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Jenseit des Tweed

Theodor Fontane: Jenseit des Tweed - Kapitel 16
Quellenangabe
generatorHTML Tidy, see www.w3.org
typenarrative
titleJenseit des Tweed
authorTheodor Fontane
firstpub1860
publisherinsel
addressFrankfurt
year1989
isbn3-458-32766-5
senderreuters@abc.de
created20040921
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Loch Katrine oder das Land der »Lady of the Lake«

Früh am andern Morgen hielt ein Wagen nach Art der alten Postkutschen vor unserm Hotel; drinnen Platz für vier und draußen (wenigstens dem Namen nach) für zwanzig. Wie und wo wir untergebracht wurden, ist mir ein Geheimnis geblieben; aber das Wetter war so schön, die vier Pferde so prächtig und der Kondukteur, der in scharlachrotem Rock unsere Verpackung besorgte, so gut gelaunt, daß wir nicht würdig gewesen wären, Loch Katrine und die Schluchten und Täler der MacGregors zu sehen, wenn wir hätten murren wollen, einen vollbezahlten Platz nur höchstens mit halber Fühlung unter uns zu haben. Als nun gar noch der Kutscher, dessen blauseidene Jacke und weißer Felbelhut uns ohnehin bereits imponiert hatten, statt auf den Bock des Wagens in den Sattel des rechten Handpferdes stieg, waren wir mehr als befriedigt, und auf guten Luftzug vertrauend, wenn es um uns her zu schwül werden sollte, fuhren wir an Stirling-Castle vorbei in die lachende Landschaft hinein, selber lachend, als ginge es zum Oak- oder Derby-Day nach Epsom hinaus. Die Felder, die wir passierten, von Hecken und Baumgruppen unterbrochen, dehnten sich anmutig zu beiden Seiten des Weges; aber dem Anblick nach, den wir tags zuvor von Stirling-Castle aus gehabt hatten, hätten wir geglaubt, mehr erwarten zu dürfen. Es fehlten die besonderen Züge, und was, als Ganzes und aus der Vogelperspektive gesehen, einem reichen weiten Teppich von seltener Schönheit geglichen hatte, bot jetzt wenig, wo wir im Vorüberfahren die einzelnen Felder in nächster Nähe hatten.

Der erste Punkt, den wir erreichen, ist Bridge of Allan, ein kleines, dörfisches Charlottenburg, dessen überall angekündigtes »Hier sind Wohnungen zu vermieten« über die Bestimmung und Erwerbsquelle des Dörfchens keinen Zweifel läßt. Windgeschützt, am Fuße der Berge gelegen, ist es ein bevorzugter Sommeraufenthalt für solche Edinburger, die aus Neigung oder Gesundheitsrücksicht die Nebelluft der Ostküste mit der reineren Luft des Hochlands vertauschen wollen.

Unser Wagen rollt, unaufgehalten durch die Holprigkeit des Steindamms, rasch durch Bridge of Allan hindurch, und an Dörfern und Landhäusern, wohlerhaltenen Herrensitzen und zerfallenen Schlössern vorbei, begrüßen wir endlich nach mehr als zweistündiger Fahrt das Dorf Callander, seinen Turm und seine Ulmenallee, vor allem aber sein Wirtshaus. Das Schild desselben zeigt uns natürlich einen Hochländer vom Clan der MacGregors, und selbst die bunt umherstehenden Post- und Gepäckkarren haben sich soviel wie möglich in die Farben dieses nachbarlichen Clans gehüllt. Unsere Fahrt aber in Luft und Sonnenbrand hat uns vor allem hungrig und durstig gemacht, und ohne irgendwelches Kümmern darum, ob hier im Zeichen Robin Hoods oder Rob Roys gegessen wird, halten wir uns an die Sache selbst und umlagern das Büffet. Glücklich, ein Glas Ale und einen Bissen Haferbrot erobert zu haben, folgen wir jetzt willig wieder der Mahnung des Kondukteurs, und mit Hilfe eines zurückbleibenden wohlbeleibten Farmers in unserem Komfort wesentlich verbessert, geht es nunmehr in wirkliche Hochlandslandschaft hinein.

Unmittelbar hinter Callander beginnt, auf eine Strecke von etwa drei deutschen Meilen, jener schöne, berg- und seegeschmückte Landstrich, dem die Schotten in dankbarer Huldigung gegen den Dichter, der hier jeden Zollbreit Erde poetisch verherrlicht hat, den Beinamen »the country of the Lady of the Lake« gegeben haben. Um dieses Land zu verstehen und zu genießen, ist es nötig, mit dem Inhalt der gleichnamigen Dichtung einigermaßen vertraut zu sein. Es hat einen Sinn, wenn auf den Frühstückstischen in Stirling neben der neuesten Zeitung auch die Goldschnittexemplare der »Jungfrau vom See« in roten und grünen Einbänden reichlich umherliegen, und Leser und Leserinnen mögen es mir zugute halten, wenn ich hier auf Augenblicke unsere Weiterreise unterbreche, um zuvor ihnen und mir den Inhalt der schönen Dichtung ins Gedächtnis zurückzurufen.

Loch Katrine

Loch Katrine

Die Jungfrau vom See

Jakob V. war König, die Macht des Adels gebrochen und jedes Mitglied der Familie Douglas bei Todesstrafe verbannt. Nur einzelne der Hochlands-Clane, pochend auf die Sicherheit und Entfernung ihrer schwer zugänglichen, durch Paß und Schlucht verteidigten Täler, waren noch unbezwungen und machten ihre Stellung zum Hofe von ihrem Willen abhängig.

Zu diesen Clans, die noch ein eigenes, selbständiges Leben für sich in Anspruch nahmen, gehörten namentlich auch die MacGregors, die in den Tälern und Schluchten zwischen dem Loch Katrine und Loch Lomond wohnten. Auch die Seen von Achray und Vennachar gehörten mit zu ihrem Gebiet.

Bochastle, an der äußersten Spitze des Loch Vennachar, bezeichnete nach Südost hin den am weitesten vorgeschobenen Punkt ihres Gebiets; Landrick Height, am Nordufer desselben Sees, diente als Sammelplatz des Clans, wenn es Angriff oder Verteidigung galt, und der Felsenpaß der Trossachs, der, zum Loch Katrine führend, zugleich die Schutzmauer desselben bildete, war der Punkt, den die Clansleute zu besetzen pflegten, um gegen die Angriffe selbst eines übermächtigen Gegners gesichert zu sein. Die letzte Zufluchtsstätte des Clans aber, wenn selbst der Paß der Trossachs nicht länger Hilfe zu leisten vermochte, bildete eine Insel im Loch Katrine selber, jenes kleine Eiland am Südostende desselben, das den Namen Ellen-Island, also Heleneninsel, führt. Mehr denn einmal zog sich ein geächteter Häuptling der MacGregors, Schutz suchend, in die Öde und Einsamkeit dieser Insel zurück, die bei den gewöhnlichen Kriegszügen mit den benachbarten Clans als regelmäßige Zufluchtsstätte der Greise, Weiber und Kinder diente.

Jagdeifer führte den König Jakob (der in der Dichtung als Ritter Fitzjames auftritt), seinen Gefährten weit voraus, in das Wald- und Bergrevier der MacGregors. Den See von Vennachar entlang und die Trossachs hindurch verfolgte er die Spur eines prächtigen Hirsches, bis sein überbürdetes Roß fast angesichts von Loch Katrine zusammenbrach. Der König stieß ins Hörn, um seine Gefährten herbeizurufen, aber vergeblich. Die langgezogenen Töne indes waren auf dem Ellen-Eiland vernommen und fälschlich als die Klänge eines heimkehrenden Freundes gedeutet worden, und als der König jetzt durch allerhand Waldgestrüpp sich durchschlagend, plötzlich der Südspitze des schönen Sees vor sich sah, gewahrte er einen leichten Kahn, der eben von der Insel her über den See kam. Auf dem Kahne stand ein Mädchen und führte das Ruder mit Kraft und Geschick. Schon glitt der Kahn in die schmale Bucht hinein und fuhr unter der Wucht eines letzten Ruderstoßes weit das Kiesufer hinauf, als das Mädchen, plötzlich einen Fremden statt des Freundes gewahrend, mit rascher Geistesgegenwart das Ruder in umgekehrter Richtung gegen das Ufer stieß, und die Kraft des ersten Stoßes brechend, wieder weit hinaus auf den See schoß.

Sie war gesichert vor jedem Überfall, und jetzt begann ein Gespräch zwischen dem Könige am Ufer und dem Mädchen im Boot; eine Unterredung, die alsbald dahin führte, daß der König ins Boot stieg und als ein Verirrter und Hilfebedürftiger nach Ellen-Eiland hinübergerudert wurde. Nur Frauen und Diener waren im Haus, die Männer abwesend auf Kundschaft oder Kampf. Auf duftigem Heidekraut, frisch gepflückt auf den Bergen, wurde dem König das Lager gemacht, der am andern Morgen, unerkannt, aber bezaubert von der Insel, dem patriarchalischen Haushalt und vor allem von dem Reiz und der Schönheit des Mädchens, die Insel verließ.

Dieses Mädchen war Ellen Douglas, die Tochter jenes stolzen Douglas, gegen den sich zweimal der Zorn des Königs und jene Ächtungsformel gerichtet hatte, die jeden Douglas bei Todesstrafe aus den Grenzen Schottlands verbannte. Die Verbannung war ausgesprochen worden, aber die Liebe, mit der der alte William Douglas an seinem Lande hing, hatte ihn allem königlichen Zorn und aller Gefahr zum Trotz im Lande festgehalten, und statt über See zu gehen, war er zu den MacGregors gegangen, um unter ihnen in Stille und Heimlichkeit die Luft des Vaterlandes weiter atmen zu können. Roderick Dhu, das Haupt der MacGregors und durch nahe Verwandtschaftsbande an das Haus der Douglas geknüpft, hatte den Verbannten und seine Tochter Ellen aufgenommen und beiden den besten Platz, den der Clan MacGregor besaß, die Insel im See, als Wohn- und Zufluchtsstätte angeboten. Sein Anerbieten war angenommen worden, und seit länger als zwölf Jahren war die Insel eine verschwiegene Residenz, darin neben Douglas und seine Tochter auch Roderick Dhu und seine Mutter lebten. Roderick Dhu liebte seine schöne Muhme, aber Ellens Herz hing an dem jungen Malcolm Graham.

An demselben Morgen, an dem der König die Insel verlassen hatte, kehrten Roderick Dhu und der alte Douglas von einem Ausflug in die Trossachs und das Tal Glenfinlas heim. Roderick Dhu war in großer Aufregung; er hatte überall, wohin er gekommen war, von dem Zuge des Königs gehört und deutete ihn nicht als einen bloßen Jagdzug, sondern als eine Rekognoszierung, der bald ein Kriegszug folgen werde. Douglas' Erregung war kaum minder groß. Er glaubte seinen Aufenthalt verraten, sich die Ursache eines Unternehmens, das er ebensowenig bezweifelte, wie Roderick Dhu selber, und klagte sich an, all dies Unheil auf seinen Gastfreund gebracht zu haben. Was immer die Ursache sein mochte, Roderick Dhu war entschlossen, das Äußerste zu wagen, und das »blutige Kreuz« durch alle Schluchten und Täler seines Clans sendend, rief er die MacGregors auf Landrick Height zusammen. Sie kamen all.

Der König, der nichts ahnte von dem Ungewitter, das sich den drei Seen entlang, an deren Ufern er gestern noch in tiefem Frieden gejagt hatte, gegen ihn zusammenzog, war inzwischen nach Stirling zurückgekehrt, voll von den Eindrücken, die das Eiland im See auf ihn gemacht hatte, vor allem aber voll Sehnsucht nach dem schönen Mädchen, das ihm wie die Beherrscherin einer märchenhaften Insel erschienen war. Es ließ ihm keine Ruhe, und ein halbes Dutzend Gefährten bis nach Bochastle mit sich führend, ritt er jetzt aufs neue, einsam, ein abenteuernder Ritter, in das Schluchtenland der MacGregors hinein, um das Mädchen vom See zu sehen und zu ersiegen. Er verstand sich auf Frauen und hielt sich seines Sieges gewiß.

Aber viel hatte sich seit gestern geändert. Die MacGregors lagen nicht mehr friedlich in ihren Hütten, sie lagerten wohlbewaffnet auf der Höhe von Landrick Height, und alle Engen und Pässe waren besetzt, um dem herannahenden Feinde, an dessen Existenz noch jeder glaubte, zu begegnen. Der König, der den See entlang, durch die Trossachs hindurch, ruhig seines Weges trottete, ahnte nicht, daß er dem ganzen Clan, der überall seinen Schritten folgte, als ein bloßer Kundschafter galt und daß Roderick Dhu beschlossen hatte, ihn auf dem Heimweg überfallen und töten zu lassen. Sehen wir, wie der König dieser Gefahr entging.

Er fand Ellen, aber er fand sie nicht geneigt, seinen Bitten Gehör zu geben. Wohl vertraut mit der Art der Frauen, stand er von einer Werbung ab, deren Erfolglosigkeit er rasch erkannte. Im Moment der Trennung warnte sie den König vor der ihm drohenden Gefahr, ein Wort, das, anfangs leicht hingenommen, dem Könige bald in seiner ganzen Bedeutung klar werden sollte. Da, wo die Trossachs zum Loch Achray hinabsteigen, sah er sich umstellt, und wiewohl er den nächsten seiner Angreifer niederschlug, rettete ihn doch nur die Nähe und Dichte des Waldes.

Der nächsten Gefahr war er entgangen, aber unkundig des Landes, der Wälder, Heiden und Moore, durch die sein Fuß jetzt irrte, wie durfte er hoffen, sich unentdeckt durch ein vom Feinde hundertfach besetztes Land zu schlagen! Erschöpft von Hitze und Anstrengung, brach er endlich zusammen und beschloß im Dickicht des Waldes die Nacht und die Rückkehr seiner Kräfte abzuwarten. Die Stunden vergingen, und die Sterne zogen endlich herauf, blaß und verschleiert, aber doch hell genug, dem Verirrten den Klippenrand oder auch die Sümpfe zu zeigen, die, unter Binsen versteckt, oft neben seinem Pfade lagen.

Es mochte Mitternacht sein, als er in der Nähe von Loch Achray kam und, um einen Felsenvorsprung biegend, plötzlich ein Wachfeuer sah, an dessen halb ausgebrannten Scheiten ein Hochländer lag. Als dieser seinerseits des Fremden ansichtig wurde, sprang er auf und forderte, auf den König eindringend, das Erkennungs- und Losungswort der MacGregors. Fitzjames war klug genug, nicht lange verhehlen zu wollen, was Tracht und Sprache doch nicht verhehlen konnten, und gab sich rund heraus als das zu erkennen, was er war, als Feind. Aber er kannte auch die Hochlandssitte, und pochend auf die Unverletzlichkeit des Gastrechts, ließ er sich am Feuer nieder und beantwortete die Frage: »Was führt dich her?« mit einem von Herzen kommenden: »Hunger und Durst.« Der Hochländer nahm Haferbrot und Rauchfleisch aus seiner Tasche und teilte, was er hatte. Dann warf er Reisig in das erlöschende Feuer, und sein Plaid von der Schulter lösend, schob er es seinem Gaste zu, der sich ohne weiteres darin einhüllte und zum Schlaf ausstreckte. Die beiden Feinde schliefen ruhig beieinander, bis die Morgensonne sie weckte. Man nahm einen Imbiß, dann wandte sich der Hochländer zu Fitzjames und sagte: »Das Land ist von den unsern besetzt, nirgends ein Ausweg für dich, es sei denn, ich führte dich und brächte dich bis Coilantogle-Ford; da beginnt euer sächsisch Land, da magst du frei deines Weges ziehen.« Fitzjames stimmte zu, und bald schweigend, bald plaudernd schritten sie vorwärts. Der Hochländer sprach viel von dem alten Rechte der Mac-Gregors, von den stolzen und übermütigen »Sassenachs«, die ihnen die alten Jagd- und Weideplätze geraubt hätten; Fitzjames aber war unzugänglich für die schlichte Beredsamkeit seines Gefährten und blieb dabei, daß die Mac-Gregors ein räuberisches Gesindel und Roderick Dhu nicht besser als der Rest seiner Clansleute sei. So kam man bis an die äußerste Spitze von Loch Vennachar, schritt noch ein paar hundert Schritte über blühende Wiesen am Teith entlang, bis man an einen Streifen binsenbewachsenes Moorland kam, sumpfig um die Regenzeit, aber jetzt glatt und hart wie eine Tenne. »Hier ist Coilantogle-Ford«, sagte der Hochländer, »dies ist sächsisch Land, dort hinüber liegen die Türme von Stirling, und ich bin – Roderick Dhu.«

Fitzjames zuckte einen Augenblick zusammen, weil ihm sein Herz sagte, was der nächste Augenblick bringen würde. »Wir haben Mahl und Lager geteilt«, fuhr Roderick Dhu fort, »und ich habe das Gastrecht heilig gehalten; ich habe dich hierher geführt bis auf sächsisch Land, du stehst auf deinem Boden, und die heilige Hand des Gastrechts hält mich nicht länger. Zieh! und laß uns sehen, wo bessere Männer wachsen, hüben oder drüben!« Dabei warf er den runden Schild hin, den er zu tragen pflegte, um während des Kampfes vor seinem Gegner nichts voraus zu haben, und stellte sich dem schweigend und unschlüssig dastehenden Feinde gegenüber. Fitzjames sah einen Augenblick ins Land hinein, nach Bochastle hin, wo hinter dem Tannenhügel, kaum tausend Schritt von dem Binsenplan entfernt, auf dem er eben stand, seine Genossen hielten und seiner Rückkehr harrten; aber im selben Augenblick von dem Stolz und der Kampflust neu belebt, die seinem ganzen Geschlechte eigen war, rief er dem Häuptling mit der Miene der Überlegenheit zu: »So steh denn!« und drang auf ihn ein. Roderick Dhu war der Stärkere, aber großgezogen in rauher, kunstloser Schule, war er schlecht verwahrt gegen die Zauberkünste einer gut geführten Klinge. Rechts und links tropfte sein Blut aus tiefen Wunden, und endlich jetzt mit einem Meisterstoß schlug ihm Fitzjames die breite Hochlandsklinge aus der Hand. Roderick sank ins Knie, und die Waffe seines Siegers berührte fast schon seine Brust, als der erschöpfte Hochländer mit einer letzten Kraftanstrengung aufsprang und, dem Stoße ausweichend, wie eine Katze an den Hals seines Gegners sprang. Er packte mit der Rechten den Hals, mit der Linken den aufgehobenen Arm des Königs, und jetzt begann ein Ringen, in dem das Geschick des Sachsen der wilden Kraft des Hochländers unterlag. Keuchend lag jener am Boden, und Roderick, auf ihm kniend, zog eben sein Dolchmesser, um es dem Gegner in die Brust zu stoßen, als der Faustdruck, der den Besiegten am Boden hielt, plötzlich nachließ, und Roderick Dhu, erschöpft vom Blutverlust, matt und ohnmächtig zur Seite sank. Jetzt stieß der König ins Horn, und die Reiter, die hinter dem Waldeck von Bochastle hielten, sprengten herbei. Statt Ellen Douglas, die der König heimzuführen gehofft hatte, lag alsbald der Häuptling der MacGregors auf dem breiten Sattel des Pferdes und zog blaß und blutend, ein Gefangener, durch die Tore von Stirling ein. Der Schluß der Dichtung löst rasch und mit freundlicher Hand den geschürzten Knoten und führt alles zu Glück und Freude hinaus. Der alte Douglas hat sich dem König gestellt, um auf sein altes Haupt allein die Blitze des königlichen Zorns zu lenken; aber sei es der Sieg über den stolzen MacGregor, oder seien es die bittenden Augen der schönen Ellen – das Herz des Königs ist zu Milde und Vergebung gestimmt. - Roderick Dhu kehrt heim zu seinem Clan; Malcolm Graham, geschmückt mit allen Zeichen königlicher Huld, führt Ellen zum Altar. Der alte Douglas aber zieht wieder ein in Schloß Stirling, um zu stehen, wo er früher gestanden, der Nächste dem Throne und dem Herzen seines Königs.

Das ist das Märchen von der »Jungfrau vom See«. Ellen-Eiland aber ward öd und einsam, das Haus zerfiel, und seine Zauber leben nur fort im Lied und im Herzen des Volkes.

So unter allerhand Gespräch über die Jungfrau vom See, zu dem jeder aus der Vorratskammer seines Gedächtnisses wie zu einem Picknick beizusteuern bemüht war, hatten wir Bochastle erreicht, jenen an der Grenze gelegenen Punkt, wo die Reiter des Königs hielten, um bei der Entführung von Ellen Douglas behilflich zu sein, und sich schließlich begnügen mußten, den halbtoten Roderick Dhu auf den Sattel zu heben. Der nächste Punkt von Interesse war Coilantogle-Ford. Als der Finger des Kondukteurs auf die ziemlich nahe am Wege gelegene Stelle wies, wo Roderick Dhu und Fitzjames gekämpft hatten, sprang alles im Wagen auf, mit einem Eifer und einer Raschheit, als fürchte jeder, daß ihm der Platz durch die Schaugier des andern entführt werden könnte. Der Platz an und für sich war unscheinbar genug, aber eben in seiner Unscheinbarkeit vom Dichter trefflich gewählt. Wir empfanden es an uns selbst, daß die beiden Gestalten um so deutlicher und lebensvoller vor uns hintraten, je leerer der Rahmen war, in den sie der Dichter gestellt hatte. Keine Staffage, die irgendwie gestört hätte; eine Wiese, ein Flußstreifen und still zur Rechten der See von Vennachar. Rasch ging es nun am Nordufer des Sees entlang, an Landrick Height vorbei, dem Musterungsplatz der Mac-Gregors, bis wir die Ufer Loch Vennachars mit denen des nachbarlichen Loch Achray vertauschten.

Aber noch ehe wir die Ufer des Loch Achray zur Seite haben, hält unser Wagen aufs neue; wir haben die »Türkenbrücke«, Bridge of Turk, erreicht, steigen ab und machen diesmal, statt dem Wirtshaus selber, nur seinem Schilde die Reverenz. Nach englischer Art befindet sich dasselbe nicht über der Eingangstür, sondern ist bildartig in einen Rahmen gespannt, der seinerseits auf einem Holzpfeiler steht; das Ganze einem vergrößerten Licht- oder Ofenschirm nicht unähnlich. Das Schild der Türkenbrücke beherbergt ein Doppelschild in seinem Rahmen, zu dem natürlich wie zu allem, auf das man hier stößt, die Scottsche Dichtung Stoff und Veranlassung gegeben hat. Gleich im ersten Gesange der »Lady of the Lake« heißt es:

And when the Brigg»Brigg«, schottisch für bridge. of Turk was won,
The headmost horseman rode alone,

Worte, von denen es nur seltsam gewesen wäre, wenn sie einem schottischen Gastwirt nicht den Gedanken nahe gelegt hätten, die Türkenbrücke zu einer goldnen Brücke für sich selber zu machen. Wir sind verbunden, ihm besten Erfolg dabei zu wünschen; denn er hat sein Geld nicht gespart und sich's vielmehr angelegen sein lassen, ein wirkliches Bild zu seinem Wirtshausschilde zu machen, eine Gesinnung, an der sich viele unserer Gastwirte ein Muster nehmen könnten, denen doch die Malerateliers um einiges näher liegen als ihrem Kollegen an der »Türkenbrücke«.

Die Kehrseite des Bildes hat ein anderes Zeilenpaar aus dem ersten Gesange der Dichtung herausgegriffen und den König darstellend, wie er nach stundenlang vergeblicher Jagd jetzt neben seinem zusammengestürzten Grauschimmel steht, trägt es die Unterschrift:

Then through the dell his horn resounds,
From vain pursuit to call the hounds.

Die Örtlichkeit aber dieses zweiten Bildes befindet sich bereits weit jenseits der Türkenbrücke und mahnt uns daran, daß noch ein Teil der Reise vor uns liegt. Und sei es nun, daß der zusammengestürzte Grauschimmel uns zur Milde stimmt, oder daß die Worte des Kondukteurs mit ganz besonderer Wärme uns einen Spaziergang am Loch Achray empfehlen, gleichviel, wir pflücken uns einen Heidekrautbüschel am Wege und »die blaue Blume« Schottlands an Hut und Mütze steckend, ziehen wir singend am Loch Achray entlang, dem berühmten Paß der Trossachs entgegen.

Was das Wort »Trossachs« meint, weiß eigentlich niemand. In den Reisebüchern steht, es bedeute »Borstenweg«; doch habe ich unterwegs ein halbes Dutzend Ableitungen und Erklärungen gehört, die mir um kein Haar breit unzuverlässiger erschienen sind. Aber wie immer auch die Ansichten darüber geteilt sein mögen, was Trossachs bedeutet und was nicht, darüber sind alle Schotten einig, daß die Sache selber zu den schönsten und sehenswertesten Punkten ihres Landes zählt. Wie Oban an der Westküste, so sind auch die Trossachs seit etwa zehn Jahren eine Sehenswürdigkeit par excellence geworden und erfreuen sich, namentlich auch in London und dem südlichen England, eines Schönheitsrenommees, das fast zum Widerspruch auffordert. Die Trossachs sind unbedenklich ein glänzender Punkt, aber wenn nicht zu Nutz und Frommen einiger Hotelbesitzer, so doch mindestens aus an und für sich löblicher Begeisterung für den Dichter und Schilderer dieser Lokalität um einiges überschätzt worden. Der Irrtum, der dabei begangen worden ist und noch begangen wird, ist der, daß man die Schilderung mit dem Geschilderten verwechselt und die Unübertrefflichkeit jener auf die Sache selber übertragen hat. Es ist genauso, wie wenn man diejenigen Mädchen für die schönsten halten wollte, auf die zufällig die schönsten Lieder gedichtet worden sind.

Was aber sind nun die Trossachs? Sie sind ein Paß, eine Schlucht, ein Hohlweg, der sich an einem Flüßchen entlang zwischen den zwei Felsmassen des Ben A'an und Ben Venue hinzieht, die wie Wächter neben dem Loch Katrine stehen und, ihre Häupter in seinem Wasser spiegelnd, ihre breiten Rücken bis zum Loch Achray hin zurückstrecken. Wir haben hiernach zwei Partien zu unterscheiden, eine längere (die eigentlichen Trossachs), zwischen den beiden Felsrücken gelegen, und eine kürzere (Beal-an-Duine) zwischen den beiden Häuptern der Berge. Der Fahrweg durch die eigentlichen Trossachs folgt nicht dem Laufe des in der Tiefe schäumenden Flüßchens, sondern zieht sich in halber Höhe des nördlich gelegenen Felsrückens als eine völlige Kunststraße hin. Unmittelbar zur Rechten steigen die schweren Felsmassen des Ben-A'an, bald mehr, bald weniger steil in die Luft, während wir nach links hin eine doppelte Nachbarschaft haben, zunächst die abschüssige Tiefe, dann aber jenseits derselben die mächtigen Flanken des Ben Venue. Die Höhe dieser Bergwand ist sehr bedeutend, und die reichen Waldungen, die sie bis zur höchsten Spitze schmücken, tragen nicht wenig zur Schönheit des Bildes bei. Schichtenweis wechselt die Vegetation, und während Birken und Espen die Schlucht fast überdecken, grüßt von der Mitte des Berges her ein Eichenwald, aus dessen grünen Kronen allmählich die schwarzen Tannen aufschießen, um bis zur Höhe des Berges emporzuwachsen.

All dies ist sehr schön, aber doch durchaus nicht das, was die Modevorstellung der letzten fünfzehn Jahre daraus gemacht hat. Was diesen eigentlichen Trossachs fehlt, das ist der Stempel des Besonderen. Man sieht rechts und links, vor- und rückwärts, stimmt in die »Beautifuls«, die mit der Regelmäßigkeit von Pendelschwingungen überall laut werden, nach bester Überzeugung ein, hat aber das Gefühl, sehr ähnliche landschaftliche Physiognomien schon oft gesehen zu haben, und wendet sich endlich von all der Herrlichkeit wie von einem Frauenkopfe ab, dessen Schönheit man gelten läßt, aber dessen Reiz man leugnen kann, weil die Art seiner Schönheit nichts ist als eine höhere Form der Alltäglichkeit.

So sind die Trossachs, aber so ist nicht jener Punkt, Beal-an-Duine geheißen, der sich angesichts von Loch Katrine zwischen den Häuptern der beiden Berge erhebt. Die Berge treten sich hier so nahe, daß ihre grünbekleideten Wände eine Riesenlaube bilden, die, nach hinten zu fast geschlossen, nach vorn hin wie durch einen grünumrankten Rahmen einen Durchblick auf den See gestattet. Das Ganze ist ein Kabinettstück landschaftlicher Schönheit, und Walter Scott wußte wohl, was er tat, als er an diesem Punkt den Kahn der Ellen Douglas landen und den König aus dem Gebüsch des Ufers hervortreten ließ. Die Lokalität scheint eine romantische Dichtung fast wie herauszufordern, und keine Jungfrau vom See kann hier ans Land springen, ohne auf Augenblicke für die Seejungfrau selber gehalten zu werden.

Es war die unromantischste Stunde von der Welt (2 Uhr nachmittags und alle Mann hungrig), als wir, den Bergpfad herabkommend, hier in das am Ufer liegende Dampfschiff stiegen, das die Fahrten über den See hin und zurück macht. Es heißt hier alles MacGregor: der nacktbeinige Junge, der seine Führerdienste uns aufdringt, die beiden Alten, die unser Gepäck an Bord des Steamers bringen, und natürlich auch der Steamer selber. Aber ein bißchen Absichtlichkeit und Spekulation auf hochlandsdurstige »Southrons« kann man hier schon ertragen; die Buchen am Fuße des Ben Venue strecken ihre Zweige weit in den See hinein, und unter dem Laubdach liegt unser Steamer und spritzt von Zeit zu Zeit einen schillernden Wasserregen durch all das Blatt- und Zweigwerk hindurch. Jetzt das Zeichen mit der Glocke, und aus der schattigen Kühle hervor gleiten wir auf der glitzernden Wasserfläche zwischen den Laubwänden und nun, durch den grünen Rahmen des Felsentors hindurch, dem eigentlichen Loch Katrine zu. Gleich zu Anfang des Sees, dem rechten Ufer sich nähernd, liegt Ellen-Eiland. Jeder müht sich die Stelle zu erkennen, wo das mit so viel dichterischem Aufwand geschilderte Haus des alten Douglas gestanden haben soll, aber nur Birken und junge Tannen überragen die unwirtbare Fläche.

Mit dem Moment, wo wir Ellen-Eiland passiert haben, ist das Interesse an Loch Katrine so ziemlich dahin. Die Fahrt über diesen vielbesungenen See ist wie ein Diner, das mit Champagner beginnt und nach längerem Verweilen bei schlichtem Rotwein endlich mit Zuckerwasser schließt. Glücklicherweise verhielt es sich, wenn wir von der Metapher absehen und statt dessen die alleräußerlichsten Fakten befragen, gerade umgekehrt; denn am reizlosen Nordufer des Sees harrte unser im »Gasthaus von Stronachlachar« ein wohlbesetzter Tisch, dessen große Taubenpastete nur noch in kümmerlichen Resten auf unsere Nachfolger kam. Hier, vom Nordufer des Sees aus, führt ein vielbenutzter Weg zum Ostufer des Loch Lomond hinüber, und jeder Tourist, der sich, wie viele tun, auf den Besuch der schottischen Seen zu beschränken vorhat, tut am besten, die Stage-Coach zu besteigen, die, ähnlich bepackt wie unser Stirlinger Wagen, eben jetzt Miene macht, über Inversnaid usw. hinaus, die Fahrt nach dem Loch Lomond zu machen. Wir aber, die wir uns Inverneß und das Schlachtfeld von Culloden als unser Reiseziel gesetzt haben, kehren zu unserem »MacGregor« zurück, und das Land der »Lady of the Lake« noch einmal passierend, fahren wir mit dem letzten Schimmer der Abendröte wieder in Stirling ein.

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