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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Die schöne Clara lag, während sich dies alles begab, von Schmerzen gepeinigt auf ihrem Krankenlager. Jung, schön und gut, umgeben von Reichtum und Luxus, hatte sie doch niemals das Glück gekannt, für das allein sie geschaffen schien. In ihrem väterlichen Hause war die unglückliche Ehe ihrer Eltern eine Quelle des Leidens für sie geworden. Nur der Wunsch, sich in der Welt vorwärts zu bringen, hatte ihren Vater einst dazu vermocht, um seine Gattin zu werben, die, wie schon früher erwähnt, einer der angesehensten Familien der Kaufmannsaristokratie angehörte. Die Kommerzienrätin war einige Jahre älter als ihr Gatte, hatte aber, als sie sich mit ihm verband, noch vollen Anspruch auf die Bewunderung ihrer regelmäßigen kalten Schönheit zu machen und glaubte, ein Recht auf die Verehrung ihres Mannes, auf seinen Dank zu besitzen, weil sie sich entschlossen, zu einer Verbindung zu schreiten, die damals noch keine glänzende Aussicht geboten hatte. Liebe brachten beide Teile nicht in das neugegründete Hauswesen; und als bald darauf der herrschsüchtige Charakter der Frau dem jungen Manne sein Haus zur Plage machte und er sich immer mehr von ihr zurückzog, artete ihre Stimmung in eine Bitterkeit, in eine starre Kälte aus, die vollends dazu beitrug, die Gatten voneinander zu entfernen. Die Geburt ihres Sohnes schien eine Zeitlang das Herz der Mutter mildern Gefühlen gegen den Vater des Kindes zu öffnen. Es war aber zu spät, um den Frieden herzustellen. Horn hatte sich, fortgerissen von andern Männern und einem sinnlichen Temperamente, einer Lebensart überlassen, welche seiner Frau gerechten Grund zur Klage bot, und als einige Jahre später Clara geboren wurde, fehlte schon an ihrer Wiege das Lächeln beglückter Elternliebe.

Ihr Sohn war das einzige Wesen, an dem die Mutter hing. Ihm wurde, sobald er nur imstande war, seinen Willen zu äußern, jeder Wunsch erfüllt; und ebenso schwach und nachsichtig gegen den Sohn als streng gegen alle anderen, hatte die Kommerzienrätin den jungen Mann zu dem weichlichen, kalten und hochmütigen Stutzer erzogen, als welchen wir ihn am Anfang dieser Erzählung zuerst erblickten. – Um die liebliche Clara hatte die Mutter sich wenig nur gekümmert. Die Kleine war früh einer Gouvernante übergeben worden, die glücklicherweise ganz dazu geschaffen war, die Seele des jungen Mädchens zu bewahren und auszubilden. Von den Eltern nicht mehr als notdürftig beachtet, geneckt und geplagt von den eigensinnigen Launen des Bruders, gewöhnte sich Clara schon in erster Kindheit an eine Fügsamkeit und Anspruchslosigkeit, die später der edelste Schmuck der schönen Jungfrau wurden. Nicht ohne Stolz sah der Vater auf die Bewunderung, die das erste Auftreten Claras in der Gesellschaft erregte. Die wilden Leidenschaften der Jugend hatten sich bei ihm gelegt, sein Sohn, der Mutter Liebling, war ihm fremd geblieben; er vermißte eine freundliche Heimat, die Anhänglichkeit einer Familie, und so konnte es nicht fehlen, daß der Tochter demütige Ergebenheit, ihr kindliches Anschmiegen ihn fesselten. Er liebte sie, wie er zu lieben imstande war. Sie war sein Stolz, die Krone seines Besitzes, und alle seine Wünsche gingen darauf hinaus, diese Tochter so glänzend als möglich versorgt zu sehen. Wie angenehm mußte es ihn also überraschen, als die Kommerzienrätin, die das freundliche Verhältnis ihres Mannes zu der Tochter stets mit gewohnter Gleichgültigkeit betrachtet hatte, ihm einst ganz unvermutet die Frage vorlegte, ob es jetzt, da Clara bereits im zwanzigsten Jahr sei, nicht Zeit werde, an die Verheiratung derselben zu denken. Sie teilte ihm mit, daß sie schon seit längerer Zeit mit ihrer in England verheirateten Schwester den Plan entworfen habe, den einzigen Sohn derselben mit Clara zu verbinden. Sie bewies, daß ihr Schwager Hughes, nach englischer Sitte an die Bevorzugung des ältesten Erben gewöhnt, gern bereit sein werde, Ferdinand im Besitze des väterlichen Vermögens zu lassen, und daß auch ohne dieses Clara reicher und glänzender versorgt sein würde, als es in Deutschland jemals der Fall sein könnte. Der Plan, den die Kommerzienrätin dabei hatte, war, einst die gleiche Teilung des Vermögens zwischen ihren beiden Kindern zu vermeiden; und er fand, wenn auch aus andern Gründen, bei ihrem Gatten volle Billigung. William Hughes galt nach allem, was man über ihn wußte, für einen gescheiten und wackern Jüngling. Die Millionen seines Vaters kannte der Kommerzienrat aus Erfahrung, und daß der alte Hughes Mitglied des Unterhauses war, daß auch William dies einst werden und sich eine glänzende Laufbahn für ihn eröffnen könne, entschied nicht wenig zugunsten dieser Angelegenheit, so daß die Kommerzienrätin volle Freiheit erhielt, dieselbe nach ihrer Ansicht einzuleiten.

Nichts war leichter, als den jungen reiselustigen Engländer zu einem Ausflug nach dem Kontinent und zu dem gelegentlichen Besuche seiner Familie zu überreden, die er nur als Knabe gesehen hatte; und der schmeichelhafte Empfang, der ihm von Onkel und Tante wurde, die große Freude, welche Ferdinand, dem die Pläne seiner Mutter nicht unbekannt waren, über des Vetters Anwesenheit an den Tag legte, bewogen diesen bald zu einem längern Verweilen in dem verwandten Hause.

Für Clara begann mit des Vetters Anwesenheit ein neues Leben. Mutter und Bruder überboten sich in tausend Freundlichkeiten gegen sie, man bemühte sich, sie in dem vorteilhaftesten Lichte erscheinen zu lassen und war jetzt plötzlich bereit, ihren Ansichten und Wünschen zu schmeicheln, weil man sie zu ähnlicher Fügsamkeit zu überreden wünschte. Von Natur weich und hingebend, fühlte Clara sich zum ersten Mal in ihrem Leben wahrhaftig glücklich durch das Wohlwollen, von dem sie sich umgeben sah; und da auch auf sie das Glück seinen verschönenden, belebenden Einfluß zu machen nicht verfehlte, war es nur natürlich, daß William seine Cousine sehr liebenswürdig fand. Er beschäftigte sich angelegentlich mit ihr, und bald begann sich ein zutraulich heiteres Verhältnis zwischen ihnen zu bilden, dessen Entstehen von der ganzen Familie mit Freuden bemerkt wurde.

Da kam an dem Abende, an dem diese Erzählung beginnt, der unglückliche Zufall dazwischen, der Clara für lange Zeit von der Gesellschaft trennte, die Heiratsentwürfe ihrer Mutter für sie zunächst hinausschob und Eduard in ihre Nähe brachte. Nach dem ersten Aufruhr, den dieses Ereignis verursacht hatte, fing man im Hornschen Hause bald wieder an, sich den gewöhnlichen Beschäftigungen und Zerstreuungen hinzugeben, und Clara wurde von ihrer Mutter vernachlässigt wie früher, was ihr nach dem kurzen Traume von Glück um so schmerzlicher sein mußte. Fast immer, wenn ihr junger Arzt sie besuchte, fand er sie mit einer Wärterin allein, und seinem geübten Auge konnte es nicht entgehen, daß bei seiner Kranken die Seele empfindlicher noch als der Körper leide. Die Geduld, mit der sie ihre Schmerzen ertrug, die Sanftmut und Ruhe ihres ganzen Wesens und ein Zug von stiller Resignation machten ihm die Kranke wert. Er bemühte sich, durch Unterhaltungen mancher Art ihre Aufmerksamkeit zu beleben; er kam, so oft er es konnte, dehnte seine Besuche lange aus und fand den schönsten Lohn dafür in der dankbaren Freude, mit der das junge Mädchen ihn begrüßte; in dem Genuß, den er selbst bald dabei zu empfinden begann.

Oft, wenn er sie am Morgen in möglichst gutem Wohlsein verlassen hatte, war sie abends in einem aufgeregten, beunruhigenden Zustande, für den in ihrem körperlichen Befinden kein Grund vorhanden war und den er mit Recht unangenehmen Gemütsregungen zuschreiben mußte. So fand er sie denn auch eines Abends weinend und so bewegt, daß sie kaum seine Fragen zu beantworten vermochte. Ein heftiger Streit der Eltern, veranlaßt durch Ferdinands Verschwendung und seine ungeregelte Lebensart, war unglücklicherweise in dem Krankenzimmer ausgebrochen. Der Vater hatte sich mißbilligend darüber geäußert, daß Ferdinand jetzt fast niemals mehr bei Tisch erscheine, daß er seine Zeit in leichtsinniger Gesellschaft verbringe, daß er durch die unverzeihliche Schwäche der Mutter in all diesen Fehlern bestärkt werde, die er als Vater nicht länger dulden wolle. Gereizt durch den doppelten Tadel, der sie und ihren Liebling traf, hatte die Kommerzienrätin heftig erwidert, sie könne eine Lebensweise an ihrem Sohn nicht so strafbar finden, zu der des Vaters früheres Betragen ihm das Beispiel gegeben und die sie jahrelang an ihrem Manne habe erdulden müssen. Trotz Claras dringenden Bitten, trotz ihrer flehentlichen Worte, sie nicht zum Zeugen dieser entsetzlichen Szene zu machen, war sie dennoch fortgesetzt worden, bis die Mutter in höchster Entrüstung das Zimmer verließ und der Vater allein bei ihr zurückblieb, sich vor der Tochter bitter über das Los beklagend, das ihm an der Seite ihrer Mutter geworden sei.

Bald darauf war Eduard eingetreten. Clara war allein. Die Krankenwärterin saß in der geöffneten Nebenstube schläfrig strickend bei einer Lampe, deren Schein durch einen grünen Überwurf gemildert war. Alles war still in dem Zimmer, und Eduard hörte um so deutlicher an den unruhigen Atemzügen der Leidenden, daß sie eben erst zu weinen aufgehört hatte. Freundlich fragte er sie nach ihrem Befinden, er wollte ihre Hand ergreifen, um sich durch den Pulsschlag selbst davon zu überzeugen, aber sie zog die Hand rasch fort und sagte: »Ach! Das beweist heute nichts, ich leide freilich, aber Sie können mir nicht helfen, lieber Doktor!« Und dabei brach sie aufs neue in heiße Tränen aus.

Der Doktor beschied sich und versuchte, sie um ihr körperliches Übel zu befragen, sie war aber so aufgeregt, daß sie, ihre sonstige Zurückhaltung gänzlich vergessend, ihn mit den Worten unterbrach: »Täuschen Sie sich nicht, Herr Doktor! Ich will Sie auch nicht länger damit hintergehen – die äußere Wunde kann nicht heilen, ich kann nicht genesen, solange meine Seele auf das Grausamste zerrissen wird. Ich wollte oft, ich brauchte nicht zu leben!«

»Und denken Sie nicht an Ihre Eltern? Wissen Sie nicht, daß auch für das Leiden der Seele oft wunderkräftiger Balsam in der Zukunft liegt?« fragte Eduard. »Gerade ein Gemüt wie das Ihre muß im Leben Freude finden, weil es geschaffen ist, Freude zu bereiten durch sein bloßes Sein.«

»Ich habe niemandem Freude gemacht, ich habe immer allein gestanden unter den Meinen, von Kindheit an; und ohne meines Vaters Liebe wüßte ich kaum, daß ich eine Heimat habe«, entgegnete sie ihm schnell. »Meinen Tod würde man bald vergessen, und er würde vielleicht ein Glück, er würde zu einem Versöhnungsmittel werden. Sie sagen, ich hätte ein weiches Gemüt; beklagen Sie dann mein Schicksal, das mich in die kälteste Atmosphäre versetzte, in der ich täglich tausendfachen Tod erleide!«

Erschöpft lehnte sie sich bei diesen Worten in die Kissen zurück. Der höchste Punkt der Aufregung war vorüber, sie weinte schweigend eine Weile fort, der Doktor ließ sie gewähren, weil er diese Tränen als das beste Beruhigungsmittel kannte; aber er betrachtete das schöne Mädchen mit Bedauern. Clara war eine jener Frauennaturen, die, wie er es eben gegen sie selbst ausgesprochen, durch ihr bloßes Erscheinen wohltuend wirken. Eine gleichmäßige Ausbildung aller Seelenkräfte bei glücklicher Anlage machte, daß Leute von dem verschiedensten Charakter sich von ihr angezogen fühlten. Der Kluge nannte sie klug, der Leidende teilnehmend, der Frohe fröhlich, und alle fühlten sich erquickt durch ihre Güte und das Wohlwollen, mit dem sie jedem begegnete. Man fand sie liebenswert, man war für sie eingenommen, ehe sie irgend etwas getan hatte, dies Urteil zu rechtfertigen. Solch ein Mädchen könnte und müßte der Schutzgeist eines Hauses sein, sagte sich Eduard, und es tat ihm leid, daß dieses milde Wesen einer Familie angehöre, in der es weder glücklich zu sein noch glücklich zu machen vermochte.

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