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Jenseit des Tweed

Theodor Fontane: Jenseit des Tweed - Kapitel 26
Quellenangabe
generatorHTML Tidy, see www.w3.org
typenarrative
titleJenseit des Tweed
authorTheodor Fontane
firstpub1860
publisherinsel
addressFrankfurt
year1989
isbn3-458-32766-5
senderreuters@abc.de
created20040921
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Von Oban bis zum Loch Lomond – Rückkehr nach Edinburg

Noch am selben Abend kehrten wir nach Oban zurück. Wer in Iona bleiben und die Grabsteine des Reilig Ourain einer mehr kritischen Durchsicht unterwerfen will, der findet in den Hütten der Schiffersleute ein notdürftiges Unterkommen, kann aber vor Ablauf von drei Tagen nicht nach Oban zurück, da die Hutchesonschen Steamer nur zweimal wöchentlich die Fahrt nach Staffa und Iona machen.

Wir waren also wieder im Hinterhause der Mrs. Mackay (die uns, wie sich der Leser erinnern wird, bei einer Hintersassin von ihr, einer zimmervermietenden alten Waschfrau untergebracht hatte) und waren just müde genug, um trotz des nachbarlichen Pferdestalls, dessen ich auch schon erwähnte, einen guten Schlaf zu tun. Das Erwachen war minder froh. »Get up, Gentlemen, or you will miss the steamer!« so klang es draußen, während eine geschäftige Hand abwechselnd klopfte und an der Klinke rasselte. Mit Worten, die einem Morgengebet so unähnlich waren wie nur möglich, sprangen wir aus dem Bett, und kaum halb angezogen, griffen wir schon nach unsern Reisetaschen, um die zerstreut umherliegenden Garderobestücke so gut wie möglich unterzubringen. Wir waren noch nicht fertig damit, als wir vom Kai her das Läuten einer Schiffsglocke vernahmen und im selben Augenblick von draußen die wenig variierten Worte hörten: »Make haste, Gentlemen, or you will miss the steamer!« Wer kennt nicht die nervöse Aufregung, in die man verfällt, wenn man beim Packen oder gar im Fiaker schon (die immer doppelt langsam fahren, wenn man doppelte Eile hat) von der Furcht beschlichen wird, den Zug zu versäumen und volle 24 Stunden an einem bereits absolvierten Ort zubringen zu müssen, der nun plötzlich mit einer Physiognomie vor uns tritt, als habe es seit Heinrich dem Städtebauer nie einen langweiligeren Platz gegeben! Dieser »Panic« ergriff uns jetzt. Wir flogen in unsere Röcke und Überzieher hinein, rafften alles zusammen, was noch auf Tisch und Betten lag, stopften es in die Säcke und stürzten fort. An der Hoftür stand die Wirtin, nicht Mrs. Mackay, sondern die Hintersassin, die alte Waschfrau (keine Chamissosche), deren Putzstube hatte aushelfen müssen. Sie trat uns in den Weg, um die ungemütlichen Geldgeschäfte stehenden Fußes abzumachen. »Wieviel?« – »Fünfzehn Schillinge.« - Es war eine enorme Summe für zwei Nachtquartiere und weiter nichts; indes die Schiffsglocke, die eben wieder einsetzte, schnitt jede Unterhandlung ab, und die Schillinge und halben Kronenstücke liefen rasch aus meiner Hand in die Hand der Wirtin. Unerhört! Es reicht nicht, es fehlt ein Sixpence! Die Silberstücke fallen in meine Börse zurück, und ein Sovereign steigt statt ihrer aus den Tiefen der Ledertasche ans Licht. »Give me change!« rufe ich der Alten zu, die mit der Ruhe des Siegers vor mir steht. Sie nimmt den Sovereign, steckt ihn ein und erwidert nicht ohne Anflug von Hohn: »I have no change, but I will send to the butcher.« Ein letzter Abschiedsgruß fällt unverschleiert von meinen Lippen; dann setzen wir uns, mit Zurücklassung eines unbeabsichtigten Fünf-Schilling-Trinkgelds, in Trab und erreichen das Schiff, das allerdings eben Miene macht, seine Brücke einzuziehen und vom Kai sich loszulösen. Halb ärgerlich noch nehmen wir Platz am Schornstein, um uns soviel wie möglich gegen die Morgenfrische zu schützen; dann aber fliegt a tempo das Lächeln wiederkehrender guter Laune über unsere Gesichter. Wir beginnen unser Herz und unsern Ärger auszuschütten, und im Aussprechen kommt der Trost. Es war kein Zweifel, die Hintersassin der Mrs. Mackay hatte mit uns eine Szene durchgespielt, deren praktische Brauchbarkeit sie längst erprobt haben mußte. Wie an der kurischen Küste ein Edelmann lebte, der falsche Feuer anzünden ließ, um an gescheiterten Schiffen sein Strandrecht zu üben, so war es bei der alten Waschfrau Geschäftsmaxime geworden, ihre Gäste so spät wie möglich zu wecken, um von der panischen Wirkung des »Make haste, Gentlemen, or you will miss the steamer«, den möglichsten Vorteil zu ziehen. Erst am Abend desselben Tages, als wir im Gasthaus zu Balloh einen Blick in unsere Reisesäcke taten, erkannten wir ganz, wie die Hintersassin uns mitgespielt hatte. An Morgenschuhen, Haarbürsten und Nachttüchern, die zurückgelassen waren, übte die Alte nun triumphierend ihr Strandrecht, und ein eben ausgepackter Lackstiefel, der ohne Halt und Gegenlehne auf dem Tisch stand, schien die Frage an mich zu richten: »Wo ist der andere?« Sie haben sich nicht wiedergesehen. Aber das waren die dunkeln Lose, die noch im Schoß der Zukunft ruhten, als wir, unsere Rücken am warmen Schornstein, aus der Bucht von Oban hinausfuhren.

Die Fahrt geht südlich und führt uns zurück wieder an der Insel Mull und ihren Basaltformationen vorbei. An einer Stelle, wo nach meilenweiter Öde ein Grasplatz den Felscharakter dieser Küste unterbricht, deutet der Finger des Kapitäns auf ein ärmliches Häuschen, wo Sir Colin Campbell, der jetzige Lord Clyde, geboren wurde. Sein Vater, ein Zimmermann, starb erst letzten Winter zu Granton bei Edinburg, neunzig Jahre alt. Nach etwa zweistündiger Fahrt haben wir die Höhe der Insel Jura erreicht und biegen nun scharf östlich ein, um den Crinankanal zu erreichen, der die lange Halbinsel Cantire an ihrem Oberende durchschneidet. Cantire, etwa zwölf deutsche Meilen lang, gleicht einem vorgestreckten Bein des schottischen Festlands, und wer den Kanal verschmäht (der genau der Weichenlinie dieses Beins entspricht), der ist gezwungen, vorausgesetzt, daß er nach Glasgow will, zwölf Meilen hinunter- und fast ebensoviele Meilen wieder hinaufzufahren. Der Unterschied, in Zahlen ausgedrückt, ist wie 1 zu 20. So benutzen denn alle kleineren Fahrzeuge, die von Norden kommen, diesen Kanal, und die Hutchesonschen Dampfschiffe, die vielleicht zu viel Tiefgang haben, helfen sich auf die Weise, daß an beiden Enden des Kanals eine Ausschiffung der Passagiere stattfindet. Ein drittes Boot, in Form eines überdeckten Elbkahns, unterhält die Kommunikation zwischen dem Außen- und Innensteamer, von denen der eine (der Außensteamer) die Fahrt nach Oban, der andere die Fahrt nach Glasgow macht.

Wir haben die Außenseite des Kanals erreicht, verlassen den Oban-Steamer und machen in einer Art Treckschuite, an zum Teil hübsch gelegenen Landsitzen vorbei, die Kanalfahrt bis nach Lochgilphead hin (an der Innenseite der Halbinsel), wo der Glasgow-Steamer eben anlegt, um seine Passagiere an Land zu setzen und uns statt ihrer einzunehmen. Auf der Landungsbrücke begegnen sich die beiden Menschenströme. Es ist dasselbe Leben und Treiben, das jeder kennt, der auf den großen Verwirrungsbahnhöfen von Hecheln, Bamberg, Magdeburg etc. ein Augenzeuge oder Mitspieler modernen Reisetrubels gewesen ist. Was mir nichtsdestoweniger die ganze Szene lebhaft im Gedächtnis erhalten hat, war die Erscheinung zweier Männer in Hochlandstracht, die, während wir von der Menschenmasse vor- und zurückgeschoben wurden, mit festem Schritt vom Kai zur Landungsbrücke herniederstiegen. Die Schönheit des schottischen Kostüms war mir nie so frappant entgegengetreten. Die Hochländer, echt und unecht, denen man in London oder im Süden Englands begegnet, lassen viel zu wünschen übrig. Es sind meist Bettler (echtes Londoner Vollblut aus Clerkenwell und St. Giles), die sich einen Kilt und Dudelsack gemietet haben, oder im günstigsten Falle südschottische Farmerssöhne, die dem Verlangen nicht widerstehen können, dem lang- und dünnbeinigen Londoner zu zeigen, was es mit einer national-schottischen Wade auf sich habe. Diese Londoner Eindrücke, die nicht allzu günstig für das Hochlandskostüm waren, änderten sich freilich bald, als ich nach Schottland kam; nie aber war mir das zugleich Malerische und Imposante dieser Tracht so überraschend entgegengetreten wie in diesem Augenblick, wo die Brücke, auf der wir standen, unter dem herniedersteigenden Taktschritt der zwei Hochlandssöhne zu vibrieren anfing. Der ältere von ihnen war ein Häuptling, das bewies die Adlerfeder, die in der Agraffe seiner Mütze steckte. Beide waren über sechs Fuß hoch, und die Jagdflinte, die auf ihren Schultern hing, nahm sich aus wie ein bloßes Spielzeug. Es waren Londoner Gardeoffiziere (der schottische Adel ist in den Garderegimentern stark vertreten), die vor acht oder vierzehn Tagen die Residenz verlassen hatten, um die Jagdzeit, die »shooting season«, in ihrer Heimat, dem Hochland zu verbringen. Der jüngere von beiden trug die Hochlandstracht nur, wie man ein Phantasiekostüm trägt. Aus jenem graugelben Sommerzeug, das jeder kennt, der einem halben Dutzend reisender Engländer irgendwo in der Welt begegnet ist, hatte er sich einen Kilt und eine Jacke machen lassen, und nichts an ihm war echt schottisch als die dunkelblaue Wollenmütze und der kurze, graukarierte Strumpf. An jeder andern Stelle der Welt wäre er ein schöner Mann gewesen, neben seinem Freunde, dem Häuptling, aber nahm er sich aus wie dessen Milchbruder; ebenso groß, ebenso breit, ebenso frisch, aber rasselos. Der Häuptling schritt, ohne ein direktes Zeichen der Überhebung, durch die Menschenwoge hin, als habe er nicht das geringste mit ihr gemein. Er trug eine weite schwarze Samtjacke und viel Gelb in dem gewürfelten Tartan, war also von dänischer AbstammungUnter den Tartans (dem buntgewürfelten schottischen Zeugen) unterscheidet man drei Hauptgruppen: die mit viel Rot, mit viel Grün und mit viel Gelb. Rot ist die Farbe der schottisch-britischen Clane, Grün die Farbe derer, die aus Irland stammen und Gelb tragen diejenigen, die sich von den Dänen und Skandinaviern herleiten. , wahrscheinlich ein Macleod. Um den Leib trug er jene eigentümlich schottische Jagdtasche, die fast die Form einer Geldkatze hat, und die sechs langen Geißbärte, die wie ebenso viele Siegeszeichen an dieser Tasche zu hängen pflegen, fielen malerisch über den faltenreichen Kilt. Das kurze schottische Schwert hatte er daheim gelassen, aber das Fangmesser, mit einem großen Amethyst oben am Griff, steckte nach Landessitte im rechten Strumpf und bewies neben der Adlerfeder, wer der Ankömmling sei. Nie habe ich eine schönere Erscheinung gesehen; selbst die wachthabenden Royal Blues, denen man in den Korridoren von St. James und Buckingham-Palace begegnet und die mir in ihren Helmen und Stulpenstiefeln, den Pallasch nachlässig in den linken Arm gelehnt, so oft wie herabgestiegene Kriegsgötter erschienen waren, verschwanden in der Erinnerung neben dem Häuptling der Macleods.

Nach einer halben Stunde waren wir glücklich an Bord des Glasgow-Steamers. Die Fahrt geht von Lochgilphead aus wieder südlich, abwechselnd an flachen und felsigen Ufern vorbei, aber die gedeckte Tafel und die Mahnungen des Stewards rufen uns zunächst von Deck in den Salon und entziehen uns der Naturbetrachtung. Auch nachdem wir unsere alten Plätze auf der Galerie des Steamers wieder eingenommen haben, kommen wir nicht mehr zu einem Festhalten all der Bilder, die an uns vorüberziehen. Die Schuld liegt nicht an dem Gebotenen, sondern an der Unmöglichkeit, die Fülle des Gebotenen aufzunehmen. Die Bilder sind prächtig, reich, grandios und in ihrer Belebtheit fesselnder und reizvoller als die Mehrheit dessen, was wir bisher gesehen; aber es geht im Fluge daran vorüber, und wir ertrinken fast im Stoff. Wir gleichen einem, der das Große Los gewonnen hat und dem es in purem Golde ausgezahlt werden soll; anfangs glitzerte es ihm entgegen, und er lacht und strahlt bei jedem neuen Stück, bald aber bittet er, es ihm tüten- und beutelweise zu liefern. Gold bleibt Gold, und Lust und Fähigkeit sind hin, um nach dem Rande zu gucken oder nachzusehen, welches Potentatenbild die Münze schmückt. Von Rothesay an (die schöne Insel Arran zur Rechten) wächst der Verkehr von Minute zu Minute, bis wir Greenock erreichen, den Hafen Glasgows an der Mündung des Clyde. Von hier an beginnt ein Treiben, das ich nur mit der Einfahrt in die Themse vergleichen kann; selbst die Fahrt den Mersey hinauf bis Liverpool bietet nichts Ähnliches. Stadt drängt sich an Stadt; Hunderte von Schiffen und Dampfern steuern an uns vorüber oder wir an ihnen; die Flaggen aller Nationen sind um uns her; Leben, Fülle, Reichtum, wohin wir blicken, und die Wahrheit zu gestehen, ein Gefühl der Heimatlichkeit kommt wieder über uns. Diese Fahrt den Clydefluß hinauf gleicht einer Themsefahrt von Gravesend bis London, und wenn man auch der Themse und ihren Ufern freilich eine größere Wichtigkeit zugestehen muß, so haben die Ufer des Clyde die größere Schönheit voraus.

Spät nachmittags passierten wir Dumbarton, eine jener vier Felsenfestungen, die, nach dem Wortlaut der Unionsakte, als feste Punkte gehalten werden müssen. Die Sonne ging eben unter, und Felsen und Festung lagen wie ein Wolkenschloß da, um das breite, goldene Lichter spielen. Eine halbe Meile weiter aufwärts erreichten wir Bowling, den Hauptstationsort für alle Reisenden, die, von Glasgow oder dem Süden her, einen Ausflug nach dem Loch Lomond machen wollen. Unser Steamer legte, aus besonderer Freundlichkeit gegen uns, an ebendieser Stelle an, und eine Viertelstunde später führte uns ein Abendzug bis an das Gasthaus von Balloch, am Südwestufer des Lomond-Sees.

Als wir im Gasthaus zu Balloch ankamen, war es bereits zu spät, um noch einen Ausflug auf den See hinaus machen zu können; wir hätten wenigstens Mondschein haben müssen, und der fehlte. So ließen wir denn Tische nach draußen bringen, und nahmen unter einer Gruppe von Kastanienbäumen Platz, die uns just noch einen Blick auf Gärten und Wiesen und dahinter auf einen schmalen Streifen des Lomond-Sees gestatteten. Von Zeit zu Zeit trug der Abendwind eine weiche, kühle Luftwelle wie einen Gruß zu uns herüber. Wir waren unserer vier, seit sich von Bowling aus zwei Schotten, ein Mr. Tait und ein Mr. Henderson, zu uns gesellt hatten. Mr. Tait war aus Melrose, wo er an einem Armen- und Rettungshause, wie es deren in England und Schottland so viele gibt, als geistlicher Direktor angestellt war. Die Salbung, mit der er sprach, ließ kaum einen Zweifel darüber, daß er ein Temperanzprediger sei. Mr. Henderson war noch jung und auf dem Punkt, über den Loch Lomond nach Aberdeen zurückzukehren, wo ihm ein Onkel gestorben war. Diesen Onkel zu beerben, reiste er jetzt nach dem Norden zurück. Die goldenen Aussichten machten ihn gesprächig, und er erzählte viel von seinem früheren Leben, das interessanter war, als ein Leben von 22 Jahren gewöhnlich zu sein pflegt. Er war mit in der Krim gewesen, bei Inkerman leicht verwundet worden und hatte dann während des tatenlosen, trübseligen Winters, der folgte, seinen älteren Kameraden von der Füsiliergarde Romane von Currer Bell und Geschichtskapitel aus Macaulay vorgelesen. Vorher war er in Indien gewesen. Das fällt in England nicht auf, und jeder darf von seinen Reisen erzählen, ohne deshalb der Eitelkeit bezichtigt zu werden. Es ist gleichgültig, ob man in Greenwich oder in Shanghai zu Mittag gegessen hat, und weil es gleichgültig ist, ergibt sich die vollste Unbefangenheit bei Sprecher und Hörer.

Beim Plaudern hatten wir die Abendkühle nicht beachtet, die jetzt anfing, uns frösteln zu machen. Ein Glas »Toddy« indes (Whisky-Punsch) stellte das Wohlbefinden rasch wieder her, und in der besten Laune oder, wie die Engländer zweideutig sagen, »in good spirits«, zogen wir uns endlich in unsere Schlafzimmer zurück.

Der andere Morgen führte uns an Bord des »MacGregor« wieder zusammen, und um zehn Uhr früh begann die Fahrt über den schönen See. Der Loch Lomond ist der Nachbar des Loch Katrine. So befanden wir uns denn nach Verlauf von wenigen Wochen wieder an der alten Stelle, d. h. in jenem vielbesungenen MacGregor-Lande, das wir von Stirling aus bereist hatten. Wieder sahen wir auf Schiff und Boot die wohlbekannten Clanfarben und hörten Geschichten von dem letzten Helden des Clan Alpine, von Rob Roy. »Dort steht die Hütte, wo seine Flinte vorgezeigt wird; dort ist die Höhle, wo er sich verbarg«, so erzählen sich die Passagiere und zeigen hier- und dorthin. – Der Loch Lomond ist eine schöne, noble Wasserfläche, und es kommt ihm zu, daß er »der König der Seen« heißt. Dies ist jedoch mehr sein Ehrentitel als sein Name; die eigentliche Bedeutung von Loch Lomond ist »der inselreiche See«. Er ist groß und wasserreich, und die Inseln schwimmen auf ihm wie große Nymphäenblätter. Selbst die Berge an seinen Ufern scheinen ihn nicht gebieterisch einzudämmen, sondern gleichen Satelliten, die ihn umstehen und begleiten. Die Stellung dieser schönen Berge, die sich bis 3000 Fuß hoch erheben, ist nämlich derart, daß man immer in ihrem Kreistanze bleibt und sie jederzeit um sich hat wie den Mond, wenn man in einer klaren Nacht meilenweit durch die Felder fährt.

Nach etwa zwei Stunden hatten wir die Spitze des Sees erreicht. Die meisten Passagiere verließen uns (auch Mr. Henderson), um nach Loch Katrine oder dem Norden zu gehen; wir aber, die wir Perth- und Inverneßshire kannten und nur erschienen waren, um dem Loch Lomond unsere besondern Honneurs zu machen, waren entschlossen, mit demselben Dampfboot, das uns gebracht hatte, nach Balloch und dem Süden zurückzukehren. Wir hatten ein paar Stunden Zeit, durchzogen die nachbarlichen Schluchten, bis wir müde waren, und warfen uns dann ins Farrenkraut nieder, wo junge Eschen und Hagedornbüsche eine Laube für uns bereitet hatten.

Nachmittags begann die Rückfahrt. Die Gesellschaft war steif und leblos, und wir waren endlich froh, mit einer irländischen Dame ins Gespräch zu geraten, die uns bald völlig in Anspruch nahm. Es war eine echte Tochter Erins: lebhaft, witzig, ungeniert, von bedenklicher Toilette und gleichgültig gegen die üblichen Formen englischer Sitte und englischen Anstands. Ihr Name war Miß Arabella Fitzpatrick; Karten führte sie nicht, aber sie war freundlich genug, auf ein abgerissenes Stückchen Papier uns obige Namen aufzuschreiben. In England wäre das mindestens »shocking« gewesen. »You are Germans?« begann sie, als wir auf der Schiffswand saßen und, der Höhle Rob Roys den Rücken zukehrend, wenig Lust bezeugten, uns den üblichen Ciceronevortrag zum zweiten Male halten zu lassen. Wir nickten. »Es sind noch mehr Deutsche an Bord«, fuhr sie fort und zeigte auf eine Gruppe großer starker Männer, die in lebhaftem Gespräch neben dem Kajüteneingang standen. Sie hatte recht. Es zeigte sich bald, daß sie der deutschen Sprache einigermaßen mächtig war. Wir sprachen nun von der Schönheit des Sees, endlich auch von dem romantischen Charakter Irlands und fügten den aufrichtig gemeinten Wunsch hinzu, »die grüne Insel« mit nächstem bereisen zu können. Das gewann uns ihr Herz. Sie fing nun an, allerhand Beschreibungen und sonstige berühmte Stellen aus Thomas Moore zu zitieren, den sie auswendig zu kennen schien. Als sie endlich anhob:

Erin, thy silent tear never shall cease,
Erin, thy languid smile ne'er shall increase.

konnte ich dem Drange nicht widerstehen, in das wohlbekannte Lied miteinzustimmen, und so folgten denn, wie ein gesprochenes Duett, zwischen ihr und mir, die Schlußzeilen:

Till, like the rainbow's light,
Thy various tints unite,
And form in heaven's sight
One arch of peace.

Sie sah mich groß an und sagte dann: »You are a poet.« Ich lehnte die Ehre ab, zeigte aber auf meinen Reisegefährten und flüsterte vertraulich: »He is.« – »Gut denn«, fuhr Miß Arabella fort, »so wird Ihr Freund es übernehmen, einen hübschen Reim, ein Erinnerungswort hier in mein Buch zu schreiben. Er muß begeistert sein, hier der Loch Lomond und hier – ich.« Sie lachte und gab ihm ihr Notizbuch. Ablehnung wäre wenig am Platze gewesen; so nahm Freund B. denn den Handschuh auf und schrieb in vorbildlicher Weise:

Ich liebte immer den Thomas Moor,
Heut' lieb' ich ihn mehr noch denn zuvor.
Ich hab' ihn gelesen hier und dort,
Hinreißt nur das lebendige Wort.

Die Zeilen waren mit deutschen Buchstaben geschrieben, die der Miß Arabella fremd waren. Sie reichte mir also das Büchelchen zurück und bat mich, ihr die Zeilen langsam vorzulesen. Ich tat es. »Ach«, fuhr sie fort, »ein Impromptu! Es klingt sehr gut; bitte, übersetzen Sie es mir.« Ich wollte eben eine simple Prosaübersetzung beginnen, als mirs durch den Kopf schoß, wohl oder übel die Übersetzung in ein paar englischen Reimen zu versuchen. Es ging leichter, als ich dachte, und in nicht allzu langen Pausen deklamierte ich:

I ever liked your Thomas Moore,
I like him more now than before.
The Irish harper's full accord
Sounds mightier in the spoken word.

Sie hatte aufmerksam zugehört, lachte schelmisch und sprach dann rasch:

Deceiver, deceive no longer me!
You are a poet as well as he.

Der »He« war Freund B., auf den sie zeigte. Der letztere, begierig sich für die Verlegenheiten zu revanchieren, die ich ihm bereitet hatte, stimmte mir zu, und das vorgehaltene Notizbuch ließ mir zuletzt keine Wahl mehr. Ich schrieb also folgendes oder wenigstens ähnliches:

Es hat geklippt, es hat geklappt,
Ich seh' es wohl, ich bin ertappt;
Erst Dichter, Leugner dann – so geht's,
Ein Übel gebiert das andre stets.

Impromptuschreiber sind wie Kinder, die beim Spiel nicht müde werden, und wer weiß, wohin diese Vierzeilen geführt und wieviel Notizblätter sie noch gekostet hätten, wenn nicht eben jetzt der würdevolle Mr. Tait an uns herangetreten wäre, um über die alte Vogelflinte Rob Roys eine schätzenswerte Mitteilung zu machen. Die Impromptus (als wäre die Vogelflinte selber losgegangen) flogen davon wie ein aufgescheuchtes Volk Hühner.

Mr. Tait war salbungsvoll, aber gastfreundlich. Der Moment war nahe, wo wir scheiden mußten, und der würdige alte Herr wollte sich nicht von uns trennen, ohne uns vorher mit liebenswürdiger Dringlichkeit nach Melrose hin, und zwar zu einem »plain Scotch dinner« an seinem eigenen Tische, eingeladen zu haben. Wir sagten zu, hielten aber nicht Wort. Freund B. und ich pflegten uns später gegenseitig vorzuwerfen, daß wir den Besuch aus Furcht vor einem Temperanz-Diner unterlassen hätten, in Wahrheit aber trug »Melrose-Abbey« die Schuld, deren wunderbar schöne Ruinen uns Mr. Tait, sein Rettungshaus und sein »plain Scotch dinner« vergessen ließen.

Gegen sieben Uhr waren wir wieder in Balloch, am Südufer des Sees. Eine Stunde später führte uns ein Schnellzug zunächst nach Bowling, dann ostwärts mit wachsender Raschheit nach Glasgow. Die Sonne war längst unter, als wir uns der reichen Hauptstadt des schottischen Westens näherten, aber die dunklen Häusermassen traten doch noch deutlich aus dem grauen Abendschimmer hervor. Die Frage entstand: bleiben oder nicht? Die Schilderungen, womit uns ein lokalpatriotischer Glasgower während der Fahrt unterhalten hatte, waren an Ohr und Herz meines Reisegefährten nicht spurlos vorübergegangen; ich meinesteils sehnte mich aber zurück nach Canongate und der High-Street von Edinburg. Statt aller weiteren Antwort zeigte ich nur auf einige der dreihundert Fuß hohen Fabrikschornsteine, deren eben mehrere, wie erstarrte Dampfsäulen, hoch in den Himmel stiegen. Der Schornstein ist das Wahrzeichen Glasgows. Dieser Hinweis genügte. Von einer Seite des Bahnhofs eilten wir rasch nach der andern hinüber, wo der Edinburger Zug bereits ungeduldig wartete und seine Ungeduld durch Murren und Zischen zu erkennen gab; dann ein lang anhaltender Pfiff, und an Falkirk und seinen Schlachtfeldern vorbei, ohne Gruß für Linlithgow, das wie ein Schattenbild neben uns verschwand, bogen wir nach kaum einstündiger Fahrt um den Schloßfelsen Edinburgs herum und sahen seine Häuser rechts und links emporsteigen, phantastisch nebelhaft wie immer, eine Wolkenstadt, aus der die Lichter blitzten.

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