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Jeremias. Höret die Stimme

Franz Werfel: Jeremias. Höret die Stimme - Kapitel 10
Quellenangabe
authorFranz Werfel
titleJeremias. Höret die Stimme
publisherS. Fischer Verlag
year1956
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180316
projectid6c149880
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Neuntes Kapitel.
Das große Rechten

»Herr, sooft ich mit dir rechte, immer behältst du recht. Und doch, ich muß mit dir rechten um der Gerechtigkeit willen. Warum ergeht es dem Gottlosen so gut? Warum haben die Ungetreuen, die dich verraten, alles in Fülle? Du pflanzest sie schön ein, daß sie wurzeln und wachsen und Frucht bringen, obwohl du nur in ihrem Munde bist und nimmer in ihrem Herzen?«

Dies sind Worte, die Jirmijah in seiner Not gar oft ausstieß. Baruch schrieb sie heimlich in eine Rolle ein, wo er gewisse Aussprüche seines Meisters verzeichnete. Jirmijah aber selbst hatte das große Rechten bei einem gewaltigen Lehrmeister erlernt. Dieser war Josijah, Jehudas König, der Todwunde, in den Tagen und Nächten seines Sterbens. Josijahs großes Rechten jedoch rang weniger mit dem Glück der Gottlosen als mit dem Unglück der Gottvollen.

Die schrecklichen Reisestunden – da man nach vielmaligem Wechseln der Pferde in den königlichen Nachschublagern endlich am zweiten Mittag das Tor Ephraim erreichte – hatte der Lebensgeist des Königs wie durch ein Wunder überstanden. Meldereiter waren dem Wagen schon vorangeprescht, um in Tempel und Hofburg die Nachricht von Josijahs schwerer Verwundung, von seiner nahen Heimkunft und dem unseligen Ausgang der Feldschlacht bei Meggiddo zu überbringen. Wenngleich die Priester und Hoffürsten, welche totenbleich diese Meldung entgegennehmen mußten, den Mund zu ihrer Verbreitung nicht öffneten, so hatte das Gerücht wie immer in solchen Schreckensfällen durch die Ritzen und Poren des Schweigens hindurch den Weg zum Volke gefunden. Eine Stunde bereits nachdem der erste Reiter durchs Tor Ephraim eingegangen war, wußte Jerusalem alles und mehr als alles. Alle Müßigen Jerusalems strömten an diesem Morgen im äußern Vorhof des Tempels mit bleicher Neugier zusammen. Beinahe stumm wälzte sich diese Menge dann von einem der nördlichen Tore zum anderen. Erschien irgend ein Priester höherer Ordnung oder ein Beamter des Hofes, so wurde er sofort umringt und ausgeholt. Mit dem wachsenden Tage wuchs auch die Gewalt der unbeantworteten Fragen. War der König tot, gefangen oder verwundet? War auch das Heer des Prinzen Eljakim dem einverkörperten Sonnengott von Noph in die Hand gefallen? War Eljakim, der Feind seines Vaters, zum Verräter geworden? Befand sich Pharao schon auf dem Marsch nach Jerusalem in den Gebirgen Ephraims? All dieses unsichere Summen erstarb aber mit einem Schlag, als die Sonne den Himmelsscheitel überschritten hatte. Hamutal, die Königin, war tiefverhüllt mit einigen ihrer Frauen zum kleineren Nordtor Benjamin eilenden Fußes geschritten. Die Menge wälzte sich nach. Der starke Posten der Leibwache aber, der den Torbau besetzt hielt, wandte sich mit gefällter Lanze gegen die Nachdrängenden und säuberte den Platz.

Der König wurde rasch aus dem Reisewagen gehoben und in eine tiefe Bahre gebettet, die der Lade eines Toten glich. So blieb er den Augen der Menge entzogen. Doch auch Hamutal hatte kaum einen Blick in sein Antlitz tun können. Rasch bewegte sich der Zug durch das plötzlich verwandelte Volk, das in gepreßte Wehrufe ausbrach, als begreife es jetzt erst die Wucht des Geschehnisses und die Größe des sterbenden Königs.

Josijah wurde auf die Mittah seines Schlafgemachs gebettet. Er wies den Labetrunk zurück, den ihm Hamutals Hand, die auf einmal nicht mehr weiß und voll war, an die Lippen führte. Auch duldete er nicht, daß der Leibarzt seine gänzlich durchbluteten Verbände erneuere und die Wunden mit dem gepriesenen Heilbalsam von Gilead behandle. Seine Augen suchten Jirmijah, sie befahlen: Du bleibst. Er hatte noch immer kein Wort gesprochen, als er in einen tiefen Erschöpfungsschlaf verfiel, der jener endlosen Ohnmacht glich, die ihm vorausgegangen war. Neben Hamutal verblieben Jirmijah und Ahikam am Lager des Königs. Ahikam schlummerte vor Überanstrengung sofort im Sitzen ein. Jirmijah aber wurde durch seine Erschöpfung überwach wie ein Feuer, das vor dem Erlöschen doppelt aufflackert. Nach kurzem Betäubungsschlaf erwachte der König. Es schien ihm besser zu gehen. Die Totenblässe war von seinen Wangen gewichen und hatte scharfgezeichneten roten Flecken Platz gemacht. Doch über das Körperliche hinaus schürte ein geistiges Fieber seine Lebenskräfte. Hamutal, die sich bis zu diesem Augenblicke steif beherrscht hatte, brach nun vor dem Lager des Raschatmenden zusammen und preßte, von Schluchzen geschüttelt, ihr Gesicht auf seine bräunliche Hand. Er machte die andeutende Gebärde einer gleichgültigen Liebkosung, wiederholte sie ungeduldig. Josijah hatte mit Jirmijah zu sprechen. Seine Stimme klang leise, aber volltönend, als hätte keine Jonierlanze ihm die Lunge zerfetzt. Nicht war es Zeit jetzt, vom Weibe Abschied zu nehmen, von dem geliebten, in unaussprechlichem Mannesschmerz; nicht Zeit, alles Trauten und Traulichen zu gedenken, noch einmal milde die Seele in dieser Einheit lösend. Strenge Zeit war gekommen, Eiseszeit der Gerechtigkeit. Die Hand des Todesboten wartete ausgestreckt und die Augenblicke waren gezählt. Als der König mit Jirmijah allein war, holte er vorsichtig Atem, immer und immer wieder so tief und gut es ging, um Kraft zu sammeln für die Gewalt seines großen Rechtens.

»Ich habe den Bund gehalten ... Er hat den Bund gebrochen ...« Der Verwundete sprach mit schwerer Zunge wie ein Trunkener. Auch nannte er Jirmijah nicht mehr bei seinem Namen, sondern »Anathot«, mit dem Namen seiner Vaterstadt. Vielleicht hatte er vergessen, wie Jirmijah hieß, vielleicht genügte ihm ein einzelner Personenname nicht mehr zur Zeugenschaft seines Rechtens.

»Er hat den Bund gebrochen ... Sprich, Anathot, in seinem Namen ... Denn zu dir kommt er im Laut und im Gesicht ... Was hast du zu sagen, Herr ...«

Jirmijah wich aus:

»Mein König sollte nicht sprechen ... Mein König sollte schlafen, damit er gesund wird ...«

Josijah versuchte sich zornig aufzustemmen:

»Keine Zeit für Torheiten, Adonai ... Steh Rede, Anathot ... Im Frieden wirst du dahinfahren, hast du gesprochen zu mir, durch der Seherin Mund ... Im Frieden, und kein Unglück wirst du sehen ... Wenn ich meine Sünde weiß ... Wenn ich meine Schuld kenne ... Ja, dann will ich in Frieden dahinfahren ... Wenn ich aber meine Sünde nicht weiß, wenn ich meine Schuld nicht kenne, wie könnte ich dann in Frieden ...«

Der Atem verließ Josijah. Er begann kurz und flach zu keuchen. Jirmijah preßte seine Hand. Nach einiger Zeit gewann der König wieder die Kräfte zurück:

»Ich spreche zu dir, Anathot ... Ich spreche zu dir, Adonai ... Warum hast du mir deine Lehre gegeben, wenn du vorhattest, mich zu verwerfen? ... Ich habe deine Lehre nicht verworfen ... Ich habe sie beschworen an der Säule des Bundes ... Ich habe das große Passah gehalten mit dreißigtausend Stieren und Lämmern und Widdern und Farren und Jährlingen zum Brandopfer ... Ich habe deine Lehre vollstreckt. Im Lande überall ... Die Höhen ... die grünen Bäume gesäubert und umgehauen ... Bei Tag und Nacht ... für dich gewirkt ... Bestreut die Altäre Baals mit Totengebein und Asche ... Und du ... und du ... Was hast du getan? ... Sprich, Adonai ... durch Anathot!«

Der Sprecher des Herrn, wie war er vor diesem Rechten zum Schweiger des Herrn geworden! Ja, dieses Rechten drang mit scharfer Schneide in seine Seele, und er rechtete und haderte mit. Wahrlich, warum hatte der Blitz des Herrn diesen König getroffen, der vor allen Davidsöhnen der Inbegriff der Treue war? Josijah fiel, und Meschullam, der Müller, stand und streichelte seinen weißwelligen Mörderbart. Aus diesen unauflösbaren Rätseln riß Jirmijah ein rauher Aufschrei des Königs:

»Adonai ... Ich hab dich liebgehabt ...«

Der Zeuge des großen Rechtens schluchzte auf, doch der König maß ihn mit kaltem Fieberauge. In diesen Tränen lag nur das gewöhnliche und flüchtige Erbarmen eines weichbeseelten Menschen mit dem Unglück. Anathot weinte törichte Tränen des Herzens. Der Herr aber weinte nicht die Tränen der Ewigkeit über seinen Diener. Stumm blieb er hinter seinen hundert Himmeln aus Eis. Die Seele Josijahs schrie nicht um Erlösung, sie schrie um einen Schuldspruch, sie wollte nichts als den Grund wissen, warum sie nach einem Leben für Adonai von demselben Adonai verdammt worden war, der die frechsten Übertreter und Frevler segnete, der seinem Erbfeinde Ägypten den Sieg gab. Nur die Sünde kennen wollte Josijah, die sein Elend verursacht hatte. Dies schon war genug für die vernünftige Seele, damit sie in Frieden dahinfahre. Doch nicht einmal dieser letzte, niedrigste Trost wurde der vernünftigen Seele zuteil. Jirmijah aber konnte ihr nicht helfen, denn er selbst erstarrte unter der unermeßlichen Gottentlegenheit.

Drei Tage und drei Nächte währte das Rechten des Königs. Jirmijah mußte standhalten. Nur stundenweise, wenn Fieber und Schmerzen den Verwundeten übermannt hatten, verfiel er selbst in einen dumpf-schreckhaften Schlaf. Diese Tage und Nächte schmiedeten des Künders Herz auf ihrem Amboß. Die kindliche Hingegebenheit an Adonai wich einem neuen Widerstand und einem lauernden Eigenwillen. Und er gedachte von Stunde zu Stunde mehr, dem Herrn zu kündigen und sich der Aussonderung zu entziehen. Denn diese war ja auch nur ein Bund, den man brechen konnte, wie Adonai den Bund mit Josijah gebrochen hatte. Die Stimme außen und innen hatte ihn betört und überredet, und er hatte sich überreden lassen. Was war die Folge davon, daß er vom Herrn schon vor seiner Geburt erkannt und eingesetzt worden war? Vernichtete Jugend, ausgebranntes Leben! Er hatte sein Vaterhaus geflohen, seine Mutter mit Kummer belastet, seinen Vater zu Tode empört, seine Brüder mit Haß erfüllt. Durchs Land war er gezogen, die Angst vor der letzten Frist in allen Gliedern. Er hatte im Tempel das Wort gekündet und Ärgernis erregt. Wozu das alles? Was half es der Welt, daß ihm der Herr die Gefahr offenbarte, in der sie schwebte? Was hatte es dem König geholfen, daß er ihn, Jirmijah, an sich zog? Unheil brachte er allen, die er berührte. Sein Amt war völlig nutzlos und schlimmer als nutzlos, schädlich und erbitternd. Hatte der König in den Tagen der Vorbereitung nicht immer gefragt: Ist ein Wort vom Herrn da? Da es gegolten hätte um Israels willen zu sprechen, da war der Herr in seiner grausamen Undeutlichkeit schweigsam geblieben. Warum aber sollte der kleine Jirmijah aus Anathot, immer wieder berufen, immer wieder verstoßen, die Verantwortung für eine ganze Welt tragen? Immer wieder im Hinterhalt liegen und auf ein Zeichen lauern, dies war schrecklicher als Tod. Genügte es nicht, irgendwo, unbekümmert um Gottes Sorgen, als Teil der Welt in der Welt zu leben und mit ihr zugrunde zu gehen, nicht gelinder und nicht gräßlicher als alle anderen!?

Dies war Jirmijahs Erwägen, als er den fiebernden König Tag und Nacht zum Herrn um Verdeutlichung schreien hörte. Die dritte Nacht war die ärgste. Die Schlagader am Halse Josijahs raste sichtbar. Das eiserne Fleisch seines Körpers war im Schmelzofen des Fiebers und des Rechtens dahingeschwunden wie Wachs. Ein gelber, langer Knochenmann streckte sich auf dem Bette. Seine Stimme war zu heiserem Pfeifen geworden:

»Sprich, Anathot ... Sprich, Adonai ... Ich habe am Fasttag der Versöhnung einst heimlich einen Becher Weins getrunken ... Ist es das? ...«

Jirmijah schüttelte müde den Kopf:

»Wie könnte es dies Geringe sein, mein König ...«

»Sprich, Anathot ... Sprich, Adonai ... Mich hat es gar oft nach den Weibern meiner Nächsten gelüstet ... Und ich habe in Geilheit mein Gelüsten erhört, hundertmal ... Ist es das? ...«

»Wie könnte es dieses sein, mein König ... Dein Vater David hat sich schwerer vergangen mit dem Weibe und er wurde in seinem Kind gestraft ... Doch in Frieden ging er schlafen ...«

»Sprich, Anathot ... Sprich, Adonai ... Ich war voll Unreinheiten ... bei Tag und bei Nacht ... In Taten und in Gedanken ... Ist es das? ...«

»Wie könnte es dieses sein, mein König ... Schon dein Vater Salomo hat gesprochen, und der Herr weiß es: Aller Staub ist Sünde ...«

In endlosen Erforschungen wurden so alle Gründe erschöpft, die Gottes Strafe hätten rechtfertigen können. Da ballte der König seine schwachen Fäuste wider Jirmijah:

»Verflucht seist du, Anathot, wenn du mir nicht antwortest!«

Jirmijah warf sich vor dem Lager nieder:

»Ich will dem König eine Antwort geben, damit seine Seele Frieden finde ... Nicht mein König trägt Sünde ... die Väter meines Königs aber tragen Sünde, die haben Schuld ... Das Heilige entheiligten sie, das Reine verunreinigten sie, des Bundes gedachten sie nicht ... Mein Herr mußte nach ihnen das Land säubern ... Doch Gott spricht, daß er die Sünde bis ins vierte Geschlecht heimzahle.«

Dies war eine klare Antwort, wenngleich keine Antwort aus Jirmijahs Herzen. Das Gesicht des Königs schien sich zu entspannen. Die Augen sanken tief in die umschwärzten Höhlen zurück. Der Todwunde lag starr, dann aber geschah etwas ganz Absonderliches. Josijah fuhr mit seinen abgezehrten Beinen vom Lager, erhob sich und wankte, Jirmijah fortschüttelnd, mit steifem Schritt zum Fenster des Gemaches, das auf den zweiten Wachthof hinaussah. Er stemmte sich mit zitternden Fäusten auf die Brüstung und seine pfeifende Stimme schrillte mit aller Kraft, die sie noch besaß:

»Befehl des Königs ... Den Tempel verbrennen! ... Feuer in das Allerheiligste! ... Die Lehre vernichten! ... Befehl des Königs ... Adonai ist Israels Feind ... Nur Schlimmes hat er über Jehuda gebracht ... Er hat's ausgesondert zum Spiel seines Hasses ... Fort mit Adonai! ... öffnet die Tore weit für Râ und Ptah und Baal und Mardukh und Tammuz und Aschera ... denn sie sind groß und milde ... Befehl des Königs ...«

Die Gewalt dieser Lästerung wirbelte Josijah um seine eigene Achse. Er drehte sich wie ein Tänzer, fauchenden Atems, und stürzte rücklings hin. Ein Blutsturz brach aus seinem Munde und überschwemmte den Estrich von Sandelholz. Hamutal war auf den Lästerschrei hereingestürzt. Starr ausgestreckt, mit halb geschlossenen Augen, ohne Odem, lag der Geliebte vor ihr. Da riß sie ihr Gewand auf, entblößte die mütterlichen Brüste und warf sich mit ihrem warmen Leben auf den blutbesudelten Leib des Gatten, um ihn zurückzuholen vom Tode. Und siehe, es gelang ihr. Nach einer beklemmenden Frist ging der Anfang eines Lächelns über die Züge Josijahs, und zwei lange Seufzer entrangen sich seiner zerrissenen Brust.

   

Am nächsten Morgen schien der König völlig verwandelt. Das große Rechten war zu Ende. Eine erhabene Ruhe und Besonnenheit strahlte von seinem gezeichneten Angesicht. Es waren wichtige Botschaften eingetroffen, die das Maß des Unheils milder erscheinen ließen, als man hatte erhoffen dürfen. Die Heeresfürsten berichteten, daß es ihnen gelungen war, die Reste der Streitscharen vor der Vernichtung zu retten und in den Gebirgen Ephraim zu sammeln, um Pharao den Weg zu vertreten. Der Sohn und Vater der Götter aber schien gar nicht den Gedanken des Strafgerichts über des Ewigen Stadt zu erwägen. Er selbst hatte bittere Verluste zu verschmerzen, und das kühne Ziel seines Zuges lag nicht gegen Mittag, sondern gegen Aufgang. Nach einer Waffenruhe von zwei Tagen und zwei Nächten, die er seiner Kernmacht und Kusch und Put und Lubim und Jawan in der Ebene Jezreel vergönnte, wurde zum Aufbruch geblasen, und der Sieger rückte gen Norden ins Land Hamath vor.

Das ungelöste Rätsel all dieser Botschaften war Eljakim, der Folgeprinz, der durch sein Zögern das Unglück von Meggiddo mitverschuldet hatte. Man meldete dem König, daß sich Eljakims Scharen dem Pharao auch nicht zu dem kleinsten Scharmützel gestellt, sondern ihr Schicksal untätig abgewartet hatten. Darauf habe der einverkörperte Sonnengott das Heer des Prinzen zwischen den Bergen Gilboas und dem Jordantal umzingelt und, ohne Widerstand zu finden, völlig entwaffnet. Nun ziehe Ägypten in Eilmärschen nach Ribla, der festen Stadt nördlich des Libanon, und führe den ältesten Sohn Josijahs mit sich, man wisse nicht, ob in ehrenvoller Gefangenschaft oder als Verschworenen.

Der sterbende Josijah überwand seine Todesschwäche. Ohne auf den flehenden Einspruch Hamutals, Ahikams, Jirmijahs, seiner Pfleger und Knechte zu achten, befahl er, daß man ihn mit den königlichen Gewändern bekleide und in die Thronhalle Salomos bringe, wo der Rat der Großen in Jehuda beständig tagte. Die himmelblaue Schimla Davids umfaltete allzu bauschig die eingeschmolzene Gestalt des Königs, dessen Arme und Beine gelb armselig hervortraten. Haar und Bart waren ihm in den Tagen des Rechtens tief ergraut. Der Kronreif sank in die wächserne, schmal gewordene Stirn. Man mußte den König mit Riemen an den golden und elfenbeinernen Hochsitz festbinden, weil er sonst vornübergefallen und auf die Stufen gestürzt wäre.

Wie anders war doch der Anblick des großen Landtages vor dem Kriege wider Ägypten gewesen. Damals hatte die Sonne Josijahs herniedergestrahlt auf eine dichte Ernte von Fürsten und Priestern, die ringsum in hohen, prächtigen Halmen wogte. Niedergemäht und ausgerauft war nun die Ernte Jehudas, ein Stoppelfeld, auf dem nur noch wenige Halme im Winde schwankten. Ein Teil der Fürsten hatte den Tod in der Schlacht gefunden, ein anderer schmachtete in Nechos Ketten, ein dritter lag mit den zerschlagenen Scharen in den Schrunden des Gebirgs. Auf den Bänken der Stadtfürsten saßen nun im stellvertretenden Amte einige grobe Älteste, die mit erschrockenen Augen vor sich hinstarrten und schwerfällig ihre verlegene Meinung kundgaben. Man sah ihnen die vorsichtige Mühe an, mit welcher sie die zukünftigen Wege der Macht scharf zu erkennen trachteten, um sich nur ja auf die richtige, das heißt für sie günstige Seite zu stellen. Eines war klar: den mit Riemen an den Thron gefesselten König konnte kein Wunder mehr retten, kein Heilbalsam mehr heilen. Mit der teuflischen Untreue des menschlichen Herzens, das für eine einzige Niederlage hundert Siege preisgibt, für einen einzigen Mißerfolg tausend Ruhmestaten, wandten sich all diese Männer von dem noch gestern hochgelobten Herrscher allgemach und immer kühler ab. Der Todwunde dort oben, der wie ein verendendes Streitroß noch im Prachtgeschirr hing, war für sie so gut wie nicht mehr gegenwärtig. Doch auch die Bänke der Priesterschaft zeigten verräterische Lücken. Der Krieg gegen den Sohn und Vater der Götter war kein Krieg des Tempels gewesen, kein heiliger Krieg, kein Blitz, den das versteinerte Gewitter der Lade aus dem Allerheiligsten in die Welt geschleudert hatte. Er war und blieb das Unternehmen eines einzelnen – so entschieden nun die höchsten Priesterordnungen. In vieldeutig fürchterlicher Aufgegebenheit schwebte der König, eine bläuliche Flamme noch immer, aber eine Flamme ohne Nahrung, auf der goldenen Lampenschale des Salomonischen Thrones. Bis auf den standhaften Urijah hatten sich auch die Propheten des Herrn verkrochen. Ihre Bank blieb völlig leer. Einer von ihnen hatte sogar den Sieg geweissagt, freilich ein Neuling, Chananjah aus Gibeon. Seine Kündung war durch die bitteren Ereignisse als Lug und Trug entlarvt worden. Chananjah aber schien sich durchaus nicht geschlagen zu geben. Auf dem Wege zur Thronhalle hatte er heute seinen alten Amtsbruder Jirmijah heimlich angetreten und ihm ins Ohr geflüstert, daß seine Weissagung über Ägypten erst dann widerlegt sein werde, wenn Pharaos Kriegszug gegen die Gewalten des Stromlandes siegreich beendet sei. Obgleich Jirmijah unter diesen hochfahrenden Worten zusammenschrak, erschien es ihm doch nicht unglaubwürdig, daß auch Chananjah zum echten Opfer von Adonais Undeutlichkeit geworden sein konnte.

Mehr aber als alle Fürsten, Priester und Propheten fehlte im Rate des sterbenden Königs ein einziger Mann: Schaffan, der Uralte. Er dachte nicht mehr daran, sein Haus um des Weltlaufs willen zu verlassen. Die letzten Tage seiner wachenden und folgernden Vernunft sollten nur mehr der Deutung der Lehre gelten.

Der König hatte nach dem Blutsturz seine Stimme fast vollkommen verloren. Er konnte sich nur durch ein röchelndes Flüstern verständlich machen. Deshalb standen Ahikam und Jirmijah mit geneigtem Haupt auf der höchsten Thronstufe rechts und links von ihm, um jedes Wort seines Geflüsters der Versammlung zu verlautbaren. Zu Füßen des Vaters hockten Joachas und Mathanjah, der Knabe. Sonst war keine Davidide, keiner der prinzlichen Oheime und Vettern des Königshauses erschienen, auch die wenigen nicht, die zu dieser Gewitterzeit in Jerusalem weilten. Sie gedachten ebenfalls vorsichtig zu warten, in welcher Richtung sich die Geschicke des Königtums künftig entwickeln würden. Denn über diesem Königtum stand annoch das ungesprochene Machtwort Ägyptenlands, das wußten diese Großen. Josijah aber, der gotterfüllte Statthalter einer abgelaufenen Zeit, er war für sie schon jetzt ein unreiner und fluchbeladener Leichnam.

Nichts entging dem Auge des Königs, Jirmijah fühlte es, nicht die unter feierlicher Teilnahme mühsam verlarvte Kälte, nicht die verlegene Betretenheit im Kleide heuchlerischer Demut. Jetzt hatte sich die Flüsterstimme des Königs einige Worte abgerungen. Ahikam schien sie nicht ganz erfaßt zu haben, doch winkte er den Männern dieses Rates allen, sich dicht dem Throne anzunähern. Von gut verhehlter Neugier erfaßt, drangen sie würdigen Ganges von allen Seiten heran. Das tonlose Geflüster wurde schärfer und verzweifelter. Endlich errieten es die Horcher, und Ahikam konnte dem Landtag den Willen des Königs verkündigen. Josijah erklärte sich selbst für tot. Gemäß uralter Gepflogenheit mußte unverzüglich ein Nachfolger gewählt werden. Eljakim war gefangen und hatte seine Würde verwirkt. Jedoch nicht eine Stunde lang durfte Davids Hochsitz verwaist bleiben. Die Männer Jehudas hatten demnach in dem zweiten Sohn den rechtmäßigen Erben zu erkennen und ihn durch Wahl zum Könige zu erheben. Also heischte Josijahs röchelnder Flüsterspruch. Die Männer Jehudas blickten einander an. Es erschien ihnen empfehlenswert, den Willen eines Sterbenden zu erfüllen, der Ewige möge dann diesen Willen nach seinen Absichten wenden. Langsam, einer nach dem andern, erhoben sie die Hand zur gewünschten Wahl des Joachas. Welch eine lahme Königswahl war das, und die murmelnde Huldigung, die ihr folgte, war noch weit lahmer. Mit schier übermenschlicher Anstrengung arbeitete Josijah daran, seine versteiften Hände an die Stirn zu führen, um die Krone Davids abzutun und sie auf das Haupt des neuen Königs zu setzen. Während dieses mühevollen Versuches jedoch entglitt der Kronreif der Könige in Jehuda den starren Fingern und kollerte mit tückischer Geschmeidigkeit mitten durch die Mauer der Männer bis an das andere Ende der Halle. Irgend jemand sprang der entwürdigten Krone nach, die dem Ergreifer zuletzt noch einen Haken schlug. Bleich von peinlichstem Mißbehagen setzte der Sagan, den man schnell herbeigeholt hatte, nach flüchtiger Salbung die Davidskrone auf das schwerfällige Haupt des Joachas, der noch immer nicht genau begriff, was mit ihm geschah. An der Seele Josijahs aber schien das beklemmende Vorzeichen dieser mißlungenen Krönung eindruckslos vorübergegangen zu sein. Eine neue übermenschliche Anstrengung nahm ihn völlig in Anspruch. Mit verzerrtem Angesicht und gebleckten Zähnen versuchte er, sich aufzustemmen, um dem neuen König Salomos Thron einzuräumen. Ahikam und Jirmijah faßten ihn unter den Schultern und hoben ihn auf. Der rasende Schmerz gab ihm die Stimme zurück. Zweimal brüllte er auf, daß die Halle erbebte. Dann hing er wie leblos in den Krücken der Hände, die ihn stützten und die Thronstufen hinabschleiften. Das Entsetzen in den Augen des armen Mannes Joachas aber war bis zum Grauen des Wahnsinns gewachsen, da er sich nun auf dem Hochsitz fand, einsam, obenschwebend, ausgesetzt. Er drehte sich gemartert nach allen Seiten, bis es endlich ganz und gar unköniglich seinen Lippen entfuhr:

»Vater, komm doch zurück ... Ich hab's nicht gewollt ... Ich will es ja nicht ...«

Und mit dem quengelnden Schluchzen eines Kindes schlug er beide Hände vor die Augen. Josijah aber hörte dieses kindische Flennen nicht mehr, mit dem der unselige Joachas zum Abscheu der Männer sein Königtum antrat. Man hatte in arger Eile die Bahre mit dem Sterbenden aus der Halle seiner verspielten Herrschaft getragen.

   

Josijah atmete noch. Hamutal, Joachas, Mathanjah, Ahikam, Jirmijah und einige der Getreuesten waren um das Lager versammelt. Man hatte den König nicht mehr entkleidet. So lag er in der blauen Tracht seiner glänzenden Tage regungslos auf dem letzten Bette und atmete noch. Ohne Träne und ebenso regungslos wie er, hockte Hamutal zu seinen Füßen. Jetzt erst gab sie ihn wirklich verloren. Noch gestern war sie schön für ihn gewesen und hatte unter bitteren Qualen um ihre Schönheit sich Mühe gemacht. Heute aber war ihr Haar nicht mehr nach ägyptischer Art geschmückt. Ein fahles Kleid hing ohne wohlberechnete Falten um ihren milden Leib. Keine Blume der königlichen Gärten zierte sie. Keine Ringe klirrten an ihren Gelenken. Er hörte dieses Klirren, das er liebte, nicht mehr. Kein goldener Lack erglänzte auf den Nägeln ihrer Hände und Füße. Er sah den goldenen Lack, den er liebte, nicht mehr. Ungnädig hatte sie ihre Schönheit aus dem Dienst entlassen, da diese ihn nicht begleiten durfte, wohin er ging. Nun hockte die gestern noch herrliche Hamutal wie eine stumpfe Herbstkrähe am Fußende des Lagers.

Die Schweigenden in diesem großen Gemach erwarteten nicht mehr, daß der zur Ewigkeit Verstummende das Schweigen noch einmal brechen werde. Und doch, König Josijah brach das Schweigen, und seine Stimme war so voll und so tönend wie in den hohen Tagen seines Königtums. Auch seine Augen gingen wieder auf und füllten sich mit rätselhaften Bildern. Er sagte dreimal dasselbe Wort und dreimal mit verschiedenem Ausdruck. Dieses Wort aber hieß: »Die Väter ...« Das erstemal klang es wie schreckhafte Einsicht. Das zweitemal wie eine unsichere Frage. Das drittemal aber sang Josijah dieses kurze Wort mit einem übersichtigen Lächeln, als sei es eine Wendung aus dem Tonschatz der Kinder Asaphs. Die Schweigenden drängten sich dichter um das Lager. Oh, wäre es doch enträtselbar, das Bild der heiligen Väterversammlung, das die Seele Josijahs mit dem letzten Lidschlag irdischen Bewußtseins nun sehen mochte, ehe sie selbst sich dorthin versammelte, wo jener Schlaf herrscht, der an Wachheit alles Weltwachsein übertrifft. Hatte er zuerst die nächsten Väter gesehen, Amon und Manasse, deren Anblick ihn mit Schreck erfüllte, und sah er jetzt Abraham, Isaak, Jakob, sah er Mose und David und sich selbst bei ihnen? Wo thronte diese Versammlung der Väter? Fern vom Herrn im schmutzigsten Zwielicht des Scheol oder nahe dem Herrn, in dessen endlich entschleierte Anwesenheit versunken, die einst dem Erdenauge Mosis wie ein vorüberwandelnder Saphir erschien?

Nach einem neuen endlosen Schweigen wandte der König das Haupt ein wenig zur Seite, so daß seine Augen auf dem Knaben Mathanjah haften blieben. Sein Blick aber schien den jüngsten Sohn gar nicht wahrzunehmen. Er füllte sich wieder mit unbegreiflichen Bildern, und die gesundete Stimme zitterte unter ihrer Macht. Von neuem hub diese Stimme ein einziges Wort zu sagen an, das sie dreimal wiederholte. Dieses Wort aber hieß: »Die Kinder ...« Und wieder wurde es mit dreifach verschiedenem Ausdruck gesprochen. Das erstemal voll seufzenden Erbarmens, das zweitemal wie eine unsichere Frage, das drittemal mit einem singenden Ausdruck beseligten Erstaunens. Noch unenträtselbarer als das Bild der Väterversammlung war das Bild des Kinderzuges bis an das Ende der Zeit. Beide aber ergaben erst Israel, seine Wahrheit und Aussonderung. Der König, dem nach Schaffans ewigem Schriftzeugnis kein zweiter glich in Jehuda und Israel, hatte vielleicht mit einem einzigen Gebieterblick in seiner letzten Stunde den Anfang und das Ende erfaßt. An diesem Bilde aber war sein Auge endlich gebrochen. Schon machte Ahikam dem neuen König ein Zeichen, damit er den Dienst des Liderschließens an seinem Vater vollziehe, als Josijahs Stimme nach einem tiefen Seufzer noch einmal »Anathot« rief. Jirmijah warf sich als ein vom König Aufgerufener zur Erde und näherte sein Antlitz dem Verlöschenden, der mit großer Klarheit langsam diese Worte sprach:

»In Frieden dahinfahren ... Es war doch kein Trug ... Anathot, sprich zu Ihm ... Ich hab Ihn lieb ... Wieder ... Noch immer ...«

Danach streckte König Josijah, Amons Sohn, seine Glieder aus und starb.

   

Seit den Tagen des großen Rechtens und königlichen Sterbens aber hatte Jirmijah den Herrn nicht lieb, sondern zürnte ihm grimmig und vermeinte, ihn herzlich zu hassen. Er beschloß ohne Aufschub, die Berufung zum Künder aufzukündigen und Urlaub zu nehmen für immer. Doch Aufkündigung allein war nicht genug. In seinem eigenen Lande hätte der Herr ihn stets von neuem übermannt. Jirmijah mußte daher außer Landes gehn, dorthin, wo Adonais Stimme unter fremden Menschen und Zungen schwächer sein und ihm Frieden lassen würde. In der Nacht, die dem Tode Josijahs folgte, tauchte er im Vaterhause zu Anathot auf und sprach als ein sehr Verstörter zu seiner Mutter von der Flucht, die er plante und daß er sich hinwegheben werde von hier für alle Tage. Die Augen Abis aber blieben trocken trotz solcher Reden und sahen Jirmijah fest an:

»Jüngster Sohn ... Ich sorge mich nicht ... Ich werde dich wiedersehn ... Denn Er hat größere Gewalt über dich als du ...«

Der Unergründliche aber wandte keine Gewalt an. Er schien die Kündigung anzunehmen, den Urlaub zu gewähren, ja durch planvolle Lenkung und Fügung der nächsten Ereignisse einem Ausgesonderten die Wege der Flucht bereitwillig zu ebnen.

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