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Jeppe vom Berge oder Der verwandelte Bauer

Ludvig Holberg: Jeppe vom Berge oder Der verwandelte Bauer - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleHolbergs ausgewählte Komödien. Erster Band
authorLudvig Holberg
translatorRobert Prutz
year1872
firstpub1722
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig und Wien
isbn
titleJeppe vom Berge oder Der verwandelte Bauer
pages48
created20090910
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Akt.

Erste Scene.

Jeppe liegt im Bett des Barons; ein goldgestickter Schlafrock liegt vor ihm auf dem Stuhl. Er wacht auf und reibt sich die Augen, sieht sich um und fährt erschrocken zusammen; reibt sich die Augen wieder, faßt sich an den Kopf und bekommt dabei eine goldgestickte Nachtmütze zu fassen. Er wischt sich die Augen mit Spuk und reibt sie wieder, wendet die Mütze nach allen Seiten und besieht sie, bemerkt dann ein feines Hemde, den Schlafrock und die übrige Umgebung, wobei er seltsame Geberden macht. Unterdessen spielt eine leise Musik; Jeppe faltet die Hände dazu und weint. Wenn die Musik zu Ende ist, fängt er an zu sprechen:

Nun, was ist denn das? Was ist das für eine Herrlichkeit und wie komm' ich hieher? Träume ich oder wach' ich? Nein, ich bin völlig wach. Wo ist meine Frau, wo sind meine Kinder, wo ist mein Haus und wo ist Jeppe? Alles ist verändert und ich selbst mit. Ei was ist doch das? Was ist doch das? (Ruft mit leiser und furchtsamer Stimme:) Nille! Nille! Nille! Ich bin in den Himmel gekommen, glaub' ich, Nille, und zwar ganz unversehens. Aber bin ich es denn auch wirklich? Es ist mir wie ja, aber es ist mir auch wie nein. Fühl' ich meinen Rücken, der mir noch wehthut von den Prügeln, die ich gekriegt habe, hör' ich mich sprechen, rühre ich an meine hohlen Zähne, so dünkt mich, ich bin es. Seh' ich dagegen meine Mütze, mein Hemde und alle die übrige Herrlichkeit, die ich hier vor Augen habe, und hör' die liebliche Musik dazu, so soll der Teufel mich holen, wenn es mir zu Kopfe will, daß ich es bin. Nein, ich bin es nicht; ich will tausendmal eine Canaille sein, wenn ich es bin. Aber vielleicht träum' ich? Nein, ich glaube nicht. Ich will einen Versuch machen und mich in den Arm kneifen; thut mir das weh, 159 so träum' ich, thut es mir nicht weh, so träum' ich nicht. – Ja, ich hab' es gefühlt, ich wache, ich wache wahrhaftig, das kann mir Keiner abdisputiren! Denn wenn ich nicht wachte, so könnt' ich ja nicht . . . . Aber wenn ich alles recht bedenke, wie kann ich denn wachen? Es ist ja klar, daß ich Jeppe vom Berge bin; ich weiß ja, daß ich ein armer Bauer bin, ein Lümmel, ein Schlingel, ein Hahnrei, eine hungrige Laus, eine Made, eine Canaille; wie käm' ich denn dazu, Kaiser zu sein und Herr eines Schlosses? Nein, das ist doch nur ein Traum! Darum ist es das Beste, ich gedulde mich, bis ich aufwache. (Die Musik beginnt aufs neue und Jeppe fängt wieder an zu weinen.) Ach, kann man nur so etwas im Schlafe hören, das ist ja nicht möglich! Aber wenn es ein Traum ist, so wollt' ich, ich wachte nie wieder auf, und bin ich verrückt geworden, so wünsch' ich nie wieder vernünftig zu werden; den Doctor, der mich curiren wollte, den würde ich verklagen, und würde verfluchen, wer mich wecken wollte. – Aber ich träume weder, noch bin ich toll, ich kann mich auf alles besinnen, was mir begegnet ist. Ich weiß, daß mein seliger Vater Niels vom Berge war, mein Großvater war Jeppe vom Berge; meine Frau heißt Nille, ihre Karbatsche Meister Erich, meine Söhne Hans, Christoph und Niels. Aber sieh da, nun geht mir ein Licht auf; das ist das ewige Leben, es ist das Paradies, es ist das Himmelreich! Vermuthlich hab' ich bei Jacob Schuster wieder zu viel getrunken, bin gestorben und bin geraden Wegs in den Himmel gekommen. Das Sterben muß doch nicht so schwer sein, als man sich denkt; ich wenigstens habe nichts davon gefühlt. Vermuthlich steht jetzt eben der Herr Pastor auf der Kanzel und hält mir die Leichenrede und sagt: Solch ein Ende nahm Jeppe vom Berge; er lebte als Soldat und starb als Soldat. Man kann darüber streiten, ob ich zu Lande oder zu Wasser gestorben bin: denn ich war ziemlich naß, als ich aus der Welt ging. Aha Jeppe, das ist was Anderes, als vier Meilen in die Stadt laufen und Seife kaufen und auf der Streu liegen und Prügel kriegen von der Frau und Hörner vom Küster. Ach, in welche Glückseligkeit hat sich nicht Dein Leben voll Mühsal und Bitterkeit verwandelt! Ach, ich muß 160 weinen vor Freude, zumal wenn ich bedenke, daß mir das so unverdient widerfährt! Nur Eins steckt mir noch im Kopfe: ich bin so durstig, daß mir die Lippen an einander kleben; sollte ich mich ins Leben zurückwünschen, so wär' es nur, um mich an einem Kruge Bier zu erquicken. Denn was nützt mir alle die Herrlichkeit vor Augen und Ohren, wenn ich doch wieder Durst leiden soll? Ich erinnere mich, daß der Pastor oft gesagt hat: im Himmel ist weder Hunger noch Durst, und auch alle seine todten Freunde soll man da wiederfinden. Aber ich verschmachte vor Durst; auch bin ich ganz allein, ich sehe keinen Menschen. Zum wenigsten dacht' ich doch meinen Großvater hier zu finden, das war ein sehr anständiger Mann, der bei der Herrschaft niemals auch nur mit einem Schilling in Rest blieb. Auch weiß ich ja, daß andere Leute ebenso honnet gelebt haben wie ich; warum sollte denn ich allein in den Himmel kommen? Das kann also nicht der Himmel sein. Aber was kann es denn sein? Ich träume nicht, ich wache nicht, ich bin nicht todt, ich bin nicht lebendig, ich bin nicht närrisch, ich bin nicht klug, ich bin Jeppe vom Berge, ich bin nicht Jeppe vom Berge, ich bin arm, ich bin reich, ich bin ein elender Bauer, ich bin Kaiser – ah . . . . ah . . . . ah . . . . Hülfe! Hülfe! Hülfe!

(Auf sein lautes Geschrei kommen verschiedene Leute herein, um zu sehen, wie er sich anstellt.)

Zweite Scene.

Der Kammerdiener. Ein Lakai. Jeppe.

Der Kammerdiener. Ich wünsche Euer Gnaden einen schönen guten Morgen; hier ist der Schlafrock, falls Euer Gnaden aufstehen wollen. Schnell, Erich, hole das Handtuch und das Waschbecken.

Jeppe. Ach, wohlgeborner Herr Kammerdiener, ich will ja gern aufstehen; ich bitte nur, daß Ihr mir kein Leid anthun wollt.

Der Kammerdiener. Gott bewahre uns, daß wir dem gnädigen Herrn ein Leid anthun! 161

Jeppe. Ach, bevor Ihr mich todtschlagt, wollt Ihr mir nicht die Gefälligkeit erweisen und mir sagen, wer ich bin?

Der Kammerdiener. Weiß der Herr nicht, wer er ist?

Jeppe. Gestern war ich Jeppe vom Berge, aber heut . . . . Ach, ich weiß nicht, was ich sagen soll!

Der Kammerdiener. Es freut uns, daß der Herr heut bei so guter Laune ist, daß er zu scherzen beliebt. Aber Gott bewahre uns, weshalb weinen Euer Gnaden?

Jeppe. Ich bin nicht Euer Gnaden, bei meiner Seelen Seligkeit schwör' ich, daß ich es nicht bin! Denn soweit ich mich erinnern kann, bin ich Jeppe Nielsen vom Berge; wollt Ihr meine Frau holen lassen, wird sie Euch dasselbe sagen. Aber leidet nicht, daß sie den Meister Erich mitbringt.

Der Lakai. Das ist seltsam, was bedeutet das? Der Herr muß noch nicht völlig wach sein; denn sonst pflegt er niemals so zu scherzen.

Jeppe. Ob ich wach bin oder nicht, kann ich nicht sagen; aber das weiß ich und das kann ich sagen, daß ich einer von des Barons Bauern bin, mit Namen Jeppe vom Berge, und nie in meinem Leben bin ich Baron oder Graf gewesen.

Der Kammerdiener. Erich, was kann dies sein? Ich fürchte, der Herr fällt in eine Krankheit.

Erich. Ich denke mir, er wird wol ein Nachtwandler geworden sein; es geschieht öfters, daß Leute aufstehen, sich ankleiden, reden, essen und trinken, alles im Schlaf.

Der Kammerdiener. Nein, Erich, jetzt merk' ich es: der Herr phantasirt vor Krankheit. Hol' schnell ein paar Doctoren . . . Ach, Euer Gnaden, schlagt Euch doch solche Gedanken aus dem Kopfe, Euer Gnaden versetzen damit das ganze Haus in Schrecken. Kennt Euer Gnaden mich nicht?

Jeppe. Ich kenne mich selbst nicht, wie soll ich Euch kennen?

Der Kammerdiener. Ach, ist es möglich, daß ich so etwas von meinem gnädigen Herrn hören und ihn in solchem Zustand sehen muß! Ach, unser unglückliches Haus, daß es von solchem Jammer heimgesucht wird! Kann der Herr sich nicht erinnern, was er gestern that, als er auf die Jagd ritt? 162

Jeppe. Ich bin nie weder Jäger noch Wilddieb gewesen; denn ich weiß, daß darauf Zuchthaus steht. Keine Menschenseele soll mir beweisen, daß ich auch nur einen Hasen auf des Herrn Gütern gejagt habe.

Der Kammerdiener. Ah, ich bin ja erst gestern selbst mit dem gnädigen Herrn auf der Jagd gewesen.

Jeppe. Gestern war ich bei Jacob Schuster und trank für zwölf Schillinge Branntwein, wie konnt' ich da auf der Jagd sein?

Der Kammerdiener. Ach, auf meinen nackten Knieen beschwör' ich den gnädigen Herrn, solche Reden zu unterlassen. Erich, ist nach den Doctoren geschickt?

Erich. Ja, sie werden gleich kommen.

Der Kammerdiener. So wollen wir dem gnädigen Herrn den Schlafrock anziehen, vielleicht, wenn er an die Luft kommt, wird es besser mit ihm. Ist dem Herrn gefällig, seinen Schlafrock anzuziehen?

Jeppe. Herzlich gern, Ihr könnt mit mir machen, was Euch beliebt, wenn Ihr mich blos nicht todtschlagen wollt; denn ich bin so unschuldig wie das Kind im Mutterleibe.

Dritte Scene.

Zwei Doctoren. Jeppe. Der Kammerdiener. Erich.

Erster Doctor. Zu unserm größten Leidwesen hören wir, daß der gnädige Herr unwohl sind.

Der Kammerdiener. Ach ja, Herr Doctor, er ist in einem traurigen Zustand.

Zweiter Doctor. Wie geht es denn, gnädiger Herr?

Jeppe. Ganz gut, ich bin blos noch durstig von dem Branntwein, den ich gestern bei Jacob Schuster getrunken habe. Wollt Ihr mir nur einen Krug Bier geben und mich laufen lassen, so mag man Euch Doctoren meinetwegen hängen: denn ich brauche keine Arzenei.

Erster Doctor. Das heißt mal phantasiren, Herr Collega? 163

Zweiter Doctor. Je stärker es ist, je rascher wird es sich austoben; wir wollen dem Herrn an den Puls fühlen. Quid tibi videtur, domine frater?

Erster Doctor. Ich meine, er muß Augenblicks zu Ader gelassen werden.

Zweiter Doctor. Das meine ich nicht, solche Krankheiten müssen auf andere Art curirt werden. Der Herr hat einen schlimmen und seltsamen Traum gehabt, der ihm das Blut in Aufruhr gebracht und das Hirn dergestalt in Verwirrung gesetzt hat, daß er sich einbildet, er wäre ein Bauer. Wir müssen den Herrn zu zerstreuen suchen mit den Dingen, an denen er sonst das meiste Behagen findet; wir müssen ihm den Wein und die Speise geben, die ihm am besten schmecken, und ihm die Stücke vorspielen, die er am liebsten hört.

(Eine lustige Musik beginnt.)

Der Kammerdiener. Das war ja des Herrn Leibstück.

Jeppe. Kann schon sein. Geht es immer so lustig zu auf dem Schlosse?

Der Kammerdiener. So oft es dem Herrn behagt; giebt er doch uns allen Kost und Lohn.

Jeppe. Aber es ist doch seltsam, daß ich mich nicht besinnen kann, was ich früher gethan?

Erster Doctor. Das bringt diese Krankheit mit sich, Euer Gnaden, daß man alles vergißt, was man früher gethan hat.

Zweiter Doctor. Ich erinnere mich, daß vor etlichen Jahren einer meiner Nachbarn von zu vielem Trinken dermaßen verwirrt wurde, daß er dachte, er hätte keinen Kopf.

Jeppe. Ich wollte, dem Dorfrichter Christoffer ginge es ebenso, der hat vermuthlich gerade die entgegengesetzte Krankheit; er hält sich nämlich für einen großen Kopf, an seinen Urtheilssprüchen aber merkt man, daß er gar keinen hat.

(Alle lachen darüber: Ha ha ha!)

Zweiter Doctor. Es ist eine Lust, den Herrn so scherzen zu hören. Aber um wieder auf die Geschichte zu kommen, so ging derselbige Mann durch die ganze Stadt und fragte alle Leute, 164 ob niemand den Kopf gefunden, den er verloren. Nachher aber kam er wieder zu sich und ist jetzt Küster in Jütland.

Jeppe. Das hätte er auch werden können, wenn er seinen Kopf auch nicht wiedergefunden hätte.

(Sie lachen abermals: Ha ha ha!)

Erster Doctor. Erinnert der Herr Collega sich der Geschichte, die vor zehn Jahren mit dem Manne passirte, der sich einbildete, er hätte den ganzen Kopf voll Fliegen, und konnte von dieser Grille nicht abgebracht werden, bis ein verständiger Doctor ihn auf folgende Art curirte? Er legte ihm über den ganzen Kopf ein Pflaster, welches mit todten Fliegen bestreut war; nach einiger Zeit nahm er es ab und zeigte die Fliegen dem Kranken, der sich einbildete, sie wären aus seinem Kopf gekommen, und so wurde er wieder gesund. Aehnlicher Weise habe ich von einem andern Manne gehört, der nach einem langwierigen Fieber auf den Einfall gerieth, wenn er sein Wasser abschlüge, müßte das ganze Land durch eine Ueberschwemmung zu Grunde gehn. Niemand konnte ihn von dem Gedanken abbringen; er wolle, sagte er, lieber für das gemeine Beste sterben. Dieser wurde auf folgende Art curirt. Es wurde ihm die Kunde gebracht, wie von dem Commandanten, er möchte doch, weil der Stadt eine Belagerung drohe und in den Gräben kein Wasser sei, dieselben ausfüllen, um dem Feinde den Zugang zur Stadt zu versperren. Der Kranke war erfreut, daß er seinem Vaterlande und zugleich sich selbst einen Dienst erweisen könne, und wurde auf diese Art beides los, sein Wasser und seine Krankheit.

Zweiter Doctor. Ich kann noch eine andere Historie anführen, welche in Deutschland passirt ist. Ein Edelmann kam einmal in ein Wirthshaus, und nachdem er daselbst gespeist hatte, und zu Bette gehen wollte, hing er seine goldene Kette, die er um den Hals zu tragen pflegte, an die Wand in der Herberge. Der Wirth gab genau Acht, begleitete ihn zu Bette und wünschte ihm eine gute Nacht. Wie er aber hörte, daß der Edelmann schlief, schlich er sich in die Kammer, nahm sechzig Glieder von der Kette ab und hing sie so wieder an die Wand. Am andern Morgen steht der Fremde auf, läßt sein Pferd satteln 165 und zieht sich an. Wie er jedoch die Kette um den Hals binden wollte, bemerkte er, daß sie nur noch halb so lang war wie früher, weshalb er ein Geschrei erhob, er wäre bestohlen. Der Wirth, welcher draußen vor der Thüre stand und lauschte, läuft augenblicklich hinein und indem er sich ganz erschreckt stellt, ruft er: Ach welche schreckliche Veränderung! Da der Fremde ihn fragte, worüber er sich denn so entsetze, antwortete er: Ach, mein Herr, Euer Kopf ist noch einmal so groß wie gestern. Und damit hielt er ihm einen falschen Spiegel vor, in welchem die Gegenstände noch einmal so groß aussahen, als sie waren. Da nun der Edelmann seinen Kopf im Spiegel so groß sah, brach er in Thränen aus und sagte: Ach, nun verstehe ich auch, weshalb mir meine Kette zu kurz geworden ist! Darauf setzte er sich aufs Pferd und verhüllte den Kopf in den Mantel, damit ihn niemand unterwegs sehen sollte. Man erzählt, daß er sich auch noch lange Zeit hinterdrein zu Hause gehalten und seine Grille nicht aufgegeben, sondern geglaubt hat, nicht die Kette wäre zu kurz, sondern der Kopf zu groß.

Erster Doctor. Von solchen Einbildungen giebt es unzählige Exempel. So erinnere ich mich von Einem gehört zu haben, der sich einbildete, seine Nase wäre zehn Fuß lang, und deshalb alle Leute warnte, sie möchten ihm nicht zu nahe kommen.

Zweiter Doctor. Domine Frater hat wol die Geschichte gehört von dem Manne, der sich einbildete, er wäre todt? Ein junger Mensch gerieth auf den Einfall, er wäre todt, legte sich in den Sarg und wollte weder essen, noch trinken. Seine Freunde stellten ihm vor, welche Thorheit das sei, und gebrauchten alle Künste, um ihn zum Essen zu bringen. Aber vergeblich; er wies sie mit Lachen zurück, iudem er vorgab, Essen und Trinken wäre bei den Todten durchaus nicht üblich. Endlich unternahm ein erfahrener Arzt es, ihn auf eine seltsame Art zu curiren. Nämlich er veranlaßte einen Bedienten, sich ebenfalls für todt auszugeben und sich mit Gepränge hinaus führen zu lassen an eben den Ort, wo der Kranke lag. Zuerst lagen die zwei Kranken lange schweigend und sahen einander an. Endlich fing der Kranke an, den Andern zu fragen, warum er hieher 166 gekommen wäre. Der antwortete, weil er todt wäre. Darauf fingen sie an, einander nach der Art und Weise zu fragen, wie sie gestorben, was denn Jeder weitläufig berichtete. Darauf kommen Leute, welche dazu angestiftet waren, und bringen dem zweiten sein Abendbrot, worauf er sich im Sarg in die Höhe richtete und eine gute Mahlzeit hielt, indem er den Andern fragte: Willst du nicht auch ein bischen essen? Der Kranke verwunderte sich darüber und fragte, ob es sich denn wirklich für einen Todten schicke zu essen. Ei, erwiderte der Andere, wer nicht ißt, kann nicht lange todt sein. So ließ er sich überreden, zuerst mit dem Andern zu essen, dann zu schlafen, aufzustehen, sich anzukleiden; kurz er ahmte dem Andern in allen Stücken nach, bis er zuletzt auch wieder lebendig wurde und so gescheidt wie Jener. Von solchen Einbildungen könnte ich noch unzählige Geschichten erzählen. Und so ist das auch diesmal mit dem gnädigen Herrn; er bildet sich ein, ein armer Bauer zu sein. Aber der Herr muß sich diese Gedanken aus dem Sinne schlagen, so wird er gleich wieder gesund.

Jeppe. Aber sollte das wol möglich sein, daß das nur von Einbildung ist?

Die Doctoren. Ganz gewiß, der Herr hat ja aus diesen Erzählungen gehört, was die Einbildung thun kann.

Jeppe. Ich bin also nicht Jeppe vom Berge?

Doctor. Ganz gewiß nicht.

Jeppe. Da ist auch die böse Nille nicht meine Frau?

Doctor. Keineswegs; der Herr ist ja Wittwer.

Jeppe. Und das ist auch bloße Einbildung, daß es eine Karbatsche giebt, mit Namen Meister Erich?

Doctor. Bloße Einbildung.

Jeppe. Ist es auch nicht wahr, daß ich gestern in die Stadt sollte, um Seife zu kaufen?

Doctor. Nein!

Jeppe. Auch nicht, daß ich das Geld bei Jacob Schuster vertrunken habe?

Der Kammerdiener. Ei, der Herr war ja gestern mit uns den ganzen Tag auf der Jagd.167

Jeppe. Auch nicht, daß ich ein Hahnrei?

Der Kammerdiener. Ei, die Frau ist ja schon seit langen Jahren todt.

Jeppe. Ach, jetzt fang' ich erst an, meine Thorheit einzusehen; ich will nicht mehr an den Bauer denken. Ich sehe schon, ein Traum hat mich in den Irrthum versetzt; es ist doch seltsam, auf was für Grillen der Mensch gerathen kann.

Der Kammerdiener. Beliebt dem Herrn, ein wenig im Garten zu spazieren, bis wir das Frühstück angerichtet haben?

Jeppe. Schon gut, es muß aber bald geschehen: denn ich habe beides, Hunger und Durst. 168

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