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Jerry der Insulaner

Jack London: Jerry der Insulaner - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleJerry der Insulaner
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150620
projectid1c32ce70
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Und schnell hüllte die Tropennacht die Arangi ein, die abwechselnd in der Windstille im Schutz der Menschenfresserinsel Malaita rollte und in plötzlichen Böen sprang und überkrängte. Das plötzliche Einschlafen des Südostpassats hatte das veränderliche Wetter verursacht, wodurch das Kochen in der offenen Kombüse zu einer Qual wurde, während die Retournierten, denen nichts als ihr eignes Fell naß werden konnte, sich schleunigst nach unten begaben. Die erste Wache, von acht bis zwölf, hatte der Steuermann, und Kapitän Van Horn, den eine schwere Regenbö verjagte, nahm Jerry und ging in seine kleine Kabine, um zu schlafen. Jerry war müde von den vielen Aufregungen dieses aufregendsten Tages seines Lebens, und er schlief und trat im Schlaf um sich und knurrte, während Schiffer mit einem letzten Blick auf ihn die Lampe herabschraubte und halblaut murmelte: »Der Wildhund, Jerry! Putz ihn weg! Schüttel ihn! Tüchtig!« So fest schlief Jerry, daß er, als der Regen, der das letzte schwache Lüftchen vertrieben hatte, aufhörte und die Kajüte sich in einen dampfenden Schmelzofen verwandelte, nicht merkte, wie Schiffer, nach Luft schnappend und mit von Schweiß durchnäßter Unterjacke, Decke und Kissen unter den Arm nahm und sich an Deck begab.

Jerry erwachte erst, als eine riesige, drei Zoll lange Schabe an der empfindlichen bloßen Haut zwischen seinen Zehen zu nagen begann. Er stieß mit dem angegriffenen Fuß um sich und starrte auf die Schabe, die keine Eile hatte, sondern würdevoll abging. Er sah, wie sie sich mit andern Schaben vereinigte, die auf dem Fußboden Parade abhielten. Noch nie hatte Jerry so viele Schaben auf einmal gesehen, und nie so große. Sie waren alle von derselben Größe, und es wimmelte von ihnen. In langen Reihen strömten sie aus den Ritzen in der Wand und krochen zu ihren Genossen auf den Fußboden. Das war durchaus ungehörig – wenigstens nach Jerrys Meinung –, und er konnte es nicht dulden. Herr Haggin, Derby und Bob hatten Schaben nie geduldet, und ihre Regeln waren die seinen. Die Schabe war der ewige Feind in den Tropen. Er sprang auf die nächste los, um sie unter seinen Pfoten zu zermalmen. Aber da tat dieses Ding etwas, das er noch nie eine Schabe hatte tun sehen: Es hob sich in die Luft, flog wie ein Vogel. Und wie auf ein gegebenes Signal hoben alle Schaben ihre Flügel und erfüllten den Raum mit Flattern und Kreisen.

Er griff den geflügelten Schwarm an, sprang in die Luft, schnappte nach dem fliegenden Gewürm und versuchte es mit seinen Pfoten zu Boden zu schmettern. Hin und wieder hatte er auch Erfolg und vernichtete eines der Tiere, aber der Kampf hörte erst auf, als alle Schaben wie auf ein neues Signal in den vielen Ritzen verschwanden und ihm das Schlachtfeld überließen.

Sofort kam ihm ein neuer Gedanke: Wo ist Schiffer? Er wußte, daß Van Horn nicht in dem Raum war, stellte sich aber dennoch auf die Hinterbeine und untersuchte die niedrige Koje, während sein scharfes Naschen mit Wohlbehagen den Duft einatmete, der ihm erzählte, daß Schiffer hier gewesen war. Und was seine Nase zittern und schnüffeln ließ, brachte auch seinen Schwanzstummel in Bewegung.

Aber wo war Schiffer? Diese Frage stand so scharf und klar in seinem Kopfe, wie im Kopfe eines Menschen. Und wie bei einem Menschen leitete der Gedanke unmittelbar eine Tat ein. Die Tür war nicht zugeriegelt worden, und Jerry trottete in die Kajüte, wo an fünfzig Schwarze im Schlaf merkwürdige Laute ausstießen, seufzten und schnarchten. Sie waren eng aneinander verstaut und bedeckten sowohl den Fußboden wie die lange Reihe Kojen, so daß er über ihre nackten Beine klettern mußte. Und hier war kein weißer Gott, der ihn beschützte. Das wußte er, aber er fürchtete sich nicht.

Als Jerry sich überzeugt hatte, daß Schiffer nicht in der Kajüte war, schickte er sich an, die steile, fast senkrechte Leiter zu erklimmen. Aber da fiel ihm der Vorratsraum ein. Er trottete hinein und beschnüffelte das schlafende Mädchen im Baumwollhemd, das glaubte, daß Van Horn es fressen würde, wenn es ihm gelänge, es zu mästen.

Als er wieder zur Leiter kam, schaute er hinauf und wartete, in der Hoffnung, daß Schiffer ihn holen sollte. Schiffer war diesen Weg gegangen, das wußte Jerry aus zwei Gründen: Erstens gab es nur diesen einen Weg, und zweitens sagte seine Nase es ihm. Sein erster Versuch, hinaufzuklettern, ließ sich gut an. Erst als er schon ein Drittel hinter sich hatte und die Arangi in einer schweren See überkrängte und sich mit einem Ruck wieder aufrichtete, glitt er aus und fiel herunter. Zwei oder drei Schwarze erwachten und beobachteten ihn, während sie Betelnuß mit Kalk in grüne Blätter wickelten und kauten.

Zweimal glitt Jerry wieder zurück, nachdem er kaum die ersten Sprossen erklommen hatte, und weitere Schwarze wurden von ihren Genossen geweckt und freuten sich an seinem Mißgeschick. Beim vierten Versuch glückte es ihm, halb hinaufzukommen, ehe er zurückglitt und schwer auf die Seite fiel. Das wurde von gedämpftem Lachen und mürrischem Flüstern begleitet, das fast klang, als käme es aus der Kehle eines Riesenvogels. Er kam wieder auf die Füße, die Haare sträubten sich in direkt lächerlicher Weise auf seinem Rücken, und lächerlich klang das Knurren, mit dem er diesen niedrigen zweibeinigen Wesen seine tiefe Verachtung zu erkennen gab, Wesen, die kamen und gingen und dem Willen großer, weißhäutiger, zweibeiniger Götter von der Art Schiffers und Herrn Haggins Untertan waren.

Unangefochten von dem schweren Fall, machte Jerry einen neuen Versuch. Ein augenblicklicher Stillstand im Rollen der Arangi gab ihm eine Gelegenheit, die er benutzte, so daß er die Vorderfüße über den hohen Lukenrand am Kajütseingang gebracht hatte, als das Schiff das nächste Mal stark überholte. Er nahm alle Kraft zusammen, hielt sich fest und kroch dann über die Kante an Deck.

Mittschiffs traf er ein paar Mann von der Besatzung und Lerumie, die in der Nähe des Skylights hockten, und unterwarf sie einer eingehenden Untersuchung. Er beschnüffelte sie umständlich, als aber Lerumie einen leisen drohenden Laut ausstieß, schritt er steifbeinig weiter. Achtern am Rad traf er einen Schwarzen, der steuerte, und in der Nähe stand der Steuermann auf dem Ausguck. Der Steuermann sprach Jerry an und wollte ihn streicheln, aber im selben Augenblick roch Jerry Schiffer, der irgendwo in der Nähe war. Mit einem liebenswürdigen, um Entschuldigung bittenden Schwanzwedeln trottete er nach Luv und fand schließlich Schiffer, der auf dem Rücken liegend in eine Decke gewickelt war, so daß nur der Kopf herausguckte, und fest schlief.

Zuallererst mußte Jerry ihn natürlich freudig beschnüffeln und freudig mit dem Schwanze wedeln. Aber Schiffer erwachte nicht, und ein feiner Sprühregen, kaum mehr als Nebel, ließ Jerry sich eng in dem Winkel zusammenkauern, den Schiffers Kopf und Schulter bildeten. Dadurch wachte Schiffer auf, er murmelte mit leiser, zärtlicher Stimme »Jerry«, und Jerry antwortete damit, daß er seine kalte, feuchte Schnauze gegen Schiffers Wange legte. Und dann schlief Schiffer wieder ein. Jerry aber nicht. Er lüftete einen Zipfel der Decke mit der Schnauze und kroch über Schiffers Schulter, bis er ganz drinnen war. Schiffer wachte wieder auf und half ihm, halb im Schlaf, sich zurechtzulegen.

Aber Jerry war immer noch nicht zufrieden, und er drehte und wandte sich, bis er in Schiffers Armbiegung lag, wo er endlich, mit einem tiefen Seufzer der Befriedigung, einschlief.

Mehrmals wurde Van Horn von dem Lärm geweckt, den die Besatzung machte, wenn sie die Segel nach dem wechselnden Winde trimmte, und jedesmal fiel ihm das Hündchen ein, und er preßte es zärtlich an sich. Und jedesmal regte Jerry sich im Schlaf und kuschelte sich eng an ihn.

Wenn Jerry auch ein hervorragendes Hündchen war, so hatte er doch seine Begrenzung, und er erfuhr nie, welche Wirkung die warme Berührung seines sammetweichen Körpers auf den hartgesottenen Kapitän ausübte. Sie erinnerte Van Horn an längst entschwundene Tage, da sein eignes Töchterchen in seinem Arm geschlafen hatte. Und so deutlich wurde die Erinnerung, daß er ganz wach wurde und viele Bilder, die mit seinem Töchterchen begannen, quälend in seinem Hirn brannten. Kein weißer Mann in den Salomons wußte, was er zu tragen hatte, sowohl, wenn er wach war, wie auch oft, wenn er schlief, und diese Bilder waren die Ursache, daß er in der fruchtlosen Hoffnung, sie auszulöschen, nach den Salomoninseln gekommen war. Als die Erinnerung von dem weichen Hündchen in seinem Arm jetzt geweckt war, sah er zuerst die Kleine und ihre Mutter in der kleinen Wohnung in Harlem. Eng war sie zwar, aber voll von dem Glück der drei Menschen, das dieses Stübchen zum Himmel machte.

Er sah, wie das flachsgelbe Haar des kleinen Mädchens den dunkleren Goldschimmer der Mutter annahm, während gleichzeitig die kleinen Löckchen erst zu langen Locken und schließlich zu zwei dicken Zöpfen wurden. Statt den Versuch zu machen, diese vielen Bilder zu vertreiben, weilte er gerade bei ihnen und bemühte sich, sein Bewußtsein mit möglichst vielen Eindrücken zu füllen, um das eine Bild fernzuhalten, das er nicht zu sehen wünschte.

Er erinnerte sich an seinen Beruf, an den Rettungswagen und die Leute, die unter ihm gearbeitet hatten, und er dachte darüber nach, was wohl aus ihnen, und namentlich aus Clancey, seiner rechten Hand, geworden war. Es kam der lange Tag, da er, um drei Uhr morgens, aus dem Bett geholt worden war, um einen Straßenbahnwagen aus den zertrümmerten Schaufenstern einer Drogerie zu schaffen und wieder auf die Schienen zu setzen. Sie arbeiteten den ganzen Tag – es waren sechs bis sieben Zusammenstöße erfolgt – und als sie schließlich gegen neun Uhr abends in der Remise ankamen, wurde gerade wieder Alarm geschlagen.

»Gott sei Dank!« sagte Clancey, der nur wenige Häuser von ihm entfernt wohnte. Er sah ihn noch vor sich, wie er es sagte und sich dabei den Schweiß von der Stirn wischte. »Gott sei Dank! – es ist nichts von Bedeutung und ganz bei uns in der Nähe – in einer der nächsten Straßen. Sobald wir fertig sind, können wir Feierabend machen und nach Haus gehen, die andern können dann den Wagen nach der Remise fahren.«

»Wir müssen nur einen Augenblick den Kran gebrauchen«, hatte er geantwortet.

»Was ist los?« fragte Billy Jaffers, ein andrer von seinen Leuten.

»Es ist jemand überfahren – man kann sie nicht rauskriegen«, sagte er; dann schwangen sie sich auf den Wagen und fuhren los.

Er sah alle Einzelheiten der langen Fahrt wieder vor sich, bis auf die Verspätung, die sie dadurch erlitten, daß sie einen Feuerwehrzug vorbeilassen mußten; unterdessen hatten er und Clancey Jaffers geneckt, weil er Stelldicheins mit verschiedenen jungen Damen verabredet hatte, die er nun wegen der späten Extraarbeit nicht einhalten konnte.

Es kam die lange Reihe haltender Straßenbahnwagen, der Auflauf, die Polizei, die ihn einzudämmen suchte, die zwei Tragbahren, die auf ihre Last warteten, und der junge Schutzmann, der hier seinen Posten hatte, und der ihn, tief erschüttert, begrüßte. »Es ist furchtbar. Man kann krank davon werden. Es sind zwei. Wir können sie nicht herauskriegen. Ich hab' es versucht. Die eine lebte noch, glaube ich.« Aber er, ein starker, beherzter, an solche Arbeit gewöhnter Mann, den der anstrengende Tag ermüdet hatte, er freute sich bei dem Gedanken an die freundliche kleine Wohnung nur wenige Straßen weiter. Munter und zuversichtlich sagte er, er werde sie schon im Handumdrehen heraushaben. Dabei ließ er sich auf die Knie nieder und kroch auf Händen und Füßen unter den Wagen.

Wieder sah er sich, wie er die elektrische Taschenlampe einschaltete. Er sah die beiden goldenen Zöpfe, bis er den Druckknopf losließ und alles, was sein war, wieder in Finsternis getaucht war.

»Lebt die eine noch?« fragte der erschütterte Schutzmann. Die Frage wurde wiederholt, während er sich die Kraft erkämpfte, wieder auf den Knopf zu drücken.

Er hörte sich antworten: »Das werde ich Ihnen gleich sagen.«

Wieder schaute er hin. Eine lange Minute.

»Beide tot«, antwortete er ruhig. »Clancey, setzen Sie Kran Nummer drei ein, nehmen Sie noch einen Mann und kriechen Sie unter das andre Ende des Wagens.« –

Er lag auf dem Rücken und starrte gerade empor zu einem einsamen Stern, der durch den Staubregen über ihm schimmerte und sich langsam hin und her wiegte.

Er fühlte den alten Schmerz in der Kehle, die alte unangenehme Trockenheit in Mund und Augen. Und er wußte – was kein andrer wußte – warum er im Salomonarchipel als Schiffer der Teakholzjacht Arangi mit Niggern fuhr, seinen Kopf riskierte und mehr Whisky trank, als einem Mann guttut.

Seit jener Nacht hatte er keine Frau angesehen, und unter den andern Weißen galt er als kalt mit Bezug auf weiße wie schwarze Weiber.

Als Van Horn aber dies Furchtbarste in seiner Erinnerung vor sich gesehen hatte, konnte er wieder Ruhe finden, und im Einschlafen spürte er beglückt Jerrys Kopf an seiner Schulter. Einmal ließ Jerry, der vom Strand von Meringe, von Herrn Haggin, Biddy, Terrence und Michael träumte, ein leises Knurren hören, und Van Horn erwachte gerade so weit, daß er ihn dichter an sich pressen und drohend murmeln konnte: »Der Nigger, der dem Hund was tut ...«

Als ihn der Steuermann an der Schulter rüttelte, tat Van Horn im Augenblick des Erwachens mechanisch zweierlei. Er griff hastig nach dem Revolver an seiner Hüfte und murmelte: »Der Nigger, der dem Hund was tut ...«

»Das muß Kap Kopo sein«, meinte Borckman, als die beiden Männer nach den hohen Umrissen des Landes in Luv starrten. »Wir haben nicht mehr als zehn Meilen gemacht, und es ist keine Aussicht auf stetigeren Wind.«

»Das kann bös werden, wenn's losgeht«, sagte Van Horn, den Blick auf die Wolken gerichtet, die zerrissen vor den trüben Sternen trieben.

Kaum hatte sich der Steuermann eine Decke aus der Kajüte geholt, als eine frische, stetige Brise aufsprang, die vom Lande her wehte und die Arangi mit einer Schnelligkeit von neun Meilen über das glatte Wasser jagte. Ein Weilchen versuchte Jerry, sich in Schiffers Gesellschaft die Zeit zu vertreiben, bald aber rollte er sich zusammen und schlummerte, halb auf dem Deck, halb auf Schiffers bloßen Beinen, ein.

Als Schiffer ihn zur Decke trug und einpackte, schlief er gleich wieder ein, wachte aber sofort wieder auf, als Schiffer an Deck auf und ab zu gehen begann. Er wickelte sich aus der Decke heraus und trabte neben ihm her. Und jetzt lernte Jerry wieder etwas Neues, denn nach fünf Minuten wußte er, daß er unter der Decke bleiben sollte, daß alles in Ordnung war, und daß Schiffer die ganze Zeit auf und ab gehen und in seiner Nähe bleiben würde.

Um vier Uhr übernahm der Steuermann das Kommando an Deck.

»Dreißig Meilen sind wir weitergekommen«, sagte Van Horn zu ihm. »Aber jetzt sieht es wieder faul aus. Halten Sie ein Auge auf Böen unter Land. Werfen Sie lieber die Falle auf Deck und halten Sie die Wache klar. Natürlich sollen die Leute schlafen, aber auf Fallen und Schooten.«

Als Schiffer unter die Decke kroch, wachte Jerry auf, und als wäre er es nie anders gewohnt gewesen, kuschelte er sich in Schiffers Arm, um dann nach einem zufriedenen Schnaufen und einem Kuß seiner kühlen kleinen Zunge auf die Wange Schiffers, der ihn zärtlich an sich drückte, wieder einzuschlafen.

Eine halbe Stunde später schien sich die Welt für Jerry vollkommen auf den Kopf gestellt zu haben. Er wurde dadurch geweckt, daß Schiffer mit solcher Schnelligkeit aufsprang, daß der Teppich nach der einen und Jerry nach der andern Seite flog. Das Deck der Arangi war eine Wand geworden, an der Jerry in der tosenden Finsternis herunterglitt. Jedes Ende, jedes Wanttau hämmerte und kreischte im Kampf gegen den heftigen Anprall des Sturmes.

»An die Großfalle! – Los!« konnte er den lauten Ruf Schiffers hören, und dazu hörte er auch das Kreischen der Großschootblöcke, als Van Horn, der in der Dunkelheit braßte, schnell die Schoot mit einem einzigen Törn um die Klampe durch seine brennenden Hände laufen ließ.

Während all dies und viele andre Laute – das Schreien der Besatzung und Rufe von Borckman – auf Jerrys Trommelfell eindrangen, glitt er immer weiter in seiner neuen, unsicheren Welt das Deck hinunter. Aber er schlug nicht direkt gegen die Reling, wo seine zarten Rippen leicht hätten zerbrechen können; das warme Wasser des Ozeans, das wie ein Strom von blassem, phosphoreszierendem Feuer über die Reling flutete, schwächte den Fall ab. Er begann zu schwimmen, verwickelte sich aber in ein Gewirr von Leinen, die über Deck schleppten.

Und er schwamm, nicht um sein Leben zu retten, nicht in Todesangst. Nur ein Gedanke erfüllte ihn. Wo war Schiffer? Nicht daß er an den Versuch gedacht hätte, Schiffer zu retten oder ihm Hilfe zu leisten. Es war sein liebevolles Herz, das ihn zum Gegenstand seiner Liebe trieb. Wie die Mutter in einer Katastrophe zu ihrem Kindchen zu gelangen sucht, wie die Griechen sich sterbend ihres geliebten Argos erinnerten, wie der Soldat auf dem Schlachtfelde mit dem Namen der Gattin auf den Lippen stirbt, so sehnte sich Jerry in diesem Weltuntergang nach Schiffer.

Die Bö ging ebenso plötzlich, wie sie gekommen war. Die Arangi richtete sich mit einem Ruck wieder auf, und Jerry blieb an den Steuerbord-Speigatten liegen. Er trottete über das ebene Deck zu Schiffer, der mit gespreizten Beinen und immer noch das Ende von der Großschoot in der Hand dastand und rief: »Gott verdamm mich! Wind er gehen! Regen er nicht kommen!«

Er fühlte Jerrys kalte Nase gegen seinen bloßen Schenkel, hörte sein freudiges Schnaufen und beugte sich herab, um ihn zu streicheln. In der Dunkelheit konnte er nichts sehen, aber das Herz wurde ihm warm bei dem Gedanken, daß Jerry sicherlich mit der Rute wedelte.

Viele der erschrockenen Retournierten waren an Deck gekommen, und ihre jammernden, nörgelnden Stimmen klangen wie die schläfrigen Schreie einer Vogelschar auf einem Aste. Borckman trat neben Van Horn, und die beiden Männer, die die ängstliche Spannung bis in die Fingerspitzen fühlten, suchten die Finsternis mit ihren Blicken zu durchdringen, während sie mit höchster Aufmerksamkeit auf eine Botschaft der Elemente aus Meer oder Luft lauschten.

»Wo bleibt der Regen?« fragte Borckman verdrießlich. »Immer erst der Wind und dann der Regen, der den Wind totschlägt. Aber der Regen kommt nicht.«

Van Horn, der noch schaute und horchte, antwortete nicht.

Die Unruhe der beiden Männer steckte Jerry an, der auch auf den Beinen war. Er preßte seine kühle Nase gegen Schiffers Bein, küßte ihn mit seiner rosenroten Zunge und spürte den Salzgeschmack des Seewassers.

Schiffer beugte sich plötzlich nieder, wickelte Jerry rauh und eilig in die Decke und verstaute ihn zwischen zwei Säcken Yams, die achtern vom Besanmast am Deck festgesurrt waren. Dann knüpfte er, einer Eingebung folgend, die Decke mit einem Ende zusammen, so daß Jerry gleichsam in einem Sack lag. Kaum war das geschehen, als der Besan krachend über seinem Kopf hinwegflog, die Toppsegel sich plötzlich donnernd blähten und das mächtige Großsegel, dem Van Horn durch Fieren der Schoot einen weiten Spielraum gelassen hatte, ganz hinüberschoß und die Schoot mit einer Wucht straffte, daß das ganze Schiff erschüttert wurde und gewaltsam nach Backbord überholte. Dieser zweite Schlag war von der entgegengesetzten Seite gekommen und war noch schlimmer als der erste.

Jerry hörte Schiffers Stimme über das Schiff hallen. Er rief zuerst dem Steuermann zu: »Klar am Großfall! Losmachen! Die Schoot nehme ich selbst!« Dann wandte er sich an die Besatzung: »Batto! Du fella Besanfall losmachen, schnell, fella! Ranga! Du fella lassen Besanschoot gehen!«

Hier wurde Van Horn weggerissen von einer Lawine von Retournierten, die bei der ersten Bö an Deck geklettert waren. Die wimmelnde Masse, von der er einen Teil ausmachte, wurde gegen den Stacheldraht an der unter dem Wasser begrabenen Backbordreling gefegt.

Jerry lag so sicher in seinem Winkel, daß er nicht wegrollte. Als er aber merkte, daß Schiffer nicht mehr kommandierte und ihn vom Stacheldrahtzaun her fluchen hörte, stieß er ein durchdringendes Geheul aus und kratzte und schlug wie besessen gegen die Decke, um sich freizumachen. Irgend etwas war Schiffer zugestoßen. Das wußte er. Sonst wußte er nichts, denn er dachte in dem Chaos dieses Weltuntergangs nicht einen Augenblick an sich selber. Aber er stellte sein Geheul ein, um auf ein neues Geräusch zu lauschen – ein donnerndes Flattern von Leinwand, das von Rufen und Schreien begleitet wurde. Er fühlte – was aber nicht stimmte – daß etwas Schreckliches geschah, denn er wußte nicht, daß das Großsegel gefiert wurde, nachdem Schiffer das Fall mit dem Messer gekappt hatte. Als der Höllenlärm noch zunahm, beteiligte auch er sich wieder mit seinem Geheul daran, bis er merkte, daß eine Hand sich an seiner Decke zu schaffen machte. Er schwieg und schnüffelte. Nein, es war nicht Schiffer. Er schnüffelte nochmals und stellte fest, wer es war: Lerumie, der Schwarze, den er noch am Morgen gesehen hatte, wie er in den Sand geworfen war, der ihm noch vor kurzem einen Tritt gegen seinen Stummelschwanz versetzt, und der vor kaum einer Woche einen Stein nach Terrence geschleudert hatte.

Das Tau wurde durchgeschnitten, und Lemmies Finger suchten in der Decke nach ihm. Jerry knurrte sein ärgstes Knurren. Das war ein Sakrileg! Er, der Hund eines weißen Mannes, war tabu für alle Schwarzen. Er hatte früh das Gesetz gelernt, daß kein Nigger den Hund eines weißen Gottes anrühren durfte. Und doch wagte Lerumie, dieser ganz Schlimme, ihn in dem Augenblick anzurühren, als die Welt um sie her zusammenkrachte.

Und als die Finger ihn berührten, hieb er die Zähne hinein. Der Schwarze versetzte ihm dann mit der freien Hand einen harten Schlag, und jetzt zerrissen die zusammengebissenen Zähne Haut und Fleisch, bis die Finger losließen.

Dann aber wurde Jerry, der wie ein Teufel raste, am Nacken gepackt und flog, halb erwürgt, durch die Luft. Noch im Fliegen fuhr er fort, seiner Wut Ausdruck zu verleihen. Er fiel ins Meer und sank unter, ein Mundvoll Salzwasser drang ihm in die Lunge; dann tauchte er wieder auf, halb erstickt, aber schwimmend. Schwimmen gehörte zu den Dingen, über die er nicht nachzudenken brauchte. Schwimmen hatte er ebensowenig je zu lernen brauchen wie atmen. In der Tat: Laufen hatte er lernen müssen; aber Schwimmen war etwas ganz Selbstverständliches für ihn.

Der Wind heulte über ihm. Schaumspritzer, vom Winde gepeitscht, füllten ihm Maul und Nüstern und bissen ihm, ätzend und blendend, in die Augen. Er wußte nichts von Gesetz und Wesen des Meeres, und so hob er, nach Atem ringend, die Schnauze so hoch wie möglich, um dem erstickenden Wasser zu entgehen. Die Folge war, daß er keine horizontale Lage mehr einnahm, daß ihn seine arbeitenden Beine daher nicht mehr oben halten konnten und er, in senkrechter Stellung, ganz untersank. Wieder tauchte er auf, prustend von dem Salzwasser, das ihm in die Luftröhre geraten war. Aber diesmal tat er, ohne darüber nachzudenken, das, was die geringste Anstrengung erforderte und auch am angenehmsten für ihn war: er legte sich flach hin und schwamm in dieser Lage weiter.

Als die Bö sich erschöpft hatte, erklangen durch die Dunkelheit das Klatschen des halb heruntergefierten Großsegels, das gellende Geschrei der Besatzung und ein Fluch von Borckman, aber alles wurde übertönt durch Schiffers Stimme:

»Liek runter, ihr fella Jungens! Los! Zieht runter, starke fella! Holt Großsegel ein! Dally, zum Teufel, dally!«

nbsp;

Als Jerry, der in der schweren, unruhigen See schwamm, Schiffers Stimme erkannte, kläffte er eifrig und sehnsüchtig und legte all seine junge Liebe in dies Kläffen. Aber die Arangi trieb fort, und schnell erstarben alle Töne. Und in der einsamen Finsternis, an der wogenden Brust des Meeres, in dem er einen der ewigen Feinde erkannte, begann er zu jammern und zu schreien wie ein verirrtes Kind.

Sein Instinkt zeigte ihm dunkel und schemenhaft seine Schwäche in diesem unbarmherzigen Meer, das ihn, ohne die Wärme eines Herzens, mit dem Unbekannten, Undeutlichen, aber doch Schrecklichen bedrohte – dem Tode. Er, der nichts von der Zeit wußte, da er noch nicht am Leben gewesen, konnte sich keine Vorstellung machen von der Zeit, da er nicht mehr am Leben sein sollte.

Und doch war die Zeit da, schrie ihm ihre Warnung zu, daß sie ihm in jede Fiber seines Körpers, durch jeden Nerv und jede Windung seines Gehirns drang – eine Summe von Gefühlen, die das letzte Unglück eines Lebens anzeigte, ein Unglück, von dem er nichts wußte, das aber, wie er fühlte, das Ende aller Dinge war. Obwohl er es nicht verstand, fühlte er es nicht weniger deutlich als ein Mensch, der doch viel mehr weiß und viel tiefer und umfassender denkt als vierbeinige Hunde im allgemeinen.

Wie ein Mensch in den Qualen eines Alps kämpft, so kämpfte Jerry in dem erregten, salzigerstickenden Meer. Und so jammerte und schrie er, das verirrte Kind, das verlorene Hündchen, das er war, er, der nur ein halbes Jahr in dieser schönen Welt mit ihrem qualvollen Reichtum an Freuden und Leiden gelebt hatte. Und er wollte zu Schiffer. Schiffer war ein Gott.

*

An Bord der Arangi, die wieder aufrecht schwamm, nachdem das Großsegel heruntergefiert war, der Wind nachgelassen und der tropische Regen eingesetzt hatte, stießen Van Horn und Borckman in der Dunkelheit zusammen.

»Eine doppelte Bö«, sagte Van Horn. »Traf uns an Steuerbord und an Backbord.«

»Muß in Stücke gegangen sein, bevor sie uns traf«, stimmte der Steuermann zu.

»Und den ganzen Regen für die zweite Hälfte aufbewahrt haben –« Van Horn brach mit einem Fluch ab.

»Heh! Was ist los mit dir, du fella Junge?« brüllte er den Mann am Ruder an.

Denn die Jacht war unter dem Besan, der gerade mittschiffs geholt war, in den Wind gekommen, so daß die Achtersegel schlaff wurden und sich gleichzeitig die Vorsegel auf der andern Halse strafften. Die Arangi hatte begonnen, sich ungefähr denselben Kurs, den sie gekommen war, zurückzuarbeiten. Das aber bedeutete, daß sie zu der Stelle zurückkehrte, wo Jerry in den Wogen schwamm. Und so neigte sich die Wagschale, auf der sein Leben lag, zu seinen Gunsten, weil ein schwarzer Rudergast eine Dummheit gemacht hatte.

Van Horn hielt die Arangi auf dem neuen Kurs und ließ Borckman alle Enden klarmachen, die an Deck herumlagen, während er selbst im Regen niederhockte und das Takel spleißte, das er gekappt hatte. Als der Regen nachließ und weniger laut auf das Deck klatschte, wurde Van Horns Aufmerksamkeit erregt von einem Geräusch, das über das Wasser zu ihm drang. Er hielt in der Arbeit inne, um zu lauschen, und als er Jerrys Kläffen erkannte, sprang er wie elektrisiert auf.

»Der Hund ist über Bord!« rief er Borckman zu. »Klüver nach Luv backen!«

Er stürzte nach achtern und jagte einen Haufen Retournierter nach rechts und links.

»Heh! Ihr fella Besatzung! Rein mit der Besanschoot! Schnell, gute fella!«

Er warf einen Blick ins Kompaßhaus und peilte hastig nach den Lauten, die Jerry ausstieß.

»Hart nieder das Ruder!« befahl er dem Rudergast, dann sprang er ans Rad und warf es selbst herum, während er immer wieder laut rief: »Nordost bei Ost, ein Viertel Ost, Nordost bei Ost, ein Viertel Ost.«

Dann lief er zurück, sah wieder ins Kartenhaus und lauschte vergebens nach einem neuen Jammern Jerrys, in der Hoffnung, dadurch sein erstes Peilen bestätigt zu finden. Aber er brauchte nicht lange zu warten. Obwohl die Arangi durch sein Manöver beigedreht war, wußte er doch, daß Wind und Strömung sie schnell von dem schwimmenden Hündchen entfernen mußten. Er rief Borckman zu, daß er nach achtern laufen und das Walboot klarmachen sollte, während er selbst nach unten stürzte, um seine elektrische Taschenlampe und den Bootskompaß zu holen.

Die Jacht war so klein, daß sie gezwungen war, ihr einziges Walboot an langen doppelten Fangleinen nachzuschleppen, und gerade, als der Steuermann es unter den Stern geholt hatte, kam Van Horn zurück. Ohne sich durch den Stacheldraht stören zu lassen, hob er einen nach dem andern von der Besatzung über die Reling ins Boot, dann folgte er selbst als letzter, indem er sich auf den Besanbaum schwang. Er rief seine Befehle zurück, dann wurde das Boot losgeworfen.

»Setzen Sie ein Licht an Deck, Borckman. Lassen Sie das Schiff beigedreht. Setzen Sie nicht das Großsegel. Machen Sie klar Deck, und machen Sie die Stoßtalje am Großbaum fest.«

Er ergriff die Ruderpinne und feuerte die Ruderer an, indem er ihnen zurief: »Washee-washee, gute fella, washee-washee!« – was auf Trepang »Rudert tüchtig!« heißt.

Während er steuerte, hielt er die Taschenlampe beständig auf den Kompaß gerichtet, so daß er genau Nordost zu Ost, ein Viertel Ost halten konnte. Dann fiel ihm ein, daß der Bootskompaß zwei volle Strich vom Kompaß der Arangi abwich, und er änderte seinen Kurs dementsprechend.

Hin und wieder ließ er die Rudermannschaft anhalten, lauschte nach Jerry und rief ihn. Er ließ sie in Kreisen, hin und zurück, nach Luv und Lee über den Teil des dunklen Meeres rudern, wo er den Hund vermutete.

»Nun, ihr fella Jungens, Ohren hören zu«, hatte er gleich zu Anfang gesagt. »Vielleicht ein fella Junge hören ihn pickaninny Hund singen, ich geben ihm fella fünf Faden Kaliko, zwei zehn Stück Tabak.« Nach einer halben Stunde bot er »Zwei zehn Faden Kaliko und zehn zehn Stück Tabak« dem Jungen, der zuerst »pickaninny Hund singen« hörte.

Jerry befand sich in einer traurigen Verfassung. Nicht gewohnt zu schwimmen, halb erstickt von dem Salzwasser, das ihm in das offene Maul schlug, ließ er schon den Mut sinken, als er zum ersten Male den Strahl von Schiffers Taschenlampe sah. Er setzte das indessen nicht mit Schiffer in Verbindung und nahm deshalb nicht mehr Notiz davon als von den ersten Sternen, die jetzt zwischen den Wolken hervorlugten. Es fiel ihm ebensowenig ein, daß es ein Stern, wie das es keiner sein mochte. Er kämpfte weiter, rang nach Atem und bekam immer mehr Salzwasser in die Lunge. Als er aber schließlich Schiffers Stimme hörte, geriet er ganz außer sich. Er versuchte, sich aufrecht zu stellen und die Vorderpfoten auf Schiffers Stimme zu setzen, die durch die Dunkelheit zu ihm drang, wie er die Vorderpfoten auf Schiffers Knie gesetzt hätte, wenn er bei ihm gewesen wäre. Das Ergebnis war traurig. Aus der wagerechten Lage gebracht, sank er unter, um in einem Erstickungskrampf wieder aufzutauchen.

Das dauerte eine kurze Weile, während welcher der Krampf ihn hinderte, auf Schiffers Rufen zu antworten, das immer noch zu ihm drang. Sobald er jedoch antworten konnte, brach er in ein Freudengeheul aus. Schiffer kam also zu ihm, um ihn aus dem stechenden, beißenden Meer zu holen, das seine Augen blendete und ihm den Atem raubte. Schiffer war wirklich ein Gott, sein Gott, mit der Macht eines Gottes, zu retten.

Bald hörte er den rhythmischen Schlag der Riemen gegen die Dollen, und die Freude in seinem Kläffen wurde verdoppelt durch die Freude in Schiffers Stimme. Immer wieder hörte er ermunternde Zurufe, nur hin und wieder unterbrochen von Ermahnungen an die Rudermannschaft.

»Gut, Jerry, alter Junge. Gut, Jerry, gut. – Washee-washee, ihr fella Jungens! – Ich komme, Jerry, ich komme. Halt aus, alter Junge. Nicht nachlassen. – Washee-washee, wie der Teufel! – Hier sind wir, Jerry. Halt aus. Nicht nachlassen. Los, alter Junge, wir kriegen dich schon. – Langsam ... langsam. Halt!«

Und dann sah Jerry mit verblüffender Deutlichkeit dicht neben sich die dunklen Umrisse des Walbootes aus dem Dunkel auftauchen, der Schein der Taschenlampe fiel ihm gerade in die Augen und blendete ihn, und während er noch vor Freude jaulte, fühlte und erkannte er Schiffers Hand, die ihn am Nacken packte und hochhob.

Triefend naß landete er an der regenfeuchten Weste Schiffers, seine Rute schlug wie verrückt gegen Schiffers Arm, der ihn umschloß, er drehte und wand sich und leckte wie von Sinnen Schiffers Kinn und Mund, Wangen und Nase. Und Schiffer merkte nicht, daß er selber naß war, daß, von Regen und Aufregung begünstigt, ein Anfall seiner alten Malaria im Anzuge war. Er wußte nichts, als daß das Hündchen, das er am Morgen zuvor geschenkt bekommen hatte, wieder sicher in seinen Armen lag.

Während die Bootsmannschaft sich in die Riemen legte, steuerte er, die Ruderpinne unter den einen Arm gepreßt, um Jerry mit dem andern halten zu können.

»Du kleines Scheusal,« sagte er zärtlich einmal über das andre, »du kleines Scheusal.«

Und Jerry antwortete ihm, indem er ihn küßte und wimmerte wie ein verirrtes, wiedergefundenes Kind. Auch er zitterte am ganzen Leibe. Aber es war nicht die Kälte, es waren seine überspannten, empfindlichen Nerven.

Wieder an Bord, sprach Van Horn dem Steuermann gegenüber seine Ansicht aus.

»Der Hund ist nicht einfach über Bord spaziert und auch nicht über Bord geschwemmt. Ich hatte ihn fest in die Decke eingebunden.«

Er trat mitten zwischen die Besatzung und die sechzig Retournierten, die sich sämtlich an Deck befanden, und richtete seine Taschenlampe auf die Decke, die immer noch auf den Jamssäcken lag.

»Da haben wir's. Das Tau ist durchschnitten. Die Knoten sind noch drin. Welcher Nigger hat's getan?« Er sah sich im Kreise der dunklen Gesichter um, indem er das Licht auf sie richtete, und so viel Anklage und Zorn lag in seinen Augen, daß alle Blicke sich senkten oder seitwärts wandten.

»Wenn der Hund nur sprechen könnte«, meinte er. »Er würde schon erzählen, wer es gewesen ist.«

Er beugte sich plötzlich zu Jerry nieder, der sich ganz eng an ihn schmiegte, so eng, daß seine Vorderpfoten auf Schiffers bloßen Füßen standen.

»Du kennst ihn, Jerry, du kennst den schwarzen fella Jungen«, sagte er schnell und anfeuernd, indem er die Hand suchend kreisen ließ.

Jerry war sofort lauter Leben, er hüpfte umher und stieß kurze, eifrige Bellaute aus.

»Ich glaube wirklich, der Hund könnte ihn mir zeigen«, vertraute Van Horn dem Steuermann an. »Los, Jerry, such' ihn, putz' ihn weg! Wo ist er, Jerry? Such' ihn! Such' ihn!«

Alles, was Jerry wußte, war, daß Schiffer etwas wollte. Er sollte etwas finden, was Schiffer suchte, und er brannte vor Eifer, ihm zu dienen. Er sprang eine Weile planlos, aber willig umher, während Schiffer ihn mit seinen Rufen anfeuerte und immer mehr aufregte. Da kam ihm ein Gedanke, ein ganz bestimmter Gedanke. Der Kreis der Eingeborenen öffnete sich, um ihn durchzulassen, und er schoß nach Steuerbord zu den dort aufgestapelten Kisten. Er steckte die Schnauze in die Öffnung, wo der Wildhund lag und schnüffelte. Ja, der Wildhund war drinnen. Er roch ihn nicht nur, er hörte auch sein drohendes Knurren.

Er sah fragend zu Schiffer auf. War es das, was Schiffer wollte? Sollte er zu dem Wildhund gehen? Aber Schiffer lachte und zeigte ihm mit einer Handbewegung, daß er anderswo nach etwas anderm suchen sollte.

Er sprang fort und schnüffelte an Stellen, wo er erfahrungsgemäß Schaben und Ratten zu finden hoffen konnte. Aber er merkte schnell, daß es nicht das war, was Schiffer wollte. Sein Herz klopfte vor Eifer, sich nützlich zu machen, und ohne sich etwas Bestimmtes dabei zu denken, begann er die bloßen Beine der Schwarzen zu beschnüffeln.

Das verursachte immer lebhaftere Zurufe von Schiffer und brachte ihn ganz von Sinnen. Das war es also! Er sollte die Besatzung und die Retournierten an ihren Beinen erkennen. So schnell er konnte, schoß er von einem zum andern, bis er zu Lerumie kam.

Und da vergaß er, daß Schiffer etwas von ihm wünschte. Alles, was er wußte, war, daß Lerumie das Tabu seiner geheiligten Person gebrochen hatte, indem er Hand an ihn legte, und daß es Lerumie war, der ihn über Bord geworfen hatte.

Mit einem Wutgeheul, zähnefletschend und das kurze Nackenhaar gesträubt, fuhr er auf den Schwarzen los. Lerumie floh über das Deck, und Jerry verfolgte ihn unter dem lauten Gelächter aller Schwarzen. Mehrmals glückte es Jerry, unter der wilden Jagd die fliegenden Schenkel mit seinen Zähnen zu ritzen. Dann aber kletterte Lerumie in die Haupttakelung, und Jerry blieb in ohnmächtiger Wut an Deck zurück.

Jetzt hatten sich die Schwarzen in ehrerbietigem Abstand in einem Halbkreis gesammelt, in dessen Brennpunkt Van Horn und Jerry standen. Van Horn richtete die elektrische Taschenlampe auf den Schwarzen in der Takelung und sah die langen parallelen Schrammen an den Fingern, die in Jerrys Decke gedrungen waren. Mit vielsagender Miene zeigte er sie Borckman, der außerhalb des Kreises stand, so daß kein Schwarzer ihm in den Rücken kommen konnte.

Schiffer hob Jerry auf und beschwichtigte ihn mit den Worten:

»Guter Hund, Jerry. Du hast ihn gezeichnet. Du bist ein Kerl, ein ganzer Kerl.«

Dann wandte er sich wieder zu Lerumie, ließ das Licht auf ihn fallen und redete ihn hart und kalt an. »Was Name gehören dir fella Jungen?« fragte er.

»Mich fella Lerumie«, lautete die leise, zitternde Antwort.

»Du kommen Penduffryn?«

»Mich kommen Meringe.«

Kapitän Van Horn überlegte, während er das Hündchen auf seinem Arm streichelte. Schließlich war es ein Retournierter. In einem, höchstens zwei Tagen wurde er an Land gesetzt, und er war ihn los. »Mein Wort,« erklärte er, »mich wütend auf dich. Mich wütend groß fella auf dich. Mich wütend auf dich groß bißchen. Was Name du fella Junge machen den pickaninny Hund gehören mir spazieren in Wasser?«

Lerumie war nicht fähig, zu antworten. Er rollte hilflos die Augen in Erwartung einer Tracht Hiebe, wie weiße Gebieter – das wußte er aus eigner bitterer Erfahrung – sie auszuteilen pflegten.

Kapitän Van Horn wiederholte die Frage, und der Schwarze rollte wieder hilflos die Augen.

»Für zwei Stück Tabak laß ich alle Glocken für dich läuten«, donnerte der Schiffer. »Jetzt mich geben dir starken fella zuviel Rede. Du noch einmal sehen mit Auge gehören dir dies fella Hund mir gehören, ich lassen alle Glocken läuten für dich und dich schmeißen über Bord. Savve?«

»Mich savve«, erwiderte Lemmie kläglich, und damit war die Angelegenheit erledigt.

Die Retournierten gingen nach unten, um weiter zu schlafen. Borckman setzte mit Hilfe der Besatzung das Großsegel und brachte die Arangi in den Kurs. Und Schiffer holte sich eine trockene Decke aus der Kabine und legte sich schlafen mit Jerry im Arm, den Kopf des Hündchens dicht an seine Schulter gedrückt.

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