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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Als Eduard die Eltern verlassen hatte und in seine besondere Wohnung kam, fand er keine Ruhe in seinem Zimmer. Die engen Räume drückten ihn, er öffnete ein Fenster, und obgleich der Schnee in großen Flocken hereindrang, wurde ihm wohler und freier, als die Luft seine heiße Stirne wieder kühlte.

Das Haus seiner Eltern lag nahe am Hafen, ein Garten führte terrassenartig zum Flusse hinunter, der gerade hier in das Meer mündete. Eine Unruhe, wie er sie nie empfunden, trieb ihn hinaus, und in den Mantel gehüllt eilte er durch die beschneiten Gänge des Gartens. Hin und wieder fielen noch einzelne, übrig gebliebene Blätter mit den Schneeflocken zur Erde; der Sturm jagte die Wolken vor sich hin und hemmte Eduard im Vorwärtsschreiten. Er war ganz allein auf dem Wege, und nun erst merkte er, daß er das Zimmer verlassen hatte, nicht achtend des Sturmes, der ihn umbrauste, nicht der tiefen Dunkelheit um ihn her, denn stürmischer noch und dunkler sah es in seiner Seele aus.

Wie hatte er sich absichtlich so über seine Gefühle täuschen, wie diese Liebe verkennen mögen? Jetzt, da er mit klarem Blicke zurückdachte, fühlte er fast mit einer Art Beschämung, daß er in Clara von den ersten Augenblicken, da er zu ihr gerufen wurde, nicht nur die Leidende, die Kranke, sondern immer das schöne Weib gesehen hatte. Ihre Liebenswürdigkeit, ihr ruhiger Verstand waren ihm von Tag zu Tag anziehender geworden, und er konnte es sich nicht verbergen, daß Clara für ihn das Ideal eines Mädchens sei.

So hatte er sich seine Geliebte gedacht, so seine künftige Frau gewünscht, und sollte er sich nicht auf dem Gipfel des Glückes wähnen, da Clara ihn liebte? Er konnte nicht daran zweifeln. Jeder Blick, jedes Wort des schönen Mädchens verrieten ihm, ihr selbst unbewußt, eine Neigung, die bei diesem tiefen Gemüte stark und dauernd werden mußte. Alle seine Pulse schlugen warm bei der Überzeugung, Gegenliebe gefunden zu haben, wo sein Herz sie so sehnlich begehrte. Er hatte einen Augenblick hindurch ein Gefühl jenes Glückes, das den Menschen für jahrelanges Entbehren schadlos hält, dann aber zuckte sein Herz kalt und krampfhaft unter der rauhen Berührung der Wirklichkeit. Er hatte sich es ausgemalt, wie Clara, seine Liebe erwidernd, mit ihm vor seinen Eltern erscheinen würde, um diesen Bund segnen zu lassen – aber war das möglich?

»Tor!« rief er aus, »kindischer Tor! Wohin hast du dich verirrt!« Und er stand still und sah hinab in die schäumenden Wellen, die so unruhig wogten wie sein gequältes Herz. Da brach der Mond durch die dunklen Wolken und glänzte einen Augenblick in dem Wellengekräusel wieder, das sich vor den milden Strahlen zu beruhigen und zu ordnen schien, und der Mond dünkte ihm ein klares, lichtes, unerforschliches Auge zu sein, das auf das wilde Meer seines Lebens besänftigend herniederschaute. Das Herz tat ihm unbeschreiblich weh, die Tränen traten ihm in die Augen. ›Gott! Gott!‹ rief es in ihm, ›warum mußte ich in Verhältnissen geboren werden, die mir bei jedem Schritte hemmend entgegentreten? Warum muß ich von allem, was meine Seele am glühendsten begehrt, geschieden sein? Warum mir dies Leben des Kämpfens und Entbehrens?‹

Vor ihm lagen die Schiffe in lautloser Stille, die Wachen gingen, um sich zu erwärmen, mit großen Schritten auf dem Deck umher; hier und dort schimmerte ein Licht aus den kleinen Fenstern der Kajüten. Er fühlte die Nähe von Menschen, er sah, daß auch sie ein schweres Tagewerk zu erfüllen bestimmt waren, und doch beneidete er ihr Geschick und ihren ruhigen Schlummer. Mochte der Schiffer noch so lange von der Heimat getrennt sein, einst kehrt er doch zurück in ein Land, dessen Bürger, dessen eingeborner Sohn er ist, das ihn schützt in allen seinen Rechten; und die Gattin, die er unter allen Mädchen frei erwählte, sinkt an seine Brust, ohne daß der Glaube wie ein drohendes Gespenst zwischen sie tritt und mit kalter Hand die warmen Herzen trennt. Was bot das Leben ihm? Kränkungen waren ihm geworden, seit er zum ersten Bewußtsein erwacht war; weder Mühe noch Fleiß war ihm vergolten worden, wie er es gewünscht hatte und zu hoffen berechtigt war. Nun hatte sein Herz sich dem hemmenden Einflusse allmählich entzogen, es war neu belebt und erblüht in dem erwärmenden Hauch einer edlen Liebe, er hatte die Gefährtin gefunden, an deren Seite er den Lebensgang zu gehen begehrte – und wieder trat das alte Schreckbild zwischen ihn und sein Glück. – Aber war dies Schreckbild nicht zu bannen? Warum sollte er nicht, wie tausend andere, einem Glauben entsagen, dessen Form allein ihn von der übrigen Menschheit trennte? Was band ihn an Moses und seine Gesetze? Es sträubte sich bei diesen ebensoviel gegen seine Vernunft als bei den Lehren Jesu. Warum nicht einen Aberglauben gegen den andern vertauschen und mit der Geliebten vereint zu dem allmächtigen Wesen beten und rein vor seinen Augen wandeln? – Aber war es denn allein der Glaube, den er zu verleugnen hatte? War es nicht auch das Volk, in dem er geboren war, von dem er sich losreißen mußte? Das uralte Volk, das in tausendjährigen Kämpfen seine Selbständigkeit zu wahren und damit seine innere Mächtigkeit zu bekunden gewußt hat? – ›Kann man sich losreißen von seinem Volke?‹ fragte er sich, ›darf ich um meiner Selbstbefriedigung willen mich von meinem Volke trennen, weil es ungerecht mißachtet, weil es unterdrückt wird? – Nimmermehr! – Unzählige meiner Stammesgenossen haben ausgeharrt in Treue, haben Verbannung und Tod erlitten um ihres Glaubens und ihres Volkes willen, und ich wäre feig genug, auf meines Herzens Wünsche nicht verzichten zu können, während die Meinen leben und mich lieben, während es mir gegeben und geboten ist, so viel ich vermag, für die unterdrückte Nation zu wirken, der ich angehöre, sie freizumachen aus Sklavenfesseln, die Jahrhunderte auf ihr lasten. Wie mag ich mein Glück, das Glück des Einzelnen, so hoch schätzen, während mein ganzes Volk nicht glücklich ist! Ehe ich meineidig werde an den Meinen und an meiner Ehre, mag dies Herz brechen in Sehnsucht nach der Geliebten, nach meiner süßen, schönen Clara!‹ Und wieder und immer wieder wollte der männliche Entschluß wankend werden bei dem Gedanken an die Geliebte. Eduard malte es sich aus, wie auch Claras Seele leiden werde unter der Trennung, die er über sie und sich verhängen müsse – wie sie ihm zürnen werde, weil er so großes Weh über sie bringe –, und doch vermochte er noch weniger den Gedanken zu ertragen, sich und ihr durch die Taufe alle diese Schmerzen zu ersparen und sich mit ihr zu verbinden. Er war entschlossen und resigniert, aber tief traurig, als er langsam den Rückweg nach seiner Wohnung antrat. Reiflich überlegte er, wie er sein künftiges Betragen gegen Clara einrichten werde, wie kein Blick, kein Wort das Gefühl seiner Brust enthüllen solle, und das bleiche Licht eines Wintertages sah bereits durch seine Fenster, ohne daß Eduard daran gedacht hätte, sich zur Ruhe zu legen. Der Morgen fand ihn todmüde in einem Lehnstuhl sitzen, erfreut über die körperliche Abspannung, die ihn das geistige Leid weniger zerreißend empfinden ließ.

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