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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 21
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
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Zwanzigstes Kapitel.
Eselsbegräbnis und Himmelsschüssel

Nach mehreren Reisetagen erreichten die beiden das Städtchen Mischmath in Benjamin, wo wichtige Straßen sich kreuzen. Obgleich der Großherr Jirmijah nicht mehr hatte vor sein Angesicht rufen lassen, so war er doch gnädig mit Geschenken und prächtigen Reittieren entlassen worden. Auch hatte man ihm auf Mardukhs Befehl das Buch mit dem Werke der Verborgenheit wieder ausgefolgt. Jirmijah und Baruch wußten, daß sie, der Heeresmacht Babels nur um einige Tage vorauseilten, denn beim Verlassen des Kriegslagers am Tabor hatten sie überall schon die eiligen Zurüstungen des Aufbruchs beobachten können. Die Städte, die sie auf ihrem Ritte durchquerten, glichen Schlaftrunkenen, die der Brand des eigenen Hauses aus freundlichen Träumen geweckt hat. Die Wohlhabenden wollten es nicht für möglich halten, daß sich der Segen ohne ersichtlichen Grund plötzlich in Fluch verwandelt haben sollte. Das niedre Volk aber drängte sich dicht zusammen und erhob, furchtlos geworden, ein großes Geschrei wider die Mächtigen des Landes. Vor allem Jojakim traf Fluch und wilde Verwünschung. Das Volk gedachte jetzt wieder der doppelten Schätzung, es gedachte der Niedertracht, die freie Männer zu unentlohnten Fronern an den Baustellen des Königs herabgewürdigt hatte. Wie war doch die Gewalt stark, wenn es gegen die Schwachen ging! Erhob sich aber ein Stärkerer, so sank sie sogleich mit einem Mißlaut zusammen wie ein leerer Schlauch. Jojakim hatte sich gegen Babel gebrüstet, als halte er Pharaos ganze Macht in Händen. Doch wo blieb Pharao jetzt? Für nichts war wirkliche Vorsorge getroffen. Da seit Jahren niemand offen zu sprechen gewagt hatte, blähten sich die Gerüchte wie Segel im Winde der Todesgefahr. Es hieß, Elnathan, der Kriegsheld Jehudas, habe sich geweigert, ein Heer zu sammeln für seinen Schwäher. Es hieß, daß eine Gesandtschaft Jojakims nach der andern den Sonnengott in Noph vergeblich belagere. Wer aber konnte die Wahrheit hinter all diesen Gerüchten nachprüfen?

Vor den Toren Mischmaths ließen sich Jirmijah und Baruch auf freiem Felde nieder. Die Sonne stand schon jenseits des Mittags. Jirmijah sann mit gerunzelter Stirn vor sich hin. Baruch war festen Glaubens, der Meister werde sich jetzt nach Anathot wenden, um sühnefordernd unter seine Brüder zu treten. Babels Reiterscharen streiften durchs Land, und das große Heer rückte von Mitternacht heran. Zersprengt, geschwächt, ohnmächtig waren Jirmijahs Feinde nun. Kein Jerachmeel, kein Pasch'chur, kein Meschullam konnte es heute vor den Augen des Volkes wagen, die Hand gegen den Künder zu erheben, der so grausam recht behalten hatte. Jirmijah war in diesen Tagen seines Lebens sicher und stark wie noch nie. Er mußte sich nur mit Vetter Hanameel und den Gutwilligen Anathots verbünden, um Rache über Mocheleth und seine Brüder zu bringen und die Erfüllung des Jobels auf allen Äckern unnachsichtig zu erzwingen.

Diese Gedanken Baruchs aber waren nicht einen Augenblick lang Jirmijahs Gedanken. Er gedachte nicht, sich nach Anathot zu wenden, unter dem Schutze Babels vor seine Brüder zu treten und Rache an der Mörderin zu nehmen, die nicht seiner Mutter das Gift zugedacht hatte, sondern ihm selbst. Er gedachte auch nicht, die Erfüllung des Jobels auf Hilkijahs Äckern zu erzwingen. Die Zeit war allzu vorgerückt. Niemand konnte wissen, wer morgen ein Freier oder ein Sklave sein werde. Da nun das ganze Haus einstürzen wollte, hatte es keinen Sinn mehr, eine einzelne Mauer zu stützen. Auf Baruchs vorsichtige Frage schüttelte Jirmijah den Kopf:

»Nicht an Anathot denke ich, das nahe ... Ich sinne in die Ferne ...«

»Möge der Herr in dir erwachen«, sagte Baruch und wollte den Störbaren ein wenig allein lassen. Dieser aber hieß ihn bleiben und zog ihn dichter an seine Seite:

»Schwer fällt es Jirmijah, sich von Baruch zu trennen, der den Herrn kennt und voll Treue ist ...«

Es kam fast niemals vor, daß der Meister dem Jünger sein Herz preisgab. Baruch senkte die Augen und hielt den Atem an. Jirmijah legte ihm die Hand schwer aufs Knie:

»Dies aber muß geschehen ... Und es ist ein großes Werk, das nun auf Baruch lastet ... Siehe, dort wo die Straßen auseinandergehen, werden wir Abschied nehmen ... Baruch aber wird hinabziehen nach Ägyptenland auf seinen Wegen, mein Werk zu tun ...«

Dies was das große Werk, mit dem Jirmijah den verständigen und weltklugen Jünger belastete:

Baruch sollte sich sofort nach Anathot begeben, um dort und in den Nachbarstädten ein paar verläßliche Jünglinge, die auf Gottes Seite standen, mit sich zu nehmen, damit er auf seiner Reise und bei seinem Wagnis ausreichend Hilfe habe. Das verbannte Haus Davids lebte jetzt in Schefeth, der Krokodilstadt, durch deren scharf bewachte Tore einzudringen für Fremde keinen geringen Mut erforderte. Den Ausgesandten aber müsse es auf alle Fälle und in voller Heimlichkeit gelingen, vor das Antlitz Hamutals zu gelangen. Der Zweck dieses Baruch anvertrauten Werkes sei es, Josijahs jüngstem Sohn Mathanjah zur Flucht aus dem Hause der Knechtschaft zu verhelfen und ihn ungefährdet und so rasch wie nur möglich nach Jerusalem zu führen. Jirmijah zählte Mathanjahs Jahre. Siehe, der unruhige Knabe, sein zerstreuter Schüler, war zum Manne geworden und zwanzig Jahre alt. Auf ihm lag die letzte Hoffnung. Das mußte zwischen Jirmijah und Baruch nicht erst beredet werden. Mardukh hatte bei Mathanjahs Erwähnung gestutzt, sich niedergelassen, nachgedacht und war in lange stumme Erwägung gesunken. Hatte er dann auch kein Wort mehr gesprochen und den Gotthörer mit einer kleinen Handbewegung eilig entlassen, so war vielleicht durch Jirmijah das Gericht über Jerusalem noch einmal aufgehalten worden.

Baruch sah seinen Auftraggeber mit ein wenig verfärbten Wangen an, doch suchte er nach keinen Einwendungen und Ausflüchten, sondern ergab sich in seine schwierige Aufgabe. Doch mehr als die Furcht vor dieser bedrückte ihn der Gedanke der Trennung in einer Zeit, die jeden Abschied so leicht zum ewigen Abschied machen konnte. An der Wegkreuzung saßen sie auf. Die Straße nach Jerusalem führte geradeaus, der schmale Karrenweg nach Anathot seitwärts. Ehe sie auseinanderritten, sagte Jirmijah:

»Nimm Mathanjah seinen Knabennamen und gib ihm einen Königsnamen. Er heiße fortan Zidkijah, Gerecht-ist-Gott, denn auf Davids Stuhle wird er sitzen und richten ...«

   

Unter jammerndem Landvolk, das aus den umliegenden Ortschaften durch das Tor Ephraim in die Stadt strömte, fand auch Jirmijah Einlaß. Es waren nur mehr drei oder vier Tore Jerusalems geöffnet, die andern aber verrammelt, unzugänglich gemacht und ihre Türme und Bollwerke mit Mannschaft der Verteidigung besetzt. Bleich und bekümmert blickten die Wachen von den Zinnen herab. Auch die munterste Verstellung und die markigste Kraftrede ihrer Befehlshaber konnte sie nicht darüber hinwegbetrügen, daß es tödlich schlimm stand um Jerusalem. Babels berittene Streifscharen hatten ihre Aufgabe gelöst und jede Vorbereitung eines Widerstandes in den Städten Jehudas im Keime erstickt. An diesem Tage aber erreichten schon die wirklichen Vorhuten der Kernmacht Mardukhs die Höhen Zions und bezogen im weiten Halbkreis um die Stadt ihre Stellungen. Der Sommerpalast und die Mastaba Jojakims, diese durch Treubruch errichteten Bauten, waren ihnen bereits zum Opfer gefallen. Die Glanzgemächer in allen Farben, voll Ägyptens Zierlichkeiten und Arabiens Aromen, starrten innerhalb einer Stunde nackt und abgenagt wie die Knochen eines in der Wüste gefallenen Pferdes. Nun stampften in der »sommerlichen Halle des Gerichts« und in Jojakims eigenem Grabeshaus die Rosse der Tartans und Rhabsakim, festgebunden an rostigen Eisenringen, die man in das köstliche Zederngetäfel eingeschlagen hatte. Die Roßknechte aber hackten das Sandelholz aus dem Estrich, um für das Feuer aus getrocknetem Mist eine zugige Unterzündung zu haben. Jerusalems Bürger verschmerzten ohne Träne den Untergang dieser Pracht. Ihr Herz aber blieb immer wieder stehen, wenn sie erkannten, daß sich das chaldäische Würgeband stetig verengte. Schon polterten die Rindergespanne mit Nebukadnezars Belagerungsgeschütz ins Kidrontal hinab. Mit Schelten, Axt- und Hammerlärm wurden dem Tempel gegenüber ganze Reihen von plumpen Riesenschleudern, Eisenwiddern, Mauerstürzern und Leiterwerken aufgebaut. Grimmig starrten die Leibwachen von den Türmen hinab, doch kein Befehl des Königs erging, dieses Werk zu stören.

Die Menge, in der Jirmijah eingekeilt war, drängte unaufhaltsam zum Tempel hinan. Die Gassen und Gäßchen der Ober- und Unterstadt waren zum Bersten voll von Flüchtigen, Zuzüglern, Obdachlosen, die, an die Häusermauern gelehnt, sippenweise schliefen, Mahlzeit hielten, stritten und verzweifelten Lärm schlugen. Das Volk Jerusalems hatte sich in wenigen Tagen verdreifacht. Die Stadtältesten rauften Haar und Bart, denn es war ihnen nicht gelungen, mehr Getreide und Vieh in die Stadt zu schaffen, als für einen einzigen Mond ausreichte. Dann würde man bereits die letzten Kriegsbestände angreifen müssen, die in den befestigten Speichern der Davidsburg für die äußerste Not aufgestapelt lagen.

Der Menschenstrom, der sich durch die hohläugigen Galerien der Obdachlosen wälzte, schlug hohe Wellen der Erbitterung. Wo waren die Versprechungen Jojakims nun, dieses Großredners, dessen Wort wie eine Peitsche niedersauste? Wahrlich, dieser dürre Gaukler hatte Jerusalem groß und menschenreich gemacht unter den Völkern! Der Herr schlug nach ihm wie nach einer lästig surrenden Bremse. Doch wenn er traf, wehe, so traf er sein ganzes Volk. Nicht mehr war zu retten das Volk des Herrn. Gerettet aber hatten sich die Gewalthaber der Gewalt rechtzeitig, die Bedrücker, die Ausbeuter, die Vogelsteller. Meschullam, der Amarkel, war nach Noph geflohen mit seinem duftigen Wellenbart und dem Zinsgroschen des Volkes, von dem er sein langes Leben nicht unwürdiger fristen konnte als der reichste Geheimrat Pharaos. Was half es, daß sich Elnathan mit einer Handvoll Tapferer in die Wüste zurückgezogen hatte, um einen günstigen Augenblick abzuwarten? Dieser Augenblick kam nicht. Wo aber war der König? Warum zeigte er sich nicht seinem Volke? Verkroch er sich in diesen Tagen der Heimzahlung hinter seinen Leibwachen in Salomos Wohnhaus, das sonst für seinen Hochmut zu schlecht gewesen?

Immer wieder grollten dieselben Fragen in der Menge auf. Jirmijah aber sah auch ältere Männer, die ihre Kleider zerrissen und wie Kinder nach König Josijah weinten, den sie auf einmal den Einzigen und Heiligen nannten. Zu seiner großen Verwunderung schlug ihm auch Urijahs Name und sein eigener gar oft entgegen. Ja, Urijah und Jirmijah hatten die Wahrheit gekündet, so riefen jetzt viele, doch nur die prahlerischen Gewalthaber hätten es verhindert, daß Jerusalems fromm-bereitwilliges Volk den Buß- und Wehpropheten Gehör schenke. Jirmijahs Verwunderung aber sollte noch beträchtlich wachsen, als er in der Menge durch eines der Tempeltore geschoben wurde und den äußeren Vorhof vor sich sah. Da fehlte nicht einer der Heilsprediger auf den Kanzeln, auch sein Feind, der Härene, Bartumwucherte nicht. Freilich, ihr Mund wußte in dieser Stunde alles, nur kein Heil mehr zu künden.

Der ganze Tempel stampfte und schlingerte wie ein Segler im Seesturm. Alle vierundzwanzig Priesterordnungen waren an Bord, um den Schiffbruch abzuwehren. Tag und Nacht in unausgesetzter Folge qualmte das Opfer auf dem Altar. Zwischen den Säulen Boaz und Jachin sangen die Kinder Asaphs, ohne auch nur eine Stunde zu rasten, in Stellvertretung des ganzen Volkes die Psalmen der Buße und Zerknirschung. Was sonst nur am Tage der Versöhnung geschehen durfte, der Hohepriester hatte es beim Nahen Babels gewagt, das Allerheiligste zu betreten und in der tiefen Finsternis der Vorschöpfung den wahren Gottesnamen auszusprechen.

Die Dienstwachen der Riemenschwinger hielten die Zugänge zum inneren Priesterhof streng abgesperrt und ließen niemand ein, dessen Reinheit und Würdigkeit auch nur im geringsten zweifelhaft war. Im äußeren Vorhof aber stand die Menge festgestaut. Dann und wann wich sie einem Druck und bewegte sich als ein Ganzes nach der einen oder andern Seite. Während sie aber dergestalt lebensgefährlich zusammengemauert stand und an Atemnot litt, erschollen von allen Kanzeln der Wandelhalle die heulenden Stimmen der Härenen über den Vorhof. In der Hartnäckigkeit ihres Zuspruchs lag etwas Erbarmungsloses. Und erbarmungslos war auch ihr Wort. Sie, die in glücklichen Tagen der Tochter Zions geschmeichelt und ihre Zukunft gepriesen hatten, sie konnten sich jetzt, nachdem das Gegenteil eingetroffen war, nicht genugtun an Strafreden und Bittersprüchen. Und diese Verfolger und Hasser Jirmijahs gingen so weit, daß sie die Worte des Herrn, die an ihn ergangen waren, ohne es recht zu wissen, stahlen und als eigene Raunung im Munde führten. Jirmijah aber erkannte, daß diese härenen Mantelträger schlimmer als pfiffige Betrüger waren, nämlich Rohr im Wind. Darum freute sich sein Herz auch, daß er Chananjah nicht unter diesen Bekehrten fand. Von allen Seiten trafen die eigenen Eingebungen sein Ohr: »Warum hat der Herr über uns all dies Unglück gebracht, so fragt ihr ... Weil eure Väter mich verlassen haben, spricht der Herr ... Ihr aber tatet noch schlimmer als eure Väter ... Weil ihr nur dem Hochmut eures Herzens folgt, hörtet ihr nicht ... Und so weise ich euch aus diesem Lande in ein Land, das ihr nicht kennet ... Und ihr werdet dort fremden Herren dienen, Tag und Nacht, und keine Erholung will ich euch gönnen ...«

So lauteten die Bittersprüche, mit denen die Grausamen auf die hilflose Mauer des Volkes einhämmerten. Die Seele Jirmijahs empörte sich. Wohl, diese Leute wußten nicht, was er wußte. Doch welche Grausamkeit wohnte in ihnen, daß ihre Rede jetzt gerade in der Vernichtung wühlte, da diese sichtbar und hörbar vor Jerusalems Toren stand und nichts andres mehr sie abzuwenden vermochte als des Herrn heimlicher Entschluß, dessen Ahnung Jirmijah hütete wie ein zartes Flämmchen im Wind. Ihn ergriff Erbarmen mit den Männern und Weibern ringsum, die totengleich dreinblickten, schwer atmeten und manchmal in dumpfe Rufe der Verzweiflung ausbrachen. Da aber das Gehämmer und Gepolter der neubekehrten Härenen sich immer noch steigerte, rissen Zorn und Mitleid Jirmijah hin, dieser Bedrückung ein Ende zu setzen. Er füllte seine Brust mit tiefem Odem, machte sich mit dem Ellenbogen ein wenig Raum und erhob seine Stimme zur höchsten Kraft, deren sie mächtig war. Die Worte aber, die er den Geiferern auf den Kanzeln zurief, waren die Worte Jesajahs:

»Tröstet, tröstet mein Volk ...«

Aufrührend wie immer war diese Stimme, wenn ihre dunkle Kraft auch nur drei Worte sprach. Hunderte von Köpfen drehten sich sogleich nach dem Manne um, der Herr dieser Stimme war und die einzig richtige Mahnung gefunden hatte. Von diesen Hunderten erkannten vorerst nur sechs oder sieben den Künder, dessen eingetroffene Weissagung die Stadt immer enger einschnürte. Der Ruf »Jirmijah!« schlängelte sich durch die Menge, wurde allmählich stärker und stärker und wuchs endlich zu einem Sturm. Niemals hatte Jirmijah geahnt, daß die Laute seines Namens (Gott baut, wenn er zerstört) einst mit solch inbrünstiger Hoffnung und Glaubenskraft sich unzähligen Herzen entringen werden. Der Mißhandelte, Verfolgte, der Mann des Spottgezisches stand nun da als der feste Pfahl, an den sich alle klammerten. Die kurze Stunde der Liebe und des Ruhmes war angebrochen und sie erfüllte ihn nur mit Beklemmung. Die Menge hatte ihn indessen auf die Schultern gehoben, damit er sein Wahrwort dem Gekeife der Prediger entgegensetzen könne. Als er aber so über den Köpfen der Tausende schwebte, die wie verschmachtende Kinder durstig zu ihm emporblickten, da verengte sich seine Kehle, da ward er verwandelt, da fühlte er sein eigenes Leben nicht mehr, da blühte in ihm Adonais Hauch auf. Und Jirmijah tröstete sein Volk:

»Es kommt die Zeit, spricht der Herr, ängste dich nicht, daß ich dich aufrichte, und du bleibst aufgerichtet, jungfräuliche Tochter Zion. Du wirst dich noch mit deinen Handpauken rüsten und im Reigen der Fröhlichen lachend ausziehen. Weinberge wirst du pflanzen auf den Gebirgen, und was deine Winzer pflanzen werden, das sollen sie auch lesen ... Jauchzet Jakob zu mit Freuden und jubelt auf allen Höhen! Verkündet, preiset und sprechet: Geholfen hast du, o Herr, deinem Volk ...«

Eine wonnige Brandung antwortete dieser kurzen Rede. Die langsam und wie im Traume gesprochenen Worte Jirmijahs waren ein Wüstenquell für die verschmachtenden Kinder. Der Mann, der mitten in Wohlstand und Erntesegen den Untergang grell ausgerufen hatte, jetzt, da das Verderben vor den Toren stand, jetzt rief er das Heil und die ewige Aufrichtung Zions aus. Eine unerwartete Willenswendung Adonais?! Da sich das alte Wort erfüllt hatte, durfte man da nicht auf die Erfüllung des neuen Wortes hoffen? Noch stand der Tempel, noch stand Jerusalem, Zebaoth zögerte, sein heiliges Gut zu zerstören. Vielleicht ging das Verderben noch einmal vorüber. Doch nun mußte mit Überstürzung alles geschehen, was der Gehorsam erforderte. Wirbel liefen durch die Menge. Durcheinander schrien Tausende Stimmen zu Jirmijah auf, dessen Ohr die Zurufe nicht entwirren konnte. Einer aber, ganz oben am anderen Ende des Vorhofes, hatte einen Ruf unter das Volk geschleudert, der sternartig ausstrahlte und sich endlich zu einem allgemeinen Schrei versteifte: »Zum König, zum König!«

Die Stunde der Rechenschaft war da. Der Verräter seines Vaters, der Mörder Urijahs, der Verfolger Jirmijahs und aller Wahrheit, der Errichter der Gewalt und der Greuel, er sollte sich nun vor seinem Volke verantworten und mit seinem eigenen Leben wirken daran, daß Zion gerettet werde. Nicht länger würden ihm seine Mischküchen Schutz bieten vor dem Willen Jerusalems. Ehe Jirmijah noch verstand, was all diese durcheinanderbrüllenden Menschen im Sinne führten, hatte sich, die zusammengepreßte Mauer in stockende Bewegung gesetzt wie ein Eisgang. Er schwebte noch immer auf den Schultern der Begeisterten, die ihn emporgehoben hatten. Von seiner Höhe herunter konnte er daher sehr genau beobachten, wie alles vor sich ging.

In breitem Ansturm wandte sich die Volksmasse gegen die Doppelmauern, die das Tempelgeviert von der Hofburg trennten. Dumpf krachten schon die Tore in diesem Mauerwerk, gegen die sich die Wildesten und Stärksten warfen. Oben auf den zinnengekrönten Laufstraßen der Doppelmauern eilten sowohl die Riemenschwinger als auch die Posten der königlichen Leibwache zusammen. Es waren ihrer jedoch nur wenige, da fast alle Bewaffneten die Verteidigungswerke der Stadt bezogen hatten. Ein lebhafter Streit zwischen den spärlichen Posten und dem mächtigen Menschengedränge hub an, während zugleich Axt- und Keulenhiebe gegen die Tore donnerten. Nun aber beging das Häuflein der Leibwachen einen verhängnisvollen Fehler. Anstatt die Zeit durch Unterhandlungen hinzuziehen und währenddessen Verstärkung herbeizuholen, verloren sie den Kopf, ließen sich von Furcht und Wut hinreißen und schleuderten ihre Wurfspeere gegen das Volk, wodurch eine Frau getötet und mehrere Männer verwundet wurden. Dieser Untat folgte ein niederschmetterndes Aufgellen der Tausende. Die Massen warfen sich von neuem mit Raserei gegen die Mauern, als wollten sie diese durch die Wucht ihrer Körper aus den Grundfesten reißen. Plötzlich waren hohe Leitern da, die bis zu den Zinnen reichten. Männer stürmten an den Sprossen empor, wurden hinabgeschleudert, andere klommen ihnen nach. Nur wenige Augenblicke vergingen, und die Wachen auf der Mauerkrone waren überwältigt. Nun kreischten Angeln und Bohlen, und langsam öffneten sich die gewaltigen Torflügel von innen. Durch den rechten und linken Torbau sowie durch die Halle des gemischten Gerichtes drang der dreifach zerteilte Strom mit dicken Fluten in die königliche Hofburg. Jirmijah aber schwankte oben auf den Wogen.

Der Wachthof, der die Wohnpaläste einrahmte, war ein sehr geräumiger Platz, und dennoch konnte nicht die ganze Menge, die ihn mit ihrem heulenden Aufruhr erfüllte, Einlaß finden. Vor dem Portal des »Wohnhauses Salomos« standen wenige Leibwachen, die Dienerschaft und die Verschnittenen Jojakims, um den Eingang zu verteidigen. Das aufgebrachte Volk hätte mit diesen totenbleichen und nur zum Teil bewaffneten Männern nicht viel Umstände gemacht, wäre es Jirmijah nicht gelungen, mit Hilfe seiner Anhänger bis zum Palasttor vorzudringen. Er beruhigte das Volk durch sein Wort, beschwor es, nicht neuen Frevel auf sich zu laden, und forderte es auf, aus seiner Mitte zwölf würdige und besonnene Männer abzuordnen, damit diese im Namen Jerusalems zum Könige sprächen. Und so geschah es auch. Dem Aufruhr entwand sich eine Zwölf zahl älterer und schlichter Leute, die mit verlegener Umständlichkeit an Jirmijahs Seite traten. Dieser aber blickte immer wieder unruhig aus, ob sich, vom Höllenlärm herbeigerufen, nicht einer der Schaffansöhne zeigen wolle, um deretwillen er zum Tempel gegangen war. Doch weder Ahikam noch seine Zwillinge oder einen anderen der scharfsinnigen Sippe konnte er weit und breit gewahren. In diesen Tagen, da das niedre Volk die Straßen beherrschte, schien jedes verfeinerte Antlitz und jede wohlgeborene Gestalt aus Jerusalem verschwunden zu sein.

Die Diener Jojakims atmeten auf, als sich die Menge etwas zurückzog und die Stufen des Toreingangs für Jirmijah und die zwölf Ältesten freigab. Der oberste Eunuch und zwei andere Kämmerer übernahmen es, die Abordnung vor das Antlitz des Königs zu führen. Ausgestorben und schwermütig starrten die Säle und Gemächer den Künder an, der seit Josijahs längst verrauschten Tagen zum erstenmal wieder den uralten Palast durchschritt. In den Wohnzimmern Josijahs und Hamutals glaubte er noch immer den feinen Duft zu verspüren, den die Blumen der Königin hier jahrelang verströmt hatten.

Sie durcheilen das ganze Haus. Es ist leer. Vom Könige keine Spur. Die Kämmerer zucken die Achseln. Seine Herrlichkeit ist nicht zu finden. Ob er den Palast verlassen habe? Man wisse es nicht. Vor einigen Stunden sei er noch im Hause gewesen. Und die Königin? Die Kämmerer sehen einander mit verkniffenen Augen an: Die Königin habe eine Reise unternommen. Ihr Ziel kenne man nicht. Und Jechonjah, der Königssohn? Der gnädige Herr Königssohn Konjah halte sich immerdar an der Seite seines Vaters auf. Jirmijah gibt nicht nach. Wo der König die meisten Stunden des Tages zu verbringen pflege, forscht er. Die Kämmerer Jojakims rücken nicht mit der Sprache heraus, geben ausweichende Antwort. Dabei aber fällt das Wort »Mischkammer«. Gibt es solche Mischkammern nur in den neuen Palästen und in Salomos Wohnhaus keine? Der Obereunuch schlägt die Augen nieder und schweigt. Es gibt also eine Mischkammer auch hier? Und wo liegt sie? Die Kämmerer wenden sich ab. Da schwört ihnen Jirmijah zu, daß diese Vorsprache kein Übel über den König bringen, sondern im Gegenteil alles Übel abwenden und seiner Person Schutz bieten wolle. Der oberste Verschnittene mustert lange des Künders offenes Angesicht. Dann seufzt er und flüstert das Wort: »Unten!«

Auf geheimem Wege gelangen sie in die Unterkellerungen des Palastes und in die Felsengänge des Berges Moriah, darin die Wurzeln ruhen, aus denen Tempel und Burg hervorwächst. Sie müssen nur ein paar Schritte in schwammiger Finsternis zurücklegen, bis sie vor einer niedrigen, stollenartigen Pforte stehen. Der Leibkämmerer pocht untertänig. Keine Antwort. Er klopft immer erregter. Nichts. Er rüttelt an der Tür. Sie ist verschlossen. Jetzt erhebt er seine Stimme, zuerst flötend und schmeichelnd:

»Oh Herrlichkeit meines Königs ... Lieber, lieber Herr ...«

Als kein Laut von innen entgegnet, wiederholt er dieselben Worte immer verzweifelter, bis sie endlich in gräßliche Angstrufe ausarten, die von den unterirdischen Wölbungen widerhallen. Die zwölf Männer haben mit kurzem Geflüster inzwischen einen Beschluß gefaßt. Die zwei stärksten von ihnen pressen ihre Leiber mit aller Kraft gegen die Tür. Die andern stemmen mit Händen und Knien mit. Das morsche Holz ächzt, weicht aber nicht. Erst eine Axt schlägt die Pforte in Trümmer.

Ein von zwei Mauerfackeln zuckend erhellter Raum liegt vor ihnen. Er gleicht einer der großen Grabkammern in der Weststadt zu Noph, die von Räubern gesprengt ward. Jirmijah taumelt, weiß nicht, wie ihm geschieht, die Sinne wollen ihm vergehen. Das kommt von dem unsäglich grauenhaften Wohlgeruch, der aus dem Gelaß strömt und ihn wie ein Faustschlag ins Antlitz trifft. Alle müssen, um nicht betäubt zu werden, Mund und Nase mit ihren Mänteln schützen. Dieser tödliche Mischduft aber steigt nicht nur von den verqualmenden Räucherpfannen auf, die in den Winkeln glimmen, sondern mehr noch von den vergossenen Ölen, die in Pfützen und Lachen überall den Boden der Kammer befeuchten. Hundert Scherben von bäuchigen Krügen und Flaschen beweisen, daß eine rasende Hand die Behälter der vielfach gemischten Essenzen zerschmettert hat. Neben den Scherben aber liegen zwei Männer hingestreckt: Jojakim und Konjah. Der Körper des Vaters ist schon erstarrt. Der des Sohnes fühlt sich weich an. Sein Herz schlägt noch. Man bringt sie eilig in den Palast empor. Nach und nach kehrt in den siebzehnjährigen Konjah, wenn auch noch nicht Besinnung, so doch das warme Leben zurück. Der Tod des Königs aber, den er als prachtgieriger Davidsohn sich in der würgenden Umarmung unermeßlicher Wohlgerüche zugefügt hat, ist unwiderruflich.

Die Zwölf tragen durch die Reihen der niedergebrochenen Kämmerer den Leichnam Jojakims hinaus vor das Volk, das angesichts dieses schnellen Gerichtes jäh verstummt. Der König der Gewalt und des Prunkes wird in einen Sack eingenäht. Während in seiner bunt ausgemalten Mastaba die Pferde Babels aus der Krippe fressen, schleppt man ihn wie einen verendeten Esel durch das Scherbentor auf den versengten Rand des Blutangers, damit sich der Spruch Adonais restlos an ihm erfülle. Mit wilden Gebärden werden die Vorposten Mardukhs auf die Beute aufmerksam gemacht. Wer weiß, vielleicht wird der Tod des Verräters und Betrügers, den zu strafen er ausgezogen ist, den Großherrn versöhnen. Irgend einer aber schreibt, ehe er den Hingeworfenen verläßt, mit breitem Pinsel folgende seltsamen Worte auf die Sackleinwand: »Dies und noch andres.«

Die Kunde davon erreicht nur undeutlich Jirmijahs Ohr. Er sitzt regungslos an Konjahs Lager und harrt, bis in dem Betäubten und Todesnahen der Geist sich wieder regen werde. Knabenhaft ist der zierliche Körper dieses Jünglings noch immer, den Jirmijah das letztemal in der gleichen Lage verlassen hatte, als einen Besinnungslosen, den seine Hand ins Leben zurückrufen mußte. Konjahs schmale Brust hebt und senkt sich schwer. Die feinen Glieder, noch immer nicht recht ausgewachsen, zucken in kurzen Krämpfen. Wie damals leuchtet durch die Leichenfarbe dieses Antlitzes die Schönheit der göttlichen Heerscharen hindurch. Jirmijah kann sich von dieser herzzerreißenden Huld nicht abwenden.

Mittlerweile sind Ahikam, Gedaljah, Micha und einige Würdenträger, die ihren Posten noch nicht verlassen haben, am Lager des Erbfolgers erschienen. Mit leiser Stimme wird eine Beratung abgehalten, die zu hochwichtiger Entscheidung führt. Unter den gegenwärtigen Umständen ist es ausgeschlossen, daß der Stuhl Davids auch nur eine Stunde verwaist und Stadt und Land ohne rechtmäßigen König bleibe. Man beruft deshalb unverzüglich die Häupter der Priesterordnungen und alle Fürsten und Ältesten, die sich in Jerusalem auftreiben lassen, in Salomos Thronhalle.

Jirmijah bleibt mit Ärzten und Pflegern allein bei dem Kranken zurück. Er hat es übernommen, den Königssohn, sobald seine Kräfte zurückkehren, zur Königssalbung zu führen. Die Ärzte besprengen Konjahs Brust mit Lauge, sie spritzen ihm scharfe Flüssigkeiten ins Gesicht, sie halten ihm Essig unter die Nase. Doch all diese guten Mittel und Mittelchen scheinen nicht helfen zu wollen. Die Zeit vergeht. Da kniet Jirmijah dicht neben dem Bewußtlosen nieder und ruft ihm mit sanfter, zärtlicher Stimme seinen Namen ins Ohr:

»Konjahu ... Der Herr und dein Volk ruft dich ... Konjahu ...«

Endlich verrät ein widerstrebendes Zucken auf Jechonjahs Antlitz, daß er den fernen Zuruf dieser unausweichbaren Stimme vernommen habe. Er holt tiefen Atem, streckt die Glieder und setzt sich mit einem plötzlichen Ruck unvermutet auf. Seine weit geöffneten Augen, die noch voll blinden Gewölkes sind, suchen den Urheber des Zurufes, der ihn aus der Tiefe des Nichts ins Unerfreuliche zurückriß. Er gewahrt Jirmijahs Antlitz ganz nah vor dem seinen. Da nimmt das gräßliche Erlebnis seines Knabenalters von ihm völlig Besitz. Keine Zeit ist zwischen heute und damals vergangen, da er zu Füßen seines Vaters saß und die geflüsterte Weissagung des Eselsbegräbnisses vernehmen mußte. Er weiß nicht, aus welcher Ohnmacht er jetzt erwacht ist, aus der von ehedem oder aus einer neuen. Mit beiden Händen verdeckt er seinen Blick und stößt einen gepreßten Schrei der Angst aus. In tiefer Traurigkeit wiederholt Jirmijah:

»Konjahu ... Der Herr und dein Volk ruft dich ... Konjahu ...«

Jechonjah murmelt mit bebenden Lippen:

»Nicht der Herr und mein Volk ... Du rufst mich ... Todesbote ...«

»Es ist Jirmijah, der dich zum Leben ruft. Nicht er hat deinen Vater, dein Vater hat ihn verfolgt ... Und doch, Konjahu, ich werde dich nicht verlassen, bis du an deinem Orte bist ...«

Die Kämmerer bringen in Eile die königlichen Gewänder, den blütenweißen Leibrock aus doppeltem Byssus-Gewebe und die himmelblaue Schimla, in der Davids Söhne gekrönt werden. Schon eilt auch der Sagan mit dem heiligen Salböl in Salomos Thronhalle, um den Scheitel des neuen Königs kranzförmig zu befeuchten. Konjah steht auf und läßt seinen zarten Knabenkörper mit den erhabenen, allzuweiten Kleidern schmücken. Dabei unterdrückt er mit heldenhafter Kraft die Fieberschauer, die seine bleiche Hinfälligkeit schütteln. Er nimmt eine starre Haltung an, die zugleich sehr hochmütig und hilflos ist.

   

Die Vorräte in Jerusalem waren zu Ende gegangen. Noch aber hatte Nebukadnezar kein einziges Steingeschoß und keine Brandfackel in die Stadt schleudern lassen. Freund und Feind verwunderten sich über dieses sonderbare Zögern, das der Willensnatur Mardukhs aufs äußerste widersprach. Welchen geheimen Grund mochte er haben, das Zerstörungswerk immer wieder hinauszuschieben? Denn schon füllte sich der dritte Mond seit Beginn dieser tatlosen Belagerung.

Nach wie vor tobte das durch Entbehrungen und das Versagen der Gewaltherrschaft aufgereizte Volk durch die Gassen der Stadt. Raub und Mord ging hinter dem Hunger einher wie der Sämann hinter dem Pflüger. Der völlige Zerfall der Ordnung aber lief dem unabwendbaren Ende voraus. Da brach eines frühen Morgens in dem Riesenrund des chaldäischen Lagers gleichzeitig und mit einem Schlage ein tobender Lärm aus, der gegen die Mauern Jerusalems drosch, ohne abzunehmen. Erz-, Stier- und Widderhörner, Lärmtrompeten und Schreckposaunen, Donnerpauken und Tonnentrommeln, Schütteltrommeln, Knarren, Rasselketten, und dies alles auf dem Grunde eines betäubenden Feldgeheuls, das Babels zehntausendfache Kehle ausstieß, ohne zu ermatten. Dieses Feldgeschrei aber nannte den unaussprechlichen Namen Adonais, indem es den Ewigen mit Tod bedrohte. So schrecklich war die Wirkung des stimmlichen Sturmangriffs mit seiner Lästerung, daß in den Straßen Jerusalems das verwilderte Volk in seinem nutzlosen Hin- und Widerrennen zu Boden geworfen wurde. Die Menschen verhüllten die Köpfe und preßten ihre brennenden Stirnen an die Hausmauern. Der tödliche Lärm draußen aber wurde drinnen durch das Gezeter von Tausenden Kindern unerträglich verschärft. Und es erfüllten sich an jeder Seele die Worte, die Jirmijah in seinem Buche der Verborgenheit geweissagt hatte: »Mein Inneres erbebt. Ich zittere mit meinem Herzen, das in mir so sehr tobt. Ich kann mein Herz nicht beschwichtigen, weil ich Lärmtrompeten höre, und meine Seele nicht beruhigen, weil ich Kriegsgeschrei vernehme ...«

Nach einer Stunde etwa verstummte das Toben so plötzlich, wie es losgebrochen war. Vor allen Toren Jerusalems aber erschienen silberschimmernde Heroldschaften Mardukhs und riefen aus, daß die Frist der Schonung bei Neumond abgelaufen sein werde. In der Thronhalle war der Landtag um den Königsknaben Konjah Tag und Nacht zu ratloser Beratung versammelt. Ahikam, der nun schon durch Kummer und Übermüdung bis zur Greisenschwäche seines Vaters herangealtert zu sein schien, versuchte seit vielen Tagen in immer schärferer Beweisführung dasselbe darzulegen. Es sei unsinnig und frevelhaft, auch nur einen Augenblick lang an eine siegreiche Verteidigung der Stadt zu denken. Selbst wenn die Krieger und die Bollwerke Jerusalems stark genug wären, der Übermacht des Großherrn längeren Widerstand zu leisten, so hatte man mit einem zusammengepferchten und durch Enttäuschung außer sich geratenen Volke zu rechnen, das nicht die Eignung besaß, auch nur drei Wochen weiterer Entbehrung zu ertragen. Nichts werde den Untergang aufhalten, die vollkommene Demütigung allein könne ihn mildern. Es gehe nur mehr um ein einziges Ziel: durch die grausamste Aufopferung des eigenen Stolzes den Tempel vor der Zerstörung zu bewahren und den Dienst des Herrn aufrecht zu erhalten, ohne der völkischen Schmach zu gedenken. Die Bewahrung der Lehre sei alles, die Bewahrung des Stolzes nichts.

Nach langem Widerstande neigte sich der Sinn der Überzahl dem weise folgernden Ahikam und seinen Söhnen zu. Als der Beschluß der Übergabe aber schon gefaßt war, geschah es unvermutet, daß einige Häupter der vergangenen Gewaltherrschaft, die sich bisher verborgen hatten, vor den Landtag traten. Ihr Wortführer war Pasch'chur, der erste Hüter der Schwelle. Wie ein schmaler, spitzer Fels stand er in der Versammlung. Seine kleinen Kranichaugen funkelten verächtlich. Er stieß fassungslose Beschimpfungen gegen Jirmijah und Ahikam aus. Adonai würde, schrie Pasch'chur, sich im Geiste der Menschen auslöschen und sich selbst töten, wollte er seine Stadt dem grimmigen Feinde überlassen. Nur Gottlose, nur Betrüger und dem Richter Entlaufene wie der Lästerer aus Anathot könnten den Herrn solchen greulichen Widerspruchs für fähig halten. Der Kampf für Tempel und Stadt, der Kampf bis zum letzten Blutstropfen sei die einzige und wahrhaftige Forderung Zebaoths. So eiferten Pasch'chur, Jerachmeel und die wenigen Männer, die mit ihnen waren. Ein leuchtendes Aufblicken des jungen Konjah bewies, daß sich sein Herz den Freunden des Vaters zuwandte. In dieser gefährlichen Stunde aber handelte Gedaljah, der ältere Zwilling, mit unbedenklicher Entschlossenheit. Er befahl, als geschehe das im Namen des Königs, der diensttuenden Palastwache, die kühnen Eindringlinge zu binden und in die Verließe des Kanzlerhauses zu werfen. Das Antlitz des siebzehnjährigen Königs wurde noch durchsichtiger, als es schon war. Sein Mund zuckte, doch er sprach nichts und ließ es geschehen, daß die einstigen Inhaber der Gewalt überwältigt, mit Fäusten geschlagen und schließlich, zerkratzt und geschunden, fortgeschleppt wurden.

Jirmijah stand schweigend neben dem König. Konjah vermied es, den verhaßten Erwecker eines Blickes zu würdigen. So zart sich der Künder auch zu ihm verhielt, er überwand den bittern Herzensschreck nicht, den er ihm immer wieder einflößte. Mit mißtrauischer Zerstreutheit starrte das wunderschöne Bild des Knabenkönigs in die lärmende Halle hinab. Hilflos und hochmütig, ein himmelblau geschmücktes Opfertier, hockte er auf dem goldenen Hochsitz seiner Väter.

Diesem sonnenvollen Tage, der mit verhaltenem Atem der letzten Entscheidung lauschte, folgte eine sehr dunkle Nacht. Der matte Lichtstrich des vergehenden Mondes tauchte erst spät am Himmel auf. Der junge König und seine Nächsten hatten das Dach des Palastes erstiegen. Jirmijah war wiederum an Konjahs Seite. Vom Tempel drangen die flehenden Chöre der Kinder Asaphs herüber. Über dem inneren Vorhof lag der rotglühende Qualm des ununterbochenen Brandopfers, den ein ablehnender Wind Zebaoths niederhielt.

Als die Posaunen der Stundenpriester, dumpfer als sonst, den Anbruch der zweiten Nachtwache verkündeten, nahte vom Tempel her ein trauriger Zug im schwanken Fackelschein. Unter dem Vorantritt des Hohenpriesters dieses Zeitalters, dessen erschöpfte Greisengestalt von seinem Sagan gestützt wurde, kamen mit Ahikam und seinen Söhnen die Stadt-, Hof- und Kriegsfürsten Jerusalems vor Konjahs Angesicht. Alle hatten die tiefgebeugten Häupter mit den Mänteln verhüllt. In ihrer Mitte trug ein hochgewachsener Mann, der Befehlshaber aller Riemenschwinger, eine große Tasse, die mit einem weiße Tuche zugedeckt war. Sie glich einer jener Opfertassen, auf denen die zum Speiseopfer ausgewählten Teile zum Altar getragen werden.

Schweigend erstieg der Zug das Dach des Palastes. Schweigend wurde die bedeckte Opfertasse vor Jechonjahs Antlitz gehoben. Schweigend zog der Hohepriester das Tuch von ihr herab. Der Knabenkönig erblickte im rötlichen Lichte die mächtigen Schlüssel zu den Toren des Tempels und zu den Toren der Stadt vor seinen Augen. Diese Schlüssel auf der goldnen Opfertasse waren das furchtbare Opfer der Demütigung, das der König mit eigenen Händen darbringen mußte. Das Geflacker des Licht überspielte sie mit tanzenden Mustern. Konjah wandte die zugepreßten Augen zur Seite. Er hatte die schweigende Forderung verstanden. Durch seinen gebrechlichen Körper lief ein Zittern. Er schwankte. Jirmijah hielt ihn fest. Die Lippen des Unglücklichen bewegten sich:

»Siehe, dazu hast du mich geweckt und zurückgerufen ...«

In dieser Spanne, die ihr Ende nicht fand, wagte es keiner, sich zu rühren und laut zu atmen. Nur die Opfertasse bebte in den Händen ihres stattlichen Trägers. Konjah weinte still vor sich hin, bis der Hauch des Mondes vom Himmel verschwunden war und die Fackeln zu verknistern drohten. Plötzlich aber ermannte er sich, nahm die Opfertasse aus den Händen des Darbietenden und stellte sie auf die Brustwehr des Daches. Der König stand an der Innenseite, dem Wachthof der Wohnpaläste abgekehrt, und blickte in das Dunkel eines kleinen Gartenhofes hinab, über den zwei wohlgehegte Sykomoren ihre Äste breiteten. Abwechselnd blickte er in das Dunkel des Gärtleins hinab und in das Dunkel des Himmels hinauf. Wie ein träumerisches Kind ergriff er mit verspielten Fingern einen der mächtigen Stadtschlüssel und drehte ihn sinnend hin und her. Jirmijah sah im ersterbenden Geblake, daß eine wehe Verschmitztheit über Konjahs Antlitz ging. Mit flüsternder, aber eindringlicher Jungenstimme haderte er zum Herrn empor:

»Was hast du für Schuld an mir gefunden? ... Warum soll ich es tun? ... Warum nicht du? ... Tu du es doch ...«

Mit halbgeöffneten Lippen wartete er eine gemessene Weile auf Antwort. Dann holte seine Rechte mehrmals zum Schwünge aus und schleuderte den Schlüssel kräftig in die Himmelshöhe. Lautlos verschwand dieser im Dunkel, denn im selben Augenblick erhob sich ein sausender Wind, der die Äste der belaubten Bäume heftig bewegte. Kein erzenes Auffallen war zu hören. Die Großen auf dem Dache verharrten regungslos nach wie vor. Ihre gebannten Augen sahen dem Tun des Königs zu, das ein kindliches Ballspiel und zugleich ein geheimnisvoller Umgang mit Gott war. Ein Schlüssel nach dem andern verschwand in der Höhe. Und jeder wurde von derselben Mahnung begleitet:

»Warum ich ... Warum nicht du ... Tu doch du es ...«

Als aber der letzte Schlüssel endlich verschleudert war, da sank Konjah vor der Brustwehr auf die Knie und drückte schweratmend seine Wange an den Stein. Das kühne Ballspiel mit dem Ewigen hatte ihn zu Tode erschöpft. Ohne Klang war das emporgeworfene Metall von der windig rauschenden Höhe verschlungen worden. Die Männer sahen einander an. Wer konnte wissen, ob der göttliche Partner dieses Spiels, »der durch die uralten Himmel fährt«, die Schlüssel seines Heiligtums und seiner Stadt nicht aufgefangen hatte?

   

Auch ohne feierliche Schlüsselübergabe fand Babel am nächsten Morgen die Tore Jerusalems weit geöffnet. Knapp nach Sonnenaufgang zogen die ersten Vorhuten mit gellendem Geschmetter und Getrommel aus drei Richtungen ein. Seit Ahnenzeit, seit Sanheribs Tagen, betrat zum erstenmal wieder ein feindlicher Fuß die heilige Veste Zion. An einigen Stellen, da und dort, kam es zu kurzen blutigen Kämpfen. Die Besatzung der Bollwerke, zuvörderst die königlichen Leibwachen, wollten, von Wut und Jammer überwältigt, nicht überall ihre Waffen freiwillig strecken. Diese Todeszuckungen vermochten nichts zu ändern. Keine drei Stunden vergingen, und schon war auf allen Türmen und Werken der Stadt Babels Panier aufgeworfen. Das Heer der Eroberer aber strafte den schlimmen Ruhm, der ihm voranlief, Lügen. Festen Schrittes durchzogen die kegelbehelmten Scharen die Stadt. Ein strenger Befehl schien zu walten. Kein Mann verließ seine Reihe. Nicht lösten sich die Rotten auf, um sich plündernd und mordend in die Bezirke zu ergießen, wie es ihr kriegerisch gutes Recht war. Das Unglaubwürdige geschah. Kein Blut wurde vergossen und keine Notzucht verübt. Das Volk, auch Frauen und Mädchen, konnten sich ruhig aus ihren verriegelten Gelassen hervorwagen.

Gegen Mittag erfolgte der Einzug Mardukh-Nebukadnezars. Inmitten seines Hofes, der unterworfenen Könige, der königlichen Prinzen, der Helden, Sternräte und Bannerherren schwankte seine juwelengeschmückte Sänfte. Streng war die Anordnung des irdischen Nachthimmels dieser Gestirne, die rang- und umlaufgemäß den Hof des wirklichen Nachthimmels abspiegelte. Alle lächelten in seliger Harmonie und hielten die Hände waagerecht aufeinander gefaltet. Zu Seiten der Sänfte schritten Nergal Nebusaradan, der feuerrote Trabant der Machtvollstreckung, und Samger Nebu, der tiefblaue Trabant der Geistesbestimmung, rechts die Schönheit des männlichen Licht-Erblühens, links die Schönheit der mannweiblichen Schattenpflanze mit bläulichem Ringelhaar. Der Großherr selbst war auch diesmal nicht in Kriegsrüstung, sondern wiederum in jenen sandelfarbigen Rock gekleidet, den Jirmijah schon kannte. Einzig anstatt der häuslichen Lederkappe trug Nebukadnezar einen schmalen, sehr bescheidenen Goldreif in seinem ein wenig windzerzausten Haar, dessen Wellung und Salbung weit hinter der prunkvollen Haartracht der Höflinge zurückblieb. Sein Rundgesicht, aus dem die seinem Volke nicht eigentümliche stumpfe Nase so knabentrotzig hervorstach, musterte mit heiterer Neugierde die unterworfene Stadt.

Mardukhs erster Weg führte zum Tempel. Im äußeren Vorhof waren die niederen Priesterordnungen versammelt, mehr als tausend Männer, alle weiß gekleidet wie am Tage des Gerichtes und der Versöhnung. Sie warfen sich beim Anblick der Sänfte in bittflehendem Todesschweigen zu Boden und lagen starr wie frischgefallner Schnee. Der Großherr entstieg der Sänfte. Vielleicht wollte er damit die Achtung zu erkennen geben, die er einer fremden Gottheit, deren Raunung mit den errechneten Weissagungen der Gestirne übereinstimmte, zu zollen bereit war. Die Priester jedoch beachtete er nicht. Er setzte seine vergoldete Sandale, die an der Ferse kothurnartig erhöht war, gleichgültig unter die Zusammengesunkenen. Langsam durchquerten Nebukadnezar und sein Gefolge die Wandelhalle und betraten den inneren Vorhof, wodurch sie sich als Unreine, als Stern- und Götzendiener, des Todes schuldig machten. Die Priester der höheren Ordnungen, die nach ihrer Regel um den erstorbenen Brandopferaltar, um das Eherne Meer, bei den zwölf fahrbaren Wasserbecken und auf den Stufen der Vorhalle unter Boaz und Jachin aufgestellt waren, erschauerten unter diesem Tempelfrevel. Manche zogen den Mantel vor die Augen, um nichts zu sehen.

Jirmijah aber, der zwischen Altar und Vorhalle stand, verdeckte seine Augen nicht. Frei blickte er Mardukh und seinen Sternräten entgegen. Der Hohepriester dieser Tage, der gebrechliche Mann, trippelte in seinen hinderlichen Amtsgewändern auf den Großherrn zu. Er hob beide Hände mit beschwörenden Innenflächen hoch, stöhnte etwas Unverständliches und wandte den Kopf ab. Es war eine zweideutige Gebärde, die man sowohl für einen unwilligen Segen als auch für ein verzweifeltes Abwehren halten konnte. Nebukadnezar aber kümmerte sich nicht um den Eisgrauen, ließ die Blicke eines erfahrenen Baumeisters in der Runde schweifen und umschritt dann langsam den Brandopferaltar, dessen eindrucksvolle Maße mit berechnendem Stirnrunzeln nachprüfend. Alle Welt wußte, daß Nebukadnezar nicht nur ein gewaltiger Städtebauer, sondern auch ein Kenner und Sammler von Altertümern war. Er hatte zu Babel, in der Tempelstadt Esagilla, einen eigenen Palast errichtet, in dem er die uralten Bild- und Schriftwerke Urs, Akkads und Assurs zusammentrug. Mit den eingekniffenen Augen des Sinnig-Verständigen betrachtete er jetzt das Eherne Meer und streichelte mit seinen kurzfingrigen und nervichten Händen empfindsam die Flanken der riesigen Kupferstiere. Der greise Hohepriester blieb ihm immer dicht auf den Fersen, als könne er durch seine schmerzlich pfeifende Atemlosigkeit das Ärgste verhindern. Als sich aber der nachdenklich schätzende Blick des Großherrn der Vorhalle und den beiden seltsamen Kupfersäulen mit ihrem überfließenden Granatapfel- und Lilienwerk zuwandte, da geschah etwas Unerwartetes. In den hinfälligen Körper des Hohenpriesters drang jugendliche Kraft und Behendigkeit. Er nahm mit raschen Sprüngen die zehn Stufen der Vorhalle, daß die silbernen Glöckchen und goldnen Granatäpfelchen seines Gewandsaums laut zu klingeln anhuben, und legte sich quer über die Schwelle des Heiligtums, um den Eintritt eines unreinen Sternverehrers durch seinen eigenen Leib zu hemmen. Nebukadnezar jedoch ließ sich durch den in seinen Feiergewändern ausgestrecktem Ehrenleib nicht im mindesten stören, sondern stieg, seinen gelblichgrauen Rock ein wenig raffend, über den Hohenpriester Israels hinweg und betrat das Innere des Heiligen. Ein klagender Aufschrei aus hundert Priesterkehlen begleitete diese Entweihung. Mardukh hatte seinem Gefolge, selbst Nergal Nebusaradan und Samger Nebu, leicht abgewinkt ihm zu folgen. Dies konnte wiederum als ein Beweis der Achtung und als ein Zugeständnis an das Gottheitliche dieses Ortes gedeutet werden. Mit sehr gelassenem Rücken verschwand er nun im Dämmer der Erdenwohnung Adonais. Doch er blieb nur kurze Zeit den Blicken entzogen. Als er aus dem Innern wieder hervortrat, lächelte sein kräftiges Antlitz gedankenvoll. Auf der mittelsten der zehn Stufen, die inzwischen von den Priestern geräumt worden waren, blieb er stehen und rief dem sanft harrenden Samger Nebu ein einziges Wörtlein zu: »Nichts!« Dann ging er langsam von der Vorhalle wieder zum Altar, während er jetzt die Gesichter der Priester aufmerksam musterte. Plötzlich blieb er stehn. Mit dem unfehlbaren Gedächtnis aller großen Gebieter hatte er Jirmijah, der abseits der Ordnungen stand, allsogleich erkannt. Er sah ihn eine ganze Weile lang mit seinen fernen Augen an, die wirklich etwas von der entrückten und gleichgültigen Freundlichkeit der Sterne verrieten. Dann rief er auch ihm ganz leise das Wörtlein »Nichts« zu, und zwar so, als mache er sich mit wohlwollender, kaum merklicher Feinheit über den Weissager lustig und gebe ihm die Aufgabe: Nun deute du einmal mein Wort! Jirmijah verstand und deutete es sofort in seinem Herzen. Mardukh hatte im beinahe leeren Heiligtum »nichts« gefunden, das seine Überzeugungen erschüttert hätte. Dieses »Nichts«, die angenehme Enttäuschung einer heimlichen Furcht, stimmte den Großherrn so heiter und versöhnlich, daß er auch »nichts« gegen den unsichtbaren Gott dieses Tempels unternehmen wollte, obgleich dieser seine Gedanken zu beschäftigen über die Gebühr sich anmaßte. Das abschätzige Wörtlein war gewissermaßen ein schamhaftes Gnadenwort, das dem innersten Heiligtum Unverletzlichkeit zusicherte.

Dieselbe Unverletzlichkeit freilich sicherte Nebukadnezar dem Tempelschatz in den zweimal neunundneunzig Kammern der Seitenflügel keineswegs zu. Die Rechnungs- und Schatzmeister Babels wurden sofort berufen und mußten auf hohen Schichten von Schreibtafeln eine genaue Aufstellung der Kostbarkeiten anlegen, der Goldgeräte und Goldgewichte, der Juwelen und edlen Stoffe. Sie bedurften zu dieser Arbeit mehr als einer ganzen Woche. Dann aber erschien im heiligen Tempel ein Heer von groben Lastträgern, die unter strenger Aufsicht den Schatz von Jahrhunderten in Säcken und Ballen verpackten und gröhlend davonschleppten. Durch diesen Schlag völlig gebrochen, schlichen die Priester wie Schatten umher. Jirmijahs Herz aber war fröhlich. Zebaoth hatte unermeßlich milde gerichtet. Der Tempel stand. Der Dienst des Herrn erlitt keine Unterbrechung. Was tat es, daß die Schatzkammern geplündert waren? Vielleicht sollte gerade dieses zum Guten dienen. Doch auch weit schlimmere Maßregeln Mardukhs als der Tempelraub trübten Jirmijahs aufatmende Dankbarkeit nicht. Der Großherr hatte Jehuda eine schwere Menschenschatzung auferlegt. Alle Fürsten, Priester, Würdenträger und Bürger, die mit Recht oder Unrecht im Verdachte standen, der Gewaltherrschaft Jojakims angehangen zu haben, wurden festgenommen und in eigenen Lagern zusammengetrieben. Mit den tapfersten Kriegern, deren man in Stadt und Land habhaft geworden war, und mit den tüchtigsten Handwerkern Jerusalems ergaben sie eine bedeutende Schar von mehr als zehntausend. Unter diesen Zehntausend befanden sich – und das war das Bitterste an Mardukhs Menschenschatzung – eine große Anzahl der alten und edelsten Vaterhäuser Jakobs. Die Austreibung und Wegführung nach Babel wurde über sie verhängt. Seine An Verwandtschaft mit dem Hause Davids nützte dem Prinzen Jerachmeel ebensowenig wie Pasch'chur und dessen Sippschaft der hohe Tempelrang. Jirmijahs Verfolger hatte alle das Schicksal ereilt. Ahikam und seine Söhne aber bedachte Nebukadnezar mit vielen Ehren und Auszeichnungen. Sie gingen bei ihm aus und ein.

Der Tempel geplündert! Die edlen Vaterhäuser geschätzt! Das Land an Menschen und Gütern verarmt! Doch war dieser arge Aderlaß nicht eine Blutreinigung, die der unwissende »Knecht des Herrn« in Adonais Auftrag vornahm? Das Volk lebte trotzdem, wenn auch verringert und gedemütigt. Aber es kam darauf nicht an, daß dieses Volk stolz und groß, sondern daß es rein war. Der Herr hatte ihm eine neue Frist der Entwirrung gesetzt. Es war wie ein frischer Beginn nach einer großen Sühne. In diesen Tagen des Unglücks erlebte Jirmijah die hoffnungsfreudigsten Tage seines Lebens. Nur um einen Schuldlosen blutete sein Herz, den die ewige Undeutlichkeit zum Sühneopfer dieser gnädigen Wendung bestimmt hatte. Das war Konjah, der Siebzehnjährige, der für das Zeitalter seines Vaters die volle Buße bezahlen mußte. Der junge König befand sich noch immer in der Hofburg. Er lag aber in eisernen Ketten, und niemand wurde zu ihm vorgelassen.

   

Jirmijah bewohnte in Salomos Wohnhaus dieselbe Kammer wie zu König Josijahs Zeiten. Unruhig ging er auf und ab. Seine Seele sehnte sich, zu Konjah vorzudringen. Die Abenddämmerung fiel schon durchs Fenster, das in einen der inneren Höfe hinaussah. Ein Königsdiener brachte, wie immer um diese Zeit, einen Leuchter, auf dem drei Lampen brannten. Jirmijah, der in die Betrachtung der zuckenden Lichte verfiel, hatte nicht bemerkt, daß zwei Männer hinter dem Lampenträger in den dämmrigen Raum getreten waren. Er sann gerade eifervoll darüber nach, auf welche Weise Ahikam oder er selbst das Los Konjahs mildern könnte. Da hörte er von einer traulichen Stimme seinen Namen gerufen. Erschrocken fuhr er auf: »Baruch!« Und schon hatte er den Heimgekehrten an sich gezogen, übermannt von all dem, was sich seit ihrer Trennung ereignet hatte.

Baruch wies stumm auf den Dritten, der schüchtern an der Tür stand. Es war ein ziemlich hochgewachsener Mensch in staubigem Reisegewand, doch strahlend jung Und voll verhaltener Männlichkeit. Das Antlitz des jungen Menschen war sehr schön, doch von ganz andrer Schönheit als Konjahs durchscheinende Engelshuld. In seinen großen mandelförmigen Augen lag ein zugleich liebwerbendes und herrisches Leuchten, das jedes Herz bestricken mußte. Der Anblick Jirmijahs schien den jungen Menschen mit erregter Verlegenheit zu erfüllen. Er warf, vielleicht um seiner Bewegung als einer Schwäche Herr zu werden, den Kopf in den Nacken und straffte seinen Körper. Josijahs Gebärde, wußte der Künder sogleich. Seine Stimme aber zitterte:

»Manthanjah, mein junger Schüler ...«

Die Stimme des Kömmlings klang beherrscht:

»Nicht Mathanjah mehr, dein junger Schüler ... Sondern Zidkijah, den du heißest Gerecht-ist-Gott zu heißen ... Diesen Namen will ich tragen, wenn ich auf dem Stuhl Davids sitze und richte ...«

Da gedachte Jirmijah des Knaben, der einst zu ihm gierig gesprochen hatte: Du, der du alles weißt, sage mir doch, werde ich König sein?! Das damals ganz und gar Unwahrscheinliche, die Königsahnung des Kindes, nun hatte der Herr sie wundersam erfüllt. Und Jirmijah sank vor seinem Schüler zur Erde, um ihm zu huldigen:

»Du bist Zidkijah, der echte Sohn meines Königs ... Gepriesen werde der Herr durch dich!«

Zidkijah hob seinen Lehrer auf. Durch das überlegene Wesen dessen, den er als launischen Knaben verlassen hatte, fühlte sich Jirmijah wunderlich alt geworden. Sie sahen einander an mit Augen, die nicht mehr die Tränen der Erschütterung bargen, noch auch das fragende Ineinanderdringen der Seelen, ob sie auch in Zukunft ihrer gewiß sein konnten. Baruch schämte sich, Zeuge des ergriffenen Wiedersehens dieser Männer zu sein. Daher begann er das vielbedeutende Schweigen mit dem frischen Bericht seines so prächtig erfüllten Auftrages zu unterbrechen. Die Schwierigkeiten seien weit geringer gewesen, als seine Furcht es erwartet hatte. In Wahrheit habe es überhaupt keine Schwierigkeiten gegeben, da der neue Sonnengott von Noph, Pharao Hophra, Nechos Enkel, dem Jüngling Mathanjah-Zidkijah in Person sehr wohlgeneigt sei und in sein Königtum ohne Bedenken einwillige. Jirmijah brauche über diese Gunst nicht zu erschrecken. Es sei selbstverständlich, daß sie sowie die Einwilligung Pharaos ein tiefes Geheimnis bleiben müßten. Meledi Babilu werde nur den Gefangenen Hophras, der Bitteres aß im Hause der Knechtschaft, zum Könige über Jehuda bestätigen, nicht aber einen Günstling des Zweilandes. Er, Baruch, habe sogleich bei seiner Ankunft in Jerusalem eine abenteuerliche Geschichte von Mathanjahs kühner Flucht aus der Gefangenschaft ausgestreut und verbreiten lassen. Auf der Suche nach Jirmijah seien sie im Tempel den Schaffansöhnen begegnet. Gedaljah, der das Ohr des Großherrn besitze wie kein zweiter, habe sich aufgemacht, um kühn zu Mardukh hineinzugehen und ihm die Flucht des rechtmäßigen Josijahsohnes in die Arme Babels zu vermelden. Niemand zweifle mehr, daß Nebukadnezar den flehend hingeworfenen Zidkijah auf den Stuhl Davids erheben werde. Jirmijah sah verschlossen drein. Der Bericht Baruchs hatte seine Freude getrübt. Die feinen Sinne Zidkijahs erkannten sofort die kaum merkliche Verdüsterung des Lehrers und ihre vielfachen Gründe. Er lächelte ihn mit seinen liebewerbenden Augen an.

»Ich weiß«, sagte er, »daß nicht Pharao, nicht Nebukadnezar, nicht Ahikam und Gedaljah mich erhöhen, sondern einzig und allein Jirmijah erhöht mich und schafft mir Recht ...«

Als Jirmijah daraufhin eine kleine abwehrende Gebärde machte, nicht aber antwortete, sah Zidkijah zu Boden und vollendete:

»Vater und Mutter verdanke ich mein Leben ... Dem Lehrer aber verdanke ich alles andre ...«

Ein wuchtiges, höchst verpflichtendes Wort, vom künftigen König zum Künder gesprochen. Zidkijah errötete tief, als sei er sich voll bewußt, daß es nicht leicht sein werde, für dieses Wort einzustehen. Dem Bekenntnis folgte eine Pause, die von schweren und unenträtselbaren Gefühlen überfüllt war. Baruch machte ihr ein Ende. Er hatte erfahren, daß Jechonjah morgen in einem eisernen Käfig ins Lager gebracht und wenige Tage später nach Babel geführt werden solle. Jirmijah trat bei dieser Kunde einen Schritt hinter sich. Zidkijah aber machte eine mitleidig wegwerfende Handbewegung, mit welcher er seinen unglückseligen Vorgänger dem Schicksal bedenkenlos preisgab. Dann rührte er Jirmijah an, um ihn für sich festzuhalten:

»Nun lasse ich dich nicht mehr von meiner Seite ...«

»Du wirst mich von deiner Seite lassen«, sagte Jirmijah, »bis ich von Babel wieder zu dir heimkehre ...«

»Aus Babel?« verwunderten sich Baruch und Zidkijah wie aus einem Munde. Gequält aber entrang es sich Jirmijah:

»Ist dieser Mensch Konjahu ein verächtlich zerbrochenes Ding oder ein Scherben? Warum wird er so hinausgeschleudert? Und hätte doch der Siegelring sein können an Gottes rechter Hand ...«

Jirmijah trat zum Fenster und schien in ein fernes Brüten zu versinken. Seine Seele lag in Zweifeln. Durfte er den Erbarmungswürdigen verlassen auf seinem Wege ins Elend? Durfte er diesen Unfertigen hier verlassen in den ersten Zeiten seiner Herrschaft? Einen und den andern zu verlassen, war gleicherweise Unrecht. Welches blieb das geringere? Nur Adonai konnte es entscheiden. Baruch und Zidkijah gingen leise aus der Kammer, denn sie vermuteten, ihr Lehrer beginne sich mit dem Herrn zu unterreden.

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