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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Über der Meierschen Familie, die wir durch wechselnde Erlebnisse begleitet, schien nun ein günstiges Gestirn in ruhiger Klarheit zu leuchten. Vereint mit Frau von Meining und Walter hatte man Baden verlassen, die erstere fast bis in ihre Heimat begleitet, und nachdem man die Kinder wohlbehalten in Claras Arme geführt, hatte Jenny freudigen Herzens an Walters Seite ihr väterliches Haus betreten. Die vollste Eintracht verband ihre Familie mit der Hornschen. Eduard schien in dem Glücke seiner Schwester, in der Freundschaft Williams und Claras den fröhlichen Sinn seiner frühesten Jugend wiederzufinden und gab sich von ganzer Seele dem Vertrauen hin, mit dem Walter ihm brüderlich entgegenkam. Männer wie Eduard und der Graf mußten sich leicht verständigen, da ihre Gesinnungen, wenn auch von verschiedenen Punkten ausgehend, sich am Ziele begegneten, und selbst die Auskunft von Walters Onkel, deren Jenny bisweilen mit Scheu gedacht hatte, trug nur dazu bei, ihr Glück zu erhöhen. Eine gewisse vornehme Zurückhaltung, welche der alte Graf bei der ersten Begegnung mit Jenny und ihrer Familie beobachtete, war vor Jennys Liebenswürdigkeit und der ruhigen Würde ihrer Angehörigen bald gewichen. Schon nach wenigen Tagen, in denen sie die volle Liebe des alten Grafen gewonnen hatte, sagte er, als er sich abends mit Walter allein befand: »Da es einmal nicht zu ändern ist, bekenne ich dir, du hättest schlechter wählen können als dies Mädchen, die, ihre Geburt abgerechnet, eine wahre Perle unter den Frauen ist. Aber folge mir, heirate sie bald! Es klingt mir doch nicht angenehm, deinen Namen immerfort mit dem dieser übrigens wackern Familie vereinigt nennen zu hören. Ist Jenny deine Frau, so hört das natürlich auf, und die Gräfin Walter ist leichter gegen jede Einwendung zu soutenieren als das Fräulein Meier. Sage dem lieben Mädchen, daß ich es wohl mit ihm meine und darum die Beschleunigung eurer Ehe wünsche. Ich denke den Vater schnell zu überzeugen, daß es für euch das Beste ist, wenn ihr bald als Mann und Frau auf deine Güter geht und dort verweilet, bis alles in die Residenz zurückkehrt, wo ich euch erwarten will, um bei eurem ersten Auftreten in unsern Kreisen mit dabei zu sein.«

Obgleich die Wichtigkeit, welche der alte Graf auf die Ausführung dieses Planes legte, Walter übertrieben schien, stimmte er doch so wohl mit seinen eigenen Wünschen zusammen, daß er bereitwillig darauf einging, und man erlangte von Herrn Meier das Versprechen, Jennys Hochzeit mit Walter schon in den ersten Tagen des Novembers zu feiern. Der Onkel – wie wir den alten Grafen mit Walter nennen wollen –, der Onkel selbst machte fast überall den Begleiter und Beschützer der Verlobten, deren Gesellschaft ihm das lebhafteste Vergnügen gewährte. Bisweilen fiel es ihm wohl auf, wie er jetzt ganz außer seinem gewohnten Kreise, in der Mitte einer jüdischen Familie lebe und sich ganz behaglich dabei fühle, dann aber beruhigte er sich mit dem Gedanken, daß es vernünftig sei, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und daß seine Pflicht ihm gebiete, den Schritt, den sein Neffe nun doch getan habe, gleichsam durch die Anerkennung zu rechtfertigen und zu heiligen, die er der künftigen Gräfin Walter schon jetzt bewies. Er hatte erklärt, bis zur Hochzeit seines Neffen in der Stadt bleiben zu wollen, und unbeschäftigt, wie er es war, betrieb er angelegentlich die Besorgung der Equipagen, des Silbergerätes und alles dessen, was sonst noch zur vollständigen Einrichtung des künftigen Haushaltes gehörte; oder er besuchte, da die Jagdzeit begonnen hatte, die Edelleute seiner Bekanntschaft, die in der Nähe ihre Besitzungen hatten.

So war man in die letzten Tage des Oktobers gekommen, als der Onkel, während sie im Meierschen Hause zu Mittag aßen, seinen Neffen aufforderte, ihm zum Dank für die Mühe, welche ihm die Besorgung der neuen Einrichtung verursachte, auch seinerseits gefällig zu sein und ihn zu einem Freunde zu begleiten, der am nächsten Tage eine Jagdpartie veranstalten wollte, zu der er auch die beiden Grafen eingeladen hatte. Walter antwortete anfangs ausweichend, aber der alte Herr wollte keine Entschuldigungen annehmen und sagte zu Jenny: »Ich bitte Sie, Töchterchen! Legen Sie ein gutes Wort für einen alten Onkel ein, der Ihrem Bräutigam einst die erste Flinte in die Hand gab und sich wieder einmal an den Künsten seines Schülers erfreuen möchte.«

Was sollte Walter machen? Er mußte die Einladung des Greises annehmen, dessen bittender Ton sonderbar gegen seine befehlende Haltung abstach, und man stand von der Tafel auf, weil der Graf schon in der Dämmerung auf das Land zu fahren wünschte, um vor der Nacht bei seinen Freunden einzutreffen.

In lebhafte Diskussionen über eine Maßregel der Regierung vertieft, saßen nach dem Mittagessen die beiden alten Herren, ihren Kaffee trinkend, vor der Flamme eines Kamins, während Walter mit seiner Braut in der Brüstung eines Fensters stand und Eduard und Joseph die neuesten Zeitungen durchflogen.

»Ich fahre ungern hinaus!« sagte Walter. »So sehr ich die Jagd liebe, so wenig sagt mir gerade diese Gesellschaft zu, die mich außerdem ein paar Tage von dir trennt.«

»Wie wäre es«, fragte Jenny, »wenn ich den Onkel bäte, dich mir und meinem Vater zu lassen, da wir ja doch kaum noch eine Woche bei ihm bleiben?«

»Nein, laß das, Beste!« antwortete der Graf, »und am Ende müssen wir diese kleine Trennung, die uns gerade jetzt so unangenehm ist, wie ein Opfer betrachten, das wir den Göttern bringen, damit sie uns nicht beneiden. Wir sind so glücklich gewesen bis jetzt und haben ja die ganze Zukunft vor uns!«

»Sage das nicht, Walter«, bat Jenny; »es klingt so sicher, und wer ist des nächsten Tages nur gewiß?«

»Abergläubisches Kind!« schalt der Graf, indem er sie an sich zog. »Warum sollte das Schicksal, das mich von Jugend auf begünstigte, mir jetzt seine Huld entziehen, da ich sie mit dir zu teilen denke? Sei nicht bange, Geliebte, und vertraue mit mir meinem alten, wohlbekannten Glück!«

Indessen hatte Eduard von der Zeitung aufgesehen und blickte mit Freude auf das Brautpaar hin: »Schade, daß die Mutter das nicht sieht«, sagte er leise zu Joseph, »daß sie nicht sieht, welch eine Zukunft Jennys harrt und wie froh der Vater sich in ihrem Glücke fühlt! Wie würde sie teilnehmen auch an den Hoffnungen, die ich jetzt fester als jemals in mir hege; die vielleicht bald zur schönsten Wahrheit werden!«

»Weißt du, was noch bis dahin geschieht?« entgegnete Joseph in seiner gewohnten Art. »Den Toten ist am wohlsten, laß sie ruhn.«

Unangenehm durch diese Worte in seiner heitern Stimmung berührt, stand Eduard auf und trat zu dem alten Grafen, der sich eben zum Fortgehen anschickte und Walter aufforderte, ihn zu begleiten. Herzlich nahm dieser Abschied von seiner Braut; es war die erste tagelange Trennung seit ihrer Verlobung, Jenny geleitete ihn bis in das Vorzimmer hinaus.

»Also zwei Tage, Walter«, sagte sie, »länger bleibst du nicht fort. Hören Sie, lieber Onkel! Keine Stunde länger borge ich Ihnen Walter, und Sie selbst bringen mir ihn wieder! –« rief sie den Scheidenden zu.

»Auf mein Wort!« antwortete der alte Graf, als er mit seinem Neffen davonging.

Es war noch hell am Tage, und Walter bat seinen Onkel, da sie noch Zeit hätten, mit ihm in den Laden des Juweliers zu treten, bei dem er den Brautschmuck für Jenny bestellt hatte, der noch einiger Abänderungen bedurfte. Dort fanden sie einen Edelmann, der früher mit Walter in demselben Regimente gedient hatte und nun nach jahrelangem Aufenthalt an verschiedenen Höfen Europas nach Deutschland zurückgekehrt war.

Verwundert, die beiden Grafen Walter hier zu sehen, wo sie weder Angehörige noch Besitzungen hatten, fragte jener, während der alte Graf mit dem Juwelier in ein Nebenzimmer ging, wo Jennys künftiges Silbergerät aufgestellt war: »Welch ein Zufall führt Sie in diese Stadt, lieber Graf?«

»Ich bin meiner Braut von Baden-Baden hierher gefolgt und bleibe bis nach unserer Hochzeit hier!«

»Sie sind Bräutigam?« fragte der Baron, »und mit wem?«

»Meine Braut ist ein Fräulein Meier, die Tochter des Bankier Meier.«

»Ach, scherzen Sie nicht, ein Judenmädchen?« rief der Baron lachend.

»Was fällt Ihnen daran auf?« fragte Walter herb und scharf.

»Oh! Ihre Verhältnisse sind zu gut arrangiert«, antwortete jener noch immer lachend, »als daß Sie solche Heirat machen könnten.«

»Sie hören aber, daß ich sie mache!« sagte Walter, heftig auffahrend, »und werden guttun, Ihre Verwunderung auf sich selbst zurückzuwenden, denn ich finde sie unverschämt.«

Der Baron wollte in demselben Tone antworten, als der alte Graf mit dem Juwelier in das Zimmer und, ohne die Veranlassung des Streites zu kennen, zwischen sie trat. »Keine Szenen, meine Herren! –« sagte er gebietend, aber leise. »Sie wissen, wo Sie sich befinden, was braucht es weiter? –« Und indem er dem Goldarbeiter ruhig noch einige Befehle gab, verließ er am Arme seines Neffen den Laden und den zurückbleibenden Baron.

»Was hat es da gegeben?« fragte er. Der Neffe berichtete aufgeregt, was geschehen sei. Der alte Herr schüttelte das Haupt: »Das war es, was ich fürchtete! Dergleichen konnte nicht ausbleiben!« sagte er wie zu sich selbst. Dann zu Walter sich wendend: »Und was willst du tun?«

»Können Sie noch fragen?« antwortete dieser. »Der Unverschämte soll mir Genugtuung geben für die Beleidigung. Ich eile, einen meiner Freunde aufzusuchen. Ich werde Sie hinausbegleiten, Onkel!«

»Ruhig, ruhig, Walter!« sagte der alte Graf. »Ich werde ebensowenig hinausfahren. Die Angelegenheit ist sehr fatal! Aber sie muß ernst und rasch beseitigt werden, darin stimme ich dir bei. Es ist das Beste, du weisest jede Vermittlung ab, zeigst gleich jetzt, daß du in der Beziehung keinen Scherz verstehst, und damit man erfährt, wie deine Familie die Sache ansieht, will ich selber deinen Sekundanten machen. Das Handwerk ist mir freilich etwas fremd geworden – indes ich finde mich wohl noch zurecht.«

Walter drückte dem väterlichen Freunde die Hand, der seine Unruhe scherzend verbergen wollte, und nahm dankbar sein Erbieten an.

Die Herausforderung ließ auch nicht auf sich warten, und Walter bat seinen Onkel, es so einzurichten, daß sie sich am nächsten Morgen schon treffen könnten. Er selbst wolle seine Angelegenheiten ordnen und den Abend dann bei Jenny zubringen. Aber sein Onkel riet ihm davon ab. Er stellte ihm vor, daß Jenny ihn nicht erwarte. »Wozu eine unnötige Rührung«, sagte er, »die sie beunruhigt und dich aufregt. Ihr jungen Herren der jetzigen Zeit nehmt solche Dinge viel zu schwer. In meiner Jugend war das anders! Doch will ich dich nicht hindern, deine Angelegenheiten, wie du es nennst, zu ordnen. Nur zu Jenny gehe nicht! Du siehst sie ja morgen wieder, sei es, daß dir ein kleiner Aderlaß zugedacht ist oder daß du so davonkommst, und du gehst ruhiger an die Sache, wenn du deine Braut ganz unbesorgt weißt.«

Diese Einwendungen überzeugten Walter, und er fügte sich ihnen willig.

*

Jenny schlief am Morgen ruhig, von anmutigen Träumen gewiegt, als man gegen die Gewohnheit sie aufzuwecken kam. Verwundert fragte sie, was man verlange, da der Eintritt ihres Vaters und Eduards sie ein unerwartetes Ereignis ahnen ließen.

»Jenny!« sagte ihr Vater, »kleide dich schnell an, du sollst heute zeigen, daß du die Seelenstärke hast, die wir dir zugetraut. Walter ist erkrankt und verlangt nach dir!«

»Er ist tot! –« rief Jenny, überwältigt von dem jähen Schreck.

»Nein, er lebt!« antwortete Eduard, »aber er ist schwer verwundet auf der Jagd, und auf seinen Wunsch hat man ihn hierher gebracht!«

Wenig Augenblicke darauf kniete Jenny an dem Lager des Geliebten. Er kannte sie noch, dies bewies der Blick voll Liebe und Trauer, mit dem er sie begrüßte, die matte Bewegung, mit der er seine Hand auf ihr Haupt legte, als sie neben ihm niedersank. Aber der Jammer auf den Gesichtern der Anwesenden, die Ruhe und Untätigkeit, welche in dem Zimmer herrschten, sagten ihr deutlich, daß hier keine Hoffnung sei, daß sie an einem Sterbebette stehe. Des Grafen müdes Haupt ruhte wieder an ihrer Brust, unverwandt hing ihr Blick an den Zügen des Geliebten, keine Träne kam in ihre Augen, keine Klage entschlüpfte ihren Lippen. Ihr stummer Schmerz beunruhigte die Anwesenden, und mit den Worten: »Jenny! So mußte ich mein Wort lösen! –« versuchte der alte Graf, so tief er selbst gebeugt war, die Unglückliche aus ihrer furchtbaren Ruhe zu reißen. Aber umsonst! Sie sah den Onkel ihres Bräutigams bemitleidend an, reichte ihm die Hand und versenkte ihre Seele wieder in das regungslose Anschauen des Geliebten.

Eine Stunde furchtbarer Stille war so entschwunden, nur Eduards Bestreben, dem Verwundeten einige Erleichterung zu schaffen, unterbrach die erdrückende Ruhe. Da hörte man plötzlich einen langen Atemzug, Walters Kopf sank vorwärts – er hatte geendet.

Und mit einem Schrei des furchtbaren Schmerzes fuhr Jenny nach ihrem Herzen und fiel auf die Leiche ihres Bräutigams nieder.

*

Am nächsten Tage verkündete die Zeitung: »Gestern fand hier ein Schuß-Duell zwischen dem Grafen W... und dem Baron W... statt, dessen Folgen für den Grafen tödlich waren. Er stand auf dem Punkte, sich zu vermählen, und der Schmerz über seinen Verlust hat auch der unglücklichen Braut das Leben gekostet. Familienverhältnisse sollen die Veranlassung zum Streite gegeben haben!«

Weiter unten las man: »Den plötzlich erfolgten Tod seiner einzigen Tochter Jenny meldet tief betrübt unter Verbittung des Beileides seinen Freunden und Bekannten – R. Meier.«

*

Bei Fackelschein hatte Graf Walter die Leiche seines Neffen aus der Stadt führen lassen, um sie selbst in die Gruft seiner Ahnen nach ihrem Stammschlosse zu begleiten. Jetzt am Morgen standen drei Männer an einem frisch aufgeworfenen Grabe. Es waren der Vater, Eduard und Joseph. Sie hatten es von ihren Freunden als eine Gunst verlangt, daß man ihnen allein die Bestattung der teuren Geschiedenen überlasse, und niemand hatte es gewagt, ihre Trauer zu stören. Hell ging die Sonne an dem heitern Himmel auf, der freundlichste Herbstmorgen beleuchtete das Grab. Einsam standen die Ihren auf dem fremden christlichen Kirchhof, auf dem nun Jenny fern von ihrer Mutter, fern von jedem Blutsverwandten ruhte. Starr und schweigend sah der unglückliche Vater zur Erde nieder, die sein Kind bedeckte, als aus Josephs Brust der Ausruf: »Wozu leben wir noch?« herzzerreißend zum Himmel tönte und die ersten Tränen in die Augen des Vaters lockte.

Da richtete Eduard sich mächtig empor: »Wir leben«, sagte er mit der Begeisterung eines Sehers, »um eine Zeit zu erblicken, in der keine solche Opfer auf dem Altare der Vorurteile bluten! Wir wollen leben, um eine freie Zukunft, um die Emanzipation unsers Volkes zu sehen!«

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