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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 9
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
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Achtes Kapitel.
Meggiddo

Jirmijah durfte sich nicht von des Königs Seite rühren, denn Josijah brauchte solche, die für ihn in den Himmel horchten und deren Wahrhaftigkeit er mit ganzer Seele vertrauen durfte.

Nach dem heiligsten Fasttag des Jahres, der mit der inbrünstigsten Zerknirschung seit Menschengedenken gefeiert wurde, erging an die Stämme und Städte der Losruf des Königs.

Die Einteilung und Zuweisung des Volkes zu den verschiedenen Waffenscharen erfolgte nicht nach rein weltlicher Auswahl, sondern war heiligmäßig begründet in dem geheimnisvollen Segen des sterbenden Jakob an seine Söhne. Den Vorrang des Krieges besaß Jehuda, denn von ihm hatte der Stammvater geweissagt: »Einem Jungleuen gleichst du; vom Siege kommst du, mein Sohn. Du kauerst und streckst dich wie Löwe und Löwin. Wer hieße dich aufstehn? ... Niemals wird weichen das Szepter von dir, bis aus Davids Haus der Held, der verheißene, kommt, dem alle gehorchen.« Den Kriegern Jehudas, »deren Augen vom Wein gerötet funkelten und deren Zähne von Milch blitzten«, war demnach die erste Reihe und der gebietende Rang über all ihre Brüder gesichert. Sie ritten auf Rossen. Sie durften sich jeglicher Waffe bedienen. Das vornehmste, das königliche Kampfmittel, war einzig ihnen vorbehalten: der Streitwagen.

Das Geschwader der Streitwagen bildete den innersten, edelsten Ring des Heeres, in dessen Mitte der König selbst auf seiner gepanzerten »Merkaba« stand, die dem himmeldurchsausenden Wagen Zebaoths auf Erden entsprach. Nicht all seinen Söhnen hatte Erzvater Jakob gleicherweise Heldentum zugeordnet wie Jehuda. Von Ephraim und Manasse hieß es im Segen nur, daß ihr Bogen nicht zerbrechen und ihr Arm gelenkig bleiben werde. Die Städte dieser Gaue entsandten daher ausschließlich Bogenschützen und Schleuderkämpfer in die Versammlungsorte. Das Gebiet des nördlichen Dan aber, dessen verlotterte Siedlungen Josijah auf seinen Umfahrten niemals vergessen hatte, stellte nur ein paar hundert Räuber und Wegelagerer, deren Kunst es war, treffliche Hinterhalte zu legen und Flanke und Nachhut des Feindes zu beunruhigen. Doch auch diese zweideutige Tapferkeit hatte Jakob in seinem Segen vorherbestimmt, »denn Dan wird sein wie eine Schlange auf dem Wege, wie eine Viper auf dem Pfade, die des Rosses Ferse beißt, daß sein Reiter rücklings stürzt«. Ehe aber die Scharen alle von ihren Versammlungsorten ins Feld rückten, geschah auf Josihas Geheiß, was des Herrn Gebot vorschrieb. An jeden, der ein neues Haus gebaut, einen neuen Weinberg gepflanzt, ein junges Weib gefreit hatte oder dessen Herz sich fürchtete, erging der Ruf: »Er gehe und kehre heim!« Doch es fand sich so gut wie keiner, der diese Freiheit zu seinem Eigennutz verwenden wollte.

Während die Flotte Pharao Nechos bei schlaffem Winde in der Lagune der Nilmündung die Anker lichtete und durch den Kanal des Schichorarmes, endlos Schiff hinter Schiff, ins offene Meer hinausschwankte, strömten die Heerhaufen Josijahs von Süd und Nord der grünen Ebene zu, die sich vom Karmel an den Hügeln Gilboas vorbei in die Jordansenkung erstreckt. Der König hatte seine Macht in drei Teile geteilt und ihr drei Ziele gesetzt. Das westliche Heer stand unter dem Befehl Maassjahs, des ältesten und erfahrensten Feldfürsten in Jehuda. Es hatte mit seinen Pfeilschützen und Schleuderern vom Kamm des Karmel hinab Ägypten zu empfangen und jeden Versuch Pharaos, in die Ebene zu gelangen, mit aller Kraft zu vereiteln. Das mittlere Heer führte der König selbst, mit Assassjah, dem Befehlshaber der Leibwachen, an seiner Seite. Seine Scharen lagerten in gedehnten Reihen der Hauptstraße entlang, die das Tal Jezreel durchschnitt. Einige feste Städte wie Meggiddo, Kadesch, Taanach boten den Kämpfern Rückhalt. In der Burg von Meggiddo wurde das königliche Hoflager aufgeschlagen. Das dritte, östliche Heer war trotz heftigem Widerstreben des Königs dem Folgeprinzen Eljakim anvertraut worden. Josijah hatte sich sehr lange dagegen gewehrt, seinen Räten aber endlich nachgegeben, die eine tödliche Beleidigung Eljakims (der ohne Beweis den Ruf eines kühnen Mannes besaß) für einen zukunftsgefährdenden Schlag hielten. Außer allerlei Unfug, Widerspruch, Geckerei hatte der Kronprinz ja nichts auf dem Gewissen, das den König berechtigt hätte, seinem ältesten Sohn ein Feldherrnamt zu verweigern. Sollte der König Jehudas das Mißtrauen in seinen Sohn vor aller Welt offen bekennen? Josijah beruhigte in gewohnter Art sein Herz, der furchtbare Ernst des Krieges, Ruhmgier und winkender Siegespreis werde die ungebärdige Widersetzlichkeit Eljakims dämpfen oder gar heilen. Auch hatte das östliche Heer, das im Hügelland Gilboa lagerte, die leichteste Aufgabe: Es sollte im Notfall eine Hilfsmacht sein, im Glücksfall aber die fliehenden Scharen Ägyptens auffangen und niederstrecken. Diesem Heere waren neben einem Teil der Reiterei auch die Wegelagerer Dans angeschlossen. Zur Vorsicht hatte der König seinem ältesten Sohn einen grimmigen und gefürchteten Kriegshelden zur Seite gegeben: Elnathan, Achbors Sohn. Daß dieser Elnathan mit Eljakim durch dessen Weib Nehusta verschwägert war, schien Josijah nicht bedenklich zu machen.

Alles war weise ersonnen und vorhergesehen bis in den Zufall hinein wie noch kein Krieg in Israel seit Josuas und Davids Zeiten. Nur Einer ließ sich nicht ersinnen und vorhersehen, und um diesen Unersinn- und Ersehbaren auf irgendeine Weise festzubinden und ins Spiel zu ziehen, führte der König Jirmijah mit sich, an dessen einzigartige Erwählung durch den Herrn und wundersame Beistandskraft er unerschütterlich glaubte. In Jirmijahs Seele ging Adonai aus und ein, davon war er überzeugt, und sein fromm-schlichter Sinn vermeinte in Jirmijahs Person den Herrn selbst an sich zu fesseln. Der Mann aus Anathot durfte in diesen traurig beklommenen Tagen nicht eine Stunde mehr von Josijah weichen. Selbst sein Bett wurde ihm in des Königs Schlafgemach aufgeschlagen. Stadt und Burg Meggiddo gehörten zum Eigentum des Hauses David. Die Burg war eines der stärksten und herrlichsten Werke des Landes. Schon Abraham hatte sie gekannt, als er, von Ur kommend, die verheißene Erde betrat, und Salomo, der unermüdliche Bauherr, hatte ihr vor neun Menschenaltern die ragende Gestalt gegeben mit ihren vielen Türmen, starken Mauern, Söllern, Höfen und Wohnungen. Hier lebte nun Jirmijah lange Tage im allerengsten Gefolge des Königs, dem er mit vom Herrn eingeraunten Worten und Gesichten beistehn sollte. Er selbst aber empfing Beistand von Baruch, der mit ihm war.

Die schlimmste Sommerglut war schon gebrochen, als eines Morgens Schnellboten vom Karmel die Meldung erstatteten, daß die Flotte Mizraims im Schutze der Nacht auf dem weiten Sandgestade von Hepha die Landung mit bestürzender Überraschungskunst bewerkstelligt habe. Dickbäuchige Ungeheuer, drei Stockwerke hoch, jedes einzelne eine feste Burg, seien in einer Linie von vielen vielen Meilen, beinahe lautlos und ohne Licht, auf den Strand gefahren. Das über Nacht wie durch Gotteshände aus dem Sandboden geschossene Kriegslager gleiche einer Großstadt, deren Tempel und Paläste von den gewaltigen Schiffen dargestellt würden. Angesichts dieser Stadt riet Maassjah, der Feldfürst des westlichen Heeres, von jeglicher Unbesonnenheit ab. Am besten sei es, in listiger Verborgenheit unsichtbar zu bleiben und Pharaos Aufbruch abzuwarten. König Josijah begab sich sogleich, nur von zwei Leibwachen begleitet, zum Bergheer, wo er auf dem höchstgelegenen Späherstande das Lager Nechos überblicken konnte. Erst gegen Mittag kehrte er in strengem Trab mit verhängten Zügeln heim. Jirmijah sah, daß er sehr blaß und gedankenvoll war.

Noch am selbigen Tage traten zwei Ereignisse von großer Bedeutung ein. Zuerst erhob sich ein Gewitter, wie es seit der Sintflut nicht mehr erlebt worden war. Nachdem schon von Mittag an ein unentschieden stotterndes Gedonner mit verhaltenem Groll die Himmelswölbung ausgekollert hatte, brach zwei Stunden vor Sonnenuntergang das große Unwetter los. Bebend vor Offenbarungs-Erwartung, zog der König Jirmijah mit sich auf die Plattform des höchsten Wachtturmes. Dort standen sie und hielten sich an den Zinnen fest, ohne der entfesselten Stürme und Sturzfluten zu achten, die ihnen beinahe die Kleider vom Leibe schwemmten. War nicht das Gewitter die einzige sichtbare Erscheinungsform, in die sich der Unsichtbare kleidete? Zwar hatte schon vor etlichen Geschlechtern der heilige Prophet Elijah verkündet, das Unwetter sei nur ein Vorläufer der göttlichen Anwesenheit, die sich zuletzt und zuhöchst im sanften Geisterhauche offenbare; dennoch, wer durfte leugnen, daß mit Blitz und Donnerwetter der Herr sein hohenpriesterliches Gewand anlege, an dessen Saum die goldenen und silbernen Granatäpfel blitzen und donnern?

Der König und Jirmijah drängten sich fest aneinander, um nicht hinabgeweht zu werden. Das Gewebe des Himmelskleides krachte in allen Nähten. An hundert Stellen riß und platzte es. Durch die Risse aber gewahrte man den höheren Himmel, den Feuerhimmel, das Firmament des Lobgesanges, welches den Sterblichen nur für die Dauer eines Blitzes zu ahnen vergönnt ist. Da der ganze Himmel in Flammen stand und der Sturm immer wieder umsprang, so ließ sich die Richtung der göttlichen Willenskundgebung nicht erkennen. Plötzlich aber trommelte ein Hagelschlag nieder, als wolle Zebaoth diese arme Stelle seiner Welt steinigen. Die beiden Männer auf der Turmkrone mußten sich niedersetzen und, mit den Rücken an die Zinnen gepreßt, ihren Kopf mit beiden Händen vor den Riesenschloßen schützen. Doch diese, dieser Hagel klärte im Herzen Josijahs die Richtung des göttlichen Willens. In sehr schrägen dichten Strichen hieb er gegen Untergang, scharf auf Nechos Schiffslager hin. Zugleich fuhr ein Blitz, der in übernatürlicher Ausweichung König und Künder verschonte, scharf an dem hohen Wachtturm vorbei in eine Sykomore jenseits der Straße vor den Stadtmauern. Der zersplitterte Baum begann trotz des Regens zu glimmen und zu rauchen. Der Blitzschlag hatte nicht Jehudas Lager getroffen.

Der König jubelte auf. Ihm war ein neues Zeichen gespendet. In seinem Gemach riß er sich die nassen Kleider vom Leibe. Tränen liefen ihm über die Wangen. Mit erhobenen Händen versuchte er sich in feierlichem Tanzschritt. »Oh, Jirmejahu«, schluchzte er, »könnte ich doch tanzen und singen wie mein Vater David ...«

Kaum hatte sich die Seele Josijahs beruhigt, als das zweite, nicht minder bedeutsame Ereignis eintrat. Eine Gesandtschaft Pharaos pochte an das Westtor Meggiddos und überreichte dem König ein Schreiben des einverkörperten Sonnengottes von Noph, der da Necho hieß und seinem Namen jenen Kreis mit dem Punkt in der Mitte hinzufügte, der das Zeichen seiner Gottheit bedeutete. Das Handschreiben war nicht etwa in der verkürzten Volksschrift Ägyptens, sondern in der ausführlichen Bildlichkeit der heiligen Charaktere abgefaßt, wodurch es zu einer unvergänglichen Urkunde erhoben werden sollte. Es enthielt nur wenige Worte. Ahikam verlas sie langsam und nachdrücklich, wobei sich seine bartlose, feingeschwungene Oberlippe vor verhaltener Erregung feuchtete. Dies aber waren die Worte Nechos:

»König von Jehuda! Was habe ich mit dir zu schaffen? Laß ab von mir!«

Dies klang sehr herrisch und ungeduldig. Der Apis-Stier schlug mit seiner Schweifquaste, um die lästige Bremse Israel zu verscheuchen. Der Sohn Schaffans aber hatte den väterlichen Geist geerbt, der die Oberfläche der Worte durchdrang. Diese unwirsche Botschaft des Gottes der beiden Länder verbarg hinter ihrer großherrlichen Einsilbigkeit gewisse stumme Einladungen und Anerbieten für den König Jehudas, die man von seiten dieses weltumspannenden Hochmuts fast als Ehrung empfinden konnte. Vor dem rasch zusammenberufenen Kriegsrat setzte Ahikam seine Deutung des Briefes auseinander. Schon die bloße Tatsache einer solchen Botschaft verriet, daß Pharao durch das stattliche kriegsgierige Heer Jehudas in seiner Seele tief erschrocken war. Mochte der Hochmut Ägyptens auch an einem Siege nicht zweifeln, so war's für Necho nicht gleichgültig, sofort nach Ausbootung seiner Macht, noch vor dem ersten Schritt gleichsam, sich in einen blutigen Krieg verwickelt zu sehen, der sein Heer schwächte und die Erreichung seines Zieles hinausschob. Sein Ziel aber war nichts andres als die Niederwerfung des wunden Assur, dem er alle tributenden Länder zwischen Stromland und Libanon zu entreißen gedachte. Er hatte einen über allen Menschenverstand kühnen Kriegszug erdacht, der sich nicht auf das eigene Land stützte und daher ohne Nachschub, ohne Ersatz und freien Rückweg, in beständiger Gefahr schwebte. Vor ihm lagen Tausende von Kibrat'erez, von Wegstrecken, zumeist durch Steppen- und Wüstenland. Würden die feindlichen Gottheiten der Steppe und Wüste, ganz abgesehen vom Krieg, nicht wenigstens die Hälfte seiner Scharen zum Opfer fressen? Gewiß sahen Pharao und seine geheimen Räte solchen Verlusten schon von Anfang an schaudernd ins Auge. Um so lästiger mußte ihnen die blutige Begegnung mit einem wohlgerüsteten Widersacher in dessen eigenem Gottesbereich sein. »König von Jehuda! Was habe ich mit dir zu schaffen?« Das hieß in Wirklichkeit: »König von Jehuda! Welchen Preis forderst du?« Nach Ansicht des Schaffansohnes aber hätte der König Jehudas einen so guten Preis fordern können, wie er sich durch blutigen Krieg schwerlich ertrotzen ließ.

Ahikam vergaß, daß er nicht zu Priestern und Schriftmeistern, sondern zu einem Rate ungestümer Kriegsleute sprach, die nach langer, erschlaffender Friedenszeit den Tag der Auszeichnung und des Schlachtenruhmes nicht mehr erwarten konnten. Sie schrien ihn nieder. Pharaos Handschreiben war ein Eingeständnis der Furcht und Schwäche; eben darum gab es nur eine einzige Antwort darauf: keine. Der König hatte versprochen, Ägyptenland persönlich Bescheid zu geben. Nun war es an dem. Höhere Gründe aber erzürnten Josijah wider Ahikam. Der folgernde und klügelnde Geheimschreiber, der Tag und Nacht mit ihm umging, hatte die Heiligkeit seiner Planung noch immer nicht verstanden. Das Reich Gottes, das Reich des neuen David, die Durchdringung der Welt mit Wahrheit und Lehre, sie konnten nicht durch einen Königsschacher, sondern nur durch einen Königssieg ins Werk gesetzt werden.

Als die Sonne auf einem zerfetzten Himmel untergegangen war, der in den vier Farben des Vorhangs nachstrahlte, bestieg der König mit Jirmijah und Baruch noch einmal den Wachtturm der Burg. Jetzt herrschte Windstille, Kühle und Frieden. Der Lärm des Lagers drang dumpf empor. In langen Zeilen verliefen die Abendfeuer der Scharen. Josijah hatte an Gebeten und Bräuchen dem Herrn alles geleistet, was gefordert war. Er hatte mehr getan und noch einmal die Worte der Lehre ausschreien lassen: »Wessen Herz sich fürchtet, der gehe hin und kehre heim!« Nun starrte er schweigend in das aufziehende Sternenheer der Nacht. Da fiel Jirmijah urplötzlich, wie vom Blitz gefällt, dem König zu Füßen und flehte:

»Herrlichkeit meines Königs, bedenke doch, erwäge doch, ehe du ausziehst ...«

Josijah beugte ein sehr ernstes Antlitz über den Flehenden:

»Ist ein Wort von Ihm da?«

»Nein! Dies ist es ja! Kein einziges Wort ist da über das Tun meines Königs ...«

»Sind Ahnungen des Herrn in dir? ...«

»Auch keine Ahnungen ... Nicht, nichts ... Aus meiner eigenen Seele schreie ich zum König ... Bedenke noch, erwäge doch ...«

Ein erleichtertes Lächeln ging über Josijahs Züge:

»Aus deiner eigenen Seele? ... Dies ist die Zaghaftigkeit, Jirmijah, die am Rüsttag der Schlacht selbst den harten und erprobten Mann anfällt ... Schäme dich nicht ... Oder zweifelst du gar? ... Siehe, der König vertraut ... Ich habe den Bund gehalten ... Wird Er den Bund brechen, da ich nicht meiner, sondern Seiner Herrlichkeit diene? ...«

Jäh wandte sich das Haupt des Königs von Jirmijah ab ins Dunkel. Der aber preßte sein Antlitz auf den kalten Stein, mit lächerlicher Knabenhaftigkeit den Herrn um das Verbotenste des Verbotenen anbettelnd: um Enthüllung der Zukunft. Die Nacht schlug völlig über ihnen zusammen. Der König aber erhob nach langer Frist wieder seine Stimme und rief Jirmijah und Baruch als Zeugen an:

»Höret mit euren Ohren, ihr Zeugen, des Königs Gelübde, das ich Zebaoth weihe ... Gibst du mir morgen Sieg, Zebaoth, über das Haus der Knechtschaft, dann will ich's erfüllen bis ins Letzte und Schwerste ... Dann zwing ich im siebenten Jahr zum Freilaß der Knechte alle Vaterhäuser im Lande ... Denn Knechte waren wir selbst in Ägypten ... Hast du es gehört? ... Hört ihr es, Zeugen?« Die Zeugen hörten es. Jirmijahs Herz aber wurde dennoch nicht leichter.

Auf einmal begann der westliche Horizont sich purpurn zu röten, so daß des fernen Karmel Schattenbild scharf hervortrat. Mit großen Augen starrten sie in den wachsenden Feuerschein. Da sagte Baruch, der sich den Großen demütig ferngehalten hatte:

»Nicht länger wartet Pharao auf meines Königs Antwort ... Ägypten aber verbrennt seine Schiffe hinter sich ...«

Und der Verständige hatte richtig geraten.

 

Die Schlacht begann damit, daß eine Stunde vor Morgengrauen schon Kusch und Put, Pharaos äthiopische und nubische Hilfsvölker, im düsteren Lichte der brennenden Flotte gegen die Höhen anstürmten, die Maassjah besetzt hielt. Sie wurden von den Bogen- und Schleuderschützen Ephraims und Manasses, die alle wichtigen Pässe und Hänge innehatten, immer wieder hinabgeworfen. Als die Sonne aufging, lagen schon Dutzende von Negerleichen im wilden Dickicht, und das gaumige Feldgeschrei der Angreifenden vermischte sich mit dem kindhaft gellenden Wehgeschrei der Verwundeten. Doch auch das westliche Heer schien langsam in Bedrängnis zu geraten, denn in der ersten Morgenstunde sandte Maassjah schon Meldereiter zum König, die Verstärkung forderten.

Josijah hatte die ganze Nacht wachend auf dem Turm verbracht. Auch Jirmijah und Baruch waren nicht von der windigen Plattform gewichen. Jetzt standen sie beieinander und betrachteten den König und seine Unterfeldherren, die halblaut flüsterten und mit ausgestreckten Händen an den westlichen Himmel Linien malten. Um Mitternacht schon hatte Josijah seinen Zweitältesten Sohn abgefertigt. Der langsame Joachas erhielt den Befehl, auf den schnellsten Rossen nach Jerusalem zu fliegen und im Namen des Königs den Hohenpriester zu bestimmen, allsogleich im Tempel einen großen Fast- und Bettag auszurufen, damit in den Stunden des Kampfes Zebaoth, der Schlachtengott, nicht unbestürmt bleibe. Diesen Wunsch zu überbringen, hätte ein tüchtiger Meldereiter genügt. Die Großen aber verstanden den König, der den Sohn mit der hellen, aber einfältigen Seele dem Getümmel zu entziehen trachtete und dafür sorgte, daß ein rechtmäßiger Davidide sich für alle Fälle in der Hauptstadt bereit halte.

Als die ersten Meldungen vom Karmel eintrafen, schien Josijah in ferne Gedanken zu verfallen. Mit raschen Schritten umkreiste er den Zinnenkranz, Jirmijah aus blinden Augen ansehend, als erkenne er ihn nicht. Der nächtliche Angriff von Kusch und Put hatte seinen Schlachtplan empfindlich getroffen. Selbst wenn sich die wogende Teilschlacht noch zu Jehudas Gunsten wenden sollte, so blieb das von der Straße abgedrängte Heer Maassjahs gefesselt. Hinter dem Vorhang dieser Gebirgsschlacht konnte Pharao seine Kernscharen ungehindert durch die Talenge in die Ebene führen. Assassjah machte den Vorschlag, mit der gesamten Leibwache Ägypten entgegenzurücken und Necho in der Talenge zwischen den Vorhügeln die Schlacht zu liefern. Der König verwarf diesen Plan. In der weiten Ebene wollte er den Feind stellen und schlagen, nicht in der Enge. Um die feste Mitte Meggiddo wurden die Schlachtordnungen geballt. Zugleich erhielt Eljakim den Befehl, langsam vom Osten sich heranzuducken und bereit zur Hilfe zu sein.

Die alten Frauen in Israel glaubten fest an die Zauberkraft Ägyptens. Wahrhaftig, unhörbar wie durch Zauberei hatte der einverkörperte Sonnengott seine Scharen durch die Enge herangeführt. Im kalten Morgenlichte blitzte die Ebene bis zu den Schroffen des Nordens von allen Waffen der Welt. Überall war Panier aufgeworfen. In tiefer Gliederung, Kampfwelle hinter Welle starrten die Schlachtordnungen Pharaos. Der Straße zunächst hatten die kriegsberühmten Lubim die erste Linie inne, lybische Küsten- und Wüstensöhne, die dem guten Gott als Söldner dienten. Sie standen in dichten Blöcken und hielten ihre Lanzen im Anschlag. An ihren Flügeln ballte sich versteinerte Reiterei in zusammengepreßten Hundertschaften, die guten Abstand voneinander hielten. Ihren faltigen Burnussen sah jedes Kind an, daß dies die gefürchteten Anu und Satiu sein mußten, die berittenen Hilfsvölker des Sinaï, die mit gewirbelten Wurfspeeren und eingelegter Stoßlanze kämpften. Dahinter erst wurden die Schlachtordnungen der eigentlichen Ägypter sichtbar. Diese Massen waren gemäß den zweiundvierzig Gauen der »beiden Länder« eingeteilt. Die Großen Israels erkannten sie an den mächtigen Götterbildern, die am linken Flügel jeglicher Gau-Schar hoch in den Tag ragten. Dort starrte die beklemmende Macht des »Gaues der weißen Mauer«, Anub Heth, dessen Hauptstadt das hochgepriesene Noph oder Memphis war. Ptahs Holzbild erhob sich als Feldzeichen zum Himmel. Die Hände des Gottes umklammerten, weithin erkennbar, das Szepter mit dem Sperber. Neben Anub Heths Schlachtordnung erstreckten sich Seps Scharen, an deren Spitze der aus Alabaster geformte schakalsköpfige Anubis zu Jehudas Grauen hockte. Gau und Gott, Gott und Gau. Dies wiederholte sich zweiundvierzigmal und jeder Gott trug eine andere Tiergestalt. Was aber den Anblick des ägyptischen Heeres für Jirmijahs Augen noch schrecklicher machte als die Bilder des pferdeköpfigen Chnum, des sperberköpfigen Charachte, der kuhköpfigen Hathor, des ibisköpfigen Thot, des krokodilköpfigen Suchos, das war die großartige, kaum mehr menschliche Erstarrung, die über den gepanzerten Gliedern und Reihen lag, die totenstill die Ebene bedeckten.

Das geordnete Schweigen Ägyptens ist so gewaltig, daß es auch in Jehudas hitzigen Scharen jeden Laut abwürgt. Außer dem Gewieher der Rosse, dem Scharren der Hufe, dem Knirschen der Räder und dem Morgengesang des Windes ist nichts zu hören. Mizraim wartet. Keine Lanze hebt sich zum Angriff. Dieses Schweigen, dieses erstarrte Warten aber ist es, das mit jäher Erkenntnis Jirmijah durchzuckt. Pharao entfaltet das Bild seiner Übermacht (deren ein geringer Teil nur um ihn versammelt ist) vor Josijahs Augen, um ihn noch einmal zu warnen, um ihm eine letzte Frist zu geben, vom Wahnsinn abzustehen. Auch der König Jehudas blickt schweigsam hinab. Assassjah und die andern Kriegshelden haben sich lang schon zum Heere begeben. Er ist auf der Plattform wieder allein mit Jirmijah und Baruch. Nur der Turmbläser steht neben ihm, das gebogene Lärmhorn in der Hand, und hängt an seinem Munde.

»Ägypten wartet«, keucht Jirmijah, »mein König gehe hinab ... und spreche zu Pharao ...«

Sein Wort aber scheint das Ohr Josijahs nicht zu erreichen, denn ehe es noch ausgesprochen ist, winkt dieser dem Turmbläser, der sein Lärmhorn ansetzt und ihm ein langes Heulen entlockt. Zornig fallen die Hörner und Kampfposaunen Jehudas ein, das Gebrüll des Jungleuen nachahmend.

Und wiederum nach diesem Ausbruch eine kurze bedauernde Totenstille, ehe Ägypten mit verzehnfachter Wut entgegnet und der erste Schauer von Lubim-Pfeilen am Turme vorbeisingt.

   

Die Sonne hat das mittlere Haus des Himmels überschritten. Drei Sturmfluten Jehudas sind schon hinter die Mauern Meggiddos zurückgebrandet. Josijah hat schwere Verluste an Mann, Roß und Wagen erlitten. Das Feld ist mit Toten übersät, die zu den seltsamsten Stellungen verkrampft liegen. Zum erstenmal riecht Jirmijah den süßlich-furchtbaren Duft menschlichen Blutes, der von dem riesigen Ganzopferalter der Ebene Jezreel aufsteigen will, doch im Zwischenreich hängenbleibt, ohne von des Herrn Gnade aufgenommen zu werden.

Doch auch Ägyptens Reihen sind gelichtet und durch die letzte grimmigste Sturmflut ins Wanken geraten. Jehuda hat einen Keil durch die Schlachtordnung der Lubim, an Anu und Satiu vorbei, bis tief in das Fleisch der heiligen Gaue geschlagen, ehe ihn die nachdrängende Übermacht wieder aus der Wunde preßte. Jetzt ist die Erschöpfung so groß, daß sich beide Heere weit voneinander lösen und eine längere Waffenruhe stillschweigend verabredet scheint.

Auf dem großen Burghof steht der König inmitten seiner Feldfürsten und einer Schar von Sendboten. Wo bleibt Eljakim? Schon sind mehrere Meldereiter nach Osten gejagt, Eljakims Schritte zu beschleunigen. Josijah hat seinen Leibrock abgeworfen. Er steht, nur mit dem weißen Lendenschurz bekleidet, breitbeinig da. Sein eisernes Fleisch ist in Rotglut. Die Hofknechte gießen ihm aus Krügen kaltes Wasser über Kopf und Schultern. Der unförmige Verschnittene, sein oberster Kämmerer, reibt ihn laut atmend mit rauhen Tüchern ab. Währenddessen erteilt Josijah unausgesetzte neue Befehle. Den vierten entscheidenden Stoß will er selbst führen. Alle Streitwagen, alle Reiterei, alles Fußvolk, das noch am Leben ist, muß zu diesem Sturm zusammengeballt werden.

Dem König werden seine Streitwagen in Reihen vorgeführt, damit er den geeignetsten wähle. Er entscheidet sich für einen hochgebauten zweirädrigen Wagen, der mit einem riesigen ehernen Bogen bewehrt ist, dessen Schutzschild ihm aber nur bis an die Hüften reicht. Die aus Därmen geflochtene Sehne des Bogens wird mittels eines kunstvollen Fußhebels gespannt. Der goldene Köcher enthält sehr lange Pfeile, deren Spitzen an Größe Lanzenblättern nicht nachgeben. Die tänzelnden Prachtrosse, die dem Streitwagen vorgespannt sind, tragen himmelblaue Straußenfedern auf den Köpfen und goldbestickte Schabracken in derselben Davidsfarbe.

Assassjah rät dem König mit Heftigkeit von diesem Wagen ab. Dergleichen gold- und silberbeschlagenes Gefährt sei gut für Prunkzüge, nicht aber für die Schlacht. Josijahs Antlitz verzerrt sich. Er wendet dem Mahner ungnädig sein Ohr ab. Denn dies gerade ist sein glühender Wille: im herrlichen Königsprunk dem unerreichlichen Hochmut Pharaos entgegenzutreten, auf einer Merkaba mit goldenen Radspeichen, zwei im Silbergeschirr schäumende Rosse vor sich, deren himmelblauer Federnschmuck nickt und zuckt. Wie könnte ihn begreifen, wer selbst kein König ist!? Er schwingt sich auf und prüft die erklingende Bogensehne. Der Wagenlenker ergreift die Zügel. Plötzlich wendet sich der König um und schreit nach Jirmijah. Ein neuer Befehl ergeht. Einer der großen vierrädrigen Karren hat dem Geschwader Josijahs zu folgen. Dieser Wagen aber soll keine Kämpfer fahren, sondern neben einem Priester hoher Ordnung die Königsgefährten Ahikam und Jirmijah. Israel führt keine Göttergestalten in die Schlacht. Josijah aber will den Herrn dennoch ins Getümmel mitreißen, um seinen gerechten Schlachtenzorn zu erwecken. Das Gebet des reinen Priesters zieht ihn herab und mehr als dieses Gebet der Mann aus Anathot. Von diesem Glauben läßt der König nicht. Wenn er Jirmijah in seinem Rücken weiß, so weiß er auch den Herrn nicht ferne.

Nun haben Josijahs Kriegsfürsten gleichfalls ihre Streitwagen bestiegen. Auf der linken Seite hält sich Assassjah als Oberster der Leibwache dicht hinter dem König, auf der rechten der Vater Hamutals, der alte Jirmijah von Libna, dessen kupfernes Antlitz schon jetzt von den Vorwonnen der Schlacht entrückt ist. Ein knallender Peitschenhieb des königlichen Wagenlenkers, das Zeichen zum Aufbruch. Wie ein Hagelwetter rattern die Wagen, knattern die Hufe, heult der Feldruf »Davids Reich« über den Burghof. Auf dem kreischenden Vierräder, der dem Königswagen atemlos nachjagt, werden der Altpriester, Ahikam und Jirmijah erbarmungslos durcheinandergeschüttelt, daß ihnen beinahe die Sinne vergehn. Vor dem Nordtor Meggiddos hält die Fahrt. Überall blasen die Lärmhörner zur Sammlung. Andre Geschwader schließen sich an, nehmen den König in die Mitte. Zu Seiten der Wagen fügen sich die Reiter der Leibwache ein. Schnellfüßige Lanzenknechte folgen dem Wirbel.

Schon hat das Pfeil-, Wurf- und Schleudergefecht längst wieder begonnen. Die Luft ist voll Zischens und giftigen Säuselns. Jetzt werfen sich die Vorscharen Jehudas gegen die Ordnung der Lubim. An hundert Stellen entbrennt der Lanzen- und Schwertkampf. Leer und hohl ist Jirmijahs Geist. Der gleichmäßige Schwall des Gemetzels erfüllt sein Ohr wie schwarzes Wasser das Ohr eines Ertrinkenden. Wie vermöchte er Adonai aus seinen Räumen herabzuziehen. Selbst wenn der Herr dieser Schlacht nicht so ferne wäre, wie er's in Wirklichkeit ist, Jirmijah hätte nicht einmal die Kraft, seine Gedanken auf ihn zu richten. An sich selbst erkennt er mit eisigem Schreck, wie sehr der König heute ohne den Herrn auskommen muß. Die Schatten der Reiter und Pferde werden schon länger. Wo bleibt das östliche Heer?

Da drischt ein Wahnsinnsschrei gegen die Stadtmauern, daß sie zu wanken scheinen. Jehuda siegt. Die langgestreckte Schlachtordnung der Lubim ist an vier Stellen auseinandergerissen. Lose Haufen der ägyptischen Hilfsvölker werfen ihre Waffen fort, ergeben sich oder fliehen nordwärts. Von ihrer Flucht mitgerissen, wenden Anu und Satiu die Rosse. Brüllend springen die Pfeilschützen Ephraims und Manasses vor, überschütten die Fliehenden mit Geschoßwolken. Das Vorfeld ist frei. Auch die Kernscharen der zweiundvierzig Gaue wanken unter dem Stoß dieser Flucht, die sie auffangen müssen. Die Stimme Josijahs durchschneidet den tausendfachen Schrei. Das Reich Gottes auf Erden ist nahe, und der neue David hat nicht geirrt in seinem Vertrauen. Dicht ballt sich das Königsgeschwader zusammen, Streitwagen, Reiter und Fußvolk. Die ganze berittene Leibwache sprengt ihm voraus. In den leergefegten Raum donnert die Fahrt. Eine mächtige Staubwolke erhebt sich, in die der neue David sich hüllt wie der heranbrausende Herr in sein Wetter. Jirmijah sieht nichts mehr. Er klammert sich an die Wagenwand, um nicht abgeworfen zu werden. Pfeile, Steine, Speere zischen vieltönig an ihm vorbei. In der Staubwolke stürzen die Reiter von den Pferden, die weiterrasen, als seien sie selbständige Krieger. Der Tod, der keinen bekümmert, bleibt weit zurück. Plötzlich zerreißt die Wolke in mehrere Wolken. Ein neues Siegesgebrüll, Anub Heth, der Gau der weißen Mauer, ist niedergeworfen. Das Götterbild Ptahs fiel in Zebaoths Hand. Jirmijah sieht, wie die mächtige Holzgestalt von vielen Händen dem König emporgereicht wird. Mit schier übermenschlichen Kräften ergreift der neue David den weltbeherrschenden Abgott und schmettert ihn zur Erde. Und zwischen wogenden Fristen ergeht es Anubis ebenso, dem kläffenden Gott der Alabasterstadt, und auch der kuhköpfigen Hathor des Gaues Uath, die zwischen den Hörnern die Weltkugel trägt. Durchbrochen ist die Schlachtordnung der Gaue. Wieder donnert die schon zusammengeschmolzene Wolke durch leergefegte Räume.

Dann aber stockt jählings der Siegeslauf. Ein tiefer Wassergraben durchschneidet das Gelände. Die Pferde der Streitwagen bäumen sich auf und scheuen zurück. Hinter dem Graben wächst ein Hügel sanft empor. Auf dem Hang aber bietet sich dem tödlich erschöpften Sturmheer ein Anblick dar, der es verstummen und erstarren macht. Drei übereinander gereihte Schlachtordnungen von ehernen Riesen halten die Anhöhe besetzt. Scharf ausgerichtet, Mann bei Mann, zeichnen sich die Reihen gegen den späten Himmel. Diese Krieger haben noch keinen Speerwurf getan, keine Wunde empfangen. Wohlausgeruht und in frischer Gelassenheit, die Sonne im Rücken, erwarten sie die rasenden blutbesudelten Scharen Josijahs. Die kurzen Stahlpanzer, Arm- und Beinschienen funkeln auf ihren schmalen Leibern. Rote Pferdeschweife und Federbüsche wallen von ihren Helmen herab. Die im Winde spielenden Helmschweife sind das einzig Bewegte, das man an dieser Schlachtordnung wahrnehmen kann. Durch das Geschwader Jehudas geht ein schreckerfülltes Wort von Mund zu Mund: »Jawan!« Es sind die Jonier, Pharaos Hilfsvolk der nördlichen Inseln und Festländer, aus denen er seine unüberwindliche Leibwache zusammenschart. Ein schnarrendes Befehlswort hallt herüber. Die dreifache Phalanx fällt die langen Stoßlanzen. Es ist, als ob drei zusammengeschmiedete Riesensicheln den Jehudim entgegenstarrten. Dies aber ist nur die bedrohliche Einfassung eines prangenden Bildes. Auf dem Gipfel des niedren Hügels, der schon zu den östlichen Ausläufern des Karmelgebirges gehört, ist ein leuchtender Kranz von Personen um einen seltsamen Aufbau versammelt. Jirmijah kneift die Augen ein, um schärfer zu sehen. Da erkennt er, daß dieser in der goldhaltigen Spätsonne blendende Aufbau der erhabene Wagenthron Pharaos ist, auf welchem er seinen Schlachten beiwohnt. Dieser Wagenthron scheint eher ein kunstreich-unbewegliches Sinnbild als ein wirkliches Gefährt zu sein. Sein Gespann ist nirgends zu erblicken. In göttergleich gezierter Haltung steht ein kleiner einsamer Mann auf dem Wagenthron, unberührt von allem Geschehen. Die doppelte Haubenkrone Ägyptens mit der vorspringenden Uräusschlange überragt die gebrechliche Zierlichkeit seiner Gestalt. Die farbigen Geheimräte des Hofdienstes, die den Wagenthron umgeben, scheinen unablässig von ihrem stummen Gebieter vorgerufen zu werden. Denn immer wieder tänzelt einer heran, küßt, selig sich windend, den Thron und tänzelt wieder an seine Stelle zurück. Hinter dem sinnbildlichen Wagen sind andre Beamte aufgereiht, die einen Baldachin bereithalten. Jirmijah erblickt auch zwei hohe Käfige rechts und links von Necho. In dem einen scheint etwas Regungsloses zu hocken, in dem andern etwas Behendes umherzuspringen. Wer wüßte nicht, daß der irdische Sonnengott von Noph immer einen goldenen Sperber Ptahs und einen heiligen Hundsaffen des Totenreiches mit sich führt?

Jirmijahs Auge hängt nicht mehr an dem in der Sonne strahlenden Bilde Pharaos, sondern an dem zerrütteten Bilde seines eigenen Königs. Ein Raunen Adonais ist auch jetzt noch nicht ergangen, in dieser furchtbaren Stille. Nur Jirmijahs eigene Seele schreit, seine eigene arme Vernunft. Denkt Ahikam neben ihm nicht dasselbe? Regungslos starren die Phalangen der Jonier. Starke Reiterei tritt zu Seiten des Hügels hervor und versteint. Blitzende Ketten von Streitwagen reihen sich hinter ihr. Nach dem furchtbaren Gemetzel regt sich keine ägyptische Waffe zum Angriff. Ist das nicht Gottes Werk? Der Selbstherrscher des Nils will trotz allen vergossenen Blutes, trotz der zertrümmerten Götterbilder noch einmal Zeit geben, daß der König Jehudas sich besinne. Jirmijah umkrampft Ahikams Hand. Sie verstehen einander. Sie springen vom Wagen. Sie beginnen zu laufen, zu rufen. Doch mehr als hundert Schritte liegen zwischen ihnen und dem Streitwagen des Königs.

Josijah aber, der Sieger über die Lubim, die Anu und Satiu, die Gaue Ägyptens, der Götzenmörder, er würde ihr Wort nicht mehr fassen. Während der trunkenen Fahrt hat er den Helm verloren. Die Strähnen seines langen Haupthaares hängen ihm schweißverklebt ins Gesicht, das von Staub, Schmutz und Blutspritzern völlig entstellt ist. Todesrausch und Kampfwut machen seine Züge unkenntlich. Doch seine Hände sind ruhig. Bedächtig legt er einen der langen, weittragenden Pfeile auf den Bogen, den er mit dem Fußhebel bis zur äußersten Grenze spannt. Die Sehne tönt wie eine Psaltersaite. Sichtbar erhebt sich der Pfeil, saust über den Köpfen der Jawan in hohem Bogen dahin und scheint in der Sonne, Ägyptens göttlichem Inbegriff, sehnsüchtig zu verschwinden. Doch auf der Hügelkrone, wo Pharaos Wagenthron leuchtet, gellen quäkende Schreie auf. Ist der gute Gott getroffen? Nein! Die Geheimräte des engeren Dienstes bemühen sich um einen der Käfige. Josijahs Pfeil hat wahrscheinlich den der Totenwelt geheiligten Hundsaffen getötet oder verwundet.

Dies war das Werk eines Augenblicks. Was aber jetzt geschieht, mißt in Jirmijahs Herzen nicht mehr nach Zeitmaßen. Noch sieht er, wie der König, einen Wurfspeer über den Kopf wirbelnd, das Zeichen zum Angriff gibt: »Über den Bach!« Ahikam und er müssen zurückfliegen, um vom Geschwader nicht niedergerannt zu werden. Noch haben sie ihren Karren nicht erreicht, als die krachende Jagd losprescht. Der Einschnitt ist steil und ziemlich breit. Ein Teil der Rosse stürzt, der andre arbeitet sich drüben mühsam in die Höhe. Der Vierräder mit Jirmijah, Ahikam und dem Priester bleibt diesseits des Grabens stehn. Kein Peitschenhieb bringt die Pferde voran. Sie bleiben nicht allein. Hunderte von Nachzüglern sammeln sich hier, von gestürzten Reitern, von Verwundeten und von solchen, denen der Anblick Pharaos und seiner Jonier den Mut beschnitten hat. Gar viele verlassen den König in seinem schwersten Kampf. Überm Bach hat sich eine neue Wolke erhoben, die alles verhüllt. Immer dunkler wird diese Wolke aus Staub, Erde, Blut, Wut und Wehgeschrei. Denn jetzt hat sie sich mit einer zweiten Wolke vermählt, die der Marschtritt der vordringenden Jawan und ihrer Reiterei aufwirbelt. Nur die Blitze der Lanzenstöße und Schwertstreiche zerreißen sie. Doch auch dort vor Meggiddo, wo sich die Lubim wieder gesammelt haben, sind neue Kämpfe entbrannt. Die Sonne steht schon über dem Karmel, wo Maassjah noch immer von Kusch und Put bedrängt wird. Wo bleibt Eljakim? Seit Stunden fragt jedes Kriegerherz Jehudas diese schreckliche Frage. Plötzlich bricht der greise Begleitpriester, dem man zuviel zugemutet hat, in Schluchzen aus. Er verhüllt seinen Kopf, schlägt mit Fäusten die Brust und macht dem fernen eisigen Zebaoth kindische Anerbietungen.

Die schwarze Riesenwolke aus Erde, Blut und Geschrei tanzt und wirbelt wie eine Windhose immer um ihre eigene Mitte. Sie rückt vor und zurück, sie entfaltet und ballt sich. An Stelle der kämpfenden Jonier aber hält eine neue Phalanx den Hang besetzt, blank und ausgeruht. Wer den Blick zu Pharao erhebt, erkennt, daß er seine göttergleich gezierte Haltung nicht verändert, unberührt durch das Geschehen. Hofdienst und innerste Leibwache umgeben jetzt dicht den Wagenthron, den guten Gott mit ihren Leibern und Schilden zu decken. Da scheint die schwarze, tanzende Wolke plötzlich stillzustehen. Eine eilige Gruppe von Männern entringt sich ihr. Gebückt und gehetzt laufen sie auf den Wassergraben zu. Sie tragen einen. Der Alte von Libna taumelt voran, macht stürmische Zeichen, stürzt hin, steht nicht wieder auf. Alles ereignet sich flüsternd und schwerlos wie im Traum. Selbst das Geschrei der Schlacht scheint plötzlich gedämpft. Der bewußtlose König wird auf den vierrädrigen Karren gebettet. Hohläugig umdrängen Hunderte dieses Unheil. Müde schon schwankt die Wolke. Assassjah wird kämpfen, bis der letzte Mann gefallen ist. Wenig Zeit bleibt, den König zu bergen. Ahikam ergreift selbst die Zügel. Der Wagen jagt, von einigen Reitern bedeckt, auf Seitenwegen auf Meggiddo zu. Jirmijah hält den Kopf des Verwundeten im Schoß. In unaussprechlichem Gram blickt er auf das blut-, schweiß- und schmutzbedeckte Haupt. Am Ende der Flucht ist sein eigener Leibrock über und über mit Königsblut durchtränkt. Zwei Jonierlanzen haben Josijahs Brust und linke Weiche aufgerissen. In der Burg, die man am Feinde vorbei durch das Westtor erreicht hat, kann er von den Wundärzten und dem Verschnittenen nur flüchtig verbunden werden. Er stöhnt, kommt nicht zu Bewußtsein, nur einmal schreit er auf: »Nach Jerusalem!« Ahikam läßt nicht ab zu drängen. Die Schlacht ist verloren, die Zukunft dunkel. Der Wille des Todwunden muß unverzüglich erfüllt werden. Nach Jerusalem! Noch diese Nacht und in wilder Fahrt. Man häuft in den besten Reisewagen Kissen und Decken. Weich liegt der König. Sein Haupt ruht wieder in Jirmijahs Schoß. Ahikam hält ihm die Füße.

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