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Johannes Gutenberg. Zweiter Band

Henrich-Wilhelmi Hedwig: Johannes Gutenberg. Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorPaul Stein
titleJohannes Gutenberg. Zweiter Band
publisherFr. Wilh. Grunow
year1861
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20170811
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1.

Jede Zeitperiode hat ihre gemeinsamen Bedürfnisse und Anforderungen, trägt also auch gemeinsame Gedanken und Gesinnungen in sich, was hinwiederum in gemeinsamen Bestrebungen sich kund giebt. So drängte seit dem Wiedererwachen der griechischen und römischen Cultur das Bedürfniß nach freierem und leichterem Ideenaustausche zu der großen Erfindung Gutenberg's hin, die schrankenlos jedem Wissen die Bahn zu öffnen versprach. Das Zeitalter eines Dante, eines Petrarca, eines Wicklieffs und anderer großen Geister blitzte mit zündenden Funken in die Dunkelheit, welche die Barbarei roher Völker über die Denkmale des klassischen Alterthums ausgebreitet hatte. Italien, das einst die hellenische Bildung in sich ausgenommen und mit sich zu Grabe getragen, wurde nach Jahrhunderten wieder die Wiege der Wissenschaft und Kunst, die aus den Trümmern der alten Herrlichkeit zu einem neuen Leben erwachten, dessen göttlicher Athem, wie die Morgenfrische nach dunkler, schwüler Nacht, das Nahen des Tages verkündete. Allein sein goldenes, erwärmendes Licht blieb hinter hemmenden Wolken verborgen, und die schöne Blüthe entwickelte sich nicht zu der nährenden Frucht, die in ihrem Keime lag. Mühsam, oft von den Wirren der Zeit unterbrochen, selbst theilweise wieder von ihnen vernichtet, schritt die allgemeine Cultur nur langsam vorwärts und wollte, besonders in Deutschland, zu keiner segenbringenden Entwicklung kommen. Die politische Zerrissenheit unseres Vaterlandes, wie seine kirchlichen Verhältnisse: der ewige Hader zwischen den Bedürfnissen des Volkes und den Ansprüchen des Adels, wie der Herrschsucht Roms, drückten den Sinn für das Schöne und Erhabene nieder und wirkten lähmend auf den Fortschritt des gesammten Lebens ein. Die Wissenschaft gerieth auf Abwege, der Kunst mangelte die ruhige, bleibende Stätte, ängstlich verkroch sich die Gelehrsamkeit in das einsame Studierzimmer, oder wurde als Monopol des Clerus hinter Klostermauern verwahrt und dort nur in einseitiger Weise gepflegt.

In Italien und dem damals so blühenden burgundischen Reiche, besonders in Flandern und Holland, kamen Künste und Wissenschaften unter der Huld liberaler Fürsten zu schnellerem Gedeihen. Die ersten großen Akademien entstanden und in diesen Pflanzschulen des Wissens wurde auf den Ueberresten des klassischen Alterthums eine neue Bildung angestrebt. Die Uebersetzungen der griechischen und römischen Schriftsteller mehrten sich; Forschung und Erkenntniß strebten nach Vereinigung. Neue Ansichten tauchten auf, – schöne Kunstwerke entstanden, und dieses bessere Streben weckte bald auch anderwärts das Verlangen nach gleichem Gute. Man stiftete Universitäten und die Zahl ihrer Lehrer und Schüler stieg zu einer Höhe, die fast an das Unglaubliche grenzt. Dennoch drang das geistige Aufstreben nicht in das Volk ein. Es blieb eine abgesonderte Sache und konnte deshalb auch in sich selbst die Stufe der Entwicklung nicht erlangen, welche allein bei allgemeinem Antheil, bei dem in das Mark und Blut der Gesammtheit übergehenden Verständniß möglich ist. Noch zog nur wie eine unklare Ahnung das Verlangen nach freierer Geistesentwicklung und der damit verbundenen höheren Cultur, durch die Atmosphäre der Zeit und weckte das Bedürfniß nach Mittheilung, nach Annäherung der geschiedenen Elemente und somit den Wunsch nach leichterem Ideenaustausche: nach Vervielfältigung von Buch und Schrift. Die Schreiber, welche die Klosterbibliotheken mit ihren mühsamen Arbeiten vermehrten und meistens nur kirchliche Werke anfertigten, waren dem Gesammtleben von keinem Nutzen; kaum etwas mehr waren es die öffentlichen Schreiber, die zum nöthigsten, schriftlichen Austausche, zu Gerichtsakten und dergleichen gebraucht wurden. Was die Schönschreiber außerhalb der Klöster lieferten, genügte nicht einmal für die Bibliotheken reicher Herren und die Bücherbedürfnisse der Universitäten. Das allgemein sich regende Verlangen nach freiem und leichtem Gedankenaustausche konnte deshalb auch keine Befriedigung finden, was unstreitig dazu beitrug, die Gährung dieser Zeitperiode gefährlich anzuschwellen und zu einer blutigen Crisis hinzudrängen.

Das Lehn- und Ritterwesen hatte sich abgelebt, das Faustrecht war seinem Ende nahe, und die Morgendämmerung geklärterer Ansichten drang unaufhaltsam durch die Gedankennacht langer Jahrhunderte. Ein lauter und geheimer Kampf zwischen den alten und neuen Mächten erschütterte die Gemüther und rang mit der alten Ordnung oder Unordnung der Dinge um den Sieg. Es entbrannte blutiger Streit um Gewissenszwang und Glaubensfreiheit, um veraltete Rechte und neue Ansprüche, während ein Suchen nach Wahrheit in Wort und Schrift sich kund machen wollte, und ein stiller Kampf begann den die Forschung unterstützte und der im Verein mit der friedlichen Arbeit einen Weg des Heils aus diesen Wirrnissen herauszufinden suchte.

In diese Zeit fielen die ersten Versuche der Vervielfältigung von Bild und Schrift mit Hilfe der Xylographie. Doch waren es vorerst nur Heiligenbilder mit kleinen Sprüchen oder einigen erläuternden Worten, die auf diese Weise entstanden und man kann sie kaum die ersten rohen Vorläufer der Buchdruckerkunst nennen. Am Rhein, hauptsächlich aber in den Niederlanden, machte sich zuerst die Kunst, vermittelst eines Reibers Bilder und Buchstaben von Holztafeln aus Papier oder Pergament abzudrucken, bemerklich und erregte im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts einiges Aufsehen. Doch blieb es noch längere Zeit eine sehr unvollkommene Sache; was in Holland, namentlich in Harlem darin zu Stande kam, und uns in einzelnen Denkmalen aufbewahrt blieb, zeigt das meiste Geschick und die frühzeitigste Ausübung.

Es liegt wohl außer Zweifel, daß diese erste rohe Form des Druckverfahrens Gutenberg's Aufmerksamkeit in hohem Grade fesselte, da nach allem, was aus seinem Leben bekannt ist, hervorgeht, daß, was nur annähernd seiner großen Idee Vorschub zu leisten versprach, mit Eifer und beispielloser Ausdauer von ihm verfolgt wurde. Seine Geschicklichkeit in mechanischen Arbeiten ist um so mehr ein Beweis dafür, als es ihm, dem Sohne eines adeligen Hauses recht schwer werden mußte, sich diese zu erwerben, besonders in einer Stadt, wo die Gewerbetreibenden den Patriziern so feindlich gegenüber standen, und in einer Familie, deren Häupter bei allen städtischen Streitigkeiten an der Spitze der Adelsparthei sich befanden. Daraus entsprang vielleicht mehr noch die ängstliche Geheimhaltung, mit welcher Gutenberg seine Arbeiten hütete, als aus der Sorge um den einstigen Gewinn derselben, oder aus dem Ehrgeize, der alleinige Erfinder genannt zu werden, denn Bescheidenheit und Uneigennützigkeit waren Grundzüge seines Charakters und es ist wohl anzunehmen, daß dasjenige, was er von früher Jugend an, durch die Vorurtheile seines Standes gezwungen, geheim halten mußte, von ihm auch in späterem Lebensalter mit ängstlicher Sorgfalt vor jedem profanen Auge gehütet wurde und so eine Ursache mit wurde, von seinem langen, mühsamen und geheimnißvollen Schaffen, in das Andere einzuweihen, ihn nur die äußerste Nothwendigkeit bringen konnte. In den langen Perioden, in denen auch die sorgfältigste Forschung von des großen Mannes Leben nichts entdecken konnte, muß die Phantasie an die einzelnen Punkte, welche aus diesen Zwischenräumen hervorragen, sich stützen, sie als Leitstern benützen und sie auszufüllen streben, indem sie den wahrscheinlichsten Vermuthungen sich unterordnet und im Vereine mit ihnen in romantischer Gestaltung ein Bild der Zeit zu vergegenwärtigen strebt, in dessen Rahmen auch der Mann lebte, der durch seine Erfindung der Welt eine andere Gestalt gab, und der nie sich selbst, nur Gott allein die Ehre davon zuerkannte, und in dieser bescheidenen Größe von seiner Mitwelt mißhandelt und durch Jahrhunderte fast vergessen ward, bis die fortschreitende Civilisation ihn als ihren Schöpfer anerkannte, die ausgleichende Geschichte ihn als einen ihrer größten Männer pries und die dankbare Nachwelt ihn auf den Thron ihrer Götter erhob.

Doch greifen wir unserer Erzählung nicht vor, verfolgen wir weiter mit dem Auge der Phantasie den Lebensweg Gutenberg's; schauen wir gleich damit durch das bunte Glas romantischer Färbung, – geht seine ernste Gestalt, gehalten von der geschichtlichen Wahrheit, auch darin nur dem einen Ziele entgegen, das ahnend schon seine Kinderseele erfüllte.

Unmöglich konnte der mächtige Gedanke, der Gutenberg auf den Weg der Arbeit und Forschung trieb, ihn lange in der kleinen Stadt Eltwill dulden, es drängt sich vielmehr die Wahrscheinlichkeit auf, daß er den bedeutenden Zeitraum, welcher zwischen der Vertreibung der Patrizier aus Mainz und seinem Wiederauftauchen in Straßburg liegt, dazu benutzte, die Welt kennen zu lernen und größere Kenntnisse und mechanische Fertigkeiten sich zu erwerben. Da sein Name, wenn auch unbestimmt und in gehässiger Weise in der Harlemer Buchdruckergeschichte auftaucht, läßt sich wohl nicht mit Unrecht die Vermuthung aufstellen, daß er einige Zeit dort gelebt und sich mit der durch Lorenz Köster betriebenen Xylographie und der damit verbundenen, sogenannten Briefdruckerei beschäftiget habe, ebenso liegt es sehr nahe, daß er die mechanischen Fertigkeiten, mit denen er sich in Straßburg seinen Lebensunterhalt erwarb, nur bei einem längeren Aufenthalt an Orten, wo diese in Flor standen, erlernt haben konnte.

Im ersten Theile dieser Erzählung begleiteten wir ihn bis an die Grenzen seiner Heimath. Dort trennte sich, wie wir müssen, Kuno von ihm und so hoffnungsvoll auch des Echos Verheißung in Angelo Brust nachhallte, blieb er mit dem Berge und seinem grauen Thurme verschwunden, wo ihn Johann's Auge zuletzt erblickt hatte.

 

Antonio schlug den Weg nach Antwerpen ein, die beabsichtigten Geschäfte dort möglichst schnell zu betreiben und dann wieder nach dem Süden zu ziehen. Gutenberg wanderte gen Nordholland, die Stadt zu erreichen, in der die neue Kunst, welche ihn ganz ausschließend interessirte, schon viel weiter gediehen sein sollte, als in seiner Heimath Auf den Rath Antonio's, dem er jedoch nichts Bestimmtes über seine Pläne mitgetheilt hatte, vertauschte er die Kleidung seines Standes mit der eines wandernden Gesellen und auch Lorenz, der ihn als angeblicher Verwandter begleitete, suchte sein Schifferhabit dem seines Herrn möglichst ähnlich zu machen.· So wanderten sie durch die feuchten Ebenen Hollands und kamen nach einigen anstrengenden Tagemärschen, müde in Harlem an. Die fremde Stadt, deren Sprache Gutenberg nur annähernd, aus bekannten Lauten verstand, brachte ihn anfangs zu keinem raschen Handeln. Ein Gefühl von Heimweh beschlich ihn. Die gewohnte Umgebung,· die sorgende Mutter, der gute alte Lehrer und Katharina's holdes Bild wollten ihn den Weg zurückziehen, den er gekommen; dabei traten die ersten unbekannten Tagessorgen an ihn heran. Seine Barschaft ging zu Ende und er sah ein, daß er schon in der nächsten Zeit seinen Lebensunterhalt erwerben müsse, wolle er nicht in Noth gerathen. Botschaft in die ferne Heimath zu senden, war eine langwierige Sache, dann auch wollte er, vorerst wenigstens, keine Hülfe von dort verlangen, da er gegen den Willen seines Vaters und Bruders in die Welt gezogen war. Allein es fiel ihm schwerer, als er gedacht, sein Fortkommen zu finden, denn obgleich er viele mechanische Geschicklichkeiten besaß, hatte er eben doch kein bestimmtes Gewerbe erlernt, und zudem wollte er in Harlem nur das eine erlernen: tiefere Einsicht in die Briefdruckerkunst. Doch dies zeigte sich ihm bald als eine fast unmögliche Sache, denn gerade dieser Zweig der Arbeit wurde noch sehr geheim gehalten und nur Wenige besaßen Geschicklichkeit darin. Von diesen war Lorenz der Küster derjenige, der die besten Sachen lieferte. Derselbe, den ihm in der Eberbacher Abtei der niederländische Maler genannt, und dessen Geschicklichkeit ihn hauptsächlich nach dem Norden Hollands gezogen hatte. Doch gerade dieser Mann schien unzugänglich So oft er auch an seine Thüre anpochte, immer wurde ihm ein kurzer, abweisender Bescheid. Der Küster arbeitete allein, – noch hatte er Niemand vergönnt, sein Schaffen zu belauschen, noch es über sich gewinnen können, durch Hilfe dasselbe sich zu erleichtern und sein Geschäft auszudehnen. Was aus seinem Hause in die Welt herauskam, war das Werk seiner Hände, und eifersüchtig aus seine Geschicklichkeit, ehrgeizig auf seinen Ruhm, wollte er beides für sich allein behalten. Wohl sah er die pekuniären Vortheile ein, die ein ausgedehntes Geschäft für ihn haben würden, auch war es nicht sein Wille, daß seine Kunst mit ihm zu Grabe gehen sollte, dennoch hatte er sich bis jetzt nicht entschließen können, fremde Menschen in sein Geheimniß einzuweihen. Er fürchtete Verrath an der Sache, und mit dem Wissen auch den Vortheil hinzugeben. Drum klopfte der deutsche Geselle vergeblich an seine Thüre, und Gutenberg, so sehr ihn auch das Verlangen trieb, den Küster und seine Arbeiten näher kennen zu lernen, gab endlich mißmuthig fernere Versuche auf. Nun aber blieb ihm nichts übrig, als entweder weiter zu wandern, ein fahrender Schüler – ähnlich dem fahrenden Spielmann oder in irgend ein Gewerbe als Geselle einzutreten, um für sich und Lorenz Brod zu verdienen. Beides sagte ihm nicht zu und unschlüssig über seine nächsten Schritte wandelte er eines Tages vor den Thoren Harlems, als ein bekannter Ton aus einem nahen Gehölze an sein Ohr drang. Es war ein deutsches Lied aus Kuno's Mund. Nach wenigen Minuten drückten sich die Reisegefährten die Hände, froh, sich wieder zusammen gefunden zu haben.

Der fahrende Spielmann sah jetzt seinem Freunde viel ähnlicher, als wie sie miteinander den Rhein herunter fuhren. Er trug gleich ihm ein einfaches bürgerliches Kleid, auch seine Züge drückten mehr Ruhe und Stetigkeit aus – seine Stirn erschien heller, minder tief gefurcht, – es war, als ob ein frischer Jugendhauch über sie hingeweht habe.

»Mein Instrument, meine bunten Lappen, meine tollen und schwermüthigen Launen habe ich einstweilen in den Bergen des Rheines zur Ruhe gelegt,« sagte er zu Gutenberg, als sie Arm in Arm der Stadt zuwanderten; »und will nun sehen, ob ein anderes Leben mir noch schmeckt, will eine Zeit lang an Eurer Seite bleiben und versuchen, auf Eure Weise die Welt zu betrachten, will mit Euch ein Stück Leben durchleben, mit Euch wandern, wenn Ihr weiter zieht, oder Euch doch folgen bis – nun ja, bis an das adriatische Meer, so es Euch gelüsten sollte, in seinem heiteren Spiegel Euer ernstes Bild zu schauen.«

»Es soll Euch nicht gereuen, Freund Kuno,« erwiderte Gutenberg mit Wärme. »Solch tolle Wanderschaften, wie Eure seitherigen, heilen kein krankes Gemüth. Ein solches gesundet am ehesten in ruhiger, friedlicher Arbeit.

Kuno schüttelte sein Haupt und sagte: »So meint Ihr, weil noch kein wilder Sturm über Euer Leben gegangen und seine innersten Fasern zerstört hat. Noch ist es mir, ich könne nicht mehr gesunden, nur untergehen; – doch seit ich Euch gesunden, möchte ich es so nicht, wie seither, möchte im Untergange dem besseren Geiste, der in mir fortgelebt, mehr Rechnung tragen, möchte dem, was vor meinem wie vor Eurem innern Auge steht, treuer dienen. Doch,« fuhr er erregter fort, »mir ist's, wir Beide hätten die rechte Bahn noch nicht gefunden, wir müßten sie erst suchen, und dabei müßte ein Schwert in unserer Hand blitzen, ein Schwert, das Funken sprühte, welche die Welt so hell erleuchten sollten, wie jene gethan, die grausig prasselnd aus Huß' Scheiterhaufen über sie hingefahren.«

»Blut löscht ihre Helle wieder aus,« fiel Gutenberg ein. »Leichter wohl ist es, mit dem Schwerte für eine Sache fechten, als in mühevoller Arbeit ihr dienen und an einem Tempel aufbauen helfen, der langsam emporsteigt, dessen Altar aber nimmer gestürzt werden kann. Das ist mein Weg. Ich suche ihn zu finden, durch Arbeit und Forschung, und habe vorerst mein ritterliches Schwert und die güldene Kette, die Abzeichen meines Standes, bei Seite gelegt; – Ihr thatet dasselbe mit der wunderlichen Kleidung Eures unklaren, abenteuerlichen Gewerbes. So kommt denn und laßt uns gemeinschaftlich versuchen, in ruhigem Schaffen und in friedlicher Weise eine höhere Lebensbefriedigung zu erlangen.«

»Und die glaubt Ihr in dem gewerblichen Treiben dieses egoistischen kalten Hollands zu finden?« fragte Kuno verwundert.

»Ob hier oder anderwärts meine Kenntnisse sich vergrößern und mit diesen mein inneres Glück, gilt gleich. In der Arbeit allein liegt die unversiegbare Kraft, die den Fortschritt alles menschlichen Wissens bedingt, denn sie ist es, die dem Gedanken erst das reelle Dasein giebt, die Idee verkörpert und so das Wollen des Geistes zum Segen der Menschheit gestaltet. Drum, Freund, greifen wir muthig und freudig zur Arbeit. Das Werk der Hände ist des Geistes Kind und zugleich die Leiter, aus der er von Stufe zu Stufe zu lichter Höhe gelangt, wo der Blick sich erweitert und immer mehr von Erde und Himmel umfaßt.«

Kuno schwieg von Gutenberg's Wort und Ton bezwungen; er empfand die höhere Weihe, die in seines jungen Freundes Wesen lag und unterordnete sich demselben unwillkürlich. Weder seine vielseitigeren Lebenserfahrungen, noch seine tiefere Kenntniß der Menschen, selbst nicht sein Wissen, das durch die gelehrte Bildung seiner Jugend, die seine Mutter mit außergewöhnlichem Verständniß geleitet, größer war als das Gutenberg's, sträubte sich dagegen. Die Nähe desselben brachte seinem kranken, zerstörtem Gemüthe eine Empfindung wiederkehrender Gesundheit, und wie frisches Leben regte es sich in ihm. Die Vergangenheit mit ihrem Glücke, ihrem Schmerz und – ihren Sünden beunruhigte ihn weniger, und ohne viel darüber nachzudenken, beschloß er, einige Zeit unbedingt dem Jünglinge zu folgen, der durch seine Theilnahme sein gesunkenes Vertrauen zu der Welt und sich selbst wieder in ihm wachgerufen. Schweigend, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, traten sie in die Stadt ein, wo Lorenz ihnen gleichsam als Wegweiser zu der unansehnlichen Herberge voranging, in welcher Gutenberg sein bescheidenes Unterkommen gefunden hatte.

Harlem war damals, wie heutzutage der Hauptort eines Bezirkes von Nordholland, doch bedeutender durch Handel und Reichthum. Zwar waren seine Straßen noch nicht so schön mit Bäumen besetzt und seine Kanäle nicht so sauber und regelmäßig, allein aus beiden zeigte sich ein regeres Leben und die Menschen, welche hier einander begegneter sahen alle äußerst wohlbehäbig aus und glänzten so weiß und freundlich, als müßten sie die Sonne ersetzen, die der Nebel der Nordsee ihnen so häufig verbarg. Der Sparren, welcher durch die Stadt fließt und Harlem mit Amsterdam verbindet, trug zur Zeit dieser Erzählung viele, schwer befrachtete Schiffe hin und her und es schien ein recht hübsches Theil von dem Reichthume der mächtigsten Handelsstadt Hollands dem kleinen Nachbarorte zuzufließen. Schöne Häuser standen in blanker Reihe den Kanälen entlang, Kirchen und öffentliche Gebäude schmückten die freien Plätze und über alle ragte majestätisch der hohe Thurm der Parochialkirche, welche durch ihren Umfang und ihre Bauart das interessanteste Gebäude Harlems war.

Nicht weit davon entfernt stand das Haus des Küsters dieser Kirche, stattlich und blank, wie frisch gewaschen in seiner röthlichen Steinfarbe und der Reihe kleiner Fenster, deren Bleieinfassung silberhell blinkte. Hinter einigen der Fenster sah man gemalte Töpfe mit hübschen Pflanzen und Blumen, doch selten drängte sich ein freundliches Angesicht zwischen ihnen durch, um aus die Straße zu spähen, was im Verein mit der stets verschlossenen Thüre dem Haufe ein stilles, fast geheimnißvolles Aussehen gab. Auch im Innern regte sich, wie man zu sagen pflegt, kein Mäuschen. Die blanken, weißgefegten Dielen schienen nur mit weichen Sohlen überschritten zu werden, und ein unsichtbarer Geist jedes Stäubchen von den Hausgeräthen ferne zu halten; doch dem war nicht so – der ordnende und sorgende Geist in dem Haushalte des berühmten Küsters von Harlem war nichts weniger als ein ätherisches Wesen. Es war eine dralle Magd mit vollen Formen, lebhaften Augen und runden, rothen Wangen. Uebrigens und trotzdem in den meisten Dingen mit jener pflegmatischen Ruhe begabt, die ihre Landsleute charakterisirt, und die ihr kräftiges Naturell den Eigenheiten und Wünschen ihres launigen Herrn fügbar machte. Seit einigen Tagen jedoch sprach sich eine ganz ungewöhnliche Ungeduld in ihren Zügen aus, welche die Unbedeutenheit derselben hob und ihren Augen einen besondern Glanz verlieh, was ihre Erscheinung recht ansprechend machte. Man konnte Dorte jedoch auch ohne diese Zuthaten eine hübsche, stattliche Person nennen, die ganz geeignet erschien, dem Haushalte eines Witwers vorzustehen und sich aus die Stufe einer höher gestellten Dienerin zu schwingen. Dies war nun auch der Magd des Küsters schon längst gelungen. Den kleinen Eigenschaften ihres Herrn sich fügend, hatte sie in größern Dingen die Herrschaft sich zu erringen gewußt, doch gutmüthig von Natur war sie auch zugleich die mütterliche Pflegerin seines jüngsten Kindes geworden.

Die Beschäftigung, welche seit einer Reihe von Jahren den Küster neben seinem Amte in Anspruch nahm, ließ ihn den Tod seines Weibes kaum empfinden und im Vereine mit Dortens Sorge auch keine Nachwehen desselben. Manchmal freilich wurde es der Magd, die noch in jugendlichem Lebensalter stand, in dem stillen Hause zu einsam, allein Gewohnheit und andere Annehmlichkeiten ließen sie diesen Umstand verschmerzen; dann auch beschäftigten sie, wenn sie einsam in der hinteren Stube am Spinnrocken saß, allerlei Pläne, welche die langen Stunden des Alleinseins ihr kürzen halfen. Und dieser Stunden gab's immer mehr, je älter des Küsters Töchterlein wurde, denn Marianne fing an, kindliches Spiel und Geplauder einzustellen und tagelang neben dem Vater zu sitzen und feine Beschäftigungen nachzuahmen. Das war nun gar nicht nach Dortens Geschmack – aber was war zu machen? Das Kind, gewohnt, seinem Sinne zu gehorchen, worin sie selbst es bestärkt hatte, lauschte ihren Ermahnungen zwar mit einem sanften Lächeln, befolgte sie aber nicht.

Daß es im Hause bald anders werden müsse, war Dortens entschiedene Meinung; nur das Wann und Wie machte ihr Skrupel. Da pochte Gutenberg als wandernder Geselle, der Beschäftigung sucht, an die Thüre des abgeschlossenen Hauses, und seitdem verließ sie der Gedanke nicht mehr, daß ihr Herr seine einträgliche Erfindung mehr als Geschäft betreiben und dasselbe ausdehnen müsse. Was er in langsamer Arbeit zu Stande brachte und ihm gut bezahlt wurde, konnte durch Gehilfen eine Quelle großen Reichthums werden. Mit der Ausdehnung des Geschäftes kehrte dann auch unterhaltenderes Leben im Hause ein und manches konnte leichter zu Stande kommen, was Dorte im Geheimen für Marianne und sich wünschte. Allein es gelang ihr nicht, sich mit Gutenberg noch ihrem Herrn zu verständigen. Der Eine war ihr zu ernsthaft – verstand sie doch kaum seine Sprache, der Andere zu heftig und mißtrauisch, sobald es sich darum handelte, ein fremdes Auge in sein Geheimniß eindringen zu lassen. Da klopfte ein zweiter Geselle am Hause des Küsters an, und mit ihm hatte sich Dorte schnell befreundet. Sein Anliegen, das er ihr gar heiter und gesprächig vorbrachte, nämlich: mit seinem Kameraden in die Dienste ihres Herrn zu treten, fand sogleich ihren entschiedenen Beifall und zwar in einem Grade, daß dem an Ruhe gewohnten Küster nur wenige Stunden noch wurden, in denen seine Haushälterin ihm nicht die Vortheile vorführte, die treue und wackere Gehilfen bringen würden.

In der hellsten Stube seines Hauses finden wir den Küster beschäftigt, Figuren und Buchstaben in Holzplatten einzuschneiden. Er saß an einem großen, viereckigen Tische und blickte nicht einen Augenblick von seiner Arbeit auf. Ihm gegenüber befand sich ein junges Mädchen und trieb spielend dieselbe Arbeit. Nachdem sie einige Linien eingeschnitten, bestrich sie dieselben mit Farben, welche in kleinen Töpfen umherstanden, legte Papierstreifen darauf und rieb mit ihren feinen, weißen Fingern darüber hin. Drückte sich dadurch irgend eine bestimmte Form deutlich ab, lächelte sie still vor sich hin und sah dann ihren Vater an, als wolle sie ihr Werk ihm zeigen. Doch schien es, als wage sie nicht, ihn zu stören, denn kein Laut kam aus ihrem Munde. Von Zeit zu Zeit lugte sie verstohlen nach seiner Arbeit hinüber, oder schrieb sie auch Buchstaben und Zahlen in verschiedener Größe auf kleine Papierstreifen. So ging es eine Stunde und drüber in fast feierlicher Stille fort. Da öffnete Dorte geräuschlos die Thüre, blieb jedoch auf der Schwelle stehen und winkte Marianne zu sich hin. Sie sah heute besonders stattlich aus. Ein grellrothes Kleid fiel bis auf ihre Fußspitzen herab, und das Mieder von gleicher Farbe war besonders sorgfältig über der vollen Brust mit weißen Litzen zusammengehalten, den vollen Hals und Nacken freilassend, die ein lose eingestecktes Tuch nur zweifelhaft verhüllten. Die glatte, blaue Schürze legte sich fest um die runden Hüfte und hob sie recht verführerisch hervor, während über den hohen, kappenartigen Kopfputz eine Art Schleier geworfen war, welcher die Haare nonnenhaft verdeckte, die Stirne knapp umschloß und im Nacken ineinandergeschlungen in langen Ecken herabfiel. Weite, weiße Schutzärmel zogen sich über die eng anliegenden rothen her und erzählten mit einiger Koketterie von Fleiß und Reinlichkeit.

Marianne sah den geheimnißvollen Wink der Magd und erhob sich, nach einem forschenden Blick aus ihren Vater so leise, daß er es nicht bemerkte und ging der Thüre zu.

»Was giebt's?« fragte das junge Mädchen kaum hörbar.

Doch statt aller Antwort zog Dorte sie in das kleine Vorzimmer hinaus und schloß die Thüre hinter sich zu; dann sagte sie rascher, als sie sonst zu sprechen pflegte:

»Die Zwei sind wieder da und harren draußen auf der Hausflur. Wollen wir's dem Vater sagen?«

»Jetzt, Dorte? – Bei Leibe nicht. In dieser schwierigen Arbeit darf er nicht gestört werden«

»So? Hat er eben etwas Besonderes? Ja, dann freilich ist es klüger, man läßt ihn in Ruhe. Aber du könntest sie einmal ansehen – den netten jungen Mann, und dann wollen wir heute Abend gemeinschaftlich in den Vater dringen, daß er sie als Gesellen annimmt.«

»Ach, Dorte,« erwiderte Marianne zaghaft, »ich glaube kaum, daß der Vater einwilligt. Du hättest besser den Gesellen die Thüre unseres Hauses gar nicht geöffnet.«

»Lieber sie allen Menschenseelen ganz abgeschlossen für Zeit und Ewigkeit,« fiel die Magd etwas heftig ein. »Damit wir vollends wie in einem Gefängnisse säßen! Du mein Gott, wo soll denn das hinaus? Wirst du doch jetzt auch bald flügge, liebes Vögelein. Drum laß uns sorgen, daß du die Flügel künftig besser rühren kannst als seither.«

»Wie du wieder schwatzest, Dorte? Ich verstehe nicht, was du damit sagen willst. Bin ich doch glücklich, neben dem Vater zu sitzen und seine Arbeiten ihm abzulauschen.«

»Zu was soll das noch lange? Die Mädchen brauchen andern Zeitvertreib Doch abgesehen davon, bleibt's unverantwortlich, aus der Sache nicht größeren Gewinn zu ziehen, – denn sage selbst, Herzchen, wie viel kann dein Vater neben seinem Amte zu Wege bringen, und seine Erfindung könnte ihm mehr eintragen als sein Amt.«

»Dann mag er sein Amt aufgeben,« meinte Marianne.

»Du sprichst kindisch,« eiferte Dorte. »Was? Sein Amt aufgeben – ein Erbamt, – ein angesehenes Amt – ein Ehrenamt, das schon dein Urahn von feinem Vater erbte, aufgeben? Warum nicht gar? Nein, nein, nein. Man giebt nicht auf, was man hat. Dazu thun, ist besser – und das soll er, Gehilfen soll er annehmen, daß die Heiligenbilder und die schönen Sprüche zu Hunderten verkauft werden können, – dann wirst du bald zu den reichsten Mädchen der Stadt zählen und kannst dein Auge hoch erheben. Das Küsteramt mag auf die Buben deiner Schwester übergehen, auch das Geschäft, aber das Gold, das deines Vaters Kunst einträgt, auf dich und – doch das Alles wird sich schon finden. Sieh dir nur jetzt einmal die Gesellen an – es sind schmucke Bursche, sehen aus wie guter Leute Kind, so anständig, so manierlich, – fleißig und brav sind sie gewiß auch und sollen bald nicht höher, als zu unserem Hause schwören, – dafür will ich schon sorgen. Hilf mir nur jetzt, daß sie herein kommen. Die hintere Stube richte ich dann zur Werkstätte her und oben unterm Dache die große Kammer zur Gesellen-Schlafstube.

Marianne schüttelte leicht ihr bleiches, doch sehr anmuthiges Haupt, allein sie entgegnete nichts mehr und folgte mit niedergeschlagenen Augen der Magd auf die Hausflur. Dort harrten Gutenberg und Kuno aus den Herrn des Hauses, dessen Nichterscheinen Dorte zu entschuldigen suchte und ihnen einstweilen sein Töchterlein vorstellte, welches eben so sehr, wie sie es wünsche, daß Herr Lorenz zur größeren Verbreitung seiner Kunstwerke Gehilfen annehmen möge.

Kuno verbeugte sich tief vor dem bleichen, verlegenen Kinde; Gutenberg jedoch konnte eine etwas unzufriedene Bewegung nicht verbergen.

»Geduld, Freund!« flüsterte ihm Kuno zu. »Meine Umwege sind nöthig, um zum Ziele zu kommen.« Darauf wandte er sich an Marianne, während sein Auge Dorte versicherte, daß seine Rede eigentlich ihr gelte und er nur die Form beobachte, indem er sich an die junge Herrin des Hauses wende. Er setzte in rascher, munterer Weise ihr Verlangen auseinander, die Briefdruckerei zu erlernen und versicherte wiederholt, daß nur der große Ruf des Küsters von Harlem sie von Haus und Heimath fortgetrieben habe, und sie ihm treu und ergeben bleiben würden bis in Ewigkeit, so er sie als Gehilfen bei sich aufnehme.

»Allerdings,« fügte Dorte mit klugem Blicke hinzu, »müsset ihr, sobald der Herr euch bei sich aufnimmt, denken: die bleibende Stätte für euch sei hier. Dem treuen Gesellen wird das Haus des Meisters zur Heimath; denn nur kommen, sehen und lernen und es dann weiter tragen, davon kann keine Rede sein. Verpflichten müßt ihr euch –«

»Zu was, schöne Magd?« unterbrach sie Kuno. »Zum Ausharren in Eurer Nähe? – Braucht's dazu eines besonderen Wortes? Schaut uns nur freundlich an, wird's Weiterziehen zur Unmöglichkeit.«

»Ihr seid ein loser Schelm. Euch ist nicht zu trauen,« erwiderte Dorte mit drohendem Finger, doch zeigte das höhere Roth ihrer Wange, daß Kuno's Galanterie auf empfänglichen Boden gefallen.

»Sagt Euren Vater ein freundliches Wort, holdes Mägdlein, und seid versichert, wir werden ihm treu und fleißig dienen!« wandte sich Gutenberg an Marianne.

Sie hob langsam ihr gesenktes Auge empor, in dem ein leichter Rosaschimmer flüchtig über ihre blassen Wangen zog, sah ihn prüfend an, und sagte: »Ich will es thun. Kommt morgen in der Abendzeit wieder, dann sollt ihr bestimmten Bescheid erhalten«

»Er muß einwilligen, – es ist ja zu seinem eignen Vortheil,« plauderte Dorte mit Kuno, »und den Buben bringt nur kecklich mit. Der ist im Haushalt zu gebrauchen. Es wird dann doch Arbeit vollauf hier geben. Meine guten und ruhigen Tage sind dahin, – das seh ich kommen.«

»Dafür vertreiben wir Euch die Langweile. In den Feierstunden singe ich Euch Lieder und erzähle Euch schöne Geschichten,« versicherte Kuno mit vielsagendem Blicke.

»Gehabt Euch wohl bis Morgen, holdes Jungferlein, und sorgt für guten Bescheid,« bat Gutenberg und Marianne nickte ihm einen freundlichen Abschied zu, sah Kuno flüchtig an und sagte zu Dorte, als die Beiden weggegangen waren: »Der große Geselle wird des Vaters Kunst fördern, der Andere nicht, so steht's in ihren Gesichtern und meinem Gemüthe.«

»Mir ist aber dennoch der Andere lieber,« dachte die hübsche Magd; »denn der wird ein munteres Leben in das stille Hans bringen«

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