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Jerry der Insulaner

Jack London: Jerry der Insulaner - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleJerry der Insulaner
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150620
projectid1c32ce70
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Und hätte Baschti die Ablieferung der Frauen nur einen oder zwei Tage beschleunigt, so wäre Nalasu dem furchtbaren Fegefeuer der Ehe verfallen gewesen. Aber Baschti hielt Wort, und am dritten Tage war er von einem weit wichtigeren Problem zu sehr in Anspruch genommen, als daß er Bubu und Nena dem alten Manne abgeliefert hätte, der deren Kommen mit Angst und Beben erwartete. Denn am Morgen des dritten Tages begannen alle Bergesgipfel längs der Leeküste von Malaita ihre Rauchsäulen in die Luft zu senden. Es läge ein Kriegsschiff vor der Küste, lautete die Botschaft, ein großes Kriegsschiff, das durch die Riffdörfer von Langa-Langa hereinsteuerte. Der Rauch mehrte sich. Das Kriegsschiff hielt nicht bei Langa-Langa. Das Kriegsschiff hielt nicht bei Binu. Es setzte seinen Kurs direkt auf Somo.

Nalasu konnte die in die Luft geschriebene Rauchbotschaft nicht sehen. Weil sein Haus vollkommen abseits lag, kam niemand und erzählte es ihm. Das erste, was er hörte, waren die schrillen Stimmen der Weiber, das Schreien der Kinder und das Wimmern der Säuglinge. Das alles erklang in namenloser Angst von dem breiten Wege her, der vom Dorfe nach der Bergesgrenze von Somo führte. Er hörte Furcht und Entsetzen heraus und schloß, daß die Dorfbewohner in ihre festen Burgen in den Bergen flohen, kannte aber nicht den Beweggrund ihrer Flucht.

Er rief Jerry zu sich und beauftragte ihn, auf Kundschaft nach dem großen Bananenbaum zu gehen, wo Nalasus Pfad auf den Hauptweg stieß, dort seine Beobachtungen zu machen und Bericht abzustatten. Und Jerry saß unter dem Bananenbaum und sah ganz Somo in wilder Flucht vorbeihasten, Männer, Weiber und Kinder, Alte und Junge, Säuglinge und Patriarchen, die sich auf Stöcke und Stecken stützten, zogen mit allen Anzeichen von Furcht und Eile vorbei. Die Dorfhunde aber waren ebenso ängstlich, sie winselten und jaulten im Laufen. Ihre Angst steckte Jerry an. Er fühlte einen fast unwiderstehlichen Drang, mitzueilen in dieser wilden Flucht vor irgendeinem undenkbar fürchterlichen drohenden Ereignis, das bei ihm eine rein instinktive Angst vor dem Tode erregte. Aber er überwand diesen Drang durch seine Treue gegen den Blinden, der ihm sechs Monate lang Nahrung gegeben und ihn gestreichelt hatte.

Als er zu Nalasu zurückkam, setzte er sich zwischen dessen Knie und stattete Bericht ab. Er konnte nur bis fünf zählen, obwohl er wußte, daß die fliehende Bevölkerung weit mehr als fünf ausmachte. Und deshalb gab er zu verstehen, daß es fünf Männer und mehr, fünf Frauen und mehr, fünf Säuglinge und mehr, fünf Hunde und mehr waren – ja, selbst an Schweinen meldete er fünf und mehr. Nalasu sagten seine eignen Ohren, daß es viele, viele Male mehr waren, und er fragte nach den Namen. Jerry kannte die Namen von Baschti, Agno, Lamai und Lumai. Er sprach sie nicht in einer Weise aus, daß sie auch nur die geringste Ähnlichkeit mit ihren gewöhnlichen Lauten hatten, sondern nach dem stenographischen Whiff-Whuff-System, das Nalasu ihn gelehrt hatte.

Nalasu nannte viele andre Namen, die Jerry dem Gehör nach kannte, selbst aber nicht in Lauten hervorbringen konnte, und auf die meisten antwortete er Ja, indem er nickte und gleichzeitig die rechte Pfote vorstreckte. Bei einigen Namen rührte er sich nicht vom Fleck, als Zeichen, daß er sie nicht kannte. Und bei andern Namen, die er kannte, deren Besitzer er jedoch nicht gesehen hatte, antwortete er Nein, indem er die linke Pfote vorstreckte.

Und Nalasu, der nicht wissen konnte, daß etwas Schreckliches bevorstand – etwas unendlich Schrecklicheres als etwa ein Raubzug des benachbarten Salzwasserstammes, den der Somostamm leicht hinter seinen Korallenmauern abwehren konnte, Nalasu schloß, daß das längst erwartete Kriegsschiff gekommen sei, um Somo zu strafen. Trotz seiner sechzig Jahre hatte er noch nie eine Beschießung des Dorfes erlebt. Es waren wohl dunkle Gerüchte über die Beschießung andrer Dörfer mit Granaten zu ihm gedrungen, aber er hatte keine Vorstellung davon, außer daß es Kugeln sein mußten, die noch größer als Sniderkugeln waren und folglich noch weiter durch die Luft gesandt werden konnten.

Aber es stand geschrieben, daß er Granatenfeuer kennenlernen sollte, ehe er starb. Baschti hatte längst den Kreuzer erwartet, der Rache an Somo nehmen sollte, weil er die Arangi zerstört und die Köpfe der beiden weißen Männer genommen hatte. Er hatte den voraussichtlichen Schaden berechnet und seinem Volke Weisung erteilt, in die Berge zu fliehen. Als Vortrab hatte er seine Köpfe, in Matten gewickelt und von einem Dutzend junger Männer getragen, geschickt. Die letzten Nachzügler, die den Nachtrab in der großen Auswandererschar ausmachten, waren jetzt vorbeigekommen, und Nalasu bereitete sich vor, seinen Bogen und seine achtzig Pfeile dicht an sich gedrückt und Jerry auf seinen Fersen, zu folgen, als die Luft von einem ohrenzerreißenden Lärm ertönte.

Nalasu setzte sich hastig nieder. Es war seine erste Granate, und sie war tausendmal schlimmer, als er es sich vorgestellt hatte. Es war ein durchdringendes, zischendes Geräusch, das den Himmel zerriß, als ob das ganze Weltall wie ein mächtiges Tuch zwischen den Händen irgendeines Gottes zerrissen wurde. Es tönte genau, wie wenn man Laken, so dick wie Teppiche, so breit wie die Erde, so weit umspannend wie der Himmel selbst, zerrisse.

Er setzte sich nicht nur vor seiner Tür nieder, sondern kroch ganz zusammen, legte den Kopf auf die Knie und schirmte ihn mit seinen gebogenen Armen. Und Jerry, der noch nie Granatenfeuer gehört und noch weniger sich Gedanken darüber gemacht hatte, was es sein mochte, fühlte nur, wie entsetzlich es war. Es war für ihn eine Naturkatastrophe, wie die, welche die Arangi betroffen hatte, als sie von dem brüllenden Winde auf die Seite geworfen war. Aber seiner Natur gemäß kroch er auch beim ersten Heulen der Granaten nicht zusammen. Im Gegenteil, die Haare sträubten sich ihm, und er knurrte dieses Etwas, was es auch sein mochte, das so ungeheuer anwesend und seinen Augen doch unsichtbar war, drohend an.

Als die Granate krepierte, kroch Nalasu noch mehr zusammen, und Jerry knurrte wieder, während sich ihm die Haare sträubten. Und das wiederholte sich bei jeder neuen Granate. Die heulten zwar nicht lauter, krepierten aber immer näher am Busch. Und Nalasu, der ein langes Leben gelebt und mit der größten Tapferkeit die Gefahren bekämpft hatte, die er kannte, sollte als Memme sterben, im Schrecken vor dem Unbekannten, das die weißen Herren mit Hilfe eines chemischen Prozesses schleuderten. Und als die Granaten immer näher krepierten, verlor er den letzten Rest seiner Selbstbeherrschung. So völlig vom Schrecken geschlagen war er, daß er sich in die Adern hätte beißen und heulen können. Mit einem wahnsinnigen Schrei sprang er auf und stürzte ins Haus, als ob das Grasdach sein Haupt gegen die gewaltigen Geschosse hätte schützen können. Er stieß gegen den Türpfosten und wirbelte, ehe Jerry ihm folgen konnte, in einem Halbkreis zu Boden, gerade rechtzeitig, um von der nächsten Granate an den Kopf getroffen zu werden. Jerry war an die Türöffnung gelangt, als die Granate krepierte. Das Haus zerstob in tausend Stücke, und Nalasu zerstob mit ihm. Jerry, der sich in der Türöffnung befand, geriet in den Wirbel der Explosion und wurde zwanzig Fuß fortgeschleudert. Und im Bruchteil einer Sekunde wurde er von Erdbeben, Flutwelle, Vulkanausbruch, Himmelsdonner und elektrischer Entladung zugleich getroffen und verlor das Bewußtsein.

Er hatte keine Vorstellung, wie lange er so dalag. Es vergingen fünf Minuten, ehe seine Beine krampfhafte Bewegungen machten, und als er, wankend und schwindlig, wieder auf die Füße kam, hatte er keine Ahnung, wieviel Zeit verstrichen war. Tatsächlich dachte er – und handelte sofort danach, ohne sich dessen bewußt zu sein –, daß er vor dem Bruchteil einer Sekunde von einem fürchterlichen Schlage getroffen war, der unendlich viel stärker war, als der Schlag von dem Stock eines Niggers.

Kehle und Lunge von dem scharfen, erstickenden Pulverrauch und die Nüstern von Staub und Erde gefüllt, schnüffelnd und fauchend wie toll, sprang er herum, stürzte zu Boden wie ein Betrunkener, um gleich darauf wieder aufzuspringen, schwankte hin und her, stellte sich auf die Hinterbeine, bearbeitete seine Schnauze mit den Vorderpfoten, stand dann wieder mit gebeugtem Kopfe da –, rieb sich die Nase an der Erde und dachte an nichts, als Nase und Maul von dem brennenden Schmerz und die Lunge von dem Gefühl des Erstickens zu befreien.

Durch ein Wunder war er der Gefahr entronnen, von einem der fliegenden Eisensplitter getroffen zu werden, und sein starkes Herz hatte ihn davor bewahrt, von der Explosion getötet zu werden. Erst nach einem rasenden Kampf von fünf Minuten, bei dem er sich ganz wie ein Huhn benommen hatte, dem der Kopf abgehauen ist, begann er das Dasein wieder erträglich zu finden. Das ärgste Erstickungsgefühl und die Atemnot vergingen, und obwohl er immer noch schwach und schwindlig war, wankte er in der Richtung des Hauses und Nalasus. Aber es gab kein Haus und keinen Nalasu – nur die traurigen, durcheinander geschleuderten Reste von beiden.

Während die Granaten fern und nah weiter heulten und krepierten, machte Jerry sich daran zu untersuchen, was geschehen war. Daß das Haus verschwunden, war sicher, ebenso sicher, wie das Verschwinden Nalasus. Beide waren von dem letzten großen Nichts verschlungen. Die ganze Welt, in der er lebte, schien verurteilt, von diesem Nichts verschlungen zu werden. Ewiges Leben mußte anderswo gesucht werden, auf den Höhen oder in dem fernen Busch, wohin der Stamm bereits geflohen war. Treu war er dem Herrn, dem er solange gehorcht hatte, der ihn ernährt und für den er wahre Ergebenheit gefühlt hatte, obwohl er nur ein Nigger war. Aber dieser Herr war nicht mehr. Jerry trat den Rückzug an, aber nicht mit besonderer Eile. Eine Zeitlang knurrte er jede Granate an, die durch die Luft heulte oder auch im Busch krepierte. Als aber eine Weile vergangen war, sträubten sich ihm nicht mehr die Haare, und er knurrte weder, noch fletschte er die Zähne.

Und als er schied von dem, was gewesen war und aufgehört hatte zu sein, machte er es nicht wie die Buschhunde, daß er jammerte und lief. Ruhig und würdevoll trabte er den Pfad entlang. Als er den Hauptweg erreichte, sah er, daß er verlassen war. Der letzte Flüchtling war verschwunden. Der Weg, der sonst von Tagesanbruch bis Eintritt der Dunkelheit von Menschen beschritten wurde, und den er erst vor kurzem übervoll von Flüchtlingen gesehen, machte jetzt in seiner Verlassenheit einen tiefen Eindruck auf ihn. Es war wie das Ende aller Dinge in einer Welt, die im Untergang begriffen war. Und so kam es, daß er sich nicht unter den Bananenbaum setzte, sondern dem Stamme nachzulaufen begann.

Mit seiner Nase las er den Bericht von der Flucht, und nur einmal stieß er auf etwas, das von ihrem Schrecken zeugte. Es war eine ganze Gruppe, die von einer Granate vernichtet war: ein alter Mann von fünfzig, der an Krücken ging, weil ihm das Bein von einem Hai abgerissen war, ein ganz kleiner Knabe, eine tote Mary mit einem Säugling an der Brust und einem dreijährigen Kinde, das sich noch im Tode an ihre Hand klammerte, und zwei tote Schweine, mächtig und fett, die die Frau vor sich hergetrieben hatte.

Und Jerrys Nase erzählte ihm, daß sich der Strom der Flüchtlinge geteilt hatte, nach zwei Seiten auseinander gegangen, später aber wieder zusammengeflossen war. Er stieß auf verschiedene Dinge, die von Episoden auf der Flucht zeugten: ein Stück zerkautes Zuckerrohr, das ein Kind fortgeworfen hatte, eine Tonpfeife, deren Stiel ganz kurz war, weil er immer wieder abgebrochen war, eine einzelne Feder aus dem Haar eines jungen Mannes und eine Kalabasse mit gekochten Jams und süßen Kartoffeln, die vorsichtig von einer Mary an den Wegrand gestellt war, weil sie ihr zu schwer geworden.

Das Geschützfeuer hörte auf, während Jerry weitertrabte, dann hörte er die Gewehrschüsse der Landungsabteilung, welche die zahmen Schweine auf den Straßen von Somo erschossen. Aber er hörte ebensowenig, daß die Kokospalmen gefällt wurden, wie er je zurückkehrte, um den Schaden zu sehen, den die Äxte angerichtet hatten.

Denn hier geschah etwas Wunderbares mit Jerry, etwas, was alle Denker der Welt nicht erklären könnten. Er offenbarte in seinem Hundegehirn das freie Wirken des Lebens, das allen Generationen von Metaphysikern der Beweis für das Dasein Gottes gewesen ist, und das alle Philosophen der Vorbestimmung hinters Licht geführt hat, trotzdem es ihre Erkenntnis als reine Illusion erwiesen hat. Jerry tat, was er tat. Er wußte ebensowenig wie und warum, wie der Philosoph weiß, wie und warum er zum Frühstück Grütze mit Sahne statt zwei weichgekochten Eiern wählt.

Jerry folgte einer Eingebung und tat nicht das anscheinend Leichteste, das Übliche, sondern das Schwerste, Ungewöhnlichste. Da es leichter ist, das Bekannte zu ertragen, als das Unbekannte zu fliehen, da Elend und Furcht Gesellschaft lieben, wäre es für Jerry offensichtlich am leichtesten gewesen, dem Somo-Stamm in seine feste Burg zu folgen. Jerry aber entfernte sich von der Linie, der der Rückzug gefolgt war, und ging nordwärts, über die Grenzen von Somo und immer weiter nordwärts in ein fremdes, unbekanntes Land.

Wäre Nalasu nicht von der völligen Vernichtung betroffen worden, so würde Jerry bei ihm geblieben sein. Das ist wahr, und wer über seine Handlungsweise nachdenkt, wird vielleicht meinen, daß auch er gerade so dachte. Aber er dachte gar nicht, sondern handelte lediglich nach einer plötzlichen Eingebung. Er konnte fünf Gegenstände zählen und sie durch Namen und Nummer bestimmen, aber er war nicht imstande, durch Denken zu bestimmen, daß er in Somo bleiben, wenn Nalasu lebte, und Somo verlassen wollte, wenn Nalasu starb. Er verließ Somo lediglich, weil Nalasu tot war, und das furchtbare Granatfeuer ging schnell in die Vergangenheit seines Bewußtseins über, während die Gegenwart so lebendig wurde, wie die Gegenwart es nun einmal zu sein pflegt. Erst auf Zehenspitzen trabte er die Pfade der wilden Buschleute entlang, alle Nerven angespannt aus Furcht vor dem lauernden Tod, der, wie er wußte, die Wege unsicher machte, die Ohren wachsam gespitzt, um die Geräusche aus dem Busch aufzufangen, und mit Augen, die eifrig den Ohren folgten, um sich klar über die Art der gehörten Geräusche zu werden.

An Kühnheit und Mut übertraf selbst Kolumbus, als er sich ganz und gar dem Unbekannten überließ, nicht Jerry, als er sich in die Finsternis des unbekannten Malaita-Busches begab. Und diesem Wunderbaren, dieser scheinbaren Großtat des freien Willens überließ er sich ungefähr ebenso wie Menschen, die von einem Ende der Erde bis ans andere reisen, nur weil die Unruhe sie plagt und ihre Phantasie zu lebhaft ist.

Wenn Jerry auch Somo nie mehr vor Augen sah, so kehrte Baschti doch am selben Tage mit seinem Stamm zurück und amüsierte sich köstlich, als er den angerichteten Schaden festgestellt hatte. Nur ein paar Grashütten waren vom Granatfeuer beschädigt. Nur ein paar Kokospalmen waren gefällt. Und was die getöteten Schweine betrifft, so gab es einen großen Festschmaus, damit sie nicht umkamen. Eine Granate hatte ein Loch in seine Korallenmauer geschlagen. Er erweiterte die Öffnung, daß sie zu einer Anlegestelle wurde, bekleidete die Seiten mit zugehauenen Korallenblöcken und befahl, noch ein Kanuhaus zu bauen. Das einzige, was ihn ärgerte, war der Tod Nalasus und das Verschwinden Jerrys, dieser seiner beiden Versuche primitiver Rassenverbesserung.

nbsp;

Eine volle Woche verbrachte Jerry im Busch, ohne sich in die Berge zu wagen, weil er sich vor den Buschleuten fürchtete, die jederzeit die Wege bewachten. Und es würde schlecht um ihn gestanden haben mit Bezug auf Nahrung, hätte er nicht am zweiten Tage ein einzelnes Ferkel getroffen, das sich offenbar von seinem Wurf verirrt hatte. Dies war seine erste Jagd für seinen Lebensunterhalt, und sie hielt ihn von weiterem Umherschweifen ab, denn, getreu seinem Instinkt, blieb er bei seiner Beute, bis sie verzehrt war.

Allerdings machte er Streifzüge rings in die Nachbarschaft, da er aber keine andre Beute machte, kehrte er immer wieder zu dem getöteten Ferkel zurück, bis nichts mehr davon übrig war. Und doch war er nicht glücklich in seiner Freiheit. Er war zu zahm, zu zivilisiert. Es waren zu viele Jahrtausende vergangen, seit seine Vorfahren frei und wild herumgelaufen waren. Er fühlte sich einsam. Er konnte nicht ohne Menschen leben. Zu lange hatten er und die Generationen vor ihm in inniger Gemeinschaft mit den zweibeinigen Göttern gelebt. Zu lange hatte seine Sippe die Menschen geliebt, den Menschen aus Liebe gedient, aus Liebe Entbehrungen ertragen, aus Liebe den Tod erlitten, und für alles das teilweise Anerkennung, weniger Verständnis und eine gewisse rücksichtslose Liebe empfangen.

So groß war Jerrys Verlassenheit, daß seine Sehnsucht selbst schwarzen zweibeinigen Göttern galt, zumal weiße Götter längst der Vergangenheit angehörten. Wäre er überhaupt imstande gewesen, Vermutungen anzustellen, so hätte er gut zu dem Schlusse kommen können, daß die einzigen existierenden weißen Götter umgekommen waren. Aber gemäß der Anschauung, daß ein schwarzer Gott immer noch besser als gar kein Gott war, schlug er, als er das Ferkel ganz verzehrt hatte, eine andre Richtung ein und wandte sich nach links abwärts zum Meere. Er tat das wieder, ohne zu denken, nur weil die Erfahrung in seinem Unterbewußtsein wirkte. Er hatte stets in der Nähe des Meeres gelebt, in der Nähe des Meeres hatte er stets menschliche Wesen getroffen, und abwärts führte der Weg unweigerlich ans Meer.

Er erreichte die Küste bei einer von Korallenriffen umgebenen Lagune, und zerfallene Grashütten erzählten ihm, daß Menschen hier gelebt hatten. Jetzt hatte der Busch den Platz überwuchert. Sechszöllige Pfähle umgaben ihn, bedeckt von den verfaulten Resten der Strohdächer, durch die jetzt die Sonne schien. Schnell wachsende Bäume hatten die Königsbilder überschattet, und die Götzen und Stammeswappen in den aufgesperrten Hairachen saßen in dem grünen Schatten und grinsten dabei unheimlich durch Moos und Schwamm über die Nichtigkeit der Menschen. Eine elende kleine Korallenmauer, die selbst, als sie neu war, nicht viel getaugt hatte, lag in Ruinen zwischen den Wurzeln der Kokospalmen am Rande des ruhigen Meeres, und Bananen. Platanen und Brotfruchtbäume faulten am Boden. Überall lagen hier Knochen, Menschenknochen, und Jerry schnüffelte an ihnen und erkannte sie als das, was sie waren: Symbole für die Vergänglichkeit des Lebens. Hirnschalen fand er nicht, denn die Hirnschalen, die zu den verstreuten Gebeinen gehörten, schmückten die Teufel-Teufel-Häuser in den Buschdörfern hoch oben in den Bergen.

Der Salzduft des Meeres behagte seinen Nüstern, und er schnaufte vor Freude, als er den Gestank des Mangrovensumpfs spürte. Aber wie ein neuer Robinson Crusoe, der auf die Fußspur eines neuen Freitag stößt, stutzte er plötzlich. Es durchfuhr ihn wie ein elektrischer Schlag: er roch die frische Berührung des Fußes von einem lebenden Menschen mit der Erde. Es war der Fuß eines Niggers, aber er war lebendig, er war anwesend, und als er der Spur ein Dutzend Meter gefolgt war, stieß er auf eine andre Spur, die ganz zweifellos die eines weißen Mannes war.

Hätte jemand diesen Auftritt beobachtet, so würde er sicher gedacht haben, daß Jerry plötzlich verrückt geworden wäre. Er fuhr wie toll umher, wandte und drehte sich, die Nase bald auf dem Boden, bald in der Luft, heulte wie verrückt, schoß weiter, wandte sich plötzlich, wenn ein neuer Geruch ihn erreichte, in einem rechten Winkel seitwärts und fuhr auf und ab, hin und her, als ob er mit einem unsichtbaren Kameraden Haschen spielte.

Aber er las den vollständigen Bericht, den viele Menschen dem Boden eingeritzt hatten. Er wußte, daß ein weißer Mann und eine ganze Menge von Schwarzen hier gewesen waren. Hier war ein Schwarzer auf eine Kokospalme geklettert und hatte die Nüsse heruntergeworfen. Dort war ein Bananenbaum seiner Fruchtdolden beraubt worden, und noch weiterhin war offensichtlich ähnliches mit einem Brotfruchtbaum geschehen. Aber etwas verwirrte ihn – eine Spur, die ihm neu war und weder von einem schwarzen noch von einem weißen Manne herrührte. Hätte er die nötige Kenntnis und die Fähigkeit besessen, Beobachtungen mit Hilfe des Auges zu machen, so würde er gesehen haben, daß diese Fußspur kleiner als die eines Mannes war, und daß sich die Zehen von denen einer Mary dadurch unterschieden, daß sie dichter zusammen saßen und keinen tiefen Eindruck im Boden verursachten. Was ihn an dem Geruch störte, war der Umstand, daß er kein Talkum kannte. Es war ein scharfer Geruch, aber nie hatte er, seit er zum ersten Male die Spur eines Menschen gerochen, einen solchen Geruch angetroffen. Und mit ihm traten andre, weniger durchdringende Gerüche auf, die ihm ebenfalls fremd waren.

Aber er interessierte sich nicht weiter für diese Mysterien. Er hatte nun die Fußspur eines weißen Mannes gerochen, und aus dem Labyrinth von andern Spuren folgte er dieser einen durch ein Loch in der Korallenmauer bis hinab zu dem fein gemahlenen Korallensand, der vom Meere überspült wurde. Hier liefen die letzten frischen Spuren um die vom Steven eines Bootes zusammen, das am Ufer geruht hatte und von recht vielen Menschen verlassen und wieder bestiegen worden war. Er roch die ganze Geschichte, setzte die Vorderpfoten ins Wasser, ging hinein, bis es ihm ganz bis an die Schultern reichte, und sah über die Lagune hinaus, wo die entschwindende Spur für seine Nase verloren war.

Wäre er eine halbe Stunde früher gekommen, so würde er ein Boot gesehen haben, das ohne Ruder, aber durch Benzin getrieben, über das stille Wasser schoß. Was er jetzt sah, war eine neue Arangi. Allerdings war sie weit größer als die Arangi, die er gekannt hatte, aber sie war weiß, sie war lang, sie hatte Masten; und sie schwamm auf dem Wasser. Sie hatte drei Masten, himmelhoch und alle drei gleich groß, aber seine Beobachtungsgabe war nicht so geschärft, daß er den Unterschied zwischen ihnen und dem einen kurzen Mast der Arangi bemerken konnte. Die einzige schwimmende Welt, die er gekannt hatte, war die weißgestrichene Arangi. Und da auch nicht der leiseste Zweifel herrschen konnte, daß dies die Arangi war, so mußte sein geliebter Schiffer an Bord sein. Konnte die Arangi auferstehen, so konnte Schiffer es auch. Und so fest überzeugt war er, daß er diesen toten Kopf, den er zuletzt auf Baschtis Knien gesehen hatte, mit seinem Körper und seinen zwei Beinen vereinigt auf dieser weißgestrichenen schwimmenden Welt noch wiederfinden würde, daß er so weit, wie er Grund fand, hinaus watete und dann, schwimmend, kühn mit dem Meere anband.

Es war wirklich eine große Kühnheit, denn indem er sich aufs Meer hinauswagte, verletzte er eines der ersten und größten Tabus, die er kennengelernt hatte. In seinem Wortschatz fand sich kein Wort für »Krokodil«, und doch stand vor seinen Gedanken so deutlich wie ein ausgesprochenes Wort ein Bild, das eine furchtbare Bedeutung für ihn hatte – das Bild eines auf den Wellen treibenden Baumstammes, der doch kein Baumstamm, sondern ein lebendes Wesen war, das auf und unter dem Wasser schwimmen und sich auch aufs Trockene schleppen konnte, das mächtige Zähne und einen gefräßigen Bauch besaß und für einen schwimmenden Hund den gewissen Tod bedeutete.

Aber er verletzte das Tabu ohne Furcht. Im Gegensatz zum Menschen, der sich gleichzeitig zweier Regungen bewußt sein kann und der im Schwimmen sowohl die Furcht wie den hohen Mut, der sie überwindet, gespürt haben würde, kannte Jerry in diesem Augenblick nur eine einzige Regung: Er schwamm zur Arangi und zu Schiffer.

So wenig Übung er im Schwimmen hatte, schwamm er doch aus aller Macht und sang sein winselndes Liedchen, in das er seine ganze Liebe für Schiffer legte, der zweifellos auf der weißen Jacht dort draußen sein mußte. Und sein Liebeslied, das von all der nagenden Sorge erfüllt war, die sein Gemüt erfüllte, ertönte bis zu einem Mann und einer Frau, die bequem auf Deckstühlen unter dem Sonnensegel lagen, und die Frau war es, die zuerst den goldenen Kopf Jerrys erblickte und eifrig meldete, was sie sah.

»Laß ein Boot zu Wasser, Kamerad!« befahl sie. »Es ist ein kleiner Hund. Er darf nicht ertrinken.«

»Hunde ertrinken nicht so leicht«, lautete Kamerads Antwort. »Er wird es schon schaffen. Aber wie, in aller Welt, kommt ein Hund hierher ...« Er hielt das Glas vor die Augen und starrte einen Augenblick übers Wasser hinaus, »... und obendrein der Hund eines weißen Mannes.«

Jerry bearbeitete das Wasser mit seinen Pfoten und schwamm gleichmäßig und stetig, die Augen fest auf die Jacht gerichtet, als er plötzlich ein Gefühl hatte, als drohe ihm Gefahr. Das Tabu traf ihn. Dieses Ding, das sich auf ihn zu bewegte, war der Baumstamm, der kein treibender Baumstamm, sondern ein lebendes, gefahrdrohendes Wesen war. Ein Teil davon bewegte sich über dem Wasser, und noch ehe dieser Teil untersank, hatte Jerry das bestimmte Gefühl, daß es etwas anderes als ein treibender Baumstamm war.

Dann brauste etwas an ihm vorbei, und er begegnete ihm mit Knurren und Plätschern. Er wurde halb herumgewirbelt in dem Strudel, den dieses Geschöpf hervorbrachte, als es erschrocken das Wasser mit dem Schwanz peitschte. Ein Hai war es, und kein Krokodil, und er würde nicht so furchtsam ausgewichen sein, wäre sein Magen nicht recht voll gewesen, da er erst vor kurzem eine mächtige Schildkröte verzehrt hatte, die vor Altersschwäche nicht hatte entkommen können.

Obwohl Jerry nichts sehen konnte, fühlte er doch, daß dieses Geschöpf, dieses Werkzeug des Todes, in seiner Nähe lauerte. Er sah auch nicht, wie die Rückenflosse das Wasser durchbrach und sich ihm von hinten näherte. Von der Jacht hörte er Büchsenschüsse, einen schnell nach dem andern. Hinter sich hörte er ein erschrockenes Plätschern. Das war alles. Die Gefahr verschwand und war vergessen, und er verband auch, als sie überstanden war, die Büchsenschüsse nicht mit ihr. Er wußte nicht und sollte auch nie erfahren, daß einer, den die Menschen Harley Kennan, und den die Frau, die er selbst »Kameradin« nannte, Kamerad anredete, der Besitzer der dreimastigen, mit Schonertakelung versehenen Jacht Ariel, ihm das Leben gerettet hatte, indem er eine Kugel durch den untersten Teil von der Rückenflosse eines Hais sandte.

Aber Jerry sollte Harley Kennan kennenlernen, und zwar schon sehr bald, denn Harley Kennan wurde, eine Buline um den Leib, von ein paar Matrosen über den hohen Freibord der Ariel heruntergelassen. Er ergriff den glatthaarigen irischen Terrier am Nacken, der, senkrecht Wasser tretend, ihn gar nicht sah, sondern eifrig die lange Reihe von Gesichtern an der Reling entlang blickte, um möglichst das eine Gesicht zu sehen.

Als er vorsichtig auf das Deck gesetzt wurde, ließ er sich keine Zeit zum Danken. Statt dessen schüttelte er instinktiv das Wasser ab und schoß dann über das Deck, in der Hoffnung, Schiffer zu finden. Der Mann und seine Frau lachten über den Anblick.

»Er tut, als sei er ganz verrückt aus Freude über seine Rettung«, bemerkte Frau Kennan.

Und Kennan sagte: »Das ist es nicht. Irgendwo muß eine Schraube bei ihm los sein. Vielleicht ist er eines der Geschöpfe, bei denen die Hemmung des Motors nicht funktioniert. Vielleicht kann er nicht eher aufhören zu rennen, bis das Uhrwerk abgelaufen ist.«

Unterdessen lief Jerry weiter die Backbordseite hinauf und die Steuerbordseite hinunter und wieder zurück, wedelte mit seinem Schwanzstummel und lachte die zweibeinigen Götter, die er auf seinem Wege traf, freundlich an. Hätte er so weit denken können, so wäre er über ihre Zahl erstaunt gewesen. Es waren mindestens dreißig, ohne andre Götter zu rechnen, die weder schwarz noch weiß, aber ganz zweifellos Götter waren, zweibeinige, aufrechte, bekleidete Götter. Ebenso würde er sich, wenn er einer solchen Verallgemeinerung fähig gewesen, gesagt haben, daß die zweibeinigen Götter noch nicht alle von dem großen Nichts verschlungen waren. Immerhin wurde ihm das alles klar, ohne daß er sich dessen bewußt wurde.

Aber kein Schiffer war da. Er steckte die Nase in die Vorderluke, und er steckte die Nase in die Kombüse, wo zwei chinesische Köche eine Menge unverständlichen Geschwätzes zu ihm sagten, und er steckte die Nase in den Kajütseingang und durch das Skylight in den Maschinenraum, wo er zum erstenmal Benzin und Schmieröl roch; aber soviel er auch schnüffelte, konnte er doch nirgends das geringste von Schiffer riechen.

Achtern, am Steuerrad, würde er sich niedergesetzt und die Enttäuschung, die ihm fast das Herz brechen wollte, herausgeheult haben, hätte ihn nicht ein weißer Gott in weißer Leinenuniform mit goldbetreßter Mütze angesprochen. Jerry, der immer Gentleman war, lächelte höflich mit zurückgelegten Ohren, wedelte mit der Rute und kam näher. Dieser hohe Gott war gerade im Begriff, die Hand auszustrecken und ihm den Kopf zu streicheln, als die Stimme der Frau in einer Sprache, die Jerry nicht verstand, über das Deck ertönte. Was sie sagte, verstand er nicht, aber er fühlte, daß die Stimme gewohnt war, zu gebieten, und das bestätigte sich, indem der Gott in Weiß und Gold, der ihn gerade hatte streicheln wollen, schnell die Hand zurückzog. Dieser Gott fuhr hoch, als hätte er einen elektrischen Schlag erhalten, und schickte Jerry mit einem anfeuernden Zuruf, dessen Sinn der Hund nur erraten konnte, zu der, die ihren Wunsch mit folgenden Worten ausgesprochen hatte:

»Ach, bitte, schicken Sie ihn mir her, Kapitän Winters.«

Jerry wand und drehte sich vor Entzücken, gehorchen zu können, und würde pflichtgetreu den Kopf gebeugt haben, um ihre Liebkosungen zu empfangen, hätte ihn nicht der Umstand abgeschreckt, daß sie so ganz anders war als jedes Geschöpf, das er bisher gekannt hatte. Er blieb stehen und zog sich knurrend und zähnefletschend vor ihrem Rock zurück, den der Wind gefaßt hatte. Die einzigen weiblichen Wesen, die er kennengelernt hatte, waren nackte Marys gewesen. Dieser Rock, der wie ein Segel im Winde flatterte, erinnerte ihn an das drohende Großsegel der Arangi, wie es über seinem Kopfe hin und her geschlagen war. Die Laute, die aus ihrem Munde kamen, waren weich und einschmeichelnd, aber der schreckliche Rock flatterte weiter im Winde hin und her.

»Du komischer Hund!« lachte sie. »Ich beiße dich nicht.«

Aber ihr Gatte streckte mit einer schnellen, sicheren Bewegung die Hand aus und zog Jerry an sich. Und Jerry wand sich vor Entzücken unter der liebkosenden Hand des Gottes und küßte sie mit seiner roten Zungenspitze. Dann führte Harley Kennan ihn zu der Frau, die auf dem Deckstuhl saß und sich mit ausgestreckten Armen vorbeugte, um ihn in Empfang zu nehmen. Jerry gehorchte. Er näherte sich ihr mit zurückgelegten Ohren und lachendem Maul, aber gerade als sie ihn berühren wollte, faßte der Wind wieder ihren Rock, und er zog sich knurrend zurück.

»Vor dir fürchtet er sich nicht, Villa«, sagte Harley. »Es ist dein Rock. Vielleicht hat er noch nie einen Rock gesehen.«

»Willst du etwa behaupten,« sagte Villa herausfordernd, »daß die Kopfjäger und Kannibalen an Land Stammtafeln anlegen und Rassehunde züchten? Denn soviel ist doch gewiß – dieser komische Hund ist ebenso sicher ein reinblütiger irischer Terrier, wie die Ariel ein aus Oregonplanken erbauter Schoner ist.«

Harley Kennan lachte zustimmend. Villa Kennan lachte auch, und Jerry wußte, daß es zwei glückliche Götter waren, und lachte selbst mit ihnen.

Aus eigenem Antrieb näherte er sich wieder dem weiblichen Gott, angezogen von dem Talkum und den andern, unbestimmteren Gerüchen, die, wie er sich schon überzeugt hatte, die gleichen waren, die er an Land gefunden hatte. Aber der unglückselige Passat ließ ihren Rock wieder hin und her flattern, und wieder zog er sich zurück – diesmal nicht so weit und mit weniger gesträubtem Haar und einem Knurren, bei dem er die Zähne kaum halb entblößte.

»Er fürchtet sich vor deinem Rock«, beharrte Harley. »Sieh ihn an! Er möchte gern zu dir kommen, aber der Rock hält ihn ab. Setze dich drauf, daß er nicht flattert, und du wirst sehen, was geschieht.«

Villa Kennan tat, wie er sagte, und Jerry kam vorsichtig zu ihr, beugte den Kopf zu ihrer Hand nieder und wand sich unter ihr, während er ihre beschuhten und bestrumpften Füße beschnüffelte und feststellte, daß es dieselben Füße waren, die nackt den verfallenen Weg im Dorfe an Land betreten hatten.

»Kein Zweifel«, räumte Harley ein. »Er ist der Hund eines weißen Mannes und von einem weißen Mann erzogen. Er hat eine Geschichte. Er steckt voll Abenteuer von der Nase bis zur Schwanzspitze. Glaub' mir, er hat nicht sein ganzes Leben zwischen Niggern verbracht. Wir wollen's mal an Johnny probieren.«

Johnny, den Kennan mit einer Handbewegung zu sich rief, war von dem Regierungskommissar der britischen Salomoninseln in Tulagi entliehen und hatte Kennan als Lotse oder eher als Freund und Ratgeber begleitet. Johnny näherte sich grinsend, und sofort wurde Jerry ein ganz andrer. Sein Körper erstarrte unter der Hand Villa Kennans, er entzog sich ihr und begann steifbeinig auf den Schwarzen zuzugehen. Seine Ohren legten sich nicht flach an den Kopf, und er lachte auch nicht kameradschaftlich, als er sich daranmachte, Johnny zu untersuchen und seine Beine zu beschnüffeln, um ihn später wiedererkennen zu können. Er war im höchsten Maße überlegen, und nach einer möglichst kurzen Untersuchung wandte er sich wieder Villa Kennan zu.

»Was hab' ich gesagt?« frohlockte ihr Gatte. »Er kennt die Farbengrenze. Er ist der Hund eines weißen Mannes, der ihn dazu erzogen hat.«

»Mein Wort«, sagte Johnny. »Mich kennen ihn fella Hund. Mich kennen Papa und Mama gehören ihm. Groß fella weiß Herr Haggin wohnen Meringe, Mama und Papa bleiben bei ihm das fella Ort.«

Harley Kennan stieß einen Pfiff aus.

»Natürlich«, rief er. »Der Kommissar hat mir ja die ganze Geschichte erzählt. Die Arangi, die von den Somoleuten genommen wurde, machte ihre letzte Fahrt von Meringe-Plantage aus. Johnny weiß, daß der Hund von derselben Rasse ist wie das Paar, das Haggin in Meringe hat. Aber das ist lange her. Er muß damals ganz jung gewesen sein. Natürlich ist er der Hund eines weißen Mannes.«

»Und dabei hast du den deutlichsten Beweis noch gar nicht einmal gesehen«, neckte Villa Kennan ihn. »Der Hund führt den Beweis ja bei sich.«

Harley sah Jerry von allen Seiten prüfend an.

»Einen unumstößlichen Beweis«, beharrte sie.

Nach einer erneuten eingehenden Untersuchung schüttelte Kennan den Kopf.

»Ich will mich hängen lassen, wenn ich etwas so Unumstößliches sehe, daß es jeden Zweifel ausschließt.«

»Die Rute«, lachte seine Frau. »Die Eingeborenen kupieren ihren Hunden doch wirklich nicht die Rute. – Tun Sie das etwa, Johnny? Schwarze Männer bleiben Malaita hauen ihn Schwanz ab gehören Hund?«

»Nicht hauen ihn ab«, stimmte Johnny zu. »Herr Haggin in Meringe, er hauen ihn ab. Mein Wort, er hauen ab das fella Schwanz, das stimmt.«

»Dann ist er der einzige Überlebende von der Arangi«, schloß Villa Kennan. »Habe ich nicht recht, Herr Sherlock Holmes Kennan?«

»Meine Reverenz, Frau Sherlock Holmes«, sagte ihr Mann galant. »Und jetzt fehlt nur noch, daß du mich direkt zu dem Kopf von La Perouse bringst. Es heißt, daß er ihn hier irgendwo zwischen diesen Inseln verloren hat.«

Er ahnte nicht, daß Jerry in enger Gemeinschaft mit einem gewissen Baschti gelebt hatte, der in Somo, nicht viele Meilen die Küste aufwärts, zu Hause war, und daß dieser Baschti in ebendiesem Augenblick in seiner Grashütte saß und über einen Kopf grübelte, den er auf seinen welken Knien hielt – einen Kopf, der einmal dem großen Reisenden gehört hatte, dessen Geschichte aber von den Söhnen des Häuptlings, der ihn genommen hatte, vergessen war.

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