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Jenseit des Tweed

Theodor Fontane: Jenseit des Tweed - Kapitel 12
Quellenangabe
generatorHTML Tidy, see www.w3.org
typenarrative
titleJenseit des Tweed
authorTheodor Fontane
firstpub1860
publisherinsel
addressFrankfurt
year1989
isbn3-458-32766-5
senderreuters@abc.de
created20040921
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Linlithgow

Schottland hat Schlösser, Hof und Hall'
Und Burgen und Paläste,
Linlithgow aber schlägt sie all'
Und ist das schönste, beste;
Ei, wenn im Mai die Knospe springt,
Wie lustig da die Amsel singt
In Garten, Park und Wald,
Der Hänfling zwitschert in der Näh',
Das Wasserhuhn taucht in den See, –
Sah' ich dich wieder bald.
Walter Scotts »Marmion«

Einer der reizendsten Punkte in der Umgegend von Edinburg ist Stadt und Schloß Linlithgow. Es liegt an der Eisenbahn, die nach Glasgow führt. Der eigentliche und alte Name des Städtchens war Lithgow; Lin ist Beiwort und bedeutet Little, so daß das Wort nach der Analogie von Little Glasgow, also mit dem Ton auf der zweiten Silbe, Linlithgow ausgesprochen werden muß. Maria Stuart wurde hier am 5. Dezember 1542 geboren. Als ihr Vater (Jakob V.) auf seinem Todbette die Nachricht von ihrer Geburt empfing, murmelte er: »Mit einem Mädchen kam unser Geschlecht und mit einem Mädchen wird es gehn.« Die düstre Prophezeiung traf nicht völlig ein; die Stuarts regierten noch 150 Jahre, und erst abermals 100 Jahre später erlosch das Geschlecht.

Wir verließen Edinburg mit dem ersten Zuge und waren etwa gegen 9 Uhr an Ort und Stelle. Die Morgennebel zogen noch in grauen Massen durchs Tal, aber sie sahen aus wie eine Armee auf dem Rückzug, kopfhängerisch; die Sonne mußte über kurz oder lang durchbrechen, und der Tau, der überall an den Blättern hing, verhieß einen klaren Tag. Der Bahnhof liegt am Ostende des Städtchens.

Beim Aussteigen, wenn man nicht eine der Eisenbahnböschungen erklimmt, sieht man nichts von dem an der Westseite der Stadt gelegenen Palaste, und der Anblick, der sich einem unmittelbar bietet, ist so schlicht und anspruchslos wie möglich. Eine dem Bahnhof gegenüber gelegene Sägemühle, nach drei Seiten hin von Bäumen eingeschlossen und nur auf der uns zugekehrten Seite frei und offen, wie ein Bild in einem Rahmen daliegend, unterbricht mit ihren immer gleichen Takten die rings herrschende Stille, und die im Vordergrunde in voller Blüte stehenden Malven fügen noch den Reiz der Farbe zu allem übrigen und steigern den Eindruck jenes ländlichen Friedens, der dem müde gewordenen Städter so wohl tut, wo immer er ihm begegnen mag.

Vom Bahnhof aus biegt man rechts in die Stadt ein, die eigentlich nur aus einer einzigen Straße besteht. Weder die einzelnen Häuser noch die Lage des Ganzen bieten irgend etwas Besonderes; es ist ein Städtchen, wie es ihrer Tausende gibt, und wenn irgend etwas an ihm geeignet ist, unser Interesse in Anspruch zu nehmen, so ist es der Umstand, daß diese Fachwerkhäuser, mal grün, mal gelb gestrichen, uns an die deutsche Heimat erinnern und nicht an die englischen Städte, die, bei vielen sonstigen Vorzügen, doch in ihrer Uniformität ermüdend wirken.

Durch zwei Dinge indes ist Linlithgow berühmt (ganz abgesehen von seinem Palast), und zwar durch seine Treue und seine Brunnen. Wem es treu gewesen ist, das ist jetzt schwer zu ermitteln. Seiner Brunnen aber darf es sich rühmen bis auf diesen Tag. Unter diesen ist ein figurenreicher, der dem Rathaus gegenübersteht und an ähnliche Arbeiten in Süddeutschland erinnert, der bemerkenswerteste. Er ist es wohl, der zu der zweiten Zeile in einem alten schottischen Reimspruch Veranlassung gegeben hat, der etwa lautet:

Glasgower Glocken und Falkirker Bohnen,
Lithgower Brunnen, um dran zu wohnen,
Stirlinger Hefen und Perther Bier,
Alle Tausend, so lob' ich's mir.

In wenigen Minuten haben wir die Stadt von Osten nach Westen hin durchwandert und stehen jetzt nach rechts hin vor einer kleinen, kaum hügelartigen Erhöhung, auf der der Palast unmittelbar vor uns gelegen ist. Wenn das Sprichwort recht hat, das da sagt: »Große Fenster schmücken das Haus«, so ist der Palast von Linlithgow so ungeschmückt wie möglich; die Fenster sind klein und nichtssagend, und es liegt kein wesentlicher Grund vor, warum man Anstand nehmen sollte, das Ganze für eine verräucherte chemische Fabrik oder für ein grau gewordenes Landarmenhaus zu halten. Aber es ist mit diesem Palast wie mit den Wohnungen orientalischer Völker; an die Stelle des neugierigen Fensters, das sich um das Draußen kümmert, tritt der verschwiegene Hof, drin die Schönheit nur sich selbst und dem Hause lebt. Das Innere vom Linlithgow-Palast läßt uns rasch vergessen, was der Außenseite fehlt. Ein tiefes, dunkles Portal durchschreitend, treten wir in den Schloßhof. Nach allen vier Seiten hin erhebt sich das Mauerwerk und umschließt einen Rasenplatz, in dessen Mitte sich abermals ein figurenreicher Brunnen befindet. Der Anblick muß etwas Zauberisches gehabt und an die maurischen Höfe Granadas erinnert haben, als hier das Wasser in monotoner Melodie noch niederplätscherte, wachthabende Hochländer um den Springbrunnen herum gelagert lagen und in ihre Tartan-Plaids gehüllt, die Mütze mit der Reiherfeder auf dem Kopf, die Sommernacht verschliefen und verplauderten. Eine ins Detail gehende Beschreibung des Ortes würde hier zu weit führen, auch komm' ich der Phantasie meiner Zuhörer vielleicht am besten zur Hilfe, wenn ich diesen Schloßhof von Linlithgow mit dem bekannten Hof der Heidelberger Schloßruine vergleiche. Es ist eine Verwandtschaft im ganzen da, ohne daß die einzelnen Teile eine solche rechtfertigen mögen. Auch darin sind beide verwandt, daß sie, durch ruchlose Hand in Brand gesteckt,Der englische General Hawley und seine Dragoner waren vom Prätendenten (»Prinz Charlie«) und seinen Hochländern bei Falkirk geschlagen worden. Hawley zog sich nach Linlithgow zurück und quartierte sich selbst und seine Dragoner im dortigen Schlosse ein. Nur auf eine Nacht, denn die Hochländer rückten nach. Als die Dragoner am andern Morgen das Schloß verließen, warfen sie glimmende Asche auf die durch Zimmer und Säle gebreitete Streu. In wenigen Minuten stand das ganze Schloß in Flammen. Hawley (wie unser Führer uns erzählte) rief der Lady Gordon, der Dame vom Hause zu: »Retten Sie sich, Mylady«, worauf die schottische Dame lächelnd erwiderte: »Es eilt nicht, General; schlimmstenfalls aber werd' ich mich vor Eurem Feuer so gut zu retten wissen, wie Ihr Euch vor dem unsern (bei Falkirk) gerettet habt.« Es ist sehr charakteristisch, mit welcher Vorliebe die Schotten solche und ähnliche Anekdoten zu erzählen lieben. Sie fühlen sich als die Schwächern und Unterdrückten und bewahren deshalb jeden kleinsten Zug dankbar im Gedächtnis, der schottischen Mut und Geistesgegenwart auf Kosten der Engländer verherrlicht. sich stärker erwiesen haben als die Zerstörungswut feindlicher Banden; beide zählen bis diesen Tag zu den wohlerhaltenen Ruinen. An zauberischer Lage, an Mannigfaltigkeit und buntem Wechsel bleibt Linlithgow freilich weit hinter der deutschen Schloßruine zurück, hat aber andrerseits Geschlossenheit, Ernst und einen edleren, alle Überladenheit meidenden Stil vor dieser voraus. Von den vier Flügeln des Palastes interessiert uns nur einer, der westliche. Hier konzentriert sich das Interesse, und fast jeder einzelne Raum hat seine Geschichte. Über einem weiten unheimlichen Kellergewölbe, das in den Regierungstagen Karls II. als Gefängnis und Hinrichtungsstätte diente (ein rostiger Eisenhaken an der Decke zeigt noch die Stelle, wo 160 Convenanter den Martyrtod starben) , ziehen sich die Zimmer hin, die von den Stuarts des 16. Jahrhunderts wenigstens zeitweilig bewohnt wurden. Das Zimmer, in dem Königin Maria das Licht der Welt erblickte, befindet sich ziemlich genau in der Mitte des ersten Stockwerks und würde von den Räumen, die dasselbe nach rechts und links hin einschließen, in keiner Weise zu unterscheiden sein, wenn nicht Jakob VI., der bei Lebzeiten seiner Mutter so wenig zu ihrer Befreiung tat, nach dem Tode derselben die bequeme Laune gehabt hätte, das Zimmer, drin sie geboren wurde, durch Stiftung eines Prachtfensters kenntlich zu machen. Dies Prachtfenster hat natürlich längst aufgehört, ein solches zu sein, unterscheidet sich aber noch immer durch Sims und Einfassung von der langen Reihe aller übrigen. Innerhalb der vier Wände, die den Raum selbst umschließen, sieht man sich vergebens nach einem Zeichen um, das direkt oder wenigstens symbolisch an die Persönlichkeit erinnerte, die diesem Ort seine Weihe und Bedeutung gegeben hat. Die Wände sind kahl und kalt, herabgefallener Schutt, angefeuchtet vom Regen und festgestampft von Tausenden von Besuchern, hat den Fußboden zu einer bloßen elastischen Tenne gemacht; häßliches gelbes Unkraut wächst in den Winkeln und Mauerritzen, und selbst die Inschriften fehlen, womit ein Mischgefühl von Pietät und Eitelkeit das Mauerwerk berühmter Plätze so gern zu zieren und zu verunzieren liebt. Angesichts dieser Öde und Leere mußt' ich jener Klosterruine in der Nähe von Oxford gedenken, die, der Sage nach, der Ort ist, wo Rosamunde Clifford, gemeinhin die schöne Rosamunde geheißen, ihren letzten Ruheplatz im Leben wie im Tode fand. Die ganze Stätte dort ist nur ein Grasplatz noch, um den sich, mal hoch, mal niedrig, eine Feldsteinmauer zieht; aber jene eine Stelle, von der es heißt, daß es die Zellenwand der schönen Rosamunde war, hat ihr entsprechendes Erinnerungszeichen gefunden, und durch Stein und Mörtel hindurch seine Wurzel schlagend, erhebt sich ein wilder Rosenstrauch hoch in die Luft.

Das Zimmer, in dem Maria Stuart geboren wurde, bietet nichts als seinen Namen. Anders verhält es sich mit dem Margareten-Turm, dem Queen Margaret's Tower, der sich in der Nordwestecke desselben Flügels erhebt. Wir steigen, um diesen Turm auf dem nächsten Wege zu erreichen, zunächst eine geräumige, ziemlich wohlerhaltene Treppe hinauf, die wir zur Linken haben. Diese Treppe führte früher aus den Zimmern des Hochparterre in die oberen Stockwerke. Dach und obere Stockwerke aber existieren seit lange nicht mehr, so daß die Treppe jetzt ins Freie, statt wie früher in höher gelegene Zimmerreihen führt. Im Heraustreten befindet man sich sofort wie auf dem Wallrand einer Festung, und die Deckenfläche der eben verlassenen Zimmer als Fußboden unter uns, sehen wir uns jetzt auf einer reizend gelegenen Bastion in der angenehmen Lage, einen Spaziergang machen zu können. Auf und ab schreitend, schicken wir uns wirklich bereits an, die warme feuchte Luft in langen Zügen einzuatmen, als die Stimme des Führers uns daran erinnert, daß wir um keines Spaziergangs willen dies alte Mauerwerk erklettert haben, sondern bloß, um mit Benutzung desselben auf bestem Wege an den Margareten-Turm zu gelangen. Vor diesem stehn wir nunmehr, die Mauern sind ziemlich dick, und durch eine schmale Seitentür treten wir jetzt in das erste Stockwerk desselben ein. Die hinaufführende, schmale Wendeltreppe hat der Stufen nicht allzuviele, und ohne sonderliche Anstrengung erreichen wir alsbald das oberste, laternenartige Gemach des Turmes, das den Namen Queen Margaret's Bower (Zimmerchen) führt. Die Aussicht von diesem Turm ist entzückend. Nach allen Seiten hin, aber sehr allmählich, hebt sich das Terrain; breite, goldgelbe Haferfelder steigen die Hügel hinauf und verdünnen sich landeinwärts zu immer schmaleren Streifen. Hier und dort Hecken und Baumgruppen, die sich in Nebel und Ferne verlieren. Nach Süden hin die Stadt, die sich ziemlich dicht an den Palast lehnt; unmittelbar vor uns aber ein kleiner, inselreicher See, der sich rechtwinklig, nach Nord und West hin, um die Fronten des alten Schlosses legt. Wir standen wie geblendet; einzelne Möwen flogen vor uns auf, und mit Gekreisch bald diese, bald jene Insel umschwebend, glänzte das Weiß ihrer Flügel wunderbar über dem Graublau des Wassers.

Es würde sich verlohnen, den Margareten-Turm zu ersteigen, wenn er auch nichts böte als diese Aussicht. Es knüpfen sich aber auch historische Erinnerungen an denselben, die ein plastischeres Bild geben als das bloße »in diesem Zimmer wurde Maria Stuart geboren«. Königin Margarete war die Schwester Heinrichs VIII. von England; Jakob IV. von Schottland war ihr Gemahl. Als dieser, übermütig und verblendet, ein Heer sammelte, um England mit Krieg zu überziehen, beschwor ihn Margarete, von diesem Unheilszuge abzustehen. Umsonst. Der Zug gegen England war beschlossen. Wie er begann und endete, erzähle ich im folgenden Kapitel (Floddenfield). An dem Tage, wo Jakob aufbrach, erstieg die Königin den Nordwestturm, der seitdem ihren Namen trägt, und sah von seiner Höhe aus die endlosen Reihen des Heeres gen Süden ziehen. Jene Hügelreihe entlang, die südöstlich den Horizont umschreibt, bewegte sich der Zug, 50000 Mann, vorauf der König und seine Lords. Der Tag war hell, und ihre Rüstungen glänzten in der Sonne. Der Glanz des Aufzuges konnte das Herz Margaretens nicht betören; die Königin wußte, daß sie auszogen auf Nimmerwiederkehr. Die Erinnerung an diesen Tag aber haben Sage und Dichtung lebendig erhalten, und in den Steinquadern des kleinen achteckigen Turmgemachs befinden sich die Worte eingegraben:

Think of Queen Margaret, who in Lithgow's bower
All lonely sat and wept the weary hour.
Hier schwand in Tränen unserer Königin
Einsam und bang die Abschiedsstunde hin.

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