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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 22
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
projectid6c149880
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Einundzwanzigstes Kapitel.
Die Fahrt durch den Sternenhimmel

Jirmijah hatte sich eine hohe Kunst im Erlauschen der Raunungen angeeignet. Wie jede Art von Verfeinerung entsprang auch diese Kunst dem unbefriediglichen Mißtrauen gegen die eigene Seele und den ihr einwohnenden Trieb zur Erleichterung, ein Argwohn, der sich von Jahr zu Jahr verschärfte. Viele hatten Gesichte, manche vernahmen die Stimme. Doch nicht allein die Aussonderung durch diese Himmelsgaben war es, was sie zu echten Kündern machte. Das Göttliche genügte nicht, wenn die Tauglichkeit und heilige Bemühung des menschlichen Eigenwesens nicht rastlos mitwirkte. Das Erbarmen des Herrn mit seiner Welt ließ sich herab, im vernehmlichen Worte Gestalt anzunehmen. Die höchste Reinheit setzte sich damit der trübsten Zumischung aus. Des echten Künders Kunst bestand nun darin, »richtig« zu hören, das heißt die ergangene Raunung von allem trüben Zusatz zu entmischen, der aus den Leidenschaften, Begierden und Willenszielen des Eigenwesens stammte. Jirmijah hatte verschiedene Maßstäbe entdeckt, Adonais reine Raunung von den Einflüsterungen seiner eigenen Natur zu scheiden. Je neuer und überraschender zum Beispiel ein Gotteswort ihn traf, um so unverdächtiger war's, mit seinem Selbstischen vermengt zu sein.

In diesen Tagen, da der Herr sich seines Volkes gereuen ließ und es noch einmal vom Abgrund zurückgerissen hatte, erschauerte Jirmijahs Herz von einer angstvollen Dankbarkeit. Sollte er nicht von großer Furcht erfüllt sein, da er ahnte, nein wußte, daß Adonai nur durch seine Mittlung noch einmal Aufschub gewährte? Wer hatte ihn zu Nebukadnezar geführt, damit er durch sein Wort die große Wendung bewirke? Nun war es geschehen. Der Großherr hatte durch einen Landtag Jerusalems seinen Schüler Zidkijah mit dem heiligen Salböl salben und mit der Krone Davids krönen lassen. Zugleich aber war Konjah, der entthronte Knabenkönig, im eisernen Käfig in Babels Lager geschafft worden.

Wem durfte Jirmijah mehr Vertrauen schenken als Josijahs und Hamutals Lieblingssohn, der die Lehre aus seinem eigenen Munde gelernt hatte? Wer aber bedurfte mehr einer Stütze als Jechonjah, der Hinausgeschleuderte, der sein Herz nicht nur mit Erbarmen, sondern stärker noch mit einem eigenartigen Schuldgefühl erfüllte? Dennoch hätte Jirmijah die Entscheidung zwischen Bleiben und Gehen nicht aus sich selbst getroffen, wäre nicht eine sonderbare Raunung ergangen, neu und überraschend wie selten noch.

»Geh und kaufe dir einen Hüftschurz«, sprach die Stimme, »ein Lendentuch aus allerfeinstem, teuerstem Linnen und schlage es um deine Lenden! Ins Wasser aber sollst du den Hüftschurz nicht tun ...« Kaum hatte Jirmijah den seltsamen Befehl erfüllt, als er auch schon erweitert wurde: »Nimm den Hüftschurz, den du erworben hast und um deine Lenden trägst, mache dich auf, reise nach dem Euphrat und verbirg ihn in einer Felsspalte am Strom, die ich dir zeigen werde ...« Mit diesem rätselhaften Befehl aber, dessen Sinn noch im Dunkel lag, wurde in verhüllter Weise Jirmijah die Erlaubnis erteilt, die Reise nach Babel anzutreten, damit der Knabe Konjah in seinem Elend nicht allein sei.

Jirmijah begab sich sogleich ins Lager, wo er sein Ansuchen kundtat. Die Tartans, welche über die Austreibung und Wegführung der Zehntausend gesetzt waren, erstaunten nicht wenig, daß einer, den das bittere Los verschont hatte, sich mit Eifer darum bewarb, nach Babel zu kommen. Sie hatten alle Hände voll zu tun, diese Tartans, um die wehklagenden Gesuche, die jammernden Belästigungen, die heimlichen und offenen Bestechungsversuche abzuwehren, mit denen die Ausgetriebenen und ihre Sippen sie zu ungesetzlichen Vergünstigungen zu verleiten suchten. Wie verschieden war dieses Volk doch von allen andern Völkern, deren so viele die Tartans auf ihren rauhen Feldzügen unterworfen hatten. Alle Völker der Welt ergaben sich, nachdem ihre Götter in blutiger Schlacht sie verlassen hatten, stumpf und widerspruchslos in das Schicksal der Besiegten. Sie schienen immer und überall dasselbe zu denken: Was ihr jetzt an uns tut, das hätten wir an euch getan, wären eure Götter nicht stärker gewesen als die unsrigen. Denn dies ist die bittere Ordnung der Welt. Nicht also Jehuda! Es erkannte die bittere Ordnung der Welt nicht an. Es begehrte wider sie auf. Nicht dachte es im entferntesten daran, seinen einzigen Gott mit anderen Gottheiten zu vergleichen. Jeder Sohn Jakobs fühlte sich, so erschien es wenigstens den Fremden, weit erhaben über allgemeines Menschenschicksal. Die Milde des Großherrn, der nicht einmal Jerusalems Stadtmauern hatte schleifen lassen, genügte nicht, um den Betroffenen stille Ergebung abzunötigen. Da gab es im Lager ein ewiges Gezeter von Frauen, die ihren Gatten zurückforderten, da wurden Krankheiten geheuchelt und längst vernarbte Wunden vorgewiesen, die keine Anstrengung duldeten, da versuchte man, sich loszukaufen und herausgeputzte Fronsklaven als Stellvertreter in der Verbannung anzubringen. Um so unbegreiflicher erschien den Befehlshabern die Bitte Jirmijahs, eines Mannes, der niemals zum Hofgefolge Konjahs gehört hatte.

Da der Name des Weissagers unter den Großen Babels mit Ehrerbietung genannt wurde, brachte man seine Bitte unverzüglich vor Mardukh. Dieser willfahrte ohne Einschränkung den Wünschen Jirmijahs. Es hatte sogar den Anschein, daß der Großkönig es nicht ungern sehe, daß der Mann Adonais seine Stadt betrete, die der verdichtete Schatten war, den die Sterne des Nachthimmels werfen. Nebukadnezar erwies Jirmijah auch dadurch hohe Gunst, daß noch desselben Tages Konjah aus seinem eisernen Käfig befreit und in einem wohnlichen Zelte gefangen gehalten wurde. Am nächsten Morgen schon grasten zwei prächtige Rennkamele vor Konjahs Zelt, die für ihn und seinen Weggenossen bestimmt waren. Dies deutete auf den Entschluß Nebukadnezars hin, den Gefangenen in seinem eigenen Heeresgefolge nach Babel zu führen, noch ehe sich die Züge mit den Umzusiedelnden in Bewegung setzten. Was diese anbetraf, so waren sie keinen besonders harten Maßregeln ausgesetzt. Sie wurden nicht aneinandergefesselt. Sie durften Pferde, Kamele, Reitesel, Tragtiere benützen, soweit sie solche besaßen oder sich beschaffen konnten. Eine Welle der Vergebung und Liebe überflutete Jerusalem und das ganze Land. Das Volk entäußerte sich um der Vertriebenen willen alles Überflüssigen und oft sogar des Notwendigen. Und es geschah, daß auch der arme Handwerker ein Eselchen und allerlei gute Zehrung auf den Weg bekam, als Babels Lärmtrompeten zum Aufbruch bliesen.

Mardukh und sein Leibgefolge waren den Säulen des rückkehrenden Heeres und den Zügen der Austreibung um gute sieben Tagereisen voraus. Mit wundersamer Schnelligkeit durchzog diese Schar die Niederung des Jordan und hatte gar bald am Libanongebirg vorbei die Stadt Ribla erreicht, wo sich die Straßen aller Himmelsrichtungen kreuzten. Leichte und schwere Reiterei deckte als Vor-, Seiten- und Nachhut die Heimkehr des Gewaltigen. Nebukadnezar selbst ritt zumeist auf einem hochbeinigen Rennkamel, dessen ausgreifender Trab über dem Steppengras gespenstisch zu schweben schien. Dann und wann vertauschte er dieses Tier mit einem sandelfarbenen Roß oder bediente sich eine Strecke lang seines Reisewagens. Immer aber bildete er den vorbestimmten Mittelpunkt der gleichbleibenden Marschordnung. Um Mardukh schloß sich der innerste Kreis, der aus vier edlen Reiterhäuflein bestand, die den Planeten Nergal, Ninurtu, Nabu und Ischtar zugeordnet waren. Rechts hielten sich die feuerroten Männer Nergals und die pechschwarzen Männer Ninurtus, die dem Mars- und dem Saturnstern Entsprechenden. Dies waren Mardukhs Feldfürsten und höchste Kriegshelden unter Nergal Nebusaradans Führung, doch auch seine obersten Strafrichter, Urteilsvollstrecker, Leberbeschauer und Totenpriester, Ninurtus Gesinde. An Mardukhs linker, seiner Herzseite, zogen die blau und hellgrün Gewandeten Nabus und Ischtars, die dem Merkur- und Venusstern Entsprechenden. Ihr Führer war Samger Nebu, der beide Gewalten in sich vereinte, die männlich-geistige des Schreibersterns und die weiblich-fühlende des Weltenmuttersterns. Der nächtig Schöne und Alterslose aber ritt nicht im Sattel, sondern saß mit untergeschlagenen Beinen in einem gepolsterten Korb, der auf sein Kamel geschnallt war. Für seine männlich-weibliche Natur wäre der gespreizte Sitz nicht anständig und unvorteilhaft gewesen. Nebukadnezar selbst, der joviale Stern, saß stämmig und locker im Sattel. Er wußte, daß seine Taten, ob Errichtung, ob Vernichtung, die unvergänglichen Strahlenspuren Mardukhs im Flugsand der Vergänglichkeit waren. Heilsam nannten die Sternpriester sein Wesen. In allen Städten und Dörfern drängten sich die Völker an ihn heran. Schon der Anblick Mardukhs in seinem einfachen sandelfarbenen Kleid mit dem nur flüchtig geordneten Haar ohne Juwelen bot den Menschen auf geheimnisvolle Art »Erbauung«. So kamen sie denn von weit und breit, sich an dem welterbauenden Königsstern und Sternkönig zu erbauen.

Nur ganz selten geschah es, daß Mardukh das Wort an Nergal oder Nabu richtete. Meist ritt er, wie es dem einsamen Königsplaneten geziemt, in schweigsamer Planung versunken. Manchmal aber erheiterten sich seine Züge und er blickte zu seinen Vögeln empor, die als eine freifliegende Wolke über seinem Haupte die weite Reise mit ihrem Herrn gehorsam zurücklegten. Die Vögel waren nach Ansicht mancher Deuter ein eingeschrumpfter Urrest der Sterne einer früheren Schöpfung. Durch schwebende Freizügigkeit bevorzugt, übertrafen sie in gewisser Hinsicht selbst den Menschen. Es war mithin kein Zufall, daß ihnen als den ersten Geschöpfen auf Erden der Gesang zuteil geworden, diese göttliche Vorform des menschlichen Wortes. Vor aller Weissagung war die Weissagung der Vögel die erste gewesen. Mardukhs Vögel bestätigten diese Lehre lebhaft. Sie kreischten und spotteten während ihres Fluges unermüdlich durcheinander. Die frechsten unter ihnen setzten sich dann und wann auf Mardukhs Schultern und schrien ihm ohne jede Unterwürfigkeit ihre abgerissenen Sprüche ins Ohr, die Worte sinnlos vermischend. Nebukadnezar aber bekam diese Späße nicht satt und konnte über besonders drollige Verdrehungen in lautes Lachen ausbrechen.

Die Marschordnung, in der Mardukh und sein Gefolge vorwärtsstrebte, bestand aber nicht nur aus dem inneren Ring der Planeten, der den König der Könige unmittelbar umgab. Den inneren Ring der Wandelsterne schloß der äußere Ring Schamaschs, der zwölf Tierkreisbilder, ein. Jedes Zeichen des Zodiak wurde von genau so vielen hochgeborenen Reitern dargestellt, wie es Einzelsterne besaß. Welche verwickelte Fragen des Ranges und der Würdigkeit, welche Enttäuschungen und Triumphe sich an diese Einteilung knüpften, das konnten nur die Sternräte ermessen. Während Mardukh und die Planeten sich auf den gebahnten Wegen hielten, bewegten sich die Gruppen des Tierkreises in weitem Bogen auf freiem Felde. So zog der gestirnte Nachthimmel tagaus tagein über die Erde hin, den ewigen Kreislauf in seinem Ritt abspiegelnd. Dort aber, »wo die Ordnung müde war«, jenseits der Planeten und des Tierkreiszirkels im erkalteten Raum des niederen, ungezählten Gewimmels, dort ritt der entthronte Knabenkönig Jehudas neben Jirmijah in einem dichten Kreise scharfäugiger und bis an die Zähne bewaffneter Wächter.

Konjah war mit einem Kettengürtel an die Höcker seines Rennkamels gefesselt, so daß er sich nur mühsam im Sattel bewegen konnte. Auch war um seinen linken Fuß eine lange Schnur geknüpft, die einer der Wächter in der Hand hielt. Trat des Wächters Tier allzu stark zur Seite oder machte es einen Sprung, dann spannte sich die Schnur um Konjahs Fuß und hätte ihn aus dem Sattel gerissen, wäre er nicht an die Höcker gekettet gewesen. Jedesmal aber schnitten Schnur und Ketten tief in sein Fleisch ein. Der Jüngling saß aufrecht, verfärbte sich, doch kein Wehlaut kam über seine Lippen. Nur noch hochmütiger und feindseliger schwieg er als vorher. Alle Versuche Jirmijahs, ihm Kraft zuzusprechen, wies er durch ein beinahe wildes Schweigen zurück. Und Jirmijah erkannte, daß ihn Konjah unversöhnlich haßte. Da erniedrigte er sich und diente fortan dem Unglücklichen nur als Knecht, der ihm das Essen zutrug, aufwartete und für die Notdurft des Leibes sorgte. Er sprach ungefragt kein Wort mehr und unterließ es selbst, die Seele Konjahs durch den wahrhaftigen Hinweis zu ermuntern, daß er durch sein Leiden den Fortbestand des Tempels und der Stadt erkämpfe.

Während Jirmijah eines Abends den jungen König entkleidete, gewahrte er, daß Konjahs weißes Untergewand ganz und gar durchblutet war. Die durch die Gürtelkette verursachten Druck- und Schürfwunden waren aufgesprungen und die eitrigen Blutungen ließen sich nicht stillen. Konjah sah an sich herab, sprach aber kein Wort über die blutigen Wunden, während sein strenges Knabengesicht, engelsschöner denn je, von Fieber erglühte.

Jirmijah, der sich als angesehener Mann in den Quartieren frei bewegen durfte, drang trotz der späten Stunde bis zum Tierkreiszeichen der »Fische« vor, von welchem Heilkunst und Arzneiwesen verwaltet wurde. Die Fische erstatteten Mardukh Meldung und sandten sogleich einen Arzt. Doch Konjahs Augen funkelten böse, er bleckte die Zähne und ballte die Fäuste. Unfehlbar wäre er dem Arzt an die Kehle gefahren, hätte dieser es gewagt, ihm näher zu treten. Niemand sollte seine Wunden auswaschen, sie mit Balsam beträufeln und verbinden. Konjah wollte nicht geheilt werden. Der abscheuliche Wundschmerz gehörte ihm wie eine Krone. Er war die letzte Wirklichkeit, die der Gefangene im leeren Abgrund der Welt besaß.

Jirmijah verbrachte die ganze Nacht wachend neben dem Fiebernden. Er hatte sich eine kleine Lampe ausgebeten, die er auf den Boden stellte. Manchmal schlug Konjah die Augen auf und dann traf den treuen Geleiter ein Blick solchen Abscheus, daß er zusammenschrak. Dennoch hielt er ununterbrochen seine kühle Hand auf der Stirn des Kranken. Sie linderte Konjahs Schmerzen, das bewies das unterdrückte Stöhnen, wenn er einmal die Hand von der brennenden Stirn hob. Gegen Morgen ließ das Fieber nach, und ein starker Schweißausbruch kündigte die Besserung an. Der Jüngling lag wach und wandte die Augen, in denen der Haß einem unaussprechlichen Gram gewichen war, nicht von Jirmijahs Antlitz ab. Dieser schwieg, wie er sich's zugeschworen hatte, um das Herz des Aufgeopferten nicht zu reizen. Doch jetzt erhob Konjah seine leise Stimme. Die Stunde seines Rechtens brach an. Es war ein ganz andres Rechten als das große Rechten Josijahs. Sein Großvater war damals, Lunge und Weiche von Lanzenstichen zerrissen, auf dem Totenbette gelegen. Dem jungen Konjah aber, den die Ketten seines Unterwerfers nur leicht verwundet hatten, waren noch ungezählte Tage der Gefangenschaft zugemessen.

»Ist es wahr«, flüsterte der Jüngling, »daß in der Lehre geschrieben steht: Du sollst lieben den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit all deinen Kräften?!«

Jirmijah fuhr Konjah behutsam übers Haar, als wollte er ihn vom fruchtlosen Hadern abbringen, das nirgend hinführte. Er ließ sich aber nicht abbringen. Seine zerbissenen Lippen waren wie die eines Kindes, das nach der Ursache seiner Schmerzen forscht:

»Warum soll ich den Herrn, meinen Gott, lieben? ... Hat er an mir getan, daß ich ihn lieben kann? ... Wo ist er überhaupt? ... Er ist fern ... Zwischen mir und ihm ist nichts ... Nur du bist zwischen ihm und mir ...«

Die letzten Worte hatte der Knabenkönig ganz langsam gesprochen. Sein Blick ruhte mit Entsetzen auf Jirmijah. Und Jirmijah spürte das Grauen, das er ihm einflößte. Denn zwischen dem unendlich fernen Herrn und der Seele dieses Fortgeschleuderten stand wirklich und wahrhaftig nur er allein. Konjah starrte wieder zur Decke des niedrigen Zeltes empor, das man allabendlich für ihn aufschlug.

»Warum verfolgst du mich«, murmelte er, »der du zwischen ihm und mir stehst? ... Du hast nur das Wort, wie er nur das Wort hat ... Ich aber hasse das Wort, deines und seines ... Denn es hat meinen Vater und mich ins Verderben gestürzt ... Ja, du bist mein Verderben, wenn's dich jetzt auch meiner jammert und deine Schuld dich drückt ... Laß mich doch endlich allein mit meinem Unglück und störe es nicht ...«

Jirmijah ging still zum Vorhang des Zeltes und hob ihn hoch, damit der Wind der Dämmerung den Kranken erfrische. Die verblassenden Sterne neigten sich zum Rand der unermeßlichen Steppe hinab, die im Ausschnitt sichtbar ward. Konjah stützte sich auf. Der Ausdruck einer verzweifelten Entrücktheit zog über sein abgemagertes Antlitz.

»Wie beneide ich jene«, rief er, »welche die Sterne verehren, denen die Sterne gehören ... Götter gehen vor ihren Augen auf und unter ... Nicht Ihn liebe ich ... Ich liebe die Gestirne ... Du schöner Morgenstern, der du vom Himmel fällst, vor dir möchte ich mich bücken, dich möchte ich anbeten ... Aber wenn ich auch will, ich darf es ja nicht ... Ich darf es nicht ...«

Dieses »Ich darf es nicht« lallte Konjah schon im Entschlummern. Jirmijah blieb über den Schlafenden gebeugt. Wie er einst Joachas, den einfältigen Davidsohn, in die leichte Gefangenschaft begleitet hatte, so begleitete er jetzt den Davidsohn Jechonjah in die schwere Gefangenschaft. Doch Konjah war nicht einfältig. In ihm hatte der Herr einen Helden zerbrochen und seinen Siegelring verschleudert. War es Müdigkeit, waren es die Jahre, daß Jirmijah nicht mehr aufbegehrte wie damals, als er vor Adonai in das Westland der Unterwelt geflohen war? Jetzt, da er in das Ostland der Überwelt zog, weinte sein Herz still über Konjah, bis die Sonne aufging.

An diesem Tage ordnete Mardukh den Aufbruch viel später an als sonst. Er wollte zweifellos dem Gefangenen Gelegenheit geben, sich zu erholen und neue Kräfte zu sammeln. Seine Absicht war es keineswegs, einen entthronten König als Leiche den Tieren des Feldes und den Vögeln des Himmels zum Mahle zu überlassen. Der Gefangene bedeutete für ihn nicht nur die kostbare Geisel einer fremden unheimlichen Gottheit, sondern ein Angebinde des Sternengeschicks. Solange er in Babels Stadtburg lebte und gefangen lag, war die Herrschaft von Nebukadnezars Haus gesichert. So lautete die Deutung der verwickelten Umläufe der Wandelsterne im Schamasch. Mardukh ließ bei Jirmijah eigens anfragen, ob der Kranke fähig sei, den Ritt fortzusetzen. Doch ehe noch eine Antwort erfolgen konnte, hatte sich Konjah seinem Reittier genähert, es zum Knien gebracht und sich in den Sattel geschwungen. Seine noch bartlosen Wangen waren gelb und welk. Doch er lächelte starr, damit niemand den gräßlichen Schmerz gewahre, der sein Besitz und seine Todeshoffnung war. Mit ungeheurer Selbstüberwindung hielt er sich aufrecht und würdigte keinen eines Blickes, als wolle er nicht als Fortgeschleuderter, sondern als echter König in Babel einreiten.

Vor Abend noch hatte man den Euphrat erreicht, an dessen westlichem Ufer das Nachtlager aufgeschlagen wurde. Konjah verfiel sogleich in einen tiefen Erschöpfungsschlaf. Im letzten Schein des Tages schlich sich Jirmijah davon. Grellweiße Kreidefelsen, die den Strom entlangliefen, hatten seinen Blick angezogen. Nach kurzem Wege gelangte er zu einem Felsgebirge, in das Stufen gehauen waren. Sogleich wußte er, daß dieses der Ort war, den der Herr selbst ihm gewiesen hatte. Er entledigte sich schnell seines Lendentuches. Doch siehe, zu seiner Verwunderung war das edle Linnen trotz der mühseligen Reise rein und blütenweiß geblieben, als wäre es nie um einen Leib geschlungen worden. Jirmijah erkletterte die Stufen, die sich immer tiefer in die Schroffen einschnitten und zu einer uralten Inschrift emporführten. Die Lettern dieser Inschrift waren verwittert, und er vermochte sie nicht zu lesen. Doch eine der eingegrabenen Runen sollte ihm für den Zweck dienen, dessen Sinn ihm selbst noch verborgen war. Eine Rille war's im reinen Stein, in die Jirmijah das zusammengefaltete und zwischen zwei Kreideplatten gepreßte Hüfttuch hineinzwängte und vorsichtig mit passenden Splittern versiegelte. Hier hatte weder Wasser des Regens noch inneres Gerinnsel Zutritt. Doch auch kein Tier konnte zwischen die aufeinandergelegten Kreideplatten eindringen, auch nicht die winzigste Ameise oder Made.

Der nächste Tagmarsch ging stromaufwärts am Ufer des Euphrat. Konjahs Tapferkeit ließ nicht nach. Nur ein einzigesmal versagten seine Kräfte und er wäre beinahe aus dem Sattel gesunken. Jirmijah beschwor ihn, ein wenig zu rasten. Doch das Antlitz des Knabenkönigs verzerrte sich vor Scham und Zorn. Zur Antwort hieb er dem empfindlichen Rennkamel mit seinem Stock über die Schnauze, daß es noch schneller dahinstürmte.

Als die Sonne sich wieder zum Untergang rüstete, blieben die Reiterscharen all, die Ordnungen der Planeten und des Tierkreises, plötzlich wie angewurzelt stehen. Im rötlichen Dunste des vom Euphrat durchströmten Abends war über dem Horizont ein durchscheinend geisterhaftes Gebilde aufgestiegen. Breit wuchs es aus der nebligen Erde und verjüngte sich in sieben immer schmäleren Stufen zur Höhe. Die Männer Babels stiegen alle von ihren Tieren und warfen sich vor Etemenanki, dem in den Himmel gebauten Turm, erschauernd zur Erde.

 

Es war kein Abschied gewesen, sondern ein Auseinandergerissenwerden. Schon in der Stunde, da sich Mardukh, die Wandelsterne, der Tierkreis und ihr Heeresgefolge zum Einzug in die Hauptstadt rüsteten, hatte man Konjah von Jirmijah getrennt und den Staatsgefangenen wieder in seinen eisernen Käfig gesetzt, damit er Mardukh auf seinem Triumphwege vorangetragen werde. Von dieser Stunde an blieb der Knabenkönig seinem Pfleger für immer entzogen. Jirmijah konnte Konjahs letzten Blick nicht aus der Seele bannen. Dieser Blick hatte alle Selbstüberwindung, allen krampfhaften Stolz fahren lassen und sich endlich zu seinem ganzen Elend bekannt. Nicht mehr Haß und Abscheu, sondern der flehend erstarrte Ausdruck des wissenden Opfertiers hatte Jirmijah getroffen. Wehe, nein, das war nicht die Angst vor einem raschen Schlächtertod, sondern die Angst vor einem unabsehbaren Kerkerleben in Finsternis und Einsamkeit. Während Konjah seinen Pfleger zum letztenmal ansah, hatte sich sein Auge mit dem Bewußtsein gefüllt, nun und ewig abgeschnitten zu sein von allem, was das Leben zum Leben macht, vom Land der Geburt, vom Ort der Gemeinschaft, vom Vaterhaus des Geschlechtes, von der harrenden Braut, die zum Weibe werden und Kinder gebären soll, damit die Mannesseele und ihr Gedächtnis auf Erden nicht vergehe. Was bedeuteten Kettenschmerzen und Kerkerqualen gegen dieses Bewußtsein, in früher Jugend und bei blühendem Leibe wie ein fauliger Fortwurf zu sein, wie ein nutzloser Rumpf im Winkel, dem man die Glieder abgehackt hat, die sich in die Zeit und Zukunft fortbewegen! »Aus der Welt fallen« hatte der Cher-Hep die Gefahr des Göttertausches genannt. Doch auch jeder Gefangene fiel aus der Welt in ein unfruchtbares Zwischenreich, trüber als die Amenti. Deshalb hatte der heldenhafte Schmerzüberwinder und hochmütige Verächter Jirmijahs mit schreckensweiten Augen kurz aufgeschrien und die Arme bettelnd nach dem Pfleger ausgestreckt, als ihn die Wächter davonschleppten.

Seit Monden lief Jirmijah schon durch die schnurgeraden Straßen der Weltstadt, um einen Weg zu Konjah zu finden. Vergebens! Unerbittlich war das Gesetz Babels, weit strenger als das Gesetz von Noph. Wen einmal die schwarzbemalte Stadtburg, der Kerker der Aufrührer, der unter Ninurtus Sternwaltung stand, verschluckt hatte, der durfte bis zu seinem Tode mit keinerlei Lockerung und Milderung seiner Haft rechnen. Unter den hundert Verboten, die das Leben der Angeketteten qualvoll einengten, stand eines zuhöchst: das Wiedersehen mit Landsleuten, Blutsverwandten und Gottgesandten des Heimatgottes. Der verwegene Wunsch, dieses höchste Verbot für Konjah zu überwinden, den Jirmijah bei allen Obrigkeiten Babels offen kundtat, setzte seine Person in kein gutes Licht. Es war für ihn übrigens in der Hauptstadt alles anders geworden als im Lager. Niemand begegnete ihm mehr mit Ehrerbietung. Man kannte ihn nicht. Er war, wenn er tagelang vor den verschlossenen Türen der Sternräte wartete, nichts als ein verdächtiger Fremdling aus einem verdächtigen Volke.

Mardukh und alle seine Nergals und Nabus, Samger Nebu voran, blieben ihm weiter entrückt als ihre himmlischen Entsprechungen. Es gelang ihm nicht einmal, zu den Türhütern des großen Palastes vorzudringen. Da erkannte Jirmijah, daß es kein Mittel gebe, zu Konjah eingelassen zu werden und auch nur eine einzige Stunde der furchtbaren Einsamkeit mit dem Fortgeschleuderten zu teilen. Und da er nach unermüdlichen Versuchen die Vergeblichkeit endlich erkannt hatte, begann er an die Heimkehr zu denken, denn eine sonderbare Unruhe Zidkijahs wegen überfiel ihn jetzt in schlaflosen Nächten. Seiner Heimkehr aber standen vorläufig zwei Hindernisse im Wege. Noch war kein Wort des Herrn, den geheimnisvollen Lendenschurz betreffend, über seinen Geist gekommen. Und ferner: Er hatte bei dem Amte in der Neustadt, das über die Fremden gesetzt war, um die Erlaubnis gebeten, heimkehren zu dürfen. Diese Erlaubnis war ihm zuerst erteilt, dann aber plötzlich wieder zurückgezogen worden. Dabei hatten ihn die Beamten dieser kleinen Behörde mit neugieriger Höflichkeit behandelt. Vielleicht war es Mardukh selbst, der sein Verbleiben in der Hauptstadt forderte. Die Hindernisse aber kamen seinem Herzen nicht ungelegen, das Konjahus Schicksal nicht überwinden konnte.

Jirmijah schweift Tag für Tag ruhelos durch Babel. Jetzt läßt er sich vom Menschengewimmel der Dreizehnten Straße treiben, die als der »heilige Weg der Prozessionen und Jahresfeste« die Stadt wie ein endloser Strich vom Mardukhtor bis zum Tempelbezirk Esagilla durchschneidet. Er blickt sich um. In der späten Sonne erstrahlt das Doppeltor Mardukhs, dessen hohe Wölbung er soeben durchschritten hat. Mit all seinen Türmen, Zinnen und Erkern ist dieses Tor aus tiefblauen Kacheln aufgeführt, die man geglättet und glänzend gemacht hat, so daß sie zugeschliffenem Edelstein von Riesenmaß gleichen. Bis hinauf unter die Dachkrone sind die blauen Flächen des Torbaus mit farbigen Bildwerken in erhabener Arbeit bedeckt, deren schöne Anordnung der Siebenzahl entspricht.

Vor diesen gemeißelten und bemalten Fabeltieren empfindet Jirmijah jenen Schauder und jene Sehnsucht nicht mehr wie einst unter den blühenden Säulen von Noph. Geistesabwesend starrt er auf die Pracht und denkt an Konjah, der die Sterne des blassen Morgenhimmels so sehr liebt.

Nirgends drückt die Last des Herrn schwerer als im fremden Lande. Im Gedränge der Menschen, das müßig die Dreizehnte Straße auf und ab strömt, trifft Jirmijah mehr als einmal der vertraute Grimm aus gehässigen Männerblicken, mehr als einmal Verwünschung und Spottruf. Hier ist die Abneigung gegen Israel vielleicht noch schlimmer als in Noph. Dabei ist Noph ein Kind Japhets, während Babel und Jakob beide Kinder Sems sind. Nichts hat Blutsverwandtschaft und Blutsfremdheit mit diesem Haß zu tun. Auch sein Ursprung liegt im Willen des Herrn, der ein Volk gegründet, ausgesondert und gegen alle Völker der Welt gestellt hat. Es ist, kaum auszudenken, ein geistlicher Abscheu, die Hoch und Niedrig, die Feinsten und die Rohesten wider Israel erfüllt. Das Bitterste aber ist, daß Jirmijah in seinem eigenen Volke nicht als Zustimmender, sondern als heftig Widerstrebender stehen muß. Er stellt Erwägungen über die Zehntausend an, die der Großherr in zwei Nachbargebieten der Babelstadt, in Borsippa und Tel Abib angesiedelt hat. Nur die Fürsten und Vornehmen unter den Ausgetriebenen haben den Befehl erhalten, ihren Wohnsitz in der Hauptstadt aufzuschlagen, damit sie die Obrigkeit nicht aus dem Auge verliere und jeder verschwörerischen Machenschaft sofort mit Grausamkeit entgegentreten könne. Jirmijah hütet sich, Pasch'chur und seinen andern Verfolgern in Babel zu begegnen. Vielleicht aber wird er, ehe er das Stromland verläßt, nach Borsippa und Tel Abib gehn, um Zidkijah, dem König, in Jerusalem vom Leben der Verbannten Bericht zu erstatten. Er hebt die Augen zum wolkenlosen Himmel Babels, der sich schon mit Abendgold zu füllen beginnt. Eine schwache Myriade Jakobs, denkt er, unter den Abermyriaden Mardukhs! Wird sie untergehn? Wird sie am Leben bleiben? Er hält den Atem zurück, er preßt die Lider zusammen, um in seinem Innern eine Raunung zu erlauschen. Doch nun und nie, sooft er auch das Sinnlose versucht, ergeht eine klare Antwort auf vermessene Fragen.

Als er die Augen wieder öffnet, scheint die gewaltige Babel noch unübersehbarer, noch erdrückender zu sein als vorher. Von den vierundzwanzig Hauptstraßen, die sie in endlos geraden Linien durchqueren, steigt der erregte Menschenlärm des Spätnachmittags in die Luft. Auf den zwanzig breiten gemauerten Kanalläufen des Euphrat, die sich in das Gassenwerk einschneiden, zieht unermüdlich Barke hinter Barke und die langen Flöße des Landes, die aus aufgeblasenen Ziegenbälgen zusammengebunden sind. In dichten Pilgerscharen dringt das Landvolk durch die Tore der Stadt. Festlich geschmückt mit Kränzen und Bannern ist nicht nur Esagilla, der mittlere Tempelbezirk, der den Tempel des Herrn zehnfach an Größe übertrifft, sondern dreiundfünfzig andere Gottesbezirke mehr, alle noch im Weichbilde Babels. An jeder Straßenecke grüßen bewimpelte Zellen und Kapellen, auf deren Altären das Räucherwerk heute eifrig dampft. Dreihundert von diesen kleinen Heiligtümern sind allein den Zeichen des Tierkreises geweiht, allen voran dem Sternbild des Widders, der auch der »Lohnarbeiter« genannt wird, und der das Zeichen dieses Oloms ist. Morgen nachts, zu Beginn des Nissanmonds, wenn Mardukh in den Widder oder Lohnarbeiter tritt, ist die Höhe des Zeitalters erklommen, und ein neuer Weltenfrühling beginnt, der Frühling Nebukadnezars. Deshalb wird in diesen Tagen das größte Fest zugerüstet, das dem gegenwärtigen Geschlechte zu erleben vergönnt ist. Während Zehntausende von allen Seiten nach Babel strömen, hat Mardukh, der König der Könige, die Stadt heimlich verlassen. Er verbringt die Rüstnacht des großen Frühlingsfestes in einer öden Gebirgshöhle, aller Macht und Gefolgschaft entkleidet, wie ein Ausgesetzter, wie ein Toter. Wenn aber seine Stunde kommt und der stundenlange Klageruf der Priester nach ihm sich erschöpft hat, dann wird er, der gewaltige Gott, aus seiner Unscheinbarkeit hervortreten, heimkehren und ans Mardukhtor pochen. Dort empfangen ihn alle Götter des Nachthimmels und ihre Priester, um ihn in der allerheiligsten Prozession einzuholen und nach Esagilla zu führen, damit er die höchste Stufe des Turmes ersteige, die da heißt: »Schicksalskammer der Schicksalsbestimmung«.

Jirmijahs Blicke ruhen jetzt auf Etemenanki, der sich wie Hermons Gipfel hoch über den Gebirgen der Königs- und Gottespaläste Esagillas erhebt. Ist er wirklich, wie man daheim sagt, »der Migdal der Sprachenverwirrung«, den die überheblichen Menschen in den Himmel zu bauen versuchten? Dann hätte der Herr dem menschlichen Hochmut endlich nachgegeben, denn es hat unzweifelhaft den Anschein, daß dort das oberste Sterngemach in den Glast des Abendhimmels verschwebt. Jede der sieben Stufen dieses »Grundsteins von Himmel und Erde« umschließt eine ganze Welt. Die sieben Welten über der Erde spiegeln sich in strenger Wiederholung in sieben Welten unter der Erde, denn was oben ist, das ist auch unten. An Umfang die mächtigste Stufe ist die erste, nicht geringer als eine kleine Stadt innerhalb ihrer Mauern. Aus der Plattform jeder Stufe wächst die schlankere nächste, in Baustoff und Farbe verschieden von ihr, gemäß dem dargestellten Planeten und seiner Sphäre. Unten lasten die dunklen Farben und schweren Metalle der dichten Stofflichkeit, die sich nach oben hin immer geistiger auflichten. Der Stufe Ninurtus ist das saturnalische Schwarz zugeordnet und das schwere Blei. An ihrer oberen Grenze geht die Färbung dieser Stufe in erdiges Braun über. Nergals martialische Sphäre umfaßt dunkelpurpurne und feuerrote Tinten, die aufwärts heller verlodern. Alle Baustützen und Beschläge sind hier von Eisen und Stahl. Die Stufe des Sonnenplanten, mit purem Golde reich ausgestattet, erstrahlt von tiefem Rotgelb bis zur klaren Safranfarbe. Ischtar, die samenerregende, die mütterliche Fruchtbarkeit, verwaltet alle Arten von Saatengrün und spiegelndem Kupfer. Nabus, des Schreibersterns, merkurisches Blau folgt und mit ihm die geistigen Farben und Metalle. Ihm selbst zugeteilt ist das seltene Quecksilber, das man in seiner Halle in kleinen Urnen aufbewahrt. Die Mondsphäre aber erschimmert von reinem Silber. Die siebente Stufe gehört Mardukh und seiner so schwer beschreiblichen Sandelfarbe, die ein fahles Aschengrau ist, in das sich gelbliche und bläuliche Tönungen mischen. Unscheinbar wie der Sternkönig selbst ist sein ihm eignendes Metall, das Zinn. Doch Mardukhs Stufe wird noch von einem kleinen würfelförmigen Gemache überhöht, das auf ihrem Dache aufsitzt. Die Farbe dieser Schicksalskammer der Schicksalsbestimmung ist ein unbestimmbar milchiges Weiß, das mit dem Himmel zu verschwimmen scheint.

Breite Bänder von Freitreppen verbinden die Planetenstufen des Etemenanki miteinander. Jirmijah ahnt von seinem Standorte aus auf den Freitreppen das wohlgeordnete Auf und Ab der Priesterzüge, die ihren Stundendienst beziehen oder verlassen. Er steht regungslos und starrt versunken den Migdal an, den die Menschen gegen den Willen des Herrn in den Himmel gebaut haben. Jetzt geht die Sonne unter. Langsam blassen die Farben der einzelnen Turmstufen in der Dämmerung ab. Am längsten behält das feurige Purpurrot Nergals seine Kraft, bis auch dieses erlahmt und zuerst in eine allgemeine Veilchen- und dann in Malvenfarbe zergeht, in die sich der hohe Etemenanki hüllt wie in einen Priestermantel. Das Getriebe auf den Straßen erstarrt. Alle Blicke wenden überschwenglich sich dem Stufenturm zu, als erwarteten sie ein Wunder von ihm. Und dieses Wunder tritt auch ein, das allabendlich den Schauenden träumerische Rufe der Verzückung entlockt. Der Abendstern Ischtars ist am noch lichten Himmel aufgegangen. Er bleibt nicht lange einsam. Ein Wesen des Himmelsheeres nach dem andern tritt still neben ihn. Die Malvenfarbe des Etemenanki hat sich zu einer schweren Wolke verdunkelt, die ihn formlos umlagert. Jetzt aber beginnt sein hohes Haupt, das oberste Sterngemach, in der anhebenden Nacht von einem Lichte zu erglimmen, das es im irdischen Bereiche nicht gibt. Die Wände und das Dach der Schicksalskammer der Schicksalsbestimmung sind aus einem besonderen kristallartigen Glasfluß errichtet, der nach der Überlieferung Urs von Geheimwissenden in eigenen Glasöfen hergestellt wird. Dieser durchsichtige Baustoff hat nicht nur die Eigenschaft, die Gestalten des Nachthimmels in wundersamer Weise vor den Augen des Deutenden zu vergrößern und zu entwirren, sondern er vermag auch die Strahlen der Gestirne aus der Tiefe der hohlen Halbkugel zu saugen und in der Schicksalskammer zu versammeln. Es ist also kein menschlich entzündetes Licht, von dem das Turmhaupt jetzt so zart erschimmert, sondern das verborgene Strahlungslicht der Götter, vom Etemenanki eingefangen, läßt sich auf den Gipfel der Menschheit nieder. Ein leiser Gebetsang der Menge löst das Erschauern ab, das dieses Wunder allabendlich in den Bewohnern Babels hervorruft. Jirmijah steht sinnend stumm unter dem fremden Volke.

Als er sich dann zum Gehen wenden will, sieht er sich von vier blauen Gestalten umgeben, die auf ihn gewartet haben. Er schrickt im ersten Augenblick zusammen. Hat er sich gegen das Gesetz Babels durch seine Fürbitten für Konjah vergangen? Will ihn der Großherr durch diese Männer festnehmen lassen? Die Ehre der tiefen Verbeugung aber, die ihm die vier Blauen mit waagrecht gefalteten Händen erweisen, beruhigt ihn schnell. Ein freudiger Gedanke durchzuckt sein Herz. Vielleicht sind die blauen Sternpriester ausgesandt, ihn in die dunkle Stadtburg zu bringen, damit er das Antlitz des unglücklichen Knabenkönigs schaue. Sie gehören Nabu an, diese Blauen, dem geistigen Stern der Schreiber, Deuter und Künder, und sind gewissermaßen seine Brüder, der ja selbst als Künder sowohl in Babel wie auch in Jerusalem gleichlautend »Nabi« genannt wird. Doch Nabus Abgesandte schlagen nicht den Weg zur Stadtburg ein. Sie nehmen Jirmijah mit großer Höflichkeit in die Mitte und geleiten ihn durch das neugierig zur Seite weichende Volk, die Hauptstraße der Prozessionen entlang, geradewegs in den streng verschlossenen Tempelbezirk Esagilla, der sich um den Etemenanki schart. Als sie die »Grenze der Eingeweihten« überschreiten, ist es schon ganz tiefe Nacht. Nur spärliche Ewige Lampen erleuchten die Straßen und Plätze Esagillas, dieser heiligen Einfriedung des Nachthimmels auf Erden. Jirmijah kann daher den weiten Weg und die Orte nicht unterscheiden, durch die er geführt wird. Ein einziger Palast erglimmt in mattem Licht. Es ist das Ziel. Im Torgang schon wird Jirmijah von niemand Geringerem als Samger Nebu empfangen. Er weiß nicht wie ihm geschieht, als die erhabene Schönheit des Nachtschattens, der ewig Zwanzigjährige mit den hundertjährigen Augen, die höchste Person nach Mardukh im Reiche, ihn, den namenlosen Fremden aus einem unterworfenen und verachteten Volke, mit dem brüderlichen Friedenskuß begrüßt. Jirmijah erfährt auch dann noch nichts über das seltsame Vorhaben, dessen Gegenstand er ist, als er vom Samger Nebu zum gemeinsamen Liebesmahle des Ordens und der Brüderschaft Nabus eingeladen wird. Es ist ein ebenso schweigsames wie kärgliches Mahl, das in einer blaubemalten Halle an einer blaugedeckten Tafel stattfindet, die nur von blauen Flämmchen auf silbernen Räucherpfannen beleuchtet wird. Während die Aufträger Datteln und Feigen, Gerstenfladen und Honigkuchen herumreichen, wird das tiefe Schweigen der Brüderschaft Nabus durch die Stimme des Vorlesers noch verschärft, der abseits der Tafel nicht etwa heilige Hymnen und Geschichten, sondern Kalenderzahlen des Weltenjahres mit Auf- und Untergängen der Sternbilder und vorherberechneten Sonnenfinsternissen in priesterlichem Singsang herunterleiert. Zum Abschluß des Mahles wird in kleinen Zinnbechern ein süßer Wein kredenzt. Dann erhebt sich Samger Nebu, nimmt Jirmijah an der Hand und geleitet ihn in ein wohlgefälliges Schlafgemach mit einem breiten Lager.

Hier erst eröffnet der hohe Mann-Weibliche dem Künder Adonais, daß dieser auf Befehl Mardukhs von der heiligen Auszeichnung betroffen sei, morgen in der Nacht der Welterneuerung und Schicksalsbestimmung den fremden, das heißt ausländischen Sternzeugen Mardukhs darzustellen, wie es der Brauch seit der Gründungszeit Babels vorschreibe. Während man sonst mit dieser Ehrenrolle zumeist verbündete Könige gnädig bedenke, habe Mardukh diesmal geruht, einen fremden Weissager zu seinem Sternzeugen zu erheben, weil dieser sich so mancher Wahrheit des anbrechenden Weltalters kundig gezeigt habe. Indes Samgers sanfte Altfrauenstimme noch fort ertönt, wird Jirmijah von einer unüberwindlichen, doch wonnigen Müdigkeit angefallen, die ihn aufs Lager zieht. Er versucht noch, der alterslosen Schönheit im blauen Ringelhaar, sich gleichsam entschuldigend, zuzulächeln, ist aber, ehe dieses Lächeln fertig wird, schon eingeschlafen. Der tiefste Schlaf seines Lebens beginnt nun. Als ihn wiederum vier blaue Gestalten Nabus wecken, weiß er nicht, ob es Morgen oder Abend ist. Der Schlaf hat seinen Zeitsinn ganz und gar verwirrt. Es ist Abend, und zwar der größte Abend dieses Zeitalters, denn Babels Königsstern schickt sich an, seinen Höhepunkt zu erklimmen. Man wirft einen blauen Schleier über das Haupt des Sternzeugen, ehe man ihn aus dem Palast führt. Der weitmaschige Schleier aber verhängt ihm den Blick nicht. Jirmijah steht nun unter der Brüderschaft Nabus am Fuße des gewaltigen Stufenturmes, zwischen den beiden Freitreppen, die links und rechts in schwindelnde Höhe emporführen. Die Spitze der Prozession Mardukhs ist längst schon in Esagilla eingezogen. Ein Heer von Sterngöttern aus Gold, Silber, Kupfer, Holz, Alabaster schwankt heran, Hunderte an Zahl. Sie haben Mardukh, den aus seiner öden Höhle Erstandenen, am Wallfahrtstor erwartet und zum heiligen Ort gebracht. Nun verschwinden sie alle in den schwarzen Toren der Ninurtu-Stufe Etemenankis. Mardukh aber reitet heute nicht, fährt in keinem Wagen, wird nicht getragen, sondern schreitet zu Fuß, ein kurzer stämmiger Mann, unansehnlich in seinem sandelfarbigen Rock. Sein rundes Gesicht ist ein wenig abgespannt und sehr verschlossen. Der Raum eisiger Leere um ihn bezeichnet seine Größe und die schaurige Aufgabe der Schicksalsbestimmung, die ihm bevorsteht. Der leere Raum, in dem er wandelt, ist ummauert von Priestergesang und von aufreizendem Gedudel, Geblase und Getrommel Hunderter Spielleute. Jirmijah kann Nebukadnezars Züge schon unterscheiden, den breiten unerbittlichen Mund, die aufgeworfene Nase, die knabenhaft trotzig aus diesem Antlitz hervorsticht. Mardukh trägt einen silbernen Blitz in der rechten Hand und ein Kampfnetz in der linken. Da er sich nun den Freitreppen des Turmes nähert, hebt er den Blitz plötzlich hoch. Der Gesang bricht ab. Das betäubende Durcheinander der Musiken schweigt. Das Gefolge der Priester erstarrt. Einsam gleichmäßigen Schrittes geht der Königsstern Babels auf den Turm zu, der ihn erwartet. In diesem Augenblick berührt Samger Nebus Hand leicht Jirmijahs Schulter ...

 

Die Schicksalskammer der Schicksalsbestimmung ist ein weit größeres Gemach, als es von unten und von der Ferne gesehen den Anschein hat. Hier findet sich Jirmijah allein mit Mardukh und Samger Nebu. Der Orden der blauen Sterngesellen ist bei der herzerschöpfenden Ersteigung des Turmes auf der Stufe Nabus zurückgeblieben und in die Halle der Quecksilberurnen eingegangen. Die Schicksalskammer aber ist ein beinahe leerer Raum, in dessen Mitte Mardukhs juwelenfunkelnder Wunderwagen steht, die Merkaptu des Himmelsherrschers (ein Wort, das nichts andres bedeutet als Merkaba). Dieses in den Boden eingelassene Fahrzeug ist ein Mittelding zwischen Prunkwagen und Prachtschiff, denn anstatt beweglicher Räder besitzt es goldne, seltsam geformte Kufen, auf denen der Wagenkorb ruht und hinter ihm der sehr erhöhte Lenkersitz. Im Sonnenuntergang lodert die Tausendzahl der Edelsteine auf, mit deren sternbildergemäßen Anordnung Mardukhs Merkaba über und über ausgelegt ist. Die aus jenem heiligen Glasfluß errichteten Wände und die Decke des obersten Sterngemaches sind nicht ganz durchsichtig, sondern eher durchscheinend. Sie gleichen ganz feinem Alabaster. Man weiß nicht, ob das rötliche Gewölke, das sie zeigen, dem Himmel zugehört oder ihrem eignen Stoff. Immer tiefer röten sich die Kristallwände und überfluten die Schicksalskammer mit Herzfarbe. Jetzt gewahrt Jirmijah, daß der Merkaba Mardukhs auch ein Zugtier vorgespannt ist, kein Pferd freilich, sondern ein geflügelter, giraffenhalsiger Drache, klein, hochschwebend und aus bräunlich wurzelartigem Zeuge geformt.

Dickflüssig tropft die Zeit, Herzschlag nach Herzschlag, schwer pochend, langsam. Als Jirmijah einst am Eingang der Amenti gestanden, vor dem Felsentor der ersten Nachtstunde, da hatte er sich nur mit einem Teil seiner selbst anwesend gefühlt. Auch jetzt fühlt er sich nur mit einem Teil seiner selbst anwesend. Dieser Teil freilich hat seinen Mittelpunkt nicht im Zwerchfell wie damals, sondern im Kopf, der locker über dem ziemlich fühllosen Leibe zu schweben scheint. Jirmijah muß an die Worte der sterbenden Zenua denken: »Noch ist Kâ, die Schwalbe, in meinem Herzen ... Bâ, der Sperber, aber flattert mir im Kopf umher ...« Eine unsägliche Feierlichkeit erfüllt den Mann aus Anathot so vollkommen, daß er gar nicht ermessen kann, was in den letzten vierundzwanzig Stunden mit ihm geschehen ist, und daß er sich in der Schicksalskammer der Schicksalsbestimmung neben dem König der Könige befindet, von dessen Sinn wahrhaftig das Schicksal aller Erdenvölker abhängt. So tief ist Jirmijah mit sich selbst und seinem eignen unbekannten Zustand beschäftigt, daß er kaum bemerkt, wie Samger Nebu seinen Herrn mit einer hohen Krone krönt und ihn mit einem Edelsteinmantel bekleidet. Die halblauten Worte und Gegenworte, die sie bei diesem heiligen Werke wechseln, erfaßt er nicht. Dann aber besteigt Mardukh in seiner blitzenden Pracht den Sternenwagen. Samger Nebu, der Jirmijahs Hand ergriffen hat, muß diesem zweimal befehlend zuflüstern, sich auf den breiten Dienertritt der Merkaba zu stellen, der dem Zeugen zugewiesen ist. Dann erst schwingt er sich selbst auf den hohen Lenkersitz, die Zügel im Namen Mardukhs zu führen.

Der durch die Wände dringende Himmelspurpur ist erloschen. Die Dämmerung im Sterngemach wird immer tiefer, gleich dem atemlosen Schweigen der drei Menschen. Als man nur noch die leuchtenden Flecke der Gesichter und Hände unterscheiden kann, öffnen sich mit einem jähen Ruck die vier Türen der Kammer. Gegen das Zwielicht des Weltraums hebt sich in jeder eine schwarze Gestalt ab, die mit schallender Stimme einen kurzen Satz hereinruft. Dies aber sind die vier Sätze der vier Herolde: »Ischtar ist da!« »Die Fahrt beginne!« »Erklimme den Frühling!« »Bestimme die Welt!« Kaum sind die Stimmen verhallt und die Türen wieder zugefallen, als Samger Nebu die Zügel anzieht. Funken springen knisternd auf und setzen den vorgespannten hochschwebenden Flügeldrachen in langsam glimmenden Brand. Der bräunliche Stoff, aus dem das Zugtier zusammengemodelt ist, enthüllt sich jetzt als köstliches Räucherwerk, als ein Weihrauch von solch herzberauschender Süße, wie Jirmijah ihn weder daheim noch in Noph jemals geatmet hat. Die Wolken des Weihrauchs erfüllen die Schicksalskammer. Doch sonderbarerweise verdichten sie die Dunkelheit nicht, sondern klären sie nach und nach. Zarte Strahlen durchdringen das Gekräusel von allen Seiten und bilden unbegreifliche, doch sinnvolle Muster und Netze. Wie eine Hohlkugel wölbt sich der herrliche Rauch und Duft um die Merkaba. Und nun, da er immer durchsichtiger wird, ist seine Hohlkugel der offene Nachthimmel selbst, in dem Mardukhs und seines Zeugen Fahrt vonstatten geht.

Die erste deutliche Empfindung, deren Jirmijah sich bewußt wird: Dies ist eine seltsam regungslose, aber wirkliche Fahrt. Freilich kann er nicht unterscheiden, ob sich die Fahrt auf das Befahrene, oder das Befahrene auf die Fahrt zu bewege. Es ist eigentlich kein Sich-fort- oder Zu-Bewegen, sinnt er, kein Höhergelangen oder Weiterschweben, sondern eine beglückende Auflichtung im Geiste. Nicht sogleich erkennt Jirmijah, daß er mit neuen Blicken schaut, daß ihm die Schuppen von den Augen fallen. Der Nachthimmel beginnt zu knospen und zu blühen wie eine wasserreiche Au im Nissanmond.

Diese Verwandlung betrifft nicht so sehr den Raum selbst, als Jirmijahs Raumsinn. Alles erscheint ihm fern und nah, oben und unten zugleich. Ja, solche Worte verlieren ihre Bedeutung, da das unendlich Entrückte zu greifen ist und umgekehrt. Sooft einst der über die nächtlichen Hügel Anathots schweifende Knabe den Blick zum Sternhimmel emporwandte, hatte atemraubende Beklemmung sein Herz niedergedrückt. Auch die Gewißheit des Herrn half da nichts. Denn der Geist des Menschen erstickt unter dem Anblick einer ihm unbegreiflichen Ordnung, indem er vor ihr selbst in schwindelnde Unordnung gerät. Dies aber gerade ist es. Der knospende, blühende Nachthimmel enthüllt seine Ordnung vor Jirmijahs geöffneten Augen. Es ist ein Gesicht der Wirklichkeit. Die Sinne des Sehenden haben plötzlich die Kraft gewonnen, zu deuten. Er kann auf wundersame Weise mit den Augen Samger Nebus, des Wagenlenkers, schauen, der hoch hinter ihm sitzt. Zunächst ist es eine unbekannte Trunkenheit der Zahl und des Maßes, die Jirmijah erfüllt. Sein Blick teilt den stehend bewegten Sternhimmel – er selbst weiß nicht, wie es geschieht – in zusammenhängende Abschnitte ein.

»Siehe die Häuser, die Tempel, die Gärten der oberen Welten«, kündet Samger Nebus samtige Stimme. Und Jirmijah sieht die Häuser, die Tempel, die Gärten, obgleich diese Worte sein Gesicht nur sehr ungenau ausdrücken. Doch er vermag sich dem Stehend-Bewegten noch nicht mit voller Aufmerksamkeit zuzuwenden, da vor diesem vier gehendbewegte Wesenheiten seine Sinne bannen. Diese vier, obgleich ganz weit auseinandergespannt, scheinen auf Mardukhs Wagen heimlich zuzustreben. Immer körperhafter durchzittern ihre Strahlen die Weihrauchhülle. Samger Nebus Stimme erhebt sich: »Die Befehlsübermittler nahen dem König, um seine Gebote hinauszutragen.«

Diese Worte Samgers helfen in geheimnisvoller Weise Jirmijah, die wahre Gestalt der vier befehlsübermittelnden Wandelsterne im Gesicht zu erfassen. Die Eilend-Bewegten bilden die Endpunkte eines riesigen Kreuzes, in dessen Mitte Mardukhs Merkaba steht oder fährt. Von Untergang eilt Ischtar heran, von Anfang Nabu, von Mitternacht Ninurtu, von Mittag Nergal. Wie deutlich sie aber auch auf den fahrenden Wagen zueilen und näherstreben, der Abstand der Kreuzenden verringert sich nicht. Dennoch sind sie sowohl an den Himmelsenden als auch im Hohlraum des Weihrauchs gleichzeitig anwesend. Wie aber bieten sie sich den Blicken Jirmijahs dar? Nergal, der Sommerliche, ist ein gewappneter Mann, ein Tartan in rotglühender Rüstung. An Stelle des Herzens erstrahlt in zu- und abnehmender Flutung der Zackenstern. Doch ein gewappneter Tartan ist Nergal nur so lange, als Jirmijah in seine Wesenheit sich nicht tiefer versenkt. Dann freilich verwandelt er sich in eine wogende Bilderwelt aus feuerartigem Gewebe. In dieser Bilderwelt gewahrt Jirmijah große Heerhaufen, die sich miteinander zur Schlacht verschlingen. Er sieht gewaltige Stadtmauern, die auf Leiterwerken erstürmt werden. Die Eroberer werfen rauchende Brandfackeln in die Tempel der Götter. (Ist Adonais Tempel darunter?) Räuber überfallen friedliche Dörfer bei Nacht und legen Feuer an die Hütten. Frauen werden an den Haaren aus ihren Kammern gerissen und zu schmählicher Hochzeit verschleppt. Henker hacken den Besiegten die Arme ab und stoßen gefangene Fürsten in siedendes Öl. In Strömen fließt rotes Blut, doch auch roter Wein, an dem sich die Sieger berauschen. Ihr Lachen und Gröhlen scheint das große Wehgeschrei zu übertönen. Am Abend des Kampftages fassen sie sich an ihren derben Händen und stampfen den wilden Reigentanz. Alles in Nergal ist Blut und Feuer, doch auch Ungestüm, schneidiger Stolz und kindliche Männlichkeit.

In Nergals winterlichem Gegenstern aber, in Ninurtu, gibt es kein Blut und Feuer, kein Ungestüm und keine Jugend. Jirmijah erscheint Ninurtu auf den ersten Blick als ein sehr alter Mann, der an einer Krücke geht. Der Zackenstern an Stelle seines Herzens leuchtet ruhig und eisig. Doch auch Ninurtu bietet der schauenden Versenkung eine reiche Bilderwelt dar, keine stürmisch wogende zwar, aber eine schleichende und drängende. Jirmijah gewahrt in der Bilderwelt des Saturnsterns ebenfalls Menschenmengen und Städte. Doch die Städte brennen nicht, und kein sichtbarer Feind bedrängt die Völker. Weit schlimmer aber erweist sich der unsichtbare Feind, der in Ninurtu umgeht. Es ist nicht der blutige Schlachtentod, sondern der Tod, der im Innern des Menschen arbeitet und wächst: Krankheit, Gebrechen, Seuche und Wahnsinn. Ausgestorbene Peststraßen sieht Jirmijah, in denen die gefleckten Leichname umherliegen, von Schakal, Hyäne und Geierwolken benagt. Vor den Toren der Städte hocken die Aussätzigen mit ihrer Warnungsklapper, auf Almosen harrend, die man ihnen von ferne zuwirft. Besessene, aus der Mitte der Menschen gejagt, taumeln nackt und mit wirrem Haar, schreiend durch die Wüste. Verkrüppelte Bettler und Bettlerinnen lungern vor Stadtpalästen aus dunklem Stein, in denen Könige wohnen, deren Gebieterstern Ninurtu ist. Die Wesenheit dieses Planeten ist voll von Zehntausenden trüben, schwermütigen, leidend verzerrten Menschengesichtern, die Jirmijah neugierig heischend anschauen. Wo hat er nur ähnliche Gesichter schon gesehen? Wehe, jetzt erkennt er sie, die Antlitze Ephraims und Manasses, die Züge der hinausgeschleuderten Stämme, die Scheolstimmen, die Amenti-Augen, denen man im Gau Samarias begegnet. So ist auch das weggeworfene Israel in Ninurtu wieder versammelt, und nicht ohne Grund hat Babel den Sabbathtag dem Saturnstern geweiht.

Schaudernd wendet Jirmijah seinen Geist von Ninurtu ab, um sich an Ischtars Wesenheit zu erfreuen. Als im Raum schwebende Mutter erscheint sie seinem ersten Blick, die einem männlichen Kinde die Brust reicht. Die Bilderwelt aber, die Ischtar der eindringenden Versenkung preisgibt, ist grundverschieden von der Nergals und Ninurtus. Hier herrschen nicht die Kräfte des Kampfes und der Zerstörung. Alles ist ländlich hier, voll hellgrüner Frühlingssaaten, voll freundlichen Baumschattens und geregelten Tuns. Bauern mit breiten Hüten arbeiten auf dem Felde. Schwerwollige Schafe werden zur Tränke getrieben. Unter den strotzenden Eutern der Kühe hocken breithüftige Mägde und melken die Milch in Tonbutten. In den Städten herrscht fröhlicher Markttag. Die Häuser öffnen ihre Mauern vor Jirmijahs Blick. Er sieht die mahlzeitenden Familien an den Vatertischen. Eltern und Geschwister scheint kein Streit zu entzweien. Auch die Schlafgemächer öffnen sich. Mann und Weib in ihrer Jugendschönheit ruhen Herz an Herz, tausendfach. Die sich noch nicht besitzen, Braut und Bräutigam, schmiegen ihre Hände schweigend ineinander. Hochzeit wird gefeiert allerorten. Der Tanz der Jungfrauen um das Paar beginnt. Süßer Wein wird geschenkt, und die liebliche Trunkenheit der Gäste nimmt kein Ende. Wenn es Leiden in Ischtar gibt, so sind es die Wehen des Weibes, das gebiert, und die Qualen unerwiderter Leidenschaft, die erstickte Gebefreudigkeit der Liebe.

Anders als Ischtars starke und einfache Freuden sind die Geschenke Nabus. Der Merkurstern offenbart sich dem ersten Blick als ein älterer Priestermann mit riesigem glattgeschorenem Schädel. Während Ischtar an Stelle des Herzens von allen Planeten den größten Zackenstern trägt (er füllt gänzlich ihre linke nackte Brust aus, die sie dem Kinde reicht), verfügt Nabu nur über einen winzigen Herzstern von mattem Glanz. Seine Bilderwelt ist im Gegensatz zu Ischtars Wesenheit ganz und gar herbstlich. Nebel und Gewölke braut in Nabu. Der Regen fegt in schrägen Strichen über die Gefilde. Die Winde brechen auf und lassen das trockene Laub tanzen. Die Menschen aber fliehen, in ihre Mäntel gehüllt, in die Städte. Nabus Welt ist vorzüglich eine Stadt- und Tempelwelt. Jirmijah gewahrt in Nabu unzählige Altäre unzähliger Götter, auf denen das Opfer dampft, das die Priester aller Arten darbringen. Doch nicht die Opferpriester sind die eigentlichen Söhne Nabus. Stille Kammern tun sich vor Jirmijahs eindringendem Blick auf. Er gewahrt in ihnen die Einsam-Geheimwissenden und Geheimwirkenden, weiß oder blau gekleidet, die sich mit den Mächten der Schöpfung unterreden. Zumeist ist es Nacht in diesen Kammern, deren Fenster geöffnet stehen, die oberen und unteren Mächte einzulassen. Ein kleines, blakendes Lämpchen genügt den Geheimwissenden für ihr lehrendes und lernendes Werk der Verborgenheit. (Darum haben alle Kinder Nabus schwache, kurzsichtige Augen, und die Blindheit ist das im Merkurstern beheimatete Gebrechen.) Jirmijah sieht überall hochaufgeschichtete Tontafeln. Mit fleißigem Griffel haben die Einsamen die »Schrift des Himmels« in die weiche Masse nachgezeichnet. Sie vergleichen die Tafeln des Altertums mit den ihren und lächeln welk, wenn die Erfahrungen der Zeitalter übereinstimmen. Jirmijah glaubt in den Gesichten Nabus nicht nur das Antlitz des Cher-Hep zu erkennen, sondern auch die krankhaft unverwüstliche Schönheit Samger Nebus mit ihren faltenlosen Wangen und ihren alten und geröteten Augen. Ihnen aber, die unermüdlich die Himmelsschrift nachzeichnen, Kreisläufe, Kehren und Wiederkünfte berechnen, heilige Grundrisse des Oberen im Unteren entwerfen, ihnen ist allen dasselbe Leiden ins Angesicht geschrieben: die Entrücktheit vom lustvollen Geschlechte, Liebesentsagung und Überwindung.

Jirmijahs Versenkung in die vier Wesenheiten Nergals, Ninurtus, Ischtars und Nabus wird, lange noch, ehe sie zum geringsten Teil erschöpft ist, durch eine Meldung unterbrochen, die Samger Nebu dem Könige Mardukh erstattet:

»Versammelt sind die Befehlsübermittler, deinen Auftrag zu hören.«

Ohne Zweifel ist diese Meldeformel seit Urzeiten festgelegt, ebenso wie Mardukhs Antwort, die nun mit knapper und ein wenig hoher Stimme erfolgt:

»Ich sende die Befehlsübermittler aus. Sie mögen zum himmlischen Euphrat voraneilen, damit die Mächte bereit sind, denen sie zugehören.«

Jirmijah hebt den Blick vom Gehend-Bewegten zum Stehend-Bewegten. Das Band des Himmels, die Milchstraße, überwölbt in einem vollkommenen und klaren, ein wenig östlich geneigten Bogen die Schicksalskammer Etemenankis und die Himmelsfahrt Mardukhs. Der Sternzeuge versteht sogleich, daß Babel einen Euphrat des Himmels besitzt wie Noph einen Nil der Nacht. Die Milchstraße aber ist der Euphrat des Himmels, aus dem die Befehlsübermittler neue Kräfte schöpfen, um sie in dieser Schicksalsnacht vor Mardukh zu bringen. Wahrhaftig, einem weißlichen Strome gleich erscheint das Band des Himmels dem geöffneten Aufblick Jirmijahs. Der Strom besteht aus unzähligen Wellen und Wellchen, die einander in kleinen Wirbeln spielend festhalten, sich lösen und wieder dahintreiben in unbegreiflich regungsloser Bewegung. Und jeder Tropfen dieser Wellen und Wellchen entschleiert sich dem Gesichte des Zeugen als ein herrliches Geistwesen, tausendmal feiner und erdentrückter als das gröbere Geistwesen der vier Befehlsübermittler. Eine furchtbare Wonne würgt Jirmijahs Kehle, daß er die Tränen der Verzückung nicht zurückdrängen kann. Der Augenblick der stärksten Verwandlung durch den Nachthimmel kommt über ihn. Jetzt ist nicht nur Mardukh-Nebukadnezar, sondern auch er zum vollkommenen »Himmelsmann« geworden. Nichts trennt in ihm mehr das Obere vom Unteren, das zur seligen Einheit verschmilzt. In ihm selbst, zwischen seinem Scheitel und den Sohlen, verläuft das Band des Himmels. Der ewige Kreislauf jener Geistwesen durchströmt ihn, und keine Welle und keinen Strahl gibt es, der nicht auch aus ihm wirkte. Ihn deucht es in seiner trunkenen Wonne, sein eignes Fleisch und Blut bestehe aus Sternen. Ein Liebesgefühl ohnegleichen bedrängt ihn, eine Sehnsucht, sich hinauszuwerfen in den Raum und der Welt sich hinzugeben. Vergessen ist in diesem Augenblick Jerusalem und Israel, und der Name des Herrn selbst liegt nur mehr wie eine dumpfe Mahnung auf dem Grunde der Seele.

Indessen begibt sich zwischen Mardukh und seinem Wagenlenker ein eigentümlich geflüstertes Frage- und Antwortspiel, auch dieses in Ton und heiliger Formel für die Nacht der Schicksalsbestimmung festgelegt seit Urs Tagen. Es betrifft die Zeitfernen, die Mardukh während seiner scheinbar so kurzen Himmelsfahrt durchmißt. »Du hast dein Soss zurückgelegt«; verkündet der Wagenlenker, als rufe er das erste Reiseziel aus. Jirmijah weiß, daß sechzig Jahre in Babel ein Soss genannt werden. Nach einer Weile fragt Mardukh: »Wo bin ich nun?« – »Du hast dein Ner durcheilt.« Sechshundert Jahre sind damit dahingeschossen. Die nächste Formel gilt Mardukhs Sar, in dem er vordringt, sechsmal sechshundert Jahre. Als auch diese überwunden sind, singt Samger Nebu: »Nimm dein Weltenjahr in Besitz!« Ein Weltenjahr aber sind sechzig Sar oder der große Olom, über den nun Mardukh seine Fahrt und seine Macht ausdehnt.

Der dahineilende Flügeldrache – er ist nicht mehr größer als ein Sperber – entsendet eine neue starke Weihrauchwolke. Sie umhüllt die Himmelsfahrt mit süßem Duft und Geschwele. Allmählich wird es in ihr lichter und lichter. Jirmijah kann die Edelsteine an Mardukhs Sternenmantel unterscheiden. Es ist, als ob der Mond in diesem Raum aufginge. Doch kein Mond geht auf in der Neumondnacht des Nissan um diese Stunde. Aus andern Tiefen ist dieses Licht geschöpft. Samger Nebus Stimme schwingt vor verhaltener Erregung, da er nun seinem Herrn meldet:

»Die Befehlsübermittler fahren dir entgegen, Mardukh. Bereit sind die Dreiheiten der Mächte, denen sie zugehören.«

»Wen bringt Nabu?« fragt Mardukhs hohe Stimme.

»Die mir zugehören«, lautet Samgers stellvertretende Antwort, »die Leichten und Luftigen. Wassermann: Deine planende Einsamkeit unter den Völkern. – Zwillinge: Dein erkennender Zweifel, der dich durch Soss und Ner und Sar und Weltenjahr ans Ziel trägt. – Fische: Die tiefste Demut deines höchsten Hochmuts, wenn du in die niedre Höhle eintrittst. In ihnen steigst du empor, indem du hinabsteigst.«

»Und wen bringt Ischtar?«

»Die mir zugehören«, erwiderte der Wagenlenker für Ischtar, »die Gedeihenden, die deine Lust sind. Steinbock: In seinem Zeichen säst du den Samen. – Stier: In seinem Zeichen pflegst du die verborgene Saat. – Jungfrau: In ihr erntest du. Denn sie gebiert den Sohn, der dich vollendet.«

»Und wen bringt Ninurtu?«

»Die mir zugehören«, spricht Samger als Ninurtu, »die Unbesiegbaren, die deine Qual sind. Krebs, der dich zerstreut und mit Furcht erfüllt, denn auch dein Leib ist nackt aus der Mutter gekommen. – Skorpion, der deinen Haß sammelt und dich wie einen Blutegel auf die Pulsader der Welt setzt. – Die Waage des Totengerichts: Auf ihr wirst du liegen.«

»Und wen bringt Nergal, der meinen Willen vollstreckt?«

»Die mir zugehören«, verkündet Samger, »die lodernde Dreiheit des Feuers. Löwe: Die herzhelle Verschwendung deiner Macht. – Schütze: Die zielende Sparsamkeit deiner Macht. – Und Lohnarbeiter: Du selbst in deinem Zeichen! Dein Wagnis, dein Werk, die Frage, der du Antwort gibst.«

Jirmijah will mit seinem geöffneten Blick auch diese Geistwesen durchdringen, deren Ort Schamasch ist, der Gürtel des Sonnenumlaufs. Die Bilderwelten jedoch, die sie umschließen, sind nicht irdisch faßbar wie die Bilderwelten der Planeten. Sie entziehen sich ihm. Er gewahrt nur Sternenhäuflein, in lichte Nebel gebettet, deren Form nichts mit den geheimnisvollen Namen zu tun hat, die sie tragen. Schüttet der Wassermann wirklich aus seinem Krug unendliche Kräfte in breiten Strahlen aus? Schwimmen die Fische im Himmelseuphrat? Schnellt der Schütze seinen Pfeil ab? Jirmijah kann nicht mehr erdenken, was er schaut, und nicht mehr schauen, was er erdenkt. In einem holden Zustand unzerstörbaren Friedens schwebt er als Himmelsmann, aus Sternenstoff geformt, auf Mardukhs Wagentritt. Da werden ihm auch noch die Ohren geöffnet. Wieder beginnt Samger Nebus samtene Stimme zu sprechen:

»Da die Vier und die Zwölf um deine Gottheit versammelt sind, geruhe den Grundton anzustimmen!«

Nebukadnezar besitzt keine schöne, sondern eine hohe und sehr enge Stimme. Er scheint sich ihrer auch zu schämen, denn der Ton, den er anstimmt, klingt kurz und rauh. Ein leises Schwirren und Sirren aus der Höhe entgegnet ihm. Ehe Jirmijahs Gehör aber es noch in einzelne Teile zerlegen kann, fällt von unten der Klang von vielen Harfen und Leiern ein. Die Priester Esagillas spiegeln mit ihren irdischen Instrumenten die Musik der Himmelstempel. Dieser Harfenton legt sich als ein erster Schatten auf Jirmijahs Entrückung.

Samgers bewegt schwingendes Formelwort mahnt: »Dein Stern, in dem du erscheinst, o Mardukh, erklimmt den Gipfel.«

Nebukadnezars lässige Gestalt richtet sich auf. Auch dieser unbeirrbar Ruhige scheint erschüttert zu sein von dem ungeheuren Augenblick der Schicksalsbestimmung inmitten des Nachthimmels. Der schwere Atem, der ihm aus der Brust dringt, wird vernehmbar. Leise beginnt er den Spruch, doch bei den letzten Worten steigert er ihn zu schallendem Gebietergrollen:

»Ihr Vier, deren Fünfter und Herr ich bin! Sonne und Mond, die ihr euch verberget! Ihr Zwölf mir Zugekehrten! Ihr Myriaden mir Abgekehrten! Und du vor allem, Lohnarbeiter, Knecht meiner Zeit, in dem ich erglänze, höre mich und höret mich! Der ich auf Erden Nebukadnezar heiße, Nabopolassars Sohn, in dieser Stunde der Bestimmung binde ich euch mit all euren Gewalten an mich, an meine Söhne und mein Haus. Für ein Soss, für ein Ner, für ein Sar, für ein Weltenjahr binde ich euch! Ich sei das Sieb, dadurch die Schicksale sickern, die ihr wirket, damit durch Krieg und Frieden mein Werk erfüllt werde!«

Mardukh hat den Zauberspruch der Schicksalsbestimmung gesprochen, der den neuen Weltenfrühling einleiten soll. Noch immer hört man seinen schweren Atem im plötzlichen Todesschweigen des Weltenraums. Jirmijah aber weiß zunächst noch nicht, daß es die gottlose Beschwörung ist, die ihn aufschreckt, verstört und aus seiner Sternenwonne reißt. Die Empfindung, deren er innewird, ist Enttäuschung, die zu zweifelndem Unbehagen und endlich zu deutlichem Argwohn anwächst: auch die Schau der Sterne ist kein echtes Gesicht, ebensowenig wie die Schau der Toten ein echtes Gesicht war. Hatte ihn mitten in der Amenti der entlarvende Gedanke beschlichen, »der Tod ist langweilig«, so beschleicht ihn jetzt ein nicht minder entlarvender Gedanke: »Die Sterne sind eitel.« Die Geistwesen, die er noch vor wenigen Augenblicken im Weihrauchdunst der Schicksalskammer zu erkennen vermeinte, haben sich zurückgezogen, sind wieder zu allnächtlichen Funken geworden. Beinahe lasterhaft erscheint ihm jetzt ihre eisige Einsamkeit, verrucht die abgestimmte Harmonie der In-sich-selbst-Versunkenen und Von-sich-selbst-Erfüllten. Wenn die Sterne die himmlischen Heerscharen der Engel sind, so haben sie ihren Herrn vergessen und lobsingen nur mehr ihrem Eigenwahn. Sie gleichen in den strahlenden zwölf Palästen des Nachthimmels aufgeblähten Dienern, die nicht den König, sondern sich selbst mit erborgten Mächten und Gewalten schmücken. Wie die Kâ's in der Amenti nur Masken sind, die das schreiende Nichts verbergen, so sind auch die Sterne in Babels Schau nur Masken mit all ihren Strahlen und Kräften. Jirmijah gedenkt eines alten Spruches, den sein Vater Hilkijah oft anzuwenden pflegte: »Israel hat keinen Schicksalsstern.« Jetzt erst begreift er dieses Wort. Und sein Herz weiß in diesem Augenblick, daß die vier und die fünf und die sieben und die zwölf Zugekehrten und die zehntausend mal zehntausend Abgekehrten nur ein täuschendes Zwischenreich bilden zwischen Gottes Freude und Konjahs Leiden, diesen beiden großen Wirklichkeiten.

Kannst du nicht schweigen, Sohn Jakobs? Bedrängt dich der Unruhestifter deines Herzens wieder, Unruhe zu stiften? Der Großherr des Weltkreises hat dich, den nichtigen Mann aus Anathot, über Menschenmaß erhöht, Zeuge seiner Schicksalsbestimmung im Nachthimmel zu sein. Sei doch stolz auf diese Erhebung und verhalte dich still! Wie aber könnte sich Jirmijah still verhalten, da vor seinen Augen ein wahres Gesicht das Gesicht von den Sternen durchbricht? Konjah ist es, den er sieht, der Knabenkönig, an feuchte Mauernquadern gekettet, mit blutig geschürften Hand- und Fußgelenken. Und Konjah in seinem Elend, der seine Schmerzen vor den Augen des höhnischen Feindes nicht mehr überwinden muß, Konjah jammert leise wie ein Kind vor sich hin und ruft immer wieder den Namen Jirmijahs ins Leere. Doch vor Konjahs Antlitz, das Jirmijah eben noch so klar gesehn hat, schieben sich andre Angesichter vor. Ist das nicht Josijah mit blutend verzerrtem Mund in den Tagen seines großen Rechtens? Und jetzt glaubt er den jungen Zidkijah zu erkennen, der stöhnend die Fäuste gegen seine Augen preßt. Immer schneller verwandelt sich Konjahs Jünglingsgesicht in hundert Gesichter, unbekannt und doch bekannt. Alle aber sind sie geschlagen und hinausgeschleudert und wie in Ninurtu. Jirmijah hört ununterbrochen seinen Namen rufen. Er durchdringt viele dicke Mauern, ehe er sein Ohr erreicht. In Konjahs Stimme aber, die ihn so dumpf und doch so deutlich ruft, sind tausend andre Stimmen enthalten, ein Heer von Gefangenen, ein Meer von Qualen. Da kann er sein Herz nicht mehr niederhalten und wagt das Unerhörte und richtet sein Wort an Mardukh, da dieser seinen Gipfel erklommen und sein Weltenjahr in Besitz genommen hat.

»O Herr«, flüstert er, »der du die Mächte und Gewalten in dieser Stunde an dich bindest, gedenke des gebundenen Menschen in deiner Stadt, gedenke des Jünglings Konjah! Erhebe ihn doch gnädig aus seiner Erniedrigung und setze ihn an deine Tafel!«

Noch ist der heilige Brauch der Schicksalsbestimmung nicht zu Ende, denn ein Rest des Weihrauchdrachens glimmt noch, und der Königsstern hat seinen Gipfel nicht verlassen. Es ist daher anzunehmen, daß Mardukh nach Art der Großen den schweren Verstoß des Zeugen überhören wird. Nimmt Samger Nebu dieses an, so wird er jetzt durch eine Weisung Nebukadnezars überrascht, die gebietet: »Antworte ihm!«

Nach einer knappen Bedenkfrist trifft Samgers sanfte Stimme hoch aus dem Dunkel Jirmijahs Ohr:

»Ein Weltenjahr währt sechzig Sar. Was ist der Mensch, daß Mardukh seiner gedächte?«

»Das Leiden eines Unschuldigen«, flüstert Jirmijah, »währt länger als ein Weltenjahr.«

»Antworte ihm«, befiehlt Mardukh zum zweitenmal.

Wieder eine knappe Bedenkfrist. Dann erhebt sich die Stimme hoch hinter Jirmijah nachdrücklicher:

»Erzähle mir die Geschichte eines zertretenen Wurmes vom Beginn der Schöpfung her, und ich will dir zeigen, daß dein Fuß keinen Unschuldigen zermalmt hat.«

Jirmijah muß alle Kraft zusammennehmen, um das Zittern, das seinen gar nicht mehr sternhaften Körper befällt, zu beherrschen:

»So ist in dem Schicksalsgesetz der Gestirne kein Erbarmen mit dem gebundenen Menschen frei?«

Mardukhs Juwelenmantel erklirrt. Er sagt zum drittenmal: »Antworte ihm!«

Ohne Bedenkfrist erfolgt nun die Antwort aus der Höhe:

»Im Schicksalsgesetz der Gestirne ist kein andres Erbarmen als das vorbestimmte Erbarmen.«

Jirmijah hebt die Augen zum matten Geflimmer des himmlischen Bandes, das noch immer über der Schicksalskammer der Schicksalsbestimmung und Mardukhs Fahrt steht. Samger Nebu hat die Wahrheit gesprochen. Wie könntet ihr dort oben, ihr Gezählten und ihr Ungezählten, die Freiheit des Erbarmens besitzen, die nur dem echten Herrn zusteht!? Ihr Vielheiten des Nachthimmels aber, deren jede geschlossen und berechnet ist, ihr seid nur funkelnde Knechte, die sich in Esagilla als Herren aufspielen. Euer Anteil an der Macht mag es sein, Flut und Ebbe zu regeln, Gesundheit und Krankheit, Geburt und Tod, oder wenn Adonai sich eurer bedient, mit den Wasserkrügen der Sintflut und mit den Pechfackeln des Weltbrands durch die Gezeiten zu eilen. Ihr aber seid keine Voraussetzungen, sondern Danachsetzungen, und deshalb ist alle Wissenschaft Lüge, die euch zur Voraussetzung macht. Gebundener seit ihr als der gebundene Mensch, als der Sohn Davids in seinen Fesseln, um dessentwillen Jirmijah jetzt spricht, was er spricht. Wenn er auch genau weiß, was er mit diesen Worten an Mardukhs heiligster Stätte unternimmt, so kann er sie doch nicht zurückdrängen. Es erfüllt sich an ihm die vorgeburtliche Aussonderung, die ihn als Künder unter die Völker gestellt hat. Und was er dem Totenvolk Amentis gekündet hat, das kündet er jetzt an weit gefährlicherem Orte dem Sternenvolk Babels und des Universums:

»Hört, Mardukh und alle Gestirne, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig!«

Nicht feierlich oder gar dröhnend legt Jirmijah dieses Donnerbekenntnis ab, das den Vorrang der Sterne verwirft, sondern sehr zart und fast verschämt über so Großes, das sein Mund nicht verschweigen darf. Die Sterne merken auf. Mardukh wendet ihm sinnend den Kopf mit der hohen Krone zu.

Vielleicht rettet es des Künders Leben, daß nur Übermächtige den Anruf in der Sternkammer Etemenankis vernommen haben. Zugleich auch fällt die letzte Asche vom Drahtgestell des Flügeldrachens. Die Türen in den vier Himmelsrichtungen werden geöffnet. Die heilige Brüderschaft Nabus wartet mit bläulich brennenden Fackeln, Mardukh vom obersten Turmgemach herabzuholen und ihn in den Tempel »Einigendes Band der Menschheit« zu geleiten, wo er den Rest dieser gewaltigen Nacht wachend zubringen wird. Am Fuße der Freitreppe bleibt Nebukadnezar stehn und wendet sich dem fremden Weissager zu, den er zum Sternzeugen des Frühlingsanbruchs erhoben hat. Im blauen Lichte der Nabufackeln gleicht sein Antlitz wirklich der erscheinenden Geistwesenheit seines Planeten. Er bewegt die Lippen, läßt aber das Wort ungesprochen. Neugierig gespannte und zugleich spöttisch ankündigende Augen ruhen auf Jirmijahs Antlitz. Zuletzt murmelt Mardukh nur zwei kurze Befehlslaute: »Kehr heim!«

   

Die Karawane, der Jirmijah sich angeschlossen hatte, zeltete an derselben Stelle am Euphrat, wo die Straße nach Westen abbiegt. Als die Handelsleute schlafen gegangen waren, erklomm Jirmijah im starken Mondlicht die Stufen zu jener uralten Inschrift. Unberührt von Menschenhand fand er die Rille, wie er sie verschlossen hatte. Es kostete ihn Mühe, ihr die beiden aufeinandergepreßten Kreideplatten zu entreißen. Sie waren rein und trocken. Kein Regenwasser und kein Gerinsel hatte Zutritt in die Spalte gefunden, kein Tier seine Spur hinterlassen, keine Ameise oder Made sich zwischen die Tafeln gezwängt. Und doch, das feste weiche Linnen, das unversehrbar für die Ewigkeit gewoben schien, war im Laufe eines Jahres an dieser geschützten, trockenen und sauberen Stelle völlig zerfallen. Jirmijah hielt den kostbaren Stoff mit Ekel in den Händen wie einen verwesten Körper. Zerfranst, zerschlissen, vergilbt, war von dem feinen Hüfttuch nichts übrig geblieben als ein schäbiges Gespinst, das man mit einer Faust umfassen konnte. Kein Zeichen aber wies auf den Einfluß hin, der diesen Schaden gestiftet hatte. Jirmijah setzte sich ans Euphratufer und starrte in das beredte Wasser. Auf seinem Schoß lagen die welken Reste des Linnens. Mond- und Flußnebel umkräuselte ihn. Da entsiegelte sich vor seinem Geiste das Gleichnis des Lendenschurzes, ähnlich wie sich einst das Gleichnis vom Ton in des Töpfers Hand vor seinem Geiste entsiegelt hatte. Das blütenweiße Gewebe war um die Mitte seines Leibes geschlungen gewesen, nah seinem Herzen. Es hatte sein Zwerchfell bedeckt, wo die Fühlfäden des Leibes sich zusammenspinnen zu einem Geflecht des Lebens. Fern davon verwelkte das Linnen auf unbegreifliche Art. Der Herr hatte im Gleichnis Israel um sein fühlendes Leben geschlungen wie Jirmijah dieses Linnen. Nah seinem Herzen blieb es reinlich und blütenweiß und unversehrbar. In die Gottesferne gebannt, ging es binnen kurzer Frist elend und schmutzig zugrunde. Galt diese Deutung den zehntausend Ausgetriebenen in Babel? Wie schwer fiel es Jirmijah jetzt aufs Herz, daß er in seinem vergeblichen Kampf um Konjah den Verbannten ausgewichen war, um sich nicht mißliebig zu machen. Unruhig wendeten seine Hände das zerschlissene Gewebe hin und her. Hatte aber das Gleichnis nicht andere Tiefen noch? War er nicht als Träger dieses Linnens der stellvertretende Träger von Jerusalems Schicksal? Durch ihn hatte der Herr noch einmal Aufschub gewährt. Doch er war mit Konjah nach Babel gezogen, hatte des Hüftentuchs sich entledigt und Tempel und Stadt von seinem Herzen entfernt. In Vertrauen auf Zidkijah hatte er's getan, der sein anhänglicher Schüler war und dem er selbst auf Davids Stuhl verholfen. Er hielt jetzt ein verdorbenes Linnen in der Hand. Und Jerusalem?

Allzu langsam schlich die Reise für den Ungeduldigen. Je weiter Jirmijah sich aber von Babel entfernte, um so schwerer lastete auf ihm die Sorge um die Vertriebenen. Auf dem Rücken des Kameles, das man ihm zugeteilt hatte, entwarf er eine Botschaft an die Verbannten, die er dann nachts unter der Lampe des Zeltes niederschrieb. Es wurde ein ziemlich langer, »an die Ältesten in der Verbannung« gerichteter Brief.

»Bauet Häuser«, begann er, »und wohnet darin! Pflanzet Gärten und esset die Frucht! Nehmet Weiber und zeuget Söhne und Töchter mit ihnen! Auch eure Söhne sollen Weiber nehmen und eure Töchter Männer, damit sie wieder Söhne und Töchter gebären. Vermehret euch in der Fremde und vermindert euch nicht! Fördert das Wohl der Stadt, in die der Herr euch hat wegführen lassen, und betet für sie, denn in ihrem Segen wird euer Segen gelegen sein ...«

Er beschwor sie, keinen eitlen Hoffnungen nachzuhängen, sich vor Wahrsagern zu hüten und aufgeregten Traumträumern nicht zu trauen. Von gar langer Dauer werde die Verbannung sein und erst mit dem Ende von Babels Macht enden.

Nachdem Jirmijah die Niederschrift seiner herzlichen Mahnungen beendet hatte, verwahrte er die Briefrolle wohl. Schon in Ribla fand er eine Gelegenheit, sie sicher nach Babel bringen zu lassen. Als er die Rolle aber aus der Hand gegeben hatte, überfiel ihn ein jäher Schreck. Was stand in seinem Brief geschrieben: »Fördert das Wohl der Stadt, in der ihr gefangen seid, und betet für sie!« Betet für euren Kerkermeister! Fördert euren Zerstörer! Segnet den Erzfeind, der euch haßt! Hatte er wirklich diese Worte aufgezeichnet, welche den Bestand der Welt, wie sie war, aufhoben? Die Verkehrung seiner selbst heischte er damit vom Menschenherzen. Welches Volk hätte einen Mann für solche Lehre nicht in Zornesglut gesteinigt? Warum hatte er nicht geschrieben: »Betet Tag und Nacht zum Herrn um Babels Untergang und eure Heimkehr!?«

Jirmijah wußte, daß er sich mit diesem »Betet für Babel« gegen die Natur des Menschen herausfordernd vergangen habe und daß die Buße für dieses Wort nicht ausbleiben werde.

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