Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Werfel >

Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 4
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
projectid6c149880
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.
Der Prophet im Vaterhaus

Im ganzen Hause Hilkijahs hatte nur Abi, Jirmijahs Mutter, den Schrei im Morgengrauen gehört und erkannt. Sie warf einen entsetzten Blick auf Hilkijah, mit dem sie das Lager teilte. Der alte, meist übel zufriedene Mann schlief jetzt. Wie es seine Art war, hatte er Abi im Laufe der Nacht zweimal geweckt, um ein Ohr zu haben für das gewohnte Nörgeln und Mäkeln, mit dem er die drei Söhne seiner Lenden zu bedenken pflegte. Der schon durchgescheuerte Schlaf des Alters mit seinen zahlreichen Rissen und Löchern verlieh Hilkijah so manche grelle Einsicht in die mangelnden Würdigkeiten Obadjahs und Joels und in die störrische Verschlossenheit Jirmijahs. Gegen Morgen aber verdichtete sich sein reizbarer Schlaf stets, und Abi konnte es unbemerkt wagen, sich von seiner Seite zu erheben und in die Kammer des Jüngsten zu schleichen. Sie fand ihn auf dem Boden zusammengekrampft. Sein Gesicht war auf den gestampften Lehm des Estrichs gepreßt. Die Mutter ließ sich neben dem Gestürzten nieder. Angstvoll tastete sie seine eiskalten Hände und Füße ab und suchte sein schnellschlagendes Herz. Endlich gelang es ihr, ihn bei den Schultern zu heben und mit dem Kopf auf ihren Schoß zu betten. Ein krampfhaftes Schluchzen, von dem er selbst nichts zu wissen schien, schüttelte Jirmijah. Sein ganzer Leib war feucht von kaltem Schweiß. Abi trocknete ihm Stirn und Nacken. Dabei bewegte sie ihren Oberkörper eifrig hin und her, wie Frauen es tun, um einen Säugling zu beruhigen. Ohne zu wissen, ob der Ohnmächtige schon hörte, flüsterte sie: »Was fehlt meinem Kinde? ... Was hat der jüngste Sohn? ... Ist er krank geworden, Gott verhüte es ...«

Beim Ertönen ihrer Stimme schlug Jirmijah die Augen auf. Ihr Blick zeigte, daß er die Frage verstanden hatte und sie verneinte. Die Mutter hielt in ihren Bewegungen inne:

»Ist meinem Jüngsten Schlimmes widerfahren ... Hat man Jirmijah gekränkt ... Gestern?«

Die langbewimperten Augen des Sohnes ruhten fern und ohne Antwort auf ihr. Sie forschte weiter:

»Hat man dich nicht in Ehren aufgenommen ... Wurdest du übergangen ... Und bist doch ausgezogen als Stolz deines Vaterhauses zum Tempel ... Oh, wärest du niemals ausgezogen ...«

Leise unterbrach Jirmijah, der seiner wieder mächtig geworden war, diese Reden:

»Nein, Mutter ... nicht das ...«

»Was ist es dann, Jüngster ... Läßt du mich betteln?«

Der Sohn wandte stumm den Kopf ab. Abi schien zornig zu werden:

»Da liegst du ohne Grund auf der kalten Erde und weinst ... Wie ein rechtmäßig Trauernder ... Wie ein Verwaister, dem Vater und Mutter und Geschwister gestorben sind und es bleibt ihm nichts mehr übrig, als mit dem Messer die Wange zu ritzen ... Dir aber leben alle noch, Gott sei es gedankt ... Rufe doch durch falsche Trauer die echte nicht herbei, denn was man nachahmt, das erzeugt man ... Weißt du nicht, daß in jeder Ecke der Bote des Todes steht ... Wenn du aber hier noch länger liegst, wirst du wirklich krank werden ... Auf, jüngster Sohn!«

Jirmijah gehorchte diesem eifrigen Zuspruch, erhob sich vom Estrich und reichte seiner Mutter die Hand, um ihr aufzuhelfen. Als sie wieder zu fragen begann, fiel er ihr schwer ins Wort:

»Ich will schlafen, Mutter ...«

Von einem Augenblick zum andern war er in tiefen Schlaf gefallen. Während sie aber nun zur Feuerstelle eilte, um einen Heiltrank zu brauen, wurde es ihr plötzlich mit blitzender Klarheit bewußt, daß kein Fieber, keine Krankheit, kein Nachtgespenst Jirmijah angefallen hatte, sondern etwas weit Mächtigeres als jeder dieser tödlichen Einflüsse.

Als sie dann den fertigen Trank an Jirmijahs Lager brachte, da atmete er ruhig im Schlaf. Abi setzte sich, das Brettchen mit dem heißen Becher auf den Knien, auf das Fußende des Bettes. Sie wollte den erschöpften Sohn nicht wecken. Still saß sie und betrachtete sein Gesicht, das durch die dünnen Lider hindurch auch sie zu betrachten und zu wissen schien, was sie wußte. Es war, als verstecke er sich hinter seinem Schlaf und sie hinter der starren Wache, die sie an seinem Schlafe hielt. Nur hie und da umfühlte sie mit der Hand den heißen Becher. Der glühende Trank wurde warm, wurde lau, wurde kühl, wurde kalt. Wer weiß, wieviel Zeit vergangen sein mochte, als Jirmijahs Stimme sich der Stille entrang:

»Da ich es der Welt nicht verbergen darf, wie könnte ich es dir verbergen, Mutter?«

Ihre Gedanken taumelten auf. Sie tat, als ahne sie nichts:

»Was verbergen ... Wie sprichst du ... Jüngster ...?«

Knapp und trocken kam es von seinen Lippen:

»Der Herr ist bei mir gewesen ...«

Große, leere Augen starrten ihn an. Da behielt er nichts mehr zurück:

»Bei mir gewesen hier in dieser Kammer ... Mit seiner Stimme, mit seiner ganzen Macht ... Und seine Stimme hat zu mir gesprochen ... Und seine Stimme sendet mich fort von hier ...«

»Er sendet dich fort von hier ...« wiederholte sie mit versagenden Lauten, und er machte eine kleine Bewegung mit der Hand, die den letzten Zweifel ausschloß:

»Ja, das war es und das ist es, Mutter.«

Abis Augen füllten sich mit Tränen. Nicht weinte sie, weil der Herr ihr geliebtes Kind fort von hier sandte. Sie hatte niemals gehofft, Jirmijah bei sich behalten zu dürfen. Nicht weinte sie, weil der Herr zu ihm gekommen war. Mußte sie nicht stolz sein unter den Müttern Jakobs? Der Einzige, Furchtbare, zu dem sie morgens und abends betete, war gut. Und doch, Abis Herz zerbrach jetzt in großem Leid um der Aussonderung des Sohnes willen.

Jirmijah aber hielt seine Augen geschlossen, als wollte er sich wieder verstecken. Seit der Berührung durch den Herrn tat es so weh, zu schauen. Alles und jedes war verwandelt und offenbarte andre, gefährliche Bedeutungen: die Kammer der Kindheit, das Fenster, der Tag. Und selbst das nächste Wesen, die Mutter, war ferngerückt. Ihn störte fast ihre Liebe und Sorge. Sie galt ja nur dem Wohlergehen und der frohen Zukunft eines kleinen Jirmijah, den es nicht mehr gab. Der neue Jirmijah aber, ein scharfer und bitterer Sohn, erkannte, daß er von jeder Bindung sich lösen und wehetun lernen müsse sich selbst und ihr.

   

Die wichtigste Mahlzeit des Tages wurde von altersher gemeinsam in jenem Raume des Hauses eingenommen, der nach ehrwürdigster Überlieferung »Ebijathars Saal« hieß. Dieses nach dem berühmten Hohenpriester und Weisen der Davidzeit genannte Gemach verdiente aber den tönenden Namen kaum. Es war nichts als eine sehr große kahle Bauernstube, deren niedrige Decke auf einigen kunstlosen Steinsäulen ruhte. Da Ebijathars Saal im Innern des Hauses lag, besaß er kein Tageslicht, weshalb es hier immer kühl und dunkel war, für den größeren Abschnitt des Jahres ein unschätzbarer Vorteil. Diese beständige Finsternis im gemeinschaftlichen Wohnraum brachte es mit sich, daß auf dem Speisetisch der Familie stets die Lampe brannte, die nicht nur für die Kinder, sondern auch für alle Anverwandten und Fremden »die Lampe des Vaterhauses Hilkijah« war, ein zugleich nützliches und bedeutungsträchtiges Licht. Schon das Brauchwort sagte beim Aussterben eines Geschlechtes: »Die Lampe des so und so geheißenen Vaterhauses ist erloschen.« Die Lampe auf Hilkijahs Tisch war gewissermaßen eine ewige Leuchte, deren Öl man nicht ausgehen ließ zum Zeichen der mit Gottes Hilfe soviele Zeitalter schon fortbestehenden Sippe. Der Tisch aber, der seit undenklichen Tagen diese Sippe um sich versammelte, war ein umfangreicher, wenn auch etwas niedriger Tisch von hartem, wurmstichigem Holz. Es mußte Platz in Fülle vorhanden sein, denn war Hilkijahs Sohneszahl auch recht bescheiden, den nachlebenden Geschlechtern sollte der Vatertisch nimmer zu eng werden. Heute am ersten Tage nach dem Passahabend standen rings um ihn nur dreizehn Kissim, wie man die Stühle nannte, die eigentlich kurzfüßige mit Fellen bedeckte Hocker waren.

Zur festlichen Mahlzeit hatte sich das »innere Vaterhaus« eingefunden, die Eltern, die verheirateten Söhne mit ihren Frauen und größeren Kindern und, wenn man von zwei gastlich bewirteten Persönlichkeiten absieht, nur noch Jirmijah. Obadjah, der älteste Sohn, das künftige Oberhaupt des Hauses, liebte es, bäurisch laut mit rauhen Kehltönen zu sprechen, wodurch schon er zu verstehen gab, daß die ganze Last der Wirtschaft und des Gedeihens auf seinen Schultern liege. Woher sollte der Tragesel und Zugochse des Vaterhauses Zeit und Wesensart hernehmen, sich durch vornehme Sitte oder geistesfeine Rede hervorzutun? Wie tat ihm, dem redlichen Klotz, der er war, die Mutter doch unrecht, die nur ein Herz für Jirmijah besaß, und der ehrwürdige Vater dazu, der für die Erfordernisse des Lebens niemals den tätigen Sinn besessen hatte! Über diese hochfahrende Verkennung kerniger Tüchtigkeit war sich nicht nur Obadjah im klaren, sondern auch Mocheleth, sein Weib. Ihr Mann arbeitete für alle, ohne Lohn und Dank. Mocheleth war sehr häßlich, und wie dieses Wort schon verrät, besaß sie die Neigung vieler Häßlicher zum Haß. Daß Obadjah ihr Lager längst nicht mehr teilte und sich dafür an jeder jungen Hausmagd und Feldsklavin schadlos hielt, das mußte sie nicht nur hinnehmen, sondern sogar billigen. Um so grimmiger aber zehrte an ihr der Undank und die Überhebung, mit der ihrem Obadjah, dem Wohltäter und Nährer des Vaterhauses, von gewisser Seite begegnet wurde. Daß in Abis und Jirmijahs enger Gemeinschaft die Ursache dieses Mißstands lag, darüber hatte sie von Anfang an keinen Zweifel gehegt.

Eine ganz andre Art als Obadjah mit seinen schweren Händen, dem Besitzerbauch und der kehligen Stimme, verkörperte sich in Joel, Hilkijahs zweitem Sohne. Nur von Zeit zu Zeit, meist vor Sabbath, Neumond und den hohen Feiertagen, tauchte er im Hause auf, denn sein Lebensgeschäft bestand im Reisen. Ihm oblag es, den Überschuß der auf Hilkijahs Gütern hervorgebrachten Erzeugnisse rings im Lande und in den Ländern zum Verkauf zu bringen. Mit seinen Lasttieren und Warenwagen, die Gerstenmehl, Öl und Wein, Lamm- und Ziegenhäute, Gewürze und Spezereien, Flachs, Garn und Leinwand in schönen Mengen bargen, reiste Joel auf den wohlgepflegten Heerstraßen der Welt bis hinauf nach Damaskus, bis hinab nach Noph im Lande der Knechtschaft und westwärts in die regsamen Hafenstädte Tyrus und Sidon.

Außer den Eltern, den Söhnen, den Schwiegertöchtern, den halbwüchsigen Enkeln waren noch zwei eingeladene Fremde erschienen.

Das Mahl ging unter tiefem Schweigen vor sich. Vater Hilkijah geruhte nicht, eine Unterhaltung zu eröffnen. Nicht einmal seine Enkelkinder bedachte er mit einem launigen Scheltwort oder einer scherzhaften Belehrung, wie es der Jugend gegenüber an einem festlichen Tage des Herrn angemessen ist. Obadjahs und Joels Kinder spürten deutlich den Druck, der heute auf den Erwachsenen lastete. Mit eingeschüchterten Mienen saßen sie da, während sie sich unter dem Tisch erregt anstießen. Großvater hatte Kummer. »Kummer haben« nannte man in Hilkijahs Geschlecht jegliche Art von Verdüsterung, die sich auf dem Antlitz seines Oberhauptes zeigte. Wenn ihm auch der Grund für handgreifliche Kümmernisse fehlte, so versäumte es der alte Mann doch nicht, mit den Jahren immer reizbarer das Schicksal seines Hauses zu beargwöhnen. Sollte er sich als Letzter vom Geschlecht Elis, der die Würde des Herkommens bewahrt hatte, zu den Vätern versammeln? Wußten diese Söhne überhaupt noch von der Weihe, die auf einer Priestersippe lag? Da saß Obadjah, sein Ältester. Ein trefflicher Landmann und Wirtschafter, wer leugnete es! Er ließ die Erde prüfend zwischen den Fingern gleiten, er stapfte breitbeinig feldüber, er füllte die Scheuern. War dieses aber die angemessene Tätigkeit eines Priestersohnes? Konnte vielmehr ein Meier oder Verwalter dasselbe nicht ebensogut und jedenfalls unauffälliger leisten? Waren in den Tagen seiner Kraft Hilkijahs Scheuern etwa weniger gefüllt gewesen, obgleich ein Meier ihnen vorstand und er selbst seine fürstliche Muße und seine priesterliche Betrachtung durch niedres Berühren und erwerbliches Sinnen nicht einschränkte? Warum hatte Obadjah, der sich in den Erfordernissen des Lebens so tüchtig umtat, kein königliches Amt angestrebt, um das Ansehen seines Hauses zu erneuern? Obgleich Hilkijah selbst dergleichen niemals angestrebt hatte (wofür er freilich edle Gründe anzuführen wußte), nahm er jetzt Obadjah diesen Mangel an höherem Ehrgeiz bitter übel. Und Joel, sein Zweiter? Dieses handelsmännische Umherreisen, wenn es auch goldne Früchte trug, nötigte dem alten Vater durchaus keine Achtung ab. Zu all dem war Joel, seines Vaters Meinung nach, auch noch ein Flunkerer, der sich vermittels seiner Reisemären und Wunderfabeln daheim wichtig machte. Doch wären Joel und Obadjah auch ganz andre Männer gewesen als sie waren, sie hätten des Vaters Einverstandensein dennoch schwerlich errungen. Dieser alte Mann aus einem andern Geschlechte ersehnte mit Bitterkeit das, was nicht war, während ihn das Seiende in all seinen Möglichkeiten ungehalten machte.

Was aber nun gar Jirmijah, seinen Dritten, anbetraf, so ging diese Geschichte, die Abi ihm weinend anvertraut hatte, über alles Faßbare. Sie war der tiefste Grund seines heutigen Kummers, hatte er doch in dem jüngsten Sohne die Gewähr zu besitzen geglaubt, daß die Hilkijah-Art, das überkommene ruhevolle Priesterwesen, nicht gänzlich aus der Welt verschwinden werde.

Das Mahl war zu Ende. Hilkijah entließ die Kinder und, was die Empfindlichkeit des zu beratenden Gegenstandes verriet, auch die Sohnesfrauen. Nur die Mutter blieb unter den Männern. Der Alte hob die Lampe hoch, um alle zu mustern, ehe er das Wort nahm:

»Jirmejahu, jüngster Sohn, deine Mutter hat mir berichtet, was du ihr heute berichtet hast. Und ich habe wiederum deinen Brüdern davon gesprochen ... Der jüngste Sohn möge uns nun eingestehn, wie ich es von ihm hoffe, daß er noch nicht völlig wach war, als er am Morgen zu seiner Mutter sprach ... und daß er nun selbst einsieht, ein sehr lebhafter Traum sei zu ihm gekommen ...«

»Es war kein Traum, der zu mir kam ...«

»Auch Träume sollen nicht leichtgenommen, sondern mit Scharfsinn erwogen werden ...«

»Ich war wach, wie ich jetzt wach bin ... Möge es mir mein Vater doch glauben ...«

»Willst du damit sagen, daß es so wirklich gewesen ist, wie wir alle um diesen Tisch hier wirklich sind, Jüngster?«

»Wie wir alle um diesen Tisch hier wirklich sind, so wirklich ist es gewesen ...«

Auf dieses kurze Verhör folgte lastende Stille. Jirmijah aber spürte eine gänzlich neue und grundlose Erbitterung, ja einen fremdartigen Haß, der ihm entgegenströmte. Zwischen ihm. und den älteren Brüdern hatte es niemals Freundschaft, doch auch niemals Zwist gegeben. Jetzt aber starrte ihn Obadjah wie ein Mörder an. War dieser Blick schon die Folge der Berührung durch den Herrn? Der Vater aber beherrschte um der Würde willen seinen Unmut, denn er sprach leise:

»Es gibt auch heute noch solche, zu denen der Herr mit seiner Stimme kommt und sie aufsucht, wer leugnet es ... Man begegnet so manchem, der dieses von sich selbst behauptet ... Jüngster Sohn, wer könnte da nachprüfen und Täuschung von Wahrheit unterscheiden? ... Die Tage des Altertums sind vorüber, und in diesem naseweisen Geschlecht wird kein Mose, kein Samuel, kein Elijah aufstehn ... Warum sollte seine Stimme zu unsresgleichen kommen, Jirmejahu, warum gerade zu dir?«

»Warum gerade zu ihm«, brauste Obadjah auf, »das will ich offen heraussagen, Vater und Mutter. Weil ihn die Mutter verzärtelt hat, weil ihn der Vater die Strenge seiner Kraftjahre nicht mehr fühlen ließ, die ich zu meinem Nutzen in Fülle genossen habe. Keiner sprach zum Jüngsten. Die einzig wahre Arbeit, die Arbeit mit den Händen, hat ihn niemand gelehrt. Die leistet ein andrer, ein Grober, ohne Unterstützung und Dank. Wozu führt es, kann einer den Spaten nicht halten, dafür aber Geschriebenes drehen und wenden!? Zum Traumwahn führt es, zu Narrheit und Aberwitz, wie wir es nun sehn ...«

Einen solchen Ausbruch hatte Hilkijahs strenger Vatertisch noch niemals erlebt. Angesichts der Eltern befleißigte man sich sonst eines gesetzten Tones und verbarg kunstreich die bitteren Empfindungen, die jede Familienrunde beherrschten. Abi hob erschrocken die Hände wider die verletzenden Worte. Hilkijah blickte finster ins Licht. Schamarjah, der Erzbettler, nickte zustimmend, wofür er seine guten Gründe hatte, denn Obadjah war der künftige Hausvater, dem er die Wohltat, sich von ihm bewirten zu lassen, erhalten mußte. Der Blinde, der nichts zu verstehen schien, lächelte wehleidig in die Luft. Jirmijah selbst dachte daran, wie dreist Obadjah lüge, wenn er von seiner Hände Arbeit prahlte. Denn nicht Obadjah stieß den Spaten in die Erde und schnitt die Pflugschar in die Furche, sondern dies taten die Leibeigenen und Hörigen auf den weiten Gütern des Geschlechtes. Dafür aber wurden diese Armen jedes siebente Jahr um den Freilaß und die rechtmäßige Auszahlung geprellt, die ihnen das Gesetz Gottes zubilligte. Der Gedanke daran bedrängte Jirmijah heftig wie eine eigene schwere Verfehlung. Joel indessen, der geschmeidige Handels- und Weltmann, versuchte die Wirkung der Worte Obadjahs zu mildern:

»Der älteste Bruder hat Kräftiges über die Arbeit gesprochen ... Auch ein Vielreisender wird ihm darin zustimmen, daß sie gesund erhält, während die Versenkung in Wort und Schrift gar leicht zu Krankheit führt ... Den Unberufenen reißen die Bilder der Schrift in die Unterwelt, so sagen die Weisen in Taphanches ... Mancher nimmt sich den Kopf ein und verliert ihn zuletzt, was aber, will's Gott, auf den Jüngsten noch nicht zutrifft ... Möge Obadjah, mein Bruder, einen Widerspruch entgegennehmen: Es gibt auch andre Arbeit als mit Pflug und Egge und im Rinderstall ... Der Mensch soll sich von der Erde nähren, nicht die Erde vom Menschen, ein Spruch Babels ... Nicht jeder ist für den Acker und die Hürde geboren ... Die Welt zu erproben in all ihren Völkern und Ländern, ihr Rede zu stehn in allen Sprachen und mit flüssigem Wort das Eigene abzusetzen wider das Fremde, auch das ist harte, aber fördernde Arbeit ...«

Mit eindringlicher Milde wandte sich Vater Hilkijah an Jirmijah:

»Siehe, mein Jüngster, ich kenne so manche, die dasselbe von sich behaupten, was du selbst zu deiner Mutter behauptet hast ... Es sind zumeist Männer mit wirren Haaren und wilden Barten, über die kein Schermesser, doch auch kein Kamm kommt ... In rauhe Mäntel kleiden sie sich, nur um aufzufallen und von sich reden zu machen ... Sie mischen sich mit geifernder Stimme in die Geschäfte des Königs und seiner Fürsten; das Volk aber wiegeln sie mit ihren Weissagungen auf ... Und was helfen alle Weissagungen? ... Ehe sie eintreffen, bessern sie nichts, und sind sie eingetroffen, nützen sie niemandem ... Willst du diesen Männern gleichen?«

»Nein, diesen Männern will ich nicht gleichen«, flüsterte Jirmijah gequält und senkte den Kopf. Es war ihm bisher der Gedanke noch nicht gekommen, daß auch aus ihm eine von diesen widrigen Gestalten werden könnte, die im Lande umherzogen, Menschen um sich versammelten und mit schäumendem Wort auf sie einhieben. Er schauderte jetzt vor diesem Bilde zurück. Von Hilkijahs Haupt aber war das weiße Tuch zurückgerutscht, so daß sich die bleiche Stirn und der schmale Greisenschädel unbedeckt emportürmten. Noch niemals war dem Sohne sein unzufriedener Vater so ehrwürdig erschienen wie jetzt. Noch niemals hatte er mit seinem eigenen Wesen den väterlichen Worten so restlos zugestimmt.

»Vernimm, Jirmejahu«, hob Hilkijah an, »es ist nichts Geringes, in einem Geschlecht zu stehn, das bis in die Vorzeit zurückwandelt ... Dort in der Truhe liegen die Tafeln, in denen die Väter dieses Vaterhauses eingezeichnet sind, Vater vor Vater, bis hinauf zu Aaron, priesterlich alle ... Priester wahren die Ordnung des Herrn, ohne abzuweichen ... Von deinen Brüdern rede ich nicht, ihre Gedanken sind nicht meine Gedanken ... Doch ich, ich selbst, dein Vater, meinst du nicht, ich hätte hervortreten können aus dem Dunkel in meinen Tagen? ... Ich tat es nicht, der Herr weiß warum ... Und jetzt kommst du, Jüngster, mit Gesichten und Stimmen und Gottworten? ... Der Herr kann mit Gesichten und Stimmen aus seiner eigenen Ordnung treten, wenn es ihm beliebt ... Du aber nicht ... Du kannst den Tollen und Eifernden nicht gleichen, denn ein Priester bist du ... Glaubst du nicht also, Jüngster?«

»Ich glaube also, Vater«, sagte Jirmijah, ohne den Kopf zu heben.

Hilkijah führte erschöpft den großen silbernen Geschlechtsbecher, der vor ihm stand, an die Lippen, um seine gereizte Kehle zu laben. Dann atmete er auf:

»Es ist sehr gut, daß du also glaubst ... Mögen wir doch davon nie wieder reden müssen ...«

Ein langer Blick Jirmijahs traf den Vater:

»Wenn ich auch also glaube, so steht es doch nicht bei mir ...«

»Was steht nicht bei ihm?? ... Und bei wem steht es??«

Diese Frage hatte mit lauerndem Knurren Obadjah gestellt. Der jüngste Sohn aber wandte seine Augen nicht vom Vater:

»Nicht ich entscheide ... Sondern der entscheidet, welcher mich aussendet ...«

»Da hört und habt ihr es!« schrie Obadjah außer sich und hieb seine Pranke auf den Tisch, »das ist schon das Gerede der Tollfrechen, wie man es kennt ... Hat er nicht alles, was er braucht? ... Wird nicht gesorgt für ihn, der keinen Finger rührt? ... Wahrlich, sein Anteil liegt nicht brach ...«

Die Mutter winkte dem ältesten Sohne verzweifelt ab, auf Hilkijah weisend:

»Der Vater ist noch nicht zu Ende mit seinem Wort ... Treffliches hat er ersonnen ...«

Hilkijah räusperte sich schwer, ein müder Mann, der langen Reden nicht mehr gewachsen ist:

»Jüngster, ich will für dich tun, was ich für meine andern Söhne nicht getan habe ... Ihr Sinn freilich taugte auch nicht dazu ... Ich, der ich schon sehr alt und krank bin, ich werde meinen Leib martern, ihn auf die Eselin setzen und hinaufreiten nach Jerusalem  ... Ich, der ich kein Ungemach und keine fremde Schlafstatt mehr ertrage, ich werde Herberge nehmen in der Stadt ... Ich, der ich von den Großen nie etwas erbeten habe, ich werde mich bücken und bittlich werden für dich ... Du hast Ehrendienst im Tempel getan und vor den Ohren des Königs das Wort gelesen ... Im Tempel aber walten die Söhne Zaddoks, der Ebijathars bitterer Feind war .. In dir will ich Versöhnung anbieten zwischen Ebijathar und Zaddok nach vielen Menschenaltern und bitten, daß mein Jüngster in die höchste der Ordnungen aufgenommen werde ...«

Wer Hilkijah kannte, seinen unbefriedigten Stammesstolz, seine Verachtung der Gegenwart, seine verbissene Eigensucht, seine bittere Unlust, Beschwerden zu tragen, ja sich nur einige Schritte vom Hause zu entfernen, der mochte über die wahrhaft väterliche Großmut und Selbstüberwindung dieses Anerbietens nicht wenig erstaunt sein. Die älteren Brüder saßen starr und bleich vor Eifersucht. Sie, die sich für Größe und Wohlstand des Hauses ruhelos abmühten, sie kränkte der Vater mit jedem Wort. Den Nichtstuer und Nichtsnutz aber erhob er über sein eigenes hochbewußtes Selbst. Mutter Abi machte beschwörende Gebärden zu Jirmijah hin, er möge den günstigen Augenblick wahrnehmen und nichts verderben. War es nicht ihr stiller Wunsch seit je, daß ihr Lieblingskind geistlich sei, nicht nur dem Stamme, sondern auch dem Amte nach? In dem Aufleuchten ihrer Mutteraugen konnte Jirmijah jetzt seinen eigenen Aufstieg lesen, von Rang zu Rang bis zum Hohenpriestertum eines neuen Ebijathar. Gab es einen herrlicheren Beruf, als dem Herrn offen zu dienen in der Schar seiner erprobten Diener? Dies einzig war nach dem Wahrwort des Vaters einem Priestersohne angemessen, das Unbekannte, Ungeordnete, das große Andre widersprach ihm. Welche Sehnsucht in seinen drängenden Gedanken, das Anerbieten des Vaters anzunehmen, den Wunsch der Mutter zu erfüllen. Doch die Worte, die er sprach, gehorchten diesen Gedanken nicht:

»Mein Vater bleibe in Ruhe daheim ... Denn nicht darf ich als Priester im Tempel dienen ...«

Jetzt fuhren alle auf. Obadjah schlug ein Hohngelächter an, in das der Erzbettier einstimmte. Doch selbst für den vermittelnden Geist Joels, der Streit und Lärm nicht liebte, war diese Zurückweisung der unerhörten Väterlichkeit zu viel. Er packte Jirmijah bei beiden Armen und schüttelte ihn:

»Du Rasender und Verrückter ... Nun sprich endlich, was dein Wunsch ist?!«

Jirmijah befreite sich, stand wie in Traum gehüllt, schloß die Augen, als lausche er einem Einflüsterer. Seine Lippen zuckten leer. Endlich entrang es sich seiner verengten Kehle:

»Mein Wunsch ist, ... daß ihr meiner nicht mehr gedenken möget ...«

   

Für die erste Nacht nach der Festwoche hatte Jirmijah seinen heimlichen Abschied vom Vaterhause angesetzt. Eine bittere Feierzeit war das gewesen. Der Vater hatte kein Wort mehr mit ihm gesprochen. Seine Brüder begegneten ihm mit offenem Hohn. Ja selbst die Bruderkinder liefen vor ihm mit abscheulichem Kichern davon wie vor einem Gezeichneten. Er war ein Gezeichneter in seiner Sippe. Durch den Besuch des Herrn! Was sie ihm vorwarfen, freilich, das konnte er nicht ergründen. Überhebung, Absonderung, Narrheit?! Was half das alles? Es war einmal so, blieb der wirkliche Grund auch verborgen.

Endlich brach die Nacht des heimlichen Abschieds an. Alles war vorbereitet. Baruch wartete mit den Eselinnen an der schadhaften Stelle in der Umfassungsmauer. Jirmijah aber zögerte noch immer. Sein Herz war nicht zu Kampf und Streit geboren. Deshalb hatte er sich ja entschlossen, das Haus in aller Stille zu verlassen. Nicht einmal für den Herrn wollte er die Schuld auf sich nehmen, an seinem Vater ungehorsame Härte zu üben. Warum nur war der Herr gerade auf ihn verfallen, der so leicht litt, der so wenig Kraft besaß, Schmerz zu erregen und zu ertragen? Hatte er nicht härtere, kältere, stärkere Seelen in diesem Volke für sein Vorhaben zu finden gewußt?

Er stand noch immer in seiner Knabenkammer. Durchs Fenster wanderte sein Blick den alten Weg gen Norden, wo sternlose Mitternacht herrschte und nichts zu unterscheiden war, nicht einmal der Umriß des verfallenen Weihtums. Mit einem Seufzer riß er sich von dem Fensterblick seines bisherigen Lebens los. Dann füllte sein lautloser Schritt den nächtlichen Mittelgang des Hauses, wie so oft. Jetzt aber kehrte er nicht heim, sondern ging fort, das Bindende für immer zu meiden. Vor dem Elterngemach hielt er an und horchte. Auch seiner Mutter hatte er nichts von diesem Entschluß gesagt. Da war's ihm plötzlich daß für Abi, der von ihm nichts verborgen blieb, auch sein heimlicher Abschied nicht verborgen geblieben war. Kaum hatte er dies gedacht, als ihn schmächtige Arme umfingen. Aus der Dunkelheit erzeugt, stand Abis kleine Gestalt, nicht sichtbar, nur fühlbar, vor ihm.

»Meine Mutter«, flüsterte er, »ich habe immer gewußt, daß du alles weißt ...«

Da sie Angst hatte, Hilkijah zu wecken, hauchte sie kaum vernehmlich:

»Ich habe gewußt, daß mein Jüngster ohne Abschied geht ...«

»Und hast du mich kommen gehört, Mutter?«

»Ich habe nicht gehört, ich hab's gefühlt ... Und trat hinaus, damit Jirmijah nicht ohne Abschied gehe ...«

»Was hätte neues Reden geholfen? ... Es muß doch so sein, Mutter ...«

»Ich weiß, daß es so sein muß ... Denn Er sendet dich fort ...«

Er zog sie an sich:

»Ich bin nicht treulos, Mutter ...«

Abi gab keinen Laut von sich. Jirmijah konnte nicht erkennen, ob sie schwieg, um Tränen zu verbergen. Er hob ein wenig sein Flüstern:

»Sprich auch zum Vater, daß ich nicht treulos bin ... Es ist schwer für einen Mann, ohne den Segen seines Vaters hinauszugehn ...«

Im Gemach knarrte das Lager.

Hilkijahs strenge Stimme durchschnitt das Dunkel:

»Wo bist du ... Mit wem redest du da?«

Abis Antwort kam schon aus dem Innern des Gemaches:

»Hier bin ich ... Mit wem soll ich reden? ... Du hast geträumt ...«

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.