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Jenseit des Tweed

Theodor Fontane: Jenseit des Tweed - Kapitel 19
Quellenangabe
generatorHTML Tidy, see www.w3.org
typenarrative
titleJenseit des Tweed
authorTheodor Fontane
firstpub1860
publisherinsel
addressFrankfurt
year1989
isbn3-458-32766-5
senderreuters@abc.de
created20040921
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Inverness

Die Strapazen am Tage vorher hatten uns einen langen und festen Schlaf eingetragen. Die Frühstücksstunde war längst vorüber, als wir im großen Speisesaal des Union-Hotels zu Inverneß erschienen, um unser Breakfast einzunehmen. An der langen Tafel, die nach englischer Sitte mit Silberkannen und anderem blinkendem Geschirr reichlich besetzt war, saßen einige der Herren, die am Tage vorher unsere Reisegesellschaft gebildet hatten. Wir kamen uns jetzt ein wenig näher, und statt der üblichen Redensarten, auf die sich während der Fahrt unsere Unterhaltung beschränkt hatte, brachten wir es jetzt zu einer wirklichen Konversation. Es waren fast ausschließlich englische Gardeoffiziere, junge Kavaliere aus reichen und vornehmen Familien, die von einem Jagdvergnügen etwas mehr verlangen als die bequeme Gelegenheit zu massenhaftem Niederschießen jener Gold- und Silberfasanen, die in den Parks der englischen Großen so dicht und so bunt wie die Gold- und Silbernüsse an einem Weihnachtsbaum zu sitzen pflegen. Die echte Waidmannslust gibt begreiflicherweise den weiten Heidestrecken des Hochlands den Vorzug, wo Geschick, Kraft und Mut dazu gehören, den Hirsch zum Stehen zu bringen. Es waren feine, liebenswürdige Männer, besonders der schlanke Gentleman aus der Gasthofsveranda in Dunkeld, dessen zwei Jagdhunde auf viele Meilen hin unsere geduldigen Fußkissen abgegeben hatten. Sein Name war Sir John Metcalfe, ein Enkel jenes Sir Charles Metcalfe, der, nach der Abdankung Lord Bentincks, eine kurze Zeit hindurch als Generalgouverneur von Indien eine hervorragende Rolle spielte. Dies gab Veranlassung zu einem Gespräch über Indien, das uns um so lebhafter interessierte, als der junge Offizier selbst jahrelang im indischen Dienst gestanden hatte und erst seit kurzem von Delhi und Lucknow her wieder in London eingetroffen war.

Nach dem Frühstück machten wir zunächst einen Gang durch die Stadt. Man merkt hier allerdings, daß man sich im Hochland befindet. Zwar herrschen Frack und Überrock, Hose und Filzhut vor, aber die alte Hochlandstracht ist doch noch nicht insoweit aufgegeben, daß sie einem wie ein Kuriosum erschiene, wenn man ihr ausnahmsweise begegnet. Gleich neben dem Union-Hotel befindet sich das große, im In- und Auslande berühmte Geschäft Mr. Macdougalls, dessen alle Etagen des Hauses füllenden Warenlager am besten zeigen, wie stark noch immer die Nachfrage nach Artikeln ist, die das schottische Hochland repräsentieren. Allen diesen Artikeln ist das gemeinsam, daß sie in den Clanfarben auftreten; im übrigen sind die Gegenstände, die sich in diese Farben kleiden, so verschieden wie möglich. Von der schweren Seidenrobe an bis herunter zum Zwirnwickel und Stahlfederhalter findet sich alles bei Mr. Macdougall zusammen, was nur irgend die Farbenmischung von rot und blau und grün ertragen kann. Plaids, Tartans, Mützen und Strümpfe füllen einen Saal, Quincailleriesachen einen andern; Waffen, Schmuck und allerhand Gerät einen dritten und vierten. Vieles davon geht sicherlich ins Ausland, aber die Plaids und Tartans, soweit sie nicht von Seide sind, bleiben wohl überwiegend im Lande. Wenn der Leser dabei ins Auge fassen will, daß Mr. Macdougall jeden Clan (deren immer noch über 50 existieren), seine Ehre gönnt, so wird ihm das am besten einen Begriff von der außerordentlichen Ausdehnung dieses Handelshauses geben.

Inverneß ist überhaupt eine vorwärtskommende Stadt, »a thriving town«, wie die Engländer sagen, und weist so viel von Handel und Wandel auf, wie an so nördlicher Stelle und bei so dünn gesäter Bevölkerung nur irgend erwartet werden kann. Etwas zu seiner Blüte hat wohl der Kaledonische Kanal beigetragen, der, bei Inverneß beginnend, mit Hilfe des Loch Neß und Loch Lochy, die Ostküste Schottlands mit der Westküste, also mit Glasgow verbindet. Dennoch haben sich die Erwartungen, die man an das Zustandekommen dieses Kanals knüpfte, nicht völlig erfüllt. Der von Osten kommende Handel hat an der englisch-schottischen Ostküste eine Menge anderer Häfen und Stapelplätze, die mindestens nicht schlechter gelegen sind als Inverneß und eine rasche Eisenbahnverbindung vor diesem voraus haben. Als der Kanal vorgeschlagen und ausgeführt wurde, wußte man freilich noch nichts von einer Konkurrenz, die so nah und so drohend bevorstand.

Nichtsdestoweniger ist Inverneß der bedeutendste Punkt im ganzen Norden von Schottland (Aberdeen wird dem Osten zugerechnet) und heißt mit Recht die Hauptstadt des Hochlandes. Das immer spärlicher werdende Leben rafft sich hier noch einmal zusammen, schafft Komfort, Luxus und Geselligkeit und treibt Blüten der Wissenschaft und selbst der Kunst. Die Stadt hat drei Zeitungen, was bei einer Bevölkerung von 15000 Menschen zeigt, welch reges geistiges Leben an dieser Stelle noch tätig ist.

Die Sehenswürdigkeiten der Stadt reduzieren sich auf einen einzigen Punkt, auf den unmittelbar neben der Stadt gelegenen Hügel, wo jenes Schloß Macbeths stand, in dem König Duncan ermordet wurde. Von dem alten Schlosse existiert keine Spur mehr. Nachdem es durch die Jahrhunderte hin zahllose Änderungen und Erweiterungen über sich hatte ergehen lassen müssen, wurde es im Jahr 1746 von den Anhängern des Prätendenten in die Luft gesprengt. An der Stelle, wo es stand, befindet sich jetzt ein im Kastellstil gebautes Grafschafts- und Gerichtsgebäude, das nach drei oder vier Jahrhunderten das alte Macbeth-Schloß ziemlich gut veranschaulichen wird. Die Aussicht von diesem Schloßhügel aus ist sehr schön und doch wiederum noch anziehender und reizvoller, als sie schön ist. Ein romantischer Zauber liegt über dieser Landschaft, ein Zauber, gegen den sich auch der nicht verschließen kann, der keine Ahnung davon hat, daß jemals ein König Duncan lebte und ein Feldherr Macbeth, der ihn ermordete. Ein Ton stiller, rührender Klage durchklingt das Ganze, wie das Gefühl eines scheidenden Frühlings, eines kurzen Glücks. Fruchtbare Täler, in denen das Korn reift, dehnen sich in gelben Streifen nach Ost und West hin; aber die Fülle, der Segen ist nur ein Gast hier, ängstlich schüchtern, immer bereit, den eingebornen Gewalten das Feld zu räumen, dem Sturm und der Öde. Nur die hohen Berge, die von Norden her auf die Fruchtbarkeit herabblicken und unmittelbar vor uns die mächtigen Wasserflächen des Moray-Busens sind hier die Herren und Regierer und breiten sich aus mit der stattlichen Sicherheit des Zuhauseseins. Die Natur nördlicher Gegenden kommt über ein Herbstgefühl nicht hinaus. Es war mir, als müßten die Sommerfäden still und geschäftig an mir vorüberziehen.

Kehrt man dem schönen Meerbusen, den wir eben überschauten, den Rücken zu, so haben wir zunächst die Stadt zu unsern Füßen. Jenseits derselben blicken wir in das Grampian-Land hinein, das wir am Tage zuvor in seiner ganzen Ausdehnung, aber auch in seiner ganzen Öde und Traurigkeit passiert haben. Dies breite mächtige Stück Land zwischen dem Busen des Tay und dem Moray-Busen ist das alte Herz des Landes, wo sich die Geschichte desselben abspielte zu einer Zeit, als Edinburg noch ohne alle Bedeutung und das schöne fruchtbare Land im Süden der jetzigen Hauptstadt noch ein Landstrich von unbestimmtem politischen Charakter, mehr eine Republik von Wegelagerern als ein königlicher Besitz war. Das alte Grampian-Land ist deshalb zu gleicher Zeit auch das Land der alten schottischen Könige, zumal König Macbeths. Wir finden ihn bald im Süden, bald im Norden von Perth und Inverneß, aber doch immer in nächster Nähe beider. Das Land um den Meerbusen des Tay herum war seine eigentliche Heimat; er tritt auf als Glamis und Than von Fife. Sein Sieg über die Dänen aber führt alsbald zu seiner Belehnung mit nördlich gelegenen Schlössern und Landstrichen. Er wird Than von Cawdor und kommt als solcher wahrscheinlich in Besitz des in der Nähe von Cawdor gelegenen Schlosses von Inverneß, in dem dann die Ermordung König Duncans stattfindet. Als König, so scheint es, gibt er seine nördlichen Besitzungen wieder auf und macht statt dessen das in seiner heimatlichen Grafschaft Perth gelegene Schloß von Dunsinan zu seiner Residenz. Hier unterliegt er dann seinem Geschick und dem Schwerte MacDuffs, »der aus seiner Mutter Leibe geschnitten war«.

Das Heidemoor von Forres, drauf die Hexen dem Macbeth mit ihrem verführerischen »hail Macbeth, who shall be king« erschienen, liegt fünf Meilen östlich von Inverneß, am Meerbusen des Moray entlang. Wer in einem Dampfboote die Fahrt nach Aberdeen macht, kann, wenn er abends Inverneß verließ, um Mitternacht rechts hinüberlugen nach der Hexenheide und einen Einblick tun in die unheimlich-gespenstische Welt, wo Moornebel und Mondlicht ihre Gestalten brauen.

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