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Jeppe vom Berge oder Der verwandelte Bauer

Ludvig Holberg: Jeppe vom Berge oder Der verwandelte Bauer - Kapitel 2
Quellenangabe
typecomedy
booktitleHolbergs ausgewählte Komödien. Erster Band
authorLudvig Holberg
translatorRobert Prutz
year1872
firstpub1722
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig und Wien
isbn
titleJeppe vom Berge oder Der verwandelte Bauer
pages48
created20090910
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Akt.

Erste Scene.

Nille (allein).

Nille. Solchen faulen Schlingel giebt es doch, glaub' ich, im ganzen Kirchspiel nicht, wie meinen Mann; ziehe ich den nicht bei den Haaren aus dem Bette, so ist er nicht wach zu kriegen. Heute weiß der Schlingel nun, daß Markttag ist, und doch liegt er und schläft, wer weiß wie lange. Herr PaulEs war eine aus dem Mittelalter ererbte Sitte in Dänemark, die Prediger blos beim Vornamen, mit vorgesetztem »Herr« zu nennen, eine Auszeichnung, die ursprünglich nur dem Adel zukam. A.d.Ü. sagte neulich zu mir: Nille, Du bist zu hart gegen Deinen Mann, er ist doch und soll doch Herr im Hause sein. Ich aber antwortete ihm: Nein, mein guter Herr Paul, wollt' ich meinem Manne das Regiment im Hause nur ein Jahr lassen, so kriegte weder die Herrschaft ihre Grundsteuer, noch der Pastor seinen Zehnten: denn er vertränke in der Zeit alles, was im Hause wäre. Sollt' ich einen Mann im Hause schalten und walten lassen, der im Stande wäre, Wirthschaft, Frau und Kinder, ja sich selbst für Branntwein zu verkaufen?Der Gebrauch des Branntweins war in Dänemark zuerst unter Friedrich III. (1648–1670) aufgekommen, angeblich durch die brandenburgischen und polnischen Hülfstruppen, verbreitete sich jedoch so rasch, daß schon 1689 königliche Verbote gegen das Branntweinbrennen auf dem Lande erlassen wurden, aber freilich auch vergeblich. A.d.Ü. Worauf Herr Paul ganz stille schwieg und sich den Bart strich. Der Verwalter giebt mir Recht und sagt: Mütterchen, kehre Dich nicht daran, was der Pastor sagt, im Katechismus steht freilich: Du sollst Deinem Mann gehorsam und folgsam sein; dagegen aber in Deinem Pachtbriefe, der jünger ist als der Katechismus, steht: Du sollst Deinen Hof in gutem Stande halten und Deine Steuern richtig bezahlen, und das kannst Du unmöglich thun, wenn Du Deinen Mann nicht Tag für Tag bei den Haaren ziehst und ihn zur Arbeit prügelst. Nun hab' ich ihn eben aus dem Bett gezogen und bin in 146 die Scheune gegangen, um zu sehen, wie es mit der Arbeit steht; wie ich wieder hereinkomme, sitzt er auf dem Stuhle und schläft, die Hosen, mit Respect zu sagen, an einem Bein. Da mußte denn sofort die Karbatsche vom Nagel, und mein guter Jeppe wurde durchgeschmiert, bis er vollständig aufgewacht war. Denn das ist das Einzige, wovor er noch Angst hat, der Meister Erich, so nenn' ich nämlich die Karbatsche. He, Jeppe, bist Du Hundevieh noch nicht angezogen? Soll Meister Erich noch einmal mit Dir reden? He, Jeppe, hieher!

Jeppe. Ich muß ja doch Zeit haben, mich anzuziehen, Nille, ich kann ja doch nicht in die Stadt gehen, wie ein Schwein, ohne Hose und Jacke.

Nille. Hast Du Lumpenkerl nicht zehn Paar Hosen anziehen können, seit ich Dich vorhin weckte?

Jeppe. Hast Du Meister Erich fortgelegt, Nille?

Nille. Ja, fortgelegt hab' ich ihn, aber ich weiß auch den Fleck, wo ich ihn wiederfinde, wenn Du Dich nicht sputest. Hieher! Sieh, wie er kriecht! Hieher! Du sollst in die Stadt und sollst mir zwei Pfund grüne Seife kaufen; sieh her, hier hast Du das Geld dazu. Aber höre: wenn Du nicht in vier Stunden wieder hier zur Stelle bist, so soll Meister Erich auf Deinem Rücken polnisch tanzen.

Jeppe. Wie kann ich vier Meilen in vier Stunden gehen, Nille?

Nille. Wer sagt denn auch, daß Du gehen sollst, Du Hahnrei? Laufen sollst Du! Dein Urtheil ist Dir nun gesprochen, nun thu' wozu Du Lust hast. – (Ab.) 147

Dritte Scene.

Jeppe (allein).

Jeppe. Nun geht die Sau hinein und ißt Frühstück und ich armer Kerl soll vier Meilen gehen und kriege weder Naß, noch Trocken. Ob wol irgend ein Mann solch ein verfluchtes Weib hat wie ich! Ich glaube wirklich, sie ist Geschwisterkind mit dem Satan. Da sagen sie nun im Dorf, Jeppe trinkt; aber sie sagen nicht, warum Jeppe trinkt. So viel Prügel hab' ich nicht gekriegt die ganzen zehn Jahre, die ich unter der MalicieDie Landmiliz, die Jeppe hier meint, hatte laut königlicher Verordnung von 1701 eine Dienstzeit von sechs Jahren; wenn Jeppe also zehn Jahre diente, so waren daran entweder die kriegerischen Zeiten schuld, oder er hatte sich nach Ablauf seiner Dienstzeit auf weitere vier Jahre anwerben lassen. Im Uebrigen ist diese »Malicie« der ächte ursprüngliche »tappere Landsoldat«, der neuerdings so viel von sich hat sprechen machen. A.d.Ü. war, wie jetzt in einem Tage von dem abscheulichen Weibe; sie schlägt mich, der Verwalter treibt mich zur Arbeit wie ein Vieh, und der Küster macht mich zum Hahnrei. Muß ich da nicht brav trinken, muß ich nicht die Mittel gebrauchen, welche die Natur uns darbietet, die Sorgen zu vertreiben? Wär' ich ein Schwachkopf, da würde mir das nicht so zu Herzen gehen, da tränke ich lieber nicht. So aber ist das eine ausgemachte Sache, daß ich ein scharfsinniger Mann bin; darum fühl' ich das mehr als Andere, darum muß ich auch trinken. Mein Nachbar Moons Christoffersen, als welcher mein Freund ist, sagt öfters zu mir: Schlag' der Teufel in Deinen dicken Bauch, Jeppe, Du mußt um Dich hauen, so wird die Frau sich schon bessern. Aber ich kann nicht um mich hauen, aus dreierlei Gründen. Erstlich, weil ich keine Courage habe; zweitens wegen dem verwünschten Meister Erich, der hinter dem Bette hangt und an den mein Rücken nicht denken kann, ohne zu weinen; zum Dritten, weil ich, ohne mich zu rühmen, ein grundgutes Gemüthe bin und ein guter Christ. Darum suche ich mich auch niemals zu rächen, selbst nicht einmal an dem Küster, der mir doch ein Horn nach dem andern setzt. Im Gegentheil, er kriegt sein Opfer regelmäßig an allen hohen Festen, während er nicht einmal so viel Ehre im Leibe hat, mir einen Krug Bier vorzusetzen das ganze Jahr. Aber nichts ist mir mehr zu Herzen gegangen als die spitzigen Worte, die er mir voriges Jahr zu hören gab. Nämlich als ich erzählte, daß ein 148 wilder Stier, der sonst keinen Menschen fürchtete, plötzlich vor mir die Flucht ergriffen, da sagte er zu mir: Jeppe, kannst Du das nicht begreifen? Der Stier sah, daß Deine Hörner noch viel größer als seine, und darum hielt er es nicht für rathsam, sich mit einem zu stoßen, der stärker war als er. Nun rufe ich Euch zu Zeugen, lieben Leute, ob nicht solche Reden einem ehrlichen Mann durch Mark und Bein dringen müssen. Ich bin doch so anständig, daß ich meiner Frau noch niemals den Tod gewünscht habe, umgekehrt, als sie verwichenes Jahr an der Gelbsucht krank lag, da wünscht' ich, sie möchte leben bleiben. Denn da die Hölle schon ohnedies voll böser Weiber ist, so hätte Lucifer sie am Ende wol gar wieder zurückgeschickt, und da wäre sie noch schlimmer gewesen wie zuvor. Aber wenn der Küster stürbe, da wollt' ich mich freuen, sowol um meinetwegen, als wegen der Andern. Denn mir macht er nichts als Verdruß, und der Menschheit ist er nichts nütze. Es ist ein unstudirter Teufel; nicht den kleinsten Ton kann er aushalten, noch kann er ein anständiges Wachslicht gießenDie Lichter für den Kirchendienst zu gießen, gehörte mit zu den Verrichtungen der damaligen Küster, eines Standes, dem Holberg, wegen der halben, oberflächlichen Bildung, die darin herrschte, nicht besonders gewogen war und den er deshalb mit Vorliebe zur Zielscheibe seiner Neckereien machte. A.d.Ü.. Nein, da war sein Vorgänger, der Christoffer, ein anderer Kerl, der schrie seinen Glauben, daß man ihn aus zwölf Küstern heraus hören konnte, solche Stimme hatte der. Einmal, als der Küster mich wieder Hahnrei geschimpft hatte, nahm ich mir doch vor, mich zur Wehr zu setzen, und zwar so, daß Nille es hören könnte; ich sagte: Der Teufel soll Dein Hahnrei sein, Matzküster. Aber was geschah? Gleich mußte Meister Erich herbei und den Streit entscheiden, so daß ich den Küster noch um Verzeihung bitten und mich bei ihm bedanken mußte, daß er als ein studirter Mann meinem Hause die Ehre anthäte. Seitdem hab' ich alle Gedanken an Widerstand aufgegeben. Ja ja, Moons Christoffersen, Du und die andern Bauern, Ihr habt gut zu reden, Eure Frauen haben keinen Meister Erich hinter dem Bette hängen. Hätt' ich einen Wunsch in der Welt frei, so wäre es dieser, daß entweder meine Frau keine Arme hätte, oder ich keinen Rücken; den Mund könnte sie gebrauchen, so viel sie wollte. Aber weil ich gerade auf dem Wege bin, muß ich doch mal zu Jacob Schuster herangehen, er wird mir ja wol für einen Schilling 149 Branntwein auf Kredit geben. Denn etwas muß ich doch haben, mich zu stärken. Heda, Jacob Schuster, bist Du schon auf? Mach' auf, Jacob!

Vierte Scene.

Jacob Schuster (in Hemdärmeln). Jeppe.

Jacob. Wer Henker will so zeitig herein?

Jeppe. Guten Morgen, Jacob Schuster.

Jacob. Schön Dank, Jeppe, Du bist ja heute sehr zeitig im Gange.

Jeppe. Gieb mir doch mal für 'nen Schilling Branntwein, Jacob.

Jacob. Ganz gern, gieb Du mir nur den Schilling.

Jeppe. Du sollst ihn morgen kriegen, wenn ich wiederkomme.

Jacob. Bei Jacob Schuster wird nicht geborgt, ein oder zwei Schillinge wirst Du ja doch noch sachte haben zum Bezahlen.

Jeppe. Schuft, wenn ich was habe, ausgenommen ein paar Schillinge, die meine Frau mir gegeben hat, um in der Stadt was einzukaufen.

Jacob. Na, da kannst Du doch zwei Schillinge abhandeln von dem, was Du kaufen sollst; was ist denn Deine Handelschaft?

Jeppe. Ich soll zwei Pfund grüne Seife kaufen.

Jacob. Ei, da kannst Du sagen, Du hast für das Pfund ein oder zwei Schillinge mehr gegeben, als Du giebst?

Jeppe. Ich bin nur bange, meine Frau kriegt es zu erfahren, und dann geht's mir schlecht.

Jacob. Redensarten! Wie soll die das zu wissen kriegen? Kannst Du nicht schwören, Du hättest alles Geld ausgegeben? Du bist doch dumm wie ein Vieh.

Jeppe. Das ist auch wahr, Jacob, das kann ich wirklich thun. 150

Jacob. Na, gieb Deinen Schilling her.

Jeppe. Sieh her! Aber Du mußt mir einen Schilling zurückgeben.

Jacob (kommt mit dem Glase, trinkt ihm zu). Gesundheit, Jeppe.

Jeppe. Du hast getrunken wie ein Schelm.

Jacob. Ei, nicht doch, es ist ja doch eine alte gute Sitte, daß der Wirth den Gästen zutrinkt.

Jeppe. Weiß wol, aber Schande dem, der die gute Sitte zuerst aufgebracht hat. Dein Wohl, Jacob.

Jacob. Dank, Jeppe. Nun, nimm nur gleich für den andern Schilling auch, den kannst Du doch nicht zurückbringen, Du müßtest ihn etwa für ein Glas Branntwein zu gute behalten wollen, bis Du wiederkommst; denn ich habe meiner Treu' keinen einzelnen Schilling.

Jeppe. Ein Hundsfott, wer das thut; soll der verzehrt werden, so soll es gleich geschehen, damit ich doch merke, daß ich was im Magen habe. Wenn Du aber wieder mittrinkst, bezahl' ich nichts.

Jacob. Gesundheit.

Jeppe. Gott erhalte unsere Freunde und der Teufel hole alle unsere Feinde. Das thut dem Magen gut; ah, ah!

Jacob. Glück auf die Reise, Jeppe.

Jeppe. Schön Dank, Jacob Schuster.

Fünfte Scene.

Jeppe allein. Wird lustig und fängt an zu singen.

Ein weißes Huhn und ein buntes Huhn
Die wollten den Hahn bekämpfen.Dieser sowie den folgenden Stellen liegen Anklänge an wirkliche alte Volkslieder zu Grunde; daß mitten darunter auch Anakreons klassisches η γη̃ μέλαινα π'νει erscheint, ist ein ebenso wunderlicher wie charakteristischer Einfall. – Wenn übrigens Jeppe bei zunehmender Trunkenheit anfängt deutsch zu radebrechen, so erklärt sich das selbst für den jütischen Bauern hinlänglich aus dem Umstande, daß er ja zehn Jahre bei der »Malicie« gestanden, bei der, wie bei der ganzen dänischen Armee, das Commando damals deutsch war; der Uebersetzer hat sich durch Plattdeutsch und sonstiges verdorbenes Deutsch zu helfen gesucht. A.d.Ü.

Ach dürft' ich doch nur noch für einen Schilling trinken! Ach dürft' ich doch nur noch für einen Schilling trinken! Ich glaube, ich thu's. Nein, es gäb' ein Unglück. Wäre mir nur erst das Wirthshaus aus den Augen, so hätt' es keine Noth damit; aber es ist, als ob mich Einer hier festhielte. Ich muß wieder hinein! Aber – was willst du thun, Jeppe? Ist es mir doch, als sähe 151 ich Nille schon am Wege stehen mit Meister Erich in der Hand. Ich muß wieder umkehren. – Ach dürft' ich doch nur noch für einen Schilling trinken! Mein Magen sagt: trink', mein Rücken sagt: trink' nicht. Wem soll ich nun folgen? Ist mein Magen mehr als mein Rücken? Ich dächte, ja. Soll ich anklopfen? Heda, Jacob Schuster heraus! – Aber da steht mir das verfluchte Weib schon wieder vor Augen. Schlüge sie nur so, daß die Knochen im Rücken keinen Schaden nähmen, da wollt' ich den Teufel danach fragen; aber sie schlägt wie . . . Ach Gott helfe mir armem Mann, was soll ich thun? Zwing Deine Natur, Jeppe! Wär' es denn nicht eine Schande, wenn Du Dich ins Unglück stürzen wolltest um ein lumpiges Glas Branntwein? Nein, für diesmal soll das nicht geschehen, ich muß fort. – Ach dürft' ich nur noch für einen Schilling trinken! Das ist mein Unglück, daß ich gekostet habe, nun kann ich nicht wieder davon los kommen. Fort, Beine! Der Teufel soll euch holen, wenn ihr nicht geht! – . . . . Nein, die Canaillen wollen meiner Six nicht. Sie wollen wieder zum Wirthshaus, meine Glieder führen Krieg mit einander: Magen und Beine wollen ins Wirthshaus und der Rücken in die Stadt. Wollt ihr gehen, ihr Hunde, ihr Bestien, ihr Hundsfötter! Nein, der Henker soll den holen, der wieder ins Wirthshaus geht; ich habe mehr Mühe, meine Beine vom Wirthshaus wegzukriegen, als meinen Schecken aus dem Stall. – Ach dürft' ich doch nur noch für einen einzigen Schilling trinken! Vielleicht borgt Jacob Schuster mir für einen Schilling oder zwei, wenn ich ihn recht darum bitte. Heda, Jacob! Noch ein Glas Branntwein für zwei Schillinge!

Jacob. Sieh da, Jeppe, bist Du schon wieder da? Ich dacht' es mir wol, daß Du zu wenig hättest; für einen Stüber Branntwein, was will das sagen, das kommt kaum bis in die Kehle. 152

Jeppe. So ist es, Jacob, und nun gieb mir noch für einen Stüber. (Bei Seite) Wenn ich nur erst getrunken habe, so muß er mir schon borgen, er mag wollen oder nicht.

Jacob. Hier ist für einen Stüber Branntwein, Jeppe: aber erst das Geld.

Jeppe. Nun, so lang' ich trinke, kannst Du mir doch borgen, wie's im Sprüchwort heißt.Das zu Grunde liegende dänische Sprüchwort heißt: »So lange einer am Glase Bier trinkt, kann man es ihm schon borgen.« A.d.Ü.

Jacob. Bei uns gelten keine Sprüchwörter, Jeppe; zahlst Du nicht voraus, kriegst Du keinen Tropfen, wir haben verschworen zu borgen, selbst nicht dem Verwalter.

Jeppe (weinend). Kannst Du mir denn nicht borgen? Ich bin ja doch ein ehrlicher Mann.

Jacob. Nix borgen.

Jeppe. Na, da hast Du einen Stüber, Du Pracher! Nun ist's geschehen, nun trinke, Jeppe. – Ah, das thut gut!

Jacob. Ja das kann einen Schelm inwendig braten.

Jeppe. Das Allerbeste beim Branntwein ist, daß man solche Courage danach kriegt. Nun denk' ich weder an meine Frau mehr, noch an Meister Erich, so hat das letzte Glas mich verwandelt. Kennst Du die Melodie, Jacob?

    Klein-Käthchen und Herr Peter, die saßen an einem Ort; Pateheia!
    Die sagten und sprachen manch ein fideles Wort; Polemeia!
    Im Sommer da singen die Vögel so schön; Pateheia!
    Die Nille, das Mensch, kann zum Teufel gehn; Polemeia!
    Ich ging in den Wald hinaus zur Stund'; Pateheia!
    Der Küster das ist ein Schweinehund; Polemeia!
    Und wie ich auf meinem Schimmel saß; Pateheia!
    Der Küster das ist ein rechtes Aas; Polemeia!
    Und wollt Ihr wissen, wie heißt meine Frau; Pateheia!
    Sie heißt: der Satan hole die Sau; Polemeia!

Die Melodie hab' ich selbst gemacht, Jacob.

Jacob. Du magst den Teufel!

Jeppe. Jeppe ist nicht so dumm, wie Du denkst, ich hab' auch ein Lied auf die Schuster gemacht, das geht so: 153

    Der Schuster mit der Fiedel und dem Baß,
    Philepom Philepom!

Jacob. Ei Du Narr, das ist ja auf einen Musicus gemacht.

Jeppe. Richtig, so ist es. Höre, Jacob, gieb mir noch für einen Stüber Branntwein.

Jacob. Bravo, nun seh' ich doch, daß Du ein wackerer Mann bist, der meinem Hause einen Schilling zu verdienen giebt.

Jeppe. He Jacob, gieb mir noch für vier Schillinge.

Jacob. Mit Vergnügen.

Jeppe (singt wieder).

    Die Erde trinkt Wasser,
    Das Meer trinkt die Sonne,
    Die Sonne trinkt das Meer,
    Alles trinkt, was ist;
    Warum sollte denn ich
    Nicht ebenfalls trinken?!

Jacob. Gesundheit, Jeppe.

Jeppe. Nur zu!

Jacob. Profit, Halbpart.

Jeppe. Ich tank ju, Jacob! Drik man, dat dig de Dyvel haal, dat dig de Dyvel haal! Das ist schlacht.

Jacob. Ich höre, Du kannst deutsch sprechen, Jeppe.

Jeppe. Versteht sich, das ist was Altes; ich sprech' es aber nicht gern, außer wenn ich besoffen bin.

Jacob. Na, so sprichst Du es doch wenigstens alle Tage einmal.

Jeppe. Ich bin zehn Jahre unter der Malicie gewesen und sollte nicht deutsch verstehen?

Jacob. Ja ja, ich weiß, Jeppe, wir haben ja zwei Cumpanen mit einander gemacht.

Jeppe. So ist es, nun erinnere ich mich, Du wurdest ja einmal gehängt, als Du bei Wismar wegliefst.Er meint ohne Zweifel die Eroberung Wismars durch die Dänen im Jahre 1716. Die kurz zuvor erwähnte Schlacht soll allem Vermuthen nach die Schlacht bei Gadebusch 1712 (im Kriege zwischen Dänemark und Schweden) sein. A.d.Ü.

Jacob. Ich sollte gehängt werden, aber ich kriegte Pardon. Nah dran vorbei, ist ein gutes Ding.

Jeppe. Schade, daß sie Dich nicht gehängt haben. Aber 154 warst Du nicht mit bei der Auction, da auf der Heide, Du weißt schon wo?

Jacob. Ei, wo wäre ich nicht mit bei gewesen!

Jeppe. Ich vergesse nie die erste Salbe, die der Schwede uns gab; da fielen, glaub' ich, auf einmal dreitausend, um nicht zu sagen viertausend Mann. Das gung verdeibelt zu, Jacob; Du kannst Dich das vorstellen, ich kann nicht sagen wie, ich war etwas ängstlich in der Schlacht.

Jacob. Ja ja, das Sterben kommt Einem hart an; man ist ganz fromm, wenn man gegen den Feind geht.

Jeppe. Ja, so ist es. Ich weiß auch, woher das kam: ich lag die ganze Nacht, bevor die Auction vorging, und las in Davids Psalmen.

Jacob. Ich wundere mich nur, daß Du, der Du doch früher Soldat gewesen bist, Dich so von einer Frau cujoniren läßt.

Jeppe. Ich? Na wenn ich sie nur hier hätte, Du solltest schon sehen, wie ich sie durchwamsen wollte. Noch ein Glas, Jacob; ich habe noch acht Schillinge, sind die vertrunken, so trink' ich auf Borg. Gieb mir auch einen Krug Bier!

    In Leipzig war ein Mann,
    In Leipzig war ein Mann,
    In Leipzig war ein lederner Mann,
    In Leipzig war ein lederner Mann,
    In Leipzig war ein Mann.
    Der Mann der nahm 'ne Frau &c.

Jacob. Prosit, Jeppe.

Jeppe. Ho! ho! halloh! Deine Gesundheit und meine Gesundheit und aller guten Freunde Gesundheit! Hei, ho!

Jacob. Willst Du nicht dem Verwalter seine Gesundheit trinken?

Jeppe. Meinetwegen, gieb mir nur noch für einen Schilling. Der Verwalter ist ein anständiger Mann; wenn wir ihm einen Thaler in die Hand drücken, schwört er der Herrschaft bei seiner Seelen Seligkeit, daß wir nicht im Stande sind, die Steuer zu bezahlen. – Na nu aber ein Schelm, der noch Geld hat; Du borgst mir wol noch für einen Stüber oder zwei? 155

Jacob. Nein, Jeppe, nun kannst Du nicht mehr vertragen. Ich bin nicht der Mann, der da haben will, daß die Gäste sich in seinem Hause überladen und mehr trinken, als ihnen zuträglich ist, lieber will ich meine ganze Nahrung einbüßen.

Jeppe. Hei, noch für einen Stüber!

Jacob. Nein, Jeppe, nun geb' ich Dir nichts mehr; bedenke, daß Du einen langen Weg vor Dir hast.

Jeppe. Hundsfott! Carnallie! Bestie! Schlingel! Hei! he! hoh!

Jacob. Leb' wohl, Jeppe, Glück auf die Reise. (Ab.)

Siebente Scene.

Jeppe (allein).

Ach Jeppe, Du bist besoffen wie ein Vieh, meine Beine wollen mich nicht mehr tragen. Wollt ihr wol stehen, ihr Canaillen? Ja so, was ist die Glocke? Heda, Jacob Hundsfott Schuster! Heda, noch für einen Stüber! Wollt ihr stehen, ihr Hunde? Nein, der Teufel soll mich holen, wenn die stehen. Schön Dank, Jacob Schuster, noch einen vom frischen Faß! Hört, Kamerad, wo geht hier der Weg in die Stadt? Steht, sag' ich! Seht, das Vieh ist besoffen. Du hast getrunken wie ein Schelm. Jacob, ist das für einen Stüber Branntwein? . . . Du führst ein Maß wie ein Türke.

(Während er so spricht, fällt er hin und bleibt liegen.)

Achte Scene.

Baron Nilus. Der Sekretär. Ein Kammerdiener. Zwei Lakaien.

Der Baron. Das Jahr läßt sich gut an, wir werden eine schöne Ernte haben; sieh einmal, wie dicht die Gerste steht.

Der Sekretär. Allerdings, Euer Gnaden: aber das bedeutet, daß die Tonne Gerste diesmal nicht höher kommen wird als fünf Mark. 156

Der Baron. Das thut nichts, die Bauern stehen sich doch in guten Jahren alle besser.

Der Sekretär. Ich weiß nicht, woran das liegt, Euer Gnaden: aber die Bauern klagen immer und wollen Korn zur Aussaat haben, mag das Jahr nun gut gewesen sein oder nicht. Je mehr sie haben, je mehr sie trinken. Hier wohnt ein Wirth in der Nachbarschaft, der trägt viel dazu bei, die Bauern arm zu machen; man sagt, er thät' Salz in sein Bier, damit sie immer durstiger werden, je mehr sie trinken.

Der Baron. Den Kerl müssen wir abschaffen. Aber was liegt hier im Wege? Das ist ja ein todter Mensch. Es passirt doch nichts als Unglück; spring' mal Einer hin und sehe, wer es ist.

Ein Lakai. Es ist Jeppe vom Berge, der das böse Weib hat. Heda, steh auf, Jeppe! Nein, man kann ihn schlagen und bei den Haaren ziehen, er wacht nicht auf.

Der Baron. Laßt ihn nur schlafen, ich habe eben Lust eine Komödie mit ihm zu spielen. Ihr pflegt ja reich an Einfällen zu sein; fällt Euch jetzt nichts ein, womit ich mir einen Spaß machen könnte?

Der Sekretär. Ich dächte, es müßte recht hübsch sein, wenn man ihm einen Papierkragen um den Hals bände und schnitte ihm die Haare ab.

Der Kammerdiener. Noch hübscher wäre es, dächt' ich, man beschmierte ihm das Gesicht mit Tinte und zöge ihn nackt aus, um zu sehen, was seine Frau mit ihm anfinge, wenn er in der Positur nach Hause käme.

Der Baron. Das ist ganz hübsch. Aber was gilt's, Erich denkt auf etwas, das noch artiger ist; sag' nur Deine Meinung, Erich.

Erich (einer von den Lakaien). Ich meine, man sollte ihm die Kleider ausziehen und ihn in des Herrn bestes Bett legen, und morgen früh, wenn er aufwacht, stellen wir uns alle an, als ob er unser gnädiger Herr wäre, so daß er nicht wissen soll, ob er verrathen oder verkauft ist. Und wenn wir ihn auf die Art dazu gebracht haben, daß er sich für den Baron hält, so wollen wir 157 ihn wieder so betrunken machen, wie er jetzt ist, und ihn in seinen alten Kleidern auf diesen selben Misthaufen legen; wird das geschickt ausgeführt, so wird es eine merkwürdige Wirkung haben und er wird sich einbilden, entweder, daß sein Glück ein bloßer Traum oder daß er in der That im Paradies gewesen.

Der Baron. Erich, Du bist ein großer Mann, darum hast Du auch immer nichts als große Entwürfe. Aber wenn er nun mitten drin aufwacht?

Erich. Dafür, Euer Gnaden, bin ich gut, daß er das nicht thut, denn dieser selbige Jeppe vom Berge ist der stärkste Säufer im ganzen Kirchspiel. Voriges Jahr machte man den Versuch, ihm eine Rakete in den Nacken zu binden; aber die Rakete ging los, ohne daß er davon aufwachte.

Der Baron. So wollen wir es denn so machen. Tragt ihn rasch fort, zieht ihm ein feines Hemde an und legt ihn in mein bestes Bett.

(Alle ab.) 158

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