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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 27
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
projectid6c149880
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Zwischen den Mauern, in den Gewölben, auf dem Wachthof

Mehr als drei Monde schwebte Jirmijah zwischen Leben und Tod. Hilkijahs und Abis empfindsamer Sohn besaß eine steinharte Stirn. Sie hatte der Wucht des Goldes standgehalten und ihn gerettet. Langsam heilte die Wunde, aus der die Knochensplitter sich lösten. Doch die Narbe, die über den Augen zurückblieb, war ebenso tief wie die Wunde. Zum Glück hatte der Hieb Jirmijahs feingeschwungene Nase, das Erbteil einer uralten Geschlechtsreihe, nicht verletzt, so daß die Entstellung seines Gesichtes durch die Stirnnarbe nicht unedel und abschreckend war wie die Backennarbe Urijahs. Die Wunde aber heilte viel schneller als seine Besinnung. Noch lange, nachdem die Hand des Todes schon von ihm gelassen hatte, lag er still ausgestreckt, bewegte sich nicht, sprach kein Wort. Wenn ihm Baruch, sein Pfleger, flüssige Speise einflößte, so öffnete er gehorsam den Mund und schluckte wie ein Kind, während seine fern-sinnenden Augen an einem Winkel der Kammer hingen. Dann und wann kamen heimlicherweise die Königinnen, Hamutal und Maacha, brachten dem Kranken schöne Granatäpfel, frische Datteln und Trauben und saßen lange an seinem Lager. Er sah durch sie hindurch wie durch Fenster. Einmal erschien auch der König und sprach Worte bedrängter Wehmut. Jirmijah zuckte nicht mit der Wimper. Alle glaubten daher, er habe Gesicht, Gehör und Sprache verloren. Dies aber war nicht richtig. Er brauchte nur sein Gehör zu Unterredungen, die sich in unnennbaren Zeiten und Räumen begaben, sowie er sein Gesicht zur inneren Schau unnennbarer Bilder brauchte. In diesen Monden aber ließ Baruch nicht ab, immer wieder mit sehr lauter Stimme zu ihm zu sprechen wie zu einem Tauben. Eines Tages aber erhielt er plötzlich Antwort. Er hatte wieder einmal in der Bedrängnis seines Herzens überlaut ausgerufen:

»Babel ist wiedergekehrt, schon lange ... Weiß es mein Meister? ... Sie liegen mit großer Macht wider die Stadt ...«

Da wandte ihm Jirmijah die Augen zu und sagte ruhig mit seiner gewohnten Stimme:

»Warum schreist du alte Dinge, Baruch? ... Seit vielen Wochen schon liegt Babel mit großer Macht wider die Stadt.«

Der Jünger wurde ganz atemlos vor Freude über den Wiedererweckten. Er sprach noch immer überlaut wie zu einem Schwerhörigen:

»Doch neue Heere sind angekommen ... Auch die Südtore werden belagert ... Nichts kann mehr herein und hinaus ...«

»Warum erzählst du mir, was ich längst schon weiß und hinter mir habe? ... Viel Ferneres erfuhr ich ...«

»So hat der Meister das Ende schon geschaut«, stammelte Baruch. Jirmijah aber sah ihn verschleiert an:

»Das Ende habe ich geschaut und das, was nach dem Ende ist ...«

Er unterbrach sich und lächelte. Indem sein Mund es aussprach, hatte sein Geist alles vergessen. Doch ein sonderbar friedlicher Nachgeschmack verriet ihm, daß es nichts Schlimmes sein konnte, was er hinter dem Ende geschaut, gehört und vergessen hatte.

Dies war Jirmijahs Gesundung. Am nächsten Morgen erhob er sich zum erstenmal wieder und wandelte. Auf seinen schwachen, in den Kniegelenken schlenkernden Beinen aber gelangte er nur in die Werkstatt des Sattlers, bei dem er wohnte; dort wäre er zusammengefallen, hätte ihn nicht sein Hauswirt aufgefangen und zu einem Sitz geschleppt. Schwer und pfeifend drang ihm der erschöpfte Atem durch die Nase. Die Gesellen des Handwerkers ließen ihre Arbeit liegen und starrten ihn an. Widerwärtig mischte sich in ihren Blicken Grauen, Erbarmen und ein seltsamer Lachzwang, den sie mühsam unterdrücken mußten. Die Sattlerei hatte sich in eine Waffenschmiede verwandelt. Auf dem Boden lagen gegerbte Häute, die nicht mehr zu Sattel- und Zaumzeug, sondern zu Schwertriemen, Schleudertaschen, Köchern, Schildbekleidungen und Bogenbezügen verarbeitet wurden. Jirmijah sah zu seinen Füßen eine blanke Erzscheibe, die darauf wartete, in den Holzrahmen und die Lederhülle eines Schildes eingepaßt zu werden. Er bückte sich keuchend nach diesem Spiegel und legte ihn auf den Schoß. Dann beugte er sich mit seinen kurzsichtigen Augen tief über den Schild, um zu erkennen, warum sein Anblick die Männer verstöre. Er begegnete einem ganz und gar fremden Jirmijah in seinem Spiegelbilde. Der ewige Bildner des Himmels, der sich eifersüchtig alle menschliche Bildnerei verbat, hatte ihn nun auch dem äußeren Ansehen nach umgebildet. Ein beinahe alter Mann mit stark ergrautem, ungeschorenem Haar und Bart, mit verletzten Augenbrauen und einer rötlichen tiefen Grube darüber, blickte ihn fragend an. Doch Jirmijah erschrak und verwunderte sich nicht. Sein Herz erkannte den Sinn auch dieser Verwandlung. Nun hatte Adonai aus seinem Antlitz das Zeichen Hilkijahs, die sichtbare Urkunde der Väter und Vorväter für immer gelöscht. Der schon vor seiner Empfängnis im Mutterschoß Ausgesonderte, nun war er aus den letzten Bedingnissen irdischer Angehörigkeit herausgelöst worden, damit er, der nicht Vater werden durfte, auch nicht mehr Sohn sei. Der Herr hatte ihm ein neues Antlitz gegeben, damit er sich selbst und seinem ererbten Anteil nicht mehr ähnlich sehe. Sanft lächelte er sein Spiegelbild an, zum zwinkernden Erstaunen des Sattlers und seiner Gesellen, die ihn für einen stillen Geisteskranken hielten. Doch ihm erschien sein neues Antlitz, diese äußere Wiedergeburt innerhalb eines einzigen Lebens, als geheimnisvolle Ehre.

Es währte noch einen Mondwechsel, ehe Jirmijahs Beine wieder in den Besitz ihrer alten Kraft gelangten. Dann aber nützte er diese Kraft mehr denn je. Eine unheimliche Wandergier trieb ihn um. Da aber die Stadt eingeschlossen war, fand sich auch Jirmijahs Wandergier eingeschlossen und konnte nirgends ins Freie gelangen. Der Mann aus Anathot strich in sonderbaren Kreisen umher. Zu Hofe ging er nicht. Zum Tempel ging er auch nicht. Er vermied es, selbst den äußeren Vorhof zu betreten, der von früh bis spät von den gellenden Predigten der Härenen und dem erregten Stimmenbraus des tödlich enttäuschten Volkes überkochte. In dieser Zeit erweckte Jirmijah den Eindruck eines schleuderhaften, ja verkommenen Mannes, dem die großen Heilsgewalten, Opfer, Buße, Gebet, nichts mehr bedeuteten. Als ihn Baruch offen darüber zur Rede stellte, entgegnete er: »Weißt du nicht, daß Freiheit auch über dich und mich ausgerufen ist?«

Allmorgendlich verließ er bei Sonnenaufgang das Haus des Sattlers. Da waren die engen Gassen noch leer, und er kam nicht in Gefahr, angestarrt und belästigt zu werden. Wenn er in seinem wetterfarbnen Mantel an dem plumpen Knotenstock, den er noch aus der Zeit des Jochtragens besaß, unter Menschen auftauchte. wiesen törichte Mütter auf den versonnen wankenden Gottesmann wie auf einen bösen Geist und ängsteten ihre kleinen Kinder: »Siehe, der Prophet wird dich holen!« Er wich geflissentlich allen aus. Endlich hatte sein scheues, wandergieriges Herz den geeigneten Aufenthalt gefunden. Zwischen den äußeren und inneren Befestigungswerken und Mauerringen lief ein breiter grasbewachsener Gürtel im gewaltigen Rechteck, eine Stadt innerhalb der Stadt. Hier weideten die Herden, die zur Ernährung der Belagerten dienten. (Beängstigend waren sie zusammengeschmolzen, da die Lücken nicht mehr aufgefüllt werden konnten.) Hier hatten die Zuzügler vom Lande, die in Jerusalem kein Obdach fanden, ihre Zelte aufgeschlagen. Hier wurden die Verwundeten und Kranken festgehalten, damit die innere Stadt von ansteckenden Seuchen verschont bleibe. Hier vergatterten sich die Feldhaufen und Kriegsrotten unter ihren Anführern, um die Besatzungen der Mauern und Bollwerke zu ihrer Stunde abzulösen. Während des Mauerkampfes wurde hier der Nachschub an Mannschaft, Waffen und Kriegsgerät bereitgestellt, damit Ersatz und Hilfe rechtzeitig eingreife. Da es sich somit um den wichtigsten Rückenraum der Verteidigung handelte, wurde der Zutritt dahin nicht ohne weiteres freigegeben, sondern die diensthabenden Hauptleute der inneren Tore führten Listen darüber, wer alles diesen dürren Anger zwischen den Mauerringen betrat.

Die Krieger kannten zumeist Jirmijah und ließen ihn mit einer lässigen Handbewegung durch, wenn er am Morgen vor dem inneren Stadttor Benjamin oder Ephraim erschien. Obgleich sie keinem der Propheten, am allerwenigsten aber dem unerbittlichsten unter ihnen gewogen waren, so duldeten sie es doch, daß der ehemalige Lehrer des Königs sich einer der zur Ablösung ziehenden Rotten anschloß und hinter ihr manchmal eine Mauerwarte oder einen Turm bestieg. Dort verbrachte Jirmijah dann ganze Stunden, wortlos in das Land hinauslugend. Vom Krieg und von Babel ließ sich seltsamerweise nur wenig erblicken. Nergal Nebusaradan hatte sich, durch den siegreichen Ausfall Zidkijahs gewitzigt, zu einer neuen Art der Belagerung entschlossen. Die Schlinge des Würgebandes umfing vollständig, doch in einem weiteren Kreise die Stadt des Herrn. Der Nergal wartete mit der ungetrübten Geduld des Sternenmenschen auf die richtige Stunde, dieses Würgeband zuzuziehen. Die Heerlager Babels erstreckten sich nicht mehr auf den Berghängen, sondern auf den Bergkämmen. Sechs feste, wohlumwallte Zeltstädte verhinderte jede Tollkühnheit Zidkijahs oder Elnathans. Sie beherrschten nun alle Straßen; auch die Straße des Weihrauchs und des Goldes hielten sie nach ihrem Bund mit Pharao abgedrosselt, so daß kein Kamel, keine Eselin, kein Rind und kein Lamm mehr nach Jerusalem gelangen konnte. Das riesige tote Vorfeld zwischen den Zeltstädten Babels und der Stadt machte jeden Gedanken an einen wirksamen Ausfall zunichte, da dieser in dem leeren Raume versickern mußte wie Wasser im Wüstensand. Dennoch stand in den Augen der Königskrieger keine Bekümmernis zu lesen. Sie waren Kinder der Stunde und schienen es längst vergessen zu haben, daß durch Pharaos Untreue sich alles wieder zum Schlimmen gewandt hatte. Die Helden der Leibwache gröhlten ihre Feldlieder, in welchen sie Zebaoth keck, ja unverschämt dazu aufforderten, seinen Bund zu erfüllen, und wenn es sein mußte durch ein Wunder wie im Altertum des Feldherrn Josua. Wohlgelaunt taten die Kriegsleute ihren Dienst. Denn bisher war es ja kein übler Krieg. Jerusalem stand ungebrochen seit Jahr und Tag. Die matten und seltenen Angriffe Babels aber schienen eine hohe Achtung vor Jehudas Helden zu beweisen.

Jirmijah lugte immer in der Richtung von Anathot. Ein unbekanntes Heimweh erfüllte ihn nach seinem Vaterhaus, nach der Mark Benjamin, nach dem Land seiner Kindheit. Ihn riefen die Hügel Anathots. Er wußte nicht, aber er ahnte, warum. Während seiner Krankheit hatte sich der gute Vetter Hanameel zweimal in die Stadt geschlichen, um ihm den Pachtzins abzuliefern. Jetzt aber blieb er schon den vierten Mond aus. Jirmijah fühlte, daß Hilkijahs verödetes Erbe seiner bedurfte, jetzt vielleicht zum erstenmal. Spät mußte er erkennen, daß sein Herz an des Vaters Haus und Hof hing, die er während seiner Lebensfahrt so oft vergessen hatte. Er überlegte, auf welchem Wege er Jerusalem verlassen könnte, um nach Anathot zu gelangen. Streng bewacht waren alle Tore und standen Tag und Nacht unter Aufsicht hoher Befehlshaber. Dennoch gab es Überläufer genug. Eine eigene Weisung Mardukhs bestimmte, daß die Überläufer nicht nur mit Schonung, sondern mit offenen Armen aufzunehmen seien. Jedem von ihnen sollte ein Anteil an den Landgütern des Königs, der Fürsten und der Reichen zugesprochen werden. Babel gedachte durch solche Lockungen, Jerusalem ohne Schwertstreich zu entvölkern und zugleich an den Schuldigen Rache zu nehmen.

Jirmijah begehrte nur eines: für wenige Tage nach Anathot heimzukehren, das Haus seiner Berufung aufzusuchen, mit Hanameel die Äcker seines Erbes zu durchwandern und eine Weihgabe des Gedenkens auf den Begräbnisplatz der Eltern niederzulegen. Ihm war's, als erwarte ihn die Mutter daheim, und er müsse ihr sein neues Antlitz zeigen, damit sie dahinter das jüngste Kind wiedererkenne. Er verriet Baruch sein starkes Verlangen. Dieser aber erschrak und warnte ihn mit solcher Heftigkeit vor unüberlegtem Tun, daß er nicht wieder darauf zu sprechen kam.

Als er in den mondlosen Stunden einer Herbstnacht wieder einmal ruhelos zwischen den nördlichen Mauerringen umherwanderte, fühlte er sich plötzlich festgehalten. Ein Mann leuchtete ihm mit einer abgeblendeten Laterne ins Gesicht. Die wuchtige Gestalt des Mannes war in einen weiten Reisemantel gehüllt. Erst als dieser sich mit seiner eigenen Laterne anstrahlte, erkannte Jirmijah Ahikams Sohn Gedaljah, den älteren der weisen Zwillinge.

»Ich kenne einen Weg«, flüsterte Gedaljah, »er ist gefahrlos, wenn wir uns beeilen ... Folge mir!«

Jirmijah rührte sich nicht von der Stelle. Da wurde Gedaljah dringlicher:

»Eingetreten ist deine Wahrheit, wie sie auch mein Vater vor seinem Tode erfolgert hat ... Ich habe gewartet und gezaudert und es nicht übers Herz gebracht, bis zu dieser Stunde ... Nun aber alles verloren ist, kümmert mich nicht mehr Stadt und Tempel, sondern nur der Rest Jakobs ... Micha, der Kränkliche, Opferbereite, ist mir vorangegangen, die Hürde zu bereiten ... Jetzt ist es an dem ... Er ruft mich, das Werk zu übernehmen ... Und er ruft auch dich ...«

Jirmijah schüttelte langsam den Kopf:

»Dieses ist deine und seine Sache, nicht die meine ...«

Wahrhaftig, es war nicht seine Sache, gemäß scharfsinnigem Erwägen und Dafürhalten zu handeln wie Ahikam und seine Söhne. Daß die Ergebniszahl jeder Berechnung ausnahmslos eine Niete war, das wollte er nicht von neuem lernen. Daß Gedaljah und Micha kraft ihrer Folgerungen des bösen Endes so ganz und gar sicher und keines Umschwunges im Herrn gewärtig waren, erfüllte Jirmijah mit starkem Widerstreben. Der Mensch in seinem lächerlichen Selbstvertrauen blieb sich immer gleich. Seine Sicherheit war die kindische Überschätzung jenes leeren Herumratens, das er Verstand und Voraussicht nannte. So sehr Jirmijah auch in diesem getreuen Schaffansohn den besten Mann Jehudas ehrte, auch zu ihm stand er in einem unüberbrückbaren Grundgegensatz. Gedaljah unterrichtete ihn mit raschem Flüsterwort, daß in diesen Tagen die Ankunft Nebukadnezars vor Jerusalem erwartet werde. Michas geheimen Botschaften zufolge sei Mardukh bereit, nach Ausrottung des Hauses David Gnade walten zu lassen, des Volkes zu schonen und ihn, Gedaljah, mit der Statthalterschaft über den Rest zu betrauen. Er habe bis zu diesem Tage mit sich gekämpft, diesen Schritt zu tun. Es gebe aber keine andre Bewahrung und Hinüberrettung Jakobs über den Abgrund. An dieser Rettung mitzuarbeiten sei auch Jirmijahs Pflicht, der in der Achtung Mardukhs sehr hoch stehe. Jirmijah spürte, wie bitter schwer es trotz aller klaren Gründe Gedaljah wurde, die kämpfende Stadt preiszugeben, und wie sein Herz in Jirmijah einen Bundesgenossen suchte. Dieser aber wehrte ab:

»Nicht wird sich erfüllen, was Nebukadnezar will, und nicht, was Gedaljah plant ...«

»Keinen Augenblick verziehe mehr«, drängte Gedaljah, »damit wir dich vor das Antlitz Mardukhs führen und auch du sein Herz belagerst ...«

»Vor Mardukhs Antlitz ist jetzt nicht mein Ort«, sagte Jirmijah, »du aber sprich mein Wort zu ihm ...«

Gedaljah näherte sein großes, sorgenernstes Antlitz fragend Jirmijah. Dieses aber war der Spruch, den er auf seinen Weg zu Nebukadnezar mitbekam:

»Ein totes Volk wirst du töten. Einen verbrannten Tempel wirst du verbrennen. Gemahlenes Mehl wirst du mahlen ...«

   

Schnell verbreitete sich in der Stadt das Gerücht, daß Gedaljah, der Enkel Schaffans, der Ehrenhafte, Ehrenwürdige, als ein gemeiner Hochverräter bei Nacht in Babels Lager geflohen sei. Es war ein Schlag, entmutigender als eine Niederlage. Der König, seine Kriegshelden und Fürsten rasten vor Wut. Dem Hochverrat des Überlaufens mußte ein grausames Ende gesetzt werden! Die Stand- und Streifposten längs der Mauerringe wurden während der drei Nachtwachen verdoppelt. Sie erhielten das Recht, jeden auf der Stelle zu töten, den sie bei dem erwiesenen Versuch ertappten, über die Mauern zu entkommen. Die Aufsicht über den nördlichen Teil der Stadt wurde dem schärfsten Hauptmann der königlichen Leibwachen übertragen. Dieser aber war niemand andrer als Jerijah, Chananjahs Sohn. Jerijah schlug seinen Dienstsitz in einem Gelaß des äußeren Torbaus Benjamin auf, von dem aus die große Straße in die nördlichen Marken führte.

Es waren erst einige Tage seit Gedaljahs Flucht vergangen, als Jirmijah eines Morgens wie so oft zwischen den Mauerringen und am Tore Benjamin auftauchte. Er strich an seinem Treiberstock unentschlossen hin und her, vielleicht eine Stunde lang. Immer wieder blieb er stehn und warf begehrliche Blicke in die dunkle Wölbung des Tores, vor dem ein rothaariger Rottmeister und einige müßige Krieger Jerijahs hockten, während die Wachtposten mit geschulterten Stoßlanzen auf und ab schritten. Endlich trat Jirmijah auf den Rottmeister zu und deutete in die finstere Torleibung.

»Öffnet«, sagte er ruhig, als begehre er nichts Außerordentliches, »ich bin der Mann aus Anathot ... Und ich will heimkehren für einige Tage, in Benjamin mein Erbe zu bestellen ...«

Er trat mit einem raschen Schritt an dem Rothaarigen vorbei in den Torbau. Der Rottmeister aber hielt den Kühnen am Arme fest und sah ihn mit giftigen Äuglein schief an.

»Der Mann aus Anathot«, nickte er, »möchte nach Anathot, sein Erbe zu bestellen ...«

Ehe Jirmijah sich noch besinnen konnte, hatten ihn die Fäuste der Gepanzerten ergriffen und vor ihren Hauptmann gestoßen, der in der Tiefe seines Gelasses vor einem rotglühenden Kohlenbecken kauerte, eine geduldige Spinne im weitgesponnenen Netz seiner Vertrauten, Kundschafter und Häscher. Der Rottmeister, der den Künder festgenommen hatte, jubelte schon von weitem:

»Nun haben wir ihn ... Er ist uns selbst zugelaufen ...«

Jerijah hob ein gemeißeltes Antlitz, das von der Glut der Kohlen blutig bemalt war. Er sagte lange nichts. Doch sein Blick füllte sich warm mit dem Vorgenuß der lange ersehnten Rache. Dort stand der Mann, dessen Name wie ein Nachtgespenst auf der Brust seines Vaters Chananjah gekniet hatte, so daß dieser in Unruhe ging zeitlebens bis zur Stunde seines Todes. Und noch in dieser Stunde, da die Schwären Chananjah hinmordeten, war der Teuflische gekommen, sich am Tode des unterliegenden Nebenbuhlers zu weiden. Entweder war Jirmijah ein Lügengeist, der durch Zauber und Beschwörung den Herrn wider Jerijahs Vater eingenommen hatte, dann verdiente er die Strafe des Todes. War er aber der rechtmäßig Ausgesonderte und Chananjah der Spruchgaukler, dann verdiente er nach dem Herzen des Sohnes doppelt den Tod. Jerijah ließ sich nichts anmerken, sondern wandte sich dem Festgenommenen mit amtlicher Gelassenheit zu.

»Nach Anathot also willst du gehn«, fragte er nachdenklich, als sei dies ein erwägenswertes Anliegen. Jirmijah faßte Hoffnung:

»Heimkehren möchte ich für wenige Tage in mein Erbe ...«

Der Hauptmann schob mit einer Kohlenzange aufmerksam die Glut im Becken zusammen.

»Und wann bist du das letztemal in Anathot gewesen, dein Eigen zu bestellen«, fragte er gleichgültig. Jirmijah stutzte. Eine Fangfrage ohne Zweifel! Doch er mußte wahrheitsgemäß bekennen, daß er seit den Tagen Jojakims das Gehöft von Anathot nicht mehr betreten hatte. Jerijah lächelte milde dazu:

»Spät hast du das Herz eines Landmanns in dir entdeckt, Jirmijah ... Hast geduldig auf Nergal und Mardukh gewartet, um zur rechten Zeit heimzukehren ...«

»Babel wird mich nicht hindern«, sagte Jirmijah, »mein Erbe zu sehen, ich weiß es ...«

Chananjahs Sohn lächelte immer vergnügter:

»Das glaube ich wohl, daß du dieses weißt ... Und du weißt noch viel mehr ... Nicht vergeblich spähst du seit Monden in alle Tore und erkletterst die Türme ... Wir kennen dich ...«

So unschuldig Jirmijah auch war, das Lächeln des Hauptmanns, die Zornblicke der Wachen, die sich zum Schuldbeweis häufenden Umstände verwirrten ihn so sehr, daß er wie ein zu Recht Ertappter allerlei verworrene Erklärungen zu stammeln begann. Jerijah aber neigte höhnisch das Haupt vor ihm.

»Echter Künder des Herrn«, sagte er, »gewähre es einem gottungeübten Kriegsmanne, daß er sein Amt tausche und einmal dir die Wahrheit weissage ...«

Er fuhr nach diesen Worten wie ein Rasender von seinem Sitz auf und brüllte:

»Ein Überläufer bist du, wie die andern, wie Gedaljah ... Ein Verräter bist du, ein Späher Babels ... Wir wissen es schon lange ...«

Da zerriß ein wilder Schmerz Jirmijahs Seele und auch er brüllte auf:

»Lüge! Lüge! Lüge!! ... Ich wollte nicht überlaufen ... Nach Anathot sehnte ich mich ...«

Dieser ohnmächtige Ausbruch weckte gellendes Gelächter. Jirmijah schrie weiter und wehrte sich, wodurch seine Schuld nur noch augenfälliger erschien. Chananjahs Sohn ließ ihn fesseln. Da er es nicht wagte, über diesen gewichtigen Hochverräter nach Kriegsgesetz selbst zu urteilen, stellte er sich an die Spitze der Wachabteilung, die den Gefangenen im Vollgenuß solcher Beute durch Tempel und Stadt trieb. Die Verhaftung des Unheilsmannes kam der Stadt Gottes wie gerufen. Nach dem Aufschwung des Königsbundes und nach seinem Absturz, nach dem neuen Aufschwung der Vertreibung Babels, nach dem neuen Absturz der Rückkehr Babels war die Seele des Volkes ganz und gar zerrissen und wußte nicht mehr, woran sie sich halten sollte. Sie lechzte nach einem Schuldigen, nach einem Ziel ihres Hasses. Gleichgültig wen, aber schuldig sprechen und hassen mußte sie, um an ihrer Enttäuschung nicht zu ersticken. Seit unzähligen Jahren schon hatte Jirmijah den Untergang gekündet. Nichts lag näher als den Künder für den Gründer des Unglücks zu erklären. Aus einer tiefen Verdächtigung ihres Wesens heraus argwöhnen die Menschen, daß jeglicher Prophet seine eigenen leidenschaftlichen Zukunftswünsche dem Vorhaben der Gottheit unterschiebt. Wer Feuer weissagt, der wird in seinem Herzen selbst ein Brandstifter sein. Jirmijah hatte nichts als Feuer geweissagt. Jetzt aber zeigte es sich, daß er nicht nur in seinem Herzen, sondern auch in seinen Taten ein Brandstifter war, der in Babels Lager allnächtlich verkehrte. In kurzer Zeit war die ganze Stadt auf den Beinen. Nicht allein der Haß beschwingte viele Menschen, auch die sonderbare Erleichterung darüber, daß der Strenge, der Fordernde, der Unerbittliche, der Makellose sich als eine käufliche Dreckseele entlarvt hatte. Denn nichts befreit das Gemüt der Nichtigen schneller von seinem beständigen Unbehagen als der Triumph, einen Überragenden auf oder unter das gemeine Maß zurückgeworfen zu wissen. Aus den Häusern stürzten die fäusteschüttelnden, kreischenden Menschen, Männer und Weiber. Schon sausten Steine durch die Luft. Der Hauptmann befahl seinen Kriegern, mit ihren Schilden eine wandelnde Festung um den Gefangenen zu bilden. Als Baruch unerschrocken durch den tobenden Menschenknäuel bis zu seinem Meister vordringen wollte, erhielt er von Jerijah einen flachen Schwerthieb übers Gesicht, daß er zusammensank. Der Mann aus Anathot war schutzlos und allein.

Chananjahs Sohn, der die Dinge richtig beurteilte, führte seinen Gefangenen nicht vor den König, sondern vor das sogenannte »tägliche Gericht«. Dieses tagte im Palaste des Staatskanzlers (eines machtlosen Mannes namens Jonathan) als ein ständiges Kriegsgericht, das Verräter, Überläufer, Feiglinge, Wucherer und Verschlepper von Nahrungsmitteln aburteilte. Gerichtsherr dieses Tages war Pasch'churs Sohn Malkijah, dessen Züge beim Anblick des gefesselten Vaterfeindes wonnig erstrahlten. Von geistlicher Seite saß dem Gerichte der erste Hüter der Schwelle Zephanjah bei. Da es winterlich kalt war, wärmte er seine knotigen Greisenhände mit dem Hauch seines Mundes, welche Tätigkeit ihn völlig in Anspruch nahm. Das Verhör währte nur kurz. Unwiderlegbar sprachen die Tatsachen gegen Jirmijah. Sein Name stand seit Monden auf den Tageslisten der verschiedenen Torwachen. Es fanden sich Zeugen, die ihn im Gespräch mit Gedaljah belauscht haben wollten. Selbst wohlwollendere Richter hätten einer harmlosen Rechtfertigung dieser Umstände nicht Glauben geschenkt. Da Jirmijah sich für verloren gab, schwieg er und verweigerte die Antwort. Wie anders war es damals gewesen, als ihn seine Feinde als Gotteslästerer vor das Gericht der Dreiundzwanzig gestoßen hatten! Nicht durchdrangen ihn jetzt wie ehedem in stürmischem Wechsel Menschenfurcht und Todesangst, Zorn und Kämpferwille. Ein tiefer Gleichmut erfüllte ihn, desgleichen er noch niemals verspürt hatte. Erfüllte ihn? Nein, dieser Gleichmut umfaßte ihn. Er stand gewissermaßen mit ausgebreiteten Armen hinter ihm wie ein Engel Gottes, an den er sich nur leise anlehnen mußte, damit alles Nahe sogleich sich verferne. Was auch geschehen mochte, Jirmijah war einverstanden. Der Engel des Gleichmuts wich nicht von ihm. Er wich sogar dann nicht von ihm, als die Geißel eines Riemenschwingers vierzig Streiche weniger einen auf seinen nackten Rücken niedersausen ließ, (Wehe, kein Baruch war heute da, auch nur einen einzigen dieser Streiche mit seinem empörten Körper abzufangen.) Nach der Züchtigung stieß man ihn in das Staatsgefängnis hinab, das in den Kellern des Kanzlerpalastes untergebracht war. Als Baruch nach Jahren in einer eigenen Buchrolle die Leiden seines Meisters verzeichnete, gedachte er dessen mit den Worten: »Und so kam Jirmijah in das Verließ und die Gewölbe und verblieb daselbst viele Tage.« Die Worte Baruchs waren gut und recht geschrieben und doch wieder nicht völlig recht. Zwar verblieb Jirmijah wirklich viele viele Tage in dem Verließ und den Gewölben, aber es waren keine Tage mit Morgen und Abend, sondern eine einzige endlos ununterbrochene Nacht im Bauche der Erde. Wunderhold war die Amenti gegen diesen Ort, denn sie besaß Einteilung dem Raum und der Zeit nach. Das Verließ und die Gewölbe aber besaßen keine Einteilung. Regellos waren sie und daher bedrückender als das Land des Todes. Gleichmäßig schwarz war der Raum, und die Zeit kannte keine Ablösung. Unabgelöst war auch das Heulen und Zähneklappern der Eingekerkerten, die man gleich Jirmijah mit Kugeln und Ketten an den Fels geschmiedet hatte. Im pausenlosen Strom dieses Seufzens und Stöhnens konnte Wahnsinn auch die stärkste Seele anfallen: Stöhnte diese Stimme nebenan noch gestern, oder stöhnte sie schon morgen? Ohne Zeitmaß war die Seligkeit, ohne Zeitmaß auch die Verdammnis, widermenschlich beide. Der Engel des Gleichmuts ließ nicht von Jirmijah. Unter seinem Schutze atmete und lebte er auch in der Verdammnis ohne Zeitmaß. Es geschah sogar, daß sich in dieser endlosen übelriechenden Nacht seine Sinneskräfte steigerten wie noch nie. Nein, nicht die Stimme Adonais sprach zu ihm. Es gehörte zu ihrem Wesen, daß sie niemals dann raunte, wenn in dem Lauschenden alles bereit war, sie zu empfangen, wenn die angespannte Finsternis sie herausforderte. Eine rätselhafte Eigenschaft – dem menschlichen Gefühl als Scham, Trotz, als Sucht zu überraschen erscheinend – verhinderte sie meist, die horchende Erwartung zu erfüllen. Hingegen aber wurden Jirmijahs Ohren in neuer und wundersamer Weise geöffnet. Er hörte plötzlich, oder glaubte deutlich zu hören, was sich fern von ihm begab. Es begann mit dem Gleichschritt der aufziehenden Kriegsrotten, die hoch über den Häuptern der Gefangenen, unhörbar für das schärfste Ohr, die Wache ablösten. Jirmijah vernahm allerlei Stimmengewirr, das sich ihm sonderbar annäherte und dann wieder entzog. Es bedurfte so mancher Zeit und Anstrengung, ehe er aus diesem Gespinst die Fäden der einzelnen Stimmen zu unterscheiden und zu verfolgen lernte. So wurde er mitunter zum feinhörigen Zeugen der Unterredungen, die der König in Salomos Wohnhaus mit seinen Fürsten führte. Die Stimmen der Männer hoben sich so deutlich ab, daß Jirmijah gar nicht argwöhnte, sein eigener Kopf und nicht der Königspalast sei die Stätte dieser Gespräche.

Zaghaft und beklommen zischelte Zidkijah sein Wort. Er berichtete über fehlgeschlagene Botschaften an Pharao und die andern Bundeskönige. Die Hilfsvölker Babels hatten sich verzehnfacht. Der Sonnengott von Noph aber dachte nicht daran, das Schwert Mardukhs über die oberen und unteren Länder zu bringen. Die kleinen Könige jedoch versteckten sich, hocherfreut, wenn man ihrer nicht gedachte. Zebaoth selbst war zu den Feinden Jakobs getreten. Der König erhob seine Stimme zum Zorngeschrei und klagte in Jirmijahs geöffnetem Gehör seine Fürsten immer wieder und wieder des schlimmen Rates an. Die Fürsten ihrerseits erhoben ihre Stimmen zum Zorngeschrei (sie schienen inzwischen sehr unverschämt gegen ihren Herrn geworden zu sein) und nannten Zidkijah ein schwachgemutes Herz und einen lahmenden Kriegslöwen, der vor lauter Zukünftigkeit den Tag nicht sehe und seine winkenden Taten. Uneinnehmbar sei Jerusalem. Zwei Ernten habe man schon verloren, eiferte der König zurück, die Vorratskammern seien ausgeplündert bis auf den letzten Malter und Scheffel, bis auf den letzten Eimer und Krug. Ein Verderber, ein Frevler, wer das Volk länger betrüge und nicht bekenne, daß der starke Hunger drohe, mitsamt seinen Töchtern, der Pest und der Ruhr. Ein Verderber, ein Frevler, schrien die Fürsten, wer vom starken Hunger und seinen Töchtern vorzeitig rede. Unbesiegt stehe das Kriegsheer hinter seinen Fürsten. Nur eines tue not, keine Zeit zu verlieren und einen Schlag vorzubereiten, herrlich wie einst ...

Hier verwirrte sich das Stimmengespinst so dicht, daß Jirmijah in seinem geöffneten Gehör nichts mehr ausnehmen konnte. Er wurde aber auch an andre Orte entrückt. Ihm nahten die fernen Lieder der Wachen und die Stundenrufe der Türmer. Er hörte die alltägliche Rede der Menschen, in den Häusern, die vor Bangigkeit eng waren. Er hörte die müden Stimmen der Kinder Asaphs und das stöhnende Gebettel des Hohenpriesters an der Schwelle des Heiligtums. Dann verschob sich das Getön in der Finsternis. Sein geöffnetes Ohr wurde von anderen Lauten getroffen. Ein erregtes Gezwitscher vieler Vögel. Es war aber mehr als ein leeres Gezwitscher. Die Vögel sprachen. Sie kreischten, sie spotteten, lachten, plapperten, äfften Menschenworte nach. Da wußte Jirmijah, daß er sich in Mardukhs Prachtzelt befinde, der einsam saß und Landtag mit seinen Vögeln hielt. Er spannte alle Kraft an, um klar zu vernehmen, was Mardukhs Vögel, diese verschrumpften Sternengeister, mit ihrem Herrn ratschlagten. Doch Jirmijahs inneres Ohr konnte nichts entziffern, weder die Fragen Nebukadnezars, noch die geschrillten Antworten der Menschenverspotter.

Während er einmal wieder sein Gehör überaus anspannte, um das Unhörbare zu hören, zerriß zackiges Fackellicht die endlose Nacht des Verließes und der Gewölbe. Männer kamen und befreiten ihn von den Ketten.

   

Sie brachten ihn nicht in Salomos Palast, sondern ins »Frauenhaus der Tochter Pharaos«. Dort saß der König bei den Seinen, ihn zu erwarten. Durch die ewige Nacht der Gewölbe waren Jirmijahs Sinne so sehr entkräftet, daß er im Tageslicht und in der frischen Luft den Halt verlor. Die Männer, die ihn befreit hatten, mußten ihn beinahe tragen. Im Wohngemach der königlichen Frauen sank er schweratmend auf einen Sitz. Nach und nach kam er zur Besinnung. Das erste, was er sah, waren Hamutal und Maacha, die nebeneinander auf einer Mittah saßen. Ihnen zur Seite standen die beiden Königssöhne, Adajah und Jechiel. Adajah, der ältere, war, seitdem ihn Jirmijah gesehn hatte, sehr stark gewachsen und betrachtete den Künder mit einem mißtrauischen und geweckten Knabengesicht. Über der gedrängten Gruppe der Königin und Kinder lag ein leidvoller Schatten wie von Auswanderung und Flucht. Da rief der König Jirmijah von rückwärts an.

»Danke es diesen Frauen«, sagte er, »nicht mir, daß deiner gedacht wurde ...«

Der Angesprochene drehte sich nicht um. Er hatte keine Kraft dazu. Auch wartete er, daß der König zwei Schritte tun werde, um Aug in Aug ihm gegenüberzustehen. Doch dies gerade unterließ Zidkijah. Es schien ihm vermutlich leichter, das Gespräch mit seinem Lehrer hinter dessen Rücken zu führen.

»Niemals hätte ich dir zugetraut«, seufzte der König übertrieben, »daß du mein Feind werden wirst ...«

Dieser leeren und unaufrichtigen Anklage verschloß sich nicht nur Jirmijah, sondern auch Maacha und Hamutal. Der Versuch des Königs, den Mann, dem Unrecht geschehen war, ins Unrecht zu setzen, blieb ohne Wirkung. Die offene Gegenfrage Jirmijahs aber verfehlte ihr Ziel nicht:

»Welchen Frevel habe ich an dir, deinen Knechten und an diesem Volke begangen, daß ihr mich in das Gefängnis der ewigen Nacht geworfen habt?«

Ehe der König noch etwas entgegnen konnte, nahm Hamutal das Wort, die durch ihre Krankheit nun wirklich eine alte Frau geworden war.

»Unser Freund«, sagte sie mit Unwillen, »kann niemals einen Frevel üben! ...«

»Der König spricht und nicht seine Mutter«, fuhr ihr Zidkijah schneidend in die Rede. Dieser unzarte Zornesanfall gegen Hamutal bewies, daß sich der König in seinem Richteramt sehr unbehaglich fühlte. Jirmijah aber gebrauchte jetzt eine steife Wendung des höfischen und des gottesdienstlichen Lebens. So redet man nicht ein menschliches, geschweige denn ein erkenntliches Herz an, sondern eine thronende Macht.

»Mein Herr König«, murmelte er, »möge doch mein Flehen vor dir niederfallen! Lasse mich nicht in die Gewölbe des Kanzlers zurückkehren, wo ich sterben müßte!«

Die unterwürfige Formel vom »niederfallenden Flehen« schien Zidkijah zu gewinnen. Er trat hinter Jirmijahs Rücken vor und sah ihn mit seinen schönen Mandelaugen bekümmert an:

»Wo denkst du hin, Jirmijah? Schwere Schuld hast du durch dein Tun auf dich geladen ...«

»Mein König weiß in seinem Herzen, daß ich keine Schuld habe ...«

»Und selbst wenn dein König es wüßte, Ismael, Malkijah und die andern glauben an deine Schuld. Denn seiner Unschuld Beweis hat Jirmijah nicht erbracht ... Deshalb empfange ich dich heimlich im Hause der Frauen ...«

Da erhob sich Maacha. Auch an ihrem Antlitz hatte die Sorge gezehrt. Der seltsame Mädchenharm in ihren Zügen trat reiner, fast könnte man sagen winterlicher hervor. Sie berührte Zidkijahs Hand mit der Fingerspitze.

»Mein König höre und erwäge«, bat sie. »Möge doch dieser Mann des Herrn nicht der Gefangene deiner Fürsten sein, sondern dein eigener Gefangener ...«

»Weise spricht mein Weib«, lächelte Zidkijah, der an Maacha die Ungezogenheit gut machen wollte, die sein Zorn an Hamutal verübt hatte. »Nicht fernab liegen deine Erwägungen von denen des Königs ...«

Dann wandte er sich zu Jirmijah:

»Du hast mir einst das Grußwort gegeben: Davids echter Sohn! Gedenkst du dessen?«

»Ich gedenke dessen.«

»Da du dessen gedenkst, so gedenke auch ich des Dankes, den ich dir neben Vater und Mutter schulde ... Ich bin dir treu geblieben trotz deiner Untreue und obgleich dein Wesen und meine Huld mich meinen Gefährten verfeindet ... Frei darfst du und sollst du nicht gehn! Doch ich erhebe dich aus den Gewölben zu meinem Gefangenen in des Königs Ehrenhaft ... Dein Ort sei der große Wachthof meines Palastes. Dort magst du wohnen und dich umtun nach Belieben, doch sein Gehege verläßt du nicht ... Da du aber schon Josijah, meinem Vater, gedient hast, tue ich noch mehr. Meine Mutter möge sich freuen ... Es kann sein, daß einmal eine Zeit kommt, ich vermute, sie wird niemals kommen, doch es kann sein, daß es dann nicht leicht sein wird für dich, genügend Speise zu essen ... Ich sorge deshalb in meinem Danke voraus. Mutter und Maacha, höret es! ... Der Befehl ergeht an meinen Tischmeister. Täglich erhält Jirmijah von heute an seinen Anteil Brotes aus der Bäckergasse, seinen Anteil Fleisches aus der Schlächterzeile und Wein und Öl und Zukost und allen Bedarf wie ich selbst von meiner Tafel ... Muß ich dich zu meinem Gefangenen machen, so nehme ich dich zugleich als Gast auf, der das Brot des Königs bricht ... Nun würde es dem König wohl anstehn, zu schweigen und seinem Gefangenen die Erkenntnis solchen Gnadendankes zu überlassen ... Doch ich kenne Jirmijah ... Ich weiß, daß ihm auch noch das Unmögliche bescheiden dünkt ...«

Jirmijah hob erschrocken beide Hände:

»Nicht für mich das Unmögliche!«

»Das Unmögliche für dich oder für Adonai«, winkte der König ab, »gleichviel! Als Gegengabe fordre ich: Du sollst die volle Wahrheit zu mir sprechen, unverhüllt und ehrlich! Eine gute und günstige Wahrheit, hörst du, denn meine Seele hat viel Betrübnis ... Ist ein Wort vom Herrn da?«

Jirmijah ließ einen langen Blick auf den Königinnen und den Knaben ruhen und schwieg. Der König warf sich auf einen Sitz. Seine Worte klangen gepreßt:

»Jirmijah will vor den Ohren der Frauen nicht reden, obgleich sie Königinnen sind ... Er will nicht reden vor den Ohren der Königssöhne, obgleich sie nur wenig noch erfassen ... Jirmijah hat recht ... Möchten meine Kinder, ehe sie nicht dreizehn sind, doch verschont bleiben von der Schärfe alles Göttlichen!«

Auf ein Kopfnicken Zidkijahs verließen die Königinnen mit den Prinzen das Gemach. Hamutal, die durch ihre Krankheit sehr fett geworden war, bewegte sich schwer. Maacha mußte sie stützen. Der König wartete ungeduldig, bis sie verschwunden waren, dann heischte er in großer Erregung:

»Rede das Wort jetzt, es sei gut oder böse! Möge es gut sein. Es muß gut sein! Aber meine betrübte Seele hat Kraft genug, auch ein böses zu erdulden.«

Jirmijah senkte sein abgezehrtes Antlitz mit den blinzelnden Augen, die noch immer halb blind von der endlosen Nacht waren.

»Sieh mich an, mein Herr König«, flehte er, »und erlasse mir's, zu sprechen!«

»Gnädig war ich ohne Maß«, ergrimmte Zidkijah, »und habe getan an dir, was mich mit meinen Fürsten entzweit ... Und du entziehst dich mir voll Tücke, nachdem ich nun weiß, daß du ein Wort verbirgst, es sei gut oder böse ... Hüte dich, daß du nicht wieder in die Gewölbe wanderst ... Ich befehle dir zu sprechen!«

Jirmijah erschrak vor dieser Drohung und flüsterte traurig:

»Du wirst in die Hände des Großherrn von Babel fallen, du und die Deinen.«

Der König starrte den Künder geistesabwesend an, lange, sammelte sich mühsam und brach dann in ein krampfhaftes Lachen aus:

»Das Glück meines Herzens ist's, daß es dich kennt, Jirmijah ... Du hättest dich lieber in die Zunge gebissen, als meiner Seele wohlzutun, obgleich ich dich in jedem meiner Worte heimlich angebettelt habe, meiner sehr betrübten Seele wohlzutun ...«

»Hätte ich meinen König, der die Wahrheit von mir forderte, anlügen sollen?« erstaunte Jirmijah.

Des Königs verzerrtes Lachen ging in einen Wortschwall über.

»Ist Lüge nur, was mundet«, rief er, »ist Wahrheit nur, was würgt!? Dies ist dein elender Irrtum, der du die Mischung des Lebens nie erkennst! Dein elender Irrtum aber gibt mir die Kraft, über dich zu lachen ... Vielleicht werde ich in die Hand des Großherrn fallen. Vielleicht aber werde ich durchbohrt auf den Zinnen hinsinken, vielleicht im Felde wie Josijah, mein Vater. Vielleicht auch werde ich in Frieden alt werden und an meiner Gruft in den Gärten Usijah wird das rechtmäßige Klagelied erschallen ... Nichts ist noch entschieden, nicht die nächste Stunde und nicht Morgen und Übermorgen ... Lehrer, dein Schüler schlägt dich mit deiner eigenen Lehre! Du hast immer gesagt: Adonai ist ein Gott des Zuwartens und Zögerns. Und er sollte nicht zögern, das Haus Davids zu vernichten!? Du hast immer gesagt: Josijah, dein Vater, starb daran, weil er des Herrn allzu sicher war ... Ich aber, ich bin des Glücks nicht sicher, wie ich des Unglücks nicht sicher bin! Hörst du? Dies und das hast du geweissagt. Dies und das ist eingetroffen. Aber welchem Wahrsager geht dies und das nicht in Erfüllung? Ich bin ganz und gar unsicher, Jirmijah. Und meine gute Unsicherheit gibt mir den Mut, über dich und dein Wort zu lachen und meinen Gnadendank nicht zu widerrufen ...«

»Es ist geboten«, sagte Jirmijah leise vor sich hin, »auch der Unsicherheit noch unsicher zu sein ...«

Der große Wachthof, auch »Wachthof des Königs« genannt, erstreckte sich von den Wohnpalästen bis zur nördlichen Burgmauer, die an den Tempel grenzte. Von allen Plätzen des Gevierts der ausgedehnteste, diente er mit seinen Unterkünften, Stallungen, Türmen und Gewölben der königlichen Leibwache zum Dienst- und Versammlungsplatz. In einem düsteren Mauergelaß dieses Wachthofs hatte man Jirmijah seine Schlaf- und Wohnstätte angewiesen. Er lebte nun unter den Königskriegern, deren Heerfürsten seine tödlichen Feinde waren. Der gemeine Mann aber war ihm weder feindlich noch freundlich gesinnt. Er begegnete ihm teils mit einer Art herablassender Ehrerbietung, teils mit wohlwollendem Spott. Hinter beiden Gebärden aber verbarg sich ein heimlicher Schauder vor dem ganz und gar Fremden in der Welt. Der Dienst der Königskrieger war hart und ihr Gerstenbrot auch. Von Woche zu Woche wurden die Fladen kleiner und kleiiger. Jirmijah hingegen bekam üppige Speise vom königlichen Tisch. Bis auf einen kleinen Rest verschenkte er seine Mahlzeit an die Bewaffneten. Er fand viele Dankbare, die ihn heißhungrig umlauerten. Doch Vertraulichkeit war nicht die Folge. Manchmal des Nachts, wenn die Abgelösten von den Bollwerken heimkehrten und sich vor Jirmijahs offener Wohnnische, in ihre schmutzstarrenden Mäntel gewickelt, auf der nackten Erde zu kurzem Schlaf streckten, da mochte es geschehen, daß einer oder der andre aus dem ersten Halbschlaf auffuhr und den Mann Adonais heiser weckte:

»Künder des Herrn, künde mir, wie wird es werden mit unserm Leben!?«

Jirmijah beruhigte dann den Unruhigen mit gütig dunkeln Sprüchen, die, ohne zu lügen, jede Hoffnung noch zuließen. Er vermied es auf alle Art, das Herz der Krieger zu schwächen. Stundenlang saß er nun täglich unter den Rastenden. Ihre Reden, erst noch rauh und trumpfend, wurden immer stiller mit der Zeit. Der Großherr hatte hundert neue Geschütze aus Babel mitgeführt, darunter neuartige Angriffs-Türme, welche die Mauern überragten. Seit Wochen war wieder ein Sturm im Gange. Viele Todesopfer fielen täglich. Ohne Unterlaß donnerten die Widder und Schleuderblöcke gegen die Mauern, die nicht wankten. Jirmijah hörte den prahlerischen oder bekümmerten Berichten nur halb zu. Seine Gedanken waren immer wieder in Anathot. Er sah die schadhafte Stelle in der Umfassungsmauer vor sich, die Schwelle des Hauses, auf der ihn die mütterliche Henkellampe erwartete, den dunkeln Gang, der zum heiligen Elterngemach führte, seine Schlafkammer, an deren Wänden sich einst das Mandelzweigicht seiner Erweckung gerankt hatte. Nie wieder würde er nach Anathot kommen ...

In diesen Tagen aber geschah es, daß Anathot zu ihm kam. Und es kam, wie zu erwarten, in Gestalt Hanameels. Der treffliche Landmann freilich, der sonst auf Sauberkeit, würdige Bartschur und ein bescheidenes, aber fleckenloses Gewand peinlich geachtet hatte, war unbegreiflich verlottert und herabgemindert. Das Haar hing ihm in die Stirn, ungehegt wucherte der Bart ins Breite. Risse, Löcher, Schmutzkrusten am Kleid erzählten vom Dörnicht und Regenschlamm des flüchtigen Freilagers. Vor den Augen der rastenden Krieger, die neugierig herandrängten, hockte der gute Vetter neben Jirmijah nieder. Beide schwiegen eine beträchtliche Zeit, wie es Männern geziemt, deren Herz voll gieriger Fragen und Antworten ist. Jirmijah war's der die Unterredung eröffnete:

»Hanameel, mein Vetter und Kindgespiel, des Vaterhauses dachte ich gerade, da du erschienst ...«

»Jirmijah, mein Vetter und Kindgespiel«, nickte der treue Pächter, »ich wußte wohl, daß dein Sinn daheim weilt, hat er doch allen Grund dazu ... Deshalb schlich ich mich unter großer Gefahr und Mühe ein letztesmal in diese Stadt ... Siehe, der letzte Pachtzins, den ich dir bringe, ist mager geraten ... Ein Säcklein mit Linsen, ein Säcklein mit trockenen Feigen und dieser Krug vorjährigen Weins ... Mehr habe ich nicht ...«

»Verteile Linsen und Feigen und Wein hier unter die Tapferen, lieber Vetter! ... Denn großer Hunger herrscht in der Stadt und die Männer schmachten ... Mir aber sage, welchen Grund mein Sinn hat, daheim zu weilen, und warum du von einem letzten Pachtzins sprichst ...«

Hanameel tat wie Jirmijah ihn geheißen und reichte den Kriegern das Mitgebrachte hin. Dann begann er mit seiner schlimmen Botschaft, die er bedächtig vor Jirmijah aufrichtete, ohne seine gelassene Stimme zu verändern.

»Als Obadjah, dein ältester Bruder«, hob er an, »unter brennenden Leibesqualen starb, ließ er Hanameel rufen, denn er war ganz allein. Der lange Krieg, der Unmut des Herrn hatte die Seinen alle zerstreut. Nur die mörderische Eule war noch da, deren Stimme man nachts hört, eine Türmerin, ausrufend die Nachtwachen der Gottesrache. Obadjah aber sprach also zu mir in seiner letzten Stunde: Ausbezahlt und verzogen ist Joel, der Weltfahrer. Meine Söhne hat der Krieg mir genommen. Meine Töchter, meine Schwiegertöchter haben sich fortgehoben mit ihren Kindern. Ich bin geschlagen vom Herrn Jirmijahs wegen. Gürte die Lenden, mache dich auf und rede zu dem Jüngsten in meinem Namen: Nun ist Jirmijah, ein Kinderloser, der Vater des Geschlechtes und der Herr des leeren Hauses ... Mehr als zwei Monde ist es her, daß wir den Leib deines ältesten Bruders begraben haben. Ich hatte auch schon meine Lenden gegürtet, um mich zu dir einzuschleichen. Da aber brach das große Unglück über Anathot herein. Babels Männer kamen und verbrannten dein Haus, mit Ebijathars Halle, dem Elterngemach und vielen guten Dingen, die deine Mutter aufgeschichtet hatte. Sie raubten alles Kostbare. Das Vieh trieben sie fort. Den Wein tranken sie aus. Die Felder aber verwüsteten sie und töteten die Ackerleute. Auch mir ist es nicht anders ergangen. Auch das Meine verbrannten und raubten sie wie alles ringsum, damit die Hauptstadt von nirgendwo mehr Nahrung und Zuschub empfange. Ich aber verbarg mich mit andern Nachbarn voll großer Angst im Gebirge, ehe ich den Fuß zu dir wandte, ein letztesmal ...«

Jirmijah hatte vor sich hingelauscht, ohne den gleichmütig Erzählenden zu unterbrechen.

»Wahrlich, nun bin ich der kinderlose Vater des Geschlechtes und der Herr des verbrannten Hauses«, sagte er nach einem langen Schweigen. Hanameel aber legte ihm seine große Bauernhand aufs Knie und forschte:

»Was wird das Ende sein? Künd es mir! Denn nach deinem Wort werde ich den Rest meines Lebens ordnen.«

Es hatten sich immer mehr Königskrieger eingefunden, die in einem dichten Ring die beiden umstanden. Jirmijah hielt die Augen geschlossen. Zu seinem Unheil vergaß er jetzt, daß sie nicht allein waren. Wenn er auch sehr leise und fast tonlos sprach, so verstanden doch einige Scharfhörige das gefährliche Wort:

»Diese Stadt, dieses Volk und dieses ganze Land wird in die Hand des Königs von Babel fallen.«

»Du hast es gesagt«, nickte Hanameel, als habe er nichts andres erwartet, »ich aber ordne den Rest meines Lebens darnach ... Außer Landes werde ich gehn, wie der kluge Weltfahrer es längst tat, und die Last dieses Volkes und Gottes abschütteln ... Doch dir stelle ich das Deine zurück, nicht länger kann ich's betreuen ... Das Meine aber an Acker und Weide nimm zum Geschenk, wenn's auch bracher Boden ist und wertlos für dich ...«

Bei dem Worte »wertlos« sprang Jirmijah auf die Füße.

»Verhüte es Gott«, rief er mit schallender Stimme, »daß Acker und Weide im Lande des Herrn als wertlos gelten ... Sei gescholten für dieses Wort, Vetter! ... Siehe, ich stehe als Käufer vor dir ... Dich hindert keiner, du alter Mensch, die Last dieses Volkes und Gottes von dir zu werfen und dich rechtzeitig davon zu machen ... Ich aber will dir deinen Acker abkaufen zu vollgültigem Preise, damit ich mein sehr großes Erbe in diesem Lande noch vermehre ... Du bist gebunden, denn das Lösungsrecht deines Ackers steht nach dem Gesetze mir allein zu.«

Jirmijah hatte so stark gesprochen, daß sich ringsum ein verwundertes Gemurmel erhob. Sein Auge wies Hanameel, der Einwendungen zu machen versuchte, zum Schweigen. Allmählich erst begriff der gute Vetter, daß es nicht ein törichter Handel war, den ein Verrückter mit ihm abschließen wollte, sondern eine gleichnishafte Tat, die der Herr seinem Ausgesonderten auferlegt hatte, als das Wort »wertlos« gefallen war. Und wirklich, Jirmijah rief die Königskrieger rings zu rechtsgültigen Zeugen des Kaufes an. Er zog aus seinem Gürtel das Gold hervor, das ihm die Mutter einst in des Vaters Auftrag für die »letzte Not« gegeben hatte. Der Zahlmeister der Leibwache wurde herbeigerufen und wog auf der Feinwaage Jirmijahs Gold gegen Schekel und Silberlinge dar. Baruch, der für sich die Erlaubnis erwirkt hatte, den Gefangenen täglich zu besuchen, mußte unverzüglich einen Kaufbrief mit den gebräuchlichen Formeln aufsetzen, reinschreiben und siegeln. Hanameel aber, der immer noch nicht recht wußte, wie ihm geschah, erhielt den Vollwert für sein Land ausbezahlt, die Hufe Bodens zum Preise der letzten Friedensjahre. Die ganze Summe betrug sieben große Schekel und zehn Silberlinge, gemünzt. Dann aber hieß Jirmijah den Verstörten, seinen späten Wanderwunsch sich aus dem Kopf zu schlagen, heimzukehren, sich auf dem alten Grunde ein notdürftiges Dach zu bauen, zu warten und zu hoffen! Mit Tränen in den Augen versprach der gute Vetter zu gehorchen. Jirmijah entließ ihn mit diesen lautschallenden Worten:

»Es werden in diesem Lande dereinst viele Häuser und Felder und Weinberge gekauft werden!«

Baruch aber erhielt den nicht minder schallenden Auftrag, den versiegelten Kaufbrief in einen Tonkrug zu stecken und diesen an einem sicheren Orte aufzubewahren, »damit er als Zeichen erhalten bleibe für Jahre und Menschen, die da kommen werden«. Die Männer ringsum hatten dies alles gesehen und angehört. Ihr Kriegerverstand aber konnte sich die Widersprüche nicht zusammenreimen. Hatte der Künder vorhin nicht ausdrücklich das Ende geweissagt? Und derselbe Mann, der am Untergange nicht mehr zweifelte, kaufte für sein letztes Geld einen wüsten, unnützen Acker in diesem Lande? Doch nicht nur der einfältige Geist der Krieger, sondern auch der vielfältige Geist Jirmijahs verwunderte sich über diesen Widerspruch, zu dem ihn der Herr plötzlich übermocht hatte und der ihn jetzt mit schwebender Süßigkeit erfüllte, als ahne er in ihm eine göttliche Neubesinnung ...

   

Am andern Tage betrat der König inmitten seiner Unzertrennlichen und andrer Fürsten und Helden den Wachthof. Mit goldner Rüstung und himmelblauer Schimla war Zidkijah angetan, prangend in Schönheit. Auch die um ihn waren prächtig gewappnet und trugen ägyptische Schlachthelme mit Straußenfedern. Der König hatte für den späten Nachmittag einen Ausfall aus den Toren Ephraim und Benjamin angeordnet, dessen Zweck es war, die neuen Geschütze Babels zu zerstören. Weniger der Berechnung als der Verzweiflung entsprang dieser Plan. Seine Eltern waren zwei Gedanken: »Es muß etwas getan werden!« Und »was haben wir noch zu verlieren?« Zidkijah wußte, daß die Tollheit vielen das Leben kosten werde, vielleicht auch ihm selbst. Alle wußten das und trugen die Nähe des Todes wie eine finstere Trunkenheit in sich, die sie sehnsüchtig machte nach sinnlosen Grausamkeiten.

Ein Ruf, ein Wink Malkijahs. Jirmijah wurde von der diensthabenden Wache vor die Gruppe des Königs gestoßen und in die Knie geworfen.

Zidkijah sah über ihn hinweg. Seine Nasenflügel bebten. Die goldblitzende Prachtgestalt des Davidsohnes vermochte vor Ungeduld und Unbehagen kaum ruhig zu stehn. Seine rechte Hand umklammerte ein Zepter aus Elfenbein. Damit gab er Malkijah das widerwillige Zeichen, mit der lästigen Anklage endlich zu beginnen.

»Leugne nicht«, herrschte Pasch'churs Sohn den Knienden an, »es sind Zeugen da, dutzendweise. Du hast vor den Kriegern deines Königs die Worte gesprochen: Diese Stadt, dieses Volk und dieses ganze Land wird in die Hände des Königs von Babel fallen!«

Jirmijah besann sich sehr lange, ehe er darauf mit leiser Stimme versetzte:

»Einer wollte wissen, wie er sein Leben ordnen soll ...«

»Gut, du leugnest nicht«, fiel Malkijah rasch ein. »Dies aber ist nicht alles. Du hast deine weiten Güter in Anathot einem Bauern für sieben Schekel verkauft, um zu zeigen, wie wertlos das Reich deines Königs geworden ist ...«

»Verleumdung«, schrie Jirmijah auf, »unwahr, teuflisch unwahr! Ich habe Land gekauft, um seinen Wert zu zeigen ... Lasset Baruch den Kaufbrief bringen ...«

»Wahr oder unwahr«, sagte der ausgemergelte Ismael mit starrer Ruhe, »wem frommt dieses Verhör? ... Sollen wir dem Gerede mit diesem Menschen die Zeit opfern, die wir besitzen? ... Der Herrlichkeit unsres Königs wird es doch endlich klar und gefällig sein: Sterben muß dieser Mensch, denn sein Maß ist voll ... Wir töten jeden ohne Gnade, dessen Herz schwach wird vor dem Feinde und der wendet den Fuß zur Flucht ... Und dieser da soll leben, den du zu allem noch unter deinem Kriegsvolk üppig hegst? ... Da es der Feuerrede bedarf und des lodernden Zuspruchs, redet er Worte, die alle Schwerthände schlaff machen und das Volk lähmen ... Braucht unser König noch andre Beweise, ihn anheimzugeben? Dieser Mann liebt Babel allein und haßt mit furchtbarem Haß seines Vaters Land!«

Der König sah noch immer hoch über Jirmijah hinweg. Er hatte ihn aufgegeben. Der Brief an die Ältesten zu Babel, der Versuch überzulaufen, das gestrige Wort vor den Kriegern, jeder einzelne dieser Frevel verdiente den Tod. Man konnte die Fürsten nicht einmal ungerecht schelten. Ismael hatte nicht anders gesprochen, wie jeder besonnene Feldfürst sprechen würde. Dennoch errötete Zidkijah tief und wippte mehrmals auf den Zehenspitzen. Plötzlich rief er kurz und mit sonderbar schwebendem Ton:

»Meine Helden, tuet nach eurem Belieben mit ihm ...«

Er ließ diesen Satz in der Luft schweben, ohne ihn abzuschließen, wartete, schluckte seine Scham hinunter und fügte endlich, alle Schuld fortweisend, matt hinzu:

»Denn was vermag der König gegen euch? ...«

Dann stieß er sich gleichsam von der Erde ab und eilte flüchtenden Fußes davon. Nur sein Schwert- und sein Schildträger folgten ihm. Über die Fürsten aber warf sich jetzt jene finstere Trunkenheit ohne Fesseln. Sie ratschlagten ausführlich unter Gelächter, welche ausgepichte Art des Todes diesem grimmigsten Feinde gebühre. Das Beispiel der Großen verwandelte sogleich das Herz der Gemeinen wider Jirmijah. Die seine Mahlzeit geteilt hatten, sie setzten nun ihren Stolz darein, die Fürsten durch unflätiges Tun und Reden zu übertreffen. Sie schlugen ihn, sie spien ihm ins Gesicht, sie verunreinigten seine Kleider. Ismael aber ließ sie nicht lange gewähren, sondern befahl, daß man den Verurteilten mit gebundenen Händen und Füßen an einen hölzernen Torflügel lehne. Jirmijah ließ alles ruhig mit sich geschehen. Durch das Erbarmen Gottes wußte er mit allen Sinnen, daß er in dieser Stunde nicht durch die Hände der Kriegsknechte sterben werde. Auch als sie mit Lanzen, Pfeilen, geschleuderten Messern das Holz rings um ihn bespickten, gab er keinen Angstlaut von sich. Seltsam genug: Der ihn durch sein Wort, ohne es zu wollen, vom Tode errettete, war Jerijah, der Sohn des Nebenbuhlers. Mit einer großen Handbewegung setzte er der Marter ein plötzliches Ende und sprach:

»Ihr Fürsten des Königs, hört mich! Soll dieser Mensch dort etwa einen Schwert- und Lanzentod sterben, wie ihn auch einige unter uns an diesem Tage noch erleiden werden? Unerträgliche Ehre wäre das und keine Schmach. Darum stellet doch ein euer Zielen und Werfen! Einen gerechteren Tod weiß ich für diesen abscheulichen Leib, in dessen Schleim und Rotz und Kot und Kutteln das Wort Gottes wohnen soll. Spruch Zebaoths, he, Spruch Zebaoths! Das Wort Gottes, der Spruch Zebaoths scheint Senkgruben den edlen Wohnungen vorzuziehen. Nun, da es der Jauche sich neigt und nicht dem Wohlgeruch, wollen wir dieses Wort Gottes an den rechten Ort bringen, wo es langsam verschmachten wird, ohne der Stadt ihr mageres Brot wegzuessen ...«

Die Fürsten spendeten dieser Rede Beifall. Vielleicht empfanden es die Gelasseneren unter ihnen als nicht unvorteilhaft, wenn das vergossenene Blut eines Propheten vor der heutigen Schlacht nicht über sie kam. Das Kriegsvolk aber schleppte Jirmijah, wohin der Hauptmann es befahl. »Die Zisterne des Königssohnes«, eine uralte Bezeichnung unbekannten Ursprungs, war alles eher als eine Zisterne, die in gemauerter Reinheit den Regen des Himmels empfängt und bewahrt. Mit diesem Namen nämlich wurde eine große Senkgrube genannt, die an den östlichen Burgmauern an einer leicht geneigten Stelle lag. Zwölf Schuh war sie tief, acht lang und acht breit. Hier rannen alle Abwässer zusammen, aller Unrat, aller Fortwurf der Umgebung wurde hier abgelagert. Der herabgestürzte Jirmijah nahm keinen Schaden, denn er fiel weich in den frischen Schlamm. Über sich hörte er Hohngelächter:

»Nun fahre aus diesem Mund, du Wort Gottes!«

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