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Jerry der Insulaner

Jack London: Jerry der Insulaner - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleJerry der Insulaner
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150620
projectid1c32ce70
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Viele Tage blieb Jerry, an den Stock gebunden, Lamais Gefangener. Es war keine glückliche Zeit, denn Lamais Haus war eine Stätte von ewigem Zank und Streit. Lamai prügelte sich wild mit seinen Brüdern und Schwestern, weil sie Jerry necken wollten, und diese Schlägereien endeten unweigerlich damit, daß Lenerengo selbst herausstürzte und die ganze Bande ohne Ansehen der Person verprügelte.

Und wenn das überstanden war, sagte sie selbstverständlich, schon aus Prinzip, Lumai ihre Meinung, und wenn Lumai, dessen milde Stimme stets zu Frieden und Ruhe mahnte, derart seinen Teil abbekommen hatte, verlegte er seine Residenz für ein paar Tage ins Kanuhaus. Hier war Lenerengo machtlos. Das Kanuhaus der Männer durfte keine Mary betreten. Lenerengo hatte nie das Schicksal vergessen, das der letzten Mary zuteil geworden war, die das Tabu verletzt hatte. Das war vor vielen Jahren geschehen, als sie selbst noch ein ganz junges Mädchen war, aber sie erinnerte sich noch deutlich des unglücklichen Weibes, das erst einen ganzen Tag an einem Arm und dann einen ganzen Tag am andern Arm in der Sonne gehangen hatte. Dann hatten alle Männer im Kanuhaus einen Festschmaus abgehalten, bei dem sie den Braten darstellte, und noch lange Zeit darauf hatten alle Frauen in Gegenwart ihrer Männer nur leise gesprochen.

Jerry gewann Lamai lieb, aber seine Liebe war weder stark noch leidenschaftlich. Sie entsprang eher einer Art Dankbarkeit, denn Lamai war der einzige, der dafür sorgte, daß er Nahrung und Wasser bekam. Aber dieser Knabe war kein Schiffer, kein Herr Haggin. Er war nicht einmal Derby oder Bob. Er war ein tieferstehendes männliches Wesen, ein Nigger, und Jerry war sein ganzes Leben lang dazu erzogen worden, in den weißen Männern überlegene zweibeinige Götter zu sehen.

Indessen mußte er doch unwillkürlich die Intelligenz und die Kraft der Nigger bemerken. Er dachte nicht darüber nach. Er nahm die Tatsache als etwas Selbstverständliches hin. Sie hatten die Macht, andre Wesen zu beherrschen, konnten Stöcke und Steine durch die Luft schleudern und konnten ihn sogar als Gefangenen an einen Stock binden, der ihn völlig hilflos machte. Waren sie auch den weißen Göttern unterlegen, so waren sie doch eine Art Götter.

Es war das erstemal in seinem Leben, daß Jerry angebunden war, und es gefiel ihm gar nicht. Nutzlos verdarb er seine Milchzähne, die schon lose wurden, weil die andern Zähne darunter durchbrechen wollten. Der Stock war stärker als er. Obwohl er Schiffer nicht vergaß, schlief der Kummer über seinen Verlust mit der Zeit ein, bis alle andern Gefühle von dem Wunsch nach Freiheit zurückgedrängt wurden.

*

Als aber der Tag kam, da er in Freiheit gesetzt wurde, benutzte er ihn nicht, um nach dem Strande zu laufen. Das Schicksal wollte, daß Lenerengo ihn befreite. Sie tat es mit Vorbedacht, weil sie ihn loswerden wollte. Als sie aber Jerry losgebunden hatte, blieb er stehen, um ihr zu danken, wedelte mit der Rute und lächelte sie mit seinen nußbraunen Augen an. Sie stampfte mit dem Fuße auf, um ihm zu bedeuten, daß er gehen sollte, und schrie ihn wütend an, um ihn bange zu machen. Das verstand Jerry nicht; er kannte Furcht so wenig, daß er sich nicht einschüchtern ließ. Er wedelte nicht mehr mit der Rute und sah sie zwar weiter an, lächelte aber nicht mehr. Ihm war klar, daß ihr Benehmen und der Lärm, den sie machte, Feindseligkeit ausdrückten, und er war auf der Hut, war auf jede feindliche Handlung von ihrer Seite vorbereitet.

Wieder schrie sie ihn an und stampfte mit dem Fuße. Die einzige Wirkung, die das ausübte, war, daß Jerry jetzt seine Aufmerksamkeit dem Fuße zuwandte. Daß er nicht gleich weglief, wenn sie ihn in Freiheit setzte, war zuviel für diese temperamentvolle Frau. Sie trat nach Jerry, und Jerry wich aus und biß sie in den Knöchel.

Jetzt war der Krieg erklärt, und sie hätte aller Wahrscheinlichkeit nach Jerry in ihrer Wut getötet, wäre Lamai nicht auf dem Schauplatz erschienen. Der losgebundene Stock erzählte genug von ihrer Treulosigkeit und empörte Lamai, der zwischen sie sprang und den Schlag mit einem Poi-Stößer abwehrte, der Jerry sonst leicht den Kopf zerschmettert hätte.

Jetzt war Lamai in Gefahr, und seine Mutter hatte ihm schon einen Schlag auf den Kopf versetzt, daß er zu Boden stürzte, als der arme Lumai, den der furchtbare Lärm aus dem Schlafe geweckt hatte, sich herauswagte, um Frieden zu stiften. Und wie gewöhnlich vergaß Lenerengo alles andre über dem größeren Vergnügen, ihren Mann auszuzanken.

Die Geschichte endete harmlos genug. Die Kinder hörten auf zu weinen. Lamai band Jerry wieder an den Stock. Lenerengo schimpfte, bis ihr die Luft ausging, und Lumai begab sich gekränkt ins Kanuhaus, wo die Männer in Frieden schlafen konnten, ohne von Marys geplagt zu werden.

Als Lumai am Abend im Kreise der andern Männer saß, erzählte er von seinem Ärger und dessen Ursache: dem Hündchen, das mit der Arangi gekommen war. Nun hörte zufällig Agno, der oberste der Teufel-Teufel-Medizinmänner oder der Hohepriester des Stammes, die Geschichte mit an, und er entsann sich, daß er Jerry mit dem Rest der Gefangenen ins Kanuhaus geschickt hatte. Eine halbe Stunde später hatte er sich Lamai vorgenommen. Kein Zweifel, der Junge hatte die Tabus verletzt, und das sagte er ihm auch unter vier Augen, bis Lamai zitterte und weinte und in Todesangst vor seinen Füßen kroch, denn die Strafe war der Tod.

Es war eine zu gute Gelegenheit, den Jungen ein für allemal gefügig zu machen, als daß Agno sie nicht in vollem Maße benutzt hätte. Ein toter Junge hatte keinen großen Wert für ihn, aber ein lebendiger Junge, dessen Leben er in der Hand hatte, würde ihm treu dienen. Da kein andrer etwas von dem verletzten Tabu wußte, konnte er darüber schweigen. Und deshalb befahl er Lamai, sofort in das Kanuhaus der Jünglinge zu ziehen, wo er seine Lehrzeit in der langen Reihe von Hantierungen, Prüfungen und Zeremonien beginnen sollte, bis er schließlich ins Kanuhaus der Junggesellen kam, um halbwegs als erwachsener Mann anerkannt zu werden.

*

Am Morgen band Lenerengo Jerry auf Geheiß des Teufel-Teufel-Medizinmannes die Beine zusammen, was nicht ohne Kampf vor sich ging, bei dem sein Kopf arg gestoßen und ihre Hände bös zerkratzt wurden. Dann trug sie ihn durchs Dorf, um ihn in Agnos Haus abzuliefern. Unterwegs legte sie ihn auf dem offenen Platz, wo die Königsstatuen standen, auf den Boden und ging, um an der Festfreude der Bevölkerung teilzunehmen.

Der alte Baschti war nicht nur ein strenger Gesetzgeber, in seiner Art stand er einzig da. Er hatte diesen Tag gewählt, um zwei streitsüchtige Weiber abzustrafen, allen andern Weibern eine Lehre zu erteilen und seinen Untertanen wieder einmal eine Freude zu verschaffen, weil sie ihn zum Herrscher hatten. Tiha und Wiwau, die beiden Frauen, waren derb, voll und jung, und sie hatten wegen ihrer unaufhörlichen Streitereien Ärgernis über Ärgernis gegeben. Baschti ließ sie um die Wette laufen. Aber was für ein Wettlauf war das! Es war zum Totlachen. Männer, Frauen und Kinder, die zusahen, heulten vor Freude. Selbst ältere Weiber und Graubärte, die schon mit einem Fuß im Grabe standen, schrien vor Vergnügen bei dem Anblick.

Der Wettlauf fand auf einer Bahn statt, die eine halbe Meile lang war und von der Stelle am Strande, wo die Arangi verbrannt worden war, mitten durch das Dorf bis zum Strand am andern Ende der Korallenmauer führte. Diese Entfernung sollten Tiha und Wiwau hin und zurück durchlaufen, und zwar sollte die eine die andre antreiben, so daß die andre eine unerreichbare Schnelligkeit zu erreichen versuchte.

Nur Baschtis Kopf hatte diese Vorstellung erdenken können. Erstens wurden Tiha zwei runde Korallenblöcke, die wenigstens vierzig Pfund jeder wogen, in die Arme gelegt. Sie war gezwungen, sie eng an die Seiten zu pressen, um sie nicht fallen zu lassen. Hinter sie stellte Baschti Wiwau, die mit einer Bürste aus Bambussplittern an einem langen leichten Bambusschaft bewaffnet war. Die Splitter waren nadelscharf – ja, es waren tatsächlich die Nadeln, die man zum Tätowieren brauchte, und sie sollten auf Tihas Rücken in derselben Weise angewendet werden wie die Stachelstöcke, mit denen die Menschen Ochsen antreiben. Es konnte dem Opfer kein ernsthafter Schaden zugefügt werden, aber es war eine grausame Qual, und gerade das beabsichtigte Baschti.

Wiwau trieb mit dem Stachelstock an, und Tiha stolperte und fiel bei der Bemühung, eine größere Schnelligkeit zu erreichen. Da bei der Ankunft am Strande die Rollen vertauscht werden sollten – Wiwau sollte den Stein zurücktragen und Tiha sie mit dem Stachelstock antreiben –, und da Wiwau wußte, daß Tiha ihr mit Zinsen zurückzahlen würde, was sie ihr gab, strengte sie sich nach Kräften an, solange sie konnte. Beide troffen von Schweiß. Jede hatte ihre Anhänger in der Volksmenge, die sie bei jedem Stoß mit anzüglichen Zurufen ermunterten.

Bei aller Lächerlichkeit steckte ein eisernes, primitives Gesetz dahinter. Die beiden Steine mußten die ganze Strecke getragen werden. Die Frau, die den Stachelstock hatte, mußte ihn kräftig und ohne Bedenken gebrauchen. Die Geschlagene durfte nicht wütend werden noch sich mit ihrem Quälgeist in einen Kampf einlassen. Baschti hatte sie schon im voraus darauf aufmerksam gemacht, daß die Strafe für Verletzung der von ihm gegebenen Gesetze eigentlich darin bestanden hätte, bei Ebbe an einen Pfahl auf das Riff gebunden und von den Fischhaien gefressen zu werden.

Als die Kämpfenden an die Stelle kamen, wo Baschti und sein Premierminister Aora standen, verdoppelten sie ihre Anstrengungen; Wiwau trieb Tiha begeistert an, und Tiha sprang jedesmal, wenn die Bürste sie traf, so daß sie andauernd Gefahr lief, die Steine zu verlieren. Dicht hinter ihnen kamen alle Dorfkinder und Dorfhunde, vor Aufregung heulend und kläffend.

»Lang Zeit du fella Tiha nicht sitzen im Kanu«, brüllte Aora dem Opfer zu, und Baschti ließ wieder ein vergnügtes Gackern hören.

Bei einem ungewöhnlich heftigen Schlage ließ Tiha den einen Stein fallen und mußte den Stachelstock, als sie ins Knie sank und den Stein wieder aufhob, gleich wieder schmecken. Dann watschelte sie weiter.

Einmal empörte sie sich gegen die Qualen, die sie erdulden mußte; sie blieb stehen und wandte sich zu ihrem Quälgeist um.

»Mich böse auf dich zu viel«, sagte sie zu Wiwau. »Nachher – bald –«

Aber sie vollendete die Drohung nicht. Ein besonders heftiger Schlag brach ihren Mut, und sie wankte weiter.

Als sie sich dem Strande näherten, ließ das Geschrei der Menge nach. Aber nach wenigen Minuten setzte es mit erneuter Kraft wieder ein. Jetzt war es Wiwau, die unter der Last stöhnte, und Tiha, die, wütend über die erlittene Unbill, doppelte Vergeltung zu üben versuchte.

Gerade vor Baschti ließ Wiwau einen der Steine fallen, und bei dem Versuch, ihn aufzuheben, verlor sie auch den andern, der fünf bis sechs Fuß von dem ersten wegrollte. Tiha wurde ein wahrer Wirbelwind rachlustiger Wut, und ganz Somo geriet außer sich. Baschti schlug sich auf die bloßen Schenkel und lachte, bis ihm die Tränen über die runzligen Wangen liefen.

Und als alles vorbei war, sprach Baschti zu seinem Volke: »So sollen alle Weiber kämpfen, wenn sie zu kampflustig sind.«

Er sagte es nicht gerade mit diesen Worten. Er sagte es auch nicht in der Somo-Sprache. Er sagte es auf Trepang, und seine Worte lauteten:

»Jede fella Mary er mögen kämpfen, alle fella Mary in Somo kämpfen dies fella Weise.«

nbsp;

Nach Beendigung des Wettlaufs blieb Baschti noch eine Weile im Gespräch mit seinen Großen stehen, unter denen sich auch Agno befand. Lenerengo stand, auf ähnliche Weise beschäftigt, mit mehreren ihrer alten Freundinnen zusammen. Jerry lag noch so da, wie sie ihn hingeworfen hatte; da kam der Wildhund, den er auf der Arangi tyrannisiert hatte, und beschnüffelte ihn. Zuerst tat er es in respektvollem Abstand, zu sofortiger Flucht bereit. Dann kam er vorsichtig näher. Jerry beobachtete ihn erbittert. In dem Augenblick, als die Schnauze des Wildhundes ihn berührte, ließ er ein warnendes Knurren hören. Der Wildhund sprang zurück, stürzte in wilder Flucht davon und war schon eine ganze Strecke gelaufen, als er erkannte, daß er nicht verfolgt wurde.

Wieder kam er vorsichtig zurück, so, wie sein Instinkt ihn auf der Jagd nach Wild vorzugehen hieß, dann kroch er ganz am Boden zusammen, so daß sein Bauch fast die Erde berührte. Dann hob und senkte er die Füße so gewandt und lautlos wie eine Katze, wobei er hin und wieder nach rechts und nach links sah, als fürchtete er einen Flankenangriff. Der laute Ausbruch eines Knabenlachens in der Ferne brachte ihn plötzlich in Abwehrstellung: er hieb die Klauen in den Boden und spannte die Muskeln wie Stahlfedern, um sofort sprungbereit zu sein und der Gefahr – er wußte nicht, woher sie drohte und worin sie bestand – zu entgehen. Als er sich überzeugt hatte, woher der Lärm kam, und daß keine Gefahr für ihn bestand, begann er wieder, sich vorsichtig dem irischen Terrier zu nähern.

Was möglicherweise geschehen wäre, kann niemand sagen, denn in diesem Augenblick fiel Baschtis Blick zufällig zum erstenmal seit der Eroberung der Arangi auf das goldene Hündchen. Im Wirbel der Ereignisse hatte Baschti das Hündchen ganz vergessen.

»Was Name das fella Hund?« rief er scharf, und sein Ruf brachte den Wildhund wieder in Abwehrstellung und zog sich Lenerengos Aufmerksamkeit zu. Vor Angst kroch sie fast vor den furchtbaren alten Häuptling und berichtete mit zitternder Stimme, wie sich alles zugetragen hätte. Ihr Taugenichts von Sohn, Lamai, hätte den Hund aus dem Wasser gezogen. Das Tier hätte viel Unruhe und Mühe in ihrem Hause verursacht. Jetzt aber sei Lamai zu den Jünglingen gezogen, und sie solle den Hund auf ausdrücklichen Befehl Agnos in dessen Haus bringen.

»Was Name das Hund bleiben bei dir?« fragte Baschti, jetzt direkt zu Agno gewandt.

»Mich kai-kai ihn«, lautete die Antwort. »Ihn fett fella Hund. Ihn gut fella Hund kai-kai.«

In Baschtis wachsamem alten Hirn blitzte plötzlich ein Gedanke auf, der schon längst dort geruht hatte und gereift war.

»Ihn gut fella Hund zu viel«, erklärte er. »Besser du essen Busch fella Hund«, riet er ihm, auf den Wildhund zeigend.

Agno schüttelte den Kopf. »Busch fella Hund kein gut kai-kai.«

»Busch fella Hund kein gut zu viel«, lautete Baschtis Urteil. »Busch fella Hund zu viel Furcht. Viele Busch fella Hund zu viel Furcht. Busch Hund nicht kämpfen. Hund von weißer Herr kämpfen wie Hölle. Busch Hund laufen wie Hölle. Du sehen Augen gehören dir, du sehen.«

Baschti beugte sich über Jerry und durchschnitt die Stricke, mit denen seine Beine gebunden waren. Und Jerry, der sofort auf den Füßen stand, hatte diesmal zuviel Eile, um sich erst zu bedanken. Er stürzte dem Wildhund nach, erwischte ihn auf der Flucht, riß ihn zu Boden und wälzte sich mit ihm herum, während eine Staubwolke sich um sie erhob. Der Wildhund gab sich die größte Mühe, zu entkommen, aber Jerry drängte ihn in eine Ecke, warf ihn nieder und biß ihn, während Baschti seinen Beifall kundgab und seine Großen rief, um zuzusehen. Jetzt war Jerry ein rasender kleiner Dämon geworden. Angefeuert durch alle Unbill, die er seit dem blutigen Tage auf der Arangi und dem Verlust Schiffers bis zum heutigen Tage, als ihm die Beine zusammengebunden wurden, erlitten hatte, ließ er seine ganze Rache an dem Wildhund aus. Der Besitzer des Wildhundes, ein Retournierter, beging den Fehler, Jerry mit einem Tritt verscheuchen zu wollen. Im selben Augenblick war Jerry auf ihn losgesprungen und hatte ihm mit seinen Zähnen den Schenkel zerschrammt. Dann geriet er dem Schwarzen zwischen die Beine und warf ihn um.

»Was Name!« rief Baschti wütend dem Missetäter zu, der, vor Angst außer sich, liegenblieb, wo er hingefallen war, und zitternd auf das nächste Wort seines Häuptlings wartete.

Aber Baschti bog sich schon vor Lachen beim Anblick des Wildhundes, der, als gälte es das Leben, Jerry dicht auf den Fersen, die Straße hinunterlief, daß der Staub aufwirbelte.

Als sie verschwunden waren, erklärte Baschti seine Idee. Wenn Menschen Bananen pflanzten, so war das, was dabei herauskam, Bananen. Pflanzten sie Yamswurzeln, so erhielten sie Yams, weder süße Kartoffeln noch etwas andres, sondern nur Yams. Dasselbe galt von Hunden. Da alle Hunde von schwarzen Menschen Feiglinge waren, wurden weiter alle Hunde von schwarzen Menschen, so viele man ihrer auch heranzog, Feiglinge. Die Hunde weißer Menschen waren mutige Kämpfer. Wenn sie sich fortpflanzten, mußten sie ebenfalls mutige Kämpfer hervorbringen. Nun schön, so schloß er, hier hatte man einmal den Hund eines weißen Mannes. Es würde der Gipfel der Torheit sein, ihn aufzufressen und für alle Zeit den Mut, der ihm innewohnte, zu vernichten. Das klügste war, ihn als Zuchthund zu betrachten und am Leben zu erhalten, so daß sein Mut in kommenden Generationen von Somohunden immer wiederkehrte und sich verbreitete, bis alle Somohunde stark und mutig waren.

Ferner befahl Baschti seinem obersten Teufel-Teufel-Medizinmann, sich Jerrys anzunehmen und gut auf ihn zu achten. Und schließlich erließ er ein Gebot an den ganzen Stamm, daß Jerry tabu war. Kein Mann, Weib oder Kind durfte einen Speer oder einen Stein nach ihm werfen, ihn mit der Keule oder dem Tomahawk schlagen oder sonst irgendwie verletzen.

Von jetzt an bis zu dem Tage, da Jerry selbst eines der größten Tabus verletzte, verbrachte er in Agnos Grashütte eine glückliche Zeit. Denn Baschti beherrschte im Gegensatz zu den meisten Häuptlingen seine Teufel-Teufel-Medizinmänner mit starker Hand. Andre Häuptlinge, selbst Nau-hau in Langa-Langa, wurden von ihren Teufel-Teufel-Medizinmännern beherrscht, übrigens glaubte das Somovolk, daß Baschti ebenso beherrscht wurde. Aber sie wußten nicht, was hinter den Kulissen vorging, wenn Baschti, der an nichts glaubte, bald mit dem einen, bald mit dem andern Medizinmann unter vier Augen sprach.

Bei diesen privaten Unterredungen zeigte er ihnen, daß er ihr Spiel durchschaute, daß er genau so gut Bescheid wußte wie sie selber, und daß er kein Sklave des finsteren Aberglaubens und frechen Betruges war, wodurch sie sich das Volk Untertan machten. Ferner entwickelte er die Theorie, die ebenso alt ist wie Herrscher und Priester, daß Herrscher und Priester zusammenarbeiten müßten, um das Volk gut zu regieren. Er hatte nichts dagegen, daß die Götter und die Priester, das Sprachrohr der Götter, als die angesehen wurden, die das entscheidende Wort zu sprechen hatten, aber die Priester sollten wissen, daß in Wirklichkeit er das entscheidende Wort zu sprechen hatte. Glaubten sie selbst auch nur wenig an ihre Künste, so glaubte er noch weniger daran.

Er wußte Bescheid mit den Tabus und der Wahrheit, die hinter den Tabus steckte. Er erklärte seine persönlichen Tabus und ihre Entstehung. Er durfte nie Fleisch von Schaltieren essen, erzählte er Agno. Der alte Nino, der Vorgänger Agnos, hatte ihm dieses Tabu auf Befehl des Haigottes auferlegt. In Wirklichkeit aber hatte er, Baschti, sich von ihm das Tabu auferlegen lassen, weil er das Fleisch von Schaltieren nicht mochte und nie gemocht hatte.

Dazu kam noch, daß er, der länger als der älteste unter den Priestern gelebt, jeden von ihnen ernannt hatte. Er kannte sie, hatte sie zu dem gemacht, was sie waren, und sie lebten kraft seines Wohlwollens. Und sie würden weiter nach seinen Weisungen handeln, wie sie es stets getan, oder sie würden schnell und plötzlich verschwinden. Er brauchte nur an den Tod Koris zu erinnern – Koris, des Teufel-Teufel-Medizinmannes, der sich selbst für stärker als Baschti gehalten und für diesen Irrtum eine ganze Woche in Qualen geschrien hatte, ehe er aufhörte zu schreien und für immer schwieg.

*

In Agnos großer Grashütte gab es wenig Licht und viel Mystik. Für Jerry, der nur Dinge kannte oder nicht kannte und sich nicht den Kopf über etwas zerbrach, das er nicht wußte, gab es keine Mystik. Gedörrte Köpfe und andre gedörrte und verschimmelte Teile menschlicher Körper imponierten ihm nicht mehr als die gedörrten Alligatoren, die zur Ausschmückung von Agnos düsterer Wohnung beitrugen.

Es wurde gut für Jerry gesorgt. Weder Kinder noch Frauen füllten das Haus des Teufel-Teufel-Medizinmannes. Ein paar alte Weiber, ein elfjähriges Mädchen, das die Fliegen verscheuchen mußte, und zwei junge Männer aus dem Kanuhaus der Jünglinge, die unter der Anleitung des großen Lehrers Priester werden sollten, bildeten den Haushalt und warteten Jerry auf. Er erhielt ausgewähltes Futter. Wenn Agno zuerst von einem Schwein bekommen hatte, kam Jerry an die Reihe. Selbst die beiden Schüler und die Fliegenverscheucherin kamen erst nach ihm, und sie wieder überließen die Reste den alten Frauen. Und im Gegensatz zu den gewöhnlichen Wildhunden, die sich bei Regen schutzsuchend unter den vorspringenden Dachrand schlichen, erhielt Jerry ein trockenes Plätzchen unter dem Dache, wo die Köpfe von Buschmännern und längst vergessenen Sandelholzhändlern mitten in einer verstaubten, wirren Sammlung von getrockneten Haieingeweiden, Krokodilschädeln und Skeletten von Salomon-Ratten hingen, die von der Nasenspitze bis zur Schwanzspitze zwei Drittel Ellen maßen.

Jerry hatte uneingeschränkte Freiheit, und sehr oft schlich er sich aus dem Dorfe und lief nach Lamais Haus, doch nie traf er ihn, der seit Schiffers Tagen das einzige menschliche Wesen war, das einen Platz in seinem Herzen gefunden hatte. Jerry gab sich nie zu erkennen, sondern lag unter den dichten Farren am Bache, beobachtete das Haus und witterte nach seinen Bewohnern. Aber nie witterte er den Geruch von Lamai, und nach einiger Zeit gab er seine nutzlosen Besuche auf und gewöhnte sich daran, das Haus des Teufel-Teufel-Medizinmannes als sein Heim und den Teufel-Teufel-Medizinmann selbst als seinen Herrn zu betrachten.

Aber er hegte keine Liebe für diesen Herrn. Agno, der kraft der Furcht so lange in seinem von Mystik erfüllten Hause geherrscht hatte, kannte Liebe ebensowenig, wie es in seinem Wesen Liebe oder Herzlichkeit gab. Er hatte keinen Sinn für Humor und war eisig grausam wie ein Eiszapfen. Nächst Baschti war er der mächtigste Mann des Stammes, und sein ganzes Leben wurde ihm dadurch verbittert, daß er nicht der allermächtigste war. Er hegte keine freundlichen Gefühle für Jerry, weil er aber Baschti fürchtete, fürchtete er sich, Jerry etwas zuleide zu tun.

Monate vergingen. Jerry bekam seine richtigen Zähne und nahm an Gewicht und Größe zu. Er war so nahe daran, verdorben zu werden, wie es für einen Hund überhaupt möglich ist. Er, der selbst tabu war, lernte schnell, vor dem Somovolke den Herrn zu spielen und seinen Willen überall und immer durchzusetzen. Niemand wagte, ihn mit Stöcken oder Steinen zu bedrohen. Agno haßte ihn – das wußte er; ihm war jedoch auch klar, daß Agno ihn fürchtete und nicht wagte, ihm etwas zuleide zu tun. Aber Agno war ein kalt berechnender Philosoph, der seine Zeit abwartete. Er unterschied sich von Jerry dadurch, daß er menschliche Voraussicht besaß und sich in seinen Handlungen auf fernliegende Ziele einstellen konnte.

Vom Rande der Lagune, in dessen Wasser Jerry sich nie wagte, weil er sich des Krokodil-Tabus, das er auf Meringe gelernt hatte, erinnerte, streifte er oft bis zu den fernsten Buschdörfern, die zu Baschtis Reich gehörten. Alle wichen ihm aus. Alle gaben ihm zu fressen, wenn er den Wunsch ausdrückte. Denn er war tabu, und er konnte, ohne ausgescholten zu werden, tun, was ihn gelüstete, sowohl hinsichtlich ihrer Schlafmatten wie ihrer Eßschalen. Er konnte so tyrannisch sein, wie er wollte, sein Übermut konnte alle Grenzen überschreiten, denn niemand widersetzte sich seinen Wünschen. Ja, Baschti hatte sogar kundgegeben, daß es Pflicht des Somovolkes war, Jerry, wenn er von ausgewachsenen Buschhunden überfallen wurde, zu Hilfe zu kommen und die Angreifer zu treten, zu steinigen und zu prügeln. Und so erfuhren seine eigenen vierbeinigen Vettern auf höchst unangenehme Weise, daß er tabu war.

Und Jerry gedieh. Er hätte leicht so dick werden können, daß er schlaff und dumm geworden, wären seine Nerven nicht so hochgespannt, wäre seine Neugier nicht so eifrig und unersättlich gewesen. Unbehindert, sich in ganz Somo frei zu bewegen, war er bald überall, lernte Umfang und Grenzen des Landes und Tun und Treiben der wilden Tiere kennen, die Wälder und Sümpfe bewohnten und sein Tabu nicht anerkannten.

Zahlreich waren die Abenteuer, die er erlebte. Er focht zwei Kämpfe mit Waldratten aus, die fast ebenso groß wie er selber waren, und als er die ausgewachsenen, wilden Tiere in eine Ecke drängte, kämpften sie mit ihm, wie noch keiner mit ihm gekämpft hatte. Die erste tötete er, ohne zu wissen, daß es eine alte, schwache Ratte war. Die andre, die sich in ihrer vollen Kraft befand, strafte ihn so hart, daß er schwach und krank heim in das Haus des Teufel-Teufel-Medizinmannes kroch, wo er eine ganze Woche unter den getrockneten Symbolen des Todes lag, sich die Wunden leckte und Leben und Gesundheit langsam wiedergewann.

Er schlich sich hinter den Dugong, und es machte ihm ein köstliches Vergnügen, das dumme, furchtsame Geschöpf durch einen plötzlichen, heftigen Angriff zu erschrecken. Er wußte selbst, daß es nur Lärm und Spektakel war, aber es belustigte ihn ungeheuer, und er mußte lachen, wenn er an diesen gelungenen Spaß dachte. Er scheuchte Tropenenten, die nie die Insel verließen, von ihren verborgenen Nestern auf, ging vorsichtig um die Krokodile herum, die sich zum Schlafen auf den Strand geschleppt hatten, und kroch in den Busch, um die schneeweißen kecken Kakadus, die wilden Fischadler, die schwer fliegenden Bussarde, die Loris, Königsfischer und die lächerlichen, schwatzenden Zwergpapageien aufzustöbern.

Dreimal stieß er außerhalb der Grenzen von Somo auf die kleinen schwarzen Buschleute, die eher Geistern als richtigen Menschen glichen, so lautlos bewegten sie sich, und so schwer waren sie von ihrer Umgebung zu unterscheiden; bei drei denkwürdigen Gelegenheiten hatten sie versucht, ihn mit ihren Speeren zu treffen. Und die Lehre, die ihm die Waldratten erteilt hatten, daß er vorsichtig sein müsse, dieselbe Lehre erteilten ihm nun diese Zweibeiner, die in der Dämmerung des Busches herumschlichen. Er hatte nicht mit ihnen gekämpft, obwohl sie versucht hatten, ihn mit ihren Speeren zu treffen. Er hatte schnell begriffen, daß dies andre Menschen als das Somovolk waren, daß sein Tabu hier nicht galt, und daß sie in gewisser Weise zweibeinige Götter waren, die den fliegenden Tod in ihren Händen hielten, wodurch sie über die Reichweite ihrer Hände hinausgelangten und Entfernungen überbrückten.

Und wie Jerry den Busch durchstreifte, so auch das Dorf. Nichts war ihm heilig. In den Häusern der Teufel-Teufel-Medizinmänner, wo Männer und Frauen in Angst und Beben vor dem Mysterium auf der Erde krochen, ging er mit steifen Beinen und gesträubten Haaren umher, denn hier hingen frische Köpfe, die, wie seine Augen und Nüstern ihn lehrten, einmal den lebendigen Niggern auf der Arangi gehört hatten. Im größten Teufel-Teufel-Haus fand er Borckmans Kopf, und er knurrte ihn, ohne Antwort zu erhalten, an, in Erinnerung an den Kampf, den er mit dem vom Schnaps benebelten Steuermann auf dem Deck der Arangi ausgefochten hatte.

Einmal aber fand er, in Baschtis Haus, alles, was von Schiffer auf Erden übriggeblieben war. Baschti hatte sehr lange gelebt, hatte sehr weise gelebt und viel nachgedacht und war sich vollkommen klar darüber, daß er zwar länger als andre Menschen gelebt hatte, daß aber auch seine eigene Lebensspanne sehr kurz bemessen war. Und er hätte sehr gern alles gewußt, Sinn und Zweck des Lebens gekannt.

Er liebte die Welt und das Leben, zu dem das Glück ihn geboren hatte; Glück sowohl im allgemeinen wie namentlich auch in bezug auf seine Stellung als Herr über Priester und Volk. Er fürchtete sich nicht vor dem Tode, aber er dachte darüber nach, ob er möglicherweise wieder leben könnte. Er hegte die größte Verachtung für die törichten Anschauungen der Priester und fühlte sich sehr einsam in dem Chaos dieses verwirrenden Problems.

Denn er hatte so lange und so glücklich gelebt, daß er gesehen hatte, wie Lust und Verlangen dahinschwanden, bis sie ganz erloschen. Er hatte Frauen und Kinder und die scharfe Schneide jugendlichen Verlangens gekannt. Er hatte seine Kinder heranwachsen und Väter und Großväter, Mütter und Großmütter werden sehen. Aber er, der Frauen und Liebe und Vaterfreude und die Freude, den Hunger des Magens zu stillen, gekannt hatte, er war jetzt über alles das erhaben. Essen? Er wußte kaum, was das hieß, so wenig aß er. Das Verlangen, das an seinem Fleisch genagt, als er jung und stark gewesen, trieb ihn längst nicht mehr an. Er aß aus Notwendigkeit und Pflichtgefühl und machte sich sehr wenig daraus, was er aß, außer einem, nämlich Großfußhühnereiern, die, wenn die Zeit war, auf seinem persönlichen Brutplatz gelegt wurden, der streng tabu war. Hier verspürte er die letzten schwach zitternden Gefühle von Fleischeslust. Sonst lebte er im Reiche des Verstandes, herrschte über sein Volk und suchte sich beständig Wissen zu verschaffen, mittels dessen er seinem Volke Gesetze geben konnte, um es stärker und lebensfähiger zu machen.

Aber er war sich ganz klar über den Unterschied zwischen dem abstrakten Stamme und dem Konkretesten von allem, dem Individuum. Der Stamm war das Bleibende, während seine einzelnen Mitglieder verschwanden. Der Stamm war eine Erinnerung an Geschichte und Gewohnheiten aller früheren Mitglieder, weitergeführt von den lebenden Mitgliedern, bis sie selbst verschwanden und Geschichte und Erinnerung in der Gesamtheit wurden, die man weder fühlen noch fassen konnte, die eben der Stamm war. Als Mitglied des Stammes mußte er früher oder später – und dies Später war sehr nahe – verschwinden. Aber wohin verschwinden? Ja, das war eben die Frage! Und so kam es, daß er hin und wieder allen gebot, seine Grashütte zu verlassen; wenn er dann allein war, nahm er die Köpfe herunter, die, in Bastmatten eingewickelt, am Deckenbalken hingen, diese Köpfe von Männern, die er, jedenfalls teilweise, noch leben gesehen hatte, und die in das geheimnisvolle Nichts des Todes verschwunden waren.

Nicht wie ein Geizhals hatte er diese Köpfe gesammelt, und nicht wie ein Geizhals, der seine geheimen Schätze zählt, betrachtete er diese Köpfe, wenn er sie, ausgewickelt, in seinen Händen hielt oder auf seine Knie legte. Er wollte Bescheid wissen. Er wollte wissen, was sie jetzt wissen mochten, da sie längst in das Dunkel eingegangen waren, das über dem Ende des Lebens ruht.

Sehr verschieden waren diese Köpfe, die Baschti in der schwach erleuchteten Grashütte in seine Hände nahm oder auf seine Knie legte, während die Sonne über ihm am Himmel flammte und der Monsun durch die Blätter der Palmen und die Zweige der Brotfruchtbäume rauschte. Da war der Kopf eines Japaners, des einzigen, von dem er je etwas gesehen oder gehört hatte. Ehe er geboren war, hatte sein Vater diesen Kopf genommen. Er war schlecht erhalten und von Alter und Mißhandlung arg mitgenommen. Und doch studierte Baschti seine Züge, sagte sich, daß er einst zwei Lippen gehabt, ebenso lebendig wie seine eigenen, und einen Mund, so sprechend und gefräßig, wie sein eigener früher gewesen war. Zwei Augen und eine Nase hatte dieser Kopf gehabt, einen kräftigen Haarwuchs und ein Paar Ohren, ganz wie er selbst. Zwei Beine und einen Körper mußte er einst besessen, und Begehren und Verlangen mußte er gekannt haben. Das Feuer des Zorns und der Liebe mußte er gekannt haben, ehe er je ans Sterben dachte.

Da war ein Kopf, der ihn in Erstaunen setzte, und dessen Geschichte ganz bis auf die Zeit vor seinem Vater und seinem Großvater zurückging. Er wußte nicht, daß es der Kopf eines Franzosen war, und er wußte auch nicht, daß es der Kopf von La Perouse war, dem kühnen alten Erdumsegler, dessen Gebeine mit denen seiner Leute und den Wracks zweier Fregatten, Astrobole und Boussole, an den Gestaden der menschenfressenden Salomoninseln ruhten. Ein andrer Kopf – denn Baschti war ein eifriger Sammler von Menschenköpfen – war noch zwei Jahrhunderte älter als der von La Perouse und ging zurück auf den Spanier Alvaro de Mendanja. Er hatte einem von Mendanjas Kanonieren gehört, der in einem Scharmützel am Strande von einem fernen Vorfahren Baschtis getötet worden war.

Es gab noch einen Kopf, dessen Geschichte dunkel war, und das war der Kopf einer weißen Frau. Mit welchem Seemann sie verheiratet gewesen, wußte niemand. Aber es hingen immer noch die Ohrringe aus Gold und Smaragden in ihren ausgetrockneten Ohren, und das Haar, das fast einen Klafter lang war, goldenes, seidenweiches Haar, wogte immer noch von der Kopfhaut herab, die die Stelle bedeckte, wo einst Verstand und Wille ihren Sitz gehabt hatten. Baschti dachte daran, daß sie einmal ein lebendes, liebendes Weib in den Armen eines Mannes gewesen.

Gewöhnliche Köpfe von Buschmännern und Salzwassermännern, ja selbst von schnapstrinkenden weißen Männern wie Borckman verwies er in die Kanu-Häuser und die Teufel-Teufel-Häuser. Denn er war ein Kenner in Köpfen. Da war der merkwürdige Kopf eines Deutschen, der große Anziehungskraft auf ihn ausübte. Rotbärtig war er und rothaarig, aber tot und ausgetrocknet, wie er war, lag etwas Eisernes über seinen Zügen, das in Verbindung mit der kräftigen Stirn den Eindruck erweckte, daß dieser Mann Herr über Geheimnisse gewesen war, die Baschti nicht kannte. Er wußte ebensowenig, daß der Kopf einmal einem Deutschen gehört, wie daß dieser Deutsche ein Professor, ein Astronom gewesen, der eine tiefe Kenntnis von den Gestirnen an dem mächtigen Himmelsgewölbe besessen hatte, eine Kenntnis, die Myriaden von Millionen mal größer war als die unklare Vorstellung, die er selbst hatte.

Und zuletzt kam der, der seine Gedanken am allermeisten beschäftigte, der Kopf Van Horns. Und den Kopf Van Horns hielt er auf seinen Knien und betrachtete ihn, als Jerry, der überall in Somo freien Zutritt hatte, in Baschtis Grashütte getrottet kam, Schiffers irdische Überreste roch und erkannte und zuerst klagte und jammerte. Dann aber sträubten sich ihm die Haare vor Wut.

Baschti bemerkte ihn zuerst nicht, denn er saß in tiefen Gedanken über Van Horns Kopf versunken da. Vor nur wenigen kurzen Monaten war dieser Kopf ein lebendiger Kopf mit schnellen Gedanken gewesen, hatte auf einem zweibeinigen Körper gesessen, der aufrecht stand und stolz einherschritt mit einem Lendenschurz um den Leib und einer Pistole im Gürtel, mächtiger als Baschti, aber weniger schnell in seinen Gedanken; denn hatte Baschti nicht mit einer alten Pistole diese Hirnschale, in der der Verstand wohnte, in Finsternis gehüllt und sie von dem plötzlich erschlafften Körper aus Fleisch und Blut getrennt, von diesem Körper, der den Kopf frei über die Erde und das Deck der Arangi getragen hatte.

Was war aus den Gedanken geworden? Waren sie das einzige gewesen, was Van Horn zu dem hochmütigen, aufrechten Wesen, das er war, gemacht hatte, und waren sie jetzt verschwunden wie die flackernde Flamme eines Holzscheits, wenn er zu Asche verbrannt ist? War alles, was Van Horn ausmachte, verschwunden wie die Flamme im Holzscheit? War er für ewig in der Finsternis verschwunden, in der das Tier verschwand, in der das Krokodil, das der Speer getroffen, verschwand, in der der Thunfisch, der an der Angel, die Meerbarbe, die im Netz gefangen, das geschlachtete Schwein, das eine so fette Speise ergab, verschwand? War Van Horns Finsternis wie die Finsternis, welche die von der Fliegenklappe im Fluge getroffene Fliege verschlang? – wie die Finsternis, die den Moskito verschlang, der das Geheimnis des Fluges kannte, und den er trotz seiner Flugfertigkeit, fast gedankenlos, mit der flachen Hand auf seinem Nacken zerquetschte, wenn er ihn stach?

Was aber von dem Kopfe dieses weißen Mannes galt, der noch vor kurzem so lebendig gewesen und so stolz getragen worden war, das galt, wie Baschti wußte, auch von ihm selber. Was diesem weißen Manne geschehen war, nachdem er das dunkle Tor des Todes durchschritten, das würde auch ihm selber geschehen. Und darum befragte er dieses Haupt, als ob die stummen Lippen ihm aus der geheimnisvollen Finsternis heraus den Sinn des Lebens und den Sinn des Todes, der das Leben unweigerlich zu Fall brachte, erzählen würde.

Jerrys langgezogenes Schmerzensgeheul, als er sah und roch, was von Schiffer übrig war, weckte Baschti aus seinen Träumereien. Er erblickte den starken, goldbraunen jungen Hund und zog ihn sofort mit in den Kreis seiner Gedanken ein. Der war lebendig. Er war wie ein Mensch. Er kannte Hunger und Schmerz, Zorn und Liebe. Er hatte Blut in seinen Adern wie ein Mensch, rotes Blut, das ein Messerstich zum Fließen bringen konnte, so daß er verblutete. Wie das Geschlecht der Menschen liebte er die Seinen, gebar Junge und nährte sie mit der Milch aus seiner Brust. Und er verschwand. Ja, er verschwand, denn so manchen Hund, wie so manchen Menschen hatte er, Baschti, in der vollen Kraft und Gier seiner Jugend verzehrt, damals, als er nur Bewegung und Kraft kannte und Bewegung und Kraft mit den Kalabassen der Festmähler nährte.

Aber Jerrys Trauer ging in Zorn über. Er näherte sich auf steifen Beinen, seine Lippen verzogen sich zu einem wütenden Knurren, und das Haar sträubte sich ihm in immer wiederkehrenden Wellen, die ihm Rücken, Schultern und Hals überspülten. Und nicht Schiffers Kopf – der Gegenstand seiner Liebe – war es, dem er sich näherte, sondern Baschti, der den Kopf auf den Knien hielt. Wie der wilde Wolf auf der Bergweide der Stute mit ihrem neugeborenen Füllen nachschleicht, so schlich Jerry Baschti nach. Baschti, der in seinem ganzen langen Leben nie den Tod gefürchtet, und der gelacht und es als einen Witz angesehen hatte, als die Steinschloßpistole explodierte und ihm den Finger abriß, lachte vergnügt – und seine Freude entsprang lediglich seinem Hirn –, und er bewunderte diesen kleinen, halb ausgewachsenen Hund, den er mit einem kurzen Knüppel aus hartem Holz über die Schnauze schlug und ihn dadurch fernhielt. Einerlei, wie oft und wie wütend Jerry auf ihn losfuhr, jedesmal begegnete Baschti dem Angriff mit dem Knüppel und lachte laut, denn er verstand den Mut des Hündchens und wunderte sich über die Dummheit dieses Lebewesens, die es immer wieder mit dem Kopf gegen den Knüppel anrennen und sich kraft der durch die Erinnerung an einen Toten entfachten Leidenschaft dem Schmerz aussetzen ließ, den der Knüppel verursachte.

Auch dies ist Leben, dachte Baschti, als er mit dem Knüppel das schreiende Hündchen vertrieb. Vierbeiniges Leben war es, jung und töricht, heiß und beseelt. Er verstand, daß der Schlüssel zum Dasein, die Lösung des Rätsels ebensogut bei diesem lebendigen Hündchen zu finden war wie in dem Kopfe Van Horns oder sonst eines Toten.

Und deshalb schlug er Jerry immer wieder über die Schnauze, trieb ihn weg und wunderte sich über das hartnäckige Etwas in seinem innersten Wesen, das ihn immer wieder gegen den Stock anspringen ließ, der ihm weh tat und der ihn zurücktrieb. Er wußte, daß es die Tapferkeit und Beweglichkeit der Jugend, ihre Stärke und ihr Mangel an Urteilskraft war, und bewunderte und beneidete sie, hätte gern seine graue Greisenklugheit dafür gegeben, wenn es ihm nur möglich gewesen wäre.

»Was für ein Hund, Donnerwetter, was für ein Hund!« hätte er mit Van Horn sagen können, statt dessen aber dachte er auf Trepang, das ihm ebenso in Fleisch und Blut übergegangen war wie seine eigene Somosprache:

»Mein Wort, das fella Hund kein Angst vor mir.«

Aber das Alter wurde des Spiels zuerst müde, und Baschti machte ihm ein Ende, indem er Jerry so hart hinters Ohr schlug, daß er bewußtlos hinfiel. Der Anblick des Hündchens, das eben noch so lebendig und wuterfüllt gewesen und jetzt wie tot dalag, brachte Baschtis Gedanken auf eine neue Spur. Der Knüppel hatte mit einem Schlage die Veränderung bewirkt. Wo waren jetzt Zorn und Klugheit des Hündchens? War das alles – konnte ein zufälliger Windhauch die Flamme im Holzscheit löschen? Den einen Augenblick hatte Jerry gewütet und gelitten, geknurrt und gesprungen, hatte seine Bewegungen nach seinem Willen gelenkt. Den nächsten Augenblick lag er kraftlos und zusammengesunken im halben Tod der Bewußtlosigkeit da. Um ein Weilchen, das wußte Baschti, würden Bewußtsein, Gefühl, Bewegung und die Fähigkeit, seine Bewegungen zu beherrschen, wieder in den kraftlosen kleinen Körper zurückströmen. Aber wo waren Gefühl und Wille – alles das, was der eine Schlag mit dem Knüppel gelähmt hatte – wo waren sie unterdessen? Baschti seufzte müde, und müde wickelte er die Köpfe – außer den Van Horns – in ihre Strohmatten und hängte sie dann wieder unter das Dach, daß sie von den Balken herabbaumelten. Hier, das sagte er sich, würden sie hängen, wenn er längst tot und fertig war, wie einige von ihnen schon lange vor der Zeit seines Vaters und Großvaters gehangen hatten. Van Horns Kopf ließ er auf dem Boden liegen, während er sich selbst hinausschlich, um durch eine Ritze hineinzugucken und zu sehen, was das Hündchen tun würde.

Jerry zitterte, und etwa eine Minute lang kämpfte er kraftlos, um wieder auf die Beine zu kommen. Er schwankte benommen hin und her, und da sah Baschti, mit einem Auge an der Ritze, wie das Wunder, das Leben heißt, durch die Kanäle des kraftlosen Körpers zurückfloß und die Beine steifte, daß sie wieder fest stehen konnten. Er sah das Bewußtsein, das Wunder aller Wunder, wieder in die knöcherne, haarbedeckte Hirnschale strömen, sah es schwellen und stärker werden, sah, wie das Hündchen die Augen aufschlug, die Zähne fletschte und die Kehle unter demselben Knurren erzittern ließ, das der Schlag mit dem Knüppel unterbrochen hatte.

Und noch mehr sah Baschti. Anfänglich blickte Jerry sich nach seinem Feinde um und knurrte, während sich ihm die Haare auf seinem Nacken sträubten. Als er aber statt seines Feindes den Kopf Schiffers erblickte, kroch er hin, liebkoste ihn, küßte mit seiner Zunge die harten Wangen, die geschlossenen Lider, die all seine Liebe nicht öffnen konnte, die unbeweglichen Lippen, die nicht eines der zärtlichen Worte sprechen wollten, die sie früher zu dem kleinen Hunde gesprochen hatten.

Und dann setzte Jerry sich mit einem Gefühl unendlicher Verlassenheit vor Schiffers Kopf nieder und heulte in langgezogener Klage. Und schließlich schlich er matt und zerschlagen aus dem Hause fort in das seines Teufel-Teufel-Herrn, wo er die nächsten vierundzwanzig Stunden wachte und schlief und Jahrhunderte böser Träume träumte.

Solange Jerry in Somo blieb, fürchtete er von jetzt an Baschtis Grashütte. Er fürchtete nicht Baschti. Seine Furcht war unerklärlich und unausdenkbar. In dem Hause befand sich das Nichts, das einmal Schiffer gewesen. Es war die Erinnerung an die letzte Katastrophe des Lebens, die mit jeder Faser seiner vererbten Anlagen verwebt und verknüpft war. Noch einen Schritt weiter als Jerry war das Somovolk gegangen, das sich bei Betrachtung des Todes Vorstellungen von Geistern der Toten gebildet hatte, die in unkörperlichen, übersinnlichen Reichen weiterlebten.

Und von jetzt an haßte Jerry Baschti heftig als den Herrn des Lebens, der das Nichts, das Schiffer war, besaß und auf seine Knie legte. Nicht daß Jerry diesen bestimmten Gedanken gefaßt hätte. Alles war unklar und verschwommen, Empfindung, Gemütsbewegung, Gefühl, Instinkt, Eingebung – man kann jedes beliebige Wort gebrauchen aus der verschwommenen Sammlung von Wörtern, die die menschliche Sprache ausmacht, in der die Wörter doch narren, weil sie den Eindruck einer bestimmten Bedeutung erwecken und dem Gehirn ein Verständnis anlügen, das es nicht besitzt.

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Drei Monate verstrichen; der Nordwest-Monsun war, nachdem er ein halbes Jahr geweht hatte, dem Südost-Passat gewichen, Jerry lebte immer noch in Agnos Haus und lief im ganzen Dorfe frei umher. Er hatte an Gewicht und Größe zugenommen und war, von seinem Tabu beschützt, so selbstbewußt geworden, daß es an Tyrannei grenzte. Aber er hatte keinen Herrn gefunden. Agno hatte seinem Herzen auch nicht einen Schlag der Liebe abgerungen. Übrigens hatte Agno auch nie versucht, ihn zu gewinnen, anderseits hatte der kaltblütige Mann auch nie gezeigt, daß er Jerry haßte.

Nicht einmal die alten Frauen, die beiden Schüler und die junge Fliegenverscheucherin in Agnos Haus hatten auch nur die geringste Ahnung, daß der Teufel-Teufel-Medizinmann Jerry haßte. Auch Jerry selbst ahnte es nicht. Für ihn war Agno ein farbloses Wesen, ein Wesen, mit dem er gar nicht rechnete. Die Mitglieder des Haushalts betrachtete Jerry als Agnos Sklaven oder Diener, und wenn sie ihn fütterten, wußte er, daß das Futter, das er fraß, von Agno kam und Agnos Essen war. Außer ihm, den sein Tabu beschützte, fürchteten alle Agno, und sein Haus war in der wahrsten Bedeutung des Wortes ein Haus der Furcht, in dem keine Liebe zu einem zufällig hineingekommenen Hündchen gedeihen konnte. Das elfjährige Mädchen hätte vielleicht versucht, Jerrys Liebe zu gewinnen, wäre sie nicht von Agno eingeschüchtert worden, der ihr eine strenge Zurechtweisung erteilte, weil sie sich die Freiheit genommen hatte, einen Hund mit einem so hohen Tabu zu berühren oder zu streicheln.

Was Agnos Plan, Jerry zu Leibe zu gehen, das halbe Jahr des Monsuns hinzog, war der Umstand, daß die Großfußhühner erst mit Eintritt des Südost-Passats ihre Eier auf Baschtis privaten Brutplätzen zu legen begannen. Und Agno, dessen Plan längst feststand, hatte mit der ihm eignen Geduld ruhig seine Zeit abgewartet.

Das Großfußhuhn der Salomoninseln ist ein entfernter Verwandter des wilden australischen Truthahns. Obwohl nicht größer als eine große Taube, legt es ein Ei von der Größe eines gewöhnlichen Enteneis. Das Großfußhuhn kennt keine Furcht und ist so dumm, daß es seit Jahrhunderten ausgerottet wäre, hätten die Häuptlinge und Priester es nicht für tabu erklärt. Die Häuptlinge mußten jedoch Sandstellen für es einhegen, um es vor den Hunden zu beschützen. Es grub seine Eier zwei Fuß tief in den Sand ein und verließ sich darauf, daß die Sonnenwärme das Ausbrüten besorgte. Und es grub immer wieder und legte Eier, während ein Schwarzer kaum zwei bis drei Fuß entfernt die Eier wieder ausgrub.

Der Brutplatz gehörte Baschti. Solange es Großfußhühnereier gab, lebte er fast ausschließlich von ihnen. Gelegentlich hatte er auch wohl ein Großfußhuhn, das mit Eierlegen fertig war, zu seinem Kai-kai schlachten lassen. Das war indessen nur eine Laune, der Stolz, sich eine so seltene Speise erlauben zu können, was nur einem Manne seines Ranges möglich war. In Wirklichkeit machte er sich aus Großfußhühnerfleisch nicht mehr als aus jedem andern Fleisch. Alles Fleisch schmeckte ihm gleich, denn sein Appetit auf Fleisch gehörte zu den entschwundenen Freuden, die für ihn nur noch in der Erinnerung lebten.

Aber die Eier! Er liebte sie. Sie waren die einzige Nahrung, aus der er sich noch etwas machte. Wenn er sie aß, durchfuhr ihn die alte Eßgier seiner Jugend. Er war wirklich hungrig, wenn er Großfußhühnereier essen sollte, und die fast eingetrockneten Speicheldrüsen und inneren Verdauungssäfte fungierten wieder beim Anblick eines zubereiteten Eis. Und deshalb war er der einzige in ganz Somo, der Großfußhühnereier aß, auf denen ein strenges Tabu ruhte. Und da das Tabu in erster Reihe ein religiöses war, wurde Agno die geistliche Aufgabe übertragen, den königlichen Brutplatz zu bewachen und zu schützen.

Aber auch Agno war nicht mehr jung. Er war längst über die Zeit hinaus, da scharfe Eßlust an ihm genagt hatte, und auch er aß nur aus Pflichtgefühl, weil alles Essen ihm gleich schmeckte. Großfußhühnereier waren das einzige, das seinen Gaumen noch kitzelte und die Säfte seines Körpers in Bewegung setzte. So kam es, daß er das von ihm selbst auferlegte Tabu verletzte und in aller Heimlichkeit, wenn weder Mann noch Frau oder Kind ihn sehen konnte, die Eier aß, die er von Baschtis privatem Brutplatz stahl.

Und so kam es, daß, als das Eierlegen begann, und sowohl Baschti wie Agno sich nach sechsmonatiger Enthaltsamkeit nach Eiern sehnten, Agno Jerry auf dem Tabupfad durch die Mangroven führte. Sie traten von Wurzel zu Wurzel über den Sumpf, der in der stillstehenden Luft, zu der der Wind nie Zutritt hatte, beständig dampfte und stank. Der Pfad, der eigentlich kein Pfad war, sondern für einen Mann aus langen Schritten von einer Baumwurzel zur andern und für einen Hund aus vierbeinigen Sätzen bestand, war etwas ganz Neues für Jerry. Auf all seinen Streifzügen hatte er ihn nie entdeckt, so versteckt lag er. Daß Agno sich so menschlich zeigte, ihn derart herumzuführen, überraschte und freute Jerry, der, ohne weiter darüber nachzudenken, ein unklares, verschwommenes Gefühl hatte, daß Agno möglicherweise doch der Herr werden könnte, nach dem sich seine Hundeseele noch immer sehnte. Als sie aus dem Mangrovensumpf herauskamen, standen sie plötzlich vor einem Stück Sandboden, der so salzig war und so starke Spuren davon trug, daß er erst kürzlich vom Meere bespült gewesen, daß kein großer Baum Wurzeln fassen und mit seinen Zweigen die heißen Strahlen der Sonne fernhalten konnte. Eine primitive Pforte führte hinein, aber Agno ließ Jerry sie nicht benutzen. Statt dessen überredete er ihn mit merkwürdigen kleinen zwitschernden Zurufen, sich unter dem rohen Zaun hindurchzuarbeiten. Er half ihm mit seinen eignen Händen, schleppte Massen von Sand heraus, achtete aber stets darauf, daß Jerry unzweifelhafte Spuren seiner Pfoten und Klauen hinterließ.

Und als Jerry drinnen war, ging Agno selbst durch die Pforte hinein und stachelte ihn an, die Eier auszugraben. Aber Jerry fand keinen Gefallen an den Eiern. Acht von ihnen verschlang Agno roh, und zwei steckte er sich in die Achselhöhle, um sie mit in sein Teufel-Teufel-Haus zu nehmen. Die Schalen der acht Eier zerbrach er, wie ein Hund hätte tun können, und um das Bild, das er sich so lange ausgemalt hatte, zu vervollständigen, nahm er ein wenig von dem achten Ei und schmierte es nicht um Jerrys Schnauze, wo er es leicht mit der Zunge hätte entfernen können, sondern um die Augen, wo es sitzenbleiben und gegen ihn zeugen mußte, wie er es in seinem Anschlage berechnet hatte.

Zuletzt – ein noch größeres Sakrileg für einen Priester – ermutigte er Jerry, ein Großfußhuhn, das gerade beim Eierlegen war, anzugreifen. Und Agno, der wußte, daß Jerry, wenn seine Mordlust einmal erwacht war, die dummen Vögel weiter morden würde, verließ die Brutstätte und begab sich in größter Eile zu Baschti, um ihm ein kirchliches Problem vorzulegen. Das Tabu des Hundes, erklärte er, hätte ihn am Einschreiten verhindert, als Jerry die tabueierlegenden Hühner verzehrte, denn er konnte unmöglich entscheiden, welches der beiden Tabus das höhere war. Und Baschti, der ein halbes Jahr lang kein Großfußhühnerei geschmeckt hatte und gierig war nach dem einzigen Genuß, der ihm noch aus seiner fernen Jugendzeit geblieben war, schritt mit einer solchen Schnelligkeit aus, daß der Hohepriester, der doch viele Jahre jünger war, ganz außer Atem kam.

Auf dem Brutplatz trafen sie Jerry mit blutigen Pfoten und blutigem Maul, im Begriff, dem vierten Großfußhuhn den Garaus zu machen. Der Eidotter saß ihm noch um die Augen bis ganz zum Stirnansatz. Vergebens sah Baschti sich nach einem einzigen Ei um, und das Verlangen, das er sechs Monate lang gespürt hatte, war jetzt, als er das angerichtete Unheil sah, stärker als je. Und Jerry, den Agno mit Kopfnicken ermutigte, wandte sich Baschti zu, um dessen Beifall für die tapfere Tat einzukassieren, und lachte mit seinem bluttriefenden Maul und seinen mit Eigelb beschmierten Augen.

Baschti wütete nicht, wie er getan hätte, wenn er allein gewesen wäre. Vor den Augen seines Hohenpriesters wollte er sich nicht so weit erniedrigen, daß er sich wie ein gewöhnlicher Sterblicher benahm. So geht es stets den Großen dieser Welt. Sie müssen ihre natürlichen Wünsche unterdrücken, müssen ihr Menschentum unter einer Maske von Gleichgültigkeit verbergen. Und so kam es, daß Baschti seinen Ärger nicht zeigte. Agno hatte einen Schatten weniger Selbstbeherrschung. Er konnte nicht ganz verhindern, daß ein Schimmer von Gier in seine Augen trat. Baschti sah es, hielt es aber für gewöhnliche Neugier, denn er konnte unmöglich die Wahrheit erraten. Was wieder zweierlei mit Hinsicht auf die Großen dieser Erde zeigt, erstens, daß sie die unter ihnen Stehenden narren, zweitens, daß sie von den unter ihnen Stehenden genarrt werden können. Baschti warf Jerry einen rätselhaften Blick zu, als wenn alles ein Witz wäre, dann ließ ein Seitenblick ihn den enttäuschten Ausdruck in den Augen des Priesters auffangen. Aha, dachte Baschti, jetzt hab' ich ihn angeführt.

»Welches ist nun das höhere Tabu?« fragte Agno in der Somosprache.

»Als ob du darüber im Zweifel sein könntest! Selbstverständlich das Großfußhuhn.«

»Und der Hund?« lautete Agnos nächste Frage.

»Der muß bezahlen, weil er das Tabu verletzt hat. Es ist ein hohes Tabu. Es ist mein Tabu. Es wurde von Somo bestimmt, dem ersten, der über uns alle herrschte, und ist seitdem das Tabu der Häuptlinge gewesen. Der Hund muß sterben.«

Er hielt inne und überlegte, während Jerry wieder im Sande zu graben begann, wo er ein neues Nest entdeckt hatte. Agno machte Miene, ihn zu hindern, aber Baschti legte sich dazwischen.

»Laß sein«, sagte er. »Laß uns den Hund auf frischer Tat ergreifen.«

Und Jerry entdeckte zwei Eier, zerbrach sie und schlürfte alles, was von ihrem kostbaren Inhalt nicht in den Sand lief. Baschtis Augen waren ganz ausdruckslos, als er fragte:

»Der Hundeschmaus der Männer ist heute?«

»Morgen mittag«, antwortete Agno. »Die Hunde kommen schon. Es werden wenigstens fünfzig.«

»Einundfünfzig«, lautete Baschtis Urteilsspruch, und er nickte Jerry zu. Der Priester streckte unwillkürlich mit einer hastigen Bewegung die Hand aus, um Jerry zu greifen.

»Warum jetzt?« fragte der Häuptling. »Du mußt ihn nur über den Sumpf schleppen. Laß ihn auf seinen eignen Beinen zurücklaufen; im Kanuhaus kannst du ihm ja die Füße binden.«

Über den Sumpf nach dem Kanuhause trottete Jerry glückstrahlend hinter den beiden Männern her. Da hörte er das Klagen und Jammern vieler Hunde, das unverkennbar von Not und Qualen zeugte. Augenblicklich wurde er mißtrauisch, obwohl seine Furcht sich nicht im geringsten auf ihn selbst bezog.

Aber in dem Augenblick, als er mit gespitzten Ohren dastand und mit Hilfe seiner Nase der Sache auf den Grund kommen wollte, packte Baschti ihn am Nacken und hob ihn hoch, während Agno sich daran machte, ihm die Füße zu binden.

Kein Jammern, keinen Laut, kein Zeichen von Furcht ließ Jerry hören – nur ein halbersticktes, gereiztes Knurren, während seine Hinterbeine kriegerisch fochten. Aber ein Hund, der von hinten am Nacken gepackt ist, kann sich nie mit zwei Männern messen, die mit menschlicher Vernunft und Gewandtheit begabt sind und je zwei Hände mit einem Daumen besitzen, der sich den andern vier Fingern entgegenbiegt.

Kreuz und quer an Vorder- und Hinterbeinen gebunden, wurde er mit herabhängendem Kopf das kurze Stück bis zu der Stelle getragen, wo die Hunde geschlachtet und zubereitet werden sollten. Hier wurde er mitten in einen Haufen andrer Hunde geworfen, die ebenso hilflos und auf ähnliche Weise gefesselt waren wie er. Obwohl es spät am Nachmittag war, lag ein Teil von ihnen schon seit dem frühen Morgen in der brennenden Sonne. Es waren alles wilde Buschhunde, und so gering war ihr Mut, daß ihr Durst und die Qualen, die die Stricke, die ihre Adern zusammenschnürten, ihnen bereiteten, daß das unklare Gefühl von dem Schicksal, das eine derartige Behandlung ankündigte, sie in Verzweiflung und Leiden klagen, jammern und heulen ließen.

Die nächsten dreißig Stunden waren furchtbar für Jerry. Es hatte sich gleich herumgesprochen, daß sein Tabu aufgehoben war, und kein Mann und kein Knabe war so gering, daß er ihm jetzt noch Ehrerbietung gezollt hätte. Bei Einbruch der Dunkelheit war er von einem Schwarm von Quälgeistern umgeben. Sie hielten lange Reden über seinen Sturz, höhnten und verspotteten ihn, traten ihn verächtlich mit Füßen, gruben eine Höhlung in den Sand, aus der er nicht herausrollen konnte, und legten ihn auf dem Rücken hinein, so daß seine Beine schmählich in die Luft standen.

Und er konnte in seiner Hilflosigkeit nichts tun als knurren und rasen. Denn im Gegensatz zu den andern Hunden wollte er in seiner Not nicht heulen oder winseln. Er war jetzt ein Jahr alt, die sechs Monate hatten ihn sehr gereift, und zudem war es die Natur seiner Rasse, furchtlos und stoisch zu sein. Und hatten seine weißen Herren auch viel getan, ihn zu Haß und Verachtung der Nigger zu erziehen, so entwickelten diese dreißig Stunden doch einen besonders heftigen und unauslöschlichen Haß in ihm.

Seine Quälgeister wichen vor nichts zurück. Sie hetzten sogar den Wildhund auf Jerry. Aber es war wider die Natur des Wildhundes, einen Feind anzugreifen, der sich nicht rührte, selbst wenn dieser Feind Jerry war, der ihn so oft auf der Arangi tyrannisiert und zu Boden geworfen hatte. Hätte sich Jerry zum Beispiel ein Bein gebrochen, wäre aber noch imstande gewesen, sich zu bewegen, so wäre er sicherlich über ihn hergefallen und hätte ihn vielleicht getötet. Aber diese völlige Hilflosigkeit war etwas andres, und daher wurde nichts aus der erwarteten Vorstellung. Wenn Jerry knurrte und schnappte, knurrte und schnappte der Wildhund wieder, stolzierte um ihn herum und machte sich wichtig, aber so sehr die Schwarzen ihn auch hetzten, konnte ihn doch nichts dazu bringen, seine Zähne an Jerry zu versuchen.

Der Schlachtplatz vor dem Kanuhause war ein Tollhaus von Schrecken. Von Zeit zu Zeit wurden weitere gebundene Hunde gebracht und auf den Boden geworfen. Es war ein andauerndes Geheul, wozu namentlich die Hunde beitrugen, die seit dem frühen Morgen in der Sonne gelegen und gedurstet hatten. Zuweilen stimmten sie alle ein, die Selbstbeherrschung der Ruhigeren hielt der Erregung und Furcht der andern nicht stand. Dies Geheul, das ständig zu- und abnahm, aber niemals ganz aufhörte, dauerte die ganze Nacht, und als der Morgen kam, litten sie alle unter dem unerträglichsten Durst.

Die Sonne sandte ihre Flammenstrahlen auf sie hernieder und brachte ihnen, die in dem weißen Sande lagen und brieten, alles andere eher als Linderung. Die Quälgeister scharten sich wieder um Jerry, und wieder schütteten sie ihren ganzen Vorrat an Schimpfwörtern über ihn aus, weil er sein Tabu verloren hatte. Was Jerry am meisten aufbrachte, waren nicht die Schläge und die körperlichen Qualen, sondern das Lachen. Kein Hund kann ertragen, daß man ihn auslacht, und Jerry konnte am allerwenigsten seine Erbitterung zügeln, wenn sie ihn verspotteten und dicht vor ihm schnatterten. Obwohl er nicht ein einziges Mal heulte, hatte sein Knurren und Schnappen in Verbindung mit seinem Durst seine Kehle heiser gemacht und die Schleimhäute in seinem Maul ausgedörrt, so daß er außerstande war, einen Laut von sich zu geben, wenn er nicht gerade gereizt wurde. Seine Zunge hing ihm zum Maul heraus, und die Sonne, die um acht Uhr morgens schon große Kraft besaß, begann sie langsam zu verbrennen.

Zu dieser Zeit tat ihm einer der Jungen einen grausamen Schimpf an. Er rollte Jerry aus der Höhlung heraus, in der er die ganze Nacht auf dem Rücken gelegen hatte, drehte ihn auf die Seite und hielt ihm eine kleine, mit Wasser gefüllte Schale hin. Jerry trank so gierig, daß er zunächst gar nicht bemerkte, daß der Junge viele reife rote Pfefferkörner in der Schale ausgepreßt hatte. Der Kreis heulte vor Vergnügen, und Jerrys bisheriger Durst war nichts im Vergleich zu dem neuen Durst, der noch vermehrt wurde durch die brennende Qual, die der Pfeffer ihm verursachte.

Das nächste Ereignis, das eintrat, und zwar ein sehr wichtiges Ereignis, war das Kommen Nalasus. Nalasu war ein alter Mann von über sechzig Jahren. Er war blind und ging an einem langen Stock, mit dem er sich vorwärtstastete. In der freien Hand trug er ein Ferkel, das er an den zusammengebundenen Beinen hielt.

»Sie sagen, daß der Hund des weißen Herrn gegessen werden soll«, sagte er in der Somosprache. »Wo ist denn der Hund des weißen Herrn? Zeigt ihn mir!«

Agno, der soeben hinzugekommen war, stand neben ihm, als er sich über Jerry beugte und ihn mit den Fingern untersuchte. Und Jerry dachte nicht daran, zu knurren oder zu beißen, wenn auch die Hände des Blinden mehr als einmal in Reichweite seiner Zähne kamen. Denn Jerry fühlte, daß die Finger, die so lind über ihn strichen, keine feindselige Absicht hatten. Dann betastete Nalasu das Ferkel, und mehrmals wanderten seine Finger zum Ferkel und wieder zurück, als ob er eine Rechenaufgabe lösen wollte.

Nalasu richtete sich auf und fällte folgendes Urteil: »Das Ferkel ist ebenso klein wie der Hund. Sie sind von derselben Größe, aber das Ferkel hat mehr eßbares Fleisch am Körper als der Hund. Nehmt das Ferkel, und ich will den Hund nehmen.«

»Nein,« sagte Agno, »der Hund des weißen Mannes hat das Tabu verletzt. Er muß gegessen werden. Nimm irgendeinen andern Hund und laß uns das Ferkel. Nimm einen großen Hund.«

»Ich will den Hund des weißen Herrn haben«, sagte Nalasu eigensinnig. »Nur den Hund des weißen Herrn und keinen andern.«

Die Verhandlung kam nicht weiter, bis Baschti sich zufällig zeigte und zuhörte.

»Nimm den Hund, Nalasu!« sagte er schließlich. »Es ist ein gutes Ferkel, ich will es selbst essen.«

»Aber er hat das Tabu verletzt, dein großes Tabu des Brutplatzes, und daher muß er gegessen werden«, fiel Agno schnell ein.

Zu schnell, dachte Baschti, während ein undeutlicher Verdacht, er wußte nicht weshalb, in ihm aufstieg.

»Das Tabu muß mit Blut und Feuer bezahlt werden«, beharrte Agno.

»Schön«, sagte Baschti. »Dann esse ich das Ferkel. Laß ihm die Kehle durchschneiden und seinen Körper den Flammen übergeben.«

»Ich spreche nur das Gesetz des Tabus, Leben um Leben heißt es für den, der es verletzt.«

»Es gibt ein andres Gesetz«, lachte Baschti. »Lange war es so, seit Somo diese Mauern baute, daß Leben um Leben gekauft werden konnte.«

»Aber nur das Leben von Mann und Weib«, wandte Agno ein.

»Ich kenne das Gesetz«, Baschti schritt ruhig weiter. »Somo war es, der das Gesetz machte. Nie ist gesagt worden, daß das Leben eines Tieres nicht um das Leben eines Tieres gekauft werden kann.«

»Das Gesetz ist noch nie angewandt«, sagte der Teufel-Teufel-Medizinmann schnell.

»Und das hat seine guten Gründe,« antwortete der alte Häuptling. »Noch nie ist ein Mensch so dumm gewesen, ein Ferkel für einen Hund zu geben. Es ist ein gutes Ferkel, fett und feinfleischig. Nimm den Hund, Nalasu, nimm den Hund gleich.«

Aber der Teufel-Teufel-Medizinmann gab sich noch nicht zufrieden.

»Wie du, o Baschti, in deiner großen Weisheit sagtest, ist er der Saathund, der Stärke und Mut fortpflanzen soll. Laß ihn töten. Wenn er aus dem Feuer kommt, soll sein Körper in viele Stücke geteilt werden, so daß jeder Mann von ihm kosten kann und dadurch seinen Anteil an der Stärke und dem Mute bekommt. Es ist besser für Somo, wenn seine Männer stark und tapfer werden als seine Hunde.«

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