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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 19
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
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Achtzehntes Kapitel.
Glühende Kohlen und giftiger Wein

Eines Tages, als der vereinsamte Jirmijah in seiner Kammer saß und mit banger Seele an Baruch und sein verwegenes Unterfangen dachte, stand plötzlich Obadjah, der älteste Bruder, vor ihm. Der Überraschte fand nicht einmal Zeit mehr, seinen eisigen Schreck auszufühlen. Langsam erhob er sich vom Sitz. Er hatte bei der nächtlichen Heimkehr vergessen, den inneren Türriegel vorzuschieben. Entsetzt starrte er Obadjah an, diesen jähzornigen Bauern mit der gereizten Gaumenstimme, den der Lauf der Jahre zum alten Mann gemacht hatte. Obadjahs Bart war lang und grau geworden. Dem Anschein nach hatte er sich zu beherrschen gelernt, denn er richtete den Blick weder grimmig noch feindselig auf den Betretenen. Stumm maßen die Brüder einander. Während dieser Frist überschlug Jirmijah fieberhaft alle Wege, auf denen er sich retten und in Sicherheit bringen konnte. Obadjah aber, der diese Gedanken zu erraten schien, öffnete als erster den Mund:

»Warum verbirgt sich mein jüngster Bruder vor seinen Brüdern? ... Wohl hat er Unbill und wenig Ehre übers Haus gebracht durch seine Umtriebe ... Aber glaubt er etwa, daß gesetzte Vatermänner diese Unehre noch vermehren werden?«

Diese Worte waren trotz des Tadels recht freundlich gesprochen. Überdies enthielten sie in Frageform eine heimliche Zusicherung des Schutzes. Aber gerade die Freundlichkeit und selbst die heimliche Zusicherung erfüllte Jirmijah mit Sorge. Die alte offene Gehässigkeit hätte ihn weniger beunruhigt. Er wußte nun, daß ihm der Herr den Segen der Verborgenheit wieder entzog und seine schwachen Kräfte einem alt-neuen Kriege weihte, den er längst schon für überstanden gehalten hatte. Obadjah aber seufzte, als habe sich seine Vorhersage spät aber doch erfüllt:

»Die Welt ist die Welt ... Und ein Vaterhaus ist ein Vaterhaus ...«

Diese Worte hatte der Nachfolger Hilkijahs nicht mehr als ältester Sohn gesprochen, sondern als Vater, als Hilkijah selbst, der für Bestand und Einigkeit eines uralten Vaterhauses in Israel dem Herrn verantwortlich ist. Nicht ohne Staunen erkannte Jirmijah, daß ein beträchtlicher Wesensteil des Vaters in den erstgeborenen Sohn eingegangen war, die ungefüge Art gemildert und sie mit der sinnigen Würde eines Geschlechterhauses erfüllt hatte. Hier stand nicht mehr der ältere Bruder allein, sondern der Mann, der das Erbamt des Vaters innehatte, und Jirmijahs Seele war sogleich bereit, sich zu bücken und in gebotener Ehrerbietung zu fügen. Und wirklich, er neigte sein Haupt vor dem Bruder-Vater und hielt es gleich einem Reuigen ein wenig gesenkt. Diese Demut gefiel dem Obadjah gar wohl und er nickte wie ein großmütiger Sieger:

»Die Flut hat meinen jüngsten Bruder ausgespien ... Möge er heimkehren in Ebijathars Saal, wo ihm an meinem Vatertisch ein Platz zugewiesen sein wird ... Möge er sein Irrwesen und seine Überhebung erkennen und sich endlich einordnen, dann wird er an Obadjahs Vatertisch auch geborgen sein ... Wahrlich, lieber will ich dich mit meinen eigenen Händen erdrosseln, als deinen Verfolgern preisgeben ...«

Die Würde des herrschenden Vatertums hatte den plumpen Wortschatz Obadjahs auffallend verfeinert, wie diese wohlgesetzte Rede verriet, nach deren Beendigung er die Schultern des Heimgekehrten leicht berührte und dann noch hinzufügte:

»Wohlan! Möge vergessen sein, was vergessen werden kann!«

Die zu Tod entsetzte Mutter tauchte hinter Obadjah auf. Sie sandte beschwörende Gebärden zum Jüngsten hin. Dieser lächelte angestrengt, hob die Arme, ließ sie sinken, hob sie wieder und zog den ältesten Bruder endlich in eine schwach angedeutete Umarmung, die den Friedensschluß besiegeln sollte.

Bereits bei der Abendmahlzeit saß der vom Herrn über Könige und Völker eingesetzte Künder still und bedrückt am alten Vatertisch in Ebijathars Halle, und zwar auf demselben Platz, den er als Knabe eingenommen hatte. Wiederum erfüllte sich an ihm das geheimnisvolle Gesetz der Aussonderung, das die Heimat zur eigentlichen Fremde machte und die Nächsten zu den Fernsten. Während seiner Weltfahrt hatten sich die Antlitze in diesem Hause vermehrt und verändert. Die der Herangewachsenen erkannte er kaum wieder. Mocheleth, die nun den Rang der Gebieterin unter den Frauen einnahm, war grau geworden wie ihr Gemahl. Doch während Obadjah im Vollgefühl, das Oberhaupt eines großen Geschlechtes zu sein, sich der neuen Geschliffenheit aufmerksam befleißigte, erwies sich Mocheleth noch häßlicher und bitterer als früher. Ihre Augen sprühten von bösem Willen und sie konnte selbst angesichts der speisenden Männer ihre Stimme nicht beherrschen, keifte mit den Kindern und fuhr sogar einmal gegen die Altmutter des Hauses bissig los, die aber solche Ausbrüche friedfertig hinnahm, ohne zu antworten. Die Heimkehr Jirmijahs schien Mocheleths Herz außer sich gebracht zu haben wie eine tödliche Enttäuschung. Er fühlte den brennenden Haß, der ihr Gesicht bis zur Qual verzerrte. Sie machte nicht den geringsten Versuch, ihre Erbitterung vor ihm zu verhehlen. Wenn Jirmijah auch immer gewußt hatte, daß Mocheleth ihn nicht leiden konnte, so war er doch jetzt über diesen, wie er meinte, grundlosen Haß tief bestürzt. Sua hingegen, Joels Weib, fett und gleichgültig geworden, sah ihn noch immer unausgesetzt mit der dumpfen Neugier der alten Tage an, das Auflachen mühsam verbeißend. Auch die neuen Gesichter der zahlreichen Kinder betrachteten den berüchtigten Oheim lauernd, dessen Name im Hause Hilkijahs zum Greuel geworden war. Die Blicke der Älteren streiften ihn mit überheblicher Musterung wie ein gefesseltes Ungeheuer, dessen Aussehen die Erwartungen enttäuscht. Die kleineren Knaben und Mädchen drückten sich scheu und rasch an ihm vorbei, als sei er eine verbotene und verunreinigende Erscheinung.

Die Männer Obadjah und Joel aber erlebten einen herrlichen Abend der Genugtuung. Der Entgelt für jenen ärgerlichen und unvergessenen Augenblick war gekommen, da ein König durch seine Boten einen verstockten Nichtstuer berufen hatte, anstatt ehrsam werktätige Männer auszuzeichnen. Bis auf den heutigen Tag war diese Wunde der Eitelkeit nicht vernarbt. Selbst Joel, der Weltgewandte, entblödete sich nicht, vor den Frauen und Kindern über den ohnmächtigen Gottesfreund ein Wetter von platten Belehrungen, Mahnsprüchen und Völkerweisheiten in mehreren Zungen niedergehn zu lassen. Das unstete Reiseleben hatte dem Länderfahrer übrigens besser angeschlagen als dem Landwirt sein stetiges Schollenleben. Joel war jung und beweglich geblieben und hatte nichts von seiner kundigen Schlagfertigkeit eingebüßt. Beide aber, Obadjah und Joel, erlagen an diesem Abend, durch Jirmijahs Schiffbruch trunken gemacht, dem hitzigen Triebe der Prahlerei und des Herabsetzens, darin sie einander überboten. Mit großem Behagen priesen sie ihre Werke und Taten als die einzigen gottgefälligen Taten und Werke, die der Mensch auf Erden zu verrichten hat. Es begann mit Obadjahs gesalzenem Viehfutter, seiner eigensten Erfindung, die heilsamer für Volk und Land wirke als alles Wortewesen, habe es doch die Herdenzahl verdoppelt und das Fettgewicht sogar verdreifacht. Was täten all die gelehrsam Müßigen im Tempel und anderswo, würde nicht durch Obadjahs rüstige Unermüdlichkeit auf den Hügeln von Anathot süße Milch gemolken und feine Wolle geschoren? Joel nickte gnädig zu dieser Wahrheit und erweiterte sie durch die Feststellung, daß die süßeste Milch versaure, die feinste Wolle verderbe, jede Hervorbringung der Erde wieder unterginge, gelänge es nicht auf mutvollen Fahrten seinen Sprachkenntnissen und Überredungskünsten, den Überschuß des Erzeugten an den zögernden Mann zu bringen. Dies sei der wahre und wirkliche Kreislauf des Erdsegens, wie es ähnlich in einem Priesterliede des Tempels von Esagilla gesungen werde. Darüber hinaus fordere der Herr nicht mehr als eine wackere und ja nicht überhitzte Frömmigkeit, das heißt ein ordnungsgemäßes Darbringen der rechtzeitigen Opfer und Gebete sowie die gebräuchliche Einhaltung der wichtigsten Feste und Gebote. Alles andre aber, was diese schlichten Grenzen überschreitet, habe als dreistes Übel zu gelten, insonderheit das unberufene Lauschen auf Raunungen, für deren redliche Tatsächlichkeit kein Beweis geführt werden könne. All dies entspringe nur der trunkensten Ehrsucht und führe zum Abgrund, was das traurige Heimfinden eines Gescheiterten und Verfolgten klar erhelle, der nun erbarmende Zuflucht bei jenen suche, die er an Geist und Rang hoch zu überragen vermeinte. Joel und Obadjah ermahnten die Jugend an ihrem Tische immer wieder, aus dem Beispiel dieser Niederlage eine fromme Lehre fürs Leben zu ziehen.

Der reife Mann Jirmijah mußte diese Prahlereien und diese Herabwürdigungen durch die Ewig-Rückenwendigen still entgegennehmen. Sie trieben ihm nicht mehr das Blut in den Kopf wie in jungen Jahren. In vollkommener Demut hörte er die Brüder an und erwiderte nichts. Damit gab er den Frauen und Kindern eine Lehre im Ertragen von Ungerechtigkeiten. Diese aber verstanden nichts und verachteten ihn für sein Schweigen, das sich in ihren Augen zur Schuld bekannte.

Jirmijahs friedfertiges Schweigen aber reizte vor allem Joel, der seine Beredsamkeit gerne an einem Widerspruch entzündet hätte. Der Heimgekehrte verharrte wortlos, bis den Männern der Brennstoff ihrer Genugtuung ausgegangen war, dann erst hob er die Augen und sagte:

»Ich ehre die Arbeit meiner älteren Brüder ... Möchten sie mich doch in dieser Arbeit freundlich unterweisen, daß Jirmijah Versäumtes lerne von ihrem Wissen ...«

Diese bescheidene Bitte überraschte die Brüder, machte sie stutzig und unsicher. Sie wechselten untereinander und mit ihren Frauen Blicke wie Kaufleute, die hinter einem billigen Angebot einen ausgepichten Betrug wittern.

   

In den nächsten Tagen führten die Brüder und deren älteste Söhne Jirmijah über Feld, damit der aus der Art Geschlagene den Segen ihrer Arbeit betrachte. Seit seiner Knabenzeit hatte der Heimgekehrte diese Äcker, Weiden, Weingärten, Ölwäldchen, Meiereien, Mühlen und Hürden nicht aufgesucht, die das große Besitztum seines Vaters bildeten und deren dritter Teil sein eigenes Erbe war. Und Jirmijah erkannte, daß der Fleiß der älteren Brüder den Wohlstand gesteigert und ihn selbst damit zum reichen Manne gemacht hatte, obwohl er mit zerrissenem Mantel und Leibrock in das Gemach der Mutter getreten war. Seit Hilkijahs Tode hatte er kaum ein einzigesmal von seinem Anteil gefordert, lebte er doch an Josijahs Hof und als Lehrer Mathanjahs ohne Sorgen. Es widerstand seiner Seele, zu den Begüterten der Welt zu gehören, die allesamt ohne Erbarmen und fern dem göttlichen Geiste waren, wie das Beispiel Obadjah und Joel bewies. Es widerstand aber auch seiner Seele, sich des ihm gebührenden Erbes zu entäußern, das ein heiliges Erbe im Lande des Herrn war. Auf jeder Scholle dieser Erde ruhte ein weithinzielendes Vorhaben Gottes, dem sich niemand durch Preisgabe von dieser Pflicht entziehen durfte. Freilich, ihn, Jirmijah, hatte der Herr von dieser Pflicht namentlich ausgenommen, da er ihm verbot, Weib und Kinder zu haben. Denn bedeutungslos ist das Erbe eines Mannes, der keinen Sohn besitzt, um ihm dieses Erbe weiter zu vererben.

Jirmijahs Gedanken schwankten. Er wußte nur zu gut, daß Obadjahs und Joels beunruhigende Freundlichkeit auf der Hoffnung beruhte, der erste mißlungene Versuch des Erbkaufes werde jetzt zu einem erfolgreichen Ende führen. Als ein auf Tod und Leben Verfolgter war der jüngste Bruder heimgekehrt, als ein Mann, der bedingungslos der Gnade seiner Brüder ausgeliefert ist. Sein Leben war keinen Augenblick lang in Sicherheit und seine Gegenwart brachte das ganz Haus Hilkijahs in Gefahr. Auf diese Tatsache wies Joel immer wieder hin, und Obadjah, das Würdenhaupt, fügte nicht ohne Salbung hinzu, daß keiner daran denke, einen reuigen Blutsverwandten den haussuchenden Schergen gebunden zu übergeben. Es war klar, daß Jirmijah durch all diese Reden, die ihn seiner Hilflosigkeit immer wieder versicherten, gefügig und mürbe gemacht werden sollte.

Mocheleth, die Häßliche, aber schien sich mit der Milde der Männer nicht abfinden zu wollen. Sie überwand sich nicht einmal dazu, Jirmijahs Friedensgruß zu erwidern, und kehrte, wenn er am Vatertisch erschien, mit einem Ruck ihren Kopf ab. Vermutlich hatte sie gehofft, der dritte Bruder sei für alle Zeit verschollen und habe den Tod gefunden. Sie selbst besaß drei Söhne, unter welche sie Jirmijahs Erbe in Gedanken längst aufgeteilt hatte. Jetzt aber war zu ihrem Entsetzen dieser Hassenswerte wieder aufgetaucht, nur um ihre Hoffnungen, ja Gewißheiten höhnisch zunichte zu machen. Diese täppischen Männer, Obadjah, der Einfältige, und Joel, der Schwatzhafte, ahnten ja nicht, daß jeder mit Jirmijah gestiftete Bund hinfällig war, wenn der göttliche Machthaber des Unheimlichen ihn zu widerrufen beliebte. Mocheleth aber wußte dies und sie wußte auch, daß Jirmijahs Machthaber trotz aller Opfer und Gebete gegen sie und die Ihrigen den gehässigsten Sinn hege und niemals einen ungünstigen Entschluß über Abis jüngsten Sohn treffen werde. Die Männer in ihrem verschlossenen Erdensinn versahen sich dessen nicht. Mocheleth war inbrünstig davon überzeugt, daß einzig Jirmijahs Tod die mißgünstige Kraft des überirdischen Partners lösen und ihren Söhnen das Erbe sichern könne. Wenn man das Gefäß der Gottheit zerschlägt – glaubte diese irrende Tochter Israels –, so macht man dadurch die Gottheit selbst obdachlos und bannt ihre schädigende Gewalt. Mocheleth war demnach neben Abi die einzige in diesem Hause, die von dem wahrhaftigen Umgängertum Jirmijahs tief durchdrungen war. Dieser aber schaute während der Mahlzeit keinen so oft und so aufmerksam an wie die häßliche Schwägerin. Sie errötete dann bis zu den grauen Haarwurzeln, die unter ihrem Kopftuch hervorlugten. Die wissenden Blicke verwirrten sie und steigerten ihren Haß bis zu einer Art närrischer Fieberkrankheit. Jirmijahs Augen verfolgten sie überall. Sie hätte oft aufschreien mögen ohne Grund.

Als Jirmijah erkannte, daß sich das begehrliche Herz seiner Brüder von Tag zu Tag stärker nach seinem Erbe verzehrte, da neigten sich die schwankenden Gedanken einem Entschluß zu. Und er gedachte, dem Wunsch der Habgierigen zu willfahren und damit den Frieden für ein Gebiet seines Lebens wenigstens zu erkaufen. Wenn Jirmijah auch vor der unersättlichen Habsucht der Reichen Abscheu empfand, so liebte er doch Armut und Elend ebensowenig. Allzu genau wußte er, daß die Notdurft des Leibes die Gottesgedanken nicht fördert, sondern vertreibt. Nur das freiwillige Fasten kann mitunter die Undeutlichkeit Zebaoths ein wenig klären, das unfreiwillige niemals. Er wollte daher von seinen Brüdern fordern, was recht und billig war.

Seiner Mutter aber verschwieg er noch diesen Entschluß, denn niemals hätte sie darein eingewilligt, daß der Jüngste sich seines Vatererbes begebe. Nach einem Sabbathmahl begannen Obadjah und Joel endlich mit verlegenem Geräusper von dem zu sprechen, was ihr Herz bedrängte. Sie priesen ihr feinfühliges Verhalten dem Verfolgten gegenüber und daß sie seit dessen Heimkunft keinen Sabathfreund und Gottesgast mehr an den Tisch zögen, um den Jüngsten nicht zu gefährden. Jirmijah hörte aufmerksam zu und ließ sie reden, bis sie unter seinem beengenden Blick zum Gegenstand ihrer Wünsche gelangten. Großmütig erklärte Joel, daß der jüngste Bruder durch käufliche Abtretung des Erbes sein Vaterhaus nicht verlieren, sondern recht eigentlich erst gewinnen werde, zumal wenn er sich aller törichten Wirksamkeit enthalten wolle. Zur großen Überraschung der Begehrlichen nickte Jirmijah zum Beweise, daß er das Anerbieten der Männer nicht ausschlage. Obadjahs ernste Vaterwürde konnte kaum die Freude verhehlen. Am nächsten Tag schon sollte nach seinem Vorschlag der gerechte Kaufpreis des Erbes durch Vertrauensleute ermittelt werden. Jirmijah enttäuschte diese stürmische Begeisterung: Eine Botschaft sei unterwegs, die über seine Zukunft entscheide. Diese habe er vorerst abzuwarten, ehe der frisch gefaßte Entschluß in gültige Form gebracht werden könne. Es war immer dieselbe Not mit diesem Menschen. Da man ihn schon festzuhalten glaubte, entschlüpfte er. Obadjahs Gesicht verzerrte sich unter dieser Enttäuschung. Er drohte die neuerworbene Fassung zu verlieren. Der Handelsfahrer aber beruhigte den Ältesten durch ein Zwinkern.

»Ein geduldiges Feuer macht den Tonkrug fester«, sagte er mit den richtigen Kehllauten in der Sprache Arams.

Am Tage darauf ging Jirmijah einsam übers Feld. Eine schmerzhafte Unrast trieb ihn, sein Erbteil, das bisher so wenig Bedeutung für ihn gehabt hatte, noch einmal zu durchmessen. Seinem Herzen wurde es schwer, Abschied von einem niemals besessenen Besitz zu nehmen. In wunderlicher Trauer schlenderte er die Pfade und die Raine dahin, die zwischen den Äckern liefen. Er lenkte seinen Schritt nachdrücklich über die weiche Erde, als wolle er liebevoll Fühlung mit ihr nehmen. Und die Erde wölbte sich ihm freudig entgegen. Ein frischer Wind eilte leichtfüßig über die Stoppelfelder und erfüllte die Welt mit würzigem Sausen. Die Zeit der neuen Aussaat war gekommen. Überall zog der grobe Holzpflug seine Furchen durch den Acker. Die Rindergespanne trotteten breit. Der Pflüger drückte die Pflugschar in die Ende, ehrgeizig darauf bedacht, daß sich die Furche schnurgerade einschneide. Hinter dem Pflüger ging der Sämann und warf das Saatgut aus. Frauen und Kinder folgten gebückt und häuften mit ihren Händen das Erdreich über den kostbaren Samen. Die weiten Felder Hilkijahs waren voll von pflügenden Bauern. Diese Bauern aber waren nicht freie Männer und Weiber, vollgültige Brüder und Schwestern, die dem Herrn aufrecht dienten, sondern Leibeigene und Froner, Gekaufte und Verkaufte. Sie gehörten mit Leib und Leben ihren Grundherren, die da waren Obadjah und Joel und Jirmijah. Sie wurden auf eigenen Märkten feilgeboten und ihre ausgemergelten Körper trugen Brandmale oder andre Zeichen der Sklaverei. Der Herr hatte Jakob aus Ägypten, dem Hause der Knechtschaft, befreit, damit diese Kinder Jakobs in ihrem eigenen Hause der Knechtschaft verfielen. Zwar war in seiner Lehre für diese Armen und Elenden gesorgt und sein Wort erging immer wieder zu ihren Gunsten, doch wurde ja von den Reichen Jehudas keine der Weisungen unverschämter in den Wind geschlagen als gerade diese. Der Anblick der Fronsklaven auf den Äckern, die auch die seinen waren, durchzuckte Jirmijah mit Schreck und Scham. Er, der von den Königen kühn die Erfüllung der Lehre forderte, hatte mit feige geschlossenen Augen auf seinem eigenen Grunde die Nicht-Erfüllung des hohen Gebotes geduldet. Wenn der Tag der Verrechnung kam, stand er nicht reiner da als Obadjah und Joel und mußte sich als ein Mitschuldiger selbst verdammen. Der Wind wehte von überall her die klagenden Gesänge der Leibeigenen und häufte sie vor Jirmijah zusammen, dessen Schritte immer müder und zögernder wurden. Da tauchte eine der unwürdigen Hütten auf, die sich die Elenden aus Lehm und Häcksel zusammenbacken. Vor dieser Hütte war ein Häuflein von Fronweibern um einen alten Mann bemüht, den Schwäche, Gebrechlichkeit oder die Krankheit des Todes niedergestreckt hatten. Eine stämmige Frau versuchte dem Ohnmächtigen einige Tropfen Milch einzuflößen. Jirmijah trat hinzu. Er hockte nieder, nahm den Kopf des Erkrankten auf seinen Schoß und legte ihm die Hand auf die kaltfeuchte Stirn. Der Bewußtlose kam rasch zu sich. Sein verwittertes Runzelgesicht starrte Jirmijah aus leeren Augen an. Plötzlich aber flog ein matter Schein freundlichen Erkennens über die steingrauen Züge. Vielleicht hatte der Greis den träumerischen Knaben in alten Tagen beobachtet, wenn er durch das weite Anwesen des Vaters mit verlorenem Blick dahingestapft war. Seine Hände versuchten, den jüngsten Sohn Hilkijahs zu streicheln und seine erloschene Stimme röchelte: »Sehet, dies ist der gute Herr ... Dies ist der gute Herr, der seinen Knechten wohlgesinnt ist ... Oh, mein guter Herr, neun Siebenjahre diene ich dir schon und bald beginnt ein neues Siebenjahr ...«

»Ein neues Siebenjahr«, wiederholte Jirmijah mit fahlen Lippen. Die Weiber aber ringsum lachten und blinzelten ihm zu: »Er zählt und zählt und zählt ...« Das Auszählen der Sabbathjahre, das Gedenken des Lehrgebotes, all das erschien ihnen nur mehr als die närrische Ausgeburt eines Greisenherzens. Sie hatten längst schon den Wunsch verlernt, frei zu sein. Jirmijah schenkte sogleich dem Kranken die neuen Kleider, die er von seiner Mutter empfangen hatte. Er wußte, daß sie ihm, wenn man ihn nicht beraubte, nur noch als Tachrichim dienen konnten. Auch die goldene Armspange Josijahs, ein heiliges Angedenken, das er immer trug, verschenkte er. Zum ärgerlichen Gespött seiner Angehörigen kehrte er beinahe bloß, nur mit seinem Hüftschurz bekleidet, in das Haus zurück.

   

Die Brüder mußten ihre Gier nach dem Erbe des Dritten noch einmal bändigen. Denn es geschah, daß Jirmijah für längere Zeit verschwunden blieb.

Eines Nachts war Baruch vor seinem Kammerfenster erschienen. Sie sperrten sich sogleich in ihren alten Fuchsbau ein. Der Jünger schien unverletzt allen Gefahren entronnen zu sein. Die Buchrolle aber trug er nicht in seiner Hand.

»Verbrannt hat der König das Werk meines Meisters ...« Mit diesen Worten begann Baruch den Bericht über seine Abenteuer.

»Deine Worte zum Abschied«, sagte er, »haben mein furchtsames Herz gekräftigt und ich zitterte nicht ...«

Trotz dieser Behauptung aber spürte Jirmijah den Nachhall der überstandenen Menschenfurcht aus seiner Erzählung:

Die Schaffansöhne verfügten über ein großes Lehrgemach im Tempel, an das einige kleine Lernzellen stießen. Nach vorheriger Verabredung mit Baruch hatten sie am vergangenen Sabbath in diese ihre »Schaffanshalle« etwa hundert Männer eingeladen, lauter wohlgesinnte Fromme und Gottesfreunde, die Ohren besaßen, zu hören. Baruch wurde in ihre Mitte geführt, damit er aus Jirmijahs Buch vorlese, das kein nur menschliches Schriftstück war, sondern eine Fortführung des vom Herrn an Israel seit eh und je ergehenden Wortes. Der Jünger gestand dem Meister, daß vor Erregung ihm die Stimme versagt und er die ersten Zeilen nur wie ein Erstickender habe hervorbringen können. Das Wort Adonais sei wie ein brennendes Feuer in seinem Halse gewesen. Erst nach und nach habe sich Stimme und Leib diesem brennenden Feuer angepaßt.

Die Wirkung aber der nur von einer Jüngerstimme vorgelesenen Gottessprüche war so unermeßlich, daß Ahikam und seine Söhne davor ins Herz erschraken. Nach einer Donnerpause des Entsetzens warfen sich die Versammelten wie ein Mann auf den Boden, den sie mit ihren Stirnen zu schlagen begannen. Sie waren alle mit einemmal der unendlichen Kette der Verfehlungen, der erschöpften Langmut und des unabwendbaren Unterganges gewiß. Ein großes Heulen und Zähneklappern hub an, das in verzweifeltes Weinen und schließlich in herzzerbrechendes Bittflehen überging, das, nach Baruchs Hoffnung, unbedingt vor dem Herrn niedergefallen war. Ahikam und seine Söhne ließen diese Erschütterung ruhig ausklingen. Dann aber machte sich der geistesgegenwärtige Micha den Mut der allgemeinen Zerknirschung zunutze, indem er vorschlug, keinen Augenblick zu versäumen, hinabzusteigen in die Amtspaläste der Hofburg und die Obrigkeit von dem geschriebenen Buche in Kenntnis zu setzen, das an Wucht der großen Wiederfindung Gottes unter Josijah beinahe gleichkam. Die gepreßten Gemüter der hundert Hochwürdigen stimmten mit aufgehobenen Händen zu. Furchtlos und ohne Verzug sollte der König zur aufrichtigen Umkehr gezwungen werden. Nicht eine brüllende Horde aufgehußten Volkes begab sich mit Micha und Baruch in die Hofburg, sondern eine schweigsame Schar vornehmer Weißbärte, unter denen jeglicher Namen und Rang in Jerusalem besaß und von der königlichen Behörde nicht mißachtet werden durfte. Im Amtspalaste des neuen Staatskanzlers Elischama wurde die Abordnung auch sogleich empfangen. Micha, der sie führte, befahl Baruch, vorerst in einem Nebengemache zu warten. Dort wollte ihm die herzklopfende Zeit nicht vergehn, als endlich ein jüngerer Mann erschien, um ihn vors Angesicht der Großen des Reiches zu holen. Dieser hübsche Mann hieß Jehudi, Kuschis Sohn, war der erste Vorleser des Königs, und seine Augen ruhten freundlich auf Baruch. Wie wohl tat ihm die Freundlichkeit von Jehudis Augen in der Not dieser Stunde!

Als er aber dann in Elischamas Kanzlergemach vor den eiskalten Würdenträgern stand, da wurde ihm sogleich wieder schwach und elend zumute. Einer von ihnen hatte sein nacktes Schwert vor sich auf den Beratungstisch geworfen und saß mit verschränkten Armen da. Es war Elnathan in Person, Jojakims Schwager und Freund, die Quelle der Gewaltherrschaft. Angesichts dieses regungslosen Eisenfressers beschlichen Baruch die kläglichsten Fluchtgedanken. Doch Elnathan gerade sollte die große Überraschung dieser Stunde werden.

Elischama hieß mit überlegener Höflichkeit den Jünger niedersitzen und mit dem Vortrag der gottentflossenen Schrift beginnen. Der Anfang fiel Baruch noch schwerer als das erstemal. Ihm war's, als müsse er innehalten oder die Sinne verlieren. Durch den Schleier seiner tödlichen Erregung sah er die Blicke der Großen ernst und aufmerksam auf sich gerichtet. Die Augen Elnathans aber durchbohrten ihn mit ihrer Aufmerksamkeit. Da wußte Baruch, daß der ganze Weltlauf von der Kraft seines Mundes abhänge. Dieser Gedanke machte seinen Kopf kühl und verjagte alle Furcht. Sein Leben galt ihm nichts mehr, der geistige Sieg über diese Männer alles. Und er erhob seine Stimme und versuchte in sie jene bannende Gewalt zu legen, mit der sein Meister in gefahrvollen Augenblicken den Gegner zu lähmen wußte. Und ein einzigesmal in seinem dienenden Leben ließ der Herr die Nachahmung des Unnachahmlichen gelingen. Baruch schloß mit der Verkündigung des Unterganges und der Verbrennung Jerusalems durch Nebukadnezar. Die Beifügung aber »mein Knecht«, diese entsetzliche Kränkung Israels, schmetterte er unerbittlich und furchtlos in den Raum.

Keine Hand fuhr an die Waffe, den Frechen zu züchtigen. Stumm und gesenkten Hauptes saßen die Oberen da. Elnathan aber sprang auf und schleuderte sein Schwert in einen Winkel. Dann wandte er sein schmerzverzerrtes Gesicht ab, um es vor den Männern zu verbergen. Seine Bestürzung über solche noch niemals vernommenen Worte war unter allen Hörern die größte. Er preßte die Hände gegen die schwellenden Schläfenadern und aus seiner Brust drang es wie ein ungefüges Ächzen:

»Dies muß der König hören!«

Elischama aber richtete an Baruch die verfängliche Frage:

»Sage uns doch, wie du all diese Worte niedergeschrieben hast?«

Der Jünger hatte lange geschwankt, den Namen des Meisters preiszugeben. Jetzt aber wäre ihm jede Lüge niedrig erschienen. Er verriet die wahre Entstehung des Werkes der Verborgenheit:

»Mit seinem Munde sprach Jirmijah all diese Worte, und ich schrieb sie mit Tinte in dieses Buch ...«

Elnathan raffte seinen Mantel um die Brust und drängte:

»Zum König! Zum König! Wer will da noch zögern?!«

Jehudi aber, der erste Hofvorleser, erhob seine Stimme gegen einen solchen Überfall. Man müsse einen günstigen Augenblick abpassen, dann aber das Buch nicht durch einen Fremden, der nur Jojakims Ärger erregen würde, sondern durch einen Vertrauten zum Vortrag bringen. Der kluge Rat Jehudis fand den Beifall der Mehrheit, und auch Elnathan schickte sich endlich in die Vorsicht. Als nach dieser denkwürdigen Stunde die Männer auseinandergingen, nahm Jehudi Baruch zur Seite und warnte ihn:

»Geh und verbirg dich, du und Jirmijah, damit niemand wisse, wo ihr seid!«

Baruch fand geheime Unterkunft im Hause Gedaljahs. Hier war er sicher. Nur Jehudi wußte von seinem Aufenthalte. Einen endlosen Tag lang mußte er warten. In der Nacht erschien Jehudi endlich in Gedaljahs Haus. Und nun erst erfuhren Baruch und die Schaffansöhne durch des königlichen Vorlesers Mund, was sich mit Jirmijahs Werk ereignet hatte.

Es war nicht leicht gewesen, den König ausfindig zu machen. Jojakim pflegte in letzter Zeit mehrmals am Tage seinen Wohnort zu wechseln. Dies tat er nicht nur aus Angst vor Mord, sondern auch aus Furcht, zu Entscheidungen gezwungen zu werden. Aus dieser Furcht hatte er die Gesandtschaft Pharaos unverrichteter Dinge abreisen lassen und der Gesandtschaft Babels keine Antwort erteilt. Dieser König der Gewalt, der mit seiner schneidenden Stimme das Volk hinzureißen vermochte, war seit Jirmijahs Weissagung nicht mehr fähig, den geringsten Entschluß zu fassen. Ganze Tage verbrachte er jetzt in seinen Mischküchen oder wälzte sich auf den Ruhelagern seiner Glanzgemächer. Elnathan und die Männer, die mit ihm waren, ertappten den König, der sich verleugnen ließ, in einem dunklen Zimmer des neuen Winterpalastes. Jojakim saß fröstelnd vor einem Kohlenbecken, in dessen Glut er unbeweglich starrte. Seine spindeldürren Beine hielt er aneinandergepreßt und die knochigen Hände fuhren manchmal wie beschwörend über den duftenden Brand. Elnathan meldete mit erregter Stimme, daß im Tempel ein gotterfülltes Buch aufgetaucht sei, dessen menschliche Fassung von Jirmijah aus Anathot stamme. Seine Herrlichkeit möge die Verlesung anbefehlen. Der König fuhr bei diesem Namen merklich zusammen und musterte Elnathan, den grimmigsten Verfolger der Propheten, mit einem fassungslosen Blick. Dann versuchte er nach Art aller Mächtigen, das unerwünschte Wort zu überhören und ein ganz entlegenes Gespräch anzuknüpfen. Es gelang ihm nicht. Für Elnathan, den Kriegsfürsten, der mit Jojakim Verrat, Gewalt und Sünde von Anfang an geteilt hatte, war eine sehr ernste Stunde angebrochen. Er hatte sein Gewand mitten durchgerissen und sich Schnitte der Trauer und Reue im narbigen Antlitz beigebracht.

Jojakim wand sich vor Unbehagen. Doch durfte er, der Furchtgebietende, Furcht zeigen, und gar Furcht vor Worten? Elnathan stand unnachgiebig vor ihm. Da erhielt Jehudi durch eine kleine, mißwillige Gebärde den Auftrag, die verfluchte Rolle zu entfalten. Wohltönend klang die Stimme des königlichen Vorlesers. In Schönheit bildete er das Wort des Herrn, doch sein Feuer verbrannte ihn nicht. Jojakim schämte sich vermutlich seines Nachgebens. (So meinte Jehudi dann zu Baruch.) Er ließ die Augen in gespielter Zerstreutheit von einem zum andern schweifen. Manchmal erhob er sich von seinem Sitz, wandelte hin und her und sprach sehr laut mit den Kämmerern. Dann wieder saß er still und schien endlich durch das vorgelesene Wort gepackt zu werden. Doch Elnathan, der schon in die Berührbarkeit des Königs Hoffnung gesetzt hatte, wurde bitter enttäuscht. Nicht brach Jojakim in Tränen aus, nicht zerriß er sein Gewand, nicht verging er in Reue. Hatte Jehudi eine der dichten Buchspalten, die man »Türen« nennt, zu Ende gelesen, dann ließ sich der König die Rolle reichen, trennte mit einem Schreibermesser die Spalte ab und warf sie nachlässig ins Kohlenbecken, das aufflammte. Konnte danach noch ein Spötter behaupten, Jojakim sei feige? Elnathan aber winkte nach jeder Verbrennung unerbittlich dem Jehudi zu, fortzufahren. Dieser las ruhig weiter, bis wiederum eine Türe zu Ende war, der es nicht besser erging als den früheren. Da Jehudi keinen Satz ausließ, währte es mehrere Stunden, bis das Werk der Verborgenheit in Flammen aufgegangen war. Als aber die letzte Türe verloderte, machte Elnathan zwei schwere Schritte auf den König zu und stieß das Becken mit dem Fuße um, daß Jojakim aufschrie, die qualmende Kohlenglut weit umhersprang und die Kämmerer sie ersticken mußten. Der Kriegsheld maß seinen Gebieter traurig eine Weile lang, drehte sich um und ging ...

Jirmijah bedeckt seine Augen mit den Händen. Ein salziger Schmerz steckt ihm in der Kehle. Er leidet um das mühevolle Werk unzähliger Tage und Nächte. Nichts andres tut ihm jetzt wehe als das rein herausgelauschte Wort, das für immer verloren ist. Er hört kaum mehr Baruchs Bericht über die wütenden Maßnahmen des Königs, sich seiner zu bemächtigen. Die schärfsten Spürhunde sind ausgesandt, um ihn und Baruch zu ergreifen. Die neue Verfolgung macht einen neuen Zufluchtsort notwendig. Kaum hat Jirmijah dieses begriffen, als es wie ein Blitz durch seinen Geist fährt: Gib dich nicht geschlagen! Der Herr will, daß sein Wort nicht verloren sei. Schreibe es ein zweitesmal nieder vom Anfang bis zum Ende! Dieser Entschluß befreit ihn.

Die Mutter wußte guten Rat. An der nördlichen Grenze des Anwesens gab es ein verlassenes Vorwerk im brachen Feld, eine verfallene Hütte, wohin sich nur selten eine Seele verirrte. Ein sicheres Versteck, da die umwohnenden Froner, die Jirmijah liebten, ihn leicht vor jeder Gefahr warnen konnten.

Dieses Vorwerk wurde zum Zufluchtsort, wo Jirmijah und Baruch in neuer entsagungsvoller Arbeit das Wort Adonais noch einmal auf einer reinen Papyrusrolle festbannten.

   

Zum zweitenmal wurde das Werk der Verborgenheit in treuer Erinnerung und Wieder-Vergegenwärtigung vollendet. Der Herr zeigte sich günstig und neue Raunung stattete sein Wort noch reiner und reicher aus. Auch hielt er den Arm über seine Arbeiter, so daß es nicht einmal den Brüdern gelang, sie auszuforschen, geschweige denn ihren Verfolgern, die mehrere Streifungen auf den Hügeln von Anathot veranstalteten. Dann schien Jojakim der vergeblichen Versuche, sich seines Feindes zu bemächtigen, wiederum müde zu werden. Das geweissagte Verhängnis kam näher und forderte von dem Düftemischer tägliche Entscheidungen, vor denen er sich in seinen Küchen versperrte. Auf Schwäche und flüchtigem Gelingen war die Gewalt errichtet, der erste Stoß brachte sie ins Wanken. Der Großherr von Babel, dieser nichtsahnende Knecht Gottes, stand mit seinem Heer vor Damaskus im Lande Aram. Die Völker ringsum hatten seine Botschaft, »Babels Frieden«, nicht begriffen und sie für ein Eingeständnis kraftloser Ohnmacht gehalten. Denn die Rückenwendigen all, die sich trunken in jede Verknechtung schicken, verachten die Milde als Schwäche. Mardukh, der sich zum Bauherrn der Welt aufwarf, mußte sich daher zuerst als ihr Feldherr bewähren. Dichte Reiterscharen mit Kegelhelmen tauchten überall vor den offenen Städten Jehudas auf, durch ihre warnende Gegenwart jede kriegerische Vorbereitung im Lande verhindernd. Eine Stimme ging um und gelangte selbst in Jirmijahs Einsamkeit, daß Mardukh, der Herr des Nachthimmels, von Jojakim gefordert habe, jede Beziehung zur Sonne von Noph abzubrechen und Babels König als höchsten Oberherrn bedingungslos anzuerkennen. Die Antwort Jojakims aber war nicht bekannt geworden.

Nun lief der rauchige Herbstwind wieder durch die Felder. Die Weinlese war vorüber und das Jahr ging zu Ende, das vorletzte der Jahreswoche, und nun sollte der Sabbath des großen Sonnenumlaufes anbrechen, das Jobeljahr des Freilasses, das alle Leibeigenschaft aufhebt und das Lehen des Eigentums dem wahren Besitzer rückerstattet. Da trat Jirmijah eines Tages unvermutet in Ebijathars Halle unter seine Brüder. Er verkündete ihnen, daß er nunmehr endgültig bereit sei, ihren Wünschen zu willfahren und sein Erbteil an sie abzutreten. Sie möchten doch noch vor dem Neujahrsfeste eine Versammlung aller Männer der Sippe anberaumen, damit er vor Zeugen, Schiedsrichtern und Eideshelfern seine Bedingungen nenne, nach deren Erfüllung der Bund sogleich gestiftet werden könne. Joel fragte mißtrauisch, ob es nicht besser sei, alles vorerst in brüderlicher Unterredung zu klären, ehe man die Vettern einweihe. Und er fragte weiter, ob der Jüngste keine Furcht hege, vor halbfremden Männern seine Verborgenheit zu lüften? Jirmijah versicherte, daß er keine Furcht hege, daß er sich nach der Bundesstiftung sogleich fortheben wolle und daß er in allem, was nur ihn und seinen Vorteil betreffe, sich in Ehrerbietung seinen älteren Brüdern beugen werde. Das Wort »Ehrerbietung« tat dem Herzen Obdajahs mächtig wohl. Er winkte Joel großmütig zu und erklärte sich mit der gewünschten Versammlung einverstanden. Das Weib Mocheleth aber, das gerade den Männern die Weinbecher kredenzte, zischte ihrem Gatten zu:

»Dieser Betrüger Adonais wird euch betrügen ...«

Drei Tage vor Neujahr fanden sich in Ebijathars Halle die erwachsenen Männer des Vaterhauses ein, sowie auch alle Vettern, die zu Anathot wohnten. Unter diesen befand sich wiederum der gute Vetter Hanameel, der Knabenfreund des Künders, dessen armes Anwesen an Jirmijahs Erbteil grenzte. Doch auch ein Fremder, von niemandem eingeladen, war erschienen, Schamarjah, der Unverschämte. Welch ein kräftig-gesundes Brot war's doch, »der Arme seiner Stadt« zu sein, der leibhaftige Wechseltisch gleichsam, wo irdische Wohltat gegen göttlichen Lohn eingetauscht wurde, der gestrenge Almosenempfänger, der den Reichen seine selbstbewußte Gunst angedeihen ließ. Achtzig oder fünfundachtzig Jahre, was konnten sie einem stets aufbegehrenden Erzbettier anhaben, dem nicht einmal der König die Tür zu weisen wagte? Rüstig humpelte Schamarjah auf seinen krummen Beinen von Haus zu Haus, und der Pfad war noch nicht ausgetreten, der ihn müde machte. Im Laufe der Jahrzehnte hatte er sich eine hohe Macht über das Haus Hilkijahs erworben. Er verstand Kriecherei und Frechheit meisterhaft zu mischen, so daß ihm der langsame Verstand Obadjahs immer wieder unterlag. Alle fürchteten den unvermeidlichen Sabbathfreund, diesen schlimmen Botschafter aller Schandgerüchte, der, auf sein Gewohnheitsrecht pochend, am Vatertische Platz nahm, ohne zu fragen. Auch Obadjah hatte Furcht vor ihm. Doch da seinem ehrdurstigen Sinne die niedrigste Schmeichelei nicht zu schlecht war, gewährte er Schamarjah Schutz gegen alle Widerstrebenden. Diesmal aber half dem Erzbettier selbst der sippenherrliche Schutz nicht. Jirmijah nämlich handelte äußerst entschieden.

»Gehörst du etwa zu diesem Vaterhaus und zu den Vettern dieser Sippe?« fragte er scharf und packte den Erzbettler bei seinem buntgefleckten Berufsmantel. »Siehe, dann ist dein Ort nicht in Ebijathars Halle, sondern draußen vor der Tür!«

Ein sanfter aber unnachgiebiger Druck beförderte den Alten hinaus, so daß er nicht einmal Zeit fand, eine seiner giftig beredten Wehklagen anzustimmen oder den Schutz seines Patrons zu erflehen. Stille herrschte unter den Männern, von denen die meisten Jirmijahs Entschlossenheit in ihrem Herzen lobten. Obadjah biß die Zähne zusammen und schwieg. Wohl hatte sich der jüngste Bruder ein Herrentum angemaßt, das ihm nicht gebührte, doch war er im guten Recht, wenn er einen ungebetenen Ausspäher fortwies. Jirmijah nützte das tiefe Schweigen aus, wandte sich den Männern zu und begann zu sprechen. Es war das erstemal, daß der Künder, von dessen Namen Jerusalem voll war, seine redende Stimme, die Könige und Priester gebannt hatte, im eigenen Vaterhause erhob. Neugierige Blicke betrachteten den Mißratenen.

»Ihr Männer und ihr Vettern dieses Vaterhauses«, hob er an, »möchtet ihr doch einsichtig entscheiden über das Wort, das ich euch heute vorlege. Glaubet nicht, daß nun ein Gefeilsche um Ackergrenze und Silbergewicht beginnen soll. Was die Gerechtigkeit seiner älteren Brüder ihm anbietet, damit wird der jüngere Bruder zufrieden sein. Eines aber muß vorerst getan werden. Höret doch, der Spruch des Herrn ist ergangen über das ganze Land und damit auch über dieses Haus. Es ist kaum Hoffnung mehr, daß Adonai sich gereuen läßt dieses Volkes. Denn in Greuel und Abfall leben nicht nur die Großen und Kleinen des Landes, sondern selbst priesterliche Vaterhäuser von Eli her. Nicht geachtet haben wir des Sabbathjahres und des Freilasses, verworfen das Gebot und die Lehre. Möge mein Flehen vor euren Ohren Gunst finden, damit ihr diesesmal den Jobel erfüllet, eure Knechte und Mägde mit den gebotenen Anteilen als Brüder und Schwestern freilasset und so den großen Zorn abwendet ...«

Jirmijah hatte mit äußerster Besonnenheit und Sanftmut gesprochen, nicht als heischender Künder, sondern als das bescheidene Mitglied eines priesterbürtigen Geschlechtes, das in verzweifelter Lage beschwörende Worte wagt. Die Wirkung aber war nicht anders, als hätte er als ein Rasender und Verrückter von einer Predigtkanzel blutige Beleidigungen herabgedonnert. Die Männer sprangen von ihren Sitzen auf und überschrien einander mit Wut, Hohn und Gelächter. Obadjah hatte seine graubärtige Vaterwürde abgeworfen und tobte mit gaumigen Schmähungen wider Jirmijah. Joel, der Länder- und Menschenkenner, hielt sich die Stirn, eilte auf Zehenspitzen wie ein Tänzer durch den Saal und lachte schmerzlich in sich hinein: »Ein armer Besessener! Ein gefährlicher Narr von Geburt an!« Alle aber hatten sie einen Herzstich in ihr geiziges Leben empfangen und verhielten sich demnach auch mit Zorn und Wehruf wie Verwundete. Als einziger stand Vetter Hanameel, in Gedanken versunken, abseits dieses Sturmes. Unter all seinen Neffen und Vettern aber fand Jirmijah nicht einen Mitkämpfer. Am schlimmsten trieben es die Jungen. Ihre Empörung über den verdächtigen Oheim kannte keine Grenzen. Nach und nach aber versuchten die Gemäßigten unter den Besitzern, die leeren Zornausbrüche mit guten Gründen zu vertauschen, die sie Adonais und Jirmijahs Forderung spöttisch entgegenhielten. Und es gab wie immer gute und schlagende Gründe wider Gott in Fülle: Mußte man nicht, wenn man gehorsam die alten Sklaven freiließ, anstatt dieser neue Sklaven erwerben? Was änderte sich damit? Seitdem die Welt stand, bebauten Leibeigene die Äcker ihrer Herrschaft. Wer sonst als diese Knechte und Mägde waren von Gott eingesetzt, solche Arbeit zu leisten? Erging es ihnen nicht trefflich? Ließ man sie etwa darben? Bekamen sie nicht Brot und Kleid nach Bedarf? Würde auch nur ein einziger dieser Froner so unbesonnen sein, seine satte Unfreiheit gegen eine hungrige Freiheit einzutauschen? Was aber wäre die Folge, wenn das ganze Land den Jobel einhielte, der übrigens nicht im urzeitlichen Gesetze, sondern in der neulich wiedergefundenen Lehre geschrieben stand? Unordnung, Verwirrung, Aufruhr, das wäre die sichere Folge, Mißgunst und Hungersnot.

Traurig hielt Jirmijah dem Ansturm der Wut und der guten Gründe stand. Es dauerte lange, ehe sich die Aufregung legte und er das Wort seiner eigenen Entscheidung sprechen konnte:

»Mein Flehen hat kein günstiges Ohr gefunden ... Schwer ist mein Herz, weil meine Brüder nicht auf die Seite des Herrn treten wollen ... Ich aber muß dies tun, wenn ich sie darob auch kränke ... Schenket mir doch Frieden, wenn ich auf den Feldern und Weiden meines Erbteils das Gebot des Herrn erfülle ...«

Obadjah hatte sich dicht vor Jirmijah aufgestellt. So groß und stark der Älteste auch war, er zitterte an allen Gliedern und preßte die Faust in seine Weiche, denn bei jeder Erregung litt er an schneidenden Schmerzen in seinen Eingeweiden. Mit gaumigen Lauten murmelte er:

»Und dich habe ich geschont ... und geschützt ... und geduldet ...«

Plötzlich hob er seine Rechte und versetzte Jirmijah einen Faustschlag mitten ins Gesicht. Der Beleidigte aber wich nicht vom Fleck und verbarg nur seine zusammengekrampften Fäuste langsam auf dem Rücken.

   

Nach diesem abscheulichen Vorfall hatten sich die Männer schnell zerstreut. Obadjah war, von heftigen Bauchkrämpfen befallen, fluchend und doch auch reuig zu Bette gegangen. Joel aber hatte trotz des nahen Neujahrstages seine Reittiere satteln lassen, um eine kleine Handelsfahrt nach Ajalon zu unternehmen. Jirmijah blieb mit Hanameel allein in Ebijathars Halle zurück.

»Ich bin arm«, sagte der gute Vetter, »und unterhalte nur einen Knecht und sein Weib. Mit ihnen aber will ich tun, wie der Herr es verlangt ...«

Ehe Jirmijah etwas erwidern konnte, beschwor ihn Hanameel:

»In diesem Hause darf mein Freund keine Stunde mehr weilen ... Er komme und nächtige bei mir, damit er in Sicherheit sei ...«

Jirmijah schlug, ohne zu überlegen, dieses treffliche Anerbieten Hanameels aus, der noch längere Zeit in der Nähe verharrte, immer hoffend, der Gefährdete werde sich eines Besseren besinnen. Als Jirmijah Ebijathars Halle verließ, wichen die draußen lauschenden Weiber und Kinder entsetzt zurück. Nur Mocheleth pflanzte sich in ihrer ganzen dürren Länge vor ihm auf und starrte ihn meuchlerisch an, als habe nicht Obadjah Jirmijah geschlagen, sondern Jirmijah Obadjah.

»Dein Bruder ist krank von dir«, keuchte sie, »und leidet große Schmerzen um dich ...«

Weiter kam sie nicht. Der absonderliche Haß schnürte ihr die Kehle zu, so daß sie sich verschluckte und in einen wilden Hustenkrampf verfiel, der sie schüttelte, bis sie schluchzend vor dem teuflischen Zauberer davonlief.

Später zog die Mutter Jirmijah in das alte Elterngemach. Es entspann sich zwischen ihnen eines jener wortkargen Gespräche, in denen mehr verschwiegen als verraten wurde.

»Ich fürchte für dich, jüngstes Kind«, sagte sie ernst und nicht ohne Strenge. Er wußte nicht, warum ihm dieselben Worte über die Lippen kamen:

»Und ich fürchte für dich, Mutter ...«

Sie ließen sich nebeneinander auf das Ruhelager nieder, wie immer. Abi unterdrückte einen schweren Seufzer nicht:

»Viele Männer waren hier ... Sie haben gesehen und gehört und voll Grimm sind ihre Herzen ... Der jüngste Sohn möge einen andern Ort aufsuchen, und der Herr wird ihn verborgen halten ...«

»Es sind Männer dieses Vaterhauses, Mutter«, beruhigte er sie. »Sie werden Hilkijahs Sohn nicht verderben ...«

Abi war dieses Edelmutes durchaus nicht so gewiß. Sie drängte:

»öffne dein Ohr meiner Bitte ... Noch wartet Hanameel, dein Vetter, deiner ... Gehe mit ihm ...«

»Kann ich als ein Geschlagener gehn und mich verbergen?« entgegnete Jirmijah störrisch. »Nein, ich muß bleiben und standhalten und das Gebot des Herrn auf meinen Äckern erfüllen!«

Nach diesen Worten, die er mit zusammengekniffenen Lippen vorgebracht hatte, seufzte die Mutter noch tiefer auf als vorhin, trat an den Wandschrank und entnahm ihm etwas sorgsam Eingewickeltes. Es war ein Vollgewicht gediegenen Goldes. Sie hielt es, während sie sprach, dem Sohne hin:

»Am Abend vor seinem Tode redete dein Vater zur Mutter also ... Wenn eines der Kinder und Kindeskinder Hilkijahs durch Adonais Willen in letzte Not gerät, so gib ihm dies ... Er möge damit dorthin fliehen, wo er sicher ist ...«

Jirmijah nahm das Gold ruhig an sich und murmelte träumerisch:

»Wer weiß, ob die letzte Not schon gekommen ist?«

Am Abend trat er an den Vatertisch, als sei nichts vorgefallen, und nahm seinen Platz ein. Alle erschraken. Nur Mocheleths Augen glühten kurz auf, was Jirmijah nicht entging. Sie verkündete scharf, daß der Hausvater zum Mahle nicht erscheinen werde, da ihn die Frechheit eines Ruchlosen aufs Krankenlager geworfen habe. Durch die Abwesenheit der älteren Brüder und ihre erstgeborenen Söhne war der Tisch viel leerer als sonst. Die Mutter hatte die schüttere Ordnung dazu benützt, ihren Sitz dicht an Jirmijahs Seite zu rücken, als wolle sie ihn schützen und zugleich seinen Schutz suchen. Das Mahl, das nun begann, hätte wahrhaftig für ein Totenmahl gehalten werden können. Nicht das leiseste Wort fiel in der Runde. Die Erwachsenen und die Halbwüchsigen holten mit ihren Brotfladen die warme Speise aus der gemeinsamen Schüssel, kauten langsam und starrten gepeinigt vor sich hin. Das stickichte Unbehagen lag wie eine dicke Räucherwolke in der Luft. Die ewige Lampe des Vaterhauses, die auf dem Tisch stand, knisterte gequält. Ihre Flamme schien sich unter feindseligen Luftzügen zu winden. Keiner von den Hausgenossen rührte sich. Nur Mocheleth stand dann und wann auf, ging zur Tür und gab den auftragenden Mägden, die ebenso verstört dreinblickten wie die Herrschaft, irgendwelche halblaute Befehle.

Seit Menschengedenken herrscht im Hause Hilkijahs die Gepflogenheit, daß nach jeder Mahlzeit Wein in silbernen Bechern auf den Tisch kommt. Der hohe prächtige Geschlechtsbecher aus Elis Zeit gebührt dem Hausvater. Die andern Becher, jeder verschieden geformt, haben keinen bestimmten Besitzer und wechseln täglich die Trinker. Die Hausmutter füllt, so will es der Brauch, die vor ihr aufgereihten Becher aus einem großen Tonkrug mit dem Weine, der auf den Hügeln Anathots gekeltert wird. Dann kredenzt sie mit eigener Hand ihren Anverwandten den Trank. Jirmijah beobachtet, daß einer der Becher abseits von den übrigen steht und daß Mocheleths Blicke ihn immer wieder streifen, obgleich er schon gefüllt ist. Dieser Becher muß für ihn bestimmt sein, denkt er, der ebenso abseits steht. Wunderlich dünkt ihn der Haß Mocheleths, der so groß ist, daß sie ihm den Trank nicht selbst reicht, sondern durch eine Magd hinstellen läßt. Er versinkt darüber in Nachsinnen und merkt es kaum, daß die Mutter neben ihm ihren Becher mit dem seinen vertauscht. Jirmijah hebt den Kopf. Alle warten auf den Segensspruch, der dem ersten Trunk vorangehen muß. Da er der älteste Mann der Tafelrunde ist, steht er auf und spricht:

»Gesegnet seist du, Ewiger, unser Gott, der den Weinstock erschaffen hat.«

Nun führen alle den Becher zum Mund und trinken, jedes nach seiner Art, gierig oder bedächtig. Mocheleth stürzt den Wein mit einem männlichen Zug hinunter. Abi aber prüft zuerst seine Farbe und seinen Duft, ehe sie, beruhigt lächelnd, drei kleine Schlucke nacheinander genießt. Jirmijah ist sehr durstig. Mitten im Trinken aber hält er inne. Jäh wird ihm die Vertauschung der Becher bewußt. Ein gräßlicher Verdacht durchschaudert ihn. Er wendet sich mit vereisenden Augen zur Mutter. Sie hat den Becher abgesetzt und nickt ihm heiter zu. Sein zweiter Blick aber gilt Mocheleth. Seine Feindin hat sich krampfhaft erhoben und stiert aus aufgerissenen Augen auf den Becher, den er noch immer in der Hand hält. Nun aber blicken auch schon alle andern mit Entsetzen auf Mocheleth. Der Stuhl hinter ihr fällt zu Boden. Sie reißt das Kopftuch von ihren grauzerzausten Haaren, die sich wie in einem Sturm sträuben, und stürzt mit einem langgedehnten, nicht mehr menschlichen Geheul aus Ebijathars Saal. Jirmijah und alle andern sitzen versteinert auf ihren Plätzen. Er kann keinen Gedanken fassen. Plötzlich aber kippt Abi langsam zur Seite und fällt mit dem Kopf in seinen Schoß. Er schüttelt sie. Die Mutter liegt leblos in seinen Armen. Da hebt er die Kleine, Leichte hoch und trägt sie durch den finsteren Gang in das Elterngemach. Er hat keinen Atem mehr. Endlos erscheint ihm der kurze Weg. Als er sie mit erstarrten Händen auf ihr Lager bettet, da ist es ihm, als vernehme er noch einmal die gehauchten Worte: »Jüngster Sohn ... Jüngstes Kind ...« Er hält die Henkellampe, die ihn so oft auf der Schwelle des Hauses erwartet hat, der Mutter dicht vors Antlitz. Ihre Augen sind schon gebrochen.

Die Tür zuriegeln und mit Hausrat verrammeln, das ist das erste, was Jirmijah tut. Dann wirft er sich der Länge nach neben die Tote und weiß nichts mehr. Manchmal blitzen ungedachte Worte in dieser Nacht auf, wie: Gib ihm das Gold in seiner letzten Not! ... Um seinetwillen hat die Mutter jene letzte Not gelitten, von der sie vor wenigen Stunden sprach. Nun hat ihm der Aussonderer das Allerletzte genommen. Das Mordwerk Adonais, der sich aller Knechte erbarmt, an seinem eigenen Knechte ist es vollkommen. Jirmijah denkt nicht, weint nicht, lebt nicht, liegt nur da. Sehr fern hört er die ganze Nacht Stimmen, Schritte und das dumpfe unablässige Gepoch an der Tür. Der Morgen ist schon da, als das Gepoch zum Donnersturm wächst und die Tür endlich eingerannt wird. Rohe Arme reißen Jirmijah vom Lager seiner Mutter und seines Vaters. Bewaffnete stehen im Elterngemach, wo die heilige Tote ruht. Schlimmer als der Anblick der Häscher ist die Fratze des Bettlers Schamarjah, der auf sie einredet. Jirmijah wird gefesselt. Er läßt alles mit sich geschehen. Wie ein Trunkener folgt er den Kriegern Jojakims.

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