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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 18
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
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Siebzehntes Kapitel.
Das Werk der Verborgenheit

Mondlose Nacht über den Hügeln von Anathot. Die beiden »furchtbaren Tage« des Herbstes sind lang vorüber. Die Luft ist schärfer geworden und ein nörgelnder Wind beschäftigt das Silberlaub der Ölbäume, die Hilkijahs großes Anwesen umstehen. Überall raschelt es von dunklem Widerspruch. Jirmijah und Baruch schleichen schweigend die uralte Mauer entlang, die das Gut des Geschlechtes wie eine Festung umgibt. Mehrere Monde haben sie sich in der Nähe Jerusalems verstecktgehalten. Nur Ahikam und seine Zwillingssöhne kannten ihren Zufluchtsort. Nun scheint die Treibjagd, die Jojakim, Elnathan und Jerachmeel hinter Jirmijah veranstaltet hatten, endgültig ermattet zu sein. Riesig war das Aufgebot dieser Treibjagd gewesen. Sie erstreckte sich in alle Nachbarländer bis nach Noph hinab. Jetzt, zu Beginn des Winters, schien der König endlich eingesehen zu haben, daß er einem Stärkeren unterlegen war. Eine Stimme jedoch geht um in Jehuda, daß seit dem Tage der großen Herausforderung durch einen Stärkeren sich Jojakims Wesen sichtbar verdüstert hat. Darf sich die Gewalt noch als Gewalt fühlen, wenn in ihrem Bezirke ein Stärkerer lebt, an dem sie nicht Rache zu nehmen vermag? Jede ungeübte Rache macht die herrschende Gewalt krank.

Für Jirmijah aber ist die Stunde der Heimkehr gekommen. Nach so vielen Monaten werden ihn die Späher des Königs überall anders vermuten als in seinem Vaterhause. Dennoch ist schon um der Mutter willen die allerhöchste Vorsicht geboten. Bereits die zweite Nacht geht dahin, seit Baruch und er die Gutsmauer heimlich umschleichen. Der Jünger ist blaß und niedergeschlagen. Unten in Anathot hat er erfahren, daß seine beiden Eltern in der Zeit seiner Verborgenheit kurz nacheinander gestorben sind. Und er hat nicht mehr Abschied nehmen dürfen von ihnen und sie begraben. Des Meisters unerbittlicher Auftraggeber beschattet auch das Wesen des Jüngers und macht es immer dunkler. Auch Baruchs Schicksal wird vom Herrn unerbittlich freigelegt und aus allen Menschlichkeiten herausgestanzt. Doch gerade der Tod der Eltern, und daß der Sohn um sie nicht wehklagen konnte, »o weh, du mein Vater – wehe, weh, meine Mutter«, ist ein starker Grund, daß Baruch unablässig Jirmijah zur Heimkehr drängt. Denn sehr alt muß Abi geworden sein, und morgen schon könnte er zu spät kommen.

Sie haben jene verfallene Stelle in der Mauer erreicht, die Jirmijah als Knabe oft erstiegen hatte, wenn er auf der Flucht vor den halben und unfertigen Raunungen von seinen nächtlichen Schweifzügen zurückkehrte und die Hoftore verschlossen fand. Auch jetzt schwingt er sich wieder leicht von Vorsprung zu Vorsprung. Sein schmächtiger Körper hat trotz allem Erlittenen nichts von seiner Geschicklichkeit und Jugendkraft eingebüßt. Rittlings sitzt er auf der Mauerkrone. Mit gedämpfter Stimme wird Baruch ermahnt, treulich zu wachen und jede nahende Gefahr in verabredeter Weise zu melden. Wer weiß, sie sind in der Dämmerung einigen bewaffneten Männern auf der Landstraße begegnet und können erkannt worden sein.

Dann springt Jirmijah in das weiche Gras hinab und bleibt eine Weile lang mit der wohligen Empfindung liegen, er träume. Nichts kann ihn von diesem träumerischen Gefühl abbringen, daß er noch immer ein Knabe sei, daß Adonai vorläufig mit ihm nur spiele, und er nach Hause komme wie immer, ohne die Schwere des Herrn und der Welt noch erlebt zu haben. Es dünkt ihm, er gehe auf seinen Spuren von gestern. Aus seinem Sinn ist der Zug der Jahre wie weggeschmolzen.

Mit leisem Schritt nähert sich Jirmijah auf gewohntem Pfade dem väterlichen Haus. Die alte Knabenangst beschleicht ihn, das Geräusch seiner Heimkehr könnte die Schläfer des Hauses wecken. Die breiten Wohnwürfel tauchen aus der Finsternis. Jirmijah bleibt stehen. Wahrscheinlich hat sich das Volk der Schläfer in den Gemächern vermehrt. Mocheleth und Sua, die Schwägerinnen, werden neue Kinder geboren haben. Ihre älteren Söhne und Töchter aber sind nun längst erwachsen und gewiß vermählt. Die Kinder ihrer Kinder sitzen wohl auch schon um den wuchtigen Vatertisch in Ebijathars Halle.

Ein leichter Schreck durchfährt Jirmijah, nicht weil er an die Feindschaft seiner Brüder, sondern weil er an seine Mutter denkt. Vielleicht hat man um der zahlreichen Nachkommenschaft des Geschlechtes willen eine neue Hauseinteilung getroffen und sie aus dem alten heiligen Elterngemach verdrängt. Was dann, wenn er sie in dieser Nacht nicht findet? Am hellen Tage darf er sich ja nicht in sein Vaterhaus getrauen. Zugleich wird eine verborgene Furcht immer mächtiger in seinem Herzen. Er fürchtet sich vor dem Wiedersehen mit seiner Mutter nach so vielen Jahren der Trennung und Treulosigkeit. Hat sich Abi durch das hohe Alter nicht so erschütternd verändert, daß er sie kaum mehr erkennen wird? Ist ihr Rücken zur Erde gekrümmt, ihr Auge erblindet, ihr Geist schon getrübt? Der tollkühnste aller Künder Zebaoths, der dem Gewaltkönig ein Eselsbegräbnis ins Gesicht weissagt, ihn lähmt nun eine tiefe Feigheit. Es fehlt nicht viel und er würde sich wieder davonschleichen wie gestern. Hochaufatmend starrt er ins Dunkel.

Irgendwo, mehr fühlbar als sichtbar, ist das Dunkel durch die Ahnung eines winzigen Flackerscheines unterbrochen. Jirmijah folgt dieser Ahnung. Ehe er aber noch die Herkunft des ungenauen Schimmers ergründen kann, weiß sein Herz alles. Die Mutter hat auch in dieser Nacht das kleine Henkellämpchen auf die Außenschwelle der Pforte gestellt, damit ihr jüngstes Kind, das von den Mächten des Himmels und der Erde verfolgte, heimfinden könne zu ihr, wenn kein anderer Weg mehr offen ist. Hat sie dies in all den tausend Nächten seit seinem Abschied aus dem Vaterhause getan? Oder gibt sie ihm nur heute dieses Zeichen, um zu zeigen, daß sie die geheimsten Willensregungen seines Herzens kennt, noch ehe er diese zur Tat verwandelt? Ja, es ist wahr und Jirmijah hat es immer wieder erfahren: der einfache und unbelehrte Geist Abis ist geheimwissend und tiefsinnig in allem, was das jüngste Kind betrifft. Vor ihm ist nicht die leiseste Wallung, kein Leid, kein Zorn in Jirmijahs Seele verborgen, wie fern der Sohn auch sei. Sie ist der einzige Mensch auf Erden, der in unerklärlicher Weise sogar an der Einwohnung Adonais teilnimmt, die Jirmijah zu erdulden hat.

Mit altgewohntem Griff hebt er jetzt das Lämplein von der Schwelle. Spät in der Nacht muß es sein, denn das Öl ist beinahe schon ausgebrannt und der Docht blakt. Jirmijah schlüpft durch die angelehnte Tür. Er steht in dem langen, dunklen Gang zahllos erregter Knabennächte. In ihm ist Verwunderung darüber, daß er sich in diesem Augenblicke so wenig verwundert. Auf Zehenspitzen geht er die abgemessene Zahl von Schritten; die vor das Elterngemach führen. So hat er es immer getan, wenn er sich nachts ängstlich vorbeischlich. Nun aber bleibt er stehen, holt Atem und hebt die Lampe hoch. Die Tür ist offen. Schläft die Mutter noch in diesem Gemach? Mit seinen letzten Kräften flammt der Docht auf und zerreißt die Finsternis der Kammer in schattenhafte Fetzen. Jirmijah sieht seine Mutter. Sie sitzt vollkommen angekleidet auf ihrem Lager. Langsam erhebt sie sich und geht langsam auf Jirmijah zu, der keinen Schritt tut. Sie ist nicht verändert. Das Alter hat sie nicht gebeugt. Ihr Auge blickt klar und still wie immer. Es ist eine ernste Umarmung, die beide vereint. Sie weinen nicht.

»Friede seit mit dir, Mutter.«

»Mit dir sei Friede, jüngstes Kind.«

»Du mußt mich immer verstehen, Mutter«, beginnt er.

Sie schüttelt abwehrend den Kopf.

»Warum redest du darüber? Es ist nicht nötig, darüber zu reden ...«

Abi nimmt Jirmijah bei der Hand und führt ihn zum Lager. Er setzt sich nieder. Sie aber eilt im Raum umher, schließt leise die Tür, entzündet an der schwachen Lampe eine stärkere, die sie auf den Boden stellt, damit diese das hohlwangige, gealterte Antlitz ihres Sohnes scharf erleuchte. Die verstohlenen Blicke, mit denen sie Jirmijahs Gesicht in sich saugt, werden immer bekümmerter. Als müsse man den Schaden, den Entbehrungen, Drangsal und Kampf angerichtet haben, unverzüglich und endgültig gutmachen, holt sie aus einem Wandkasten starken Wein und frisch gebackenen Feigenkuchen. Jirmijah muß essen und trinken. Im Geschmack des süßen Feigenkuchens, der mit Honig bestrichen ist, schmeckt er seine Knabenzeit wieder. Und er gedenkt von neuem der Nächte, da die Anrufungen des Herrn noch so fern und unverbindlich waren und kein Blut kosteten.

Jirmijah zieht die Mutter neben sich aufs Lager. Sie aber hat keine Ruhe. Immer wieder springt sie auf. Das Gewand des jüngsten Sohnes ist nicht nur alt und abgetragen, sondern schändlich zerlöchert. Sie bringt Wäsche und einen frischen Leibrock von edelstem Hausgewebe. Da hilft nichts. Der Sohn muß das Gewand wechseln. Vorher aber wird ihm die Haut mit jener kühlen Balsamsalbe eingerieben, mit der man im Hause Hilkijahs seit eh und je die Säuglinge behandelt. Doch wehe, was sind das für blutunterlaufene Narben und Striemen auf des Sohnes Rücken? Abi verhält diese Frage, und Jirmijah muß nicht antworten. Der Duft des Kinderbalsams beschwört die allerdunkelsten Erinnerungen herauf. Fast scheint es, als ob der Mutter allzu rege Fürsorge dem jüngsten Sohn über all das Ungesagte hinweghelfen wolle, das zwischen ihnen steht. Doch als dann alles Erdenkbare getan ist und Abi mit mühsam stillen Händen neben Jirmijah sitzt, da stellt sie keine Frage, sondern berichtet selbst:

»Fünfmal waren die Gewappneten des Königs in diesem Hause, um das jüngste Kind zu greifen ...«

Jirmijah nickt vor sich hin:

»Darum ja blieb ich der Mutter fern ... Und deshalb komme ich verstohlen am Ausgang der Nacht ...«

Abi erhebt ihre gedämpfte Stimme zu strengem Ton, gegen den es keinen Widerspruch gibt:

»Jetzt aber lasse ich dich nicht mehr fortziehen!«

Er drängt sich näher an die alte Frau und flüstert scharf:

»Wo Jirmijah ist, dort ist Unheil und Tod ... Meine Mutter weiß sehr viel. Sie aber weiß nicht, daß ich den Tag verflucht habe, an dem die Mutter mich gebar ... Denn siehe, stumm bin ich – und ich muß schreien ... Siehe, ängstlich bin ich – und ich muß wider Könige und Priester streiten ... Siehe, einsam bin ich – und ich muß mich unter das Volk mischen ... Um Frieden bettle ich – und bekomme nur Krieg ...«

Durch den kleinen Körper der Alten geht der Ruck einer Willenskraft, die Jirmijah zu Lebzeiten des Vaters niemals an ihr wahrgenommen hat. Damals schien sie unter die Herrlichkeit des übelzufriedenen Hilkijah und seinen Stolz widerstandslos gebeugt zu sein. Jetzt aber blitzen ihre Augen von unverbrauchten Kräften der Seele:

»Vor dem Herrn kann ich mein jüngstes Kind nicht schützen ...«

Sie unterbricht sich, da es nicht mehr nötig ist, zu bekennen, daß sie ihr jüngstes Kind vor den Menschen schützen wird.

»Kann mich die Mutter wirklich vor meinen Brüdern beschützen?« zweifelt er.

Sie schweigt. Und aus diesem kurzen Schweigen liest er die Wahrheit. Nach der Fülle des Ärgernisses, nach den Haussuchungen durch die Gewappneten des Königs muß sich der Grimm seiner Brüder gegen ihn bis zur Weißglut gesteigert haben. Ist in einem ehrbar schlichten Vaterhause das Brudertum eines Ausgesonderten, der Ruhm und Ehrerbietung der Welt genießt, schon lästig genug, so bedeutet der Name eines Abgestraften und verfolgten Empörers Schmach über alle Maßen, dem Aussatze gleich. Daß Obadjah und Joel dieser Meinung sind, das verrät der Mutter verdunkelte Miene. Versöhnung gibt es hier nicht, nur Jirmijahs Tod kann das Herz der Brüder erleichtern. Solang er aber lebt, müssen sie immer neuer Schande gewärtig sein. Jirmijah ist des Glaubens, daß die Brüder ihn erbarmungslos der Gewalt des Königs ausliefern werden, wenn anders sie selbst sich dazu nicht entschließen, ihn mit eigenen Händen aus ihrem Wege zu räumen. Wer wird sie für solche Tat zur Rechenschaft ziehen? Das vergossene Blut eines Aufrührers und Schädlings, mag es auch schreien, die würdigen Gerichtshöfe bekümmert es nicht sehr. Jirmijah lächelt Abi beinahe spöttisch an:

»Und wie will mich die Mutter vor meinen Brüdern beschützen? ...«

Sie erhebt sich schweigend und zieht aus ihrem Wandschrank einen großen, rostigen Schlüssel hervor. Jirmijah versteht die Bedeutung dieses Schlüssels vorerst nicht. Die Mutter aber sagt mit schalkhaftem Stolz:

»Nicht Obadjah, seinem Ältesten, hat dein Vater diesen Schlüssel hinterlassen, sondern nur einem Weibe ...«

Jetzt fällt Jirmijah das halbverfallene Weihtum vor seinem Kammerfenster ein, die heilige Baulichkeit des Geschlechtes, in der seit Menschengedenken der Herr nicht mehr verehrt, sondern nur der Kaufbund mit Pächtern, Besitzern und Viehhändlern gestiftet wird, was in seiner eigenen Kindheit selten genug geschah und nach Hilkijahs Tod ganz aus dem Brauch gekommen ist. Ein überlegenes Lächeln liegt auf der Mutter Antlitz:

»Der jüngste Sohn wird in seiner alten Kammer nicht schlafen ...«

Jirmijah aber erfährt, daß für seine Zuflucht schon längst gesorgt ward. Abis Hände haben in nächtlicher Arbeit das Innere des alten Weihtums wohnlich gemacht, Matten und Kissen, ja selbst ein Ruhebett hineingeschleppt nebst all den kleinen Dingen, die zum Behagen des Lebens gehören. Niemand ahnt, daß die nackte Ruine eines verschollenen Gottesdienstes zum warmen Versteck geworden ist, in dem es sich leben läßt. Muß er sich auch tagsüber verbergen, in der Nacht wird Jirmijah Freiheit genug haben. Wer sollte an diesem Ort, den für alle Hausgenossen die Scheu seiner einstmaligen Bestimmung noch immer umschattet, eine lebendige Seele vermuten? Abi hat nichts vergessen. Sie allein führt den Schlüssel zu diesem heiligen Fuchsbau, wo, ihrer guten Witterung nach, Jirmijah seinem Herrn sehr nahe sein wird.

Er überlegt alle Arten von Zuflucht, die ihm bleiben. Des Umherirrens ist er unendlich müde. Wie erfreut ihn dieser klug sorgende Gedanke der Mutter! Er wird in ihrer Nähe versteckt sein, täglich kann er nun ihre Liebe fühlen. Baruch aber wird diesen sicheren Ort mit ihm teilen. Jirmijah und Abi schlüpfen lautlos aus dem Vaterhaus. Der plumpe Schlüssel knirscht so lärmend in dem rostigen Schloß, daß sie beide erschrecken und innehalten. Das Weihtum besteht aus einem großen Vorderraum und einer kleinen Hinterkammer. Diese Kammer hat Abi für den Verfolgten eingerichtet. Als er sie betritt, spürt er in seinem Herzen sofort das dumpfe Quellen und Ziehen, das die Nahung Adonais anzeigt. Diesmal aber ist das raunende Heischen des Herrn sanfter als sonst. Diesmal fordert er nicht die Tat, sondern den Gedanken. Denke und forsche und sinne, flüstern die Wände. Und noch ein anderes Wort ist unter diesem Geflüster, ein Wort, das Jirmijah niemals noch vernommen hat. Und es wiederholt sich immer wieder: »Schreibe!«

   

»Nimm dir eine Buchrolle und schreibe alle Worte in sie, die ich zu dir gesprochen seit den Tagen Josijahs ...«

Nicht ganz wörtlich führte Jirmijah diese Raunung aus, denn seine Hand schrieb flüchtig und unleserlich. Baruch hingegen war ein Meister der zierlichen Schönschrift und stand in dieser Kunst keinem Berühmten in Jerusalem nach. Jirmijah also sprach das eingegebene Wort vor, und der Jünger schrieb es nach, zuerst nur in abgekürzten Zeichen, die er dann mit gemütvoller Sorgfalt in der eigentlichen Buchrolle bedächtig ausführte. Dieses aber war die Einteilung ihres Lebens und ihrer Arbeit:

Allmitternächtlich schlichen sich Jirmijah und Baruch aus ihrem Versteck, stiegen über das schadhafte Mauerstück und verließen Hilkijahs Anwesen, um sich im Freien zu ergehen. Auf den bewaldeten Hügeln von Anathot erhielten sie in diesen Nächten dann und wann auch Botschaften von den Freunden in Jerusalem. Ahikam, der seinen Arm über Jirmijah hielt, oder seine Zwillingssöhne Gedaljah und Micha sandten durch Vertrauensleute Berichte oder Warnungen an den Verfolgten, die ihn von neuen Gesetzessprüchen oder geplanten Anschlägen Jojakims in Kenntnis setzten und beschworen, sein gutes Versteck nicht zu verlassen. Kunstvoll lenkten die Schaffansöhne den König immer wieder auf falsche Fährten.

Nach der nächtlich erquickenden Freizeit kehrten die beiden eine Stunde vor Sonnenaufgang in ihren heiligen Fuchsbau heim. Dann schliefen sie bis in den Tag hinein. Wenn die Sonne hoch im Mittag stand und träge Arbeitsruhe und Schläfrigkeit sich über den Hof breitete, dann trippelte die alte Abi mit großer Vorsicht aus dem Hause. Sie trug ein zugedecktes Brett in den Händen, das sie mit einigen listigen Umwegen, nach allen Seiten lugend, vor das Tor der Verborgenheit auf die Erde stellte. Sogleich öffnete sich das Tor von innen, und das Brett verschwand lautlos. Es war die tägliche Mahlzeit der beiden Männer, für die Abi sorgte: Wein, Rahm, Milchbrei, Linsengericht, Gerstenbrot, Feigenkuchen und dann und wann eine gebratene Lammsrippe.

Nachdem sie also kräftig gegessen und getrunken hatten, machten sie sich unverzüglich an die Arbeit, sofern man die gewaltige Mühe, welche die scharfe Wieder-Vergegenwärtigung des einst ergangenen Wortes bereitet, mit irdischer Arbeit überhaupt vergleichen kann. In diesem Gleichmaß verfloß die Zeit, und bald wußte Jirmijah nicht mehr, ob nur Monde oder Jahre seit seiner verstohlenen Heimkehr vergangen waren, denn wie immer, so auch jetzt, hob der Umgang mit dem Auftraggeber das Gefühl der Zeit vollkommen auf. Dieser Umgang aber, den Jirmijah jetzt nicht mehr unmittelbar, sondern durch Erinnerung und Vergegenwärtigung pflog, war ihm etwas sehr Neues und Unbekanntes. Wenn auch die Gefahren fehlten, in die ihn die unmittelbare Kündung des Wortes sonst gestoßen hatte, so traten doch neue Qualen an ihre Stelle. Sie hingen mit dem unerbittlichen Versuch des Ausgesonderten zusammen, wahrhaftig zu sein und dem Göttlichen nichts hinzuzufügen oder wegzunehmen. Damit aber war es folgendermaßen bestellt:

Wenn das Wort sich im Geiste des Künders bildete, wie Wasser im durchlässigen Gestein, wenn dann die Ausschaltung über seinen eigenen Verstand und Willen kam und die Wünsche des bösen Triebs die göttliche Einraunung nicht trübten und fälschten, dann war für die Spanne dieser beinahe nicht mehr irdischen Möglichkeit das Wort rein und wahr. Doch schon während einer längeren Künderrede vermochte es sich kaum auf solcher Höhe zu halten. Denn menschliche Nebengedanken durchdrangen es wie dumpfes Hundegebell, die hochmütigen und gehässigen Wallungen des Herzens fraßen wie Lauge an seiner Reinheit und Wahrheit. Es mochte dann oft geschehen, daß einer, der seine Kündung als echter Prophet Adonais begann, dieselbe Kündung als falscher Prophet beendete.

Die menschliche Rede ist verweslich wie alles Leben. Sie verwandelt sich schon im Munde des Redenden. Jeder einfache Bericht wird auf seinem Wege von Mund zu Mund zum Gerücht, das am Ziele völlig entstellt ist. Auch Adonais Wort im Geiste der Künder braucht die menschliche Sprache, um gehört zu werden. Es muß niedersteigen in die verwesliche Unreinheit dessen, was auf Erden mehr zur Verhüllung als zur Enthüllung der Wahrheit taugt. Darum sehnt sich das dem Menschen geliehene Wort Gottes mit schmerzlichster Kraft, sich dem Menschen wieder zu entziehen.

Daß Gottes Wort sich ihm entziehen wollte, das erkannte Jirmijah jetzt, als er mit verzweifelter Anstrengung daran arbeitete, es durch die Schrift festzuhalten. Er ließ nicht nach. Er schärfte seine Erinnerung wie ein Messer, mit dem er die Schwärze der Zeit verschnitt. Jedes Gesicht und jede Raunung, die an ihn ergangen war, machte er in immer erneuertem Angriff stellig. Manches mußte Baruch sieben- und zehnmal niederschreiben, bis für Jirmijahs Sinn das menschliche Wort dem göttlichen nahe genug gekommen war. Im Gebiete des Dunklen und Undeutlichen strebte er nach dem schärfsten Licht, so daß er oft erschöpft sich in den Winkel lehnen mußte und schweigen.

In Jirmijahs Verborgenheit entstand das Werk der göttlichen Verborgenheit. Es begann mit der Nacht der Berufung, dem Spruch der Aussonderung und den Gesichten vom Mandelzweigicht und vom siedenden Kessel. Von da an folgte es treulich allen Ein-Gebungen und Ein-Bildungen, scharf unterscheidend zwischen dem göttlichen Kern und der menschlichen Zutat, die es immer wacher prüfte und auseinanderhielt. Meist geschah's, daß Jirmijah zuerst in weitschweifigen Worten das Gesehene und Gehörte wiedergab. Baruch las dann die Niederschrift vor, die der Meister mit verzerrten Ekelmienen verwarf. Die zweite Fassung geriet schon ein wenig knapper, und was endlich nach immer neuen Versuchen übrigblieb, klang dann wortkarg und beinahe hart. Vorzüglich allen Gesichten erging es so, ob es sich um den »Ton in des Töpfers Hand« oder um den »Traum vom Taumelbecher« handelte, um den »Zerschmetterten Krug« oder um den »Schmelzofen des Goldscheiders«. Noch behutsamer als mit diesen Gesichten, die Jirmijah aus aller nur zufälligen Traumhaftigkeit herausmeißelte, ging er mit dem reinen Wort um, das sein Geist erlauscht hatte. Hier nahm er nichts fort, denn er kannte genau seine eigene Sprache und die seines Auftraggebers, und so fein war sein unterscheidender Sinn, daß er keinerlei Vermengung beider Zungen zuließ. Wenn auch das Wort des Herrn zumeist voll Ekel dem menschlichen Munde sich zu entziehen trachtete, so kamen manchmal doch andere Tage, wo es sich in plötzlicher Huld und Sanftmut gerne herzuleiten geruhte. Ja, in einigen besonders gnadenvollen Stunden schien sich Adonai entschlossen zu haben, in seiner Art am Werke des Künders mitzuarbeiten. Er antwortete auf Fragen, erklärte und ergänzte gewisse Stellen. Als Jirmijah in der Schrift wieder einmal mit dem »Großen Rechten« anhub – »Herr, sooft ich mit dir rechten will, du behältst doch immer recht. Und dennoch muß ich um der Gerechtigkeit willen mit dir rechten« –, da erhielt er plötzlich die schlagende Entgegnung:

»Wenn es dich schon müde macht, mit den Fußgängern zu gehen, wie erst wird dir zumute sein, wenn du mit den Reitern wettlaufen sollst? Und da du schon in dem friedlichen Lande Sicherheit suchst, was wirst du erst tun, wenn die Fluten des Hochwassers schwellen?«

Dies bedeutete wahrhaftig keinen Trost noch auch eine Entschuldigung des Herrn für das langfristige und ungenaue Wesen seiner Gerechtigkeit. Hingegen war's eine kernige Verwarnung gegen den wehleidigen Irrglauben, das vergangene und gegenwärtige Leiden schon für den Gipfel alles Übels zu halten. Dieser Gipfel erhob sich erst in den öden Gebirgen der Zukunft, und Jirmijah mußte noch Kraft und wilde Entschlossenheit sammeln, ihn zu ersteigen.

Solchen gnädigen Stunden der herablassenden Mitarbeit Adonais standen aber wie immer Stunden äußerster Verdammnis gegenüber, wo sich ihm nicht nur das Wort entzog, sondern die innere Leere mit dem Ekel der Amenti überwältigte. Erst während dieser Mühewaltung am Werke der Verborgenheit lernte Jirmijahs Seele (wie spät!) allgemach erkennen, daß die Annahung und Verfernung des Herrn mit ihrem eigenen Zustand in einer gesetzmäßigen Beziehung stand. Nicht immer gelang es dem Künder, seinen eigenen Trieb von dem göttlichen Stoff fernzuhalten. Hie und da kam es doch zu unerlaubten Vermischungen. Je mehr Jirmijah sich im Zuge der Erinnerung und Wieder-Vergegenwärtigung den schrecklichen Tagen seiner Heimkehr nach Jerusalem näherte, um so grimmiger nahm Zorn und Haß und Rachsucht von den Kräften seiner Seele Besitz. Er überhob sich und seine Stimme wurde schrill, wenn sie in Worte des Fluches ausbrach, Worte von Unten, die der Jünger ebenso gehorsam nachschrieb wie das reine Wort von Oben:

»Mich aber, Herr, kennst du und siehst mich und prüfst meinen Sinn gegen dich ... Reiße sie weg, meine Feinde, und führe sie hin wie Schafe, damit sie geschlachtet werden. Weihe du sie endlich dem Tage des großen Gemetzels!«

Sogleich, nachdem Jirmijah diesen Fluch ausgestoßen hatte, zog der Herr seine Mitwirkung zurück, als sei es für immer, und die greulichste Leere kehrte in den Menschen ein. Tagelang verzehrte er sich in nutzlosen Versuchen. Kein Satz gelang. Sein Kopf war wie ein trockener Kalkstein. Alles Göttliche erschien ihm plötzlich wie eine quälende Täuschung. Nur Schlacke war zurückgeblieben. Oft vergingen Wochen, ehe die Strafe dieser Fortbannung wich. Einmal aber erlauschte er in der tiefsten Tiefe seiner selbst dieses Wort:

»Wenn du wieder mein bist, so werde ich auch wieder dein sein. Und wenn du auch in dir das Edle vom Gemeinen scheidest, so werde ich mich wieder deines Mundes bedienen ...«

Da verstand Jirmijah den Herrn. Es war unzulässig, das Vorhaben Gottes mit den Nebenzwecken menschlicher Süchtigkeit zu verbinden. Eine freche Überhebung war's, mit Gott gemeinsame Sache machen zu wollen. Die klare Erkenntnis davon besaß Jirmijah nun, doch freilich, sie half ihm nicht gar sehr zur Besserung. Immer wieder wurde er rückfällig und immer wieder traf ihn die Bannung durch den unergründlich empfindlichen und kränkbaren Herrn. Schon geringeren Vergehen folgte die Strafe auf dem Fuß. Als er einst in einem Satze Israel die Möglichkeit zur Umkehr abgesprochen hatte, weil es ebensowenig sich wandeln könne »wie der Pardel seine Streifen verlieren«, da mußte er für diesen Zweifel zwei volle Monde der Leere erdulden.

Durch diese unergründliche Kränkbarkeit des Herrn und Jirmijahs eigene lauschende Gewissensnot gedieh nur sehr langsam das Werk. Die Jahreszeiten draußen wechselten. Die Arbeiter am Worte lernten sie nur auf den nächtlichen Hügeln und Halden um Anathot kennen. In die dämmrige Hinterkammer des heiligen Fuchsbaus, die nur durch eine hochgelegene Fensterluke erhellt wurde, drang gedämpft der Frost des Winters und die Hitze des Sommers. Es mußte ein Wunder Gottes genannt werden, daß so lange Zeit hindurch die Bewohner des verfallenen Baus vor dem Geschlechte Hilkijahs verborgen blieben. Tagsüber spielten die Kinder und Kindeskinder der Brüder im Umkreis des steinernen Verstecks, das sie wie alle Kinder mit der Gruselmacht eines traumhaften Geheimnisses anzog. Jirmijah und Baruch hörten mit Unruhe die ratschlagenden Stimmen der Jungen und Mädchen, die immer neue Versuche anstellten, in das Innere des Weihtums aus Urvätertagen einzudringen. Zum Glück war die kupferbeschlagene Tür von Eichenholz fest verschlossen, und das Fenster lag hoch über der Erde. Und doch, mehrere Male gerieten die Verborgenen schon in die schlimmste Gefahr, ausgehoben zu werden. Dem kühnsten Knaben gelang es nämlich von Zeit zu Zeit, dank der vielen Ritze und Vorsprünge die rückwärtige Mauer bis zur Luke zu erklettern und den Kopf in die Öffnung zu stecken. Schreckerfüllt sah Jirmijah die von Wißbegier funkelnden Augen des Burschen hinabspähen. Aber sei es, daß die Insassen der Kammer durch das natürliche Dunkel, sei es, daß sie durch den Willen des Herrn verhüllt blieben, die wißbegierigen Knabenaugen erkannten nichts. Auch blieben wohl aus demselben Grunde die täglichen Besuche der Mutter beim jüngsten Sohn vor den sonst so mißtrauischen Hausgenossen unentdeckt.

In getreulicher Forscherpein hatten Jirmijah und Baruch alle ergangenen Worte und Gesichte Adonais von Josijahs zu Jojakims Zeiten wieder vergegenwärtigt und aufgezeichnet. Nach zahllosen Tagen dieser neuen Plage des schriftlichen Festhaltens konnte der Künder nun hoffen, den Auftrag erfüllt und ein Verdienst sich erworben zu haben. Doch als schon die berauschende Freude des vollendeten Werkes sein Herz zu beschwingen begann, da wurde er von neuem enttäuscht. Die klare und sanfte Mannesstimme wiederholte diesseits und jenseits seines Gehörs: »Lausche und schreibe weiter!« Und was er jetzt stockend vor sich hinsprach und Baruch mit schief geneigtem Jüngerhaupt nachschrieb, das entsetzte seinen Geist und ließ ihn erzittern. Denn trotz aller Kündungen, Mahnungen, Verwarnungen, Drohungen und Flüche, die er im Namen Adonais bis zu diesem Tage ausgestoßen, hatte er selbst der ganzen Wahrheit nur halb ins Auge gesehen und hatte gehofft, der Herr nehme wie ein guter Lehrmeister seine Drohreden nicht völlig ernst und das Spiel werde sich für Israel schließlich zum Guten wenden. Doch die eigenen Worte, die er nun dem Niederschreibenden vorsprach, ließen seine Glieder erkalten. Zum erstenmal erkannte er mit der ernstesten Besorgnis seiner Seele, daß man für das Fortleben Israels keine kühneren Erwartungen hegen dürfe als für das Leben eines Sterbenden. Dies aber war der schicksalsschwerste Teil der Niederschrift.

»Seit dem dreizehnten Herrschaftsjahr Josijahs, Sohnes Amons, Königes von Jehuda, bis auf diesen Tag erging an mich das Wort und ich redete zu euch, ihr aber hörtet nicht ... Der Herr sandte euch all seine Ausgesonderten, die Künder, doch ihr neigtet nicht euer Ohr. Es wurde euch gesagt, kehret doch um vom bösen Wandel und vom schlimmen Wesen, damit ihr in dem Lande bleibet, das der Herr euch und euren Vätern gegeben für immer und ewig! Gehet nicht fremden Göttern nach, vor ihnen euch bückend und sie anbetend! Kränket mich nicht mit Götzen, die eurer Hände Werk sind, damit ich euch nicht Leides tun muß. Doch ihr hörtet mich nicht und habt mich zum eigenen Unheil mit allem Werk eurer Hände gekränkt. Darum, so spricht der Herr Zebaoth, weil ihr nicht angehört habt mein Wort, darum schicke ich über euch die Stämme des Nordens mit Nebukadnezar, König von Babel, meinem Knechte. Ich bringe sie über dieses Land und über seine Bewohner und mache sie zum Entsetzen und zum Spottgezisch und zur ewigen Wüste. Ich lösche jeden Frohgesang, die Stimme der Wonne, den Freudenruf von Bräutigam und Braut, den Lebenslaut der Mühlen und alles Licht der Lampen. Wüst und in Trümmern liegt das Land. Ihr aber sollt dem König Babels dienen siebzig Jahre ...«

Jirmijah hielt ein und schlug seine eiskalten Hände vor die Augen. War's ausdenkbar, daß er im Namen Adonais mit eigenem Munde das Wort gesprochen hatte: »Ich schicke Nebukadnezar, meinen Knecht?« Wie konnte sein Knecht sein, der von ihm nichts wußte? Wie konnte ihm dienen, der inmitten von hundert selbst geschaffenen Sterngötzen seinen Dienst verspottete? War nicht der ärgste Frevler und Verderber in Jehuda ein heiligerer Knecht Gottes als Nebukadnezar, dessen heillose Seele nicht im reinen Worte die Wahrheit suchte, sondern in Sternen, Wolkenflug, Vogelzug und in den Lebern der Opfertiere? Selbst Jojakims Sünde war nur ein Abweichen und Abirren. Wo aber Irrtum ist, dort ist noch immer der Schlagschatten der Wahrheit. In Mardukh-Nebukadnezar aber war nicht einmal Irrtum, sondern das stumpffröhliche, erlösungslose Nichts. Und dieses Nichts nannte er seinen Knecht, mit welchem Ehrennamen er nur Abraham, Isaak, Jakob und Moses ausgezeichnet hatte, sonst keinen, nicht einmal David?

Jirmijah ächzte, sank mit verkrampften Fäusten zu Boden, schlug um sich und weinte wie ein von seinem Vater ungerecht gezüchtigter Knabe.

   

Es war eine sehr milde Winternacht, als Ahikams Sohn Gedaljah auf den Hügeln von Anathot an der verabredeten Stelle erschien, um Jirmijah heimzusuchen. Der Zwillingsbruder Michas wurde von den Leuten »der Ältere« genannt, welchen Namen er nicht nur der Erstgeborenheit zu verdanken hatte, sondern seinem breiteren Wesen und einer vertrauenerweckenden Kraft, die den schlanken Scharfsinn und die Folgerkunst der Schaffansöhne saftig überwölbte. Er wirkte auf die Männer der Beratungen nicht nur durch unwiderlegliche Verstandesgründe ein wie Micha, sondern durch ein wohlwollend fülliges Sein, dessen Tatkraft und Erprobbarkeit Beruhigung verbreitete. Auch Jirmijah fühlte in Gedaljahs Nähe die eigene Last verringert.

Das Herz der Schaffansöhne war bekümmert. In der Hofburg zu Jerusalem ging Geheimnisvolles vor, das sie, als ehrenvoll in den Tempel Gebannte, nicht zu ergründen vermochten. Man flüsterte von einer heimlichen Gesandtschaft Pharaos, die im Winterpalast westlich der Stadt empfangen worden sei. Elnathan, Achbors Sohn, hingegen sollte mit einer Abordnung Jojakims nach Noph gezogen sein. Nur Gerüchte jedoch und kein beglaubigtes Wort drang aus dem Kreise der Gewalthaber in die Wandelhallen des Tempels. Nicht nur gerüchtweise, sondern beinahe offen wurde aber von den beängstigenden Zurüstungen im Lande geredet, die an die Zeit gemahnten, da Josijah den unseligen Plan gefaßt hatte, wider Pharao zu Felde zu ziehen. Wie damals wurden, wenn auch unter harmloser Begründung, die Fürsten der Städte und Landbezirke verordnet, in aller Stille Jungmannschaft auszuheben und im Waffenwerk einzuüben. Auch trafen aus Ägypten verdächtige Karawanen ein, die mächtige Ballen mit sich führten, welche in der finster alten Davidsburg abgeladen wurden und im trotzigen »Haus der Helden« verschwanden. Niemand konnte mit Sicherheit sagen, daß es Waffensendungen waren. Zum Wesen der Gewaltherrschaft gehörte ja die bedrückende Unsicherheit und die unverantwortende Geheimnistuerei. Ahikam und seine Söhne waren überzeugt, daß all diese Zeichen darauf hindeuteten, daß mit dem Hause der Knechtschaft, dem Erzfeinde Israels, etwas Unreines im Gange sei. Dem guten Gotte von Noph verdankte Jojakim Davids Thron. Vielleicht mußte er jetzt seine Schuld durch einen lebensgefährlichen Bund bezahlen, der den Zwecken Pharaos zu dienen hatte. Was aber das Herz Gedaljahs am tiefsten erschreckte, war die plötzliche Umkehr zum Herrn, die Jojakim mit übergroßer Bedeutsamkeit ins Werk zu setzen begann. Das Sonnenrad auf dem Ölberg wurde von einem Tag zum andern abgetragen, der Bau an der königlichen Mastaba unterbrochen, das Gebot der Sabbathruhe neu ausgerufen und vom Könige zur allgemeinen Verwunderung streng eingehalten. Und doch, hier zeigte sich nach Gedaljahs Wort, daß eine heuchlerische Umkehr noch scheußlicher ist als die nackte Abtrünnigkeit. Denn diese aufdringliche Gesetzestreue bedeutete ja nur den betrügerischen Versuch, sich von Gott den Rücken für ein gottverbotenes Werk decken zu lassen. Jojakim handelte wie ein Roßtäuscher, der die kranke Mähre aufstriegelt und herausputzt, um den Käufer zu übertölpeln. Der Herr sollte durch diese plötzliche Umkehr für des Königs dunkle Zwecke übertölpelt werden. Und über dieses tückische Beginnen gerieten die Heilspropheten außer sich vor Wonne, und die hohen Priesterordnungen priesen verzückt die neue Frömmigkeit des Königshofes.

Zu Ehren seiner eigenen Bekehrung und zur allgemeinen Buße setzte Jojakim einen Fasttag für das ganze Volk ein. Merkwürdigerweise fiel er mit dem Tag zusammen, da eine Gesandtschaft Babels in Jerusalem eintraf, als Erbin Assurs den alljährlichen Zins einzuholen. Dieser Zins, eine nichtige Schekelzahl, bedeutete keinen wirklichen Tribut, sondern nur die Anerkennung dessen, daß Mardukh-Nebukadnezar der neue Bau- und Oberherr der Welt war.

Die Verborgenen saßen nächtlicherweile viele Stunden lang unter einem grünen Baum und tauschten sorgende Rede. Gedaljahs Anliegen an den Künder forderte, daß dieser den Willen des Herrn erforsche, damit dem menschlichen Folgern ein göttlicher Halt gegeben werde. Ahikams Sohn war des Glaubens, daß auch noch in dem dunkelsten Raunwort die Gnade der Vorsehung, das heilige »Wenn-Dann« enthalten sei, das nur durch unbestechlichen Scharfsinn richtig entwirrt werden müsse. Jirmijah sah versonnen drein. Er tat des Werkes der Verborgenheit keine Erwähnung, versprach aber dem Schaffansohn, unverzüglich Botschaft zu senden, sollte ein Wort ergehn.

Als sich Jirmijah und Baruch vor Morgen in ihrer Kammer dann zum Schlafe streckten, führten sie folgendes Gespräch.

»Ist des Raunens«, fragte der Jünger aus der Dunkelheit, »danach Gedaljah begehrt, nicht genug in der Buchrolle aufgeschrieben?«

Jirmijah ließ lange Zeit antwortlos verstreichen, daß Baruch schon meinte, der Meister schlafe; dann erst erhob er eine leise Stimme:

»Und was wird geschehen, sage mir's doch, wenn ich all diese Worte vor den Ohren des Königs spreche?«

Baruch fuhr erschrocken auf:

»Will Jirmijah in einen nutzlosen Tod gehn, der dem Herrn und diesem Volke nicht hilft?«

»Das Wort über Nebukadnezar, seinen Knecht, muß geredet werden«, versetzte Jirmijah.

Jetzt ließ Baruch seinerseits eine lange Pause eintreten, bevor er mit Schülerton eine Frage stellte:

»Mein Lehrer sage mir doch, wozu der Herr die Rollen erdacht hat, die man Bücher nennt?«

»Bücher sind da, damit der Geist der Menschen erschrecke, erkenne, sich wende, jetzt und später ... Bücher sind Raunung für jedermann ...«

»Ist es recht«, wendete der verständige Baruch bescheiden ein, »wenn ich sage, Bücher sind da für die Lesenden zum Lesen und für die Nicht-Lesenden zum Vorgelesenwerden?«

Und als Jirmijah nichts erwiderte:

»Braucht man zum Vorlesen einen starken Mund? ... Genügt zum Vorlesen nicht auch ein schwacher Mund?«

Der Meister verstand den Jünger, lehnte aber dieses Anerbieten heftig ab:

»Seit wann sendet ein Kriegsheld seinen jüngeren Bruder ins blutige Getümmel, um sein eigenes Leben zu schonen?«

»Dein jüngerer Bruder wird in kein blutiges Getümmel kommen. Denn wer kennt ihn? Der Herr aber hat uns dieses Buch nicht schreiben lassen, damit es eine tote Schriftrolle bleibe ...«

Baruch entwickelte vor Jirmijah seinen Plan. Er wollte mit dem Werke der Verborgenheit im Tempel erscheinen und dieses zuerst im Gemache der Schaffansöhne öffentlich zur Vorlesung bringen. Daraus könne ihm keine arge Gefahr erwachsen. Im Notfall würde er den Einfältigen spielen. Auch werde niemand erfahren, auf welche Weise das Buch in seine Hände geraten sei. Im übrigen sei die Gewalt Jojakims durch ihre heuchlerische Umkehr zu milderen Maßnahmen gegen ihre Feinde verpflichtet.

Baruchs Gründe waren schlagend, sein Plan ein guter Plan. Dennoch schwankte Jirmijah drei Tage und drei Nächte lang, ehe er in die Gefährdung des Jüngers einwilligte. Endlich in der vierten Nacht ließ er ihn ziehen. Zum erstenmal seit dem Beginn ihrer Gefährtenschaft legte er Baruch beide Hände auf und sprach über ihn den Priestersegen, den er als priesterlicher Mann zu erteilen das Recht hatte:

»Der Herr segne dich, er behüte dich, er lasse dir sein Antlitz leuchten!«

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