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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 17
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
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Sechzehntes Kapitel.
Jojakim und Konjah

Es dauerte einige Zeit, bis Jirmijah seine gefolterten Beine wieder rühren konnte. Er hatte das Beth Hamoked, das »Haus des Feuerherdes«, aufgesucht, welches sich am östlichen Rande des Tempelberges befand. In dem Mittelraum dieses Beth Hamoked war ein gemauertes Becken mit angewärmtem Wasser für Tauch- und Reinigungsbäder eingelassen. Auch gab es hier einige kleine Zellen, wo man auf einer Mittah für kurze Zeit der Ruhe pflegen konnte. Baruch war indessen zur Stadt hinabgestiegen, sich um seine beiden Tiere zu kümmern und selbst in einem Quartier ein wenig zu ruhen. Sie wollten dann am Abend, sogleich nach Festesausgang, vom nordöstlichen Stadttor Benjamin den Weg nach Anathot antreten.

Der sommerliche Sabbath hatte eine sehr große Menge Volkes aus Jerusalem und den Städten Jehudas in den Tempel gezogen. Es herrschte wohltuende Kühle, denn die Sonne war von Gewölk verhüllt. Nur ein geringer Teil der Pilger hatte Einlaß in den inneren Priesterhof gefunden, um am Brandopfer teilzunehmen. Die Großzahl der Menschen drängte sich, wie immer, in zwei gegeneinandergerichteten Strömen im äußeren Vorhof. Diese Ströme aber schienen von festlicher Heiterkeit erfüllt zu sein, denn sie erschallten von Lachen und Scherzen, von frohsinnigem Preis und Gesängen. Mochten auch Gewalt und Unterdrückung auf Jerusalem lasten, wer bemerkte sie? Nur die Widerstrebenden, die Abgekehrten, die Sorgenden, die Unruhigen im Geiste, gegen welche sie sich richteten. Wie Jojakim auch immer auf den Thron gelangt war, der Herr segnete sein Zeitalter. Seit fünf Jahren überboten sich die Ernten an Fülle. Zu ihrer Zeit mit eifrigster Dienstwilligkeit traten Sonne und Regen in ihr Recht, als dulde der Herr keine Lässigkeit zum Schaden dieser Königsherrschaft. Brotfrucht und Futterkorn, Hanf und Flachs, Wein und Öl häuften und mehrten sich in den Speichern, und kein Mensch grollte mehr über die beiden großen Schätzungen Jojakims, die ja der Schuldrechnung seines Vaters zur Last lagen. Was aber die berauschenden Paläste anbetraf, die der König sich fern der alten Hofburg, die ihm nicht mehr genügte, außerhalb der Stadt baute, so nährten sie nur den neuen Stolz des Volkes. Insbesondere der »Sommerpalast« auf der luftigen Höhe des Ölbergs galt mit seinen hundert Sälen und Gemächern als Wunder, und die Jugend Jehudas war wie toll über diesen Glanz und diese Großheit, die den Weltkönig Babels oder Nophs in den Schatten stellte.

Wieder spürte Jirmijah das aufgestachelte Selbstgefühl des Volkes beklemmend, als er aus dem Beth Hamoked auf den weiten Vorhof hinaustrat. Es war dieselbe gefährliche Stunde wie gestern, vor Mittag. Sofort schloß sich das Gedränge um ihn. Mit seinen geschwächten Kräften konnte er sich nicht befreien. Der Strom schob ihn mit. In sein Ohr rauschte das fad weltliche Geschnatter der Stimmen, das sich um Erträgnisse und Verluste drehte, um Haus und Hof, um Eltern und Kinder, um geworfenes oder gefallenes Vieh. Dieser heilige Tempel war ein Markt der Alltäglichkeit, und von tausend Menschen war kaum einer fähig, seinen Geist über die Notdurft hinaus zum Schöpfer und seinem All zu erheben.

Jirmijah hatte nur ein Bestreben, schnell zu entrinnen. Hier war sein Ort nicht länger. Was immer auch geschah, sein Mund würde fortan versiegelt bleiben, wie es Ahikam gefordert, wie er's versprochen und sich selbst zugeschworen hatte. Doch das Entrinnen war nicht leicht für seine schmerzhaften Glieder. Immer wieder bildete die flutende Sabbathmenge neue Strudel, Knoten, Stockungen, die ihn einklammerten. Vom letzten Brandopfer des Morgens drängten die darbringenden Pilger aus dem Priesterhof herein. Am dichtesten aber stockte die Strömung vor den Kanzeln. An diesem Sabbath wurde von ihnen allen herab dem Volke gekündet, das nicht immer in solcher Überzahl zum Tempel gewallfahrtet kam. Der festgeklemmte Jirmijah war gezwungen, genau vor der Kanzel seines ersten Ärgernisses eine Künderpredigt anzuhören, die einer der allbeliebten Heilspropheten mit leidenschaftlicher Stimme über den Vorhof erschallen ließ. Dieser Gottesumgänger trug nicht nur den haarigen Mantel, sondern bot selbst einen überaus haarigen und härenen Anblick, um und um bebartet, hohläugig, schmutzig, abgerissen, von regelrechter Künderschaft gewissermaßen rauchend. Mit ihm verglichen waren Jirmijah und gar Chananjah wohlgeschoren verwöhnte Hofleute. Jener aber schien mit äußerster Wollust das innere Geheimnis der Berufung durch äußere Verwahrlosung preisgeben zu wollen. Das Unglaubwürdige dabei aber war, daß er sich nicht einmal die Mühe nahm, irgendwelche Einraunungen des Herrn zu erheucheln, sondern ganz unverblümt im eigenen Namen kündete. Was er sang, es war das übliche Lied des Tages, von Jojakims Größe, von des wiedererstandenen Israel Größe, dieses betrügerische Lied, das jedes Volk blind, taub, trunken macht und dem Untergange weiht. Unter den Augen des Schwellenhüters, seiner Vögte und Riemenschwinger, vor den Ohren der vierundzwanzig heiligen Priesterordnungen und aller Schriftmeister und Gelehrten blieb ungesühnt die Frechheit dieser Rede, die sich bis zur ungeheuersten Gotteslästerung verstieg. Jirmijah spürte, wie Wut und Haß ihm die Kehle zuschnürten. Denn der ausgepichte Härene dort verkehrte die Ordnung der Welt. Er tat so, als erhebe nicht der Herr Israel, sondern Israel den Herrn. Durch Jehudas Größe, schrie er, aus seinem Wucherbart geifernd, werde Zebaoth wachsen unter den Göttern der Völker. Mächtiger müsse Jerusalem und volkreicher werden als Noph und Babel. Dann erst werde der Herr ein mächtiger, dann erst so recht ein einiger Gott sein!

In Jirmijah flehte es: Hör nicht hin! Schließ Aug und Ohr! Schweige, schweig! Krampfhaft gedachter er seiner Erniedrigung und Schmach. Er gedachte der Warnungen Chananjahs und Ahikams und seines Versprechens. Nur jetzt sollte der Herr Erbarmen haben und ein Einsehen und ihn nicht übermannen. Wehe, wenn man Seiner bedurfte, wie war Er da unerreichbar ferne, wenn man aber Seiner nicht bedurfte, dann war Er nah wie hinter einer Wand von Papyrus.

Der Heilsprophet stellte seine verwahrloste Unansehnlichkeit auf die Fußspitzen, machte mit dem haarigen Mantel wilde Flügelschläge und brüllte:

»Der Tempel des Herrn! Der Tempel des Herrn! Der Tempel des Herrn! Wenn Jehuda groß und mächtig ist, dann wird es einen neuen Tempel des Herrn baun, größer als alle Tempel der Welt ...«

Von dieser Verkündigung berauscht, stampfte der Mann auf der Kanzel, als sei er in Wahrheit von Adonai trunken und nicht von menschlichem Größenwahn. Seine Worte überschlugen sich fast:

»Darum rufe ich Heil dem großen Tempel des Herrn! Darum rufe ich Heil dem Könige, der Jerusalem großmacht! Heil! Heil!!«

Die Menge drehte sich aber mit einem Ruck Jirmijah zu, aus dessen Mund jetzt mit jener Stimme, die jeden anderen Laut fortblies, dasselbe Wort unaufhörlich tönte: »Heil ... Heil ... Heil ...«

Sofort entstand ein erwartungsvoller leerer Raum um die Macht dieser Stimme. Jirmijah war dem Herrn erlegen, hatte alle Mahnungen, Warnungen, Versprechen vergessen und was er sich selbst zugeschworen. Gebrochen war der Widerstand. Immer höhnischer peitschte sein Heilruf über die Köpfe, so daß der Härene verärgert seinen Mantel zusammenzog und die Fäuste gegen den Störer schüttelte, der unerbittlich zu ihm hinauffragte:

»Heil! ... Heil! ... Sind das die Heilkünste, mit denen ihr die Wunde meines Volkes heilt?«

Scheuer horchte der Kreis, denn Jirmijah äffte jetzt die krächzende Leidenschaft des Wucherbartes nach:

»Der Tempel des Herrn! Der Tempel des Herrn! Der Tempel des Herrn!«

Und dann mit langgezogenen Silben, bis in den Wachthof der Königsburg vernehmlich:

»Wenn ihr auf mein Wort und meine Lehre nicht hört, spricht der Herr, so zerstöre ich diesen meinen Tempel wie den von Silo und euch mache ich zum Fluch der Völker.«

Nach diesen unfaßbaren Worten trat eine kurze entsetzte Stille ein, der ein mörderischer Haßausbruch von solcher Gewalt folgte, daß um ein Haar jedes weitere Gericht über den Lästerer zu spät gekommen wäre. Jirmijah wurde zu Boden geworfen, ins Gesicht geschlagen, getreten. Der Herr aber schien ihm über diesen gefährlichen Augenblick hinwegzuhelfen, indem er seinen Leib unverwundbar und seine Seele empfindungslos machte. Jirmijah fühlte jetzt weder die alten noch die neuen Mißhandlungen. Er befand sich in einem kühlen Zustand träumerischer Neugier. Er verhielt sich als unbeteiligter Zeuge. Er war neben sich, außer sich. Der Knäuel, dessen Mittelpunkt er bildete, schraubte ihn kreischend ein. Diesen Knäuel wieder schnürte die große Masse zu, durch deren aufgestörte Glieder das todheischende Lästerwort lief. In den Augen der Männer aber knisterte neben dem Haß noch eine überschwengliche Befriedigung darüber, daß eine wüste Verfallenheit das fade Gleichmaß des sabbathlichen Wandels durchbrochen hatte. Aus der Wandelhalle stürmten die Tempelvögte vom Dienst in den Vorhof. Die Riemenschwinger folgten, mit Hieben und Stößen den Auflauf zerteilend. Jirmijah wurde emporgehoben und durch das gewaltige Johlen, das nur wie fernes Sturmbrausen sein gleichmütiges Ohr erfüllte, gegen den südlichen Tempelteil geschleppt.

   

Die Südmauer des Tempelbezirks und die Nordmauer der Hofburg waren durch zwei gewaltige Torbauten miteinander verbunden. Das linke war für den König und sein Haus bestimmt, wenn er zum Tempel wandelte. Den Zweck des rechten konnte man seinem Namen entnehmen, denn es hieß »Tor Haschalischim« oder »Festtor der Leibwache«. Dazwischen aber lag noch ein dritter weitläufiger, säulenreicher Bau, der gleichfalls Tempel und Hofburg verband. Der doppelte Zutritt für die geistliche Macht einerseits, für die weltliche Macht andrerseits bewies sinnhaft, daß es sich um eine Baulichkeit handelte, in der Angelegenheiten sowohl des Herrn als auch des Königs daheim waren, gemischte Angelegenheiten also. »Haus des gemischten Gerichtes« hieß dieses Gebäude, und Tag für Tag versammelte sich hier eine aus Tempelpriestern und Königsbeamten gemischte Obrigkeit, um Recht zu sprechen. Dreiundzwanzig Richter waren es zumeist, elf geistliche, elf weltliche, deren Vorsteher abwechselnd aus dem Tempel und aus den Amtspalästen gewählt wurde. Das gemischte Gericht tagte auch am Sabbath (da der Frevel am Sabbath ebenfalls nicht ruht) und war nur am Neujahrstag und dem Tag der Versöhnung geschlossen, den »furchtbaren Tagen«, da Gott selbst Gericht hält. Die Taten, über die hier Recht gesprochen wurde, waren oft schwere Vergehen gegen das Göttliche, für welche die Gerichtsbarkeit des Hüters der Schwelle keine zureichende Strafe verhängen konnte.

Vor dieses Ketzergericht wurde Jirmijah gestoßen. Die Menge strömte dem Festgenommenen nach, bis die innere Halle ganz von Menschen erfüllt war. Dann erst verschloß die Dienstwache das Tor, denn der Zutritt zum Gericht durfte so lange nicht verwehrt werden, als noch Raum vorhanden war. Riemenschwinger banden Jirmijah an eine einzelnstehende glattgeschabte Säule. Die Dreiundzwanzig, die zu bestimmten Stunden immer versammelt sein mußten, saßen vorschriftsmäßig im Halbkreis, »damit einer den andern sehen könne« und damit keine heimliche Blickverschwörung sich ereigne. Die elf Königsrichter waren durchwegs alte, besonnene Männer, zum Segen des Frevlers. Kein Elnathan, kein Jerachmeel war heute an der Reihe, keiner von jenen, auf welche die Gewaltherrschaft sich gründete. Auf dem Sitz des Gerichtshauptes aber saß, zum Unsegen des Frevlers, kein Priester diesmal, sondern ein weltlicher Würdenträger. Meschullam, der Müller aus Kirjath Jearim, war's, der Herr seiner zwölf von ihm geblendeten Simsonsklaven. Er hatte sein Vermögen so weise vervielfacht und bei der großen Schätzung so trefflich mitgewirkt, daß er vom König zum Amarkel, zum Schatzmeister des Landes, eingesetzt worden war. Unverändert erschien Meschullam seit jenem Tage, da seine wohlbedienten Gäste Jirmijah und Baruch die geschenkten Kleider zu seinen Füßen niedergelegt hatten. Er war derselbe würdig schöne Greis geblieben und liebkoste noch immer mit verzückten Fingern seinen weißen Wellenbart, der nicht dünner geworden war. Seine schweren Augendeckel schienen vom Gewicht der Würde herabgezogen. Er erwiderte Blick und Gruß seiner Amtsbrüder mit wehmütig müdem Nicken, als wollte er sagen: Ihr und ich, wir wissen schon, was da wieder kommt.

Auf der Seite der Tempelrichter saß Pasch'chur mit den zwei andern Hütern der Schwelle. Sie aber schwiegen vorerst und überließen die Anklage dem verwahrlosten Heilspropheten, den Jirmijah vorhin um rauschenden Beifall gebracht hatte. Der Bartumwucherte schäumte noch immer vor Wut und wandelte die kurze Lästerung unerschöpflich ab. In Jirmijahs Wesen war ihm dasjenige entgegengetreten, was er mit Urhaß haßte. Die Augen des Angeklagten suchten einen einzigen im Halbrund der Richter, den, der gesagt hatte: »Ich halte meinen Arm über dich.« Doch Ahikam, der allen Richtergemeinschaften angehörte, dem Gericht der Einundsiebzig, dem Gericht der Dreiundzwanzig und dem der Drei, war nicht gekommen. Vielleicht wußte er noch von nichts. Vielleicht war er zur heutigen Rechtsversammlung nicht ausgelost worden. Vielleicht aber zürnte der Vorsichtige dem Unzuverlässigen, der sein Versprechen gebrochen hatte, und gab ihn preis. Da fielen Jirmijahs Augen auf zwei Männer seines Alters, die soeben das Richterrund betreten hatten und sich, als die Jüngsten der Körperschaft, rechts und links an den Enden des Halbkreises niederließen. Und er erkannte Gedaljah und Micha, die beiden Zwillingssöhne Ahikams, die zu Josijahs Zeiten in den Städten draußen gedient hatten und denen er nur selten begegnet war. Die Züge der beiden Zwillingsbrüder ähnelten einander aufs äußerste, nur war Gedaljah kräftig und wohlgefärbt, Micha hingegen blaß und kränklich. Jirmijah war so bitter enttäuscht, Ahikam nicht zu finden, daß ihn die Stellvertretung durch seine Söhne nicht trösten konnte. Gedaljah und Micha wußten nur wenig von ihm, sie würden sich hüten, das Gewicht ihres Namens für einen Gottesfrevler in die Waagschale zu werfen. Ein großes Verzagtsein zog in sein Herz ein. Und aus dem Verzagtsein wurde kleinmütige Schwäche und aus der kleinmütigen Schwäche wurde atemenge Menschenfurcht und aus der atemengen Menschenfurcht zähneklappernde Todesangst. Seine Hände klammerten sich an die Säule. Sein Kopf schwankte hin und her. Er war verloren.

Der Ankläger mit dem härenen Mantel beendete soeben seine grimmige Rede, indem er zu den Dreiundzwanzig emporfuchtelte:

»Und darum ist es gesetzlich, daß er Todes sterbe!«

»Daß er Todes sterbe ...« schallte ein verzauberter Chor nach, den er mitgebracht hatte.

In diesem Augenblick hatte das Bewußtsein, daß er rettungslos sterben müsse, bis in die letzte Fiber von Jirmijah Besitz ergriffen. Seltsamerweise aber wurde ihm gerade dieses Bewußtsein zu einer Stütze. Er atmete mehrere Male sehr tief, um die Schwäche seiner Seele zu überwinden. Ihm fiel Urijah ein, der wie ein Lamm auf der Schlachtbank gestorben war. Nein, er wollte nicht sterben wie Urijah. Wenn seine Stirn auch von kaltem Schweiß feucht war und seine Hände noch immer zitterten, so hob er jetzt sein Haupt und blickte Meschullam, seinen Richter, fest an. Und sonderbar wiederum, der Anblick dieses Gerechten, der einer der verborgenen Frevler in Israel war, gab ihm seine Kraft zurück. Meschullam aber harfte mit seiner kleinen weißen Hand ein wenig im schöngewellten Weißbart und stellte die erste Frage:

»Ist es wahr, Jirmejahu aus Anathot, daß du den Frevel der Gotteslästerung begangen hast, indem du mitten im Tempel kündetest: Gleich dem alten Heiligtum zu Silo wird es diesem Tempel hier ergehn und diese Stadt wird in Trümmern liegen und unbewohnt sein?«

Ruhig klang Jirmijahs Verantwortung und schuf sich sogleich einen freien Raum hingegebener Aufmerksamkeit:

»Dies ist nicht wahr. Nicht habe ich den Frevel der Gotteslästerung begangen, da der Herr selbst mich übermocht hat, über Tempel und Stadt also zu weissagen, wie ihr mit Ohren gehört habt.«

Ehe Meschullam im Verhör fortfahren oder ein andrer Richter eine Frage stellen konnte, erhob sich Gedaljah und nahm sehr laut das Wort:

»Ich erhebe Einspruch gegen die Anklage. Denn sie entspricht nicht dem Vergehn dieses Mannes. Ein Mensch kann nur aus sich selbst, nicht aber aus dem Herrn heraus den Herrn lästern. Kann Gott eine Gotteslästerung begehn? Nein! Die Anklage widerspricht sich selbst und ist darum ohne Sinn ...«

Hier stand Pasch'chur gelassen auf. Er lächelte voll Höflichkeit. Doch seine Storchaugen funkelten:

»Sieh doch, Gedaljah, Ahikams Sohn ... Wir gern nähme der Hüter der Schwelle eine Belehrung von deiner großen Klugheit an ... Aber da ist er nun, der Alterfahrene, seit Jahr und Tag amtlich über diese Propheten gesetzt und kennt sie ... Kein Künder ist so töricht, aus sich selbst zu lästern. Immer versteckt er sich hinter dem Herrn, wenn er lästert.«

Gedaljah schlug nicht ohne Schärfe zurück:

»Wie unterscheidet Pasch'chur zwischen Wahrwort und Lästerwort? Es gehen wohl kündende Betrüger um. Aber ergründe du, daß sie Betrüger sind. Nicht wahrnehmbar ist ihr Betrügertum. Auch gibt es Betrüger, die nicht einmal wissen, daß sie Betrüger sind. Nicht einmal sie können der Lästerung schuldig erkannt werden ... Pasch'chur möge mir den Beweis führen, daß alle Heilspropheten Wahrsprecher sind und alle Weh- und Bußpropheten Lästerer. Kann er das beweisen, dann ist die Anklage gegen diesen Mann gerechtfertigt ...«

Meschullam unterbrach diesen Rechtsstreit, der zum Vorteil des Beschuldigten ausgefallen war, indem er mit einer traurigschönen Gebärde seiner Barthand Jirmijah aufforderte, seine Verteidigung fortzusetzen. Der aber ließ, während er sprach, seinen Richter nicht aus den Augen, was Meschullam sichtlich unruhig machte:

»Der Herr hat durch mich nicht gesprochen: Ich zerstöre diesen Tempel! Sondern er hat gesprochen, wenn ihr mein Wort und meine Lehre nicht hört, dann zerstöre ich auch diesen Tempel wie damals mein altes Heiligtum ...«

Jirmijah hatte kaum zu Ende geredet, als Gedaljah einen neuen Vorstoß unternahm:

»Da hören es die Richter mit Ohren ... Kein Zeuge erhebt sich dawider ... Dieser Mann hat nicht Gott gelästert, sondern die Menschen ... Uns hat er gelästert, nein, gewarnt, daß der Herr Rache nehmen werde, wenn wir nicht umkehren ...«

Nachdenklich erhob nun auch Micha, Gedaljahs Zwillingsbruder, am andern Ende des Halbrunds, die schmale Hand, sich mit leiser Stimme zum Worte meldend:

»Eine Frage an dieses Gericht ... Steht ein Gesetz geschrieben wider Menschenlästerung? ... Hat dieses Gericht eine Überlieferung, die sich gegen ein warnendes Wort kehrt?«

Es erhob sich nach diesen Worten ein Streit im Richterrund und unter den Zuhörern. Die Rechtsgewandtheit und Geschwindigkeit der Schaffaniden hatte, ehe der Gerichtshof sich noch besinnen konnte, die Anklage ins Wanken gebracht. Die Grauköpfe des Halbkreises stießen zusammen und eiferten miteinander über Michas verschlagene Frage, ob dieses Gericht eine Überlieferung besitze, mittels welcher der beklagte Frevel zu packen sei. Klar zeigte sich an diesem Fall die unter dem Deckel der Angst kochende Parteiung des Volkes. Die durch den neuen Hochmut Trunkenen wünschten Jirmijahs Verderben, mochte er schuldig sein oder nicht. Die andern aber, die von der Gewalt nur Verschreckten oder Betäubten, schienen plötzlich zu erwachen und Mut zu bekommen. In der Seele der Schwachen verflog der Rausch der allgemeinen Großsprecherei und etwas in ihr entschied sich für den Schwächeren, der ein Angeklagter ja immer ist. Der härene Ankläger, der seinen Sieg entgleiten fühlte, brach in ein neues Toben und speichliges Zetern aus. Sein Gebaren war so zuchtlos, daß sich Meschullam gezwungen sah, die Würde des Gerichtshofes zu verteidigen und den gehässigen Heilsprediger aus der Halle zu weisen. Auch dieser Vorfall stärkte die Sache Jirmijahs, der von der Säule der Anklage her sein ruhiges Wort an das verstummende Gericht und die ganze Versammlung richtete.

»Ich bin in eurer Hand«, sagte er. »Tuet mit mir, wie es gut und recht ist in euren Augen. Doch dieses sollt ihr wissen: Wenn ihr mich tötet, dann werdet ihr wieder unschuldiges Blut über diese Stadt und ihre Bewohner bringen ...«

Ein würdig-schlichte Rede, die tiefe Stille verursachte. Der Hinweis auf die Ausrottung Urijahs beschämte viele. Selbst schuldiges Blut schrie zum Himmel und mußte vom ganzen Volke verantwortet werden. Pasch'chur jedoch durfte sich, seines Ranges eingedenk, nicht geschlagen geben. Er verschärfte und klärte die Anklage, Jirmijahs unheilbare Verstocktheit und seine freche Rückfälligkeit innerhalb weniger Stunden dem Halbrund darlegend. Wiederum aber fuhr Gedaljah dazwischen:

»Hat der Hüter der Schwelle in seiner Gerichtsbarkeit diesen Mann für sein Wort bestraft?«

»Der Hüter der Schwelle«, entgegnete Pasch'chur, »hat weniger als seine Pflicht getan ...«

Des bläßlichen Micha müde Stimme mischte sich sofort ein, wie abgekartet:

»Eine Frage an dieses Gericht ... Steht ein Gesetz geschrieben, daß für dasselbe Vergehn die Strafe zweimal verhängt werden kann? ... Hat dieses Gericht eine Überlieferung ...

»Dieses Land hat eine Überlieferung ...«

Alles horchte auf, denn dieser laute Ausruf hatte sich unter der Zuhörerschaft erhoben, durch deren Reihen eine Bewegung ging. Ein uralter Mann drängte sich vor den Gerichtshof. Jeder konnte es ihm ansehn, daß er ein »Ältester vom Lande« war, einer der Dorfschulzen Jehudas, der mit dem Opfer seiner Gemeinde zum Tempel gewallfahrtet kam. Und dieser rüstige Uralte, ein Am-Haarez, ein ungebildeter Bauer, dessen Leben weit in den Weltlauf zurückreichte, trat ruhig vor die geschulten Priester, Gottesforscher, Würdenträger und belehrte sie mit stockendem aber klarem Wort:

»Dies ist die Überlieferung ... Micha aus Morescha, ein Künder Gottes zur Zeit meines Großvaters, in den Tagen Hiskijahs, des Königs von Jehuda, dessen Angedenken der Herr segnet ... Micha aus Morescha weissagte vor dem ganzen Volke und sprach. So spricht Zebaoth: Zion wird als Acker gepflügt. Und Jerusalem wird ein Trümmerhaufen sein. Und der Tempelberg eine waldige Höhe ... Hat für diese Worte Hiskijah, der König, hat darum ganz Jehuda den Mann Micha aus Morescha getötet? ... Nein, Hiskijah, der König in den Tagen meines Großvaters, hat Adonai gefürchtet und gebetet vor dem Herrn, daß der Herr sich bedenke wegen des künftigen Unheils ... Und ihr da, ihr wollt einen großen Frevel über unsere Seele bringen? ...«

Ein Unwissender vom Lande, ein bäurischer Uralter, hatte mit dieser Rede die Hochgelehrten von Jerusalem nicht nur belehrt, sondern zurechtgewiesen. Und das Schlimme dabei war, daß diese Zurechtweisung nicht allein aus schlichtem Volksverstand erfloß, sondern aus dem Schatz des Wissens geschöpft war und nach allen Regeln der Kunst den entsprechenden Fall der Überlieferung zum Vergleiche heranzog. Nicht die Forscher und Deuter, sondern ein greiser Am-Haarez war's, der den Propheten Micha der Versammlung ins Gedächtnis rief und damit dem Gerichtshof eine nicht umgehbare Rechts-Überlieferung nahelegte. Dessen freute sich das Volk der Zuhörer, das in diesem Triumph eines Ungebildeten über die Gelehrsamkeit seinen eigenen Sieg feierte. Von allen Seiten erscholl's: »Hört ihn, denn er hat euch das Richtige gesagt.« Über dem Halbkreis lag mißliches Schweigen. Jirmijahs Los hatte sich endgültig zum Guten gewendet. Ein letzter Versuch Pasch'churs, die Anklage zu erneuern, ging im Hohn- und Zorngeschrei der Zuhörer unter, die ihre Gesinnung in einer kurzen Stunde völlig gewandelt hatten. Meschullam winkte dem Hüter der Schwelle ab. Dann gab er das Zeichen zur brauchgemäßen Abstimmung. Die Stimmen des gemischten Gerichtes hielten sich die Waage, elf gegen elf. Die Entscheidung lag beim Dreiundzwanzigsten, dem Haupte der Versammlung. Mit wohlwollendem Lächeln weihte Meschullam seine Stimme dem Freispruch des Beschuldigten.

»Bindet ihn los!« befahl er den Riemenschwingern.

Als aber die Dienstwache den Strick, mit dem Jirmijah an die Säule gefesselt war, löste und ihn befreite, da nahm Meschullam seine zärtliche Hand noch einmal aus dem schneeigen Schönbarte, gebot Ruhe und sprach:

»Jirmejahu aus Anathot! Du bist der Gotteslästerung nicht schuldig befunden worden vor diesem Gerichtshof. Hingegen bist du vor den Augen Tausender Zeugen schuldig, am Sabbath des Herrn durch dein Wort einen Volksaufruhr im Tempel entfesselt zu haben. Dafür verlangt der König Jehudas Rechenschaft von dir. Du wirst also vor das Antlitz des Königs treten, der dein Richter ist ...«

Meschullam blickte milde umher. Die Zuhörer aber schwiegen, denn eine Auflehnung gegen den König als Richter konnte jedem teuer zu stehn kommen. Der zum Amarkel erhobene Müller erwartete wohl, daß der Stolz Jirmijahs nun gebrochen sei und er dessen weinendes Bittflehen um Gnade mit mitleidigem Seufzen werde zurückweisen dürfen. Doch darin täuschte er sich. Jirmijah lächelte unaufmerksam. Das Verzagtsein, die Schwäche, die Menschenfurcht, die Todesangst war bis auf den letzten Schatten aus seiner Seele gewichen. Sie hatte einem unaussprechlichen Vertrauen Platz gemacht, dessen Herrlichkeit er vor diesem Gericht zum erstenmal kennenlernte. Sooft er auch beraubt, entblößt, ausgesetzt worden war, in diesem Kampf verließ ihn der Herr nicht. Er wußte jetzt schon, daß er unversehrt hervorgehen werde. War der Uralte vom Lande nicht wie ein echter, verborgener Bote Gottes erschienen? Unbändiges Kraftgefühl durchströmte Jirmijah und frohlockte in ihm: Du bist mir zur Seite ... Wie ein gewaltiger Held ... Darum straucheln meine Verfolger und werden zuschanden ...

Jirmijah verbeugte sich lächelnd vor den zweimal elf Richtern und deren Haupt:

»Ich werde vor das Antlitz des Königs treten und sprechen zu ihm!«

Er wurde von der Dienstwache in die Mitte genommen. Meschullam aber ließ ihn nicht fesseln.

Der König hatte sich schon am frühen Morgen in seinem ägyptischen Prunkwagen, einem Geschenke Pharaos, von der Hofburg in seinen Sommerpalast auf dem Ölberg begeben. Dies war ein doppelter Bruch des Sabbaths: Entfernung und Ausfahrt. Doch Jojakim kam es nicht darauf an, den Sabbath siebenfach und zwölffach zu brechen, zwang er doch die freien Bürger des Landes, seine Brüder und Schwestern, auch am heiligen Tage an seinen Baustätten als Froner zu arbeiten. Für das Gericht der Dreiundzwanzig hingegen erwuchs die peinliche Notwendigkeit einer Beschlußfassung, was nun zu geschehen habe. Zum unverbrüchlichen Rechte jedes Angeklagten gehörte es, noch vor Sonnenuntergang seinem Richter vorgeführt zu werden. Der Aufschub um eine Nacht wäre damit schon ein Rechtsbruch gewesen, den ein frommes Gericht nicht verüben durfte. Man war demnach genötigt, nach Entscheidungen und Bestimmungen zu suchen, die das Gesetz des Sabbathweges auch für strenge Erfüller aufhoben. Solcher alten Entscheidungen gab es mehrere: »Krieg bricht Sabbath.« »Verfolgung bricht Sabbath.« »Aufruhr bricht Sabbath.« Nach der letzten Rechtsentscheidung griff man, da sie ja nur bedeuten konnte: »Abwehr des Aufruhrs bricht Sabbath.« Die unverzügliche Vorführung Jirmijahs im Sommerpalast wurde beschlossen und eine Abordnung von sieben Beisitzern gewählt, welche die Klage vorbringen sollten. Gedaljah und Micha waren nicht unter den Gewählten. Der ehrwürdige Meschullam aber ließ es sich trotz seines Alters nicht nehmen, seine Beute dem dankbaren Könige selbst vors Angesicht zu bringen. Es war schon spät am Tage, als man die Stätte des Sommerpalastes erreichte. Ein Haufen Volkes hatte sich dem Zuge angeschlossen und umdrängte die Riemenschwinger mit dem Verhafteten. Jirmijah fühlte sich an der Schulter leicht angerührt. Es war die Hand Baruchs, der ihn ausgeforscht hatte und ihm jetzt das Zeichen seiner zu allem entschlossenen Bereitschaft gab.

Rüstige Arbeit herrschte am und um den Sommerpalast. Jojakim war ein großer Bauherr, doch noch ein weit größerer Umbauherr. Ihm war die Ruhe des Vollendens nicht gegönnt. Ein dumpfes Unbehagen am Fertigen zwang ihn immer wieder, abzubrechen und neu zu errichten. So hatte er soeben sein ägyptisches Grabhaus, schon in jungen Jahren angelegt, niedergerissen, um sich eine neue Mastaba von unerhörten Maßen in der Nähe des Sommerpalastes mit dem Blick auf den Tempelberg zu bauen. Eine farbenreiche Verewigungsstätte gleich dieser würde kein König der Welt je gefunden haben und je finden. Schon jetzt prüfte Jojakim mit unheimlicher Leidenschaft ganze Ballen von Byssusgeweben für seine Mumienbinden und hundert Balsamarten, Öle und Wohlgerüche für seine letzte Zurüstung.

Gehämmer, Gesäge, Gefeile ringsum. Dann und wann der Mahnruf eines Sklavenaufsehers. Die Arbeit ruhte nicht. Jirmijah sah den Priestern fest ins Auge, die ihn vor seine Richter führten. Sie waren genötigt, angesichts dieser unermeßlichen Sabbathschändung durch den König den Blick vor ihrem Gefangenen zu senken. Mancher mochte dabei wohl die Anwandlung verspüren, den Priestersohn aus Anathot laufen zu lassen, der nichts andres verbrochen hatte, als gegen das »Wirkliche« aufzubegehren. Der alte Meschullam aber trieb den Zug an, damit man schnell zum Tore gelange. Der Palast war von mehr als hundert Kriegern der Leibwache geschützt, denn Jojakim lebte in der Angst, er werde ermordet werden wie sein Großvater Amon. Bis auf die Leibwache mit ihrem Befehlshaber, die Verschnittenen und Diener war aber die königliche Familie heute allein im Sommerpalast, denn Jojakims ständige Freunde und Begleiter, Elnathan und Jerachmeel, hatten sich am Morgen beurlaubt. Dies bedeutete eine Fügung des Herrn zugunsten Jirmijahs.

Vor den sieben Richtern mit Meschullam an der Spitze öffnete sich das Palasttor willig. Von Verschnittenen geleitet, durchschritt der Gerichtszug Glanzgemach nach Glanzgemach. Dergleichen Hauspracht hatte kein Auge in Jerusalem noch erblickt. Plump war dagegen Salomos Wohnhaus in der Hofburg und das ihm angeschlossene Frauenhaus von Pharaos Tochter. Hier in Jojakims Palast war jedes Gemach in einer andern Farbe gehalten, in anderm Holze errichtet. Der Erbauer hatte mit Ebenholz, Zeder, Sandel, Akazie und Oleander nicht gespart. Auch der Anstrich mit seinen dahineilenden Zierbildern zeichnete sich durch lebensvolle Leuchtkraft aus. Der strahlensaugende Zinnober unterschied sich vom stumpfen Mennig. Vier oder fünf Sorten Purpur, hellere, dunklere, setzten das Auge in Verwunderung. Doch nicht nur Holzart und Farbstrich erwiesen sich zärtlich abgewogen, jeder Raum verströmte einen eigenen Wohlgeruch, der mit Farbe und Holz in Übereinstimmung stand. Räucherwerk verströmte ihn, das auf zierlichen Pfannen brannte, oder Duftöl, das aus verborgenen Alabastergefäßen von Zeit zu Zeit einen Tropfen zur Erde fallen ließ.

Alle Söhne Josijahs, des hohen Königs (wie gut wußte das Jirmijah), glichen einander in dem Verfallensein an das Wohlgeformte, Reizende, Duftige und Duftende. Der arme Joachas schnitzelte den ganzen Tag in seinem Werkwinkel an geschickten Nachahmungen der ägyptischen Lieblichkeiten. Und auch die schönen Augen des jungen Mathanjah wurden starr vor lüsterner Verzückung, wenn sie ein schöngearbeitetes Schmuckstück erblickten, einen leuchtenden Edelstein, ja auch nur ein Häuflein bunter Glasscherben.

Das plötzliche Eindringen einer gerichtlichen Schar von Priestern und Obern am Sabbath mußte den König Jojakim aufs äußerste überrascht haben. Er war mit einem losen, ganz dünngewebten Hauskleide angetan, wie es Pharao zu tragen pflegte, das in weichen Falten bis zu den Knöcheln fiel. Die Abordnung hatte sich in einem weiten Saale versammelt, der »sommerliche Gerichtshalle« hieß, und endlose Zeit auf den König warten müssen. Die alten Richter, selbst der unverwüstliche Meschullam, sahen wachsgelb vor Übermüdung aus und konnten sich kaum mehr aufrechthalten. In seinem Herzen begehrte keiner von ihnen etwas andres als einen Sitz und einen Labetrank. Offenbar wußte Jojakim nicht, was die Störung bedeutete und was diese Frommwürdigen am Sabbath zu ihm getrieben hatte. Er rieb ununterbrochen seine mageren Hände, von Zeit zu Zeit an ihnen riechend. Nicht nur für Höflinge deutete diese Gebärde darauf hin, daß man Jojakim soeben von jener Beschäftigung abberufen hatte, der er neben dem Bauen und Umbauen am tiefsten verfallen war. Dieser gefürchtete König der Gewalt, dem das Racheschwert so locker saß, dieser volkverführende Redemeister hatte sich in all seinen Häusern eigene Küchen errichtet, wo er die seltsamsten Dinge zusammenbraute und mischte. Er mischte Tränke aus unterschiedlichen Weinen, Säften und Gewürzen. Er mischte Düfte aus gepreßten Blumen- und Fruchtkernölen. Er mischte Farben, er mischte Räucherwerk, er mischte Spezereien in heftiger Begierde, etwas Neues, Unbekanntes, das Leben zauberhaft Verewigendes herauszumischen. War diese Leidenschaft auch längst zum Selbstzweck geworden, so kreisten seine Gedanken doch immer und immer wieder um die Vollkommenheit seiner künftigen Mumie, die durch eben jene Verfeinerungen von Balsam, Myrrhe, Natron, Harz und die neuerfundenen Zutaten alles Werk Ägyptenlands weit übertreffen sollte. Jojakim wurde vom Geiste der Vermischung umgetrieben, während der Herr doch vom Hause David den Geist der Entmischung und Sonderung forderte. Der lange Aufenthalt in den Zauberküchen schien bedenkliche Wirkungen auf die Gesundheit des Königs auszuüben. Seine eingefallnen Wangen waren rotgefleckt wie die eines Fiebernden, seine Augen verschleiert wie die eines schwer Trunkenen, sein wulstiger Mund aufgeworfen wie der eines Liebeserschöpften. Gleich einem Schlafwandler erstieg er die Stufen zum Hochsitz und lehnte sich zurück, mit Mühe seine auseinanderfallenden Züge zu einer königlichen Miene versammelnd. Meschullam und die andern bückten sich tief bis zum Sandelestrich hinab, und das große Gemurmel begann:

»Wir sind gewürdigt, das Antlitz unsres Königs zu schauen ...«

Jojakim schien von all dem noch gar nichts zu bemerken. Seine vergifteten Sinne schnupperten wollüstig den verlassenen Düften nach. Nach geraumer Zeit erst erwachte er aus seiner Geistesabwesenheit und fand sich diesen lästigen Männern Jerusalems allein gegenüber. Ängstlich blickte er um sich. Wo waren Jerachmeel, Elnathan und die andern Fürsten, die seinem Herzen Gewalt verliehen und seine Zunge losbanden? Meschullam aber wiegte sich vor dem König geschmeichelt in den Hüften und spitzte den Mund unter dem wogenden Bart:

»Die Herrlichkeit meines Königs höre mich ... Dieser Mann hier vor dem Antlitz des Königs, Jirmijah aus Anathot, hat im Tempel gekündet ...«

Jojakim, immer unruhiger werdend, hörte Meschullam gar nicht, sondern ruckte und zuckte auf seinem Sitz, als werde er im nächsten Augenblick aufspringen. Plötzlich aber verklärte ein erlöstes Lächeln sein Angesicht, denn eine Stimme hatte »Vater!« gerufen. Und ein zartes, blasses Kind, ein Knabe von zwölf Jahren etwa, kam immer zögernder in die Halle gelaufen. Es war Jechonjah, der Sohn des Königs, den zärtlich alle Konjah nannten, denn einen schöneren Knaben, einen liebenswürdigeren Prinzen hatte der Herr dem Hause David noch niemals gedeihen lassen. Obgleich sehr klein für sein Alter, war Konjah doch wie eine zierliche Leuchtgestalt der Heerscharen Zebaoths anzusehen. Die Augen waren alles in diesem weißen, allzu feinen Gesichtchen, das die Seele kaum zu umhüllen vermochte. Diese Augen maßen die würdigen Eindringlinge schwermütig und abweisend. Der König rief Konjah heran, drückte ihn an sich und hieß ihn zwischen seinen Knien auf die Stufe niedersitzen. Dies war der Sohn, dies war der einzige, den er liebte.

Inzwischen hatten sich des Königs Dienstkämmerer und was sonst noch vom Hofe in der Nähe war, um die Stufen des Hochsitzes mit erschrockener Eile versammelt. Man war dessen nicht gewärtig gewesen, daß zu dieser Stunde eine Abordnung vorsprechen und der König seine Mischküche verlassen werde. Meschullam, der Wortführer, ergriff die Hand des Angeschuldigten und begann seinen Spruch noch einmal. Jirmijah aber riß sich los und trat frei Jojakim entgegen:

»Ja, ich habe das Wort des Herrn über den Tempel gesprochen. Jetzt aber rede ich das Wort des Herrn über dich, König von Jehuda, der du sitzest auf dem Thron Davids! Höre das Wort, du und deine Diener und dein Volk und alle, die in deine Tore eingehen ...«

Meschullam und die andern Vorführer entsetzten sich und wurden rot und blaß bis in ihre grauen Bärte. Der Schatzmeister erhob beschwörend seine Stimme: »Herrlichkeit meines Königs ...« Doch Jojakim wies ihn mit einer ungeduldigen Kopfbewegung zur Ruhe. Er hatte nur Augen für Jirmijah. Man sah es ihm an, wie er sich bemühte, den Betäubungszustand abzuschütteln, der noch immer nicht ganz von ihm gewichen war. Und seine Augen erkannten Jirmijah, den letzten Freund seines verratenen Vaters. Und seine Ohren erkannten die Stimme, die ihn in rasende Wut versetzt hatte in einer fernen Passahnacht. Jojakims Hände tasteten nach Konjahs schmalen Schultern. Wut stand in seinen Zügen nicht zu lesen, sondern Bann und Spannung. Während Jirmijah aber von der starken Raunung des Herrn ganz und gar erfüllt war, wußte er mit höchster Wachheit, daß sein Leben daran hing, daß dieser Bann sich nicht lockere, sondern über die Köpfe aller wie ein Netz geworfen werde:

»So spricht der Herr zu dir: Sei gerecht! Rette den Beraubten aus der Hand seiner Ausbeuter! Bedrücke nicht die Schwachen, die Fremden, Witwen, Waisen! Übe keine Gewalt und vergieße kein unschuldiges Blut! Dann werden durch das Tor des Palastes ewig Könige eingehn ... Was aber tust du? Du übst Gewalt und vergießest Blut. Ja, heiliges unschuldiges Blut hast du vergossen mit diesen deinen Händen ...«

Jirmijahs Stimme hatte sich nicht ein einziges Mal zu lauter Feierlichkeit erhoben, wie es der Künder Brauch war. Doch gerade die eindringliche Trockenheit der Worte, die dem König die Wahrheit ins Gesicht schleuderten, ließ den Mut dieser Herausforderung zehnfach aberwitzig erscheinen. Ja, der Aberwitz hatte schon jene Grenze erreicht, wo er unentrinnbar wird. Keiner regte sich. Alle Augen sahen fassungslos auf Jojakim. Ein gellender Wutschrei zur Leibwache hin, und Jirmijah lag erwürgt auf dem Estrich, damit den kostbaren keine Blutflecke schänden. Doch nicht also geschah es. Der König öffnete seinen Mund nicht und blieb ruhig sitzen. Wie jeder gewaltübende Mensch, der andern mit großer Leichtigkeit wehetut, war er selbst ohne Maß wehleidig und empfindlich. So erbarmungslos er jeden Angriff führte, wurde er selbst unmittelbar angegriffen, dann sank er gelähmt zusammen wie jetzt. Die Lähmung des Königs aber lähmte auch alle andern. Jirmijah war unbeschränkter Herr in der »sommerlichen Gerichtshalle«. Er war es so sehr, daß er um den unschuldigen Knaben litt, dessen Ohr er in dieser großen Stunde nicht schonen durfte. Konjah aber, dieses Engelsbild aus Davids Stamm, sah ihn mit dem erfrorenen Entsetzen der Gazelle an, die einem Löwen begegnet. Jirmijah hob seine Stimme auch jetzt nicht, sondern senkte sie noch:

»Auf Unrecht hast du dein Haus gebaut und mit Ungebühr diese Säle ... Kommst du dir vor wie Pharao, wie der König von Babel, weil du mit Zedern prunkst? Dein Vater, auch er aß und trank und freute sich. Aber er liebte das Recht Gottes und der Menschen ...«

Jirmijah hat die ihm vergönnte Frist der Lähmung bis zum äußersten ausgedehnt. Die reine Erwähnung des Vaters vor Jojakims Ohren ist eine gräßliche Anklage, die den ganzen Saal durchschauert. Die Hände der Leibwachen umklammern den Schwertknauf. Jirmijah aber beugt sich vor, denn das Wort Zebaoths, das er jetzt sprechen muß, es ist nur für das Haus Davids bestimmt, nicht für die andern. Er flüstert es:

»Spruch des Herrn über Jojakim! Darum wird man dereinst über dich nicht wehklagen, wie man wehklagt: Oh, wehe, mein Bruder, wehe, weh, meine Schwester! Nicht wird man wehklagen über dich: Oh, wehe, mein König, wehe, weh Seine Herrlichkeit! ...«

Noch ein tiefer Atemzug, dann ist für Urijah getan, was getan sein muß: »... Sondern wie man einen toten Esel verscharrt, so wird man dich begraben. Geschleift und hingeworfen wirst du liegen vor den Toren der Stadt ...«

Jojakim fährt nicht in die Höhe, sondern lehnt sich fliehend zurück, als sei das Entsetzliche unmittelbar in Erfüllung begriffen. Denkt er an seine prangende Mastaba, die er der Verewigung seines Leibes zu weihen gedenkt? Die Männer rings, die von dem weissagenden Geflüster nichts vernommen haben, wenden einander graue Gesichter zu. Langsam umkrampfen die Hände des Königs die Armlehnen des Hochsitzes. Die Lähmung weicht. Aufsteigende Purpurröte beweist, daß er erwacht ist. Sein Blick sucht den Befehlshaber der Leibwache. In diesem letzten Augenblick aber ereignet sich der rettende Eingriff des Herrn. Der kleine Konjah zu Füßen seines Vaters, der das Unabwendbare mithören mußte, ist plötzlich ohne Laut ohnmächtig zusammengesunken. Leichenfarbe breitet sich sofort über das herrliche Knabenantlitz, als schlage das Herz nicht mehr.

Der König schreit auf, reißt den Geliebten empor und beginnt nach Wasser, Ärzten, Helfern gellend zu rufen. Da aber angesichts der furchtbaren Strafe dieser Entseelung ihm nur ein kopfloses Durcheinander antwortet, streckt er den Leib des Sohnes dem Künder entgegen, heiser flehend:

»Dein Herr rette ihn! Unser Gott rette ihn!!«

Jirmijah legt ruhig seine Hand auf die Wachsstirn des Kindes. Es dauert nicht länger als zwölf Herzschläge, dann öffnen sich Konjahs Augen wieder. Zuerst lächeln sie matt. Als sie aber ihren Erwecker erkennen, füllen sie sich mit neuem unsagbarem Grauen.

Traurig wendet sich der Sieger ab. Er geht langsam an Meschullam und seinen Richtern vorüber, mitten durch die Leibwachen, von Glanzgemach zu Glanzgemach wie ein Unsichtbarer, bis er, von keiner Hand zurückgehalten, durch das Tor in den Sonnenuntergang tritt. Wundersam aber deucht es ihm, daß er nicht nur für die andern, sondern auch für sich selbst wie ein Unsichtbarer ist.

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