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Jenseit des Tweed

Theodor Fontane: Jenseit des Tweed - Kapitel 11
Quellenangabe
generatorHTML Tidy, see www.w3.org
typenarrative
titleJenseit des Tweed
authorTheodor Fontane
firstpub1860
publisherinsel
addressFrankfurt
year1989
isbn3-458-32766-5
senderreuters@abc.de
created20040921
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Ein Gang nach St. Anthony's Chapel

Holyrood-Palace bildet nach Osten hin den äußersten Punkt der Stadt; unmittelbar dahinter erheben sich jene unwirtbaren, aber malerischen Felsmassen, die Salibury-Crags. Gemeinhin pflegen die Besucher Edinburgs die höchste Spitze derselben, den sogenannten »Arthurs-Sitz« zu besteigen, um sich von dort aus einer Aussicht zu erfreuen, die dem Panorama von Calton-Hill oder von Edinburg-Castle vielleicht um so viel vorzuziehen ist, als »Arthurs-Sitz« die eben genannten Orte an Höhe übertrifft. Beinah lohnender aber ist es (wenigstens für uns, die wir das Panorama von Edinburg-Castle aus noch frisch im Gedächtnis haben) einen Gang in die Crags, statt auf dieselben zu machen, und so schicken wir uns denn an, dem landschaftlich schönsten Punkt derselben, den Trümmern von St. Anthony's Chapel, einen kurzen Abendbesuch abzustatten. Aus rohem Feldstein aufgeführt und so formlos geworden, daß das, was dasteht, ebensogut einem Hof- und Stallgebäude als einer ehemaligen Kirche angehören könnte, bilden die Trümmer dieser Kapelle an und für sich nicht den geringsten Gegenstand des Interesses; ebensowenig sind die Vorgänge, die sich an diesen Ort knüpfen, dazu angetan, einen Besuch desselben zu einer Pflicht zu machen. Aber das landschaftliche Bild, dessen man von ihm aus genießt, ist ganz eigentümlicher Natur, und wennschon weder groß, noch lieblich, noch grotesk, so ist es doch im vollsten Maße das, was ich als die schottische Landschaft par excellence bezeichnen möchte. Worin ihr Charakter und ihr Reiz besteht, werd' ich weiterhin versuchen, dem Leser anschaulich zu machen.

Um St. Anthony's Chapel zu erreichen, schlagen wir von der Stadt aus denselben Weg ein, der uns in einem früheren Kapitel von Waterloo-Place nach Holyrood-Palace führte. Wir wählen diese Straße auch heute wieder, weil wir vorhaben, dem unmittelbar vor der Stadt gelegenen Calton-Hill endlich unseren Besuch zu machen, nicht um der Aussicht willen, die er bietet, sondern bloß der Sehenswürdigkeiten halber, die diesem Hügel in direkter Weise angehören. Diese Sehenswürdigkeiten bestehen in einem halben Dutzend Monumente. Ich habe nicht vor, dieselben zu beschreiben oder zu kritisieren; sie sind Nachbildungen nach der Antike und können keinen besonderen Wert, wenigstens nicht das Verdienst originaler Erfindung beanspruchen; was ihnen aber in ihrer Gesamtheit eine gewisse Bedeutung gibt, das ist der Umstand, daß uns aus ihnen der Gedanke einer Ruhmeshalle des schottischen Volks entgegentritt. Da sehen wir zunächst einen (leider unvollendet gebliebenen) Tempelbau, der in Erinnerung an die Schlacht von Waterloo und die ausgezeichnete Mitwirkung der schottischen Regimenter errichtet wurde; da ist ein Monument Robert Burns' und zwei andere noch, von denen das eine dem Andenken Dugald Stewarts, das andere zu Ehren Professor Playfairs errichtet ist.

Die Mehrzahl meiner Leser wird hier die Frage aufwerfen, was es mit Dugald Stewart und Professor Playfair denn eigentlich auf sich habe? Wer sie gewesen seien und was sie getan hätten, um sich auf der Höhe von Calton-Hill, und zwar von Vaterlands wegen, monumental verherrlicht zu sehen. Genau dieselbe Frage war ich gezwungen, mir selbst zu stellen, der ich bis dahin doch den eitlen Glauben in mir groß gezogen hatte, daß jeder monumentberechtigte Schotte mir aus Dichtung oder Geschichte wenigstens dem Namen nach bekannt sein müsse. Aber ich sollte während meines Aufenthalts in Schottland nur allzuoft an das Irrige dieser meiner Vorstellung erinnert werden. Die Sache ist die, daß wir im Auslande nur die romantische Hälfte Schottlands kennen und wenig oder nichts von der Kehrseite derselben. Dichtung und Romane lesend, sind wir mit unsern Sympathien in der Vergangenheit Schottlands stecken geblieben, während die Schotten selbst nichts Ernstlicheres zu tun hatten, als mit dieser Vergangenheit zu brechen und völlig neue, völlig abweichende Berühmtheiten zu etablieren. Sie haben, um einen Vergleich aus unserer eigenen Geschichte zu nehmen, den Alten Dessauers die ausschließliche Denkmalsberechtigung längst genommen und einen gleichen Anspruch, oder einen größeren noch, auf die Lessings und Winckelmanns, auf die Kants und Beuths ihres Landes übertragen. In Oban (an der Westküste) fand ich ein Buch im Gastzimmer, das den Titel führte: »Die Würdigsten unseres Volks«. Ich blätterte eine halbe Stunde darin und suchte nach mir bekannten Namen, aber vergeblich. Wer waren die Würdigsten? Märtyrer und Reformatoren, Entdecker und Philanthropen, Dichter, Künstler, Gelehrte, aber kein Archibald Bell-the-Cat mit »langem Schwert und kurzer Geduld«, kein Douglas mit der Devise »stolz und treu«, am wenigsten jener Hamiltons einer, die eine Locke Maria Stuarts bis diesen Augenblick wie eine Reliquie aufbewahren. Dies Auftreten zwei ganz entgegengesetzter Elemente, die nur darin zusammenfallen, daß jedes nach seiner Art zur nationalen Kraft und Bedeutung des Landes beigesteuert hat, läßt sich vielleicht nirgends so gut beobachten wie in Schottland, weil der Kontrast selten so schlagend hervortritt wie gerade hier. Während im Laufe der letzten 100 Jahre der ökonomische, puritanische und prosaische Sinn der Bevölkerung die Dinge innerlich zum besten gewandt und vor Wüstheit und unausbleiblichen Verfall gerettet hat, hat gleichzeitig die wüste Kraftepoche, die wenigstens dagewesen sein mußte, um poetisch verherrlicht werden zu können, dem Ganzen nach außen hin einen Glorienschein, ein Ansehen geliehen, das ihm die bloß respektable Seite des Volkscharakters nie erobert haben würde.Dugald Stewart gilt als Haupt der schottischen philosophischen Schule; Prof. Playfair – ein bedeutender Naturforscher.

Die Sonne war im Untergehen, als wir die Treppen, die zum Calton-Hill hinaufführen, wieder hinunterstiegen und durch den Regent-Road nach dem Palaste von Holyrood einschwenkten. Wir warfen dem alten Bau nur einen flüchtigen Blick zu und schritten rasch, an eingezäunten Obstgärten vorbei, den Felspartien zu, die, sich fast unmittelbar hinter Holyrood erhebend, eine steile Rückenlehne desselben bilden. Die Entfernung von Holyrood Chapel bis nach St. Anthony's Chapel mag kaum 10 Minuten Wegs betragen, das Terrain aber wird durch Hügelzüge und in den Weg gewälzte Felsblöcke so oft unterbrochen, daß man Holyrood nach wenig Minuten schon aus dem Gesicht verliert, um es von der Hügelkuppe St. Anthonys aus erst wieder zu erblicken. Als wir auf halbem Wege sein mochten und, die prächtige Felswand der Crags fast unmittelbar vor uns, eine Schlucht hinanstiegen, überraschte uns der Anblick eines Bildes von eigentümlichem Reiz. Etwa hundert Schritte vor uns weitete sich die Schlucht zu einem geräumigen Kessel aus, in dessen Mitte ein Granitblock lag, abgeschliffen und von derselben Form wie die Kiesel im Bach, aber ziemlich von den Umfangen eines deutschen Backofens. Vor demselben, zigeunerhaft zusammengekauert, lagen drei Kinder, während die älteste Schwester, ein Mädchen von 12 Jahren, schwarz und schlank aufgeschossen, einem jungen Schotten, der nachlässig an dem Stein lehnte, einen Trunk Wasser reichte. Es war schon dunkel, und ich konnte die Züge und Umrisse nicht mehr in aller Klarheit erkennen. Der junge Schotte trank, schüttete den Rest aus und reichte die Schale zurück. Das Mädchen trat jetzt beiseite, wo hinter einem Felsvorsprung ein Aschenfeuer zu glimmen schien, und kehrte im nächsten Moment mit einem brennenden Holzspan zurück, den sie dem jungen Schotten wie fragend entgegenhielt. Er nickte mit dem Kopfe, und seine kurze Pfeife zum Munde führend, leuchtete im nächsten Moment der hellodernde Span zwischen den beiden jugendlichen Gesichtern. Einen Augenblick nur, dann kehrte die frühere Dämmerung zurück und, den Kindern am Boden eine Münze zuwerfend, stieg der junge Schotte die Schlucht höher hinauf, dann und wann sich umsehend und die Mütze lüftend, deren lange seidene Bänder im Winde flatterten.

Als wir uns dem Stein noch mehr genähert hatten, sprangen die Kinder auf und liefen mit kleinen Blechschalen, in denen sich eben geschöpftes Quellwasser befand, auf uns zu und baten uns zu trinken. Wir waren ein wenig erhitzt und lehnten die Aufforderung ab, aber die Kleinen erwiderten rasch: was wir nur dächten, daß es ja Wasser aus dem St.-Antons-Quell sei und daß solch Wasser gesund mache, aber nicht krank. Wir wagten es auf das Vertrauen der Kinder und den guten Ruf des Heiligen hin und ließen uns, nachdem wir unsere Pennies geopfert, von den Wundern dieser Quelle geduldig erzählen. Wir sahen nun auch, daß der große Granitblock nicht von ungefähr dort lag, sondern in aller Sorglichkeit auf den Mund der Quelle gelegt war, nicht um diese zu verstopfen, sondern um den reinen Mund der Göttin gegen Unbill zu wahren. Ein roher Tempel, zu Schutz und Ehren der Göttin errichtet.

Eh' wir den Platz verließen, begrüßten wir noch einen Alten, den Vater oder Großvater der Kinder, der hinter dem vorhin genannten Felseck lag und seine Finger an dem verglimmenden Feuer zu wärmen suchte. Er mußte geschlafen haben, sonst hätte uns wohl der neben ihm liegende Dudelsack mit ein paar Tönen willkommen geheißen. Wir wechselten ein paar Worte mit dem Alten und stiegen dann weiter aufwärts.

Als wir die Kuppe erreicht hatten, auf der sich die Trümmer der alten Kapelle befinden, hielten wir Umschau. Hinter uns, fast unsere Rückenlehne bildend, stiegen die Wände der Salisbury-Crags in die Luft; rechts hin dehnten sich die Wellenlinien halb kahler, halb grasbewachsener Hügel; links, aus dem Talkessel hervor, schimmerten die Türme von Holyrood, nur kaum erkennbar noch, im Abenddämmer; vor uns aber, fast plötzlich ins Tal hinabsteigend, lief das Felsenvorland in jene fruchtbare Ebene aus, die sich, als ein beinahe meilenbreiter Streifen zwischen den Crags und dem schönen Meerbusen des Forth dahinzieht. Die Abendnebel kamen jetzt leise vom Meere herauf und begruben rasch den letzten Rest von Leben, der noch unten im Tal geherrscht hatte. Immer seltener hörten wir einen Vogel in der Luft oder einen abgerissenen Klang des Liedes, das der alte Pfeifer am Quell zu unseren Ehren zu spielen schien. Endlich schwieg auch das; klanglose Öde ringsum. Aber in unsrem Rücken vernahmen wir lauter und lauter jetzt das Rauschen der Wasser, die von den Bergen kamen, ein dumpfes Murmeln, ein monotones Geriesel, nur dann und wann unterbrochen durch den hellklingenden Ton einzelner Tropfen, die abgesondert aus ihrer Höhe auf den Felsboden niederfielen.

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