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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 31
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
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Dreißigstes Kapitel.
Der Tempel

Noch stehen die Mauern Jerusalems bis auf die äußeren Ringe Ephraim und Benjamin, die sogleich nach der Eroberung geschleift worden sind. Babel läßt sich Muße, Veste und Stadt dem Erdboden gleich zu machen. Zuerst soll das Fleisch aller Erschlagenen und von der Pest Hingerafften, die auf den Straßen und in den Häusern umherliegen, von den Knochen gefault sein, damit die Seuche nicht um sich greife. Während die Vögel in ziehenden Wolken den Himmel des ganzen Landes beleben, so sind sie über Zion als stetigmassige Wetterwolke zusammengeballt, die sich schwärzlich kräuselt, aber nicht weicht. Den Vögeln des Himmels setzt das Getier des Feldes und das Gewild der Wüste gierige Nebenbuhlschaft entgegen. Das lungernde Besatzungsheer Mardukhs, das in vorsichtigem Abstand vor den Mauern zeltet, läßt Luchs, Fuchs und Wildhund, Wolf, Schakal und Hyäne ruhig als willkommenes Putz- und Scheuervolk gewähren. Erst bis der Tod trocken und gefahrlos geworden ist, soll das letzte Werk der Zerstörung beginnen.

Über das träge Besatzungsheer ist ein grämlicher Großtartan gesetzt, ein älterer Mann, den der nicht besonders ehrenvolle Wachtdienst an diesem Gestade der Verwesung mächtig verdrießt. Er hat seinen Dienstsitz vor dem Quelltor in einem Lusthaus der königlichen Gärten aufgeschlagen. Dort muß jeglicher vor sein Antlitz treten, der aus irgend einem Grunde die vernichtete Stadt zu betreten wünscht. Der Befehlshaber, der, wahrscheinlich auch aus Mißlaune, stets gepanzert und behelmt vor dem Lusthause sitzt, schlägt jedoch jedermann diesen Wunsch, ab, ausnahmslos und in allen Fällen, handelt es sich selbst um einen Sohn, der den Leichnam seines Vaters sucht. Jerusalem darf niemand betreten. Ihre Steine gehören nicht mehr der Stadt selbst an, geschweige denn dem ausgetriebenen Volke, sondern Babel. Babel aber vermutet, daß noch viele und große Schätze nicht gehoben sind. Nach dem Fall der Stadt hatte man sie achtundzwanzig Tage lang um und umgewühlt, denn als sehr reich galt ja der Gott Jakobs und seine Bürgerschaft. Alles Winkelwerk des Tempelberges war aufgesprengt und nach Gold und Edelstein durchforscht worden, ebenso wie die andern Stadthügel, in welchen die Grundfesten Zions wurzeln. Dann erst hatte man an siebzig Stellen zugleich Feuer in den verschiedenen Bezirken gelegt. Die Stadt aber ist groß und das Feuer geht, nachdem es seine erste Gier gestillt hat, hartnäckig und sparsam mit seinem Futter um. Auch jetzt, nach so vielen Tagen, glost es noch allenthalben. Da und dort springt plötzlich eine Flamme hoch auf. Dicke Rauchbänke liegen über der Tempelstätte.

Der Tartan weist Jirmijah mit seiner Bitte nicht ab. Drei Jahre lang ist er belagernd vor dieser Stadt gelegen, kennt den ruhmvollen Mann des Stadtgottes und weiß, daß Mardukh ihn allen Männern dieses bedenklichen Volkes vorzieht. Aus diesem Grunde entschließt sich der verdrossene Nergalide sogar, den Friedensgruß des Gottesmenschen brummend zu erwidern.

»Was willst du, was suchst du dort im Tempel?« erkundigt er sich mit schlecht verhehltem Argwohn.

»Antwort«, versetzt Jirmijah gelassen, unter welcher Ein- oder Zweisilbigkeit der Kriegsmensch sich nichts denken kann, was ihn aber über die Absichten des Gottesmenschen beruhigt, der, wie alle Narren dieser Art, keinen Sachen, sondern nur Worten nachzujagen scheint und deshalb keine Gefahr bedeutet. Der Tartan winkt den Wachen. Der Weg wird freigegeben.

Der erste Schreck, der Jirmijah anfällt, ist die Schändung der königlichen Gräber. Jirmijah schreitet rasch mit verhülltem Haupt an der Schändung vorbei. Der Anblick nackten Totengebeines ist nicht minder peinlich als der Anblick einer entblößten Scham, denn das Geheimste wird in beiden Fällen wehrlos preisgegeben. Nun liegen sie durcheinandergeworfen, die Schädel und Knochen der Könige, die seit Davids Tagen geherrscht, gut oder böse.

Als er aber durchs Tor hindurch den ersten Schritt in die Stadt tut, wirft sich auf ihn der würgende Pestgeruch, den Jerusalem aus faulendem Fleisch und verkohlendem Schutt weit hinaussendet ins Land. Zion, die hochgebaute, die freudige, hat sich in einen einzigen Stinkpfuhl verwandelt. Ja, hinabgestürzt in den Stinkpfuhl hast du die Tochter, die Purpurgewandete, die Schöngeschmückte, Üppige, mit ihren gemalten Brauen und vergoldeten Nägeln, unausdenklich, unausführbar. Was sind Gesichte der Nacht, auch die schärfsten, gegen dieses Gesicht des hellen Nachmittags, der das Entsetzen in Gold faßt, ohne Kummer!? Ich hab's ja geschrien und ausgerufen und abgemalt, immer und immer wieder. Doch ein bläßlicher Vorschatten nur waren die Angstgesichte, Herr, die du in mir erwecktest, gegen dieses, gegen dieses Wahrgesicht! Hier durch diese Gasse bin ich geeilt und habe zum Gespötte der Buben geschrien aus meiner Angst: »Sehet euch um und rufet die Klageweiber zuhauf, daß sie kommen! Sendet zu den kundigen Frauen, damit sie sich beeilen und ein Jammergeheul über uns erheben!« Ja, du hast sie schnell gesandt, die Klageweiber. Flügelschlagend krächzen, schrillen und kreischen sie hoch über mir. Wie treu hältst du dein Versprechen! Gleich dem Dünger liegen die Leichen, wie Garben hinter dem ausschreitenden Schnitter, die niemand aufliest und bindet. Wehe, nicht nur gehalten, sondern verzehnfacht hat die Erfüllung dein Wort. Und ich habe gehofft bis zur letzten Stunde, daß auch in dir Übertreibung ist, wie in des Menschenkindes Rede. Wahrhaftig, nun ist der Tod in all ihre Fenster gestiegen und in die Hallen der hohen Paläste gestürmt. Die spielenden Kinder hat er an der Hausmauer zerschmettert und die fliehenden Jünglinge in den Rücken getroffen. Wonne der Mütter, duftiges Lebensfleisch, Milch und Blut ohne Falsch, schöngeschwungene Hände und Füße, Gliederchen voll süßer Zier, hast du sie nur gepflanzt, um sie zu zertreten!? Ich komme um Antwort, unnachgiebig an diesem Tage. Ich betrete zum letzten Male dein zerstörtes, entweihtes Haus, um zu sehen, zu hören, zu wissen!

Unaufhaltsam geht Jirmijah diesen schwersten Weg all seiner Wege, schwer nicht allein für die Seele, sondern auch für die Füße. Wie vermöchte man rasch vorwärts zu kommen in diesem beständigen Trümmersturz und Steinschlag, der alle Gassen verlegt und unkenntlich macht, so daß man nicht weiß, ob man innerhalb oder außerhalb der zerhämmerten Häuser wandert. Es ist wie ein sinniger Fluch, daß der Tartan nur diesen einzigen Weg offenhält, der Jirmijah zwingt, die ganze Stadt vom Süden her zu durchqueren, um zur Burg und zum Tempel zu gelangen. So geht kein Stäubchen seinen Sinnen verloren. Auf und ab führt die schreckliche Wanderung. Hier muß ein Stockwerk erstiegen, dort eine Sturzgrotte durchkrochen werden, um auf der Gasse weiter zu kommen, die keine mehr ist. Der Fuß stolpert bei jedem Schritt, bleibt zwischen Quadern hängen, um die es sich schon giftig grün rankt wie aus einem fauligen Sumpf. Mitunter aber tritt die Sohle auf Weiches, Glitschiges, und dann fährt es wie ein Blitzschlag durch das Leben des Lebens. Verdreht und verkrümmt liegen sie da im Schutt, die Kinder Rahels, und blecken ihre schwarzen, oft schon geplatzten Angesichter höhnisch zum Himmel. Jedes dieser toten Kinder Rahels ist eine unnachgiebige Frage an die Undeutlichkeit Zebaoths. Jirmijah nimmt all diese Fragen in die seinige auf. Die Geier mit ihren rötlich langen Rumpelhälsen im struppigen Gefieder lassen sich durch seinen Schritt nur wenig stören. Sie hüpfen zwei Ruten weiter und sind wieder bedient. Dann und wann prellt eine niedrig schleifende Kruppe einer prallgefressenen Hyäne blitzschnell ins Gemäuer wie ein unanständiger Gedanke. Manches Haus hat der Gerichtstag plötzlich überrascht. Das zeigt der mit Bechern und Schüsseln gedeckte Vatertisch, der aufrecht steht in schreckerstarrter Traulichkeit. Nur die Stühle sind beim Aufbruch der vergeblich Flüchtenden umgestürzt.

Endlich hat Jirmijah die Unterstadt, die Unterwelt überwunden und steht vor dem Südtor der Hofburg. Hier haben die rasch herangeführten Geschütze Babels riesige Breschen in die Mauern gelegt und die Torflügel eingetrümmert. Überall sieht man die Spuren der letzten Schlacht, die im innersten Bezirke die königliche Leibwache den Eindringenden geliefert hat. Wurfspeere, Stoßlanzen, Pfeilbündel, Schleudergeschosse liegen zuhauf, und das weiße Steinpflaster ist schwarzgemustert von vertrocknetem Gallenblut. Jirmijah durchschreitet das Burgtor. Noch immer glimmen und qualmen die tausendjährigen Zedernbalken des zusammengesunkenen Libanonwaldhauses. Gerichtshalle und Thronhalle, die Amtsplätze, die Wohnpaläste, das Frauenhaus, die Nebenbauten, die Stallungen, Vorratshäuser, Wachtzimmer, Türme, rauchend Sturz neben Sturz, Schutthaufen bei Schutthaufen, aus denen Flammen schlagen. Auf dem Wachthof seiner Gefangenschaft läßt sich Jirmijah nieder. Er sendet seinen wieder ruhigen Blick aus. Wie klein ist dies alles doch im Baufall, was ihm einst im Baustand so groß erschien! Jedes zerstörte oder abgetragene Haus, und sei es ein Palast Mardukhs gewesen, ist in seiner Nichtigkeit erschreckender als ein Grab. Es zeigt, wie wenig Fläche, wie wenig »Stelle« der Mensch mit seinem ganzen Lebenswirbel und Machthaben zu bedecken vermag.

Plötzlich wird Jirmijah zornig über sich selbst, daß er Baruch als höchste Verheißung auf dieser tödlichen Erde zugesprochen hat, er würde sein Leben »zur Beute« haben. Nun versteht er den Jünger, der dieses Wort grimmig zurückwies. Oh, klägliche Verheißung, nichts andres zur Beute zu haben als dieses Leben; noch einige Tage oder Jahre länger inmitten des ungeheuren Verwesungsgestankes sich hinschleppen zu dürfen, nach solchem Dienst, nach soviel Plage und Vergeblichkeit! Jirmijah beginnt inmitten der zerstörten Burg eine Unterredung mit Adonai zu suchen, den »Dienst« betreffend: Wahrlich, du hast mich zum Dienst verwendet ohne Urlaub. Herr, deswegen bin ich dir nicht gram, denn ich war ja dein Knecht. Glaube nicht, daß ich wiederum in fruchtloses Rechten verfalle wie in alten Tagen. Alle Anfechtungen sind überstanden, und ich nehme und gebe wortlos hin, was du gibst und nimmst. Mein stärkstes Willensbegehren habe ich besiegt und gehe nicht nach Babel mit den Lebendigen, sondern nach Ägypten mit den Toten, da du es gebietest. Eines aber, Herr, verstehe ich an der Liebe nicht, die in dir ist. Du befiehlst uns in deiner Lehre, gerecht zu allen Arbeitern zu sein. Mit mir aber bist du so hart umgegangen wie die Gesetzesbrecher in Israel mit ihren Sklaven. Vergib, Herr, wenn ich Törichtes mit dir rede, es dringt ja nicht über die Lippen. Ich klage nicht, daß du mich schonungslos aussandtest: Spring dahin, spring dorthin! Sprich dies, sprich das! Ich bin gesprungen und habe gesprochen, was mich in den Block, in die Gewölbe und in den Stinkpfuhl brachte. Noch tausendmal mehr hätte ich tun wollen und ausstehn, wenn's nur ein wenig gefruchtet hätte! Der Leib, den du geschaffen hast, kann ohne Nahrung nicht sein, die Seele aber, die du geschaffen hast, nicht ohne Lohn. Meine Seele jedoch nährtest du mit Vergeblichkeit von Anfang an. Und nun der Gerichtstag da ist, nun gibst du mir nichts als mein nacktes Leben zur Beute. Dieses aber kann mein Lohn nicht sein, denn es wäre schlimmer als kein Lohn. So oft du mich, den Knecht, zu deinem Dienste verwandtest, da hast du mit deiner Stimme klar und deutlich gesprochen. Doch wenn ich dich suchte, ich, Jirmijah, ein Hinfälliger und Bedürftiger, da entzogst du dich meiner Liebe und gabst mir keine Gemeinschaft. Hörst du mich, Herr, der ich hier schweige, aus dieser Vernichtung zu dir schreien!? Um eine Antwort, um ein Zeichen deiner Liebe schreie ich nach all diesem Strafgericht, das du über die Lebendigen bringst, die ohne ihren Willen ins Leben getreten sind! Nun werde ich mich sammeln, Herr, und dein zerstörtes und entweihtes Haus betreten zum letztenmal, ehe ich hinabziehe unter verlorenen Schatten zu den Schatten des Westlands. Wenn ich dein entehrtes, verheertes Haus betrete, Herr, Herr, die Kammer deines Allerheiligsten dem Hohenpriester gleich, dann gib mir meinen Lohn, dann sei auch du da, dann zeige dich!!

Solange der Tempel stand, hatte niemals ein Mensch sein Geviert in völliger Einsamkeit betreten. Jirmijah ist die erste Seele, die dem Hause des Herrn, das nun in Schutt liegt, ohne Gemeinde naht.

Es tut not, daß der Letzte, der priesterlich dieses Haus betritt, großen Mut fasse, denn in der furchtbaren Einsamkeit der Verwüstung ringsum benimmt ihm die Scheu den Atem. Lautklopfenden Herzens setzt Jirmijah die Sohle auf die Stufen, die zur Schwelle der Räume emporführen, welche die Einwohnung umschließen. Er vergißt in diesem Augenblick alles. Er vergißt die Schändung dieses Ortes. Er vergißt, daß ihm der Tempel seit langer Zeit nur wenig mehr bedeutet hat. Er vergißt sogar seinen unnachgiebigen Willen, Antwort zu bekommen, die mehr ist als Gesicht und Raunung. Er sieht das Heilige zuerst. Drei späte Sonnenstrahlen dringen durchs verkohlte Balkengerippe und erhellen ein nüchternes Hochgemach. Nackte Wände, nackter Steinboden, von dem die schmiegsamen Sandeltafeln abgelöst sind. Eine öde, hochgebaute Scheuer aus grauen Quadern! Geraubt ist der Leuchter, der goldene Räucheraltar, der Tisch der heiligen Brote. Auch der vierfarbige Vorhang aus schwerem Wundergewebe ist fort. Leer klafft der Türrahmen ins Allerheiligste ...

Jirmijah zögert näher. Seine Hände zucken. Er will nach dem Brauchgebot das Haupt verhüllen. Doch er verhüllt sein Haupt noch nicht, sondern tritt jetzt, schweratmend, über die aufgerissene Schwelle. Nicht mehr herrscht im Allerheiligsten die Finsternis der Vorschöpfung wie ehedem. Durch die Lücken des glosenden Dachgestühls hoch oben dringt schweres Licht des sinkenden Tages herein, wenn auch nicht viel Licht. Und dennoch, die Urfinsternis, die hier so lange lastete, ist nicht gänzlich gewichen, sondern hat sich nur zu einem schaurig tiefen Dämmer aufgehellt. Im Herzen dieses Dämmers aber ist nichts mehr. Das höchste, das einzig greifbare Heiligtum, das Israel besaß, die Lade mit den Sinai-Tafeln, auf der die flügelbreitenden Cherubim knieten, auch sie ist verschwunden ohne Spur. Die Kammer der innersten Einwohnung gähnt leer wie das Herz des geschlagenen Volkes. Seltsamerweise liegt nicht einmal ein Stück verkohlten oder glimmenden Holzes auf der Erde. Schon will Jirmijah, rückwärts schreitend, sich entfernen. Doch plötzlich durchzuckt es ihn, so daß er angewurzelt sich nicht bewegt. Ist er nicht der Hohepriester in der Zerstörung? Steht er nicht hier im Allerheiligsten in der Frist zwischen den beiden »furchtbaren Tagen« des Gerichtes und der Versöhnung, die das zerschmetterte Volk nicht mehr feiern kann? Da verhüllt Jirmijah langsam sein Haupt, um das zu tun, was der Hohepriester ein einzigesmal im Jahre an dieser Stelle mit verhülltem Haupte und zitternder Stimme getan hat. Er öffnet seinen Mund und ruft den echten, den wahren, den unaussprechlichen Gottesnamen laut aus und an, den zu nennen der Welt verboten ist:

»J H W H!«

J: das ist die schaffende Hand! H: das ist das Licht des Anbeginns, aus dem alles fließt! W: das sind die verbindenden Arme, Zeit und Raum! H: das ist das Licht des Endes, in das alles wieder eingeht!

Jirmijah hat beschwörend die vier kurzen Laute gesprochen, die den Schöpfer und seinen Weltlauf enthalten. Zum erstenmal im Leben haben seine Lippen den Namen geformt, dessen furchtbare Echtheit keine Seele ergründen kann. Er ist erschöpft und atemlos wie nach einem langen Lauf, als er sein Gesicht wieder enthüllt. Das Licht, das durch das glimmende Balkengerippe in den Dämmer dringt, ist purpurrot geworden. Der Raum hat sich fühlbar verwandelt. Jirmijah blickt scheu umher. Er weiß nicht, worin diese fühlbare Verwandlung besteht. Etwas eindringlich Rufendes ist auf einmal da. Dieses Rufende aber liegt auf der Erde. Nicht größer als eine Handfläche ist es und glimmert schwach. Jirmijah bückt sich danach. Ein Steinsplitter. Er glaubt zuerst, ein Stücklein abgesprengter Mauer in der Hand zu halten. Doch schon empfindet er, wie sonderbar dieser glitzernde Splitter auf der Haut brennt. Da weiß er: Babels Männer haben die Tafeln vom Sinai zerbrochen, in die der Herr selbst seine Gebote geritzt hat. Einen Splitter der verschwundenen Tafeln sendet er mir: die Antwort!

Jirmijah verläßt wie ein Betäubter das Allerheiligste, das Heilige, die Schwelle, den Priesterhof. Auf den äußeren Stufen der Wandelhalle bleibt er vor einer Säule stehn, während alles um ihn schwankt. Er führt die Steinscherbe dicht vor seine Augen, die noch nichts fassen können. Die uralten, tief in den Basalt gegrabenen Schriftzeichen brauchen viel Zeit, um sich zu enthüllen. Das Rot der sinkenden Sonne schwingt sich mächtig auf. Mit krausen, aus dem Zusammenhang gerissenen Lettern ist die Scherbe der Gottestafeln bedeckt. Aus ihrer Mitte aber sticht die Antwort hervor, die mehr ist als Raunung und Gesicht, klar und deutlich:

» Damit du lebest

Jirmijah erschrickt. Gibt ihm der Herr dieselbe Antwort, die er selbst Baruch gegeben hat? Soll auch er durch den verzweifelten Bettel beruhigt werden, daß er aus einem Meer der Vernichtung sein Leben nun als Beute davontrage!? Schon krampft sich seine Faust um den Splitter. Der Herr aber läßt seinen Ausgesonderten nicht länger leiden, sondern fügt der Antwort eine Erleuchtung von solcher Grelle hinzu, wie Jirmijahs Geist sie noch niemals erfahren hat. »Damit du lebest!« Das heißt nicht: Damit du einige Jahre weniger früh sterbest! Das heißt: Damit du den Tod überwindest, habe ich solches an dir getan. Damit Israel das Gericht überwinde, habe ich es gehalten. Aus meiner Hand strömt nur Leben, wie könntest du, der meiner Hand entströmt ist, sterben und vergeblich gewesen sein!? Als ein Sieb habe ich Gericht und Tod geschaffen. Denn ihr sollt am Tode immer lebendiger werden und am Gericht immer reiner. Du hast meinen Namen gerufen. Ich aber antworte dir, indem ich in dein Herz die neue Gewißheit des Überdauerns senke, denn deine Zeit wurzelt in meiner Zeit. Blick nicht umher in diesem Grauen! Blick auf das Zeichen, das ich inmitten dieses Grauens dir heute sende: Damit du lebest! Damit du mein seist, damit ich dein sei, hast du gelitten. Euer Sieg wächst von Niederlage zu Niederlage. Damit ihr lebet! Du schöpfst die Verheißung nicht aus ...

Nicht in Stimme und Wort gefaßt ist diese Erleuchtung von der göttlichen Kriegslist, die von Ewigkeit zu Ewigkeit reicht. Sie ist ein jähes Innewerden, ein unaussprechliches Durchdrungensein vom endgültigen Sieg, das die Besinnung des Mannes an der Säule jauchzend verwirrt.

Jirmijah birgt den Splitter an seiner Brust. Er wird nach Ägypten das unausschöpfbare Wort hinabbringen: »Damit du lebest!« An seinem Herzen brennt die Scherbe mit verzehrender Glut, doch so herrlich, so wohlig, daß er gerne an ihr verbrennen will. Seine Augen überströmen vom Heil. In keiner der Verzückungen seines Lebens war er der Freude Gottes wirklich nahe. Das ahnt er jetzt, da er das erste- und einzigemal ihr nahe ist in Wahrheit. Noch einmal flutet die Sonne blendend auf. Jirmijah hält seine Hand vor die Augen, um sich vor dem Übermaß des Lichtes zu schützen, das alles ertränkt. Um sein Gelenk trägt er noch immer das Band mit dem Segen, das die Mutter ihm schenkte. War es heute? War's vor undenklicher Zeit?

 

Nachwort

Franz Werfel hatte die Niederschrift des Jeremias-Romans beendet, als ihm die Idee kam, eine Rahmenerzählung dazu zu schreiben, die versuchte, das Längstvergangene in unsere Zeit zu projizieren.

Er führte diesen Gedanken aus, empfand aber bald das Ganze als nicht organisch zusammengehörig, ja, als unlogisch. Doch kam diese Erkenntnis zu spät, das Buch war gedruckt.

Nun ist eine Neuausgabe da, und ich weiß, daß es in seinem Sinne ist, wenn sie ohne diese kleine Rahmendichtung erscheint.

New York, Frühjahr 1956

Alma Mahler-Werfel

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