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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Als Clara sich beruhigt hatte und das medizinische Examen vorbei war, ermahnte der Doktor sie, sich so viel als möglich zu schonen, sich ruhig zu verhalten. »Bedenken Sie«, sagte er, »daß der Körper durch Ihre Gemütsbewegung leidet und nicht die frühere Kraft gewinnen kann, und daß Sie andererseits bei diesem gereizten Nervenzustande jedes geistige Leid doppelt schwer empfinden.« Mit diesen Worten wollte er von ihr scheiden, aber sie war wieder Herr über sich selbst geworden und hielt ihn noch zurück. –

»Vergessen Sie, was ich heute sagte«, bat sie ihn, »ich bin krank, und dabei übertreibt man sein Empfinden. Und denken Sie nicht ungleich von mir, weil ich die Meinen im Unmut angeschuldigt habe. Glauben Sie, Herr Doktor!« fügte sie hinzu, indem sie zu lächeln versuchte, »ich bin nicht so undankbar, als ich Ihnen heute erscheinen mußte, und ich möchte nicht, daß Sie mich dafür halten.«

»Liebes gutes Fräulein, wie mögen Sie glauben, daß ich an Ihnen irre werden könne?« rief Eduard aus. »Genügt es denn nicht, daß ich Sie kenne, daß ich seit Wochen Ihre Geduld, Ihre Fügsamkeit bewundere, um ein so schönes, ein reines Bild Ihres Wesens in mir festzustellen? Glauben Sie mir, dem Arzte offenbart sich die Schönheit der Menschennatur ebensooft, als er von der erbärmlichen menschlichen Schwachheit unangenehm überrascht wird. Ihnen danke ich das Erste, und wenn ich als ein kalter Zweifler zu Ihnen gekommen wäre, Ihnen hätte ich die Überzeugung zu verdanken, daß im Menschen ein sanfter Strahl der Gottheit lebt.«

»Oh! Ein so schlechter Christ sind Sie gewiß nicht, daß Sie jemals an Gott gezweifelt und erst meiner Belehrung zum Glauben bedurft hätten!« rief Clara, um ihre Bewegung zu verbergen.

Indem fiel ihr aber das Törichte dieser Äußerung ein, und ihre Verlegenheit nahm zu, als Eduard lächelnd antwortete: »Ein Gottesleugner bin ich in der Tat nicht; aber sicher ein herzlich schlechter Christ, da ich ein Jude bin. Gönnen Sie mir also immerhin die Belehrung durch Ihr Beispiel. Wenn es mich auch nicht bekehrt, so bessert und erfreut es mich, und für beides bin ich Ihnen nur zu gern verpflichtet.«

Damit empfahl er sich und ließ Clara in eigentümlicher Bewegung zurück. Sie hatte ihren Arzt liebgewonnen und ein unbedingtes Zutrauen zu seiner Behandlung gefaßt, sie achtete ihn als Mann, heute hatte sie ihn tief in ihrer Seele lesen lassen. Das Unglück ihres ganzen Lebens, das niemand kannte, hatte sie ihm enthüllt, er hatte sich dabei gegen sie wie ein Bruder mild und gut gezeigt, sie war ihm nähergetreten als jemals einem andern Manne, und – er war ein Jude. Sie erschrak und mußte doch lächeln, denn sie hatte es gewußt, und die Ihren hatten sie damit geneckt, daß sie darauf bestanden, sich nur von einem Arzte des »auserwählten Volkes« behandeln zu lassen. Man hatte sie oft genug um den eigentlichen Grund dieser Wahl gefragt, und doch konnte sie die Tatsache so ganz vergessen, daß sie sie in diesem Augenblicke überraschte. Noch vor einigen Tagen hatte William, der öfter in ihrem Krankenzimmer erschien, mit großer Teilnahme von der Meierschen Familie gesprochen und dafür eine Strafpredigt der Kommerzienrätin aushalten müssen, die er mit verständigen Gründen zurückgewiesen hatte. Jetzt war Clara völlig seiner Ansicht. Sie nannte William in ihrem Herzen einen guten, aufgeklärten Menschen – aber Eduard war mehr als das. Sie mußte an sein klares, kluges Gesicht denken, an seine freie Stimme, und sein jüdisches Gesicht kam ihr fast schön vor.

›Ob Christus wohl auch ähnliche Züge gehabt haben mag‹, fragte sie sich, und immer und immer wieder an ihn denkend, sank sie endlich in einen festen Schlaf, in dessen Träumen William und Eduard und der Heiland, wie die alten Bilder ihn uns zeigen, ineinander flossen und aus dem sie erst am frühen Morgen neu gestärkt erwachte.

Weniger ruhig sollte dem armen Eduard die Nacht vergehen. Während ihn Jenny längst mit seiner schönen Kranken aufzog und seine Mutter an jenem Abend das Geheimnis seines Herzens entdeckt zu haben glaubte, ja mit mütterlicher Sorge bereits dem Vater davon Mitteilung gemacht hatte, merkte der Doktor es noch nicht, daß Clara ihn mehr als irgendeine seiner andern Kranken beschäftigte.

Später als gewöhnlich war er an dem Abende zu den Seinen heimgekehrt. Er fand sie ganz allein. Seine Eltern und Jenny saßen traulich beisammen, er sah, daß man ihn erwartet und vermißt hatte.

»Komm her, mein Sohn«, rief ihm der Vater entgegen, »setze dich zu uns und erzähle, wo du so lange geblieben bist.«

Eduard gab den Bescheid, er hätte Fräulein Horn noch besucht. Jenny erkundigte sich nach ihrem Ergehen, er sagte, daß die Genesung nur langsam vorwärtsschreite und daß die Kranke viel Schmerzen ertragen müsse. »Da könntest du Geduld und Ruhe lernen, Jenny«, schloß er seine Rede.

»Es scheint, als ob Clara überhaupt eine gute Lehrerin ist«, antwortete jene schnippisch, »denn es ist nicht zu leugnen, daß sie dir auch manche Begriffe beigebracht hat, die dir früher nicht geläufig waren. Ich sagte es noch gestern zur Mutter, das ewige Politisieren hast du dir ziemlich abgewöhnt, dafür bist du aber so zerstreut und träumerisch geworden, daß du gar nicht hörst, wenn man mit dir spricht. Entweder macht dir deine Patientin solche Sorgen oder du langweilst dich bei uns zu Hause.«

Eduard hörte das gelassen an, und seine Mutter meinte: »Etwas selten bist du wirklich in der letzten Zeit zu Hause geworden, und verändert finde ich dich auch, mein Sohn! Kannst du uns sagen, woher das kommt, so wirst du mich beruhigen.«

»Was ihr für närrische Frauen seid!« rief der Vater lächelnd. »Ist denn das Leben nicht täglich neu, die Natur nicht täglich verändert, und Eduard sollte unwandelbar die gleiche Stimmung haben? Könnt ihr wissen, was in seinem Berufe sich für neue Verhältnisse ihm aufdrängen und wie klein und beschränkt ihm eure Interessen gegen die seinigen oft erscheinen mögen? Da kommt ihr mit euren Haus- und Familiengeschichten und wundert euch, wenn man nicht mit Anteil danach hört, und nennt das kalt, nennt es zerstreut. Eduard hat, wenn er einst selber Hausherr sein wird, die Kunst zu lernen, mit dem Ohr zuzuhören, ohne daß das Gehörte bis in den Kopf dringt, das lernt sich aber mit den Jahren.«

»Wollte Gott!« sagte die Mutter, augenblicklich zugreifend, wo ihr eine Handhabe für ihr Lieblingsthema dargeboten ward; »wollte Gott, Eduard wäre erst so weit. Ungebunden wie er jetzt ist, läßt er sich in Dinge ein, die ihn nicht kümmern; er nimmt, wie man so sagt, kein Blatt vor den Mund, er äußert politische Ansichten und Hoffnungen, die unnötig die Augen der Regierung auf ihn gerichtet halten, und wenn man ihn warnt, heißt es für allemal: Was tut's! Ich bin ja unabhängig, ich bin ungebunden!«

»Das heißt«, erläuterte der Vater, »du möchtest unserm Sohne mit dem süßen Rosenband der Ehe zugleich eine tüchtige Kette anlegen, eine möglichst kurze, damit er nicht zu große Sprünge machen könne. Die Mutter macht's wie Julia in Shakespeare, ›so liebevoll mißgönnt sie ihm die Freiheit‹.«

Freundlich nahm der Sohn die Hand der Mutter und sagte: »Und doch waren heute meine Gedanken mehr mit häuslichen Verhältnissen als mit allgemeinen Interessen beschäftigt. Ich hatte Gelegenheit, einen Blick in das innere Leben einer Familie zu werfen, in der ein vortreffliches Herz unter dem Druck der widerwärtigen Verhältnisse blutet, und ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, als ich hier eintrat und mir so wohl und behaglich wurde in unserm Hause, wie glücklich jene Arme in einem Kreise wie dem unseren sein würde!«

»Und wer ist die Arme mit dem schönen Herzen?« fragte Jenny schnell.

»Ein Mädchen, das solche indiskreten Fragen niemals stellen würde«, antwortete Eduard sehr bestimmt. Dann meinte er: »In den Jahren, die ich hier praktiziere, ist es mir aufgefallen, wie die glücklichen Ehen, die Sorgfalt der Eltern für ihre Kinder bei den Juden gewöhnlicher sind als in den Christenfamilien. Auch steht die Zahl der Scheidungen, wie mir ein Jurist sagte, bei den beiden Konfessionen in gar keinem Verhältnis, da eine Scheidung der Ehe unter Juden zu den großen Seltenheiten zählt.«

»Das ist allerdings merkwürdig«, meinte Jenny, »denn bei den Juden ist die Heirat doch oft nur eine Familienverabredung, von der Braut und Bräutigam zuletzt erfahren.«

»Das ist nicht nur bei den Juden, sondern überhaupt sehr oft der Fall«, entgegnete der Vater, »und die Welt sieht in der Wirklichkeit nicht ganz so romantisch aus wie in deinem siebzehnjährigen Köpfchen. Was aber das Glück der Ehen bei den Juden betrifft, so verdanken sie das, sowie manches andere Gute, dem Drucke, unter dem sie Jahrhunderte gelebt haben. Der Mann, dem die freie Bewegung ins Leben hinein überall verwehrt wird, der nichts sein eigen nennen durfte, nicht Haus, nicht Hof, dem man das mühsam erworbene Gut unter immer neuen Vorwänden gewaltsam entreißen mußte – dem blieb nichts als sein Weib und seine Kinder. Sie waren das einzige, das ihm nicht leicht zu rauben war, sie blieben sein, auch getrennt von ihm, sein durch den Glauben, und nur, indem sie sich von diesem trennten, konnten sie aufhören, sein zu bleiben. Wie natürlich also, wenn dem Juden Weib und Kind seine Welt wurden, und wenn bis heute das Beispiel glücklicher Häuslichkeit segensreich fortwirkt unter ihnen, obgleich die äußern Verhältnisse sich jetzt geändert haben.«

»Ach! Armer Vater, was hast du denn für eine kleine Welt!« sagte Jenny pathetisch, die gerade in der mutwilligsten Laune war. »Hast niemand als die Mutter und die liebe kleine Jenny! Eine Welt von zwei Weltteilen, während der ärmste Christ fünf Welten hat!«

»Und Eduard?« fragte der Vater.

»Oh! Richtig, der Weltteil Eduard sieht jetzt leider so kläglich aus, als ob bald eine neue Sündflut hereinbrechen sollte. Oder vielmehr, er sieht aus, als ob er statt des Herzens einen Vulkan hätte, der nächstens losbricht und bald den Untergang des Weltteiles voraussehen läßt. O Vater! Vater!« rief sie und warf sich an dessen Brust, als Eduard sie verwundert und nicht eben freundlich ansah, »schütze mich, der Vulkan Eduard fängt an, Feuer und Flammen zu sprühen.«

Der Vater nahm das anmutige Kind in seine Arme, und beide Eltern gaben sich dem Behagen dieses engen Beisammenseins mit vollem Herzen hin. Nur Eduard blieb zerstreut und einsilbig und entfernte sich unter einem flüchtigen Vorwande früher, als er's sonst zu tun pflegte.

»Josephs Brummen wird ansteckend«, bemerkte Jenny scherzend, als er fort war; die Mutter aber schüttelte ängstlich den Kopf und sagte seufzend: »Vater! Was geht mit Eduard vor? Mich macht es unruhig um seinetwillen.«

»Mich nicht«, antwortete der alte Meier. »Eduard ist ein Mann; was es auch sei, laßt ihn gewähren, er wird den rechten Weg schon zu finden wissen.«

*

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