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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 7
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
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Sechstes Kapitel.
Der König ruft

Zu derselben Stunde des Ärgernisses, da Hilkijah aus dem Geschlechte Ebijathars und Elis seinem kündenden Sohne unter der Sabbathmenge des Tempels erschien, verschied er in Wirklichkeit daheim auf seinem Gehöft, vor der Tür des Herrenhauses, plötzlich. Er hatte gerade eine lange Klage- und Tadelrede über seinen Jüngsten und Undankbarsten gehalten, ohne auf die milden Einwendungen seines Weibes Abi zu achten, als er bei den Worten »und er hat mein Herz gehabt« unversehens zu Boden sank und mit einem letzten Röcheln der väterlichen Mißzufriedenheit seinen Geist aufgab.

Baruch war es inzwischen gelungen, seinen Meister unverfolgt aus dem Tempel fortzubringen. Als sie dann in der kleinen Kammer über der Werkstatt des Töpfers saßen, war das erste Wort, das Jirmijah zu Baruch sprach, der Auftrag, ihm in Eile ein Reittier zu beschaffen. Er müsse nach Sabbath-Ausgang sich sogleich nach Anathot begeben, denn er habe ein untrügliches Zeichen bekommen, daß der Vater ihn dringend rufe. Jirmijah ahnte mehr, entschleierte es aber dem Jünger nicht. Unablässig klangen ihm des Vaters Worte im Ohr: »Priester wahren die Ordnung des Herrn, ohne abzuweichen ... Und jetzt kommst du, Jüngster, mit Gesichten und Stimmen und Gottworten ... Der Herr kann aus seiner eigenen Ordnung treten, wenn es ihm beliebt, nicht aber du ...« Keines dieser Worte hatte er vergessen.

Erst in der Nacht erreichte Jirmijah die Hügel von Anathot und sein Vaterhaus. Um das verfallene Weihtum vor seinem Kammerfenster hatten sich die berufsmäßigen Klagefrauen des Städtchens versammelt, deren Pflicht es war, die Stille der Nacht mit ihren Trauerausbrüchen zu zerreißen. Je vornehmer der Tote, um so aufstörender die Klage. Der jüngste Sohn hatte schon in großer Ferne aus diesen herzdurchkreischenden Schreien und gurgelnden Trillern die Bestätigung seines inneren Wissens empfangen.

Man hatte Hilkijah, der nach geheiligtem Brauch in die Tachrichim, die Sterbekleider, gehüllt war, auf den Estrich des Saales Ebijathars gelegt. Die ewige Lampe des Geschlechtes stand nun als Totenlampe neben seinem bedeckten Haupte. Auch waren verschiedene Gegenstände seiner alltäglichen Vorliebe rings um den Toten gereiht. Mehrere feingearbeitete Nardendosen und Riechbüchsen aus Gold, die Hilkijah immer bei sich getragen hatte, um durch den gedankentötenden Genuß des scharfen Wohlduftes das Unbehagen an den Seinen und am Leben immer wieder zu vertreiben. Als Jirmijah Ebijathars Saal betrat, schlug ihm der Geruch von Zimmet und anderen Gewürzen verwirrend entgegen. Er blieb in ziemlicher Entfernung von der hingestreckten, weißumhüllten Gestalt stehen, der nichts Menschliches mehr eignete. Wie wandte sich der Herr von den Toten doch so offensichtlich ab! Trotz seines Nörgelwesens hatte Jirmijah den Vater ehrerbietig geliebt. Jetzt aber blickte er fremd und gedankenlos auf diesen Leichnam nieder, obgleich er wußte, daß Hilkijahs Tod mit seiner Künderrede im Tempel in einem verborgenen Zusammenhang stand.

Plötzlich bemerkten seine kurzsichtigen Augen, daß in einem Winkel der Halle, der vom dürftigen Schein der Totenlampe kaum getroffen wurde, eine zusammengesunkene Gestalt auf der Erde hockte, auch sie ganz und gar verhüllt. Jirmijah ging sacht auf Abi zu und hob sie hoch. Die Mutter war so sonderbar ausgetrocknet. Beinahe körperlich leicht lag sie jetzt an seiner Brust. Obgleich sie in Hilkijah den ausschließlichen Gefährten und Gebieter eines ganzen Lebens verloren hatte, jammerte und schrie sie nicht wie andre jäh verlassene Witfrauen. Sie schien nur ganz welk geworden zu sein. Mutter und Sohn hielten sich lange umarmt, ohne daß die Erstarrung wich und die Herzen schmolzen.

»Jüngster Sohn«, murmelte sie und in diesen gewohnten Worten lag eine ahnende Furcht und Bangigkeit, die Jirmijah nicht erriet. Dann wandte sie schweigend den Kopf vom Sohne weg dem Toten zu, als dürfe sie keinen Augenblick der Zeit verlieren, die ihr Gefährte noch über der Erde weilte. Auch Jirmijah blickte wieder auf den langen starren Gegenstand hinab, der Hilkijah geheißen hatte. Und er gedachte der hohen Erscheinung, die mit strafend erhobenem Arm durch die Sabbathmenge auf ihn eingedrungen war.

»In großem Zorn ist er gegangen ...« sagte er. Abi, ohne ihn anzusehn, bekannte:

»Er hat dem Jüngsten gezürnt Tag und Nacht ... Und doch, nur der Jüngste hat sein Herz gehabt ... Bis in sein Sterben ...«

Jirmijah trat von Abi einen Schritt zurück, als könne ihr seine Nähe schaden. In seiner Stimme war Schreck:

»Frage den Herrn, Mutter ... Werde ich allen Tod bringen, deren Herz ich habe?«

Spät erst, als Obadjah und Joels Schritte auf dem Gange laut wurden, umkrampfte Abi leidenschaftlich Jirmijahs Hand und hauchte, von plötzlichem Vorwissen gepeinigt, tonlos:

»Sei auf der Hut, jüngster Sohn ...«

   

Der Brauch befahl, daß die Anverwandten sieben Tage und Nächte nach der Beisetzung Totenfeier hielten. Die Männer hatten ihre Gewänder an bestimmten Stellen zerrissen und sich kleine Messerschnitte an den Wangen beigebracht. Die Frauen, völlig in grobes Linnen gehüllt, griffen von Zeit zu Zeit in einen Dreifuß voll Asche, die sie nachdenklich über ihre Schultern streuten. So saß man eine volle Woche auf dem Boden des Ebijathar-Saales, sah aneinander vorbei, schwieg oder flüsterte mit matter Stimme, denn jeder laute, lebensvolle Ton sowie auch jede Erwähnung wichtiger oder strittiger Gegenstände war in den Trauertagen streng verpönt.

Tagsüber kehrte eine lange Reihe von Trauerbesuchern in Ebijathars Saal ein. Auf dem Tisch stand von früh bis abends reichlicher Trank und Imbiß, wie es einem gastfreien und wohlhabenden Hause angemessen war. Die Gäste widerstrebten anfangs nach den Regeln der Höflichkeit dem Genuß der guten Dinge, ließen sich aber dann durch den Zuspruch der Schwägerinnen zum Essen und Trinken bereitwillig nötigen. Mit leiser Stimme priesen die Schmausenden den Verstorbenen in erbaulichen Wendungen und ermunterten die Trauerschar zu neuen Tränen.

Jirmijah bemerkte wohl, daß die Blicke der Besucher immer wieder zu ihm abschweiften und voll widerwärtiger Neugier ihn musterten. Ohne Zweifel hatte das Gerücht des Ärgernisses im Tempel sich rings herumgesprochen und ihm eine peinliche Berühmtheit verschafft. Im übrigen ging schon seit dem ersten Tage der Totenfeier eine auffällige Gestalt im Hause umher, die sich die Verbreitung von Jirmijahs schlechtem Ruf besonders angelegen sein ließ. Es war Schamarjah, der Erzbettler von Anathot, der sich nach Hilkijahs Tode hier in seinem Reiche fühlte. Er stand an der Pforte des Saales und lud die Trauergäste mit wehmütigem Gruße und folgenden wohlvorbereiteten Worten ein, über die Schwelle zu schreiten:

»Du trittst in das Haus des Priesters. Das Haus des Priesters ist ein Haus des Herrn. Ein Haus des Herrn aber ist das Haus der Armen. Drum bittet dich der Ärmste aller Armen, Schamarjah, in dieses sein Haus ...«

Der Ärmste aller Armen schien guten Grund zu haben, sich so heiter daheim zu fühlen. Obadjah, der neue Hausvater, begegnete ihm mit wohlwollender Herablassung, zog ihn oft zur Seite und tuschelte mit ihm, wobei seine Blicke flüchtig den jüngsten Bruder streiften. Das Wort an Jirmijah zu richten aber vermieden Obadjah und Joel in den Tagen der Totenfeier. Erst als das Ende der Woche gekommen war, begannen die sehr betrübten älteren Brüder einander gewisse Bemerkungen und Anspielungen zuzuwerfen.

»Wie lange hätte unser Vater noch leben können«, seufzte der geschmeidige Joel, »denn nicht voll war seine Zeit. Weh, er durfte nicht, wie es seinesgleichen doch zugesichert ist, uralt vor dem Hause sitzen, satt vom Dasein. Hundert Jahre und mehr hat er verdient und ist nur siebzig geworden, kein Alter für einen Gerechten ...«

Darauf Obadjah, der rauhe Nachfolger, schwerfällig:

»Wäre der Kummer nicht über ihn gekommen, noch tränke ich nicht aus dem Becher des Geschlechtes ...«

Schamarjah, der Pförtner, nickte zu diesen Worten: »Stattlich, rüstig und rosig war Hilkijah, ehe man sein Herz brach ...«

»Und diese Schmach für Vater und Vaterhaus!« ergrimmte Obadjah plötzlich und hob die gaumige Stimme über Gebühr ... »Sich hinstellen im heiligen Tempel, öffentlich am Sabbath, ein Sohn Hilkijahs ... Auszurufen: Ein Wort des Herrn, ein Wort des Herrn ... Er ... Warum er? ...«

Joel bog sogleich diesen unerlaubten Grimm in erlaubte Schwermut um:

»Was mein Bruder hier erwähnt, ist ja dem Vater, der Herr sei gepriesen dafür, erspart geblieben. Die Kunde davon hat sein Ohr nicht mehr erreicht ... Wer einen Tag früher stirbt, erduldet zehn Leiden weniger, sagt man am Euphrat ...«

Am ersten Tage der neuen Woche zeigte es sich, daß die Brüder durch derlei Anwürfe Jirmijah für ihre Zwecke gefügig zu machen dachten. Das Haus war nun leer von Trauergästen. Nur Schamarjah hatte sich nicht vertreiben lassen. An diesem Tage aber erschienen drei Männer der Verwandtschaft im Hause, die Obadjah als Zeugen für sein Vorhaben berufen hatte. Der jüngste dieser Vettern hieß Hanameel, ein stiller, bedächtiger Mensch. Hanameel war der einzige Kindgespiele Jirmijahs gewesen. Sie hatten als Knaben gemeinsam die Hügel Anathots durchstreift, wobei Jirmijahs wirblige Einfälle und leidenschaftliche Pläne den langsamen Hanameel stets zu bewundernder Nachahmung und Gefolgschaft hinrissen. Auch jetzt begegnete sein Blick dem Erreger des Ärgernisses mit alter Gläubigkeit, während die beiden andern Vettern an ihm vorbeisahen. Nach der Mahlzeit entließ Obadjah, der neue Gebieter, mit einem huldvollen, Hilkijah abgelauschten Wink die Frauen und Kinder des Hauses. Auch seine Mutter hielt er nicht zurück, obgleich diese bisher immer den Rat der Männer geteilt hatte. Da aber Mocheleth, die neue Hausmutter, ebenfalls den Tisch verließ, so erreichte Obadjah seinen Zweck, ohne die kindliche Ehrfurcht zu verletzen. Jirmijah erkannte an diesem geringen Zeichen, welch ein Zeitalter nun für die einstige Herrin angebrochen war. Obadjah ging auf sein Ziel mit einer Beleidigung los, die er selbst für einen vertraulichen Scherz hielt und mit gurgelndem Lachen begleitete:

»Es ist nicht gut, mit einem Propheten das Haus zu teilen ...«

Joel aber griff sofort mildernd ein:

»Mein älterer Bruder irrt. Es ist sehr gut und nützlich, mit einem Propheten das Haus zu teilen. Hege die Schlange im Flur und den Gottgebannten auf dem Ehrenplatz, so lehren die Kinder Arams in der Stadt Damaskus. Aber was sollen wir tun, wenn der Prophet das Haus mit uns plumpen Leuten nicht teilen will? Daß er grausam fortstrebt, das hat er ja zum tödlichen Kummer des Vaters bewiesen. Seiner Mutter gelingt es nicht, ihn auf dem Lande zu halten, wie sollte es uns gelingen, die wir nur seine Brüder sind, erdentätige und nicht gottergrübelnde Menschen? Uns weiht er keine Achtung. Doch möge er sinnen wie er will, die Pflicht der älteren und erfahrenen Brüder bleibt es, für den Unerfahrenen zu sorgen. Und dieser Pflicht, ihr Männer, wollen wir uns nicht jetzt und nicht später entziehen, weshalb wir ja zusammensitzen hier. Möchte doch der jüngste Bruder uns anhören und ruhig überlegen

 ...«

Und nun zeichnete Joel in verständiger Rede Jirmijahs Lebenslage. Der dritte Sohn besitze als Erbe einen erklecklichen Anteil der Äcker, Weiden, Herden, Höfe des väterlichen Gutes. Da er sich aber mit seinem Landbesitze weder in hervorbringender noch in handelsmäßiger Tätigkeit befasse, so sei eine endgültige Regelung, ein Bund zwischen ihm und den Brüdern billig und gerecht. Der Vater habe in seiner unermeßlichen Vorliebe für den Jüngsten trotz aller Kränkung noch in den letzten Tagen seines Lebens urkundlich bestimmt, daß Jirmijahs Erbe von den Brüdern zu bearbeiten und zu verwalten sei und sie aus den Erträgnissen in redlicher Fülle für den Unterhalt des Untätigen zu sorgen hätten. An den Worten eines zu den Vätern Versammelten solle und dürfe nicht gerüttelt werden. Hingegen wäre es im Gedächtnis des Vaters sehr lobenswert, gegenseitig einen gerechten Bund zu stiften, der dem Jüngsten große Vorteile biete und ihn überdies: von aller lästigen Abhängigkeit erlöse.

Nach dieser Begründung stellte Joel auch in Obadjahs Namen Jirmijah das Anerbieten, dieser solle sein Erbteil den älteren Brüdern käuflich überlassen, denn er sei frei und kinderlos, sie aber habe der Herr mit Nachkommenschaft stattlich gesegnet. Der Bund könne unverzüglich geschlossen werden, die Zeugen seien erschienen, und das nötige Gold und Silber liege bereit, das den Jüngsten zum sorgenlosen Manne machen werde.

Jirmijah hatte mit gespannter Ruhe gelauscht. Obgleich er wußte, daß ihn die Brüder um seiner Aussonderung willen haßten und durch diesen Bund ausstoßen wollten, so erschien das Anerbieten dennoch höchst erwägenswert, brachte es ihm doch nach Joels klugen Worten die Freiheit sowohl von Not als auch von lästiger Abhängigkeit. Nur eines bedrängte sein Herz. Fortan würde er ein Fremder und rechtloser Gast in seinem Vaterhaus sein, wenn er heimkehrte, um das Angesicht seiner Mutter zu sehen. Jirmijah starrte in die ewige Lampe des Geschlechtes, die wieder auf dem Tische schimmerte.

»Meine Brüder«, sagte er, »mögen mir ein wenig Zeit lassen ...«

Obadjah, den Jirmijahs Wesen aufs Blut reizte, brauste auf:

»Schlicht und gerecht ist dieses Anerbieten ... Oder glaubt der Jüngste etwa, daß man ihn betrügen will??«

Jirmijah sah den Zornigen fest und traurig an:

»Das glaube ich nicht, Bruder ... Aber nicht mein Wunsch und mein Vorteil entscheidet ...«

Spöttisches Räuspern und Husten rings um den Tisch. Nur Hanameels, des Knabenfreundes, Blick ruhte ermunternd auf Jirmijah, als wolle er ihm Kraft geben, keiner Lockung zu erliegen und das Richtige zu tun.

Der Ausgesonderte senkte seine langen Wimpern. Ein rascher Gedanke. Ich befreie mich auch von der Schuld, in die mein Erbteil verstrickt ist. Hat der Herr nicht selbst gesprochen: Gürte deine Lenden und geh!? Doch siehe, der Herr war nicht eindeutig und nicht errechenbar. Die Kraft, die in Jirmijah des Herrn war, sagte gegen alle Erwartung nicht »Ja«, sondern »Nein«. Er sollte sich des Anrechts an dem Lande seiner Väter nicht begeben. Plötzlich stellte er die Frage:

»Wenn das siebente Jahr wieder kommt, das Sabbathjahr des Freilasses, werden da meine Brüder der Lehre gemäß auf ihrem Grunde handeln, alle Darlehen tilgen und die hörigen Knechte und Mägde mit Anteil ziehen lassen?«

Ehe Obadjah den brenzligen Sinn dieser Frage noch begriffen hatte, fiel Joel scharf ein:

»Deine Brüder werden im Sabbathjahr des Freilasses handeln, wie ganz Jehuda und Benjamin handelt, vom König angefangen in seinen Palästen bis zum kleinsten Landmann. Nicht mehr, nicht weniger werden sie tun ...«

Jirmijah stand auf, zum Zeichen, daß er die Unterredung für beendigt erachte:

»So möge das Wort unsres Vaters in Kraft bleiben und kein Bund zwischen uns gestiftet werden ...«

Die Brüder fanden keine Zeit mehr, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben, denn etwas ganz und gar Unvorhergesehenes und Glanzvolles ereignete sich jetzt. Pferdegetrappel wurde vernehmbar, ein unfehlbarer Beweis dafür, daß Großes vorging. Denn im Lande Jehuda war der Gebrauch von Reitpferden einzig und allein dem König, den Prinzen, den Hoffürsten und der Streitmacht vorbehalten. So erregend drang der klirrende Lärm in Ebijathars Saal, daß alle mit großen Augen vom Tisch aufsprangen. Des Erzbettlers leuchtende Fratze zeigte sich in der Tür. Er fuchtelte mit den Händen und rief Obadjah vor Begeisterung unverständliche Worte zu. Dann aber traten vier Bewaffnete ein, die alle die himmelblaue Schimla der Davidskrieger und die goldenen Rundschilde der königlichen Leibwache trugen. Die Krieger jedoch hielten sich im Hintergrund, denn sie waren nur als Begleiter einer hochgewachsenen und weißgekleideten Gestalt erschienen, die jetzt mit dem gleichmütigen Blick eines Hoffürsten die Männer dieses Vaterhauses musterte. Nach einer längeren Betrachtung erst öffnete der Hochgewachsene den schmalen Mund, dessen zartgeschwungene Oberlippe keinen Bart trug:

»Ahikam bin ich, Schaffans Sohn.«

Der Wert dieses Namens durchblitzte die Versammelten. Joel errötete, denn vor Macht und Rang wurde der Weltfahrer schwach. Der königliche Geheimschreiber aber trat einen Schritt vor und neigte sein Haupt:

»Ich stehe hier in Hilkijahs Haus, dem Vaterhause Ebijathars und Elis, des Priesters zu Silo ...«

Auf Obadjahs und Joels Antlitz blühte ein Strahl geschmeichelter Wonne auf, der sich zu einem Sonnenaufgang entfaltete, als Ahikam die Stimme hob:

»Eine Gesandtschaft Josijahs, des Amonsohns und Königes in Jehuda ...«

Die älteren Brüder zweifelten nicht, daß für Hilkijahs Haus die langentbehrte Stunde der Ehre gekommen war. Ahikam überbrachte ihnen vom Könige eine Erhöhung, ein Gnadenzeichen oder zumindest ein Trauerwort zum Tode ihres Vaters. Da Obadjah mit hängenden Armen dastand und nichts zu sagen wußte, wies Joel geziert auf den Ältesten:

»Dies hier ist Obadjah, nach Hilkijahs Tod der Vater des Geschlechtes ...«

Doch wehe, Ahikam, der königliche Geheimschreiber, schien weder eine Erhöhung, noch ein Gnadenzeichen und nicht einmal ein hohes Trauerwort bei sich zu bergen. Langsam ging er auf Jirmijah zu, der an seinem Platz verharrte. Die beiden Älteren sahen einander scharf an. Sollte statt der erwarteten Ehrung eine entehrende Verhaftung auf Befehl des Königs sich jetzt ereignen? Kam die Sühne für die freche Tempelrede? Ahikam aber erkannte, den zu suchen er gesandt war, und berührte mit freundlicher Hand die goldene Spange auf Jirmijahs Arm, das Geschenk des Königs, dessen Anblick stets die Galle der Brüder reizte.

»Jirmejahu! Der König begehrt dein Wort«, meldete der Geheimschreiber. »Mache dich auf, mit mir zu gehn ... Denn du wirst gewürdigt sein, das Antlitz des Königs zu schauen ...«

Erschrocken wandte sich Jirmijah nach seinen Brüdern hin. Sie hielten die Köpfe gesenkt, als hätte man sie ins Gesicht geschlagen. Der Sohn Schaffans aber faßte ihn um die Schulter und führte ihn hinaus wie man einen jüngeren Freund führt. Im Hof hatte Jirmijah kaum Zeit mehr, von der Mutter Abschied zu nehmen.

»Das hat der Herr getan«, raunte sie ihm ins Ohr, »drum hab keine Sorge, Jüngster, und denke meiner nicht, denn ich werde deiner denken ...«

Abis Augen funkelten von Glauben und Hoffnung, als sich Jirmijah leicht auf eines der königlichen Pferde schwang, als sei er's von jeher gewohnt.

 

»Lampen«, befahl eine Stimme in dem völlig finstern Gemach. Mit zaubrischer Geschwindigkeit, wie von lautlosen Schatten zugebracht, tauchten zwei Leuchter mit schwach glimmenden Lichtern auf, die allmählich wuchsen und den Raum enthüllten. Da sah Jirmijah, daß er mit dem König allein war. Ahikam hatte ihn schon im zweiten Wachthof verlassen, der zwischen den Amtspalästen und dem »Wohnhaus Salomos« lag. Der unförmige Verschnittene aber, der dann sein Führer gewesen, war nach einem sonderbaren Irrgang durch finstere Gänge und Säle, durch die er ihn an der Hand geleitet, plötzlich von seiner Seite gewichen. Jirmijahs Stirn berührte einen Augenblick lang den mit Sandelholz getäfelten Estrich, der wie Räucherwerk duftete. Dabei murmelte er den Königsspruch der Untertanen. Josijah umkreiste mehrmals den Hinabgebeugten, indem er seinen Namen leise vor sich hinsprach:

»Jirmijah, Hilkijahs Sohn aus Anathot ...«

Nach einer langen Dauer erst, die dem vom Königsschritt Umkreisten endlos schien, rief Josijah überaus laut:

»Auf, auf, Jirmijah! Warum stehst du gebeugt?«

Er nahm eine der Lampen vom Leuchter und hielt sie dicht vor Jirmijahs Antlitz, als wolle er es auswendig lernen wie eine Schriftstelle. In der Mitte des Gemaches stand eine breite Mittah, die mit einem herrlichen Teppich aus purpurnem, golddurchwirktem Byssusgewebe bedeckt war. Die Kissen auf diesem Ruhebett lagen unordentlich durcheinander. Wahrscheinlich hatte der König vor Eintritt des Berufenen hier geruht und geträumt. Jirmijahs aufgewühlte Sinne glaubten den Schwarm der königlichen Träume und Planungen wie schwebende Raubvögel in der dunklen Höhe des Raumes zu fühlen. Josijah hatte sich auf das Lager gesetzt. Der Siebenarm daneben beleuchtete ihn scharf. Nun war es an Jirmijah, das Antlitz des größten Königs seit Davids und Salomos Tagen auswendig zu lernen. Doch er scheiterte schon an den Augen, deren atmende Strahlung jedes prüfende Betrachten niederblendete. Hier gab es nur ein Ja oder Nein und keine Entscheidung dazwischen. Diesen Mann mußte man lieben oder hassen. Jirmijah mußte ihn lieben. Und diese Liebe wuchs noch durch die wehe Erkenntnis, daß Josijahs Strahlen durch ganz leise Zeichen des Verfalls und der Selbstverzehrung bedroht war. Unter den so jugendlichen Augen lagen schon späte Schatten, und der kurze salbenglänzende Bart war mit vielen weißen Fäden durchzogen. Des Königs Körper aber, mittelgroß, stämmig, atembreit, zeigte noch nicht die geringste Spur von Fett und Erschlaffung. Die Muskelstränge und Sehnen spielten am Halse und an den nackten Armen. Wenn Eisen hätte Fleisch sein können, dies war eisernes Fleisch.

»Ich habe dich nicht vergessen, Jirmejahu aus Anathot«, begann Jehudas Gebieter, »seit jenem Passah lag deine Stimme dem König im Ohr ...«

Gegen seine hastige Art sprach Josijah die nächsten Worte langsam und nachdenklich:

»Deine Stimme in der Verlesung hat mich aufmerken lassen und mir verraten, was sie den anderen nicht verriet, daß der Herr deinen Umgang sucht ... Nichts sei zwischen ihm und mir ... Nun aber hast du am Sabbath im Tempel gekündet ... Böse und bittere Worte des Herrn ... Man hat sie vor den König gebracht ... Man hat sich empört ... Man hat gefordert, daß solches nicht wieder geschehe ...«

Josijah brach bei diesen Worten ab und schwieg vor sich hin. Eine furchtbare Enttäuschung legte sich auf Jirmijahs Brust. Er meinte, der König habe ihn nur einer Verwarnung wegen vor sein Antlitz gerufen. Dieser jedoch schnellte plötzlich von der Mittah hoch. Seine Gestalt wölbte und straffte sich wie die eines Faustkämpfers.

»Der König aber will«, schrie er, »daß solches sich wiederhole ... Er will, daß des Herrn schärfste und bitterste Worte zu ihm gesprochen werden und keines verborgen bleibt ... Kein Künder möge sich fürchten, auch Jirmijah nicht, dessen Stimme der König sehr vertraut ... Denn gar große Pläne hat der König ... Er will das Aschensalz und die ätzende Lauge sein, die den Schuldfleck von Israels Hand fortwäscht ...«

Nach diesen in ungeheurer Erregung ausgestoßenen Worten lief der König im Gemach hin und her und schien Jirmijah vergessen zu haben, der seinerseits die Hand an die Brust preßte, um sein aufgestörtes Herz zu bändigen. Der König hatte die Worte seines Mundes gebraucht. Josijah aber schien plötzlich müde geworden zu sein, warf sich aufs Lager, schloß die Augen und murmelte:

»Jirmijah bleibt in des Königs Haus ... Das ist mein Wille ... Er sei wie ein Stab, wie ein Seil vom Herrn zum König ... Viele Stäbe sind schon gebrochen, viele Seile zerrissen ... Ich brauche Hilfe der rein Hörenden ...«

Mit einem Schlag hatte sich Jirmijahs Leben völlig gewandelt. Noch konnte er es nicht fassen. Er starrte auf den König, der zu schlafen schien, erblaßt und versteint wie ein Toter. Schwer zog die Zeit durch das Zimmer. Welche Last preßte den strahlenden Mann auf die Mittah nieder?! Endlich befahl Josijah, noch immer mit geschlossenen Augen:

»Setze dich zu meinen Füßen!«

Jirmijah gehorchte zögernd. Der König prüfte ihn zwischen halbgeschlossenen Lidern:

»Was für Gesichte waren um dich? ... Und welches Raunen?  ... Verschweige nichts davon, nichts, damit auch der König sehe und höre und danach seine Taten kräftige ...«

Jirmijah raffte sich zusammen. Nicht durfte diese große Stunde seines Lebens ohne heilsame Wirkung bleiben. Der Herr selbst hatte ihn vor das Antlitz des Königs geführt, damit die letzte Frist des Zuwartens nicht ungenützt verstreiche. Er saß zu Füßen der höchsten Macht, die es im Lande gab. Und diese Macht war voll wilder Bereitwilligkeit, der Entwirrung zu dienen und das Volk zum Ewigen zurückzuführen. Ihm war es vielleicht vergönnt, die Kraft des königlichen Armes zu wecken und Jerusalem zu retten. Vorsichtig jedes Wort erwägend, auf Reinheit des Berichtes, auf Wahrheit des Ausdrucks bedacht, fing der Mann aus Anathot an, seine Erfahrungen mit Adonai zu schildern. Er erzählte rückläufig, indem er zuerst seine Künderrede im Tempel wiederholte und dem Könige genau beschrieb, wie sich des Herrn Wort nach unendlich langer Entbehrung ohne eigenes Zutun in seinem Kopfe gebildet hatte. Mit aufmerksamen, ja beinahe gierigen Augen hörte der König zu. Jirmijah fuhr mit seinem Gesicht in der Töpferstube fort, das mehr und weniger war als ein Gesicht, eine Erleuchtung. Lange hielt er sich bei seiner Wanderschaft auf, die der Erkenntnis des Wirklichen geweiht war, wie sich der Abfall vom Herrn nennt. Er vergaß nicht die Trümmer Samarias, die verfemte Schattenwelt Ephraims und Manasses, die zwölf blinden Riesen Meschullams, des Müllers, und der Himmelskönigin Fest in Lakisch. Sein Wort wurde mit des Herrn Hilfe immer glühender und schneidender, als er der großen Umgehung der Liebesgebote im Lande gedachte. Des Königs Antlitz verharrte dabei finster und angespannt. Erst als Jirmijah zu der Passahnacht seiner Aussonderung gelangte, löste sich die Starrheit von des Königs Zügen. Er stützte sich auf und neigte sein Ohr dem Erzähler, der nun zum Gesicht vom Mandelzweigicht und vom siedenden Kessel gelangt war.

Mitten im Wort unterbrach ihn Josijah mit rauher Stimme:

»Noch einmal sprich, Jirmejahu ... Wo hing der Kessel? ... Nach welcher Seite neigte er sich? ...«

»Er hing zwischen Himmel und Erde ... Von Norden nach Süden neigte er sich und verspritzte Glut ... Der Herr aber sprach: Von Mitternacht kommt mein Gerichtstag ...«

Der König packte Jirmijahs Schultern und fuhr in die Höhe.

»Vom Norden spritzt die Glut«, rief er aus, »und nicht vom Süden ... Gelobt sei Gott, unser Herr ... Von Mitternacht kommt sein Gerichtstag und nicht von Mittag, nicht vom Hause der Knechtschaft am Nil ... Nichts ist zwischen ihm und mir ... Er verkündet mir keinen Gerichtstag ... In Frieden geht Josijah dahin nach dem Spruch der Seherin, auf den ich baue ... Nichts kann den König und seine Pläne treffen ...«

Er riß einen Vorhang zur Seite und stieß eine Tür auf, die in ein Nebengemach führte:

»Hat Hamutal, meine Königin, das Gute gehört?«

Der König hemmte seinen Schritt und blieb im Türrahmen stehn. Das andre Gemach war weit heller erleuchtet als sein eigenes. Jirmijah hatte sich erhoben und blickte in den lichten Raum. Ihm war's, als öffne sich ein blühender Garten. Die Gärtner des königlichen Lustparks, der über dem Zusammenstoß des Kidron- und Ben-Himon-Tales am Südende der Stadt lag, hatten vor der Königin eine überfließende Menge von Schnittblumen in geflochtenen Körben aufgehäuft. Von der wasserreichen, kunstvoll gezügelten Rogelquelle ernährt, gedieh in den Gärten der Könige zu allen Jahreszeiten fremdländische und einheimische Frühlingspracht. Hamutal war offensichtlich damit beschäftigt gewesen, die Blütenbeute des Tages zu sondern und sie für die Kranzwinderinnen des Palastes als auch für losen Streuschmuck einzuteilen, denn dieses Amt hatte sie sich selbst vorbehalten. Noch hielt sie eine Zahl brennend gelber Lilien im Arm, die mit dem Scharlach ihres Obergewandes zu einer Flamme verschmolzen. Neben ihr stand der kleine Prinz Mathanjah, der aber, seitdem ihn Jirmijah gesehen hatte, auffällig gewachsen war. Etwas abseits hielt sich mit mühsam beherrschten Tanzgliedern Ebedmelech, Mathanjahs unzertrennlicher Gefährte aus Mohrenland. Beide Knaben starrten mit erschrockener Neugier auf eine dunkle Erscheinung, die sich der Königin zu Füßen geworfen hatte. Hamutal, die deshalb kein Schrittchen tun konnte, lächelte dem König zaghaft zu:

»Mein Gebieter möge nicht erschrecken ... Es ist ein Unheil gekommen über die Stadt ...«

Jetzt regte sich die zusammengesunkene Erscheinung, hob den Kopf, und Jirmijah erkannte Schallum, den königlichen Kleiderbewahrer und Gatten Huldas, der Seherin. Das immer flinke Männchen war nun gebrochen. Jammernd nahm Schallum das Wort der Königin auf:

»Ein Unheil ist gekommen über Stadt und Land ... Ein Unheil über den König und sein Haus ... Ein Unheil über mich, den Geringen ... Die Seherin, die Herrliche ...«

»Ist sie tot«, fragte Josijah kurz.

»Grausamer als durch Tod hat sie der Herr getötet«, heulte Schallum auf. »In dieser Nacht ist sie erblindet und verstummt – Nun liegt sie auf ihrem Lager im Dachgemach des Hauses und kann nicht mehr sehn und kann nicht mehr künden, was sie sah ... Aber ihr Antlitz lächelt in großem Erbarmen über Schallum ... Wehe, wer ist er, dieser Nichtige, ohne Huldas Kraft ... Warum hat der Herr sein zartes Gefäß allzu stark berührt?! ...«

Josijah überlegte scharf und erwog die Bedeutung dieses Geschehnisses in seinem Herzen. War's wirklich ein Unheil, wie die Menschen glaubten? Und traf es ihn und seine Pläne? Der Herr versiegelte den Mund, der ihm das Heil geweissagt. So versiegelt man ein Gefäß, das edelsten Balsam enthält. Ein gutes Zeichen, der König zweifelte nicht länger. Er entließ mit seinen Worten gleichsam die verbrauchte Seherin aus seinen Diensten.

»Sie hat Großes an dem König getan«, sprach er. »Sie hat ihm die Kraft gegeben, den neuen Bund zu beschwören ... Sie hat ihm die Ruhe gegeben, den Tod in Freude zu erwarten, denn einen Tod des Friedens wird er antreten nach all seinen Taten ... Ihr Mund kann durch des Herrn Willen diese Verheißung nicht mehr zurücknehmen ... Möge dafür ihr Leiden kurz sein ...«

Die letzten Worte waren die kühle Verabschiedung eines ganzen Zeitalters. Dann kehrte sich der König ab und suchte Jirmijahs Augen:

»Hulda verstummt ... Am selben Tage aber wird mir eine neue Stimme erweckt ... Sie hat meinen friedlichen Tod im Gesicht gesehn ... Du aber hast den Siedekessel im Gesicht gesehn, der von Mitternacht nach Mittag sich neigt und die Glut des Gerichtstages verspritzt, die mich nicht mehr trifft ...«

Eine jähe Angst verkrampfte sich in Jirmijahs Brust. Noch verstand er den König nicht. Eines aber verstand er, daß jenes Gesicht der Passahnacht, aus seiner einsamen Zwiesprache mit dem Herrn gerissen, in den Weltlauf zu greifen begann. Mit Bergeswucht senkte sich Verantwortung auf seine Schultern. Und noch eines verstand er. Der hohe Mann Josijah, trunken von göttlichen Gnaden, glättete sich Adonais Worte zurecht, wie er sie brauchte. Jirmijah holte tief Atem und stammelte das erstemal im Leben eine Mahnung, die er so oft noch wiederholen mußte:

»Es ist nicht gut, des Herrn sicher zu sein ...«

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