie wollten ohne weitere Erklärungen sofort zusammen bleiben, bis das Schicksal es anders beschließe.

»Gerade aber das Schicksal,« widersprach der Küster, »macht eben Miene, sich in unser Verhältniß einzumischen, drum wäre gegenseitiges Vertrauen von besonderem Werthe, um es entweder damit zu bannen, oder zum Glücke zu leiten.«

Johann sagte, daß er ihn nicht recht verstehe, – was aber auch kommen möge, es werde ihn schwerlich mehr lange in seinem Hause und in Harlem halten, er warte eben auf Nachrichten aus der Heimath, die darüber entscheiden würden Diese ruhige Erklärung überraschte den Küster im höchsten Grade. Er hatte, wie es in damaliger Zeit Sitte war, nicht anders geglaubt, als seinen guten Arbeiter für Lebenszeit in seinem Geschäfte und seinem Hause zu behalten – und Gutenberg, der beste unter ihnen, erklärte nun, ohne irgend einen Grund dafür anzugeben, daß er weiter wandern wolle, und er war doch erst einige Jahre in seinem Dienste. Das kam ihm so unerwartet und so ungeschickt, daß er wünschte, Johann's Familienverhältnisse möchten sich so genügend herausstellen, um ihn mit Mariannens Hand für immer binden zu können, und er fühle sich ganz geneigt seine hochfahrenden Pläne mit diesem Kinde dranzugeben – und meinte, es könne Gutenberg nicht Ernst mit dem sein was er eben gesagt; doch dieser versicherte ihm offen, er denke ganz ernstlich daran, weiter zu ziehen, denn es verlange ihn noch mehr zu schauen und zu lernen, als dies in Harlem möglich sei.«

»Ihr wollt mich täuschen!« unterbrach ihn Meister Lorenz mit ängstlicher Hast. »Was könnt Ihr noch mehr sehen und lernen wollen, da das, was Ihr bei mir gesehen und gelernt, zu Reichthum und Ansehen führt? Ihr gedenkt es doch wohl nicht zu meinem Nachtheile auszubeuten? Gar den Meister zu überflügeln? – Das wäre schlecht, Geselle; ich duldete es auch nicht, und müßte ich mich mit Gewalt Euch entgegenstellen. – Doch laßt uns in Güte die Sache überlegen. – Reicht mir die Hand und hört, – ich will Euer Bestes – Sind Eure Familienverhältnisse von der Art, daß sie sich zum Hause des Lorenz Köster passen, wäre ich Willens Euch Sohn zu nennen. Marianne liebt Euch, Ihr sie wohl nicht minder, drum binde ihre Hand uns für's Leben zusammen, so Ihr von guter Herkunft seid und einiges Vermögen besitzet.«

»Beides ist der Fall, Meister Lorenz,« erwiderte Gutenberg mit einiger Unruhe, »dennoch aber muß ich Euren Antrag zurückweisen. Zürnt mir nicht darob, und glaubt, mir wird noch lange Zeit die bleibende Stätte versagt sein, denn mein Ziel ist ein fernes, vielleicht ein unerreichbares.«

»Sprecht deutlicher. Wir können uns vielleicht doch verständigen,« drängte Lorenz.

»Nimmermehr Meister, denn Ihr hängt zu sehr am Gewinne um je Großes zu erreichen. Das kann man nur wenn man sein ganzes Leben daran giebt.« –

»Ihr urtheilt wie die Jugend – unreif, überspannt! Vertraut Euch mir an. Kramt Eure Weisheit immerhin aus, – ich thue die Meinige dazu, und wir wollen sehen, welche Vortheile uns daraus erwachsen.«

»Verschwendet Eure Worte nicht, Meister Lorenz. Unsere Wege laufen auseinander – und es ist an der Zeit, daß wir scheiden. Euch genügt das Kleine, beengt ist Eure Anschauungsweise vom Großen und Ganzen!«

»Also Ihr, Ihr, mein Geselle habt so gar Großes in Eurem Kopfe stecken, daß mein schönes Geschäft und mein Kind Euch nicht zu halten vermögen, und gedenkt Euren Meister weit zu überflügeln!« rief der Küster aufspringend. »Habt wohl im Geheimen schon Vorbereitungen dazu gemacht – aber so kommt Ihr nicht aus meinem Hause. Erst will ich erforschen, was Ihr in den stillen Stunden der Nacht in Eurer einsamen Kammer getrieben, und dann will ich sehen, ob der Geselle, der so tief wie Ihr in des Meisters Kunst geblickt, nicht gehalten ist, eine Reihe von Jahren bei ihm zu Verbleiben. Ich wollte Euch gut, – wollte Euch selbst mein Kind zum Weibe geben, und so lohnt Ihr es mir? – Aber mit Nichten, Geselle. Noch bist du in meinem Hause, stehst bei mir in Arbeit – bist kein freier Vogel, der fliegen kann, wohin es ihm beliebt.«

»Ihr könnt mich nicht mit Gewalt zurückhalten, noch weniger das beanspruchen, was ein Werk meiner Feierstunden ist,« entgegnete Gutenberg entrüstet.

»Was ich kann, sollt Ihr bald erfahren. Noch heute hole ich mir Rath bei den Vollstreckern des Gesetzes und will doch sehen, ob ein Harlemer Bürger von einem fremden Gesellen überlistet werden darf.«

Damit ging er aus der Stube und befahl Dorte, Niemand, am wenigsten aber Johann, die Thüre des Hauses heute Abend zu öffnen. Dann warf er sich in seinen Sonntagsstaat und verließ das Haus, das er von Außen sorgfältig abschloß. Gutenberg ging in seine Kammer und nahm aus einer wohlverschlossenen Truhe allerlei kleine Gerathe, verschiedene Holzplatten, Papiere, Blätter und Rollen, umwickelte eilends Alles mit Linnenstreifen, die er aus seinem Leibweißzeug schnitt und ordnete dann die Gegenstände in einen Pack zusammen. Aengstlich sah er eine Weile auf diesen Schatz, dann verbarg er ihn in einer Ecke der Kammer und zog dort hinter zwei losen Brettern etwas hervor, das er schnell auf seiner Brust verwahrte. Als es ganz still im Hause blieb, und er wiederholt das Schloß seiner Thüre untersucht hatte, legte er sich, angekleidet, auf sein Lager. Doch lange wollte kein Schlaf in seine Augen kommen, denn gespannt horchte er auf jeden Laut, der von unten heraufdrang, und erst nach Mitternacht verfiel er in einen Halbschlummer, in dem beängstigende Bilder ihn quälten. Er wollte sich aus dem bangen Schlafe aufraffen, doch vermochte er es ebenso wenig als in erquickendes Vergessen zu versinken, da klopfte es leise an seiner Thüre und »Johann, wacht auf!« klang es draußen mit zitternder Stimme. Er fuhr empor, nicht wissend, ob er geträumt, oder wirklich sei, was er vernommen, – da klopfte es wieder. – Schnell öffnete er nun die Thüre und sah, von einem Mondstrahle erhellt, Marianne bleich und zitternd vor sich stehen.

»Ihr müßt fort, heute Nacht noch, gleich!« stieß sie aus krampfhaft beengter Brust hervor, dann sich etwas fassend, fuhr sie fort: »Zaudert keinen Augenblick, wollt Ihr nicht gezwungen noch Jahre lang hier bleiben, ein Gefangener im Hause Eures Meisters, oder gar in ein Gefängniß wandern, da man Euch unheimlichen Wesens zeiht. Packt, was Ihr im Geheimen geschafft, rasch zusammen, und folgt mir, ich will Euch sicher aus diesem Haufe geleiten.«

»Marianne, wie soll ich Euch danken!«

Sie schüttelte ihr Haupt und sagte: »Keinen Dank. Eilt! kommt! Ich öffne Euch die Hinterthüre und führe Euch hinüber in die Kirche. Dort kenne ich einen verborgenen Ort, an dem Euch Niemand suchen wird. Dort bleibt Ihr bis Morgen Abend, – sobald es sicher ist, rufe ich Euch ab, und zeige Euch ein Schifflein, das Euch mit nach Amsterdam nimmt. Seid Ihr in jener Stadt, werdet Ihr leicht weiter entkommen können.«

»Und Lorenz und Kuno?« fragte Gutenberg zaudernd. –

»Die werden Euch folgen, wenn Ihr es wünscht, sobald es ohne Aufsehen geschehen kann. Doch denkt jetzt nur an Euch und kommt.«

Gutenberg zog den Pack aus seinem Verstecke, warf ihn auf die Schulter und folgte Marianne, die ihm leise voranging, die Hinterthüre des Hauses aufschloß und schnell mit ihm der Kirche zueilte. Mit einem mächtigen Schlüssel öffnete sie hier eine Seitenpforte und drängte Johann durch dieselbe. Es war dunkel und kalt in der Kirche. Marianne faßte die Hand ihres Schützlings, indem sie ihm zuflüsterte: »Ich muß Euch führen, damit Ihr nicht strauchelt.«

Schnell und sicher stieg sie trotz der herrschenden Dunkelheit eine Treppe hinan, dann zog sie ihn durch einige Gänge, in die hin und wieder ein Lichtstreifen fiel, dann ging es wieder aufwärts, bis ein scharfer Luftzug ihnen entgegen kam, und es heller um sie wurde. '

»Wir sind auf dem Thurme;« sagte Marianne. »Hier neben dem Glockenhause ist ein eingeschlossener Raum, in dem Euch Niemand suchen wird.« Dann schlüpfte sie vorsichtig zwischen den mächtigen Glocken hindurch, ängstlich zurückspähend, ob auch er mit sicherem Schritte folge. »Hier durch diese Oeffnung geht hinein;« bedeutete sie ihn, ein Brett zurückschiebend. »Es ist ein schöner verborgener Platz, hoch über der Erde; manche Stunde habe ich darin zugebracht. Wartet geduldig bis ich Euch abrufe. Wenn der Tag um ist, der bald grauen wird, komme ich wieder; – denkt indessen über Eure nächste Zukunft nach.« –

Damit schob sie das Brett vor die Oeffnung, nachdem sie noch rasch ein Körbchen mit Eßwaaren neben Gutenberg gestellt hatte. – Er hätte sie gerne noch um allerlei befragt, doch schon war er allein, und kein Laut von ihr mehr vernehmbar. Da stand er nun hoch über der Stadt mit ihren Bewohnern: – ein Flüchtling, den man böser Dinge verdächtigte, dem man die Freiheit des Handelns zu rauben drohte, – geleitet in sicheren Versteck von einem Mädchen, dessen Besitz er verschmäht und das ihn dennoch beschützte.

Ein Weh, eine leise Reue wollte ihm das Herz beengen – und wie von einem Zauberstab heraufbeschworen, er stand plötzlich vor seinem innern Auge ein schönes Bild: der Liebe Glück, und des häuslichen Heerdes rührende Freuden – und verführerisch klang es in ihm: »Marianne, in dir hätte ich dies Alles finden können – ein zufriedenes, heiteres Loos und vielleicht auch an deiner Seite die Vollendung meines Werkes. Doch nein – nimmermehr!« widersprach er sich so laut, daß es in dem Thurme wie leise Gespensterstimmen nachhallte. »Mein ganzes Leben – all mein Sein und Denken gehört dazu.«

Er trat an eine kleine Oeffnung, die ihm den Blick in's Freie gönnte. Unter ihm lag die Stadt, von einem Nebelschleier überzogen, doch über ihm wölbte sich in reinem Blau der Himmel und des Mondes volles Antlitz sah freundlich zu ihm nieder. Die Brust wurde ihm wieder freier; in langen Zügen athmete er die frische Luft ein, die ihn umwehte. Dicht neben an dröhnten die Glocken und verkündeten den nahenden Tag. Der Mond senkte sich langsam in die bleiche, unendliche Ferne des Meeres, während im Osten ein Purpurstreifen den Horizont umsäumte. Der Nebel fiel immer tiefer zu Boden, ein Haus um das andere stieg um die hohe Kirche her aus ihm empor, und weithin zeigte sich eine frisch grüne Ebene mit niederem Buschwerke und freundlichen Ortschaften. Wie die Sonne höher stieg, fuhren die Nebel, welche noch theilweise die Landschaft bedeckten, pfeilschnell über die See, vermischten sich mit ihren Wellen und gingen in ihnen unter. Da erglänzten und schimmerten sie in grünlich goldener Pracht ; die weite, bleiche Fläche, in die der Mond sich niedergetaucht, schmückte das goldene Tageslicht nun mit tausend lebendigen Reizen.

Gutenberg erquickte sich von seinem hohen Standpunkt aus eine Weile an dem herrlichen Tage, dann aber nahm er den Pack zur Hand, öffnete ihn und prüfte seinen Inhalt mit dem Interesse und der Freude, die jedes mühsame und noch dazu geheim ausgeführte Werk hervorruft; doch bald trat tiefes Nachdenken an die Stelle der Freude und schnell, unmerklich fast, gingen ihm die einsamen Stunden in dem Thurme dahin. Der Abend kam, und noch lagen seine Schätze zerstreut um ihn her. Er hatte bald auf das Eine, bald aus das Andere den sinnenden Blick geheftet und ganz vergessen, wo er war, und was ihn hieher geführt.

Mit der beginnenden Dämmerung fiel ihm plötzlich seine Lage schwer auf die Seele und der Gedanke: wenn Marianne nicht kommen könnte, was dann werden würde, drängte sich ihm unangenehm aus. Schnell ordnete er Alles wieder in einen Pack zusammen und lauschte gespannt aus jeden Laut, der von unten kam. Doch umsonst, – Stunde um Stunde ging hin, – er zählte jeden Schlag der nahen Uhr, und die stillen Pausen füllte vergebliches Harren peinlich und namenlos langsam aus. Schon strich die frische Morgenlast abermals durch die Ritzen des Thurmes, und Marianne war noch immer nicht da. Von Ungeduld getrieben, trat er aus seinem Verstecke – und horch, es huschte die Treppe herauf, und fast athemlos nahte Marianne und winkte ihm herabzukommen. Ohne ein Wort zu sprechen, eilte sie voran. Sie nahm sich nicht einmal Zeit, die Kirche zu verschließen und bog rasch in eine enge Seitengasse ein, die nach dem Flusse führte. Dort deutete sie auf ein kleines, bedecktes Schiff und war kaum noch fähig, zu sagen: »Gott geleite Euch!«

»Marianne, nehmt meinen Dank!« sprach er mit tiefer Rührung, ihre zarten Hände an seine Lippen pressend. »Und hier nehmt das Beste, was mir in Eurem Hause gelungen als Angedenken an Euch. Nehmt es hin – und bewahrt es gut, und fällt Euer Auge darauf, denkt freundlich meiner.«

Er zog ein Büchlein aus seiner Brust und legte es in ihre Hände und eilte dann dem Schiffe zu.

Sie sah ihm nach, – dann sah sie auf sein Geschenk, – allein der Thränenflor, der ihr Auge umschleierte, ließ sie nicht recht erkennen, was es sei. Erst, als sie später den theuren Schatz zu Hause prüfte, fand sie ein Buch von etwa zwanzig Seiten mit Schrift und Bildern – beides von Holztafeln abgedruckt, die einzelnen Blätter auf der Rückseite zusammengeklebt, geheftet und mit einer bunten Decke versehen.

»Er will Bücher, nicht blos Bilder drucken,« sprach sie leise vor sich hin. »Das wohl ist das Ziel, wonach er strebt; – ein großes, schönes Ziel! Aber welch mühsame Arbeit? – Möge sie ihm leicht werden, und das Verlangen seines großen Geistes ihm nicht jedes Herzensglück rauben.«

Sie senkte ihr Haupt und heiße Thränen fielen auf das Büchlein nieder, dann schloß sie es sorgfältig ein und nur Sonntags, wenn sie aus der Kirche kam und ganz allein in ihrem Kämmerlein war, nahm sie es aus seinem Versteck und las darin, andächtig die Hände darum gefaltet, wie um ein Gebetbuch.

Als das bleiche Mädchen in noch jugendlichem Alter starb, fand ihre Stiefmutter das Büchlein auf ihrem Herzen und zeigte es voll Verwunderung Meister Lorenz.

»Das ist Gutenberg's Werk, – der Lohn seiner nächtlichen Forschungen und Arbeiten,« sprach dieser. »Aehnliches steht längst in meinem Sinne, und bald sollen aus meiner Werkstätte nicht nur Bilderblätter, sondern auch Bilderbücher die Welt in Erstaunen setzen. Der deutsche Geselle soll es mir nicht zuvorthun, und seinen Meister in Harlem überflügeln.«

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