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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 20
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
projectid6c149880
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Neunzehntes Kapitel.
Melech Babilu

Es waren drei leichtbewaffnete Königskrieger unter Führung eines Rottmeisters, die den wankenden Jirmijah mit sich schleppten. Vor der Mauer schloß sich Baruch an, indem er wie ein gleichgültiger Wanderer einige Schritte zurückblieb. Der Anführer hatte wahrscheinlich in der Eile nicht den Befehl erhalten, auch den Jünger des Verfolgten zu ergreifen, denn er schenkte dem Nachtrottenden keine Aufmerksamkeit. Als Jirmijah sich einmal umkehrte, hob Baruch die Buchrolle mit dem wiederhergestellten Werke der Verborgenheit winkend hoch, als wolle er dem Unglückseligen mit dem Denkmal seiner Aussonderung Trost spenden. Der Dahintaumelnde aber schien weder Baruch noch sein eigenes Werk zu erkennen.

Aus der Talmulde stieg die Landstraße ziemlich steil und hoch gegen das Bergland Jerusalems empor. In der frischen Morgensonne und klaren Luft des Tischri-Monds hoben sich die Höhenkämme überscharf gegen den Himmel ab. Man konnte auf weite Wegstrecken hin deutlich jeden Strauch und jeden wilden Hund wahrnehmen, der am Horizonte auftauchte. Zu dieser frühen Stunde sah man noch keinen Menschen und kein Reittier auf der öden Straße. Die Welt war leer wie Jirmijahs gebeugte Seele.

Plötzlich aber blieb der Rottmeister stehn und stieß einen kurzen Befehlsruf aus. Die Krieger packten ihren Gefangenen und zogen ihn von der Straße fort ins nackte Feld, wo sie sich mit ihm niederhockten. Die Hand ihres Anführers wies erschrocken auf den nächsten Hügelkamm, wo eine lange Reihe von Reitern im nickenden Gleichschritt sich schwarz gegen das lichte Blau zeichnete. Die unverkennbaren Zipfelhelme der Chaldäer ließen sich genau erkennen. Ein schreckliches Anzeichen! Eine der Streifscharen Babels war schon bis in die Nähe der Gottesstadt vorgedrungen. Der Rottmeister und seine Krieger ratschlagten darüber, ob es empfehlenswert sei, den Weg unter solchen Umständen fortzusetzen, oder ob man sich nicht klugerweise mit der kostbaren Beute hinter die Mauern Anathots zurückziehen solle. Während dieses unentschiedenen Hin und Her ließ sich Baruch dicht neben dem Gefangenen nieder und wies seinerseits erregt auf die fernziehenden Reiter Babels. Eine überraschende Gelegenheit zur Flucht schien sich ihm zu eröffnen. Jirmijah aber hörte nicht das eifrige Geflüster des Verständigen. Er starrte auf die blutroten Erdschollen und dachte halblaut vor sich hin:

»Erfüllt hat sich der Name, den Vater und Mutter dem Jüngsten gaben, da er noch im Mutterleibe lag ... Jirmejahu ... Gott baut, Gott zerstört ...«

»Was spricht der Meister da?« staunte Baruch. Jirmijah aber schrak zusammen und schien erst jetzt zu merken, wer neben ihm saß. Inzwischen war die lange Reiterreihe wieder hinter dem Kamm verschwunden, und der Anführer hatte den Beschluß gefaßt, nicht zurückzuweichen, sondern den Weg nach Jerusalem vorsichtig fortzusetzen. Denn gar streng war der Auftrag, diesen Mann lebendig vor das Antlitz des Königs zu bringen.

Doch kaum hatten sie, abseits der Straße, auf allerlei Seitenpfaden die Höhe erreicht, als sie unversehens vor Babels Reitermacht standen wie vor einer Mauer. Die Chaldäer schienen unschlüssig zu sein, in welcher Richtung sie verreiten sollten. Eine Abteilung war mit dem Gesicht nach Südost gen Jerusalem gewandt, die andre nach Mitternacht, wo fern, jenseits der Ebene Jezreel, das gewaltige Heer liegen mußte, zu dessen Vorhuten und Ausschwärmern sie gehörte. Babels Reiter waren nicht, wie man ihnen sonst als Bedeckung der großen Handelskarawanen begegnete, in bequemer Ausrüstung, sondern schwer bewaffnet. Die stählernen Kegelhelme blitzten in der Sonne.

Der Rottmeister hob die Hand, um seine Leute eilig aus dem Gesichtskreis der Reiter zu scheuchen. Doch in diesem Augenblick gerade wandte einer der Rhabsakim sein unruhiges Pferd und gewahrte das Häuflein mit dem Gefesselten. Sofort machte er seinem Tartan ein Zeichen. Ein rauhes »Halt!« riß die mit Jirmijah flüchtenden Jehudim zurück, die vor der Übermacht auf dem Fleck erstarrten. In gemächlichem Trab ritten Babels Hauptleute auf die Gruppe zu. Ihre mächtig gepanzerten Leiber bebten und klirrten mit der stoßenden Gangart der Rosse, denn sie kannten keine Steigbügel und mußten den Trab voll aussitzen. Der Tartan hielt dicht vor Jirmijah und ließ sein Pferd spielen:

»Was wollt ihr mit diesem Manne da?«

»Dieser Mann«, stammelte der Rottmeister, in seiner Ehrenbezeigung die Erde mit der Hand berührend, »dieser Mann ist ein Verderber, ein Frevler ...«

»Und was ist sein Frevel?«

»Er hat gegen die Herrlichkeit Jojakims, unseres Königs, sehr Übles geweissagt ... Möge mein Herr doch Einsicht haben und uns in Frieden ziehen lassen ...«

Während der Tartan überlegte, sprang Baruch aber jäh vor und fuchtelte mit der Buchrolle zu ihm hinauf.

»Möge mein Herr«, er schrie diese Worte fast, »Einsicht haben mit der Unschuld eines Unschuldigen ... Dieser Mann hat Untergang geweissagt über den König Jehudas und Sieg geweissagt über den König Babels ... Alles steht geschrieben in diesem Buch, für das er verfolgt wird ... Denn durch Einraunung Gottes hat er den Unsegen Jojakims und den Segen Babels erlauscht ...«

Die kleinen harten Augen des Tartan wanderten von Baruch zu Jirmijah und blieben lange an diesem haften, der wie ein Schlaftrunkener noch immer nichts zu fassen schien. Dann wandte sich die knappe Stimme des Befehlshabers an seine Rhabsakim, einen wichtigen Grundsatz der Kriegsordnung Babels formend:

»Die Weissagungen der Gestirne und der Gotthörer haben immer streng geprüft und miteinander verglichen zu werden!«

Bei diesen Worten nahm er die Rolle aus Baruchs Händen und steckte sie in einen leeren Köcher, der an seinem Sattel hing. Dann erschollen einige kurze Befehle aus seinem Mund. Jirmijah wurden die Fesseln abgenommen. Drei Bogenschützen legten ihre Waffen auf den verzweifelten Rottmeister an, der mit Bitten und Schwüren seinem Gefangenen nachklagte. Ein dicht an seinen Ohren vorbeizischender Pfeil bewies ihm aber, daß hier nicht gespaßt werde. Rasch verschwanden die Jehudim von der Höhe. Jirmijah und Baruch mußten jeder eines der Handpferde besteigen. Sie wurden von den schweren Lanzenreitern in die Mitte genommen, die nordwärts davonrasselten, während die leichte Reiterei sich in entgegengesetzter Richtung verzog.

   

Die Zeltstadt Babels schmiegte sich in einem riesigen Bogen um die Hüften des Taborberges. Hier, unter den hundert prunkenden Teppichzelten der Tartans und den Tausenden aus Segelstoff gespannten Zelten der Mannschaften wurde Jirmijah ein löchriger Unterschlupf angewiesen, der den Namen »Zelt« zu Unrecht führte. Man gab ihnen zwei Decken, einige Gerstenfladen und einen großen Tonkrug mit frischem Quellwasser. Jirmijah fiel, ohne etwas zu genießen, sogleich in einen schweren Schlaf, der vierundzwanzig Stunden nicht von ihm wich. Er hätte volle vierundzwanzig Tage ungestört schlafen können, da sich niemand um die beiden Zuzügler kümmerte und das Heerlager nicht abgebrochen wurde.

In all den Tagen sprach Jirmijah nur die notwendigsten Worte zu seinem Gefährten und auch diese nur wie aus der fernsten Ferne seiner Trauer. Seine Stimme hatte sich ganz verändert, drang leise und heiser aus einer wunden Kehle. Er aß und trank so gut wie nichts. Baruch fürchtete sehr um ihn, wenn er sich nachts über den Schlafenden beugte, der in grausamen Träumen aufschluchzte und die Glieder warf. Nach Josijahs und Zenuas Tod hatte Jirmijah die zornige Kraft des Haderns besessen, sich herumgeschlagen mit dem Herrn, ihm gekündigt und trotzig die Sünde gesucht, bis hinab in die Amenti. Nach dem Tod der Mutter hatte er keine Haderkraft wider den Herrn mehr, der endgültig der Stärkere geblieben war; doch auch Ergebung und Sichschicken kannte er nicht, sondern nur dieses dumpfe Gefälltsein und Daliegen. Er hat die einzige Seele verloren, dachte Baruch, die liebend um ihn sorgte. Es wäre dem Jünger nicht eingefallen, in sich selbst einen liebenden Freund zu sehen, der würdig war, wiedergeliebt zu werden.

Endlich aber schien sich Jirmijah ermannen zu wollen. Eines mondhellen Abends ging er mit Baruch durch die Lagergassen. Überall brannten die prasselnden Feuer, auf denen die Mannschaft abkochte. Das lange Verliegen in dem fruchtbaren Lande Sebulon hatte die Krieger fröhlich gemacht. Sie sangen, von Händeklatschen und Beckenlärm begleitet, die raschen Lieder Babels, die den Sieg des Nachthimmels über den Taghimmel bei Karkemisch feierten. Die Augen der Babelsöhne blieben neugierig an Jirmijah und seinem Gefährten hängen. Doch die Blicke, die sie trafen, waren nicht feindselig. Keiner vertrat ihnen den Weg, forschte sie aus, verdächtigte oder belästigte sie. Ungehindert konnten sie den Wall des Lagers verlassen, als sei ein eigener Befehl ergangen, dem Gotthörer Jehudas mit Achtung zu begegnen.

Die beiden Männer stiegen die baumlose Lehne des Tabor empor. Auf halber Höhe ließen sie sich auf einem nackten Vorsprung nieder, wo die qualmenden Feuer und der trunkene Lärm des Lagers ihren Sinnen entzogen waren.

»Wir sind keine Gefangenen«, mahnte Baruch, »wir können gehn, wohin es uns gelüstet ...«

Jirmijah aber schüttelte den Kopf: »Wohin gelüstet es dich zu gehn? ... Wohin könnte Jirmijah sich wenden? ...«

Da erkannte Baruch, daß Jirmijah niemals sein Werk der Verborgenheit preisgeben werde, das sich in Babels Händen befand.

Die reine Scheibe eines Riesenmondes wandelte mit unzähligen Sternen über den Berg, alle Verehrer Ascheras und des Himmelsheeres zur Anbetung ladend. Von überirdischen Lichtflocken und Lichtlaken überreift, dehnte sich das Land. Bergwelle über Bergwelle bot sich dar, bis die letzte endlich im milchigen Nichts verschwand. Zwischen Isas'char und Sebulon wuchs der Tabor. Jirmijah aber sah nach Manasse hinab, wo sich das Blachfeld Meggiddos vom Karmel bis zu den Hügeln Gilboas ausstreckte. Josijahs wurde nicht mehr in der Welt gedacht, denn der Herr hatte es seinem Ausgesonderten verwehrt, den hohen König zu retten. Wo hinter der blutigen Ebene die Berge wieder anstiegen, lag Ephraim, diese Amenti Israels, entseelt und verwischt, mit wenigen schattenhaften Städten und gar vielen Ruinen. Und Jirmijah dachte in dem milchigen Nebel der Mondnacht den Steinbruch der Paläste Samarias zu sehen, diese Freude der Vipern und Skorpione. Hinter den Schroffen Ephraims aber lächelten die Kuppen Benjamins, in dessen Erde die Brüder seine Mutter nun längst bestattet hatten. Doch hinter Benjamins Kuppen träumte die Tochter Zions wollüstig und nichts ahnend. Wie lange noch? Das Gericht von Norden war um den Taborberg versammelt, und viele Kessel, in denen Babel seine Speise kochte, schwappten auf den Lagerfeuern siedend über. Baruch sah Jirmijah von der Seite an. Und er erkannte auf seinen Zügen eine Trauer, die nicht mehr die Trauer um Abi allein war. Da erschrak der Jünger und sprach:

»Jirmijah erforsche den Herrn ... ob es noch Rettung gibt vor diesem Gericht und diesem Ende?«

Doch der Prophet der Zerstörung, der in dieser Stunde nichts mehr hoffte, der hinter hundert Bergwellen den Qualm des brennenden Tempels ahnte, er hob nun seine beiden Arme hoch wie ein Schwörender und stockenden Atems drang es aus ihm wider sein eigenes Wissen:

»Der eingesetzt hat die Sonne zum Lichte des Tages, den Mond und der Sterne Gesetz zum Lichte der Nacht, der aufwühlt das Meer, daß seine Wogen ergrimmen, dessen Name Zebaoth ist! Wenn je diese Gesetze weichen und enden, dann wird Jakob weichen und enden, ein Volk vor ihm zu sein in allen Tagen ...«

   

Drei Monde waren schon im Lager vergangen, als eines Morgens zwei Vornehme Babels vor Jirmijah erschienen und ihn und Baruch in ein stattlich wohlgeziertes Zelt führten, das ihnen fortan zur Wohnung dienen sollte. Die Vornehmen Babels erkundigten sich mit sehr ergebener Redeweise, die an Ehrerbietung grenzte, nach den Wünschen der Fremden, die sie »Gäste der Planeten« nannten. Dieses Vorkommnis zeigte, daß sich eine bedeutsame, ihnen verborgene Schicksalswendung begeben haben mußte, denn gewöhnlichen Häftlingen oder nichtssagenden Fremden hätte man dergleichen Höflichkeiten nicht angedeihen lassen. Von Stund an erlaubte sich's der Jünger, den Meister unablässig zu bestürmen, er möge nicht länger untätig zuwarten, sondern zu den Großen Babels mit Macht vordringen, ja zur allerhöchsten Person selbst, die sich seit kurzem im Kriegslager befand, um ihre Entscheidung über die Völker der Welt zu treffen.

Jirmijah ertrug gelassen die Beschwörungen Baruchs. Seine Art war es nicht, dem Unabwendbaren jämmerlich flehend entgegenzulaufen. Er ließ es an sich herankommen. Dies gerade unterschied ihn von den Leichtgläubigen und von den kleinen Leuten, die verschlagen mutmaßten, es sei nie zu spät und man werde noch in der letzten Stunde den Herrn durch fromm schielende Aufdringlichkeiten bestechen können. Die schrecklichen Erfahrungen seines Lebens hatten ihn darüber belehrt, daß mit dem Willen des Undeutbaren kein klarer Handel abgeschlossen werden könne. Adonai haßte es, wenn ihm die Menschen etwas »Eigenes« entgegensetzten, sofern es nicht rein und von allen heimlichen Selbstzwecken befreit war. Diese Erfahrung war der Grund für Jirmijahs Untätigkeit und sein wartendes Herankommenlassen, das von den scharfsinnigen Schaffansöhnen und auch von Baruch ihrer vorsorgenden Natur gemäß gar oft gerügt wurde.

Und es kam auch diesmal ohne sein Zutun heran. Am »Festtag des Frühlingspunktes und der Offenbarung Mardukhs im Osten« besuchten sieben Sternräte Babels Jirmijah. Sie erstrahlten in prächtigstem Glänze. Ihre hochgewachsenen und enggeschnürten Leiber waren in starre Gewänder von dunklem Purpurstoff gekleidet, die bis zu den Fußspitzen reichten. Über ihre linken Schultern hingen bunte Schärpen, die in silberweiße Schaufäden ausliefen. In die gesalbten Ringelbärte waren Rubine und Smaragde von erstaunlicher Größe eingeflochten. Ob ihr langes, feingewelltes Haar Schmuck von derselben Kostbarkeit barg, ließ sich nicht erkennen, denn hohe Zylinderhüte aus blauem Glanzstoff verhüllten es. Am gestickten Gürtel, wo sonst das kurze Schwert des Tartan hängt, funkelten zierliche Spaten aus Gold, Nebukadnezars Sinnzeichen des Umstechens und Neubrechens der Erde, ja des ganzen Oloms. Die Sternräte neigten die hochbehuteten Köpfe vor Jirmijah, und der Rangälteste verkündete in gefeilter Formelrede den Befehl an Jehudas Weissager und seinen Gehilfen, vor das Antlitz des Geheiligten zu treten, der in irdischer Spiegelung die Schicksalskreise des tanzenden Nachthimmels wiederholt, beherrscht und vollstreckt. Dann stülpte man ihnen nach Babels Hofsitte dünne Leinensäcke über den Kopf und führte sie mit sanfter Hand von hinnen.

Nach einer Wegstrecke, die ihnen in ihrer Blindheit lang erschien, hielten sie dieselben sanften Hände plötzlich fest und zwangen sie in die Knie. Leise wurden ihnen die Linnensäcke vom Kopf gezogen. Sie fanden sich in einem weiten und hochgerafften Zeltraum, der ihnen vorerst undeutlich blieb, da er kein Fenster besaß. Nur durch einen scharfen Schlitz in der Stoffwand und mehrere kleine Ritzen sickerte etwas Sonne herein, die aber die Dunkelheit nicht verscheuchte, sondern nur verwirrte. Nach und nach erkannte Jirmijah, daß an der kreisrunden Wand des Riesenzeltes zwölf Altärchen aufgestellt waren, auf denen sich Räucherwerk zart wölkte. Die Darstellungen über diesen Altärchen bewiesen, daß sie den Sternzeichen Schamaschs, des Tierkreises, geweiht waren, von denen jedoch nur zwei aus verborgenen Gründen sich durch ein stärkeres Licht vom Dämmer ringsum abhoben: Widder und Schütze. Außer diesen zwölf Altärchen standen noch sieben etwas größere Altäre als zweiter Kreis tiefer in den Raum gerückt. Von ihnen flammte und qualmte es in verschiedenen Farben. Jedermann ersah aus diesen Farben den Dienst der sieben Planeten; die gelbe Flamme war der Sonne zugeeignet, die silberweiße dem Mond, die feuerrote Nergal, dem Marsstern, die schwärzliche Ninurtu, dem Saturnstern, die blaue Nabu, dem Merkurstern, die grüne Ischtar und die erdfahle oder sandelfarbene Mardukh selbst. Am verwunderlichsten aber erschien Jirmijah das unaufhörliche Gezwitscher, Gekrächze und Geplapper, das in der gerafften Höhe des Raumes hin und wider schwirrte. Dort tummelte sich eine gelehrige Schar größerer und kleinerer Vögel: Raben, Stare, Sittiche und auch einige seltsame plumpe Großschnäbel, die man als verschrumpfte Abbilder der Sternenwelt gezähmt und zum Reden abgerichtet hatte. Das gefiederte Gesindel sandte seine schrillen Menschenrufe, ohne sich den geringsten Zwang anzutun, in das feierliche Schweigen hinab. Es klang wie unausschöpflicher Geisterspott über menschlichen Ernst.

Die Sternräte Babels aber schienen diesen höhnischen Vogelklatsch mit seinen unverständlichen Zerrlauten gar nicht mehr zu vernehmen. Waren die Altäre des Zodiaks und der Planeten die äußeren Kreise, so bildeten sie den innersten Kreis um den Mittelpunkt. Regungslos verharrend, hielten sie die sanftlächelnden Blicke ein wenig gesenkt, um damit wunschloses Zufriedensein und Ausgeglichenheit der Seele darzustellen, wie sie die Gegenwart des Vollkommenen hervorruft. Ihre Hände waren in waagrechter Lage übereinander gefaltet, wodurch der Zusammenschluß der Hälften und die glückselige Einung des Weltalls unter dem neuverkörperten Mardukh zum Ausdruck kam.

Dieser freilich war, was Kleidung und Haartracht anbetrifft, der Unscheinbarste im königlichen Zelte. Doch ist der Jovisstern, der welterbauende, nicht auch unscheinbar am Nachthimmel? In der innersten Mitte des Raumes saß Nebukadnezar auf einer Art von Klappstuhl. Eine kurze stämmige Gestalt in einer graugelben (sandelfarbenen) Kutte mit einer einfachen Kappe auf dem Kopf. Papyrusrollen und aufgeschichtete Schrifttafeln häuften sich um ihn. Er wühlte in den Rollen, las hier und dort eine Zeile, warf die Schrift fort, nahm eine neue. Man sah es seinen ungeduldigen Händen an, daß er am Flüchten der Zeit litt, die nur so wenig Verwirklichung gewährte. Warum haben die Könige, von denen die Tat ausgehen soll, alle so ungeduldige Hände, dachte Jirmijah. Manchmal hob Nebukadnezar sein kurzbärtiges rundes Antlitz, aus dem der Knabe noch nicht ganz fortgeschmolzen war, in die Höhe und lauschte erheitert dem ununterbrochenen Vogelklatsch. Er hatte eine etwas aufgestülpte Nase. Wenn er seinen Vögeln zuhörte, lächelte er mit hochnäsiger und zugleich spitzbübischer Innigkeit, ja begann sogar laut in sich hineinzulachen, was wie ein gröblicher Verstoß gegen die juwelengeschmückte Würde seiner Umgebung wirkte.

Zu Seiten Mardukhs standen zwei prunkvolle Gestalten. Die rechte war Nergal Nebusaradan, der oberste Kriegsfürst Babels, ganz in Feuerrot gekleidet wie Nergal, der Marsstern, den er darstellte und dessen Wirkung auf Erden er vertrat. Niemand hätte es diesem Manne, fast noch einem frischen Jüngling, zugetraut, daß in seine Hände die Nergalmacht des Zerstörens, Auflösens, Tötens und Ätzens gelegt war. Doch dieser in seiner Jugend schön Erstrahlende schien vom lustvollen Bewußtsein der Nergalmacht, mit der man ihn in frühen Jahren schon belehnt hatte, selig durchdrungen zu sein. Nicht minder schön und selig zeigte sich der Mann an Mardukhs linker Seite. Doch seine Schönheit war mit der Nebusaradans nicht zu vergleichen, denn nicht der Jugendfrische und Lustfülle entsprang sie. Das Lebensalter Samger Nebus, des obersten Deuters in Babel, hatte noch niemand ergründet. Greise wußten sich seiner schon aus ihren starken Tagen zu erinnern, er aber glich noch immer einem etwas müden Zwanzigjährigen mit den Augen eines Hundertjährigen. Sein faltenloses aber käsiges Jünglingsgesicht unter dem blaugefärbten Ringelhaar schien wirklich aus jenen Sternenstrahlen gesponnen zu sein, deren Betrachtung sein Leben geweiht war. Wie eine hochgeschossene Nacht- oder Schattenpflanze war Samger Nebu schön, krank und unverwüstlich. Sein heiliges Geheimnis erhob ihn über alle Menschen, über Jugend und Alter und Tod. Nicht jedem Zeitalter Babels wurde ein oberster Sterndeuter geboren, der beide Geschlechter in sich vereinigte, der nicht geschlechtslos wie ein Verschnittener, sondern Mann und Weib in einer Gestalt war. Ischtar, der Venusstern, und Nabu, der Merkurstern, dessen Farbe er trug, hoben sich in ihm auf. Befreit von Trieb und fruchtbarer Einverwobenheit, der völlige Einklang des Gegensatzes in Person, durfte Samger Nebu in Erkenntnisformen schweifen wie kein zweiter Sterblicher.

Es dauerte sehr lange, ehe Nebukadnezar den Künder Jehudas zu erblicken geruhte, und noch länger, ehe er, das Werk der Verborgenheit aus dem Rollenschwall hervorholend, damit auf Jirmijah wies. Auch seine Sprache – er bediente sich jetzt der Zunge Arams, die viele in Jehuda beherrschten – war im Gegensatz zur höfischen Formelsprache kurz, knapp, ungeduldig. Er sah niemanden an und sprach zu allen: »Das Wort der Sterne ... Das Wort dieses Mannes ... Übereinstimmend ...«

Eine flüchtige Handbewegung besiegelte das Schicksal Jehudas. Jirmijah, der noch immer auf den Knien lag, ließ sein Haupt auf die Brust sinken. Ein Wink erteilte ihm das Wort, das auch er in Arams Sprache ergriff.

»Möge die Herrlichkeit des Königs seinen Knecht günstig hören«, begann er ruhig und ohne, von Mardukh überwältigt, wie alle andern, zu lallen. »Der Ewige, unser Gott, hat dir Sieg verliehen, er hat dich zum guten Knecht gemacht, das Werk seines Willens zu vollbringen ... Nichts wird dich hindern, auch der Herr nicht, Jerusalem zu vernichten und den Tempel des Herrn zu verbrennen ...«

Die Sternräte blinzelten, ohne die Köpfe zu heben, erstaunt aus den Masken ihrer seligen Sanftmut. Nicht solche Worte hatten sie angesichts Mardukhs erwartet, nicht diese traurige Festigkeit des Tonfalls, sondern unterwürfigen Jammer und greinende Fürbitte. Sonderbarerweise hatte auch das wirre Geplapper der Spottvögel in der Höhe nach Jirmijahs ersten Worten plötzlich ausgesetzt. Die luftigen Geister schienen gespannt zu lauschen, wie sich das Gespräch unten entwickeln werde. Darüber mochten sie ihr tolles Geplapper vergessen haben. Ohne Zweifel hatte der Großherr zu seiner eigenen Verwunderung das absonderliche Stillewerden seiner Vögel bemerkt, die nicht einmal zu schweigen pflegten, wenn er selbst sprach. In seiner Antwort sah er sich, unbekannt warum, veranlaßt, die große Notwendigkeit alles Weltgeschehens hervorzuheben.

»Die Tat des Königs«, sagte er, »fließt aus dem Gesetz der Sterne.«

»Doch das Gesetz der Sterne fließt aus der Tat des Herrn«, kam es leise von Jirmijahs Lippen, und er fügte nur wie einen Hauch hinzu:

»Er läßt dir Raum, zu tun oder nicht zu tun ...«

Nebukadnezar wandte seinen runden Kopf mit einer winzigen Drehung zu Samger Nebu hin und fragte, ohne ihn anzusehen, ebenso leise:

»Was ist es mit dem Raum, zu tun oder nicht zu tun?«

Ein schmerzlicher Schatten flog über die wunderschönen Jünglingszüge mit den hundertjährigen Augen. Es war, als fürchte Samger durch die Mühe des Sprechens das herrliche Kunstwerk seiner seligen Haltung und seines in Verklärung schwimmenden Lächelns zerstören zu müssen. Die Lippen kaum regend, schien er auch nicht selbst zu sprechen, sondern eine unsäglich blasse. Altfrauenstimme abgeordnet zu haben, in seinem Namen Rede zu führen. Für die Hörenden klang es nicht wie eine unmittelbare Aussage, sondern wie ein eintöniger Bericht, der über eine solche erstattet wurde. Im allgemeinen, so lehrte Samger Nebu, sei den Menschen kein Raum gegeben, zu tun oder nicht zu tun und damit in eigenmächtiger Freiheit die Vorzeichnungen des Nachthimmels zu verwirren. Diese Freiheit bleibe bis zu einem gewissen Grade den Göttern vorbehalten, die sie aber nur höchst maßvoll gebrauchen, da ja der sichtbare, der erscheinende Teil ihrer Wesenheit selbst in die Sterne und ihr Gesetz eingebannt ist. Nur ein Gott habe daher unter außerordentlichen Umständen die Macht, eine neue Ursachenkette in das unübersehbare Gewebe des Weltalls einzuspinnen und durch solche Schöpfertat auf Ablauf und Ende der Dinge verändernd einzuwirken. Die Göttergleichheit des Königs von Babel enthalte zwar in ihren menschlichen Teilen stofflich-sterbliche Zumischungen, in ihrer eigentlichen Wesenheit aber sei sie die andre Erscheinungsform dessen, der am Nachthimmel als Königsstein göttlich aufgeht. Darum möge Mardukh auf Erden gnädig erkennen, daß einzig er geschaffen und berechtigt sei, »die Tat zu tun oder nicht zu tun« und somit neue Ursachen ins Gewebe der Welt zu spinnen: »Denn eines folgt aus dem andern.«

Mit dieser Wahrheit schloß die samtige Altfrauenstimme ihre untertänige Belehrung. Darauf verfiel der jünglinghafte Samger wieder in sein selig starres Dastehn. Jirmijah aber, auf dessen Antlitz Nebukadnezars lebhafte Schwarzaugen fordernd ruhten, nahm Samger Nebus letztes Sätzchen auf:

»Eines folgt aus dem andern ... Der Ewige, unser Gott, hat deiner Herrlichkeit seine Stadt und seinen Tempel zur Beute gegeben ... Keine Macht wird dir diese Gunst entreißen ... Doch was folgt aus diesem einen? ... Die Herrlichkeit meines Königs wird Sieger über Jehuda sein, wie du Sieger über viel Größere bist ... Doch dann wird sich auch das andre erfüllen, was aus der Erfüllung des ersten folgt ... Verweht und verworfen wird sein nach kurzer Frist das Haus des Königs, der über das heilige Gut des Herrn gerichtet hat ...«

In diesem Augenblick war der königliche Zeltraum voll gewittriger Todesgefahr für Jirmijah. Die seligen Masken der Sternräte verfinsterten sich. Ein oder der andre blickte nach der Leibwache aus. Ungeheuerlich war diese Weissagung vor Mardukhs Antlitz, ungeheuerlich noch dadurch, daß sie mit der Weissagung der Gestirne übereinstimmte. Des Großherrn Hände wühlten nicht mehr ungeduldig in den Buchrollen. Sie waren schlaff herabgesunken. Sein knabenhaft trotziges Anlitz betrachtete Jirmijah höchst aufmerksam, als sinne es in aller Freundlichkeit über die nachdrücklichste Todesart für diesen Frechen. Niemand weiß, was geschehen wäre, wenn nicht in das große Schweigen hinein einer der gelehrigen Stare wie ein Toller mit warnendem Kreischen aufgeschrillt hätte: »Melech Babilu ... Melech Babilu ... Melech Babilu ...«

Nach einem Atemzug fielen die andern Vögel mit irrem Durcheinander ein:

»König Babels ...« Mahnend, jammernd, hohnlachend. Der Großherr hatte sich erhoben. Seine Stimme war nicht laut, doch merkwürdig hoch von verhaltenem Groll:

»Ein Verräter ... Dein König ... Ein Treuloser ... Er versteht meinen Willen nicht ... Babels Friede ... Sie alle verstehn meinen Willen nicht ...«

Jirmijah hatte sich aufs Angesicht geworfen.

»Der König Jerusalems«, flehte er jetzt, »ist nicht Jerusalem ... Andre Söhne hat Davids Haus ...«

Wieder schwiegen die Vögel. Nebukadnezar, der auf den Künder herabblickte, entgegnete scharf:

»Ein böser Hund hat böse Junge ...«

Die Sehnen am Halse Jirmijahs spannten sich. Er kniete wieder, seine Fäuste wie ein Wagenlenker um unsichtbare Zügel krampfend. Mit wilder Stimme brach es aus ihm:

»Gedenke des Königs, der Pharao den Weg vertrat zu deinem Nutzen und fiel ... Noch lebt dem guten König ein Sohn, gefangen im Zweiland, der jüngste, der echte ...«

Mardukh stutzte, ließ sich nieder, dachte nach, blieb in Erwägung versunken. Die Vögel in der Höhe aber begannen von neuem jetzt ihr zackiges, menschenverspottendes Geschrei.

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