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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 8
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
projectid6c149880
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Siebentes Kapitel.
Der Taumelbecher

Nun lebte Jirmijah schon lange Zeit in der Nähe des Königs, ohne ihn seit jenem Abendgespräch wieder vor die Augen bekommen zu haben. Man hatte ihm und Baruch zwei Kammern des Palastes zur Wohnung eingeräumt. Sie wurden von des Königs Tafel gespeist. Auch Hamutal vergaß Jirmijah nicht und sandte ihm von Zeit zu Zeit ein Geschenk. Doch trotz dieser verwöhnten Umstände erlebte Jirmijah in »Salomos Palast« eine sehr ruhlose Zeit. Dies kam daher: Der König hatte, ähnlich wie Adonai, ihn an sich gezogen und wieder stehen lassen. Nicht einmal in das Geheimnis dessen weihte er ihn ein, was er aus dem Gesicht vom Kessel für sich enträtselt hatte. Im übrigen aber schien auch Ahikam nichts von dem großen Vorhaben zu wissen, das der König in seinem Gemüte wälzte. Schwiegen die Großen, so flüsterten doch die Kleinen am Hof und in der Stadt. Es ließen sich weder die kriegerischen Rüstungen und Übungen auf der uralten finsteren Davidsburg verheimlichen, noch auch die unruhigen Reisen des Königs, die ihn wochenlang kreuz und quer durch das Land führten. Hatte es Jirmijahs schneidender Bericht vermocht, daß der König das Land durchzog, um mit blutiger Strenge den Gehorsam der Lehre zu ertrotzen und das Volk zur Umkehr zu zwingen, damit die Frist nicht verstreiche? Jirmijah belog sich nicht. Dieses schonungslose Hin und Her hatte einen andern Sinn, der auf ein sehr gefährliches Unternehmen hinwies.

Schon am Vatertisch daheim war oft die Rede von den sonderbaren Geschehnissen gegangen, die im Stromland des Ostens das Weltreich Assurs erschütterten. Joel, der Vielreisende und Alleswisser, hatte über die Kämpfe berichtet, in denen das neue Babel unter einem frischen Königsgeschlecht von der Vormundschaft Ninives sich loslöste. Und mehr als dies! Von den Steppen und Schneegebirgen der fernsten Weltöde waren ungekannte und ungenannte Völker aufgebrochen, die Herren der Erde zu bedrängen. Niemand verstand die Sprache dieser Völker, nicht einmal Joel, der Zungenfertige. Ihr Köcher war wie das offene Grab, und alle Männer unter ihnen waren Helden. In Joels Erzählungen konnte man nach der Meinung seines mißtrauischen Vaters schwer die Wahrheit von der Flunkerei unterscheiden. Gewisses aber schien nicht erfabelt zu sein, denn in jüngster Zeit waren überall in den Königreichen, somit auch in Jerusalem, Gesandtschaften Assurs erschienen und hatten mit mildem Wort und brüderlicher Gebärde die uralte Tributpflicht unter der Bedingung erlassen, daß keines der Königreiche in einem Kriege der Großen Hilfsscharen gegen Assur stelle. Seit dieser Bundesstiftung, die einer völligen Befreiung gleichkam, leistete der König Jehudas nur noch Pharao leichte Abgaben. Dachte Josijah ohne Not daran, diesen glücklichen Zustand zu verändern?

Dunkel blieb, was sich im Weltlauf vorbereitete. Doch Dunkel herrschte auch wieder zwischen Adonai und Jirmijah. Zwar wußte der Ausgesonderte schon, daß es keine Treulosigkeit des Herrn gab. Wie schwer aber ertrug einer, der die jähen Blitze der Erleuchtung kennengelernt hatte, die langen Dämmerungen der »Undeutlichkeit«. Jirmijah gab sich keiner Täuschung hin. Nicht Gott war undeutlich, sondern der Mensch. Er selbst hatte ein schweres Gehör, ein schwaches Auge, einen undurchlässigen Leib. Der Herr und er waren ganz und gar zweierlei. Sie standen, ein jeder allein, wie auf zwei weit entfernten Gipfeln und riefen einander Rufe zu und gaben einander gegenseitig Zeichen, die der Mensch freilich meist ohnmächtig war zu verstehen. Zwischen ihnen lag eine unüberwindbare Ferne, die ganze Welt der Wesen, ein wildes Gestrüpp. Zwischen ihnen lag das Wort der Menschensprache, verbindend und trennend, eine schwanke geländerlose Brücke, deren Bohlen in der Mitte geborsten sind. Wer konnte sich auf dieser Brücke weit vorwagen? Jirmijah, der nichts heißer als Klarheit liebte, empfing dämmervolle Worte und Zeichen. Er empfing sie überraschend, wenn er nicht fragte. Fragte er aber, wie jetzt, dann empfing er nichts als Adonais große Undeutlichkeit, die immer da war.

Er verbrachte den Morgen und frühen Tag zumeist mit dem prinzlichen Kinde Mathanjah und dem Kuschitenjungen Ebedmelech. Der König hatte ihm befohlen, daß Jirmijah seinen jüngsten Sohn in die Knabenlehre vom Herrn einführe. Die beiden großen Söhne Josijahs hatten das Alter der Belehrung längst überschritten. Eljakim lebte in mühsam übertünchtem Gegensatz zu seinem Vater. Außerhalb Jerusalems lag sein Prunkhaus, das er für sich und sein Weib Nehusta errichtet hatte. Alles was Eljakim tat, erregte Josijahs Grimm, zuvörderst seine Verschwendungssucht. Täglich drängten sich die üppigsten Karawanen aus allen Ländern vor dem Palast des Kronprinzen. Die Welt schien ihm nicht genug an Balsaminen, Spezereien, Salbölen, Duftessenzen und kostbarstem Räucherwerk bieten zu können, das sein Haus in unberechenbaren Mengen verschlang. Was aber den König am meisten aufbrachte, war die Mastaba, der mächtige ägyptische Grabbau, den dieser junge Mensch für seinen künftigen Leichnam hatte aufführen lassen, und zwar in großer Unverschämtheit weit abseits vom Garten Usijah, wo die Davidsöhne ihre einfachen Gräber fanden. Freilich, der Herr hatte es nicht wohlgemeint mit den erwachsenen Söhnen seines Knechtes Josijah. Joachas, Hamutals Ältester, war ein milder, zerstreuter Jüngling, der aus leeren Augen in die Welt sah und Heiliges und Irdisches gleichermaßen schwer begriff. Wenn die Männer von Jerusalem ihren König den raschesten Mann des Landes nannten, so hätten sie Joachas den langsamsten nennen müssen. Dennoch schleppte der rasche Josijah den langsamen Joachas auf seinen Gewaltritten durch die Stammländer mit und zwang ihn so, vom Morgen zum Abend im Sattel zu sitzen und jegliche Unbill zu ertragen. Das einzige Leben, das er besaß, schien in seinen Fingern zu stecken, die immer in Unruhe waren und nach etwas Knetbarem oder Bildbarem suchten.

Der kleine Mathanjah hatte noch am meisten Ähnlichkeit mit der Art seines Vaters, zumal was das seltsame Hin und Her, das Fluten und Ebben der Empfindung anging. Fein und zärtlich konnte der Knabe sein, die Blumen der Mutter liebkosen und sie im nächsten Augenblick in grundloser Wut mit Füßen treten. Jirmijah mußte ihm einen Spruch nur ein einzigesmal vorsagen, und der Prinz wußte ihn auswendig. Manchmal wieder starrte er dumpf und verstockt vor sich hin, und kein Mittel half, seinen eigensinnigen Geist zu binden. Dann glich er beinahe dem tanzsüchtigen Ebedmelech, der es, glühend von frommer Bemühung, niemals zustande brachte, gesammelte Gedanken auf einen Gegenstand zu richten. Immer zappelten ihm die magern Beine. Immer plapperte ihm der hellrote Mohrenmund von ebenso zusammenhanglosen wie wißbegierigen Fragen, die Jirmijah zur Verzweiflung brachten, so daß er mehr als einmal stöhnte: »Genug, du Frageteufel!« Ebedmelech blinzelte dann erschrocken, denn er wollte ja nur durch hundert Fragen und Antworten ausgleichen, was ihn von Mathanjah trennte.

Die Kinder aber hingen an ihrem Lehrer. Besonders wenn die Schreibübungen beendet waren und Jirmijah das Bild der göttlichen und menschlichen Welt zu malen begann, rückten sie eifrig bis an seine Knie heran, die sie mit ihren Händchen bedeckten. Freilich vernahmen die beiden weit lieber die Kunde von der menschlichen und natürlichen Welt als die von der göttlichen. Eine ohne die andre aber läßt sich nicht lieben. Der Lehrer versuchte zuerst, die Liebe zur natürlichen Welt in Mathanjahs Herz zu senken. Er breitete zum Beispiel ein Bild der Wüste aus, ihrer Schwermut, ihrer Gefährlichkeit. Eine unbändige Flut von Leben brach aus dem Munde des Lehrers. Und die Knaben lauschten laut atmend. Eines Tages warf sich der siebenjährige Mathanjah Jirmijah an die Brust, sein Gesicht verbergend.

»Du weißt alles«, stammelte er, »weißt du, ob Mathanjah König sein wird?«

Was ging in dem Prinzen vor? Jirmijah erschrak über diese wilde unkindliche Frage. Beschwichtigend legte er ihm die Hand auf.

»Deine älteren Brüder gehen voran«, sagte er kurz.

Kurze Zeit nach dieser zärtlichen Aufwallung des Kleinen kehrte Josijah von seinen Fahrten plötzlich zurück. Er rief sogleich Jirmijah zu sich:

»Ist ein Wort vom Herrn da? ... Hast du Träume geträumt?«

Jirmijah schüttelte bitter den Kopf. In derselbigen Nacht aber träumte er einen Traum.

   

Im Eingang der Vorhalle des Heiligen, zwischen den beiden Säulen Boaz und Jachin, war ein weiß gedeckter Tisch aufgeschlagen; ein beunruhigender Sachverhalt, der gegen die Ordnung des Tempels verstieß. Der innere Vorhof, auf den Jirmijah hinabsah, war öde und leer. Es herrschte Dämmerung oder besser ein stahlblau-frostiges Zwielicht, das keinem Morgen voranlief und keinem Tage folgte. Es war das Zwielicht zwischen einem und dem andern Olom, zwischen zwei Allgezeiten. Noch hatte der Herr die eine Welt nicht ganz verworfen, noch die andere nicht ganz entworfen.

Jirmijah stand genau hinter der Mitte der langen Tafel, das Gesicht dem weiten Vorhof zugewandt. In seinem Herzen flutete so viel Trost und Friede wie schon lange nicht. Er hatte seinem Vater gehorcht – der Ewige sei gepriesen –, er hatte den großmütigen Antrag nicht ausgeschlagen, sich durch eine bittliche Vorsprache Hilkijahs in die Priesterschaft des Tempels aufnehmen zu lassen. Nun war der Segen für seinen Gehorsam in reichem Maße herabgeströmt, denn allgemach wurde es ihm bewußt, daß der Wille des Herrn ihn nicht nur zum einfachen Priester, sondern zum Hohenpriester selbst erhoben hatte. Wie im Herzen des echten Hohenpriesters war auch in dem seinen jeder Gedanke gezügelt, jedes Bild beherrscht, damit keine der berechnenden oder fleischlichen Vorstellungen, wie sie den menschlichen Geist zuchtlos durchschweifen, den seinigen erniedrige. Um die erste selig-reine Hülle, seinen Körper, schmiegte sich als zweite selig-reine Hülle der schneeweiße nahtlose Leibrock aus kühlem Byssusgewebe.

Jirmijah wandte seinen Blick von der stahlblauen Dämmerung des leeren Hofes und senkte ihn auf den Tisch hinab, den er hoch überragte, denn die Macht des Amtes hatte auch seine Gestalt zur geforderten Übergröße des ersten Gottesdieners emporwachsen lassen. Unter seinen Augen gewahrte er einen mächtigen goldenen Becher, der in der Mitte der Tafel stand. Der Becher erinnerte ihn in seiner Form ein wenig an den Geschlechtsbecher des Hauses Hilkijah, doch war er weit größer, aus getriebenem Golde geformt und mit sonderbaren Zieraten geschmückt. Durch eine plötzliche Eingebung wußte Jirmijah, daß dies der Becher Josephs aus Ägypten war, dem eine besondere Kraft der Wahrheit im Rausche innewohnte. Nach einer den Schriftmeistern bekannten Sage erbte sich Josephs Becher in verborgenen Geschlechtern weiter, bis er am Erneuerungstage Israels und der ganzen Schöpfung in die Hand dessen kommen sollte, der die Umkehr bewirkt. Jirmijah sah, daß der goldene Becher mit dunklem Weine bis zum Rande gefüllt war. Als er sich aber tiefer über den Kelch beugte, verwunderte er sich darüber, daß der Trank nicht dem heimischen Weine glich, der auf den Rebhügeln Ephraims und Sarons, auf den Höhen des Karmel und den Vorhügeln des Hermon gekeltert wird. Ihm fehlte die blaue Tönung der wohlbekannten Schwarztraube. Es war ein rostroter Trank ohne Glanz und Beerenduft. Und Jirmijah erkannte, daß dies ein Blutwein sein mußte, aus einer geheimnisvollen Rebe gepreßt, die Zebaoths Sonne mit Opferblut gefüllt hatte. Seine Augen starrten noch immer in den Becher und seine Gedanken gingen diesem Wunder noch immer nach, als auf einmal, dicht in seinem Nacken, die klare und sanfte Mannesstimme erklang:

»Jirmejahu, bereite dich, deine Gäste kommen. Vergiß nicht, daß du die Völker der Welt zum Gelage geladen hast.«

Jetzt erst empfand Jirmijah, daß er ein hohles Rauschen in der zwielichtigen Luft überhört hatte, das schon seit geraumer Weile von allen Seiten näher drang. Er hob den Kopf und sah unter den versteinerten Wolken der Zwischenzeit, die über dem Tempel froren, einen Schwarm riesiger vogelhafter Gestalten, die sich alle gleichzeitig im schwebenden Gleitflug auf den Vorhof niedersenkten und rings um den kalten Brandopferaltar landeten. Es waren Menschen insgesamt, wenn auch Riesen der Vorzeit, und geflügelte dazu. Das Erstaunlichste für den hohenpriesterlichen Gastgeber aber war die Zwitterhaftigkeit dieser gewaltigen Flügelmenschen. Denn ganz abgesehen von den Adler-, Geier-, Habichtsschwingen, die sie zum Tempel getragen hatten, steckte in jedem dieser menschlichen Antlitze und Leiber ein deutlich ausgeformtes Sinntier: Stier, Löwe, Schakal, Pardel, Schlange, Delphin. Das Doppelwesen ergab ein ewiges Schwanken zwischen Menschheit und Tierheit. Doch zumeist war es so, daß die Menschheit eine vollkommene äußere Maske bildete, durch welche das Tiersein durchschlug wie die Flamme aus den Fenstern eines brennenden Hauses.

Die sanfte und klare Stimme hatte das Amt eines Zeremonienmeisters übernommen und sagte die Namen der Gäste an. Mit Ägypten begann sie. An Jirmijahs rechter Seite ließ sich lautlos ein königlicher Mann nieder, der den aus Felsen gehauenen Kolossen am Nilufer glich. Er saß regungslos, während in seinem Antlitz und Körper die Form des Apisrindes atmend hervortrat und zurückwich. Dann folgte Babel, ein langschnäuziger Löwenmann, der den Platz zur Linken Jirmijahs einnahm. Zu Ägypten setzte sich der Mann Assur, durch dessen Gestalt hindurch der Flügelstier wachsend und schwindend sichtbar ward. Und so ging es weiter. Der Nennung des Namens folgte die Erscheinung. Das Wesen der ins Meer gebauten Tyrus-Stadt war ein Delphin, der in dem Mannesleib, den er erfüllte, hin und her zuckte und aus stumpfen Fischaugen glotzte. Chazor, Syriens Volk, barg einen Schakal, Moab einen Pardel, Edom einen Wolf, Aram einen Hirsch, Askalon eine Meeresschlange. Amons und des fernen Elam Sinntiere blieben undeutlich. Elf Gäste schon hatten sich zwischen den Kupfersäulen zum Gelage am Tisch niedergelassen. Da meldete die Stimme den letzten Eingeladenen, der sich verspätet zu haben schien:

»Das unbekannte Volk!«

Zugleich schwebte ein Adlermensch herab und hockte sich auf den freien Platz gegenüber Jirmijah und dem Becher nieder. Die Stimme aber mahnte:

»Worauf wartest du? Deine Gäste sind durstig. Gib ihnen zu trinken. Beginne das Gelage!«

Jirmijah, der Hohepriester Israels, hob den Becher und gab Ägypten zu trinken, dem Sklavenvogt, seinem ältesten Feind. Ägypten trank und reichte den Becher Assur weiter. Assur trank und reichte den Becher Tyrus weiter. Tyrus trank und reichte den Becher Edom weiter. Edom trank und reichte den Becher Moab weiter. Von Moab wanderte der Becher zum Adlermann des unbekannten Volkes. Von ihm ging der Becher an Amon, Aram, Elam, Askalon über. Dann bekam ihn Chazor, das große Wandervolk, das bis zum Taurusgebirge zeltet. Zuletzt aber trank Babels Löwe, der den goldenen Kelch mit einem wilden Schlag vor Jirmijah auf den Tisch stellte.

Der Mensch im weißen nahtlosen Gewande, der dreizehnte dieses Völkergelages, hob wiederum den Becher und hielt ihn unter sein Auge. Und siehe, es war kein Tropfen des blutroten Opferweines übriggeblieben, daß er hätte von ihm trinken und an dem Gelage teilnehmen können. Über die Gäste des Hohenpriesters Israels aber kam der Rausch des Taumelbechers. Sie erhoben sich von ihren Sitzen auf der Schwelle des Heiligtums, sie schwankten die zehn Stufen zum Vorhof hinab, sie faßten einander an den Händen, die auch Krallen, Pfoten und Klauen waren, und begannen einen feierlich-stummen Reigen. Mit der Zeit aber wuchs die Macht des Taumelweines, den der Herr für sie gekeltert. Die Kette der Tanzenden zerriß. Jeder einzelne schien von einem unermeßlichen Schmerze gepackt zu werden, stürzte zu Boden und wand sich in Feuerqual. Das Schrecklichste aber war, daß die zwölf Abgesandten keine Sprache hatten und in die Leere des Zeitenzwielichts nur dumpfe, bellende, jaulende, krächzende oder knirschende Wehlaute auszustoßen vermochten. Hatte Zebaoths Wein ihr Inneres verbrannt? Da erkannte Jirmijah den Grund ihrer unnennbaren Qualen. Der Rausch bewirkte in den Gestalten der Gäste eine krampfhafte Verwandlung. Das Sinntier, das Ur- und Eigenwesen in ihnen, das sich in der scharf unterschiedenen Tierheit ausdrückte, nahm durch die Gewalt des göttlichen Weines ab, schien einzugehen, zu verschwimmen, zu welken, – die Menschheit aber drang in unsäglichen Wehen vor. Immer schwächer und seltener entwickelte sich der Löwenrachen und das Stierhorn. Immer weniger krallenhaft wurden die Hände. Der unter dieser Verwandlung am verzerrtesten litt, war der Adlermensch des unbekannten Volkes. Mit gellendem Schrei hob er sich ein Stück in die Lüfte, immer wieder, und fiel immer wieder herab, das braune Gefieder seiner Schwingen rings verstreuend. Alle Gäste aber erhoben die Arme und streckten sie gegen Jirmijah. Wollten sie sich auf ihn stürzen und ihn vernichten zur Rache für den kredenzten Blutwein, der ihr Innerstes und Eigenstes wegfraß? Suchten sie seinen Beistand oder fluchten sie ihm mit dem Gellen, Bellen, Brüllen und Zischen ihrer Stimmen? Im Erwachen wußte er nicht, ob das Gelage Segen oder Verdammnis bedeutete, ob der Herr durch Israel den Völkern einen Zorn- oder Heiltrank gereicht habe. Wieder war Adonai undeutlich geblieben.

   

Der König deutete Jirmijahs Traum von Taumelbecher mit leuchtenden Augen. Indem er aber den Traum deutete, entschleierte er dem Träumer zum erstenmal sein gewaltiges Vorhaben. Siehe, der den Völkern kredenzte Taumelbecher war ein Zornbecher des Herrn und sein berauschender Blutwein war nicht etwa Israels eigenes Opferblut, wie der allzu skrupelhaft grübelnde Jirmijah vielleicht vermuten mochte. Der grauenhafte Tanz und die krampfgeschüttelte Selbstverwandlung der zum Gelage geladenen Völker bedeutete die endgültige Niederlage ihrer tiergestaltigen Abgötter und ihres schlimmen, gierigen Eigenwesens. Wahrlich, der Herr Zebaoth mochte vor dem jugendlichen Kündergeist, dem er sich zu erkennen gab, in Undeutlichkeit gehüllt sein; der Königsgeist, dem er sich nicht zu erkennen gab, sah seine Absicht hüllenlos. Die Zeit hatte sich erfüllt – bei diesen Worten senkte der König seine volle Stimme zum Flüsterton – und an ihn, Josijah, erfloß nun der große Auftrag, »das Reich des neuen David« zu gründen, von dem die Wahrheit ausgehen sollte. Ja, er war der neue David, von welchem die Propheten seit undenklichen Zeiten gekündet hatten, darüber trug er nicht den mindesten Zweifel in der Brust. Hatte er nicht Gnadenbeweise dessen in Fülle? Der höchste Gnadenbeweis: Der Herr hatte kein andres Zeitalter und kein andres Königtum ausgewählt als das seine, um sich in der verlorenen Lehre wiederfinden zu lassen und einen neuen Bund anzubieten. Wenn Josijah seines Ahnherrn David gedachte, so fühlte er sich vollwürdig solcher Auszeichnung, denn sein Leben war im Gegensatz zum Vorvater mit keiner großen Sünde belastet. Und hatte er nicht von der ersten Stunde des neuen Bundes für die Vollstreckung der Lehre gewirkt, mit dem Blitz seines Schwertes und Richtspruchs? Ritt er nicht als ein Besessener durchs Land, und nicht nur durch Jehuda und Benjamin, sein Erbteil, sondern durch all die darniederliegenden Stämme Israel bis Dan hinauf, um die Gleichgültigen und Geschwächten zurückzuführen? Gewiß, es war nicht genug, Greuelaltäre zu entweihen, die grünen Bäume der Hurengötter umzuhauen, Weihwinkel der Aschera auszuräuchern, dadurch allein wurde der große Trotz nicht gebrochen, der lauernde Rückfall nicht ausgerottet. Es war auch nicht genug, die Männer der Ortschaften zusammenzurufen, ihnen aus der Lehre vorzulesen und sie zu beschwören, dem Übel Einhalt zu tun und dem augen- und ohrenfälligen Heil zu gehorchen. Der Mensch war so langsam, so träge. Zebaoth aber und Josijah brauchten mehr als Ausräucherung und Beschwörung, sie brauchten einen Sieg. Möchte er doch gnädig erkennen, was sein Knecht Josijah tun will für ihn! Wenn Josijah seine eigene Macht vermehrt und verherrlicht hat, wenn er nicht mehr ein kleiner, sondern ein großer König ist, dann soll die ganze Erde von Adonais Lehrwort und Ruhm erschallen. Dann sind die trauernden Brüder wieder vereint, Israel und Jehuda, vom Hermon hinab bis zum Bache Ägyptens.

Wie bestärkend, wie bestätigend wirkt doch Jirmijahs Traumgesicht auf des Königs Entwürfe! Wann, wenn nicht jetzt, wäre die Stunde gekommen, den Taumel- und Zornbecher umgehen zu lassen? Die Großen schwächen einander bis zum Tod. Sie alle und mit ihnen die Kleinen, die Feinde von Anfang an, sie werden vom Becher trinken, trunken werden und dem Herrn gehören zuletzt.

Der König zieht den Träumer an sich und herzt ihn, denn er selbst ist trunken von der unendlichen Aussicht, die der Traum vor ihm aufreißt. Der menschliche Verstand allein genügt, die unwiederbringliche Gunst der Stunde zu ermessen. Ineinander verbissen Löwe und Flügelstier! Die Welt herrenlos! Mehr aber noch berauschen den König jene heiligen Sicherheiten, die er mit schalkhaftem Behagen in seinem Herzen streichelt. Da ist Huldas Orakelspruch, immer und immer wieder im Geiste wiederholt: »Siehe, ich will dich sammeln zu deinen Vätern, daß du in Frieden in's Grab eingehst und kein Unglück siehst!« Kostbares Unterpfand, doppelt kostbar, weil der Herr den Mund, der diese herrliche Wahrheit vermittelte, nun selbst versiegelt hat zum Zeichen, daß kein Wort davon zurückgenommen wird. Welche Kraft gewinnt Josijah aus der Überzeugung, daß er unverwundbar ist, daß ihn durch die ausdrückliche Zusage Adonais im Kriege kein Unglück ereilen kann, daß er in einem Reiche des Friedens dahinfahren wird. Und dann: Der siedende Kessel des Gerichtstags hat sich von Norden nach Süden geneigt. Der König denkt nicht daran, gegen die Mächte des Nordens und Nordostens zu kriegen. Den Sieger im Stromland wird er sich schlau verpflichten und unter seinen Augen das Reich des Ewigen errichten. Die Tat aber, die ihn befreien und verherrlichen soll, ist gegen den alten Erbfeind Gottes gerichtet, gegen das Haus der Knechtschaft am Nil. Seit vielen Monden schon rüstet Necho, Psammetichs Sohn, der neue Pharao und gute Gott, wie er genannt wird, eine Flotte von vierhundert Dreiruderern, die in der Bucht am Karmelberge landen soll. Das Heer, das die Schiffsbäuche bergen, gedenkt Necho durch Israels Gebiet wider Assur zu führen, damit nicht Babels Sternkönige, sondern er, der einverkörperte Sonnengott, die Herrschaft der Welt an sich reiße. Schon hat Pharao Botschaft an den König von Jehuda gesandt. Der König von Jehuda aber wird Necho am Engpaß bei Meggiddo nicht nur den Weg vertreten, sondern den guten Gott samt seinen angeworbenen Söldnern ins Meer werfen. Zu diesem Ende hat er ja in atem- und schlafloser Arbeit und großer Heimlichkeit aus allen Städten und Dörfern Jehudas, aus den traurigen Märkten und Weilern des Nordlandes Jungmannschaft gezogen, sie bewaffnet und gedrillt, Oberste, Hauptleute, Heervögte, Rottmeister bestellt, den Ruftag und die Versammlungsorte vorbestimmt, die Scharen eingeteilt und den ganzen Heerzug bis ins Kleinste berechnet. Blutrauschende Freude erfüllt Josijah, denn der Plan ist vollendet und er selbst in hoher Bereitschaft. Der Vorteil seiner Stellungen gegen eine landende Streitmacht, und wäre sie zehnfach größer als die seine, erscheint nicht nur ihm, sondern allen erfahrenen Heerfürsten unendlich. Doch nicht der grelle Vorteil bewegt ihn jetzt, sondern das neue Zeichen, das der Herr ihm durch dieses Mannes Traumgesicht gesandt hat. Er fährt ihm väterlich streichelnd über die Wange:

»Jirmijah hat dem Könige wiederum zur Wahrheit verholfen ... Wer war der erste, dem deine Hand den Becher zum Taumel reichte? ... Ägypten war's, Pharao war's, begreifst du das Zeichen ... Ich werde es sein, der Ägypten den Blutwein kredenzt ... Mögen meine Söhne dereinst Babel zu trinken geben ...«

Der König hat Schlag auf Schlag sein Denken offenbart. Jirmijah ist berauscht und bestürzt zugleich. Dennoch weiß er gleichzeitig mit unbestechlicher Schärfe, daß Josijah den Willen des Herrn leichtfertig und einzig sich zu Gefallen deutet. Doch was hilft dieses Wissen, da er selbst dem König keine Klarheit, sondern nur erstickende Undeutlichkeit entgegensetzen könnte. Er sinnt verzweifelt nach einem rechten Wort. Adonai ist nicht bei ihm. Josijah aber hat längst schon mit Ungestüm das Gemach verlassen. Vom Wachthof her dringt durch das Fenster seine aneifernde Gebieterstimme und knatternder Hufschlag auf dem Steinpflaster.

Den vierten Neumond darauf berief der König den großen Landtag ein, um von Salomos Thron herab zu Jerusalem und Jehuda zu sprechen.

Begeisterter Lärm erfüllte die Gerichtshalle. Nach und nach waren die Planungen durchgesickert, die kriegerische Rüstung ins Licht getreten. Seit mehreren Sabbathen wurde ein neuer Losungsruf in den Straßen Jerusalems, im Vorhof des Tempels immer allgemeiner und lauter: »Davids Reich!« Die Versammlung in der Gerichtshalle brach von Zeit zu Zeit immer wieder in diesen Ruf mit heischender Begeisterung aus.

Im Thronsaal hingegen, dessen Eingänge von doppelten Posten der Leibwache streng bewacht wurden, herrschte tiefe, zukunftsschwangere Ruhe. Der König schwebte auf dem goldenen und elfenbeinernen Throne Salomos in mittlerer Höhe des Raumes. Auf der ersten Sandelstufe zu seinen Füßen saßen zwischen den beiden goldenen Wappen- und Wachtlöwen Jehudas die Königssöhne Eljakim und Joachas. Eljakim erregte wie immer so auch heute den Grimm seines Vaters, indem er anstatt der himmelblauen Davidsfarbe ein Gewand von schreiendem Gelb angelegt hatte und einen Pfauenwedel und ein gebogenes Hirtenszepter mit sich trug, zwei weltbekannte Sinnzeichen Ägyptens, die an diesem Tage und Orte eine unbegreifliche Gesinnung bewiesen, die sich nicht mehr mit so gelinden Worten wie »Geckerei« und »Nachäfferei des Auslandes« harmlos umschreiben ließ. Die Spannung im Thronsaal aber war so ungeheuer, daß weder der König noch ein andrer Eljakims achtete, der auf seinem Schoß eine ganze Warenauswahl von Büchschen, Döschen und Fläschchen liegen hatte, deren duftenden Inhalt er, ungeachtet des Landtags, mit der vorsichtigen Ernsthaftigkeit eines Balsamhändlers prüfte. Manchmal hob er sein mageres Gesicht mit den unjugendlich eingefallenen Wangen; dann verzogen sich seine wulstigen Lippen zu einem geringschätzigen Lächeln, als sei alles, was sich unter der Herrschaft seines Vaters begebe, auch das Gewaltigste, für ihn bestenfalls ein Gegenstand der Langeweile. Vielleicht mochte ein oder der andre Älteste beim Anblick der Königssöhne, des schreiend gelben Eljakim und des armen Joachas, von Sorge befallen werden, doch diese Verdüsterung wich schnell, denn die blaue Flamme auf dem Thron riß alle Aufmerksamkeit an sich. Unterhalb der beiden Prinzen hatte das ganze Haus David Platz genommen, zu dem auch ein Mann gesellt war, der zwar der hohen Blutsverwandtschaft nicht angehörte, durch die Würde des königlichen Schwiegervaters aber diesen Sitz einnehmen durfte. Jirmijah erkannte seinen alten Gastfreund und Namensbruder, den Fürsten von Libna, der so stolz auf die gewalttätigen Begriffe war, die er sich von Gottes Wesen machte.

Neben dem hochgebauten Thron Salomos standen rechts und links die beamteten Häupter der königlichen Herrschaft. Hier traten die Inhaber der kriegerischen Ämter unvergleichlich glänzender zutage als die Träger und Bewahrer der bürgerlichen Ordnung. Sie hatten, der brütenden Sommerhitze trotzend, volle Rüstung angelegt: Maassjah, der Heerfürst und Assassjah, der Oberste aller Leibwachen. Auf ihre goldenen Prachtschilde gestützt, sahen sie in gleichmütiger Versunkenheit auf die Versammlung wie Männer, deren Stunde endlich gekommen ist. In den leeren Raum vor die Thronbühne hatte man einen Tragsessel geschoben. In ihm hockte, zusammengekrümmt, der weiseste und gelehrteste Mann Jerusalems. Schaffan, der Schriftmeister und Enthüller der Lehre, war nun bereits so hinfällig, daß er seine Beine nicht mehr gebrauchen konnte. Seinen ausgemergelten Greisenkopf aber und seine dürren Hände konnte er noch gar wohl gebrauchen. Über seinem Schoß lag die lange Fahne eines aufgerollten Buches. Die abgenützten Finger Schaffans krochen wie Spinnen Gottes über die Zeilen und Spalten, unsichtbare Fäden ziehend und verknüpfend. Sein rotäugiges Gesichtchen war so verloren in das Lehrgespinst und Sinngewebe des Herrn, daß er nicht zu wissen schien, wo er sich befand, plötzlich erfreut aufhüstelte, wenn er eine Wortbeute erlegt, das heißt richtig ausgelegt hatte, dann jedoch wieder, wenn sich eine Sinntiefe nicht rasch genug erschloß, brummig vor sich hinschmälte. Er bot in dieser entscheidenden Stunde des Weltlaufs ein erhabenes Bild der alles vergessenden Einversonnenheit in den Herrn.

Jirmijahs Augen blickten von fern auf den hochschwebenden König, dessen angespanntes gerötetes Antlitz vor ihnen verschwamm. Hilkijahs Sohn saß an der andern Schmalwand des Saales in der größten Entfernung zum Thron auf der »Bank der Künder«, von denen eine bestimmte Anzahl zum Landtag berufen worden war. Trotz Josijahs heißem Vertrauen in das ergangene und vermittelte Gotteswort bewies schon der thronferne dürftige Platz, daß die große Welt keine bessere Meinung von den Propheten hatte als Jirmijahs Vater. Die beiden Längswände hingegen nahmen die zum Throne strebenden Bänke der wahrhaft Mächtigen ein, »die Bank der Fürsten« und »die Bank der Priester«. Hier waren die Priesterhäupter der höchsten Ordnungen erschienen mit dem Sagan und den Hütern der Schwelle an ihrer Spitze. Ihnen gegenüber saßen alle großen und kleinen Stadtfürsten, ruppige Bauernkönige, die den Pflug ebenso zu führen verstanden wie das Schwert. Jirmijah empfand es erleichternd und doch auch beklemmend, daß er unter diesen Großen des Volkes ein Unbekannter war. Das Ärgernis, das er, dem Herrn gehorsam, im Tempel erregt hatte, schien nach so langer Zeit und angesichts der großen Dinge völlig verschollen zu sein. Auch war ja die Hand des Königs über ihm gewesen. Vielleicht gedachten nur seine Nachbarn auf der Bank der Künder jener empörenden Erstlingsrede, denn er fühlte die nagenden Blicke ihrer Neugier und ihres Mißtrauens. Vielleicht aber kam dieses Mißtrauen daher, daß er es nach wie vor verschmähte, sich in seinem Gewande als Mann Gottes zu bekennen, und nicht wie die andern jenes widrige Viereck aus haarigem Stoff trug, das sich rauh an den Körper legte und die nackten Stellen an Hals, Arm und Beinen aufrieb. Jirmijah saß verschlossen da und blickte geradeaus und nicht rechts und links. Da aber neigte sich ein wächserner Kopf ihm zu und grüßte ihn mit traurigem Wohlwollen. Es war Urijah, der den würdigsten Platz der Künderbank einnahm, der Prüfer aus Huldas Dachgemach, der ihn vom Zweifel befreit hatte. Wieder bewegte das Antlitz des Mannes sein Herz, der am tiefsten erfahren im Umgang mit Gott war. Und wieder sah er mit Empörung, Scham und Abscheu die zackige Narbe, die das Gesicht dieses Mannes entzweiriß.

Nun aber wandte sich alles dem Throne zu, denn Ahikam, Sohn Schaffans, hatte soeben den Gesandten Pharaos vor das Antlitz des Königs geführt. Der Ägypter war ein sehr großer hagerer Mensch mit einer hohen Haube auf dem Kopf, deren Bänder auf beiden Seiten lang herabfielen. Sein Schulterkragen leuchtete in sieben Farben, während der Rückenteil des durchsichtig gewobenen Obergewandes die geflügelte Sonne gelb im zartesten Blau zeigte. In der Rechten hielt der Botschafter Pharaos einen Pfauenwedel, in der Linken einen goldenen Stab. Er begann mit tonloser Gebetstimme die einleitende Formel seiner Anrede aufzusagen, die ein Dolmetsch sogleich übersetzte:

»Der König der oberen und unteren Länder, der Sohn der Götter, der seine Väter liebt, der Vater der Götter, der seine Söhne liebt, der Auserwählte Ptahs, dem Râ Stärke verliehen hat und Ammun sein lebendiges Ebenbild, der Sohn des Râ, des Osiris-Psammetich, welcher heraustritt in seiner Güte, der Größte an Gewalt, der auf dem Thron erschienen ist und die Länder aufgerichtet hat, der Herr des Uräus- und Geierschmucks, der Besitzer Horus, des goldenen Siegelhalsbands, der den Menschen das Leben spendet und glücklich wendet ...« hier schöpfte der Ägypter notwendigerweise Atem und schloß: »... spricht also zu dir, König von Jehuda.«

Auch die folgenden sehr nüchternen Eröffnungen des Pharao an den König Josijah waren in die höfisch-liebliche, doch vertrackte Großartigkeit des Ägyptischen eingeschleiert, als begänne die feine und vieldeutige Sinnbilderschrift Mizraims selbst im Munde des Abgesandten zu tönen. Wie einfach und unbehauen klang dagegen die Sprache des Herrn. Nur Er konnte hinter diesen Wortblöcken sein Sinnen verbergen, nicht der Mensch. Es kostete den Landtag einige Mühe, aus den Übersetzungen des Dolmetschers den wahren Sachverhalt herauszuhören. Immer wieder erklang es von dem »Träger der Schönheit«, vom »Bewohner des Lichtglanzgemaches«, vom »Verharrenden in der ewigen Barke, die nimmer vermorscht«, von »Seiner Herrlichkeit, die lächelnd die Verbeugung der Götter entgegennimmt« und von dem »Erleuchteten, vor dem die Herzen der Menschen kriechen«. Sehr befremdend war es freilich, daß dieser unerschöpfliche Bilderprunk der Titel stets nur den botschaftsendenden Pharao verherrlichte, während der angeredete König von Jehuda und der Herr, sein Gott, als selbständige Persönlichkeiten gar nicht zur Kenntnis genommen wurden. Dies aber geschah offensichtlich nicht, um zu kränken oder herabzusetzen, sondern aus dem lächelnden Vollbewußtsein der allumfassenden Weltengröße, Weltenweisheit, Weltenschönheit Ägyptens, außerhalb deren nur trübes Schattenleben vorhanden sein konnte. In der Berührung durch Mizraim, in der Ansprache durch Pharao lag eine erlösende, totenerweckende Kraft für die armen Gespenster des Auslandes, darüber ließ Wort und Gebärde des Botschafters keinen Zweifel walten. Die Botschaft selbst sprach von den zahllosen Schiffen einer gewaltigen Flotte, die selbst die göttlichen Beherrscher des Meeres in Schrecken versetzte. Sie liege, zur Ausfahrt bereit, in einem Seitenarm des Vaters aller Stromgewässer, der durch die Freudentränen der obersten Götterneunheit alljährlich anschwillt und mittels solchen Wunders dem Tode Leben spendet. Diese mit niemals besiegten Kriegern bemannte Flotte werde am Tage des übernächsten Neumondes unter erhabener Voranfahrt des göttlichen Flaggschiffes auslaufen, sich, von unzähligen Streitwagen begleitet, nahe an die philistäische Flachküste halten und endlich in der großen Bucht nördlich des Karmelgebirges landen. Von dort wolle Seine Herrlichkeit, vor der die Götter sich lächelnd verbeugen, die Ebene Israels mit seinem Durchzug erleuchten. So weit die Botschaft an den König von Jehuda. Der Auftrag an ihn erheischte die Beistellung reichlicher Heeresverpflegung in den Städten und Dörfern der erwähnten Ebene, die Zusicherung vollkommener Friedlichkeit des eingeborenen Volkes den Quartierenden gegenüber, sowie den ergebenen Gehorsam des Königs. Dies alles wurde nicht wie eine besondere Forderung vorgetragen, sondern als eine leere Förmlichkeit, die der Sitte wegen Selbstverständliches zu Gehör brachte.

Der Rede des Gesandten folgte ein langes und böses Schweigen. Josijah, regungslos obenschwebend, zog es in die Länge bis an die Grenze des Erträglichen, so daß selbst der steife Ägypter unruhig zu werden begann. Dann erst hob er matt die Hand, seinen Geheimschreiber zu sich entbietend.

Die Worte, die er nun halb zu Ahikam, halb zu dem Botschafter redete, waren nicht die Worte eines Erbitterten, sondern mit vollendetem Gleichmut leise gesprochen:

»Sag' ihm, wenn er im Namen Pharaos die versäumten sieben Morgenopfer im Tempel dargebracht haben wird – dann werde ich dennoch nicht ihm, sondern Pharao den Bescheid selbst überbringen ...«

Der farbenstolze Ägypter verstand nicht recht, blickte unsicher herum, stutzte. Josijah achtete seiner nicht mehr. Er war entlassen. Der Gesandte, der sich eines solchen königlichen Gegengewichtes nicht versehen hatte, berührte, was ihm beim Eintritt nicht Ägyptens würdig erschienen war, mit den Fingerspitzen huldigend den Erdboden. Später wollten dann einige gesehen haben, daß der Verwirrte den Blick Eljakims gesucht habe. Ohnegleichen aber war das wilde Aufrauschen der Zustimmung, das den Thron umbrandete, als Pharaos Botschafter verlegen die Halle verlassen hatte. Nun aber schoß die blaue Flamme in der goldnen Lampe hoch, stand, erstickte den Lärm.

Und der König sprach zu Jerusalem und Jehuda die Worte, die Jirmijah kannte. Er sprach vom Reich des Gottes Jakobs, vom Reich des neuen David, vom Reich der triumphierenden Lehre, dessen Stunde gekommen sei, jetzt oder nie. Jehuda war erstarkt, Israel lag in Wiedergeburt, bereit zur Heimkehr. Pharaos Heer, von Heimat und Hilfsquellen abgeschnitten, würde dem richtenden Gewitter Zebaoths nicht widerstehen. Die Absicht des Herrn habe alles also unbegreiflich günstig gefügt. Josijahs Stimme klang selbst wie ein goldnes Gewitter Zebaoths. Sie versetzte den leicht entzündbaren Landtag in Raserei, als hätte der König seinem eigenen Volke zuerst vom Taumelbecher zu trinken gegeben. Die Versammlung löste sich auf und umwogte den Thron. Am tollsten von allen trieb es Jirmijah von Libna, der königliche Schwiegervater. Seine Augen waren blutunterlaufen wie mitten in einer Feldschlacht. Er stieß in gleichmäßigen Abständen die Arme in die Luft und brüllte ohrenzerreißend: »Davids Reich!«

Nur ganz wenige bewahrten ihre betrachtende Ruhe, darunter Eljakim und Jirmijah. Nicht ohne Grauen sah Jirmijah den tobenden Stadtfürsten von Libna. Eine schreckliche Frage begann in ihm zu arbeiten. Unterschied sich des Königs Bild vom göttlichen Wirken im wesentlichen von dem seines Schwiegervaters? Beide jauchzten dem Kriegshelden Zebaoth zu, der seine Feinde zu Paaren trieb. Jirmijah bedeckte sein Gesicht mit den Händen, um sich zu sammeln. Vielleicht hatte der Herr Einsehen und unterbrach sein Schweigen mitten in diesem Lärm, damit ein Auftrag da sei, den König zu warnen und Unheil abzuwenden. Nichts Göttliches unterbrach den Lärm dieses menschlichen Sturms, der sich in der Gerichtshalle unter den Geringeren noch verstärkte. Die Männer lagen einander in den Armen. Fassungslose Tränen wurden vergossen, grausame Gelübde beschworen, Bünde gestiftet, Blutsbrüderschaften geschlossen. Und immer von neuem ballte sich aus dem wirren Geheul das große Losungswort »Davids Reich« zusammen.

Im Thronsaal aber zerbröckelte der Tumult plötzlich. Rufe nach Ruhe ertönten. Man hatte endlich bemerkt, daß der alte Schaffan schon eine ganze Weile um Gehör kämpfte. Die Männer des Landtags wichen auf ihre Sitze zurück, um den Worten dieses Weisesten der Weisen zu lauschen. Schaffan aber schob während seiner Rede ungeduldig die Schriftrolle hin und her, als könne er es nicht abwarten, aus den rasch vorüberfliegenden Welthändeln zur vernunftscharfen Deutung des Ewigen Wortes heimzukehren und keine seiner letzten Lebensstunden dem Herrn zu entziehen.

»Auch ich stimme«, begann er stockendem Atems, »mit diesem lauten Volke in die Preisung des Königs ein ... Es war kein Besserer je in Israel und Jehuda und wird kein Besserer sein ... Wenige nur gedenken der grauen Zeit seiner Väter, Amons und Manasses, da der Greuel ungerächt herrschte und im Tale Ben-Hinom der Tophet geheizt wurde, damit die Erstgeburt durchs Feuer gehe ... Damals warst du ein Kind, Herrlichkeit meines Königs, nicht älter als dein jüngster Sohn Mathanjah, und Schaffan saß bei dir als dein Lehrer in Wort und Schrift ... Und Schaffan wich nicht von deiner Seite, als die grause Mordnacht an Amon dich plötzlich auf diesen Hochsitz hob, du mein königlicher Knabe ... Ach, mein Lehrerherz hing an dir, Josijah, unabbringbar ... Wie hast du doch die arme Schule gelohnt! ... Denn die Tat meines Königs wird nicht vergessen werden von dreißig und nicht von dreihundert Geschlechtern ...«

Hier fiel dem Alten der Kopf auf die Brust herab. Manche glaubten schon, er sei eingeschlafen, habe den Faden verloren oder seine Rede beendet. Er aber hing nur schwermütigen Gedanken nach, denen er inmitten des großen Landtags jetzt sinnenden Ausdruck gab, als sei er allein mit dem König:

»Schaffan hat niemals mit eigenen Ohren die Raunung des Herrn vernommen ... Er ist kein Ausgesonderter, kein Künder, sondern nur ein Mann harter Bemühung ... Er liest und denkt und folgert und vergleicht und verknüpft und nimmt auf und stößt aus ... Er kann nur sagen, was sein eigener Kopf ihm erworben hat, nicht aber: Also spricht der Herr ... Was die Lehre lehrt, kann auch er lehren ... Doch wie vermöchte ein sehr alter Mann, der eurem Treiben fern ist, zu raten: Dies ist gut, dies tuet! Dies ist schlecht, dies tuet nicht! ... Und rede ich dennoch solche Worte, so wird man mir ehrerbietig das Ohr neigen, doch nicht den Willen ... Herrlichkeit des Königs, neige mir dein Ohr, du Knabe mein, den ich noch sehe mit seinen spielroten Wangen, großer König, höre doch: Du hast Frieden und Zeit! Warum willst du ohne Not deinen eigenen Frieden brechen, deine eigene Zeit verkürzen? ...«

Schaffan hatte in der Bewegung seines Gemütes die letzten Worte so undeutlich gemurmelt, daß sie die wenigsten nur verstehen konnten. Wie viele Greise brach er leicht in Tränen aus, und eine dieser Tränen fiel auf die entfaltete Schriftrolle und verwischte die Tinte eines Buchstabens. Bestürzt vergaß der große Schriftmeister alles andre und versuchte zärtlich mit der Fingerspitze den Schaden zu vermindern.

Die Rede Schaffans war wegen ihres Murmeltones ohne Wirkung geblieben. Nur über den König schien sie eine gewisse Macht gewonnen zu haben, denn er saß verträumt da, eine tiefe Runzelschrift auf der Stirne, die freilich kein Schriftmeister hätte entziffern können. Neue Rufe erhoben sich schon. Die Männer erwarteten ein letztes Wort des Königs. Dieser aber winkte heftig ab und deutete mit ausgestrecktem Arm auf die Bank der Künder:

»Ist ein Wort vom Herrn da? ... Ein Traum, ein Gesicht? ...«

Jirmijahs Seele lag im stürmischen Gebetskampf mit Adonai. Sei du deutlicher oder mache du mich deutlicher, stöhnte es in ihm. Soll wirklich das Reich des neuen David durch diesen König errichtet werden? Oder ist diese Planung nur eine Falle, ein Abgrund, daß wir darin versinken?! Ich habe dein Land durchwandert und erkannt. Wie das verschmachtende Grün auf einer Wüste liegt dein Gebot darauf, darunter aber ist Tod. Furchtbare Worte hast du mir im Tempel zu sprechen gegeben. Und jetzt soll alles vergessen sein und du hast dich eines Besseren besonnen, warum? Bist du plötzlich bereit, dieses Geschlecht der Menschenblender und brünstigen Hengste mit deinem Siege zu krönen, warum?! Ach ja, es ist immerdar möglich, daß du deinen Wagen unversehens herumwirfst, ich weiß es. Ich weiß auch, daß all diese Gedanken vor dir Ungedanken sind und diese Schlüsse Trugschlüsse. Was aber soll ich tun, Herr? An meinem Munde hängt der König, und ich kann fördern oder hindern. Hilf mir doch, der du mich schon ansahst, ehedenn ich war, damit ich dem König und diesem Volke helfe. In mir ist gleicherweise Ja und Nein, Dies und Das, Furcht und Zuversicht zusammengewirrt. Jetzt bilde du mir ein Ja oder ein Nein im Hirn wie Wasser, damit ich's verströme wie damals im Tempel, als es noch keinen offenbaren Grund gab dafür ...

»Es ist kein Wort vom Herrn da ... Kein Traum, kein Gesicht ...«

Der diese traurigen Worte, drei Schritte vortretend, gesprochen hatte, war Urijah, der Älteste auf der Künderbank. Seine hagere Gestalt stand gebeugt. Mit dieser schuldbewußten Haltung schien er den König um Vergebung zu bitten, sowohl wegen der Schweigsamkeit des Herrn als auch wegen der Taubheit seiner Propheten, die an diesem großen Tage keine einzige Einraunung zu vermelden hatten. Doch während Urijah also unselig noch dastand, erschallte plötzlich eine frische, kräftige Stimme:

»Es ist ein Wort da ... Und ein Gesicht ...«

Jirmijah fuhr herum. Von den Männern, die an die Saalwand gedrängt standen, löste sich einer los und ging mit Anstand durch die lange Halle auf den Thron zu. Dieser Mann hatte den lästigen Prophetenmantel abgetan und trug ihn überm Arm, wodurch er das ausgesucht feine und kostbare Gewebe seiner eigentlichen Kleidung entblößte. Auch Haar und Bart dieses göttlichen Umgängers waren auf das sorgsamste gesalbt und gekräuselt. Jirmijah sah mit Staunen, daß die Jahre seit dem gemeinsamen Passah dem Wesen Chananjahs überzeugende Gemessenheit hinzugefügt hatten. Der Herr achtete wohl auf die Verschiedenheit derer, denen er sich offenbarte, und er schien durchaus nicht auf ein und derselben Art zu beharren. Chananjah aber bückte sich vor dem König und kündete mit hellem Ton:

»Ich sah im Gesicht des Herrn den Nil heranschwellen durch die Wüste und seine Fluten gruben sich ein neues Bett ... Der Herr aber öffnete meine Augen und sprach: Siehe die Wellen des Nil! Und ich sah die Wellen. Sie waren Krieger, und die Rosse bäumten sich im Gewühl ... Da öffnete der Herr noch einmal meine Augen und sprach: Siehe die Wellen des Nil! Und ich sah Schlamm und Fäulnis und Scherben. Versiegt in der Wüste war der Vater der Stromgewässer und seine gewappneten Wellen schwanden dahin ...«

Beifälliges Rauschen folgte dieser Kündung Chananjahs, die dem Herzen der Männer freudig entsprach und den erwarteten Sieg bestätigte. Josijah selbst nahm sie ohne Bewegung hin, merkwürdigerweise. Von Jirmijahs Seele aber fiel eine Last. Der Herr hatte gesprochen, wenn auch nicht durch ihn. Mitten im Aufbruch des Landtags stand er gesenkten Hauptes und dachte über Chananjahs Gesicht nach. War das die wahre Art des Herrn? Sie war's und war's doch wiederum nicht. Aber wie sollte er's entscheiden, da er doch nur die eine Art kannte, in der Adonai mit ihm umging. Zu Chananjah verhielt Er sich vielleicht freundlicher, deutlicher. Und doch, die Last begann sich wieder auf Jirmijah herabzusenken. Da stand plötzlich der König vor ihm und lächelte:

»Wer immer auch kündet, du allein bist das Seil zwischen ihm und mir ...«

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