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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 29
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
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Achtundzwanzigstes Kapitel.
Durch die Finsternis

Der König hielt seinen Schwur. Er gab Jirmijah nicht in die Hand der Fürsten, die ihn wie Spürhunde suchten und alle Orte umlauerten, wohin sie ihn geflüchtet wähnten. Indessen aber hielt er sich im Palast der Tochter Pharaos verborgen und betrat nur nachts den inneren Gartenhof, wo keine Wachen aufzogen. Den Tag verbrachte er mit den königlichen Frauen im Gemache der Königinmutter. Schlimm stand es um Hamutal. Die Krankheit ließ nicht von ihr. Kein Arzt, kein Kräutermann, kein Beschwörer konnte ihr helfen. Ihre Glieder waren von bösem Wasser aufgeschwemmt, ihr ganzer Leib gedunsen. Sie lag schwer atmend auf ihrer Mittah. Doch nicht wie andre Kranke jammerte sie oder schwieg starren Blickes vor sich hin. Zwar war ihr Blick starr, doch sie sprach und sprach, ohne zu klagen, mit eigentümlich unstillbarer Geschäftigkeit des Mundes, als fürchte sie einen Rest von Worten in der Seele zurückzubehalten. Was sie aber sprach, das gedachte mit keiner Silbe der tödlichen Hochflut, die Davids Haus immer höher umbrandete. Für sie gab es nicht Babel und seinen Großherrn, nicht Hunger und Mangel jeglicher Art, nicht Mauerkampf und die entsetzliche Preisgegebenheit ihres Sohnes. Ihre gleichmäßig tröpfelnde Rede weilte in Libna, im Hause ihres Vaters, des Stadtfürsten, sie beschwor die mächtigen Zeiten ihres Gatten, da er das Passahfest des erneuerten Bundes mit dreißigtausend Gottgästen im Tempel feierte, da die Lilien und Anemonen schöner blühten in den Gärten und auf den Hügeln und Josijahs Losungswort übers ganze Land schallte: »Gottes Freude.« Auch von Noph erzählte sie viel und gerne, von den luftigen, schön bemalten Holzhäusern Ägyptenlands, von ihrem Hausgärtchen mit dem Weiher voll schwimmender Lotusblüten, von He-Nut-Dime, der zarten Freundin, die jung starb und Zenua genannt wurde.

Maacha saß mit gesenktem Kopf da und schien dem trüb geläufigen Rinnsaal der Krankenrede gehorsam zu lauschen. Nur manchmal zuckte es in ihren Gliedern und das verschattete Mädchengesicht konnte die Grimasse der Verzweiflung nicht schnell genug abwerfen. Sie ertrug nicht mehr die dahinschwätzende Stimme der Mannesmutter, an deren Krankenbette sie gefesselt war. Die junge Königin begehrte mit erstickender Macht, von nichts anderm zu hören als vom Heute, vom Morgen, vom Drohend-Künftigen, denn in ihr war keine Hoffnung mehr. Manchmal fing Jirmijah ihren schweifenden Blick ab, in dem nicht nur der Jammer einer Gefangenen zu lesen stand, sondern Haß gegen die eintönige Stimme der Kranken. Jirmijah, der Maacha begriff, erbot sich, einen alten Wunsch Hamutals zu erfüllen. Wie er der Lehrer des Vaters gewesen, so hatte er nun Muße genug, der Lehrer der Söhne zu sein. In den Unterrichtsstunden aber, die sie wie in Noph im gemeinsamen Wohngemach zu halten gedachten, würde der Redestrom der Kranken gehemmt sein. Und so geschah es auch zu Maachas großer Dankbarkeit. Als Jirmijah in der ersten Lehre zu den Kindern zu sprechen anfing und ihnen vom »Anfang« erzählte, da vergaß die junge Königin Heute und Morgen.

Adajah war acht Jahre alt, Jechiel noch nicht sieben. Die beiden letzten Reislein am Baume Davids hatten sich recht gegensätzlich entwickelt, wie es unter zwei Brüdern der Lebensordnung gemäß ist. Adajah war Vatersohn durch und durch, der Schönheit und dem Wesen nach. Auf Zidkijahs Geheiß war für ihn vom Waffenschmied des Palastes ein kleiner Panzer und ein Helm mit Straußenfedern angefertigt worden. In dieser Kriegstracht bewegte sich der Vatersohn anmutig und mit ernstem Bewußtsein seines Ranges. Ein zugleich abweisendes wie herablassendes Etwas an dem Knaben erlaubte es selbst der Mutter und Großmutter nicht, seinem Eigenwillen zu nahe zu treten. Tadel duldete er nur unter vier Augen. Wer in Befehlsform an ihn ein Fordern stellte, dem wandte er den Rücken. Auch Jirmijah, seinem neuen Lehrer, gegenüber hielt er auf Abstand, so klein er noch war. Mochte wer wollte ein Ausgesonderter des Herrn sein; königliches Blut in den Adern, das war Aussonderung über jede Aussonderung. Adajah schien dessen in jedem seiner Spiele bewußt zu sein.

Jechiel, den Jüngeren hingegen, konnte man weniger ein Mutterkind als ein Großmutterkind nennen, denn er hatte nicht Maachas herbes, sondern Hamutals weiches Wesen geerbt. Er dachte nicht an Panzer und Helme und tat bei den Kriegsspielen seines Bruders ohne Leidenschaft mit. Am liebsten hätte er Mädchenkleider und Mädchenschmuck getragen. Er liebte es, unter den Sächelchen der Frauen herumzuschnüffeln, unter Myrrhen- und Nardenbüchsen, unter Nähzeug und Bändergewirr. Die Silberschüsselchen mit den winzigen Süßigkeiten und Näschereien, die für die Herrinnen des Frauenhauses stets zubereitet wurden, waren vor seinen Händen nicht sicher. In seiner gefährlichen Vorliebe für Misch- und Wohldüfte aber hatte Jechiel eine arge Schwäche der Davidsöhne geerbt, eine der lasterhaften Eigenschaften altgewordenen Blutes. Diese Sucht ging so weit, daß ihm Maacha gar oft auf die Finger schlagen mußte, wenn er ein volles Fläschchen mit flüssiger Myrrhe oder arabischem Duftöl auf sein Kleid vergoß oder sogar sinnverwirrt an den Mund setzte. War Jechiel auch noch ein Spielkind und Schmeichelfratz, so faßte sein Geist doch viel lebhafter auf als der stolz von sich selbst durchdrungene des älteren Bruders.

Dem Lehrer aber war für kurze Stunden wohl zumute, wenn er in diese schwer zu fesselnden Kinderaugen blickte, die eine Fliege ablenkte und die er durch seine Stimme doch immer wieder zu den Geschichten der Urväter zurückführte. Als Ebedmelech hörte, daß der Lehrer Schule halte im Frauengemach, da verließ er, wenn der Dienst es erlaubte, den Palast und schlich sich ein in seiner siechen Herrin Kreis. Der hochstämmige Mohr, dessen Kämmererwürde keinen raschen Schritt duldete, hockte dann bescheiden in seinem Winkel auf seinen Fersen und lauschte mit gierig selbstverlorenen Augen der Lehre. Wie war doch aus dem Zappler das regungslose Bildwerk eines frommen Schülers geworden. Wenn aber den Lehrer die Lehre selbst ergriff und seine Stimme sich singend hob, da geriet der Kraushaarige in ein Summen und Schaukeln und seine mächtigen Kiefer kauten und mahlten die heilige Speise der ewigen Worte. So wiederholte Ebedmelech seine Schulzeit, als wolle er sich, das untengeborene Kind der Schilfhütten mit doppelter Naht an Jakobs Feierkleid festnähen. Nach solch mühelosem Tagewerk empfing dann Jirmijah Baruch in seiner Kammer. In der zweiten Verborgenheit rüsteten sie gemeinsam ein neues Werk, eine zweite Buchrolle mit allen ergangenen Raunungen und Gesichten seit Jojakim.

Man hätte meinen können, das Frauenhaus mit seinem inneren Leben fahre wie ein friedliches Schiff auf den Fluten der Belagerung. Und meist schien es wirklich nicht anders zu sein. Geheul und Zorngeschmetter des Kriegs drang nur undeutlich durch die Fenster. Zwar wurde das Brot aus der Bäckergasse immer sandiger und eines Tages blieb es ganz aus. Doch in den königlichen Speisekammern gab es noch immer feinstes Semmelmehl und Milch und Butter und Öl und Wein und Honig. Anstatt des Brotes aß man süßes Backwerk zu Jechiels Wonne. In dieser Zeit erschien der König nur zweimal für eine flüchtige Stunde vor dem Antlitz seiner Mutter, bei Maacha und den Kindern. Er schien glücklich gelaunt und prahlte und scherzte. Je heiterer er's trieb, um so weniger konnte Maacha die Angst in ihrem Antlitz beherrschen, während sich Hamutal sogleich mit geläufigem Schwatz zufrieden gab:

»Sag ich dir es nicht immer, Tochter, der König überwindet's ... Es wird anders kommen als damals, da mein Herr bei Meggiddo mit fünfhundert Streitwagen gegen Pharao auszog und sich in seiner Kühnheit zu weit vorwagte, wo die Jawan standen ...«

Und schon war sie wieder ins Flußbett der alten Zeiten geglitten. Doch zu ihrer großen Enttäuschung ließ ihr Sohn sie nicht weiterträumen, sondern schnitt ihr das Wort ab, denn er hatte nur wenig Zeit. Er streckte und dehnte seine Glieder mit übertreibender Fröhlichkeit und sprach der erstarrten Maacha und allen andern Mut zu, als wisse er etwas ganz Besonderes und der endgültige Sieg sei nur mehr eine Frage von einigen Wochen ... Jirmijah aber wußte von Ebedmelech die Wahrheit. Durch die Ausfälle, die »Kämpfe vor den Toren«, dieses unheilvolle Glücksspiel, das Zidkijah in seltsamer Tollköpfigkeit übte, hatte er nicht nur die Hälfte seiner tapferen Leibwachen bereits eingebüßt, sondern auch Hunderten von Mißvergnügten, die den Schaffansöhnen anhingen, neue Gelegenheit geboten, zu Babel überzulaufen. Trotz dieser Erfahrungen aber ließ er nicht davon ab, vor den Mauern zu kämpfen, inmitten seiner Helden. Und er schwächte das Herz Babels und vollbrachte wilde Taten des Schwertes, würdig, daß ihrer gedacht werde. Aber ihrer wurde nicht gedacht und sie machten das Herz Zions nicht stolz. Jirmijah wußte, warum. Der König versuchte nämlich, sich durch einen gepriesenen Schlachtentod dem Geforderten zu entziehen. Gerade deshalb aber war er so gut wie unverwundbar. Mit seiner Stoßschar, die er aus den Tollkühnsten gebildet hatte, gelang es ihm einmal, in einem blitzhaften Handstreich die ersten Reihen der Belagerer zu durchbrechen und todverbreitend bis zum Großtartan Nergal Sarsechim vorzudringen, den er zum Zweikampf herausforderte und schwer verwundete. Doch auch der blutige Vorsturm, bis ins Herz des Feindes getragen, brachte ihm nicht den Tod. Der Weg Zidkijahs, die Stadt zu retten, war nicht Zebaoths Weg. Von tausend Pfeilen und Lanzen streifte keine seine Haut, und Schwert, Mehrzack und Wurfnetz vermochten nichts gegen den Gefeiten und Aufgesparten. Da er einen Nergal vor seine Füße geworfen hatte, vermaß er sich, Mardukh in Person zum Zweikampf herausfordern zu lassen. Die Antwort, die er erhielt, war eine Brücke, die der Herr noch einmal dem König zu bauen geruhte, der wie ein junger rasender Stier seine Ehre verteidigte und dem Opfer auswich. Diese Antwort schwieg mit dem nüchternen Ernst eines unnahbar Großen vernichtend über die lächerliche Herausforderung durch einen Unebenbürtigen. Wolle der König Jehudas, lautete sie, sich bis zum Neumond des Ab in Person unterwerfen und ausliefern, dann werde über Jerusalem nicht Ninurtu, der Stern der endgültigen Zerstörung, herrschen. In diesen Worten hatte sich Jirmijahs Traumgesicht und die Echtheit der letzten Raunung voll bewährt. Noch einmal warf sich der Künder dem König zu Füßen. Dieser aber hielt ihm den Mund mit der Hand zu. Ausgesprochen war alles bis zur Neige und Nagelprobe. Sie saßen wieder schweigend beisammen. Später befahl Zidkijah dem Kuschiten, ihm aus der Vorratskammer des Palastes abgetragene und zerrissene Gewänder des niedrigsten Dienstvolkes aufzustöbern. Er legte eines davon mit ekelgespitzten Fingern an, das beste. Dann sah er an sich herab, wurde weiß vor Elend, riß sich das Gewand in Fetzen vom Leibe. Ebedmelech mußte seine Haut mit rauhen Tüchern abreiben und salben. Ungenützt verstrichen die Tage.

Der Tammus ging seinem Ende zu, dieser brennende dörrende Mond, aus dessen Namen der zerrissene Gott nicht getilgt ist, um den auf den Höhen die götzendienerischen Weiber klagen. Dieser Tammus aber hatte Dürre gebracht, wie sie die Ältesten im Lande nicht erlebt hatten, denn es war kein Regen auf die Erde gefallen seit Wochen und Wochen. Das Wild kam von Wüste und Gebirg, schweifte im irren Lauf durch die Äcker und wagte sich bis in die Dörfer hinein, soweit sie nicht niedergebrannt waren. Die reichen Leute sandten ihre Hörigen aus, an hoffnungsvollen Stellen Brunnen zu graben. Verwirrt kehrten die Arbeiter zurück. In der Wüste hätten sie leichter Wasser gefunden. Zuerst versiegte die starke Rogelquelle, welche die königlichen Gärten berieselte. Dann trockneten binnen wenigen Tagen alle andern Quellen und Brunnen innerhalb der Stadtmauern aus. Alles stürzte sich nun auf die Zisternen, Wasserbehälter und zuletzt auf die beiden Teiche von Siloah, um die kühlenden Tonkrüge zu füllen. Der Wasserstand der großen Teiche nahm von Stunde zu Stunde ab; in kurzer Zeit war der Rest verdunstet. Die Dürre traf zwar gleicherweise die Belagerten und die Belagerer, doch sie konnte sich nicht zum Vorteil der Belagerten auswirken, da sie die Belagerer zwang, mit ihrer Obgewalt einen raschen Fall der verdurstenden Stadt jetzt ohne Zögern herbeizuführen. Ein von Entbehrung geschürter, aberwitziger Sturm gegen Mauern und Bollwerke setzte nun ein, der zu keiner Stunde erlahmte. Babels geduldiger Löwe war bis aufs Blut gereizt. Er kämpfte jetzt sogar auch in der Nacht.

Auf den Mauern standen abgezehrt, verbrannt, ausgedörrt die Verteidiger. Im wildesten Kampfe vergossen sie keinen Schweiß mehr. Während sie hinter den Brustwehren zielten, schossen und schleuderten, hielten sie irgend einen mageren Zweig zwischen den Zähnen, an dem sie sogen. Die Stadt aber erbebte vom Gejammer der Mütter und Kinder, die durch die Gassen schweiften, in die Türen lugten, in den Tempel einbrachen, um von den gespenstisch hin und her wandelnden Priestern irgendwelche erträumte Opferfrüchte zu erbetteln. Mit der Zeit aber stießen zu diesen umherschweifenden Weibern und Kindern gar viele Frevler. Sie stellten Mord- und Plünderhaufen zusammen, denn Gerücht ging um allenthalben, daß dieser oder jener Wohlhabende hundert Eimer Weines verberge oder gebrautes Bier oder Labetrank andrer Art in mannshohen Gefäßen. Jede Frau verdächtigte jede Frau, daß sie sich und die Ihren heimlich mit Eingemachtem und Honigfrüchten erquicke und die Nachbarn verschmachten lasse. Die Plündererhaufen vergossen mehr Blut, als sie Trank zutage förderten. In ihrem Gefolge aber kam, was kommen mußte, die Seuche aller Belagerungen, die Pestilenz, deren Vater Hunger, deren Mutter Durst hieß.

In den drei letzten Tagen des Tammus mußten sämtliche Tore der Hofburg verrammelt und von Leibwachen besetzt werden, denn das Haus des Königs war in Gefahr. Man hörte von allen Seiten unausgesetzt das dumpfe Geschrei der Menschenmenge, die von den Palästen Wasser und Brot forderte. Der König aber kehrte nicht mehr von den Bollwerken heim.

Im Frauengemach saßen sie alle beisammen, Stunde für Stunde: die Königinnen, die Knaben, Jirmijah, Baruch, Ebedmelech. Hamutals aufgeschwemmte Gestalt lag elend hingestreckt. Die alte Königin träumte nur und erzählte nicht mehr. Adajah, der Folgeprinz, starrte mit horchenden Blicken aus dem Fenster, ohne sich abzuwenden. Jechiel, der Mädchenknabe, nahm, es nicht schwer und spähte nach Näschereien, die nicht da waren. Mit einemmal wurde der Ablauf der Tage vom Morgen bis Abend so unbegreiflich schleunig. Der Ab-Mond war da, der Fressende, der jede Flur zur Wüste macht, der Mond, den Jirmijah von Kind auf haßte, ohne zu wissen warum. Mit dem Neumond aber war Zidkijahs letzte Frist, sich für sein Volk zu opfern, vorübergegangen. Da drangen zu den Umbrandeten im Palast plötzlich erleichternde Botschaften wie frischer Hauch. Der König hatte mit seinen Verschmachteten alle Stürme abgeschlagen und bei einem nächtlichen Ausfall einen Großteil der Geschütze Babels mit brennendem Pech in Brand gesetzt. Zugleich war es Elnathan gelungen, mit einer als chaldäischer Nachschub verkleideten Karawane durch den unterirdischen Gang von Siloah tausend Bath Wasser, dreihundert Bath Wein und hundert Chomer Feigen in die Stadt zu paschen. Wenn diese Schätze auch nur für wenige Stunden und einen kleinen Teil des Volkes reichten, so wirkten sie doch Wunder, da es hieß, in den nächsten Tagen werde die zehnfache Menge eintreffen. Auch diejenigen, welche nichts erhalten hatten, wurden in dieser Hoffnung ruhiger. Dann aber kam plötzlich das Ende. Und es kam zu überraschender Stunde wie alles Große.

Jirmijah schlief in seiner Kammer. Baruch lag neben ihm auf der Erde, in Decken gewickelt. Sie hatten in diesen Tagen der allgemeinen Erleichterung das Wort wieder vergegenwärtigt, um von der Not abgelenkt zu sein. Noch stand die Nacht erst am Anfang, als im Hause ein dumpfes Rufen sich erhob, Türen geschlagen wurden und Diener und Mägde mit Lichtern durch die Gänge eilten. Ebedmelech steckte sein Gesicht mit weißgebleckten Zähnen in Jirmijahs Kammertür und keuchte atemlos:

»Bresche gelegt ist in die Mauer Ephraim ... Alles zum König ...«

Meister und Jünger sprangen auf und stürzten ins Wohngemach der Königinnen. Dort liefen weinende Frauen und Mägde durcheinander, die in völliger Sinnverlassenheit unnützes Zeug zusammentrugen und in Reisesäcke stopften. Auch die kranke Hamutal hatte sich erhoben. Ihre Kammerfrauen kleideten die unförmige Gestalt der Kranken mühsam an. Maacha war mit ihren Knaben beschäftigt und versuchte Adajah mit ungeduldigem Zuspruch davon abzubringen, seinen Panzer und Federhelm zur Flucht anzulegen. Der Lästige aber wollte nicht nachgeben. Der aus dem Schlaf gestörte Jechiel zog einen sehr ungnädigen Mund und schalt mit der Wärterin, die ihn ankleidete. In all diesem weiblichen, kindlichen Hin und Her stand der König hoch und regungslos. Nur manchmal stampfte er leicht mit dem Fuß, zur Eile mahnend. In den letzten Wochen des Krieges war er beinahe zum Knochenmann abgemagert. Doppelt glühten daher die herrlichen Augen in dem verzehrten Antlitz. Sein Wesen verriet keine Spur von verzweifelter Überraschung, Ratlosigkeit, ja auch nur Unruhe. Er sah drein, wie einer, der zufrieden ist, daß alles seinen vorhergesehenen, plangemäßen Weg geht. Als er Jirmijahs ansichtig wurde, winkte er ihm mit einem Lächeln zu:

»Es ist besser, wir verlassen die Stadt; und du gehst mit uns ...« (Ein Befehl, gegen den es keinen Widerspruch gab.) »Es wird leicht für den König sein, Elnathans Scharen zu vermehren und von außen zum Entsatz heranzuführen ... Indessen befehligt Ismael die Stadt an meiner Stelle ... Alles ist vorbereitet und geregelt seit Tagen. Pferde, Esel, Kamele warten an sicherem Ort ... Wir finden Elnathan am Salzsee ... Fern von Jerusalem ist der König mächtiger als in der Falle ... Der König freut sich auf diesen freien Krieg ... Freuet euch auch, ihr andern ...«

Und Zidkijah lachte wahrhaftig nach diesen Worten, als habe er nicht schöngefärbt und ein schreckliches Muß in einen pfiffigen Entschluß umgebogen. Er lachte als der unverbesserliche Mensch, der bis zuletzt von seinem Eigenstand nicht läßt und noch im Fortgeblasenwerden so tut, als sei er der Wind. Zidkijah fragte in dieser Stunde ohne Wahl nicht mehr seine zögernde Frage: Ist ein Wort des Herrn da? Sein königliches Lachen der Zuversicht tat allen sonderbar wohl. »Du magst deinen Jünger mit dir nehmen«, sagte er gnädig zu Jirmijah.

In einer Stunde war alles aufbruchbereit. Zidkijah hatte bestimmt, daß die Flucht aus der Stadt in zwei Gruppen zu erfolgen habe. Die Begleitgruppe, zu der zwei Hoffürsten, einige Leibwachen, eine Anzahl von Dienern und Mägden sowie das Gepäck gehörten, sollte das freie Land durch die königlichen Gärten hindurch zu gewinnen suchen. Die Hauptgruppe des Königs, mit Hamutal, Maacha, den Knaben, Jirmijah, Baruch, Ebedmelech und zwei Königskriegern gedachte durch den unterirdischen Gang von Siloah in das ausgetrocknete Tal des Kidron zu gelangen, nahe der Stelle, wo es sich mit dem Ben-Hinomtal vereinigt. Mit dem Stollen von Siloah aber hatte es folgende Bewandtnis.

Vor mehr als hundert Jahren hatte König Hiskijah zwischen der hochgebauten Davidsburg und den Außenmauern des Ostens zwei steingefaßte Stau- und Sammelteiche angelegt, die den reichen Wassersegen des Winters bewahren sollten. Da es aber durch die Gnade des Herrn auch »triefende Jahre« gab, mußte für die übertretenden Sammelwässer ein gemeinsamer Abfluß geschaffen werden, vor allem aber für die »sanften Fluten« des Bächleins Siloah, das vornehmlich die Teiche speiste. Dieser in den Fels des südöstlichen Stadtberges gebohrte Kanal hieß »der unterirdische Gang Siloah«, ein hochberühmtes Wunderwerk, von dem die Bewohner Jerusalems mit prahlerischem Stolz sprachen. Der unnachgiebige Hiskijah hatte nicht geruht, bis das Werk vollbracht war, obgleich alle weisen Männer über solches Unterfangen die Hände zusammenschlugen. Von der Tal- und der Stadtseite her wurden die Bohrungen gleichzeitig begonnen. Mit Spitzhacke und Pölzholz drangen die Minierer gegeneinander vor, im Zickzack und auf Irrwegen in der steinernen Nacht des Felsens. Jahre vergingen, ehe das Wunder geschah und sie gegenseitig ihre dumpfen Stimmen hörten, denn nur mehr drei Ellen waren sie voneinander entfernt. Nach der Begegnung aber, »da die Wasser niederflossen«, wurden Opferfeste gefeiert sieben Tage lang, und Hiskijah schlug eine ewige Inschrift in den Fels an der Stelle des kühnen, gottbegünstigten Zusammentreffens.

Eintausend und zweihundert Ellen erstreckte sich der bequeme Gang von seinem Eintritt östlich der Stadtteiche bis zum Ausgang im Kidrontal. Dort war er, um den Feind zu täuschen, als toter Steinbruch verkleidet, wie dergleichen mehrere in den Schroffen des Stadtberges nebeneinanderlagen. Kein Tartan hatte dieserhalb Verdacht geschöpft, denn seit Beginn der Belagerung war der Abfluß für den Siloahlauf nicht mehr geöffnet worden. Das Ende des Felsganges lag unterhalb einer der steilsten und unzugänglichsten Festungsteile, dort wo niemals ein Angriff versucht wurde. Der Ring der Belagerung war an dieser toten Stelle sehr schütter. Nergal Nebusaradan hatte keine Ursache, hier irgend welche Vorsorge zu treffen, insbesondere in diesen Tagen und Nächten nicht, da er alle Kräfte gegen die nördliche Mauer versammelte, in der bereits die erste Bresche klaffte. Mit diesem Umstand rechnete Zidkijah, und die Meldung der Türmer bestätigte ihm, daß längs des jenseitigen Kidronufers nur weit auseinanderliegende Posten an ihren Feuern hockten.

Die Flucht des königlichen Hauses begann mit einem schweren Unheil. Hamutal hielt sich mit adligem Heldenmut aufrecht, über das Maß ihrer Kräfte. Sie trippelte, von den beiden Königskriegern mehr getragen als gestützt, immer kürzeren Atems, doch emsig hinterdrein. Unbegreiflich warum, hatte sie zur Flucht ein rotes Obergewand angelegt, wie sie es seit Josijahs Tod nicht mehr zu tragen pflegte. Die Scharlachfarbe hatte Zidkijah erschreckt, doch er unterdrückte jedes Wort in sich, das seine Mutter kränken konnte. Im Freien dann würde er ihr einen schwarzen Mantel umhängen. Im schattenwerfenden Licht einiger Fackeln betrat man den ausgetrockneten Felsengang. Trotz seiner bequemen Breite und Höhe konnte die Schar zwischen den spukbleichen Wänden zu Hamutals Befriedigung nur langsam vordringen. Die Knaben, überwach und von Abenteuerlust glühend, fanden immer mehr Vergnügen am Außerordentlichen und ließen ihre Stimmen in der Wölbung widerhallen. Erst der Vater konnte sie mit strengen Drohungen zur Ruhe verweisen. Als die Flüchtenden ungefähr die Mitte des vielgewundenen Stollens erreicht hatten, dort wo die stolze Inschrift Hiskijahs in den Fels gemeißelt ist, wankte Hamutal plötzlich und sank zu Boden.

»Lasset mich hier, meine Kinder«, lallte sie. »Besser find ich's nicht ... Mir ist sehr wohl hier ... Gut und schön hab ich's ... Geht nur von mir ...«

Zidkijah beugte sich mit flackernden Augen über die Mutter. Doch Maacha bedeckte ihren Leib mit dem roten Mantel und suchte eines der mitgeführten Kissen hervor, das sie ihr unter den Kopf schob.

»Auf, du, meine Mutter«, mahnte der König, »so komm doch, die du mich nie verlassen hast seit meinen ersten Tagen ... Ich werde dich tragen ...«

Man sah im unruhigen Fackellicht, daß Hamutal mit aller Mühe noch einmal zu lächeln versuchte, und daß ihre vergilbten Lippen an den Worten »gut« und »schön« und »geht« formten, die den Sohn fortsandten. Ihr letzter Wunsch, die Kinder Davids nicht aufzuhalten, wurde ihr gar rasch erfüllt. Als sie noch eine leichte Bewegung gewagt hatte, als suche sie einen treuen Beistand für die Kinder Davids (Jirmijah vielleicht), gab ihr Herz den kurzen Kampf auf und versäumte es weiterzuschlagen. Mit dem Wörtlein »gut« auf den Lippen starb Hamutal, Josijahs rechtmäßiges Gemahl, die Mutter zweier Könige, die Herrin in einer erwählten und in einer verworfenen Zeit, ein Weib im Glück und Unglück. Der Herr hatte sie in der Mitte des unterirdischen Ganges hinweggenommen, der aus der höchsten Not ins tiefste Elend führte. Als erster faßte sich der König.

»Gut«, er wiederholte ihr Todeswörtlein. »Ja, gut ist es, was du tust, meine Mutter, wie immer, und hast dir ein gutes und tiefes Grab gefunden ...«

Er brach ab und riß sich los, mit einer heftigen Bewegung vorwärts weisend, als müsse um des rettenden Zieles willen selbst der Tod einer Mutter sogleich vergessen und aus der Seele gedrängt werden.

Jirmijah, Baruch und Ebedmelech taten an Hamutal die letzten Dienste in Eile, hüllten den Leichnam in eine Decke und lehnten ihn in eine tiefe Felsnische so, daß Hamutals Antlitz dem Heiligtum des Tempels zugewandt blieb.

Zweihundert Ellen vor dem Ausgang wurde die Fackel gelöscht. Das letzte Stück des Ganges mußte die Schar, das Herz vollgetränkt von Hamutals Sterben und ihrer Verlassenheit, in tiefster Finsternis zurücklegen. Doch bald wuchs das Stollenende wie ein schimmernder Stern und wurde immer größer.

Völlig ausgestorben lag das Kidrontal in der milden Nacht. Vielleicht hatte Hamutal durch das Gebet ihres Todes auf Davids letzte Kinder das Heil herabgefleht. Die Feuer der Wachen flammten fern und klein. Kein Streifposten weit und breit auf der jenseitigen Höhe. Im Norden hingegen, vor dem Tore Ephraim, wo Bresche gelegt war, rauschte Kampfgetümmel, und der Schein geschwungener und geschleuderter Feuerspeere zuckte auf. Zidkijahs Fuß stand still. Dort oben im Nordteil kämpfte Ismael, sein Statthalter, den Kampf bis zum Äußersten. Man merkte es dem König an, daß er von einem inneren Sturm nach zwei Seiten gerissen wurde. War's recht, daß er sein Erbe verließ, ohne auch nur nach einem Gotteswort gefragt zu haben? Sollte er nicht umkehren, sich noch einmal in den Mauerkampf stürzen und von den Trümmern seiner Stadt begraben lassen?! War diese Flucht am Ende eine feige Ausflucht und die Hoffnung des freien Kriegers eine Gaukelei? Seine Mutter aber war dieser Flucht zum Opfer gefallen. Nur zwei Augenblicke währte dies Zögern des Königs, dann wandte er sich ab und begann, geduckt, im steinigen Bachbett des Kidron südwärts zu laufen. Die andern folgten ihm, Ebedmelech mit den beiden Prinzen in den Armen. Die Zeit des strengen Laufes, den sie in der Gefahr geduckt zurücklegten, ließ sich nicht berechnen. Sie hatten keinen Atem mehr, als sie eine kleine, gestrüppbedeckte Schlucht erreichten, die sich der Rogelquelle gegenüber in den Berg des Verhängnisses einschneidet. Hier warteten bereits die Männer der anderen Gruppe. In dieser Schlucht standen auch schon, wohlverborgen, die Reit- und Tragtiere bereit, darunter ein für Hamutal bestimmtes sanftes Kamel, das nun Maacha bekam. Die Tiere und ihre Wärter gehörten einer der verkleideten Karawanen Elnathans an.

Die Gruppe der Begleiter war nicht so glücklich der Stadt entkommen wie der König mit der seinigen. Ein Diener, der allzu schwere Last trug, hatte leider nicht Schritt halten können und war einem feindlichen Streifposten in die Hände gefallen, mitsamt den Schätzen, unter denen sich Davids goldner Geschlechtsbecher befand. Ein arger Verlust, der nichts Gutes bedeuten konnte!

Doch schlimmer als das, man mußte sich darauf gefaßt machen, daß der Palastdiener unter Folterqualen die Flucht des Königs und die erste Wegrichtung dieser Flucht verraten werde. Keine Zeit war demnach zu verlieren. Die Reittiere wurden verteilt. Der König und die Krieger nahmen die Pferde. Jirmijah und Baruch erhielten Eselinnen; so auch Ebedmelech, der den Befehl bekam, den Nachtrab mit den Tragtieren zu führen. Zidkijah setzte seinen älteren Sohn vor sich auf den Sattel. Maacha bestand auf Jechiel. Diesem aber war der unbequeme Platz zwischen den Kamelhöckern gar nicht erwünscht und er begann zu greinen. Da nahm ihn sein Freund Ebedmelech der Mutter ab und zu sich auf den Esel. Jirmijah aber, der nebenan ritt, mußte schöne »Gottesgeschichten« erzählen, um den Kleinen einzuschläfern.

Die erste Gefahr war überstanden. In der Wüste Jehuda jedoch, die bald ihr Steingehege öffnete, drang man nur langsam vorwärts, da der gebahnte Weg vermieden werden mußte. Die Pferde und Esel strauchelten über die tausend Trümmer, Schrunden und Faltungen. Immer wieder stiegen die Männer aus dem Sattel und untersuchten bei Fackelschein die Fesseln der Tiere, ob keines Schaden genommen habe. Der schwache Strich des jungen Mondes stieg erst nach Mitternacht auf. Maachas Stimme dankte dem Herrn für die matte Leuchte. Zu dieser Stunde hatte die Flucht erst Adumim, das blutrote Mergelfeld, erreicht. Der Boden hier war ein wenig mürber, die Pferde konnten besser ausgreifen und die Esel zottelten ihnen wacker nach. Noch aber war die Grenze der Blutsteige nicht gewonnen, als der König plötzlich Halt winkte. Hochatmend stand alles festgewurzelt. Was war das? Deutlich hatte man in der Ferne scharf knatternden Hufschlag vernommen, der eine Zeitlang nachhallte und dann tückisch abbrach. Nur eine Erklärung gab es dafür. Der Diener hatte in seiner Todesangst gesprochen, und die Verfolger waren schon nahe. Niemand konnte an eine nächtliche Lautspiegelung denken, da der Feind immer noch eine Weile weitertrabte, auch wenn die Flucht schon innehielt, als warte er gelassen ab, wohin sie sich nunmehr wenden werde. Weiter ging es auf der erbarmungslosen Trümmerbahn. Das Roß Zidkijahs stürzte und stand nicht mehr auf. Der König, der unverletzt geblieben war, bestieg das Pferd eines der Krieger. Dieser mußte in der Wüste zurückbleiben. Kein Umweg, kein Haken, den man dem Verfolger schlug, konnte ihn verwirren. Im gleichen Abstand, der Beute höhnisch sicher, blieb sein knatterndes Traben den Flüchtenden unabwendbar auf den Fersen. Der Feind ließ kein Gespräch der Ermunterung und nicht die kleinste Rast zu, wenn sich Zidkijahs Herz auch beim Anblick seines jungen Weibes zusammenkrampfte. Die grundlose Verhärmtheit ihres Mädchengesichtes in den Tagen des Glücks, nun hatte sie wahrlich ihren Grund gefunden. Maacha schwankte auf dem hohen Rücken ihres Kamels. Der König wußte, daß Maacha und Jirmijah die einzigen in dieser Schar waren, die nicht den geringsten Glauben an eine Rettung besaßen. Sooft er sie anblickte, lächelte sie ihm zuversichtlich zu. Dieses angestrengte Lächeln, eine Heuchelei der Weibesliebe, traf ihn jedesmal wie ein Schlag, er wurde krank daran, am liebsten wäre er vom Pferd gesprungen, um sich in irgendeiner Wüstenhöhle einsam für sein ganzes Leben zu verkriechen. Es war noch ein Glück, daß die Kinder fest schliefen, Adajah an der Brust des Vaters, Jechiel in Ebedmelechs Arm.

Da die berittene Verfolgung nicht abließ, löschte man die Fackeln, trotz aller Schlünde und Abgründe der lauernden Steinwüste. Dennoch ließ der Feind von ihnen erst im Morgengrauen ab. Der König war seinen Verfolgern entronnen. Im ersten Zwielicht schienen sie unsicher zu werden, die Spur zu verlieren und abzufallen. Dafür erhob sich um so heller der nahe Widerhall des Hufschlags ringsum. Der Morgen war da, und die längste Wegstrecke überwunden. Man stieg ab, um kurze Rast zu halten. Ein Becher Würzwein und ein wenig Imbiß belebte die Seelen wundersam. Der König streckte sich lachend und herzte seine Knaben, die trotz ihrer Übernächtigkeit, voll Lust am Ungewohnten in den Morgen jauchzten. Jetzt schien auch sein Weib wieder voll echter Fröhlichkeit und guten Glaubens zu sein. Hatte er nicht recht getan, das Verlorene aufzugeben und das Fortleben Davids in diesen Kindern zu retten? Solange ein Sohn Davids noch freiging, stand der Tempel und stand die Stadt. Der König allein war die Gewähr der Dauer und nicht Stein und Mörtel. Mochte Mardukh in tote Mauern Bresche legen und das Zerstörbare zerstören, Zidkijah hatte ihn um die Frucht der blutigen Mühe geprellt. Denn er lebte in Freiheit und seine Söhne lebten als heiliger Fortbestand Zions. Der alte Elnathan mußte nun längst schon die Botschaft seines Willens empfangen haben. Waren auch die Kampfbanden, mit denen sich der Held in der Araba rings um das Tote Meer verbarg, zu einer hohläugigen Wegelagererschar zusammengeschmolzen, Zidkijah stand hoch über Elnathan. Sein Gebieterblick würde Banden zu furchtbaren Streitscharen umschmieden. Und konnte Pharao, der Bundesbrüchige mit seinem schlechten Gewissen, ihn abweisen, wenn er, gerechte Hilfe fordernd, vor seinen Thron zu Noph trat? Zidkijah hatte, seitdem er ein Gefangener des Bundes geworden war, keine freiere, leichtere Stunde erlebt als diese Morgenstunde seiner Flucht. Er scherzte mit Jirmijah. Keine Furcht hatte er mehr, auch nicht vor Zebaoth, denn er hatte eine Wahl getroffen, die ihm weder vom Herrn noch von seinem Künder vorgeschlagen worden war, ganz aus seiner eigenen Kraft. Und er war entronnen. Schon wartete Elnathan, seinem Befehl gehorsam, in der Niederung. Voran, voran! Der frische Morgen perlte ihm durchs Blut. Er sah sich noch einmal nach Jirmijah um, als wolle er zur Vorsicht noch eine Frage tun. Doch er fragte nicht, sondern trat seinem Pferd in die Weichen und stürmte vorwärts. Einer der Fürsten rief ihm zu:

»Herrlichkeit! Laß deine Krieger die Spitze nehmen!«

Zidkijah winkte ihm mit einer weiten Gebärde ab. Das Gebirge senkte sich. Durch einen tiefen Einschnitt ging es. Eine breite Stufe und wieder eine Stufe und noch eine Stufe. Und dann hatten die Flüchtenden die Jordansenkung erreicht und sahen die blauschwarze Fläche des Salzsees vor sich und waren gerettet. Dort aber, nicht weiter als dreitausend Ellen von ihnen entfernt, stand unter salzblitzenden Dürrstäuchern und Kameldisteln eine müßige Reiterreihe. Zidkijah griff sich ans Herz: Elnathan! So schäbig, so schlecht gerüstet konnten nur Elnathans Reiter sein. Verhungerte Steppenklepper waren die Pferde. Die Männer im Sattel aber trugen nicht die Kegelhelme Babels, sondern farbige Kappen und Kopfbunde wie Räuber. Der König saß starr auf seinem versteinerten Roß. Nur einen Augenblick lang. Dann stieß er mit sonderbar rauher Stimme zum ersten- und zum letztenmal im Leben den herrlichen Jubel- und Losungsruf seines Vaters aus: »Gottes Freude!« Jetzt aber hieb er so grausam mit dem Stock auf sein Pferd ein, daß es aufwiehernd in die glitzernde Ebene hinausraste. In diesem Augenblick schrie auch Jirmijah auf:

»Warte, König ... Halt ... Kehr um!!«

Dies war die letzte Warnung, die der Künder dem König zurufen durfte. Der barhäuptige Anführer jener Reiter setzte gemächlich seinen Helm auf. Und siehe, es war ein Zipfelhelm Babels. Die lackrote Eisenmaske fiel dem Tartan vors Gesicht. Mit höhnischer Langsamkeit ritt die Reihe dem Könige Jehudas entgegen. Als dieser sein Roß umriß, war es zu spät.

   

Und die Sonne verfinsterte sich. Sie, die wie ein Bräutigam aus dem Gemache tritt und wie ein Held auf den Siegespfad, verhüllte ihr wallendes Haupt. Der schwarze Schatten verzehrte sie nach und nach, so daß von ihr nichts übrigblieb als ein schmaler Ring, bleich und brüchig. Ein stöhnender Wind ging um, der keinem andern Winde auf Erden glich und nur das Scheinbild, die Spiegelung, das Gespenst eines Windes war. Er trieb Nachtvögel vor sich her, Eulen, Käuze, Fledermäuse, die sich über die ungewohnte Stunde ihrer Berufung wunderten. Alle Menschen, Tiere, Gewächse und Dinge wurden von plötzlicher Bleichsucht befallen, sahen krank aus, unnatürlich ins Kraut geschossen, und glichen Verschnittenen. Die Völker der Welt aber erbebten in ihrem Herzen. Denn der Mensch erkennt das Sein und Walten der Gottheit leichter an einem außerordentlichen Zustand ihres Erscheinens als am ewig gleichen Wunder des Alltags. Um die dritte Stunde nach dem Mittagsstand der Sonne begann ihre Verfinsterung. Als der schwarze Schatten drei Viertel ihrer Scheibe verzehrt hatte, traten am Himmel unter bläßlichen Sternen in deutlicher Gestalt Mardukh hervor und seine stärksten Befehlsübermittler Nergal und Ninurtu. Mit ihnen aber trat Nebukadnezar hervor aus seiner Behausung. Denn die große Lebensstunde seiner Macht war gekommen, da der Nachthimmel den Taghimmel sichtbar überwand und er selbst mit seinen vollstreckenden Knechten am hellen Firmament aus dem Hause des feurigen Löwen sich hob. Bei seiner Geburt schon hatten die Sternrechner diese Stunde vorherberechnet und festgesetzt, daß Könige und Völker in dieser Verfinsterung ihm unter den Fersen enden würden, damit seine Weltherrschaft voll werde. Was aber konnte Mardukhs große Stunde andres sein als die Gerichtsstunde seines Ners? Gericht war freilich ein ungenügendes, ein vielleicht zu niedrig gegriffenes Wort. Es setzte Gerechtigkeit voraus, ein rechtes Wägen der Taten nach Gesetz und Vorschrift, denen sich selbst ein König beugt. Mardukh aber unterwarf sich dieser Gerechtigkeit nicht, die nach wägendem Zögern verurteilt oder begnadigt. Mardukh war nicht gerecht, sondern mächtig. Seine Gerechtigkeit bestand einzig im heiligen Maß, das eifersüchtig zu hüten der hohe Adel seiner Macht war. Wer Kleines für groß ausgab und Großes für klein, wer Zahlen vertauschte, Werte verschob und damit an die sinnfällige und zählbare Erwiesenheit des ewigen Maßes rührte, der verging sich an Mardukhs guter Ordnung und stürzte ins Nichts. Zidkijah hatte Kleines für groß ausgegeben, sich selbst nämlich und sein Königtum, er hatte Zahlen vertauscht und Werte verschoben, Jerusalem und Babel, er hatte an der sinnfälligen und zählbaren Überlegenheit des Großherrn durch seinen Völkerbund gerüttelt. Das Maß war verletzt. Er stürzte ins Nichts. Nicht als Richter trat Mardukh in der Sonnenfinsternis hervor. Ein Richter klärt erst durch Gerichthalten die Schuld, durch Verhör und Zeugenvernehmung. Als reine Macht, als reines Maß trat Mardukh hervor, nicht einmal strafend, sondern nur die notwendige Folge bewirkend. Jenen aber, die Nebukadnezars in der Stunde der Sonnenfinsternis ansichtig wurden, entging nicht die Schwermut auf seinem Antlitz. Diese war etwas andres als die Schwermut, die der Einsamkeit der triumphierenden Macht entstammt. Mardukh, der Herr der Befehlsübermittler, dem die Bilder des Schamasch dienten, Mardukh, der König der zugekehrten und abgekehrten Gestirne, war abhängig von den unzähligen Kraftpunkten und Kreisläufen, die auf ihn gerichtet waren. Er wurde gelenkt von denen, die er lenkte. Nicht war geschehen, was er geplant hatte. Jerusalem lag in Trümmern, sein Tempel in Asche. Mardukh hatte sich der Folgebewirkung, die außerhalb seiner Macht lag, nicht entziehn können. Er diente, anstatt zu herrschen, wie es im Buch des Weissagers stand. Nun, da er widerstandslos der Herr der Welt zu sein schien, war er auf unentrinnbar verzwickte Weise zum Knecht eines fremden Planes geworden. Geschehen war, was er wollte, doch nicht, wie er es wollte. Der einzig Freie im All, der Schicksalsbestimmer in der Schicksalskammer, war mit all seinen Sternenmächten in rätselhafte Abhängigkeit geraten. Diese Erkenntnis grenzte an Wahnsinn. Die falsche Abendkühle der Sonnenfinsternis galt auch ihm. Er litt an der Schwermut eines Gottes, der einen Augenblick lang erkennt, daß er keiner ist. Und diese Schwermut lasen wissende Augen auf dem runden alterslosen Antlitz, vor dem Himmel und Erde erzitterten.

Mardukhs göttlicher Hervortritt aber geschah zu Ribla, seiner Quartierstadt, die in der Mitte aller Völker, Länder und Straßen lag. Viel Volk aus den Völkern war hier zusammengeströmt, um der Überwindung des Taghimmels durch den Nachthimmel an bedeutsamer Stelle beizuwohnen und sich an der Strafe zu ergötzen, die den König einer mißliebigen Nation traf. Nicht vermochte der große Platz von Ribla die Menschenzahl zu fassen. Nur mit großer Mühe konnte von den Leibwachen die Pyramide des Sternenthrones und das Strafgerüst zu ihren Füßen freigelassen werden. Hoch oben saß Mardukh im Edelsteinmantel, den Jirmijah schon kannte, als Spitze der Pyramide. An seiner rechten Seite, tiefer als er, standen zwölf feuerrot gekleidete Nergals, unter denen sich freilich die blendende Gestalt Nebusaradans nicht befand, denn der Großtartan weilte noch in Jehuda, um das Werk der Zerstörung und Auflösung zu beenden. An Mardukhs linker Seite jedoch standen zwölf rabenschwarz gewandete Ninurtus, mißvergnügte Greise zumeist, die viel husteten. Zwischen den Feuerroten und Rabenschwarzen, vier Stufen unter dem Hochsitz, genau in der Mitte, schwebte als der einzige Blaue, Samger Nebu. Sein bart- und faltenloses Gesicht, nicht dem Männlichen, nicht dem Weiblichen zugehörig, oder beiden zugleich, drückte schon jetzt einen müden Ekel an dem Kommenden aus. Nicht Mitgefühl war es, das den Jugendschönen mit seinen hundertjährigen Augen todkrank erscheinen ließ, sondern unaussprechlicher Abscheu vor allem Rohen. Nergal konnte zu Ninurtu werden, ja selbst Ninurtu zu Nergal. Zwischen ihnen aber und dem zartsinnig blaufühlenden Nabu gab es keine Vermischung. Herrschte Mardukh über das Maß, so Nabu über das Ebenmaß, über die Schöngestalt und den Wohllaut, die sich in den Verhältnissen der Zahlen verbargen. Wurde er gezwungen, Häßliches und Krasses mit anzusehen, litt der Geist in seinem feinen Leibe bis zum Erbrechen. Unterhalb Samger Nebu drängten sich auf den unteren Stufen die übrigen Sternräte in den verschiedensten Farben mit harmonisch waagrecht übereinandergefalteten Händen.

Vor der Thronpyramide war das Strafgerüst breit aufgeschlagen gleich dem riesigen Tisch eines göttlichen Gastmahls, das Mardukh zu geben gedachte. Die Bretter dieses Tisches waren über und über mit großen rostroten Blutflecken besprengt, denn im Laufe weniger Tage hatte man auf dem Strafgericht mehr als dreihundert Hoffürsten und Würdenträger Zidkijahs mit dem Schwerte hingerichtet. Sie waren während des letzten Kampfes Nebusaradan in die Hände gefallen und unter starker Bedeckung sogleich nach Ribla geführt worden. Zu ihnen gehörten Malkijah, Pasch'churs Sohn, und der Sohn Chananjahs, Jerijah. Der größere Teil der Würdenträger Jerusalems aber, vor allem der priesterliche, war gleich an Ort und Stelle im Tempel aufgeknüpft worden. Ein dritter Teil, der kleinste und tapferste, hatte sich unter Führung des Prinzen Ismael zu Baalis, König von Ammon, durchgeschlagen. Vor den Stufen des Strafgerüstes stand Jirmijah in Freiheit, denn Mardukh erwies dem Weissager des fremden Gottes noch immer allerlei Gunst, obgleich dieser den Grund dafür nicht kannte. Auf sein wildes Betreiben war es ihm sogar zugebilligt worden, einige Stunden des Tages und der Nacht mit dem gefangenen Zidkijah und seinen Söhnen verbringen zu dürfen, und nun auch diese allerschwerste Stunde. Sonst aber war der Gewahrsam der Davidsöhne von unerbittlichen Lanzen und Schwertern beschirmt. Keine Seele durfte ihnen nahen, zumal keine Seele Jakobs, und hätte sie auch zum Anhang der Schaffaniden gezählt. An Maacha aber, die Königin, und Ebedmelech, den getreuen Mohren, war unter Drohung des Todes das Verbot ergangen, die Stadt Ribla zu betreten. Diese beiden lagerten vor den Mauern, immerdar auf Jirmijah oder Baruch harrend, die von Zeit zu Zeit Nachricht brachten. Maacha lag mit geschlossenen Augen auf der Erde wie im Starrkrampf. Trotz aller Mahnreden gelang es dem Kuschiten schon seit Tagen nicht, ihr Speise und Trank aufzunötigen.

Langsam füllte sich die Sonnenscheibe mit dem Schatten, der das einstige Ende der Welt voranzeigte, das große Erbleichen und Erkalten, wenn die Ursachen alle erschöpft sein werden. Noch waren Mardukh und seine Befehlsübermittler schwächlich in ihrem Schein. Das zittrige Geglimmer der andern Sterne ließ sich in der hohlen Leichenfarbe des Alls kaum wahrnehmen. Auf allen Stadttürmen Riblas standen die hochbeamteten Sterngucker mit ihren Zylinderhüten aus blauem Glanzstoff und verfolgten durch geschliffene Kristalle das Wachsen des Schattens, das Wachsen des Königsplaneten. An ihnen war es, das Zeichen der erfüllten Zeit zu geben. Die verfärbende Hand des Todes fuhr über das Antlitz der rings versammelten Völker und Menschen. Nur Mardukhs sonnverbranntes, aufmerksames Rundgesicht behielt seine starke Lebensfarbe. Die Edelsteine seines Mantels funkelten um so unheimlicher, je mehr der Tag an Glanz verlor, auch dann noch, als in einer stumpfen Dämmerung ohne Namen sich auf allen Türmen das zeichengebende Blöken der Widderhörner erhob. Eine ausgesparte Lautlosigkeit blieb zurück, entsetzlich wie jede letzte Frist. In diese Stille hinein wurden Zidkijah und seine Knaben auf das Strafgerüst geführt.

Der König Jehudas und seine Söhne waren ganz nackt. Nackt wie Opfertiere. Selbst den Hüftschurz hatte man ihnen genommen und die Schmach angetan, vor den Augen der Völker ihre Scham aufzudecken. Doch der Herr hatte nicht gekargt, in dieser Stunde der Verfinsterung sie mit innerem Licht auszustatten. In großer Schönheit erstrahlte Zidkijahs Gestalt. Fein und lieblich waren die Leiber der Knaben, so daß ein mütterlicher Seufzer der Erschütterung sich dem Herzen des zuschauenden Volkes entrang. Man hatte die Handgelenke des Vaters an die Ärmchen der Kinder geschmiedet. Sie konnten sich nur gemeinsam bewegen. Adajah hielt den Kopf sehr hoch und wandte den ernsten Blick nicht von seinem Vater, als gedenke er, möge kommen was wolle, sich genau so zu verhalten wie sein vergöttertes Vorbild und sich nicht minder zu bewähren. Jechiel aber blinzelte herum, neugierig und weinerlich zugleich. Der Größere schwieg. Der Kleinere quengelte: »Vater ... Was wollen diese Menschen da? ... Warum sind wir hier? ... Wann gehen wir heim? ...«

Zidkijahs Stimme beruhigte den Jüngsten, ohne zu zittern: »Hab Geduld, Kind ... Es dauerte nicht lange ... Bald sind wir wieder daheim ...«

Jechiel begann zu jammern, doch nicht allzuviel: »Laß uns doch Kleider nehmen und zur Mutter und Großmutter gehn ...«

Durch die Thronpyramide lief eine Bewegung. Mardukh hatte dem rangältesten Nergal eine kleine Tontafel übergeben, die nach unten weitergereicht wurde. Zugleich betrat das Strafgerüst ein Zug von Vermummten in weiten feuerroten Mänteln, der um die drei Davidsöhne einen ziemlich dichten Kreis schloß. Der erste der nergalisch Rotbemäntelten nahm Mardukhs Tontafel in Empfang und verlas laut vor Zidkijah und dem ganzen Volk den Spruch der Notwendigkeit:

»Du wirst zuerst sehen und dann nicht mehr sehen, weil du sehend nicht gesehn hast!«

Dunkel war Mardukhs Götterspruch wie alle Göttersprüche. Schreckgeweitet suchten des Königs Augen Jirmijah. Bereute jetzt der zur Opferung Geführte, daß er sich nicht selbst dargebracht hatte? Jirmijah wollte zu ihm aufs Gerüst. Da aber sah er, daß auch er nicht frei war. Vier blaue Brüder Nabus waren plötzlich hervorgetreten und umstellten ihn von allen Seiten, so daß er keinen Schritt tun konnte. Von neuem blökten die Widderhörner auf. Die Sonnenfinsternis war voll. Auf dem Platz, in der Stadt, ja vielleicht auf der ganzen bewohnten Erde hob jetzt ein wilder Lärm von Ratschen, Klappern, Handpauken, Trommeln, Triangeln und anderm Schlagwerk an, in dem selbst die Posaunenchöre und Gesänge der Priester untergingen. Es war, als wollte die Menschheit durch dieses beschwörende Tosen das Weltenende bannen und auch die Schreie der Opfer ersticken. Da packte die Kinder Zidkijahs zum erstenmal die Todesangst an. Sie preßten ihre kleinen Gesichter in das brennende Fleisch des Vaters. Oben auf seiner Stufe wandte der blauschwebende Samger Nebu dem Strafgerüst langsam den Rücken und sah Mardukh müde in die Augen. Dieser hob kaum merklich die Hand. Sechs der Rotbemäntelten traten zu zwei und zwei hinter Zidkijah und die Knaben. Sie lösten die Fesseln, die Adajah und Jechiel an den König banden. Dann führten sie die schrill nach dem Vater Kreischenden (man hörte es nicht im Lärmgetöse) rechts und links von ihm drei Schritte vor, so daß er alles sehn mußte, wie das Urteil es befahl. Zidkijah warf sich mit solcher Kraft vor, daß er die beiden Riesen hinter sich, die ihn festhielten, zu Boden riß. Ehe er sich aber wieder erheben konnte, hatten die Vermummten hinter Adajah und Jechiel ihre weiten roten Mäntel abgeworfen und als saturnalisch schwarz gekleidete Scharfrichter den letzten Kindern Davids mit blitzschnellem Schwerthieb den Schädel gespalten. Sie stürzten lautlos im ungeheuren Lärm zusammen. Ihr aufspritzendes Blut färbte den nackten Leib des Vaters. Noch einmal bäumte sich Zidkijah so gewaltig, daß er die Mordknechte zur Seite schleuderte. Sie stürzten sich auf ihn und banden ihm die Arme an den Leib. Auf den Knien liegend brüllte er mit fliegender Brust:

»Nun habe ich gesehen ... Worauf wartet ihr? ... Beeilt euch doch, daß ich nicht mehr sehe ...«

Zidkijah aber hatte Mardukhs Spruch mißverstanden. Bis auf die zwei Riesen, die ihn bewachten, sammelte sich der Zug der Rotbemäntelten wieder und verließ das Strafgerüst. Der Verurteilte blickte ihnen mit einem Entsetzen nach, dem die Qual der Enttäuschung und des Aufschubs den Atem raubte. Da er den Verschwindenden nachstarrte, bemerkte er erst mit seinem letzten Augen-Blick, daß von der andern Seite des Gerüstes eine neue Gestalt auf ihn eindrang. Dieser Mann war nicht nur eine ganz und gar saturnalische Erscheinung, sondern man hätte meinen können, er sei Ninurtu in Person. Greisbärtig, voll griesgrämiger Beamtlichkeit, auf einem allzu kurzen linken Bein mühsam hinkend, näherte sich der Schwarze seinem Opfer. In den Händen, die er hinter seinem verwachsenen Rücken verbarg, trug er zwei dünne weißglühende Eisenstäbe an hölzernen Griffen. Als Zidkijah ihm jäh sein Antlitz zuwandte, stieß er ihm kurz und mit unglaublich wohlgeübtem Stoß die glühenden Eisenspitzen gleichzeitig in die herrlichen Augen. Das Löwengebrüll des Geblendeten ging im gesteigerten Tosen unter, das den weichenden Schatten und die überwundene Sonnenfinsternis feierte. Schwarze Knechte kamen und schafften die blutigen Knabenleichen fort. Andre Knechte schütteten aus Eimern Wasserfluten über Zidkijah. Doch da durch die Liebe des Schöpfers der Mensch nur ein gewisses Maß an Schmerzen ertragen kann, hatte er die Besinnung verloren.

Die vier blauen Brüder Nabus traten zurück und gaben Jirmijah den Weg frei. Er schleppte sich zu dem Gerichteten aufs Gerüst und bettete den Kopf mit den blutig verkohlten Höhlen in den Schoß. Während seine Tränen rannen und nicht ruhten, sprach er Worte, von denen er nicht wußte, daß er sie sprach:

»Mein König, mein Kind, meine Herrlichkeit ... Du wirst leben ... Und wer lebt, der kann sein Verdienst erkennen ... Sehr hoch ist dein Verdienst ... Denn du hast die bittere Hefe aus dem Becher aller Geschlechter getrunken ... Jetzt bist du sinnlos vor Schmerz ... doch in wenigen Tagen weicht er ... Und wenn die Zeit um ist, wird dir der Herr seine Freude nicht vorenthalten ... Freue dich, Mathanjah, denn deiner wird gedacht werden und zu den lebendigen Seelen tritt deine Seele ...«

Tief gebeugt über den Bewußtlosen, der ihn vielleicht doch hörte, schluchzte Jirmijah diese Tröstungen und viele andre noch. Als er aber plötzlich aufblickte, stand Nebukadnezar vor ihm. Der Großherr hatte mit seinen Nergaliden und Ninurtiden das Strafgerüst betreten und ließ seinen aufmerksamen und doch menschenfernen Blick auf Jirmijah ruhen, der mit nassen Tüchern die Wunden des Geblendeten kühlte. Und Mardukh öffnete den sparsamen Mund und sprach mit seiner hohen, etwas engen Stimme knappe Worte zu Jirmijah, was eine Ehrung sondergleichen war, die den scheelen Neid des umgebenden Sterngefolges erweckte.

»Der Gefangene«, sagte er, »wird morgen abgeführt nach Babel ... Keiner folgt ihm, nicht Mann noch Weib ... Du aber bist frei, zu bleiben, zu gehen ... Auch mit ihm ...«

Auf die einzigartige Auszeichnung dieser Ansprache durch den Herrn des Erdkreises hätte es sich geziemt, zu Boden zu sinken und die Stelle zu küssen, wo er stand. Jirmijah aber blieb starr sitzen. Dunkel stieg es in ihm auf und erfüllte mit Kraft sein zermalmtes Sein. Er, der als Künder unter die Völker der Welt gestellt war, fürchtete sich nicht und sprach also zu Mardukh, dem Herrn der Völker, im Namen des Einzigen:

»Ein Grundstein und ein Eckstein hättest du werden können ... Nun aber bist du nur ein toter Block, der im Wege liegt ...«

Drei Augenblicke des Entsetzens. Das Sterngefolge erbleichte und schien unter diesen ungerächten Worten verwelken zu wollen. Ratlos fielen die waagrecht gefalteten Hände herab. Um Nebukadnezars Mund zuckte es. Von diesem Zucken hing Tod und Leben ab. Jirmijahs Worte hatten die Wunde berührt und die Wahrheit entblößt. Der Schwertknecht Gottes wußte, daß trotz aller zerstörten Städte und verbrannten Tempel sein Werk vertan war. Seine rechte Hand umtastete das goldne Schaufelchen an seinem Gürtel. Jetzt aber zeigte er sich ganz als ein in der Höhe gegründeter Hoher und nicht als ein in die Höhe gestreckter Niedriger. Anders als die eitlen Gewalthaber der Erde, ohne tückische Angst, Gereiztheit und Rachsucht erduldete er die Wahrheit, ruhigen Auges. Das Zucken um seinen Mund schlängelte und glättete sich zu einem rätselhaften Lächeln. Mit einer leichten Kopfwendung wandte er sich an die schreckensbleichen Nergaliden und Ninurtiden, mit seiner beleidigten Machtfülle Leben und Freiheit dem Beleidiger für alle Zeit gewährleistend:

»Er bleibe oder gehe, wohin er will ... Er rede und künde, was er muß ... Denn sein Gott in ihm ist sehr stark ...«

   

In selbiger Nacht wurde Jirmijah von einem Traumgesicht oder besser von einem Gesichtstraum heimgesucht, in welchem ihm der Herr erschien. Das erstemal in seinem Leben war Adonai nicht nur Stimme und Wort, sondern etwas mehr. Das bedeutet nicht, daß Jirmijah eine bestimmte Erscheinung mit Augen gesehen hätte. Und dennoch, eine männliche, straffe, durchaus nicht greise, sondern fast jugendliche Leuchtgestalt war auf unerklärliche Art seinen Sinnen nahe. Nein, dies ist noch immer nicht ganz genau berichtet. Nicht eine männliche Leuchtgestalt war im Raum, sondern das empfindende Bewußtsein, eine männliche Leuchtgestalt sei im Raum, war in Jirmijah. Es war aber ein freier Raum, in dem dies alles geschah, eine sandverwehte Karawanenstraße in der Wüste. Jirmijah sah unendlich weit in der Ferne am Wüstenrande das malvenfarbige Hauchgebilde des Etemenanki vor sich, dem er entgegenstrebte. Sooft er, von der einsamen Wanderung erschöpft, stehenblieb und sich umkehrte, bemerkte er fern am entgegengesetzten Wüstenrand die schwarzen Säulen des Tempels Memphis im Westlande zu Noph, der die Pforten der Amenti bewacht. Dazwischen aber erstreckte sich eine Welt voll Trümmer und Brandstätten. Das Gesicht begann damit, daß sich in der Karawanenstraße vor Jirmijah plötzlich eine tiefe Spalte öffnete. Er fühlte die Kraft in sich, sie zu überspringen. Da aber hielt ihn das Bewußtsein von der Leuchtgestalt zurück, die mit der Stimme der Raunungen sprach:

»Dein Willensbegehren zieht dich nach Babel ... Doch dem steht mein Wille entgegen ... Kehr um!«

»Herr«, entgegnete Jirmijah, von der Echtheit des Gesichtes bestürzt, »Herr, deine Barmherzigkeit ist sehr langfristig, die meine aber währt nur kurz ... Gewähre es doch deinem Knechte, den geblendeten König, der allein ist, nach Babel zu geleiten ...«

»Du sollst nicht nach Babel gehn«, erklang es nicht ohne Ungeduld, »denn ich. will dich zurück zum Reste deines Volkes senden ...«

Tiefe Dämmerung war eingefallen. Im Stern des Etemenanki begann das Sammellicht aufzuschimmern. Der Träumer wehrte sich mit aller Kraft:

»Nach Babel wird nicht allein der Geblendete geführt zu ewiger Gefangenschaft, sondern alles, was frisch und stark ist im Lande, Männer und Weiber ... Unters Joch gebeugt, aneinander geschmiedet treibt man sie mit Eisenstachel und Stock über alle Wege, zehntausend um zehntausend ... Die Straßen sind verstopft von ihrem Elend ... Der Rest aber, wer ist es? ... Die Verräter, die Überläufer, die Vorsichtigen, die Klügler, die Alten und niedres Volk, das sät und erntet, wo immer, wie immer ... Sie bedürfen meiner nicht ...«

»Streite nicht wider mich«, sagte die Stimme nicht ohne Ungeduld, »sondern gehorche und kehr um!«

Nach diesen Worten öffnete sich die Spalte zu einem weiten Abgrund. Das männlich Leuchtende hatte sich ein wenig entfernt. Da beschloß Jirmijah, es listiger anzufangen.

»War dein Knecht nicht immer gehorsam, Herr?« fragte er.

Die Leuchtgestalt im Räume schwieg nachdenklich, was schon eine Art gnädiger Bejahung war. Mehr wäre zu viel gewesen. Jirmijah aber ging Adonai verschlagen an:

»Diesmal ist mein Willensbegehren größer als mein Gehorsam, Herr ... Mein Herz hängt an dem Geblendeten, mein Herz hängt an den Gefangenen Zions ... Gehört deine Verheißung nicht ihnen?«

»Meine Verheißung gehört ihnen.«

»Und mich willst du fortjagen? ... Der ich im Tagewerk mich verbraucht habe, mir behältst du am Abend so vieler Siebenjahre den Lohn zurück?«

Hinter seinem Rücken fühlte der Träumer den düsteren Brand vieler Städte und Dörfer. Vor sich sah er in der Ferne das Licht Etemenankis und in der Nähe den klaffenden Abgrund, über den er hinwegsetzen mußte. Die Stimme der unsicht-, aber fühlbaren Erscheinung schien des Lästigen satt zu sein.

»Hadre nicht«, sagte sie, »sondern gehorche und kehr um!«

Jirmijah aber stellte sich breitbeinig hin und begehrte auf:

»Und wenn dein Knecht nicht umkehrt?«

»Dann ist er ungehorsam.«

»Und wenn er ungehorsam ist?«

»Dann hat auch der Letzte die Treue gebrochen, wie alle andern ...«

»Sei's drum!« rief der Gotteskämpfer keck und machte einen Schritt auf den unüberschreitbaren Abgrund zu. In der Leuchtgestalt aber, von deren Gegenwärtigkeit Jirmijah ein empfindendes Bewußtsein hatte, ging ein deutlicher Wandel vor sich. Zögernd erging ihre Antwort:

»Ich aber will nicht, daß der letzte Treue untreu wird ...«

Der Träumer frohlockte in seinem Herzen. Schon glaubte er, der Stärkere geblieben zu sein. Achselzuckend seufzte er:

»Was willst du dagegen unternehmen, Herr? ... Allzustark ist das Willensbegehren deines Knechtes ...«

Die Leuchtgestalt schien sich zurückzuziehen. Schon aus andern Räumen erlautete ihr bedächtiges Wort, nicht ohne heimliches Bedauern:

»Wenn du dein Willensbegehren nicht änderst, so muß ich meinen Willen ändern.«

Jirmijah erschrak bis ins Mark über diese Worte. Zugleich hatte sich der klaffende Abgrund geschlossen und die Straße lag glatter und gangbarer vor ihm als vorher.

»Der Herr ändert seinen Willen«, stammelte er.

»Da du nicht umkehrst«, raunte es, »so kehre ich um ... Denn mein Wille war's, mit den Gefangenen Zions nach Babel zu wandern und dort unter ihnen zu wohnen ... Nun aber wanderst du mit ihnen und ich kehre um ...«

»Nein, nein, Herr, tu dies nicht«, schrie der wieder Besiegte verzweifelt auf, »sondern ziehe mit ihnen, und ich gehorche und kehre um ...«

Und im Erwachen hatte er das überdeutliche Gefühl, sich an zwei kräftigen, warmen Mannesarmen festgeklammert zu haben.

In diesen Tagen aber machte sich Jirmijah auf, mit Maacha, der Erstarrten, mit Baruch und Ebedmelech heimzukehren zum Reste Jakobs in das unselige Land.

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