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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 11
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
projectid6c149880
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Zehntes Kapitel.
Unter den blühenden Säulen von Noph

In Jirmijahs Heimat wird diese heitere Stadt Noph genannt. An den Ufern des Nil, wo sich ihre Tempel, Paläste, Pyramiden und Grabstätten endlos erstrecken, führt sie den Namen Men-Nofr, welche Silben von fremdländisch ungebildeten Lippen gar oft in Membe oder Memphi verunstaltet werden. Im Munde ihrer Priester aber heißt sie feierlich und genau »Ha-Ka-Ptah«, was nichts andres bedeutet als »Wohnung der Seelengestalt des Ptah«. Von allen Bezeichnungen ist diese die richtigste, denn Noph ist wahrhaftig die herrliche »Nu-Ptah«, die Stadt des schaffenden Ptah, und die Wohnung seiner Seelengestalt erhebt sich, selbst eine Stadt, in ihrer bewegten Mitte. Anders als im bildlosen Tempel des Ewigen ist die steinerne Verkörperung Ptahs im Tempel zu Noph an gewissen Festtagen zugänglich und zumindest seinen hochgestellten Verehrern erschlossen. Ist er selbst als Beherrscher des Lebens außer den heiligen Zeiten ins innerste Gemach seiner riesigen Wohnung zurückgezogen, so gewährt er doch den Nebengottheiten freien Raum, mit denen er eine Dreieinigkeit bildet und die Stätte teilt. Vor Sechets und Inhoteps vielen Kapellen flutet das farbenleuchtende Treiben der Opfernden, Weihenden, Räuchernden zu jeder Tageszeit.

Was aber den Blick eines Fremden – und wäre er ein strenger Mann Gottes wie Jirmijah – an diesem unübersehbaren Bauwerk am mächtigsten anzieht, das ist der Frühling der Säulen und Mauern. Dieser Frühling währt tausend Jahre. Dann folgen ihm Sommerdürre und Herbst, wie der Verfall an so manchem Tempel der zweiundvierzig Gaue beweist. Oft aber folgt dem ersten Frühling ein zweiter Frühling, der nicht minder tausend Jahre zu dauern bereit ist. Und dieser zweite Frühling ist seit kurzem in den blühenden Säulen des Tempels von Nu-Ptah erwacht. Pharao Psammetich, Nechos Vater, hat ihn erweckt, der Vater und Sohn der Götter, der zur Erde kam, den ewigen Thron Ägyptens neu zu errichten. Sein Strahl bewirkte in den schon ausgedörrten, grauen und abgeblätterten Säulen von Noph ein neues Knospen und Drängen. Die erblaßten Farben der Schäfte erneuerten sich mit frischem Purpur und Scharlach und Hyazinth und Smaragd und Gold in grellen und zarten Abstufungen. Mit seinen stärksten Säften und Kräften jedoch stieg dieser wiedergeborene Frühling durch die ragenden Säulen in ihre Häupter, die tausendfältig die offene Blüte des Lotus oder das geschlossene Knospenbündel der Papyrusstaude nachahmen.

Jede einzelne dieser Frühlingssäulen ist eine Welt, mit heiliger Bildschrift über und über geschmückt, von der Wurzel bis zum Kelch. Ihre aufstrebenden Stämme tragen ganze Bücher von göttlichen Berichten und Lobpreisungen in ihre steinerne Rinde farbig eingeritzt. Das Auge aber, das die Schrift nicht zu lesen vermag, haltlos versinkt es in den unabsehbaren Zug der Bilder und Schildereien, die Göttertaten und Leiden, Opferfeste und heilige Barkenfahrten, Feldschlachten, Belagerungen, Gefangenenherden, Triumphdarbringungen, Pharaos Vogel- und Flußpferdjagden, kurz das selig sich durchdringende göttliche und königliche Treiben in ihren steinernen Teppich freudvoll verweben. Von diesen blühenden Frühlingssäulen stehen tausend und mehr im Tempel von Nu-Ptah. Fröhlichkeit verbreiten sie und machen die Herzen der Menschen jung, die sie bestaunen, wenn das Auge des Horus über ihnen waltet und die tausend Sperber Ptahs mit gespreiteten Schwingen über dem Tempel schweben.

Jirmijah denkt, daß es nur ein einziges Haus in Noph geben mag, das dieser großen Fröhlichkeit entzogen ist. Und dies ist das Haus seiner eigenen Flucht, das Haus, wo er, in Gemeinschaft mit dem nun verbannten Joachas, mit Hamutal und dem Knaben Mathanjah lebt, dessen Unterricht er auf Befehl des sterbenden Königs weiterführt. Tritt er aus diesem schönen und großen Haus, das Pharao dem verjagten Davidsohn überwiesen hat, und steht auf den sonnig lärmenden Straßen, so nimmt ihn sogleich die Heiterkeit Ägyptens in beide Arme. Sehr wund muß die Seele sein, die sich in dieser Umarmung wegzubiegen vermag. Wo anders als hier darf die große Fröhlichkeit herrschen, da es ihr doch gelungen ist, den Tod zum Leben des Lebens zu machen und dem irdischen Behagen Unvergänglichkeit zu verleihen, wie die »westliche Stadt« mit ihren Tausenden Grabpalästen beweist, die an bequemer Schönheit die Wohnungen der Lebendigen noch übertreffen? Wie überströmen doch die Gemächer und Kammern, in denen sich jedweder wohlhabende Sterbliche zum erlösten Erlöser Osiris verewigt, von den farbigen Abbildern irdischer Süße und Saftigkeit! Niemand verläßt, was ihm lieb ist. Er rückt nur mit seiner köstlichsten Habe ein wenig weiter nach Westen, um sich dort seines ewig gesicherten Ruhestandes und verklärten Ausgedinges bedächtig zu erfreuen. So ist die Verkehrung weise verwirklicht und die währende Öde des Todes zum schmackhaften Leben verwandelt. Ein unerschöpflicher Lobgesang auf alles Vergängliche macht dieses gerade zum wahrhaft Unvergänglichen, und das Land, das an nichts andres denkt als an den Tod, vernichtet ihn durch eben diesen Gedanken.

Jirmijah fröstelt in den Armen der großen Fröhlichkeit. Und doch, alltäglich zieht es ihn, eine Stunde vor Sonnenuntergang, auf den mächtigen Platz vor dem Ptahtempel. Er betritt sein Inneres nicht, um sich nicht zu verunheiligen. In der äußersten Säulenhalle läßt er sich vom Strom der Menschen tragen. Denn hier kommt zu dieser Stunde die ganze Stadt, jung und alt, zusammen, um sich am gegenseitigen Anblick und Wandel zu erfreuen. Jirmijah wendet scheu Aug und Ohr ab und empfindet die Wahrheit des überlieferten Wortes: »Und es war ein Schauder in ihnen vor den Völkern in den Ländern.« Zugleich aber erkennt er, wie zweischneidig die Wahrheit dieses Wortes ist. Denn auch in den Völkern der Länder war ein Schauder vor Israel. Er sieht diesen Schauder in der raschen Begegnung mit einem Augenpaar, in der abweisenden Feindschaft eines Gesichts, das sein Herkommen verspürt hat. Er aber weiß auch, daß die Ursache des gegenseitigen Schauders der ewige Gott ist, der aus dem süßen irrenden Traum der Völker sich ein schwaches Volk erweckt und mit der Bürde des Wachens und Entwirrens beladen hat.

Jirmijah steigt, von seiner Fremdheit bewegt, die Stufen der Säulenhalle hinab, und betritt den weiten schöngepflasterten Platz. Betäubender Blumenduft schlägt ihm entgegen. Eine ganze Budenstadt von Blumenhandlungen baut sich vor ihm auf. Hat Jirmijah die tempelnächsten Gassen des Blumen-, Weihwaren- und Räuchermarktes im Rücken, so öffnen sich die überfüllten Märkte der weltlichen Gewerbe seinen Schritten. Jeder einzelne von ihnen scheint ihm größer zu sein als die ganze Unterstadt von Jerusalem. Jirmijah schlendert an den langen Fischbänken vorbei, die mit Silberschuppen übersät und mit kaltem, blaurotem Blut bespritzt sind. Äxte fahren in die bäuchigen Leiber der Nilhechte und Seewölfe. Die Stücke werden auf die Waage geworfen. Ein heiserer Mann krächzt Gewicht und Preis. Man verpackt die Ware handfertig in Blätter des Weinstocks und Feigenbaums. Schon warten Markthelfer mit der Tragstange über den Schultern, die Bestellungen den vornehmen Frauen ins Haus zu liefern. Ähnlich geht es auf dem Geflügelmarkt zu. Hier hocken in langen Reihen die rührigen Sklaven aus Negerland und rupfen mit unnachahmlicher Geschwindigkeit, singenden Mundes und schlingernden Leibes, die Federn der prallen Mastgänse, Enten, Hühner, Tauben, Bekassinen und Rohrvögel, die an langen Schnüren aufgehängt werden. An den Geflügelmarkt grenzen offene Auskochereien, Speisestätten und Braubierschenken. Der resche Geruch gebratenen Fleisches mischt sich mit dem Duft gegorener Gerste. Jirmijah hält den Atem an. Es ist ihm anerzogen, sich vor dem Unreinen in acht zu nehmen, wenn es auch nur als Gedanke, als Reiz, als Geruch vor die Seele tritt. Schnellen Schrittes verläßt er diesen Ort der Schmausenden und Zechenden und gelangt in die Zeile der Barbiere, Haarkünstler, Perückenmacher. Mit der erhabenen Geduld von Männern, die des Todes Schrecken überwunden haben und deren eine prächtige oder bescheidene, jedenfalls aber behagliche Grabeswohnung harrt, sitzen die schweigsamen Kunden vor den Buden und warten, bis die Reihe des Haarschnitts oder der Bartschur an sie kommt. Die Barbiere und ihre Gehilfen arbeiten mit nacktem Oberkörper. Das flinke Schermesser tanzt über gesenkte Priesterköpfe und fegt sie spiegelnd glatt.

Jirmijahs Weg führt jetzt an dem Markt der Schreiner, Kunsttischler und Wagenbauer vorbei. Wie im Traum reihen sich vor seinem Auge die hundertformigen Schränke und Schränkchen, die feingeschwungenen Tische und Tischchen, die Truhen und Laden aus südlichen Hölzern, die Spielbretter, mit Grünstein und Blaustein ausgelegt. Groß wuchtet in Noph die Welt der Götter und die Welt der Toten. Der Welt der Lebendigen beliebt es, um so zierlicher zu sein. Nur für die zartesten Damengestalten scheinen diese Schemel und Hocker, diese löwenfüßigen Lehnstühle, diese gebrechlichen Tragsessel und Sänften zugeschnitzt zu sein. Man könnte angesichts des lieblichen Gerümpels daran zweifeln, daß diese Stadt auch Kriegshelden Pharaos hervorbringt, scheint doch alles hier nur für die Glieder der schmächtigsten Tänzerinnen eingerichtet. – Der Hammer-, Hobel- und Sägelaut der Schreiner wird von einem feinen Gepoch und Gefeile abgelöst. Jirmijah hat die Gasse der Goldschmiede und Geschmeidekünstler betreten. Und hier ereilt ihn seit unzähligen Monden zum erstenmal wieder ein Raunen des Herrn. Ein Raunen? Das ist beinahe zu viel gesagt. Es ergeht eine sehr leise Mahnung im Gleichnis, als wolle der Herr Jirmijah nur zeigen, daß Ferne und fremdes Land ihn nicht beschränken und daß sein Auge unabwendbar auf dem Ausgesonderten ruhe, trotz aller Kündigung und der von Ihm selbst geförderten Flucht. Adonais Wort in Noph ist ein wenig von der Art des Wortes in der Töpferwerkstatt zu Jerusalem.

Jirmijah hat sich in die Arbeit der Goldschmiede versenkt. Doch fesselt ihn weniger das Zuhämmern und Plattklopfen des Goldes als der steinerne Schmelzofen, in dem gefährliche Weißglut zischt, die von einem Heizer immer neu aufgestachelt wird. Von diesem kuppelförmigen, mäßig großen Schmelzofen geht eine solche Hitze aus, daß die nackten Körper der Goldscheider in seiner Nähe wie verbrüht sind und von Schweiß triefen. Jeder Goldscheider hält einen langstieligen Schmelztiegel in der Hand. Kleine Klumpen von unreinem, mit Schlacken versetztem Golderz liegen in den Tiegeln. Der Heizer klappt mit einem Schürhaken die Öffnung des Schmelzofens auf. Mit verzerrten Gesichtern treten die Goldscheider nahe heran und strecken ihre Tiegel in die Weißglut. Der Ofen speit Funken und glühende Flocken. Man sieht den glotzenden entzündeten Augen der Männer den Schmerz an, den sie erdulden müssen, denn das Gold läßt sich Zeit, ehe es schmilzt. Die Arme der Arbeiter sind mit Blasen und Brandwunden bedeckt. Und doch, ihre Hände dürfen nicht zucken, nicht schwach werden, sie müssen den kostbaren Tiegel festhalten, bis die Schmelze gelungen ist und das Edle vom Unedlen sich geschieden hat. Jirmijah tritt selbst ganz nahe an die Glutöffnung heran. Da aber ist auch schon das Wort in seiner Seele da, ohne Stimme, aber rund und voll als Frage:

»Habe ich dich nicht zum Goldscheider in meinem Volke gemacht, damit du erkennest und prüfest ihren Wert ...?«

Jirmijah fährt zurück. Jetzt kommt ein Wort, da es nicht mehr an dem ist, jetzt eine Mahnung, keinem zunutz? Beim Landtag aber und vor und während der Schlacht, als es wahrlich an dem war, da hatte kein Raunen sich eingestellt trotz alles Flehens, daß er hätte den König zurückreißen können und retten? Bitter steigt ihm eine Antwort in die Kehle:

»Verkohlt ist der Schmelzofen vom Feuer ... Vergebens müht sich der leidende Schmelzer ... Nicht scheidet sich ab das Unedle ... Wertloses Erz bleibt im Tiegel ... Wo ich bin, dort ist mir wohl ...«

Jirmijah hält die Kündigung aufrecht. Er ist nicht gesonnen, wie früher nach dem Überwältigtwerden zu rufen. Mit aller Kraft versucht er, das Raunen des Herrn aus seinem Geiste zu pressen, wie man einen eingezogenen Dorn aus dem Finger preßt. Je mehr er aber seinen Willen anspannt, um so kräftiger werden seine Gedanken abgezogen, weit fort von dem lärmenden Markt Nu-Ptahs, von seinem eigenen Müßiggang und traurigen Frieden. Des Volkes muß er denken, von dem der Herr sprach, Jerusalems muß er denken, und wie es sich planvoll fügte und was alles geschah ...

   

Dies aber war geschehen. Man hatte Josijah, Jehudas unglücklichen König, im Garten Usijah zu seinen Vätern versammelt. Es war kein jammerndes und heulendes Gepränge gewesen, wie es der Held verdient hätte, sondern ein verlegenes, sonderbar flüchtiges Begängnis. Die Schmach ist ewig die jüngere Schwester des Unglücks. Schwerer Schatten lag auf Josijahs Namen, und statt ungezählter Trauergesänge im höheren Chor hatte eine schwache Abordnung der Kinder Asaphs ein einziges Klagelied vorgetragen, dessen Rühmungsworte des geliebten Königs von Jirmijah stammten. Auf das verlegene Begräbnis folgte eine nicht minder verlegene und schwer bedrückte Zwischenzeit, von der jedermann in Stadt und Land spürte, sie würde von Stunde zu Stunde ihr Ende finden. Der König dieser beklemmenden Kürze war Joachas, und ihr schwaches, benommenes Wesen glich dem seinen. Noch hatten die Fürsten und Priester den furchtbaren Kronrat vor Augen, da der an den Thron gebundene Sterbende die Wahl des zweiten Sohnes erzwang und der neue König mit quengelndem Greinen sich wehrte. Und doch, mit der himmelblauen Schimla Davids kam auch über Joachas eine blasse Würde und er füllte mit ihr die Leere aus, die ihm vergönnt war. Er tat nichts Böses, er tat nichts Gutes, und darum mißfiel das Nichts, das er tat, dem Herrn.

Jirmijah aber rüstete zur Flucht, wenn er auch noch nicht wußte, wohin sich wenden. Am ersten Neumond nach den Trauertagen trat er zum neuen König und zu dessen Mutter und bat sie, ihm Abschied zu geben, da jener, welcher ihn zum Dienst berufen hatte, zu den Väter versammelt sei. Es geschah aber, daß sowohl Joachas als auch Hamutal vor Kummer bleich wurden, weil sie der Mann des Herrn verlassen wollte, an den sich der Abgeschiedene mit solch gläubiger Leidenschaft geklammert, daß er noch sein letztes Lebenswort an ihn gerichtet hatte. Sie streichelten und preßten Jirmijahs Hände, vergossen Tränen und erwiesen ihm viel Zärtlichkeit, von welcher er nichts geahnt. Doch mehr als Hamutals und Joachas' Zuneigung bedrängte Mathanjahs weinendes Gebettel seinen Sinn. Denn sein Herz hing an dem Knaben und Schüler. Er verschob daher seinen Abschied bis zur Stunde der Klärung und wohnte mit Baruch fürder im Palast.

Die Stunde der Klärung nahte und sie war also dienlich gesponnen, daß Jirmijah von seinem Entschluß nicht weichen mußte. Immer beängstigender wurden die Gerüchte, die ihr Netz über Jerusalem warfen. Und es dauerte nicht lange, da folgte den Gerüchten die Bestätigung in Gestalt ägyptischer Reiterscharen, die das Land durchstreiften. Was kommen mußte, kam eines Morgens, sehr früh, da noch tiefe Dämmerung herrschte. Vor dem turmbewehrten Stadttor Ephraim erschien eine größere Macht ägyptischer Reiterei und forderte Einlaß. Ein Feldfürst Pharaos stand an ihrer Spitze, von einer prächtigen Gruppe hoher Geheimräte begleitet. Den Wachen auf den Türmen wurde zugerufen, daß eine geheiligte Botschaft des guten Gottes vor den Mauern Jerusalems in friedlicher Absicht erscheine, um den unbeugsamen göttlichen Willen dem Könige Jehudas kundzutun. Die Hauptleute der Leibwache schöpften Verdacht. Für eine friedliche Botschaft schien ihnen der kriegerische Aufwand zu groß. Sie ließen unverzüglich die Tore verrammeln, die Zinnen beziehen und das Schleudergeschütz der Bollwerke instandsetzen.

Der langschläfrige König wurde geweckt, ein Kronrat eiligst zusammengerufen. Nun aber sollte Joachas das tun, was seinem matten Herzen am schwersten fiel, eine Entscheidung treffen. Eine Botschaft Pharaos abzuweisen, das war ganz und gar unzulässig. Jeder der Ratschlagenden mußte aber erkennen, daß in der beträchtlichen Streitmacht, die der Botschaft Nachdruck verlieh, eine unabsehbare Gefahr für Jerusalem lag. Wohl war Pharaos Heer gebunden. Durfte man aber durch Unbotmäßigkeit nach dem Tag von Meggiddo den Rachedurst Ägyptens noch schüren? In dieser zweifelvollen Lage verfiel Ahikam auf den einzig gangbaren Ausweg. Der König möge mit der Gesandtschaft Pharaos in Unterhandlung treten, ihr durch das Tor Ephraim Einlaß gewähren, jedoch unter der Bedingung, daß allein die abgeordneten Boten mit kleiner Bedeckung die Stadt betreten, während die größere Schar ihre Rückkehr außerhalb der Tore abzuwarten habe. Um die Sicherheit der Gesandten zu gewährleisten, werde man dem Feldfürsten Nechos eine Anzahl Geiseln stellen. Nach diesen Ratsworten blickte der Schaffansohn Jirmijah an, als erwarte er nun seinen Ratschlag. Jirmijah aber schwieg. Seines Amtes war es nicht, im Rate der Großen zu sprechen. Er gehörte nicht zu ihnen. Seines Amtes war es einzig und ausschließlich, das Wort Adonais zu mitteln, dann, wenn es in seinem Geiste sich bildete. Nun aber hatte er dieses Amt gekündigt. Sollte er sich da überheben, mit den Weltklügeren in Wettstreit treten, um an Stelle der göttlichen Undeutlichkeit seine eigene magere Deutlichkeit zu setzen, die nicht das Rechte, sondern nur das kurzatmig Errechnete umfaßte? Jirmijah schwieg als bescheidener Diener des Königs, der nicht zu den Räten gehörte. Zur Widerrede jedoch erhob sich ein andrer Mann des Kronrats. Es war Pasch'chur, Sohn Imers, der erste Hüter der Schwelle, ein hochfahrender Mensch mit einem ebenholzschwarzen Spitzbart, wie er in Ägypten getragen wurde. Die Seele Pasch'churs schien von Grimm überzukochen und seine kleinen Knopfaugen funkelten. Dieser Grimm entlud sich zuvörderst gegen den unselig leichtgläubigen Josijah und gegen dessen Ratgeber, über die Pasch'chur alle Flüche des Gesetzes herabflehte. »Die Rasenden und Verrückten« aber trügen die größte Schuld, weil der gottrunkene König ihnen sein Ohr geliehen. Der Herr sei gepriesen, knirschte Pasch'chur, noch stünde dem Hüter der Schwelle Aufsicht und Gericht über die Propheten zu, denen der Stock und Block gebühre. Dabei durchbohrte er Jirmijah mit seinen Knopfaugen, der ihnen sanft standhielt. Pasch'chur forderte, daß man ohne Verzug und Vorbehalt in Demut die Tore öffne. Da der Hüter der Schwelle zuletzt und am schärfsten gesprochen, hatte er Macht über Joachas gewonnen, der sich verzweifelt hin und her wand, abgerissene Silben stammelnd. Einige unter den Hoffürsten hielten dieses Stammeln schon für die volle Zustimmung und winkten den harrenden Meldeläufern, die unverzüglich aus dem Ratsgemach und dem Palast stürzten. Der König brütete eine Weile, in die mißtrauische Entzifferung der Gesichter versunken, dann endlich begriff er, sprang auf und schrie, er habe sich noch nicht entschieden, man möge die Läufer zurückholen.

Zu spät! Die Hundertschaften der ägyptischen Reiterei rasselten schon durch die Straßen, besetzten die Davidsburg, den Millo und die Wachthöfe der königlichen Hofburg. Dann beschied Pharaos geheiligter Botschafter kurz den König Jehudas in dessen eigene Thronhalle. Dies alles ging so verwirrend schnell vor sich wie drangvolle Ereignisse dieser Art immer. Als Joachas, anstatt seine Leibwache rasch zu sammeln und sich gegen die Eindringlinge zu verteidigen, schwachgemut in die Halle zögerte, fand er bereits einen andern auf dem goldenen Throne Salomos, den er selbst nur mit Zittern und Weinen eingenommen hatte. Der aber jetzt auf dem Hochsitz thronte, er zitterte und weinte keineswegs, er dehnte seine kleine hagere Gestalt und lachte. Eljakim war König. Pharao hatte zwar seinen Namen verändert, er mußte sich Jojakim nennen, damit er nichts mehr von seinem Vater besitze und alles vom irdischen Sonnengott, selbst seinen Namen; aber was tat das? Es verschwand gegen die Gnade, die Josijahs Frevel vergessen sein ließ und die rechtmäßige Thronfolge Davids wiederherstellte. Jehuda war gerettet. Ganz Jerusalem fühlte es so. Das Volk drang durch die unbewachten Tore der Hofburg und jubelte Jojakim zu, als sei er kein Verräter oder zumindest ein zweideutiger Spieler gewesen, sondern kraft unfehlbaren Weitblickes der wahrhafte Retter seines Landes. Wenn eine einzige Niederlage hundert Siege, ein einziger Mißerfolg hundert Ruhmestaten aufwiegt, so macht ein gelungener Streich tausend Missetaten wett. In der hündischen Seele des Pöbels rechtfertigt die siegreiche Gewalt alles. Sie verklärt Verrat, Abfall, Mord, Lüge, Schufterei in heilsame Notwendigkeiten, die das kriechende Volk hinnimmt und rasch vergißt wie ein Kind die bittere Arznei. Jojakim war ein Gewaltiger und ein König der Gewalt. Da der erniedrigende Druck seines Vaters von ihm gewichen war, zeigte es sich nun. Er, der niemals zum Volke geredet hatte, hielt mit hinreißender Leidenschaft eine Rede vor Jerusalem, die alle Schuld der vergangenen Herrschaft zuschob und groß und klein mit der teuflischen Genugtuung erfüllte, man habe keinen Anteil an der Schuld gehabt, alles sei abgezahlt und ein besseres Leben könne jetzt beginnen. Die Fürsten huldigten Jojakim, die Priester segneten ihn, und der Sagan eilte atemlos mit dem Salböl herbei, die Krönung vorzunehmen.

Mit einem kranken Lächeln stand Joachas in dem brandenden Tumult. Jirmijah mußte ihn stützen, denn er drohte zu vergehen. Der ägyptische Feldfürst verlas die Botschaft Pharaos, in dem Joachas des Thrones verlustig und zum ewigen Reichsgefangenen der beiden Länder erklärt wurde. Man fesselte ihm die Hände mit einer langen goldenen Kette, die ihm die Freiheit der Bewegung nicht nahm. Danach schleuderte sein Halbbruder von Salomos Thron den dauernden Verbannungsspruch gegen ihn, Hamutal und Mathanjah. Noch selbigen Tages mußte die Königin, Josijahs geliebtes Weib, mit ihren beiden Söhnen die Stadt als Gefangene des guten Gottes verlassen. Jirmijah blieb ihnen treu. Nur der unförmige Verschnittene und Ebedmelech, der Mohrenjunge, sowie einige Knechte und Mägde begleiteten sie. Die ägyptische Gesandtschaft hatte Eile und die zur Eile nötigen Pferde und Rennkamele. Ein Viertel nur der üblichen Karawanenzeit bedurfte man, um nach Ribla zu gelangen, in Pharaos Standquartier. Weder Joachas noch seine Mutter wurden vor das Antlitz Nechos geführt. Man nahm aber dem entthronten König die goldene Kette ab, zum Beweise einer ehrenvollen Haft. Wenige Tage später erging ein Befehl, der die Gefangenen in den Hafen von Tyrus brachte, wo ein ägyptisches Schiff ihrer schon wartete. Obgleich Jirmijah keine Erlaubnis von Pharaos Kanzlei erhalten hatte, die Verbannten zu begleiten, wies ihn der Schiffsherr doch nicht zurück, als er an Bord ging. So gab ihn Adonai selbst frei und ließ ihn entschlüpfen.

Mit der raunenden Mahnung vor dem Schmelzofen aber dringen die Heimat wieder auf ihn ein und all diese Leiden, die er mit eigenen Augen gesehen und mit eigener Seele erlitten hat.

   

Jirmijah steht noch immer, wo er stand. Er ist in eine Zwiesprache versunken, die er mit einem bestimmten Menschen hält. Dieser Mensch aber ist nicht seine Mutter, sondern Baruch ... »Baruch, mein Freund, möge mir vergeben«, träumt er vor sich hin, »daß ich auch ihn mittwegs verlassen habe wie ein treuloser Mann ... Du hast meine Last noch als Knabe geteilt, Baruch, ich aber habe Schuld an dir wie ein Töpfer, der sein Gefäß nicht vollendet, wie ein schlechter Vater und Bruder ...« Da er nun fast Sehnsucht nach dem Getreuen empfindet, da ist es ihm, als lache der Jünger, wie er es oft tut, wenn es seine Dienstleistungen selbst herabzusetzen oder Dank abzuwehren gilt. Mein Meister habe keinen Kummer, scheint er zu sagen, und lebe sein Leben in Noph.

Jirmijah sieht erschrocken auf. In seiner Versunkenheit ist er's gar nicht gewahr geworden, daß die Handwerker überall ihre Stände abgebrochen und ihre Geräte fortgeräumt haben. Der weite Platz von Nu-Ptah ist ganz verwandelt. Das Treiben der Menschen hat sich gegen den Tempel verzogen. Auch Jirmijah geht den Weg zurück. Die Stufen der Säulenhallen sind nun von Tausenden besetzt, unter die er sich zwängt. Jetzt erst erinnert er sich, daß man ihm von einem großen Feste erzählt hat, das am heutigen Tage von Sonnenuntergang bis Mitternacht in und um den Tempel von Nu-Ptah gefeiert wird. Der vierundzwanzigste Tag des Chojak-Monds ist gekommen, der Tag der winterlichen Sonnenwende, der Tag der Totenerlösung Ägyptens. Von der »Kleinen Sonne« sprechen sie an diesem heiligen Abend, da Ptah, der sich selbst aus dem Nichts erschuf, die leidende Erscheinungsform des Osiris annimmt. Warum ist der Bogen der Sonne am Tageshimmel so klein? Weil die Totenwelt Macht gewonnen hat über die Lebenswelt und das Gestirn mit starken Fesseln hinabzieht. Und dies ist der Grund, warum Ptah die Gnade hat, die Erscheinungsform des Osiris anzunehmen, des gemordeten und wiedererstandenen Gottes, der hinabsteigt in die Totenwelt und ihr alljährlich das Heil und ewige Leben verkündet. Er überwindet durch sein Niedersteigen die Macht des Schattens über die Gestalt, er befreit das Licht von der Gefahr des ewigen Untergangs, er schafft den rettenden Ausgleich, er stellt das Gleichgewicht der schwankenden Waage wieder her. Die Stunde aber, da der erlösende Gott sich anschickt, Amenti, das westliche Totenreich, zu betreten, feiern die Priester und Bewohner von Nu-Ptah durch den herrlichen Umgang, der sich jetzt den Augen des fremden Mannes aus Anathot naht.

Die »Kleine Sonne« berührt eben die Spitze der Stufenpyramide, welche die »westliche Stadt« am Rande der Wüste hoch überragt. Es ist ein matter, nebliger Untergang ohne Gold und Purpur, dem Elend der Schöpfung in diesem Augenblicke angepaßt, da die Waage sich zugunsten des großen Todes neigt. Da muß die Menschheit der Gottheit helfen, die ihr das künstliche Licht in Gestalt der Feuerflamme verliehen hat. Darum springt in der beginnenden Dämmerung jetzt Licht auf, allenthalben, sei es als Fackel, als Leuchter, als Lampe, sei es als Kienspan oder als Wachsstock, dergleichen an allen Straßenecken zu Tausenden feilgeboten wird. Nun kann Jirmijah auch schon die Klänge der nahenden Musik unterscheiden. Wie anders berührt sie sein Herz als die Chorweisen im Tempel des Herrn. Dies hier ist ein liebliches Dudeln, Zwitschern und Klimpern, das den Ohren schmeichelt und die Seele süß einschläfert. Nicht fahren wie aus den Chören Asaphs tönende Arme von Riesen flehend und fordernd zum Himmel. Die im Taktmaß heranschwankende Musikbande besteht aus Männern und Frauen, die Flöten und Doppelpfeifen blasen, Handharfen, Lauten und kleine Trommeln schlagen. Diese Musikanten sind alle blind und müssen wie eine Herde mit sanften Stöcken des Weges geleitet werden. In diesem Lande, wo alles nur Bild und Abbild ist, wo das Auge im Rausche sich weidet, wie könnte das innere Ohr hier Ruhe finden, den Welten jenseits der Sichtbarkeit zu lauschen, wenn auch nur den Welten der Klänge? Darum sind die Augen fast aller Spielleute in Noph für immer geschlossen.

Der taumelnden Bande folgen die einzelnen Körperschaften der Priester, nach Rang und den geheimen Bedeutungen dieses Umgangs geordnet. Sie unterscheiden sich weniger durch die Gewänder als durch Haartracht und Kopfschmuck. Mit geflochtenen und perlendurchwirkten Perücken kommen die einen, die andern mit hochragenden Hauben, die bis zu den Augen reichen. Die Kahlgeschorenen aber, die barhaupt oder schleierbedeckt gehen, gehören den höchsten, den geheimwissenden Ordnungen an. Alle Priester aber tragen ausnahmslos den gesteiften, vorstehenden Hüftschurz, an dem der Löwenschweif hängt. Dies ist die feiertägliche Gewandung der Götter selbst, die ihre irdischen Diener bei Umgang und hochamtlichem Tun nachahmen. Immer zahlreicher werden die Körperschaften der Kahlköpfe, die sich im Flackerschein heranschieben. Ihr Wallfahren geschieht mit ganz kurzen Schritten und beinahe geschlossenen Füßen. Noch fern, wo die rote Lichthülle am grellsten ist, scheint das eigentliche Heiligtum des Umgangs heranzuschwanken. Jirmijah erschrickt. Am liebsten möchte er sich rücksichtslos durch die Menge drängen und davonmachen, fürchtete er nicht, von den Gläubigen Ptahs erschlagen zu werden. Im nächsten Augenblick werden sich alle vor dem vergotteten Nichts ihres eigenen Irrtums tief zur Erde bücken. Und er? Da trifft seinen Geist die unendliche Vorsorge des Herrn, der mit der Schwäche und dem Elend der Seinen rechnet. Zwiefältig lautet das Sinaïgebot, Abgötter betreffend: »Du sollst dich nicht bücken vor ihnen und sie nicht anbeten!« Wer sich bückt, hat noch nicht angebetet, und indem er nicht angebetet hat, das Gebot in Wahrheit auch nicht gebrochen. Die Beugung des Rückens allein bedeutet nur eine leere Gebärde, die der Herr übersieht, wenn es nottut. O heilige Vorsorge für alle Schwachen und Elenden! Nun aber bücken sich in Wirklichkeit alle zur Erde, und auch Jirmijah senkt seinen Kopf. Dennoch sieht er, wie auf zwei langen goldenen Stangen von neunzehn Priestern die heilige Barke Hennu getragen wird, in deren Mitte sich der Kajütenschrein mit der herrlichen Verkörperung Ptahs erhebt. Der Kiel des Schiffleins läuft in einen Gazellenkopf aus, der Bug in ein großes goldenes Henkelkreuz, das Zeichen des Lebens. Die Gestalt Ptahs ist mit Mumienbinden umwickelt, da er sich selbst als Osiris zum Opfer bringt und hinabsteigt, das Licht zu retten. Zu seinen Füßen liegen Geißel und Hirtenstab, die Herrscherzeichen des Totengottes.

Vorbeigeschwebt ist die heilige Barke Hennu. Nun aber erhebt sich rings um Jirmijah ein frommes Gemurmel, das den ganzen Platz von Nu-Ptah erfüllt wie ein wachsender Sturm. Auch der Mann aus Jehuda fühlt, er weiß nicht warum, einen Schlag gegen das Herz. Die Rücken beugen sich tiefer und tiefer. Viele fallen aufs Knie und pressen ihr Antlitz an den Stein. Das Wort »Hapi«, das ein langes A des Erschauerns enthält, läuft durch die Menge. Und wirklich, in einem leeren Raum trottet der Apis, von hochwürdigen Priester-Wärtern am goldenen Halfter geführt. Nicht jedem Menschengeschlecht wird der Apis wiedergeboren, in dem Osiris, der Erlöser, am reinsten und vollkommensten sich einverleibt. Ganze Zeitalter gibt es, denen die Gnade dieser Einverleibung im lebendigen Fleische entzogen bleibt. Neunundzwanzig Kennzeichen müssen es sein, damit die Geheimwissenden die zweifellose Erscheinung feststellen, ehe sie der Welt und Zeit erschüttert verkünden: »Wir haben einen Apis.« Dies aber sind der geforderten Kennzeichen wichtigste: Es sei ein schwarzer Stier von übermächtiger Gestalt. Er trage einen weißen dreieckigen Fleck auf der Stirn, doch auf dem Rücken einen größeren weißen Fleck in der deutlich erkennbaren Form eines schwebenden Sperbers. Zweifarbig sollen die Haare seines Schwanzes sein und unter der Zunge trage er ein sonderbares Gewächs, dessen Gottes-Eigentümlichkeit nur die Hand des erfahrenen Eingeweihten begreift. Sind aber selbst alle neunundzwanzig äußeren und einzelnen Kennzeichen vollzählig vorhanden, so muß noch ein inneres und allgemeines hinzutreten, damit sich ein gewöhnlicher Stier »in das wohlgefällige Abbild der Gottesseele« verwandle. Es ist die einzigartige und unvergleichliche Sanftmut des Gewaltigen, an der man den wahren Apis erkennt. Es ist das huldvolle Merkmal des göttlichen Leidens, des Osiris-Leidens, das er zur tiefsten Rührung Ägyptens in seinem stumpfen Tierauge trägt.

Trotz seines gesenkten Hauptes sieht Jirmijah, daß der Apis dieses Zeitalters ein Stier von gewaltigen Maßen ist. Als sei es vom Bewußtsein seiner eigenen Göttlichkeit tief durchdrungen, setzt das Ungeheuer tänzelnd einen Huf vor den andern. Die schlaffe Wamme über seiner Brust zittert und schwingt bei jedem Schritt. Und doch, trotz der riesenhaften Kraft, die in diesem Tiere lebt, ist es eingehüllt in eine Wolke heiliger Sanftmut und überirdischer Huld, die auf die Herzen der Bewohner von Noph übergreift, so daß viele Frauen in Tränen ausbrechen. Genau dem Ort gegenüber, wo Jirmijah in der Menge festgekeilt steht, biegt der Umgang nach Norden ab, um das Haupttor des Tempels zu erreichen. Langsam tänzelnd und behutsam die Erde tretend, den leeren flackernden Raum gleichsam vor sich herschiebend, nähert der Apis sich Jirmijahs Standort. Majestätisch müde schlägt sein Schweif mit den zweifarbigen Haaren die Flanken, als gelte es unsichtbare Schmeißfliegen abzuwehren, Belästiger aus der Unterwelt. Mit sorglicher Aufmerksamkeit lauschen die beiden Hochwürdigen, die rechts und links die Halfterbänder halten, auf den innersten Willen des Gott-Tieres. Sie führen den Stier nicht wie Treiber, sie scheinen sich von ihm führen zu lassen, indem sie mit stets entspanntem Halfter seinem Gange demütig nachgeben. Nun aber geschieht es, daß sie plötzlich haltmachen und mit ihnen der ganze Umgang, genau dort, wo man abbiegen muß. Der Apis nämlich hat geruht haltzumachen. Der ungeheure Stier schüttelt mehrmals sein schwarzes breitgehörntes Haupt mit dem weißen Wappenfleck, wendet sich mißtrauisch um, wittert schmerzlich nach oben, schnaubt mahnend und stößt endlich ein kurzes anklagendes Gebrüll in den Abendhimmel empor. Apis hat gerufen. Apis hat gesprochen. Seit Menschengedenken hat sich ähnliches beim Umgang der Kleinen Sonne nicht ereignet. Sollte Apis einen Feind, einen Leugner in der Menge entdeckt haben, denn auch das Göttliche wird welk an der Verneinung? Hat er Adonai Elohim erwittert, den Ewigen, Unverkörperbaren, den Schöpfer Himmels und der Erde, der in sich selbst alle zweiundvierzig Dreieinigkeiten Ägyptens aufhebt und zum Wahn macht? Ist der Gekündigte immer noch und schon wieder mit dem Aufkündiger?

Da hat sich eine hohe Gestalt dem Apis ruhig von hinten genähert. Ein Kahler ist es mit einem gelben, spiegelnden Schädel. Die Geißel und der Krummstab in seinen Händen beweisen, daß die fromme Menge jetzt einen Geheimwissenden und ganz Großen im Dienste des Osiris vor sich hat. Auch Jirmijah kennt diesen hochwaltenden Mann, dessen wirklichen Namen niemand mehr weiß, denn in Nu-Ptah wird er nur »Cher-Hep« genannt, was soviel bedeutet wie »Zeremonienmeister des Todes«. Ja, der Cher-Hep ist Statthalter der westlichen Stadt, der höchste Beamte und Verwalter des Totenreiches. Zugleich aber hat ihn Pharaos Verfassung über alles Wesen gesetzt, das an die Schattenwelt angrenzt, wie es die Fürsorge für die Reichsgefangenen ist, für die Blinden, die Siechen, die Witwen und Waisen aus vornehmen Häusern. Auch über den verbannten und gefangenen König Jehudas hat er Aufsicht zu üben, in dessen Haus er von Zeit zu Zeit zu förmlichen Besuchen erscheint.

Jetzt ist der Cher-Hep dicht an den Apis herangetreten. Die linke Hand, welche die Geißel trägt, legt er leicht auf den Nacken des Stieres und streichelt ihn kaum wahrnehmbar. Der kleine kahle Kugelkopf des Geheimwissenden nähert sich ein wenig dem Riesenhaupt des Apis, als sei er ehrerbietigst bereit, die Ursache dessen zu vernehmen, was das wohlgestalte Abbild der Osiris-Seele in Schrecken und Unruhe versetzt habe. Die lautlose Verständigung währt nur einen Augenblick. Ein schmelzendes Glücksgefühl, eine zitternde Erleichterung, eine Wollust des Begriffenseins scheint das Gott-Tier von den Hörnern bis zu den Hufen zu durchströmen. Es senkt mit zärtlicher Behutsamkeit das Haupt, reibt es zweimal adlig leicht an der Schulter seines Vertrauten, die bräunliche Zunge tritt zwischen den Lefzen hervor und streicht dem Cher-Hep liebkosend über die fahlen Wangen. Dann schüttelt sich der Apis noch einmal und nimmt mit tänzelnden Hufen und taktgemäß schlagendem Schweif den heiligen Umgang huldvoll und sanftmütig wieder auf.

Der tiefen Beklemmung der Tausende folgt ein rauschendes Aufatmen. Im Augenblick, da Osiris die Amenti betrat, hat der Apis schmerzvoll aufgebrüllt, ein Zeichen, daß der Gott an den Toren der Unterwelt schweren Gefahren ausgesetzt war. Als Osiris aber die Gefahren überwunden hatte, da ging das erleichterte Zittern durch sein wohlgestaltes Abbild, da liebkoste die große Zunge dankbar den treuen Fürsorger. Welch herrliches Vorzeichen. Die Kleine Sonne hat ihre Schwäche überwunden. Ein neuer Aufstieg beginnt, ein gutes Jahr mit reichlicher Überschwemmung, guten Ernten und laut belebten Märkten. Durch Ehrfurcht gedämpfter Jubel dankt dem Cher-Hep, diesem großen Geheimarzt des Gottes, diesem pharaogleichen Beherrscher der andern Seite, der nun wieder ernst und ungerührt mit kurzem Tritt und beinahe geschlossenen Füßen dem Apis nachwandelt.

Daß aber dem obersten Verwalter des Totenreichs die große Fröhlichkeit auf dem Fuße folgt, hat seine feinsinnige Bedeutung. Osiris hat die Riegel der Amenti gesprengt. Nun möge sich die Schönheit alles Geschaffenen der wieder belebten Sonne nach ergießen! Einige hundert der lieblichsten Mädchen Nophs stellen diese Schönheit des Weltwesens dar, das der Gott durch seinen Gang unter die Schatten erlöst. Die Jungfrauen sind in schleierzarte, durchsichtige und gefältelte Kleider gehüllt, mit bunten Schulterkragen geschmückt und blumenbekränzt in allen Farben. Jede von ihnen vertritt einen Zweig des Erdengetriebes, dessen Sinnbild sie vor sich herträgt: eine Ährengabe, eine Schüssel mit Früchten oder Gemüsen, Stift, Tintenfaß und Buchrolle des Schreibers, einen winzigen Webstuhl, einen zierlichen Spinnrocken, Bogen und Köcher des Jägers und was sonst noch erdenklich ist. Auch sieht man in den Händen der Mädchen Hunderte von Papyrus-Schiffchen, Nachbildungen der heiligen Barke Hennu; ein kleines Licht steckt in ihnen, so daß sie wie durchscheinende Laternen wirken. Nach dem Umgang wird die helle Schar ans Ufer des Flusses eilen und die leuchtenden Papyrus-Schiffchen die Strömung hinabtreiben lassen.

Obgleich ein Geselligkeits- und Tanzmeister dieser Körperschaft des schönen Lebens vorsteht, so ist doch an eine wirkliche Ordnung nicht zu denken. Die jungen Geschöpfe scheinen sich dessen bewußt zu sein, daß sie innerhalb des Umgangs nicht die feierliche Erstarrung der Götter, sondern den überquellenden Trieb und die holde Zuchtlosigkeit aller atmenden Welt darzustellen haben. Doch nein, das Reizende ist es gerade: sie stellen gar nichts dar, sie gleichen nicht den kundigen Gauklern, die sich absichtsvoll zu einem lebenden Bilde zusammenfügen. Das ist ein wirres Lachen und Plappern, ein Sichumkehren und Zuwenden, ein Grüßen, Winken und Zwinkern, ein ewiges Aus-der-Reihe-fallen und niemals Schritthalten, daß der Geselligkeitsmeister und seine Gehilfen Mühe haben, die Schar vorwärts zu bringen. In den langgeschlitzten Augen dieser jungen Ägypterinnen steht die verlegene Scham solch öffentlicher Darbietung und zugleich das übermütige Verlangen, zu gefallen und viele Blicke auf sich zu lenken. An Jirmijahs Augen tanzt der bekränzte Reigen vorüber, die hundertfältigen Sinnbilder des Weltgetriebes und die leuchtenden Papyrus-Schiffchen der Nachtsonne all. Jedes der schwebenden Mädchen von Nu-Ptah scheint ihn fragend anzublicken, einzig nur ihn. Schmerzhafte Unruhe beschleicht den Mann aus Anathot. Mahnt sie ihn, im Sinne des gekündigten Amtes sich von seinem Ursprunge fort den schönen Bildern des Lebens immer weiter nach zu verlieren? Mahnt sie ihn, heimzukehren in den grausamen und unergründlichen Kampf für den Herrn, dem er den Kriegsdienst aufgesagt hat?

Hinter der hellen Schar schließt sich regellos die fackelschwingende Menge. Der Lichtschwall stürmt die Hallen empor. Die Frühlingssäulen von Noph stehn in greller Blüte.

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