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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 14
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
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Dreizehntes Kapitel.
Der Gang durch die Amenti

Jirmijah hatte den Pfeil wider den Herrn von seiner Seele abgeschnellt.

Er fand sich in einer Kammer in der Weststadt, im Lande des Untergangs, über welches der Cher-Hep unumschränkter herrschte als Pharao. Auf einer harten Pritsche lag er ausgestreckt. Vor seinen Augen lebte im starken Fackellichte an den Wänden das bunte Bilderwerk, das in breiten Bändern die Fahrt der Sonnenbarke durch »das Land der versammelten Finsternisse« darstellte. Noch immer verstand Jirmijah nicht alles an diesen abgöttischen Wahnbildern, doch sein Herz raste in Schmerz und Grimm. Durch das, was er jetzt sann, tat und vorhatte, verfluchte er sich selbst, nur um den Herrn zu strafen, der jeden tötete, den er liebte, und ihn entblößte und verdarb wie seinen ärgsten Feind. Die Braut hatte nur um seinetwillen sterben müssen, hingemordet am beschlossenen Tag der Freude, Zenua, die zum Herrn gestrebt, inbrünstiger als je ein reines Kind Jakobs ...

Nun lag Jirmijah auf diesem harten Lager im westlichen Lande der Unreinheit und Zauberei. Hauchdünne Streifen einer Mumienbinde waren leicht um seinen Rumpf geschlungen, zum Zeichen dessen, was er suchte und wohin er wollte. Er, der reine Wächter des reinen Wortes, lag hier im tieferen Elend als Israel und Jehuda. Er richtete Schlimmeres auf als das Sonnenrad. Er suchte das Unreine, den Abfall und den Trug mit Wollust. Denn seine Seele schrie nach Rache. Doch seine Seele schrie auch nach der unschuldig Getöteten. Glaubte der Herr wirklich, er werde sich mit allem zufriedengeben? Auch er war ein Empörer. Auch er schrak vor keinem Wege zurück. Am wenigsten schrak er vor dem Wege zurück, der zu Zenua führte. Er stritt wider die unerbittliche Grenze. Was Zenua durchstand, wollte auch er durchstehn. Er mußte sie sehn und berühren in ihrer neuen Welt, und sollte er selbst darob verderben und ausgerottet sein. Ptah, Inhotep, Sechet, Toth, Anubis und Seth, diese Namen machten ihn nicht mehr erröten vor Scham und Grauen. Er war bereit, sich mit krokodilsrachigem, ibisschnäbligem, nilpferdköpfigem Traumgesindel zu verbünden, nur um dem Schatten, der Spiegelung, ja selbst einem Trugbild der Toten näher zu sein. Siebenmal hatte er schon das Morgen- und Abendgebet versäumt und der täglichen Heiligungen nicht mehr geachtet. Denn auch die Abgeschiedenen beten nicht mehr, und er strebte zu ihnen. So floß die Rachsucht wider den Herrn und die Sehnsucht nach der Verlorenen zu einer wirren, zerstörenden Leidenschaft zusammen, die dem Tode nicht ferner war als dem Wahnsinn.

Jirmijah hatte sich aufgemacht nach der Weststadt und war vor den Cher-Hep getreten in dem »schönen Haus der göttlichen Werkstatt«. Dieser erstaunte weder, den Fremdling zu sehen, noch zeigte er sich ungehalten über sein tolles Verlangen. Er nahm die Kühnheit so gleichmütig auf, daß Jirmijah fürchtete, er verstünde sie nur im Sinnbild. Der Mann aus Anathot aber rüttelte in Wirklichkeit an den Pforten der Amenti. Später erst bemerkte er, daß er nicht der einzige war, der solches Begehren stellte. In der »letzten Karawanserei«, die an den Tempel der Pforten »Rosetaw« grenzte, waren viele Zellen, gleich der seinen, von Trauernden bewohnt, die von ihren Abgeschiedenen nicht ließen. Einzuweihende lebten hier, die sich zu Forschungsfahrern des Todes ausbildeten. Nur wenige Kammern schienen frei zu sein. Der Cher-Hep hatte Jirmijah undurchdringlich angehört. In seiner Antwort ging er auf das Verlangen gar nicht ein, sagte nicht, dies sei möglich oder unmöglich, verstattet oder verboten. Auch die Fremdgläubigkeit des Ausländers erwies sich als keine Schranke. Leibhaftig war die Amenti, in der als Stellvertreter Pharaos der Cher-Hep nach dem Rechten sah wie der Statthalter in irgendeinem andern Gau des Reiches. Sie stand allen Seelen in Ägypten offen, Einheimischen und Fremden. Der Cher-Hep sprach also gar nicht von der Erfüllbarkeit dessen, was Jirmijah heischte, sondern zählte als unbestimmten Bescheid die Bedingungen auf, denen er sich zu unterwerfen habe. Er dürfe nicht nach Nu-Ptah zurückkehren, sondern müsse in der Weststadt bleiben und eine Zelle der Einzuweihenden in der letzten Karawanserei beziehen, die man ihm anweisen werde. Ferner habe er sich widerstandslos allen Übungen, Vorlesungen, Kasteiungen zu unterziehen, die vorgeschrieben sind. Dabei aber werde keine Handlung und kein Wort von ihm gefordert werden, das sich gegen seinen eigenen Gott und sein Gewissen richte. »Denn großmütig sind«, so schloß der Cher-Hep, »die Drei- und Neuneinigkeiten der hohen Götter Ägyptens.«

Und dies erwies sich als wahr. Nichts wurde von Jirmijah gefordert, was gegen die Gebote verstoßen hätte. Er mußte sich vor keinem Bilde bücken, keinen falschen Namen anrufen, noch mit Unreinem Seele und Leib besudeln, obgleich er mitten im Unreinen lebte. Auf geheimnisvolle Weise blieb somit trotz jener Rachsucht und Sehnsucht seine Sünde unvollkommen.

Die vorgeschriebenen Entbehrungen bestanden aus einem beinahe ununterbrochenen Fasten. Nur einmal in der Nacht bekam Jirmijah einen heißen Trank gereicht, der aus Wein und Pflanzensäften gemischt war. Dieser Trank besaß die Kraft, alle körperlichen Triebe einzuschläfern und vor den Sinnen die Grenzen der Wirklichkeiten zu verwischen. Jirmijah empfand gar nicht, daß er fastete. Er empfand auch gar nicht, daß er ununterbrochen wachen mußte. Ob er aufrecht stand oder ruhte, in jeder Nachtstunde erschien in seiner Zelle ein Herold der unterweltlichen Sonnenfahrt, der das Geheimnis der betreffenden Stunde mit reich verziertem Gesange ankündigte. Für Jirmijah war der Tag nicht mehr ganz Tag, die Nacht nicht mehr ganz Nacht. Das Licht sah er wie durch dunkles Glas, die Finsternis wie mit matten Lampen, die aus seinen eigenen Augen glommen.

Was aber die geforderten Übungen anbetrifft, so bestanden sie in der Teilnahme an lang ausgedehnten Lehrversammlungen, in denen mit unübertrefflicher Eintönigkeit des Singsangs von geistlichen Meistern der Einweihung große Abschnitte aus verschiedenen Schriftwerken vorgetragen wurden. Eines von diesen wichtigen Werken hieß das »Buch der Tore«, ein andres »Am-Duat« oder »Von dem, was da ist in der Tiefe«. Die regelmäßig herabtröpfelnde Litanei entkräftete die Vernunft, entspannte den Geist zu einem seltsam wohligen Dahindämmern. Summende Schwärme bedeutungslos bedeutender Wörter zogen am Ohr vorbei und drangen doch ins Bewußtsein, nicht mit den herrlichen Blitzschlägen der göttlichen Offenbarung und menschlichen Erkenntnis, sondern als eine Art lautlichen Räucherwerks, das wolkige Traum- und Bildbänder erweckte. Die Worte selbst, und nicht was sie ausdrückten, waren wie ein wallender Lebensstoff, der sich um die Häupter der Lauschenden verdichtete. Unter solchen Umhüllungen spürte Jirmijah kaum, wie tief er sich hatte fallen lassen. Doch weder Fasten, Wachen, Trank noch Vortrag vermochten in ihm die zornige Flamme der Rachsucht und Sehnsucht zu ersticken.

Noch wesenhafter aber als diese Vorgänge schienen für das, was ihm nicht zugesagt, nicht abgeschlagen worden war, die Besuche des Cher-Hep zu sein, die dieser ihm in hoher Person alltäglich vor Sonnenuntergang (der zwölften Tagstunde) in seiner Zelle abstattete. »Die große Übung des Schweigens« hieß das, was der oberste Verwalter der Totenwelt zu Nu-Ptah mit dem fremden Manne aus Jehuda vornahm. Das Schweigen, das sie beide schwiegen, hatte nicht als gewöhnliches Schweigen zu gelten, sondern als Vorwegnahme des Todesschweigens bei lebendigem Leibe. Durch diese Übung sollte die Seele der Seele, Jirmijahs Kâ, locker, geschmeidig, allbeweglich und fügsam gemacht werden. Denn nur der Kâ, diese innerste Gestalt, die sehnsüchtig die Arme zum Himmel erhebt, durfte durch die Pforten gehn, vorausgesetzt freilich, daß sie bei schlagendem Herzen entrückbar war. Ferner aber galt es auch nach der Wissenschaft Nu-Ptahs, den Kâ eines Suchenden an einen erfahrenen Führer zu binden, damit er im Zusammenstoß mit den unteren Wirklichkeiten nicht vergehe. Die Übung selbst bestand in einem starren Gegenüberhocken bei völlig geschlossenem Körper; das heißt, die Innenfläche der Hände und Füße mußten einander berühren und das Kinn auf der Brust liegen.

Eines Tages, als Jirmijah die Dauer seines Aufenthalts in der Weststadt nicht mehr berechnen konnte, wurde er abgeholt und auf einem bestimmten Wege durch schweigende Gassen zum schönen Haus der göttlichen Werkstatt geführt. Dieser mächtige, von leuchtenden Säulenhallen eingefaßte Palast erhob sich auf einem weiten Platz, der den des Tempels von Nu-Ptah an Größe vielleicht noch übertraf. Fröhliches Markt- und Festestreiben freilich beherbergte er nicht, und anstatt der Gerüche von Öl, Fett, Braten und Braubier schlug Jirmijah ein scharfer Duft von Jasmin und Akazien entgegen, durchsetzt von Dünsten aus Erdpech, Teer und einem unbestimmbar bitteren Arom. Hier wimmelte es nicht von Käufern und Gaffern, sondern von den tätigen Knechten Seths. Die rothaarigen Kobolde kamen und gingen eilig mit ihren verschlossenen Laden. Sie trugen Schüsseln mit weißen Natronkügelchen, gehäufte Körbe mit bernsteinfarbigem Harz, durchscheinende Krüge mit Myrrhenöl und allerlei Blütenessenzen, Bündel von ausgesucht zarten Binsen und Stengeln der Menespflanze. Eilig hinkten die Verwachsenen dahin, um die hundert Gemächer der Festgerüche mit dem Notwendigen zu beliefern.

In einem sehr dunklen Raum wurde Jirmijah von einem Unterbeamten des Cher-Hep empfangen. Dieser entrollte eine Urkunde und verlas mit geschäftsmäßiger Eile folgende Belehrung: Der zerstückelte und wiedererstandene Osiris sei das Haupt jener Einheit, die von der Gemeinschaft der Toten gebildet werde. In Osiris allein liege die Hoffnung der Sterblichen, ihr Lebensende zu überdauern und ihre innerste Persönlichkeit in allen vierzehn Teilen des Zerfalls zu bewahren. Darum werde jeder Verstorbene durch die Wohltat des Balsams, des Öls, des Natrons, des Harzes und der Binden mit seinem also verewigten Leibe in den Leib des Gottes, in die Gemeinschaft des Osiris aufgenommen. Er dürfe nun zu seinem eigenen Sein und Namen des Osiris Sein und Namen tragen. Der hier zu verehrende weibliche Tote, He-Nut-Dime aus dem hochadligen Hause May-Ptah, heiße demnach jetzt und in alle Ewigkeit der ehrfurchtgebietende Osiris He-Nut-Dime. Der ehrfurchtgebietende Osiris He-Nut-Dime sei eben im Begriffe, sich aus der göttlichen Werkstatt in den Bezirk der letzten Karawanserei zu begeben, wo ihm im Tempel der Pforten Rosetaw Augen und Mund geöffnet werden.

Nach der Verlesung dieser Urkunde wurde ein bräunlicher, ziemlich dichter Trauerschleier über Jirmijahs Haupt geworfen, und dieselben schweigsamen Männer, die ihn hergebracht hatten, führten ihn wieder zurück. Als man ihm den Schleier abnahm, befand er sich neuerdings in einem schmucklos dunklen Raum, wo einige ihm unbekannte Feiergäste schon warteten. Es verging quälend lange Zeit, ehe sich eine breite Flügeltür öffnete und den Blick in eine hell erleuchtete und wundersam ausgemalte Zelle freiließ. Im Hintergrund der Zelle stand, gegen eine gemauerte Scheinpforte gelehnt, eine hochragende Mumie in ihrer angepaßten bunten Holzlade aufrecht. Der Deckel der Lade war zurückgeklappt. Dem länglichen Kern einer Riesenfrucht glich die von hundert Ellen heiliger Binden umwickelte Gestalt. Vor den Kopf hatte man eine Maske von Wachs oder gelblichem Gips gestülpt. Das Schrecklichste aber waren die langen Strähnen des weichen dunklen Haares, die hinter der Maske hervortraten.

Dies also war das Werk Zebaoths und der Ägypter. Beide konnten sie stolz sein, das herrlichste Leben so grausam verunstaltet zu haben. Jirmijah sah zu Boden. Er murmelte halblaut, ohne es recht zu wissen, den alten Segen Israels zum Gedächtnis der Seelen. Dann hob er den Kopf nicht mehr, auch als die Feier begann, als das Große und Kleine Klageweib ihre Gesänge wechselten, als der Priester, den man Sem nannte, die Mumie mit geweihtem Wasser besprengte, als der Priester, den man Udpu nannte, die Mumie mit Weihrauch beräucherte und als endlich der Cher-Hep selbst aus den Augenlöchern und dem Mund der Maske die goldenen Füllungen entfernte, damit der Osiris He-Nut-Dime sehen, Rede stehn und die zweiundvierzig Totenrichter benennen könne.

Nun aber lag Jirmijah schon seit vielen Stunden auf dem harten Lager, von seinem Jammer gelähmt. Er hatte es kaum bemerkt und gleichgültig geduldet, als zwei Männer kamen und ihn mit einer dünnen Binde an das Lager banden, und zwar nur andeutungsgemäß, daß er sich mit der geringsten Bewegung von dieser Fessel hätte befreien können. Er aber regte sich nicht. Er regte sich auch dann nicht, als der Cher-Hep eintrat und ihn eingehend musterte. Gleichgültig beobachtete Jirmijah, wie der Geheimwissende einen langen Stab in eine Fuge des Steinbodens stieß und sein Augenmerk dem Bilderband zuwandte, das die Wände entlanglief. Der Stab warf einen scharfen Schlagschatten an die Wand. Der Schatten rückte sichtbar eilig auf dem Bilde weiter, das den Weg der göttlichen Sonnenbarke durch Ober- und Unterwelt darstellte. Als der Schatten nur noch eine Elle von dem Orte entfernt war, wo die Barke des Gottes das Tagesreich verläßt, winkte der Cher-Hep. Und Jirmijah erhob sich und folgte ihm.

   

Sie hatten die letzte Karawanserei verlassen und wanderten durch die Wüste. Eigentlich mochte Jirmijah etwas anderes erwartet haben, nachdem ihn der Cher-Hep kreuz und quer durch die finsteren Gänge des Pfortentempels Rosetaw geführt hatte. Als sich aber dann die innerste und unterste Pforte auftat, lag nichts als gewöhnliche Wüste vor ihnen. Freilich, es war kein gewöhnliches Wandern, sondern ein ganz besondrer Fluggang, dessen Jirmijah sich plötzlich mächtig fühlte. Er schwebte, indem er die Beine nur dann und wann ein wenig rührte, über dem windgekämmten Wüstensand, den zu durchwaten sonst ein mühseliges und langsames Werk war. Nun aber schien es ihm, als hätten sie seit Verlassen der Pforte Rosetaw eine Strecke, länger als von Dan nach Beerscheba, zurückgelegt. Das Ziel lag klar vor ihnen, dort, wo die sinkende Sonne die Erdenscheibe schneiden mußte. Die Entfernung dahin war nicht errechenbar, doch näherten sie sich dem Ziele anscheinend mit großer Geschwindigkeit. Jirmijah hatte die Empfindung, nicht mit dem ganzen, sondern nur mit einem Teil seines Lebens da zu sein, wie ein Schatten, wie eines jener Gespenster, die von den Priestern zu Gliedern des Osiris ernannt werden. Die Sehnsucht und Rachsucht hatte sich auf dem Grund seines Gemütes zu einem dunkeln Trotz zusammengeballt. So benommen war sein Sinn, so flugleicht die Wanderung, daß er es kaum wahrnahm, als sie die Schnittlinie des Horizontes erreicht hatten und das gewaltige Felsentor der Ersten Nachtstunde im Gewölk vor ihnen auftauchte. Es entsprach genau dem Pfortenpylon von Rosetaw, nur wuchs es hundertmal breiter und höher empor. Noch war der matte Abglanz des göttlichen Auflaufs zu merken, der allabendlich im Tor der Amenti entsteht, wenn der Gott die Tages- mit der Nachtbarke tauscht, welche sogleich von den kleineren Booten der zugeteilten Gottheiten umschart wird. Doch rasch verschwand der Abglanz der niedergleitenden Nachtsonne und molkige Dämmerung umgab Jirmijah und seinen Führer. Das erste, was sie sahen, war eine große Schar schakalsköpfiger Männergestalten, die mit schwachem rötlichem Leuchten im Nebel umherlehnten. Die Schakalsköpfe bildeten das Heer des treuen Anubis, der dem Gott die Pforten öffnet. Sie entpuppten sich als ein mehr und minder beflissenes Gesinde. Da aber der Zuspruch von Amenti überaus gewaltig war, besaßen sie selbst noch ein jungenhaftes Gehilfenvolk. Das waren die kleinen Hundskopfaffen, die mit aufgeregtem Dienstbotengeschnatter an den Großen hinaufsprangen, sich zwischen ihren Beinen balgten oder Fangen spielten. Der Cher-Hep klatschte in die Hände und rief in die Schar der Schakalsköpfe, wie man Wagenlenkern, Sänftenträgern, Barkenführern zuruft:

»Für den Cher-Hep von Nu-Ptah ein Öffner der Pforte!«

Sogleich löste sich ein alter Schakalskopf von seinem Standplatz, nahte mit dem würdig wiegenden Schritt fürstlicher Bedienter, grüßte den Cher-Hep mit gemessener Unterwürfigkeit als seinen wohlbekannten Herrn und besah sich aufmerksam und zweifelnd den Fremden. Diesen faßte der Cher-Hep bei der Hand, wodurch er sich mit ihm vereinigte. Den Schakalskopf aber ließ er scharf mit dem ihm zugewiesenen Namen an: »Mauernbrecher!« Damit gab sich Mauernbrecher zufrieden und rieb ein wenig seine Schnauze an Jirmijah zum Zeichen seiner dienstbaren Ergebenheit. Die Mannschaft war aber noch nicht voll. Der Cher-Hep klatschte wiederum in die Hände und rief: »Hinter-sich-Schauer!« Ein andrer Schakalskopf hinkte eilig herbei, der noch älter zu sein schien als Mauernbrecher. Er trug eine lange Ruderstange geschultert. Man merkte es seinem Hinkegang an, daß er sich auf festem Lande nicht wohl fühlte. Dem Hinter-sich-Schauer schlossen sich einige Hundskopfaffen an, mit dem neugierigen Gehaben von Gassenbuben, die durch Zufallsdienste oder blanke Bettelei eine Kupfermünze zu erobern hoffen. Mauernbrecher schritt voran, mit seiner rötlichen Ausstrahlung den Weg weisend. Hinter-sich-Schauer, eilig hinkend und von den schnatternden und kreischenden Spitzbuben umhüpft, bildete die Nachhut.

Jirmijah fühlte plötzlich, daß er auf den schwankenden Brettern einer Plätte stand. Sie fuhren auf dem Strome Ur-Nes, dem Nile der Nacht, der Sonnenbarke nach. Hinter-sich-Schauer ruderte kräftig mit seiner Stange, die er jedoch nicht in schwarzes Wasser, sondern in eine widerstandslose Leere zu stoßen schien. Zweifellos war's eine besondere Auszeichnung, nur dem Verwalter der Amenti vorbehalten, die Totenwelt auf dem Strome der Nachtsonne befahren zu dürfen. Denn an beiden im molkigen Grau sich unendlich dehnenden Flußufern zog undeutliches Fußvolk dahin, in nicht minder unendlicher Menge. War Zenua unter diesen Ärmsten der Armen, die schon im Lande der ersten Nachtstunde nicht vom Fleck kamen? Der Cher-Hep machte mit dem langen Zeigefinger ein verneinendes Zeichen: Kein vornehmer Kâ befand sich unter dieser breiten Masse, diesem niedern Volke, keine Seele aus den namhaften und ehrwürdigen Häusern der zweiundvierzig Gaue, sondern nur Sklaven, Leibeigene, Froner, Bauern, Handwerker und Dienstleute, soweit sie nicht von ihren eigenen Dienstherren zu deren Bequemlichkeit und Gewohnheitslust in einen besseren Aufenthaltsort mit sich gezogen wurden.

Hier gab sich Jirmijah zum erstenmal Rechenschaft von einem Wissen, das in ihm immer stärker anwuchs. Er glaubte nicht, daß dies nur ein sehr lebhafter Traum sei. Und doch war das alles unermeßliche Fernen weit von einem echten Gesicht entfernt. Er sah den drängenden Gestaltenzug, aus dem es leise ächzte, an beiden Ufern des Ur-Nes. Er sah vor sich auf der Plätte den würdigen Mauernbrecher in seiner dienstbereiten Rötlichkeit. Wenn er sich umdrehte, sah er Hinter-sich-Schauer, der mit aufdringlichem Eifer im Leeren ruderte. Die Hundskopfaffen vergnügten sich damit, einander über Bord zu werfen und wieder aufzufischen.

Das Sicherste von all dem schien noch die kühle, trockene Hand des Cher-Hep zu sein, die leicht die seine hielt. Dies alles war da, doch nur wie auf Widerruf des eigenen tieferen Wissens. War die Amenti ein unechter Ort? Kein deutliches Wort des Herrn über Aufenthalt und Schicksal der Toten hatte jemals erlautet. Doch nicht zu zweifeln und zu deuteln galt es, sondern Zenua zu finden, wenn auch nur als Schatten, als Trugbild, geringer als Traum ...

Immer, wenn das Tor einer neuen Nachtstunde nahte, verengte sich der Ur-Nes, und das Nichts, das er war, schäumte unsichtbar und lautlos in starkem Gefälle. Dann schoß auch die Fahrt dahin und Hinter-sich-Schauer stemmte aufdringlich und lobheischend das Ruder gegen die Stromschnelle, um ein Unheil zu verhindern. Mauernbrecher aber höhlte die Hände um seinen Schakalsrachen und bellte den Pförtnern das Kennwort des Eingangs zu: »Ausschlaggewicht der Gerechtigkeit ist dein Name, o Pforte!« Dem Kennwort aber fügte er einen Spruch an: »Was ist Ewigkeit? Der Tag! Was ist Unendlichkeit? Die Nacht!« Das Land der zweiten Nachtstunde war nicht bedeutsam verschieden von dem der ersten. Nur der vorwärtsdrängende Zug an beiden Ufern schien sich ein wenig gelichtet zu haben. Die Allzuvielen waren von einem Siebe abgefangen worden und mußten zurückbleiben. Nicht anders erging es ihnen dann an der nächsten und übernächsten Pforte. Immer kleiner, immer gesiebter, immer »besser« wurde die Schar der Vordringenden. Worauf hofften sie, da auf diese Länder überall die gleiche Formel mit ihrem ganzen Grauen zutraf: Der Tod ist langweilig! Kein wahres Leiden und kein wahrer Friede schien diesen Kâs beschieden zu sein, sondern eine wertlose Sucht, eine leere Unrast, die sie im Wirbel hin und her drehte. Erst das Land der vierten Nachtstunde mußte kommen, damit sie die Fähigkeit gewonnen hatten, den Zustand ihres Seins oder besser Nichtseins in sonderbar schwirrenden Gesängen auszudrücken. Mauernbrecher besprach auch hier die Gau-Pforte mit ihrem Namen: »Tor, dahinter das Haar zerrauft und der Scheitel verwirrt wird.« Dieser Name betraf Isis, die leidende Geliebte, Schwester und Mutter des durch die Amenti ziehenden Gottes. Mit leiernder Bedientenstimme, als verstünde er nicht den Sinn, fügte der Schakalskopf den Sinnspruch hinzu, der ein großes Geheimnis aller Weltgestalten enthüllte: »Der Kern ist in der Frucht und die Frucht ist im Kern.«

Am Ufer dieser vierten Nachtstunde landete der Kahn. Sofort waren Jirmijah und der Cher-Hep von einem Wirbel von jungen Weibern umtanzt. Mauernbrecher und Hinter-sich-Schauer fuhren grimmig aber erfolglos drein. Der Wirbel schloß sich immer wieder. Jirmijah durchforschte ihn klopfenden Herzens. Zenua fand er nicht. Diese Frauen waren alle wie ohne Gesicht. Eine von ihnen hockte zu seinen Füßen nieder und zirpte grillengleich ein Lied, indem sie so tat, als begleite sie sich auf einer langhalsigen Laute:

»Mein Gatte, mein Liebster dort oben, genieße,
Genieße die Feste, solange du lebst.
Geh abend zu Bett mit anderen Frauen
Und diene mit Eifrigkeit jeder Begier,
Dem Wein und der Jagd und dem Spiel und der Liebe.
Genieße die Liebe, solange du lebst.

Wir unten, wir schwanken in trauriger Wohnung.
Wir taumeln in mattem, in leiblosem Leib.
Wer denkt noch des Vaters, der Mutter, der Brüder?
Gleichgültig erkennt das Herz nicht sein Kind.

Vollkommener Tod! So nenn ich den Kummer,
Daß unsre Liebe in uns nicht mehr liebt.

Wer lebt, der trinkt das Wasser des Lebens.
Ich aber verschmachte im ewigen Durst.
Der Fluß fließt so nah, und ich dürste, ich dürste,
Und weiß nicht mehr, wer ich und wo ich hier bin.
Dann wein ich nach einem Luftzug vom Ufer,
Der mich an liebende Liebe gemahnt.«

Wahrscheinlich erkannten die Frauen an Jirmijah das Fleisch und Blut des Lebens, denn sie züngelten an ihm empor wie kühle Flammen, deren Berührung man nicht spürt. Der Cher-Hep, der seine Hand mit festem Griff hielt (wieder das einzige Sichere im Unsicheren), zog ihn fort. Eilig durchdrangen sie den zu- und abnehmenden Wirbel leibloser Leiber. Sie hatten nur ein paarmal nachlässig die Beine gerührt und schon waren sie unter Vorantritt Mauernbrechers und gefolgt von Hinter-sich-Schauer am Tor der fünften Nachtstunde angelangt und damit vor dem eigentlichen Eingang dessen, »was in der Tiefe ist«. Dieser Teil des Westlandes trug den Namen: »Gau aller erdachten und erdenklichen Möglichkeiten der Schöpfung.« Diesmal aber sprach nicht Mauernbrecher das Kennwort aus, sondern der Cher-Hep. In diesem Lande nämlich trat dem schütter gewordenen Zuge der Seelen, die der Verschmelzung mit Osiris entgegenstrebten, zum erstenmal eine fast ebenso große Zahl von Abgestalten entgegen, um sie zu schrecken und zu prüfen. Die Abgestalten aber waren nichts andres als die Einkörperungen jenes unentwirrbaren Gewuchers von Traumgeburten, Bilderfetzen, von Gedankenverbindungen und Gedankensprüngen der Einbildungskraft, wie sie seit Beginn dieses Oloms den Geist der Götter und Menschen ausschweifend durchflogen hatten. Die ungebornen Ausgeburten des Halbschlafs und des Vor-sich-hin-Starrens besaßen hier ihren Ort in der Schöpfung. Der vorwärtsstrebende Kâ konnte sich dieser lästigen Schrecker und Prüfer nur dadurch entledigen, daß er je und je ihren richtigen Namen zu nennen wußte, wozu seiner Mumie ja Augen und Mund geöffnet worden waren. In der Nennung liegt eine lähmende Kraft, die alles Wesen und Widerwesen festhält und entwaffnet. Das Genannte ist das Gebannte. Der Name allein macht Gottheit und Geschöpf stellig, indem er sie zugleich hervorbringt und vernichtet. Darum bekamen ja die Abgeschiedenen von den fürsorgend Treuen das große Totenbuch unter die Wickel gebunden, weil in diesem Buche die Namen aller zu begegnenden Wesen und Widerwesen aufgeschrieben waren, das ganze Standesverzeichnis der Amenti gleichsam. Wer aber hätte weniger des Totenbuches bedurft als der Cher-Hep, der im Namen Pharaos in diesem Reich nach dem Rechten sah? Als höchster Geheimwissender von Nu-Ptah war er nicht nur der Nennungen aller erdachten, sondern auch aller erdenkbaren Möglichkeiten mächtig, diejenigen eingeschlossen, welche in keinem Buche aufgezeichnet standen und auch in mündlicher Überlieferung nicht weitergegeben wurden. Doch der Cher-Hep verschmähte es, sich zu brüsten. Nur der Griff seiner Hand umfaßte Jirmijah fester. Als erster Schrecker und Prüfer sprang vor ihnen ein feuriger Kreis hoch, der auf gespreizten Straußenbeinen einherhüpfte. Er glich, ins Riesige vergrößert, den rollenden Lichträdern mit schwarzem Mittelpunkt, die sich hinter den Lidern bilden, wenn man in die Sonne geschaut hat. Der Cher-Hep blieb stehen, ließ den Irrwisch eine Zeitlang gewähren und hüpfend den Weg vertreten. Dann erst murmelte er wegwerfend »Geschwänztes Feuerauge«, worauf der genannte Gebannte sogleich einging.

Was die Schrecker und Prüfer alle kennzeichnete, war die völlige Sinnlosigkeit ihrer Erscheinung. Es gehörte zu ihrer Eigenart, daß sie nur aus solchen entlegenen Wesensteilen zusammengesetzt waren, die nicht in dem geringsten Zusammenhang der Vernunft und des Zweckes zu einander standen. Mit der Tierform war alles verschmolzen, denn ohne sie konnte sich weder das Obere noch das Untere des Zweilandes zum Ausdruck bringen. Doch zu der Tierform trat Widersinniges hinzu, oft in der abscheulichsten und schamlosesten Art. Ein menschenhoher Hahn stolzierte nickend herbei, sein schimmerndes Prachtgefieder plusternd. In der Ausstrahlung Mauernbrechers aber zeigte es sich, daß er an Stelle des Kopfes und Halses einen aufrechten, mit rotem Hahnenkamm gekrönten Phallus trug. Mit der Nennung »Doppelte Macht der Erde« brachte der Cher-Hep den Scheuel zum Schwinden, die geheime Bedeutung des Namens nicht eröffnend. Eine gewisse Ordnung oder Einteilung war im Bereiche der erdachten und erdenkbaren Möglichkeiten anzutreffen, indem jeweils eine bestimmte Tierform vorherrschte. Hier war es das Geflügel, Hahn, Truthahn, Pfau, Ibis, Flamingo, Kranich, Gans, Ente, dort wieder die Form des Mistkäfers, der oft die Größe eines Widders erreichte. Und all dies unaussprechliche Gebilde aus Tier, Mensch, Pflanze, Ding und Wahnsinn hieß mit bedeutenden Namen: »Der westliche Stecher«, »Der furchtlose Umschreiter«, »Der Schattenfresser«. Die gefiederten und gehuften Ausgeburten, Hirngespinste, Sinnsprünge waren im einzelnen nicht einmal so schreckerregend als sie im ganzen einen immer dichteren Überdruß, ja erstickende Verzweiflung verbreiteten, brachten sie doch das zum Dasein, was niemals hätte dasein dürfen.

Jirmijah, der Priestersohn aus Anathot, der vor dem Heiligtum des Herrn einst in der Passahnacht die Reinheit seines Lebens bis auf den Grund erforscht hatte, hier in der Tiefe der Amenti glaubte er vor Scham und Widerwillen zu vergehn. Nun begann er zu erkennen, daß er durch diesen sündigen Abstieg nicht den Herrn, sondern sich selbst gestraft hatte. War so ungeheuer die Ausschweifung und Unzucht des menschlichen Gedankens, daß ein eigenes Reich ihr errichtet werden mußte und keine Zeit hinreichte, sie aufzusaugen und auszubrennen? War sie so teuflisch überdies, daß unter allen Gebilden, die das unausgesprochene Sinnen der Seele verbirgt, nicht ein einziges tröstliches, gottgemäßes sich befand?

Ein Seitenblick überzeugte Jirmijah, daß der Cher-Hep in dieser Hölle der Vermischung aller erschaffenen Formen nicht litt. Er schien im Gegenteil zufrieden zu sein, daß er einer Hölle vorstand, deren schwindelerregende Geheimnisse sein Geist spielend überwand. Mauernbrecher und Hinter-sich-Schauer, zwei abgebrühte Anubissöhne und hier zu Hause, schmiegten ihre Schnauzen bewundernd an ihn. Viel wußte der Cher-Hep vom Wirklichen und Unwirklichen, unendlich viel mehr als Jirmijah. Doch eines hatte ihn Osiris nicht gelehrt: zu unterscheiden zwischen Gut und Böse, zwischen Rein und Unrein, zwischen Scham und Entblößung. Den blitzendem Schwertstreich des Ekels, der ewig vom Himmel durch die Erde in die Tiefe führt und das All unerbittlich entzweiteilt, ihn ahnte er nicht.

Je tiefer sie jetzt durch die regen Belästigungen der Schrecker und Prüfer vordrangen, um so plumper wurden die Verschmelzungen der Tierformen. Immer mehr nahmen sie nilpferd- und krokodilhafte Gestalt an. Das bewies, daß man sich der Mitte der Amenti näherte, der größten Tiefe, dem Bezirk der sechsten und siebenten Nachtstunde, an deren Grenze sich die Halle des Totengerichtes am linken Ufer des Ur-Nes erhebt. Wieder schwankten die Bretter einer Plätte unter ihren Füßen. Der Nil der Nacht wurde immer schmäler, die Finsternis immer tiefer. Nur hier und da blitzten die goldenen Rahmenleisten der Pforten auf und das kupferne Netzwerk hoher Gitter, das bewies, wie sehr sich in diesen Bereichen die Sperren vermehrten. Doch nicht Pforten und Gitter bedeuteten die wahren Gefahren, die auf die Seelen hier lauerten. War der Gau der Schrecker und Prüfer von lästigem Geglucke und Gegacker belebt gewesen, so herrschte nun abgründige Stille, nur hie und da von einem irren Aufschrei unterbrochen. Sie war den furchtbaren Mächten angepaßt, die im Hinterhalt lagen, ohne deutlich zu werden. An die Stelle der so lächerlich zusammengeschweißten Ausgeburten der Belästiger waren Wesen ganz andrer Art getreten, die »Erpresser und Bezwinger« hießen. Jirmijah wurde ihrer inne, obgleich sie sich in der Tierform von Krokodilen, Echsen, Kampffischen und Wasserschlangen unter dem Spiegel des Ur-Nes aufhielten. Dieses Unter-der-Oberfläche-leben, ihr jähes Hervorschießen und Verschwinden, bekundete die Art der gräßlichsten Anfälligkeiten, denen die Seele hier ausgesetzt war. Der Cher-Hep reckte sich hoch, um sie durch Nennung zu bannen. Sie trugen lange Namen: »Stinkgesicht, das mich preßt, meinen Harn zu trinken, meinen Kot zu essen!« Wehe der Seele, die diesem Presser erlag, um eine Ewigkeit der Selbstbesudlung zu durchdauern. Und weiter: »Amam, Verschlingerin, die mich zwingt, den Leichnam meiner Mutter und Schwester zu mißbrauchen!« Fluchbeladenste aller Wollust, die eine Seele, die den Bannspruch nicht kennt, festhält in unnennbarer Selbstverdammnis bis ans Ende. Den wahren Bannspruch aber kennt nur der Geheimwissende, das ist jener, der die geheimsten Regungen seiner Sündigkeit dem Wissen unterworfen hat. Und weiter bannte der Cher-Hep durch klare Rufungen: »Ab-Weret, der mich zwingt, meinen Vater und meine Väter an den Feind zu verkaufen!« Bannung des Höllenzwangs, der alle fremd oder unfrei geborenen Seelen folternd antreibt, ihre guten Eltern zu verleugnen, ihre eigene Herkunft zu verraten und krampfhaft das zu sein, was sie nicht sind.

Noch eine kurze Strecke, und der Tiefpunkt war erreicht. Jirmijah fühlte, wie die Hand des Cher-Hep eiskalt wurde. Mauernbrecher drängte sich dicht heran und umklammerte ihn; nicht anders Hinter-sich-Schauer, der das Ruder einzog und kläglich zu schnauben begann. Durch Apeps Wohnstätte ging die Fahrt. Der Cher-Hep holte tief Atem und donnerte mit einer Stimme, die Jirmijah an dem Überfeinen niemals vermutet hätte, in die völlige Finsternis:

»Apep, Urschlange, die mich zwingen will, meinen Gott zu zerstückeln!«

Auf dieses Erliegen stand der zweite Tod, der Tod im Tode, kein Ausgelöschtwerden etwa, sondern ein wissendes Totsein, vorstellbar nur für den zweimal Gestorbenen. Selbst der Cher-Hep schien jetzt von tiefster Furcht erfüllt zu sein. Jirmijah aber hatte keine Furcht, denn von allen Schreckern, Prüfern, Erpressern und Bezwingern hatte am wenigsten Apep Geltung für ihn. Ägypten aber, ahnte es nicht, daß es des doppelten Todes längst schuldig war? War es Apep nicht erlegen und hatte Gott zerstückelt und zerrissen in unzählige Teile? Um dieses Verbrechens gegen die Einheit des Einzigen willen war die Amenti zur Herrin des Zweilandes geworden. Denn die Zerstücklung der einzigen Einheit und Wahrheit zwingt die Menschen, wie verzweifelt sie sich auch in Rausch stürzen, den sinnlosen Tod zu ihrem König einzusetzen. Welch Schauer durchzuckte Jirmijah, da er in Apeps tiefster Hölle der Aussonderung Israels gewiß war! Ruhig fragte er:

»Wo werde ich sie sehen?«

Der Cher-Hep aber wies ohne Antwort vorwärts ins Leere. War Zenua durch alle Höllenzwänge und durch die schmale Ausgangspforte des Totengerichtes vorangeeilt, wo der nachmitternächtliche Teil des Westlandes aufzusteigen beginnt, dem Tag entgegen? Wasser und Land war nicht mehr zu unterscheiden. Man näherte sich immer schneller der Gerichtshalle. Ringsum gähnte das Nichts, das die von den zweiundvierzig Richtern Zurückgestoßenen aufnahm. Zu Mauernbrecher und Hinter-sich-Schauer hatten sich plötzlich neue Anubisköpfe gesellt, die um Jirmijah und den Cher-Hep eine verstärkte Leibwache bildeten. Die schnaubende und bellende Gruppe verstellte den Blick ins Dunkel. Pfeilgeschwind glitten sie hin. Um sie war ein Plätschern, Schnappen, Wasserpeitschen wie von Raubfischen und Krokodilen. Rätselhaftes Gewirr erregter Menschenstimmen kam näher. Jetzt mußten sie wohl, dem Weg der Nachtsonne nach, an dem Palast der Entscheidung vorbeisausen, wo der schweigsame Osiris, inmitten seiner zweiundvierzig tiergestaltigen Totenrichter, das Urteil der Zulassung oder Zurückweisung aussprach, je nachdem die goldene Riesenwaage im Sinne der Verfehlungen oder Ehrfurchterweisungen gegen die Götter schwankte. Allmählich klärte sich das aufgeregte Stimmengewirr. Einzelne Worte wurden vernehmlich. Das schreiende und klagende Sündenbekenntnis von vielen vielen Menschen, die vor Gericht standen, schlug an Jirmijahs Ohr: »Oh Weitumschreiter, nicht tat ich, was die Götter verabscheuen!« – »Oh Feuerumarmer, nicht verdarb ich die Opferkuchen im Tempel!« – »Oh Wasserschläger, nicht verminderte ich die Bekleidung und die Bindung der Toten!« – »Oh Wawamti-Schlange, ich habe keinen Mann beschlafen.« – »Oh Räuber der Stimme aus Urit, nicht befleckte ich mich im Heiligtum des Gottes meiner Stadt ...« Diese Rechtfertigungen und andre mehr schrien die Beschuldigten durcheinander. Manchmal brachen sie ab, und es trat die schicksalsschwangere Stille des Urteilspruches ein, der aber nicht laut wurde. Schmerz um diese noch im Tode Getäuschten erfaßte Jirmijah. Doch schon lag die Gerichtshalle weit zurück. Die Plätte des Cher-Hep hatte das ungeheure Fanggitter, das nur den verurteilten Schatten Widerstand leistete, unmerklich durchdrungen.

Der Fluß weitete sich. Das Land der siebenten Nachtstunde war erreicht, die zugleich die erste Stunde des wiedergeborenen Tages im Mutterleibe ist. Ein schwacher Schein lag über dem Ur-Nes. Er kam von der Barke des Gottes, der die Nachtsonne mit sich führte, die fern fern von hier dem andern Tore der Amenti entgegenglitt. Das Boot des Cher-Hep und seines Gastes aber legte am Ufer der siebenten Nachtstunde an, deren Gebiet in Ägypten »Auli« genannt wird, was soviel bedeutet wie: die Gefilde der Seligen. Doch wehe, welch eine Seligkeit war das, die sich nicht wesenhaft von der Unseligkeit der ersten Gaue unterschied und an Echtheit und Wahrheit den Gauen der Anfechtungen und des Gerichts weit nachstand?! Hatten die Seelen deshalb die irdische Qual des Sterbens und soviel Irrungen, Ängste und Prüfungen auf den Wegen der Amenti durchlitten, um nun das ausgelebte Leben ewig wiederzukäuen wie die fade Erinnerung an eine längst verzehrte Speise? Wahrhaftig, hier stand am Ufer des Ur-Nes ein Fischer, dessen größte Freude es einst gewesen, die Angelschnur auszuwerfen und ihr sinnend nachzublicken. Auch jetzt machte sein Kâ die gleiche Bewegung. Mit wohlgezieltem Schwunge warf er das Fischgerät aus. Doch es war keine Schnur an der Angel und keine Angel an der Schnur und kein Wasser mit Fischen da, in das sie fiel. Nichts war da als die leere Fischergebärde eines betrogenen und sich selbst betrügenden Schattens. Zwar hatten die Schatten im Auli etwas mehr Gesicht als die der früheren Nachtstunden – genau soviel mehr Gesicht als die Finsternis hier geringer war –, doch Seligkeit lag nicht auf ihren Zügen, sondern etwas Gezwungenes, das aus erwarteter Befriedigung und eingetretener Enttäuschung schlaff gemischt war. Kein durchschauendes Auge hätte sich des Argwohnes erwehren können, daß all diese menschlichen Scheingestalten nur aus Gutmütigkeit und Schwäche sich in das Abgekartete fügten, um den Göttern Ägyptens keine Spielverderber zu sein. Die Seligen glichen einem schlimm beherrschten Volke, das nur, weil es zwischen einer schrecklichen Ordnung und einer schrecklichen Unordnung zu wählen hat, die Ordnung wählt. Mit herzbewegendem Eifer stellten sie die Seligkeit dar, die sie nicht hatten. Schreiber saßen da, die, keinen Papyrus auf ihren Knien, ohne Stift nichts ins Nichts eintrugen. Frauen begossen ohne Wasser ebenso fleißig die Pflanzen eines Gemüsegartens, den es nicht gab. Mäher mähten mit großen Schwüngen kein Getreide. Jäger spannten kräftig keinen Bogen auf kein Wild, das dennoch in Zielweite vorüberzufliehen schien. Familien saßen beim Mahl. Schakalsköpfe schoben ihnen träge die vertrockneten Speisen der Totenopfer zu. Väter, Mütter, Geschwister sahen sie nicht, führten leere Hände zum Mund, machten matte Kaubewegungen und waren offenbar sowohl über ihre geringe Eßlust als über die mangelhafte Speisung ungehalten. Und dies war schon die höchste Seligkeit, die Erfüllung aller Gebete, die ein ehrbarer Hausvater an die Götter Ägyptens richtete: dereinst, mit den Seinen vereint, in Auli tafeln zu dürfen. Die Seinen? Keiner bemerkte den andern. Es war wie im Narrenturm. Der Wesenskern, die Seele der Seele, verharrte in letzter unausdenkbarer Eigensucht, die es ihr verbot, die Nachbarin auch nur zu gewahren. Dieses bitterlich fade Getue und Getäfel gipfelte im »Lande der unbeschränkten Macht und reinen Zeremonie«. Es war der adligste Gau. Hier saßen Könige auf gebrechlichen Sesseln, die ihnen die Schakalsköpfe nachlässig unterschoben, und herrschten geziert ins Leere, hoheitsvoll Gnaden nach allen Seiten austeilend. Geheime Räte des innersten Dienstes, die Nächsten Pharaos, wandelten süßlich dahin, knixend, die Luft küssend, gedrechselte Hofformeln murmelnd. Manchmal fingen erfahrene Burschen gleich Mauernbrecher und Hinter-sich-Schauer ein paar dieser Geheimräte zusammen und vergnügten sich damit, sie vor die Thronenden zu drängen. Doch der König sah nicht seine Knechte und die Knechte sahen nicht ihren König. Was half es da, daß die findigen Anubissöhne allerlei Feste mit den von ihnen Betreuten veranstalteten, Prunkzüge vor Pharao, Wallfahrten und hie und da auch eine kleine Feldschlacht. Äfferei durch witzige Schakalsköpfe, dies einzig war von der Reinen Zeremonie geblieben und von der Unbeschränkten Macht, dem bösesten und süßesten Trieb, der noch tiefer sitzt als Liebe. Mit Brechreiz blickte Jirmijah auf dieses Spiel. Der Kâ hatte sich erhalten, diese trübe Abspieglung der Person, diese Amenti des Ichs, die nur sich selbst kannte und eigensinnig und eigensüchtig am Getäuschtwerden festhielt. Und dieses abscheuliche Elend, das von sich nicht loskam, das niemals den verzehrenden Drang empfunden hatte, aufzusteigen zum einzigen Schöpfer der Welt, dieses Elend hielten der Cher-Hep und ganz Ägypten für Seligkeit?!

Jirmijah weiß nicht, wie es geschieht. Es ist keine Raunung des Herrn über ihn gekommen, sondern ein plötzliches Hochbewußtsein, Gottes Freude, diese wilde Stichflamme seines Lebens. Er hat Zenua auf einmal vergessen. Er hat den Willen zur Sünde, die Rachsucht und Sehnsucht vergessen, die ihn hierher trieb, ja selbst seinen Ekel. Nichts andres ist in ihm als die Gewißheit eines höheren Heils, einer würdigeren Seligkeit und ein überströmendes Erbarmen mit diesen Seelen, die vom Tode kindisch geworden, ihr lächerliches Leben als noch lächerlicheres Spiel wiederholen. Und obgleich kein Wort an ihn ging, weiß er, es ist nicht seine eigene Sünde, sondern göttliches Vorhaben, daß er hinabsteige zu den Toten. Denn er ist gesandt, den Toten die Wahrheit und den Trost zu bringen, daß auch über ihnen der Herr des Lebens waltet, der den Tod verwirft und der nicht vergessen kann, was er schuf. Und der Ausgesonderte, der unter die Völker der Welt als Künder gestellt ist, er breitet die Arme aus und kündet dem Totenvolk mit dem Troste Israels:

»Höre auch du, Amenti, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig!«

Ob der glühende Zuruf des Trostes auf die Seligen der Amenti irgend eine Wirkung übt, das kann Jirmijah nicht mehr erkennen. Er spürt nur noch, daß der Cher-Hep seine Hand fahren läßt. Denn in diesem Augenblick durchbricht ein echtes Gesicht von solch brennender Wirklichkeit, wie er sie niemals kennengelernt hat, das unechte und verdächtige Traumgesicht des Totenreiches. Nichts ist da als ein erstrahlend kräftiger Mann. Und Jirmijah muß diesen Mann nicht erst nach seinem Herkommen fragen. Dies ist einer der Männer, die Abraham besucht haben, der Mann, mit dem Jakob rang, der Bote des Herrn, der herabsteigt. Jetzt erst sieht er, daß der kräftig Erstrahlende ein schlummerndes Weib behutsam auf den Armen trägt. Zenua! Dies aber ist nicht die steif verschnürte Mumie mit der Maske, nicht der hinfällige Schatten der seligen Nachtstunden, sondern Zenua wirklich, Zenua selbst, wie sie leibt und lebt mit kindlich aufgebrochenem Munde, rosig überhaucht, ruhigen Odems, Zenua in ihrem geretteten Leben, Zenua in ihrer aufgehobenen Form. Und der Bote spricht:

»Siehe, dies ist Zenua Nephesch Hagoim, die keusche Seele der Völker, die bewahrt bleibt an ihrem Ort bis zur rechten Stunde ...«

Welchen Jubelschrei gäbe es, gellend genug dieser Botschaft zu danken, die alle Vernichtung vernichtet. Zenua lebt. Zenua, die süße Seele aus Heidenland, wartet an ihrem Ort auf Jirmijah, die Seele Israels. Ruhig schläft sie der hohen Zeit der Vermählung entgegen. Jirmijah aber kann den Jubelschrei nicht mehr ausstoßen, der in ihm brennt. Denn alsogleich erhebt sich die klare und sanfte Mannesstimme dicht hinter seinem Ohr. Dunkelrund füllt ihn die Stimme aus, die er kennt:

»Nimm dir kein Weib, daß du nicht Sohn und Tochter habest! Denn die geboren werden in deinem Lande, qualvoll sterben sie.«

   

Vergessene Raunung der Jugend! Erneuerte Raunung im fremdesten Westland! Dunkel übergeht sie seine Aufkündigung des Herrn, seine Flucht nach Ägypten, seine Sünde, als wäre das nichts. Jirmijah will's durchdringen und durchsinnen. Er stemmt sich auf. Die lässig geschlungene Mumienbinde fällt ab von ihm. Er sitzt auf der harten Pritsche. Tiefe Nacht. Ein schwacher Lichtschein und der weiße Gewandsaum des Cher-Hep verschwindet mit einem verlegenen Schwung durch den Spalt der seufzenden Zellentür, wie nach einer Beschämung.

   

Jirmijah ist ein Erneuerer. Alles, was er in Noph und in der Amenti erlebt hat, ist mit einemmal wie weggeschmolzen. Nur die klare und sanfte Stimme hat Bestand. Er weiß, daß irgend etwas geschehn sein muß, was sein Leben umstürzt. Sein Urlaub ist zu Ende, zweifellos. In ihm glüht eine wilde Bereitschaft, die Kündigung zu widerrufen, den Dienst wieder aufzunehmen. Erst jetzt, nach seinem Gang durch die Totenwelt Ägyptens, weiß er sich reif für den Weg der Berufung. Seine Glieder schmerzen ihn vom Fasten und von den Wundertränken. Doch er springt auf, stürzt aus seiner Zelle, verläßt die letzte Karawanserei mit dem im Sternlicht düster kauernden Pfortentempel Rosetaw. Lange irrt er durch die menschenleere Weststadt. Es wird schon Morgen, als er das Haus der Verbannten erreicht. Kein Türhüter, alle Eingänge offen, die Räume leer, wie ausgeraubt. Endlich im Gärtchen findet er einen. Es ist der Verschnittene Josijahs, der sich ächzend über Bündel und Säcke beugt, die er zusammenschnürt. Weinend und schwitzend berichtet der Unförmige, was sich begeben hat. Vor zwei Abenden wurde das Haus plötzlich von jonischen Leibwachen umzingelt. Elnathan, der Schwäher Jojakims, drang mit anderen Kriegern Jehudas ins Innere. Sie durchwühlten die Räume, bis sie fanden, den sie suchten, Urijah, den Künder. Der alte Mann wurde sogleich in schwere Ketten gelegt und fortgeschleppt. Seine königliche Herrlichkeit im einstweiligen Ruhestande aber, samt allen Angehörigen und Bedienten, mußte am nächsten Morgen ohne Aufschub die Reise nach Süden antreten, wohin ihn Pharaos Befehl verwies. Er, Josijahs treuester Verschnittener, bringe seiner Herrschaft nun die Habseligkeiten nach.

Jirmijah überlegt lange mit gerunzelter Stirn. Dann stampft er auf:

»Nein!« Und ein Wort noch: »Urijah.« Dann, ungefähr in die Richtung Jerusalems weisend: »Ihr werdet mich finden, wenn die Zeit kommt!«

Ohne sich umzusehn, eilenden Fußes, verläßt er das Gärtchen und das Haus seines Verlöbnisses.

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