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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Doch nur zu oft vernichtet der Morgen die Hoffnungen des vorigen Tages. Als Walter das Zimmer betrat, in dem man sich zu versammeln pflegte, sah er an den verstörten Zügen der beiden Damen, daß ihre Ruhe erschüttert, ein unangenehmes Ereignis hereingebrochen sein müsse. Clara schien geweint zu haben und schüttelte traurig das Haupt, als Herr Meier tröstend sagte: »Sie sollten froh sein, mein Kind, daß dies Verhältnis nun endlich zu einer Entscheidung gekommen ist. An den augenblicklichen Schmerz darf man nicht denken, wo eine lange und hoffentlich bessere Zukunft gewonnen werden soll.«

Um nicht zu stören, verließ der Graf das Zimmer und ging zu William, den er schreibend fand. Von ihm erfuhr er, wie vor einer Stunde ein Brief Eduards an ihn angekommen sei, der diese allgemeine Aufregung verursacht hatte. Er schrieb ihm:

»Mein Freund, mache Dich gefaßt, eine Mitteilung zu hören, die, obgleich erwünscht in ihren Folgen, doch für den Augenblick ihr Betrübendes hat. Ferdinand ist bei mir, aber er ist krank und sehr zu beklagen.

Vorgestern in der Nacht schellte man an meiner Türe. Man öffnete und kam, mich zu wecken, weil ein Kranker nach mir begehre. Gleich darauf trat der Fremde bei mir ein, und ich fragte, wohin man mich verlange, wer erkrankt sei? ›Ich selbst bin krank zum Sterben und ich wollte, ich wäre tot‹, antwortete der Unbekannte. Ich sah ihn prüfend an. Eine verfallene Gestalt, verfallene Züge und wenig, fast ergrautes Haar – obgleich der Mann so alt nicht schien, um diesen gänzlichen Verfall zu rechtfertigen. ›Sie kennen mich nicht mehr, oder wollen Sie mich nicht kennen?‹ fragte er höhnisch. Aber ich hatte ihn bereits erkannt, trotz der fast unglaublichen Veränderung in seinem Äußern. Es war Ferdinand.

Ich nötigte ihn, sich niederzusetzen. Ich fragte nach seiner Frau. ›Nennen Sie das Weib nicht!‹ rief er, und sein Gesicht zuckte krampfhaft. ›Mit dem wenigen, das man mir als Almosen hinwarf, vermochte sie sich nicht zu begnügen. Ihre Vorwürfe, ihre Ansprüche brachten mich zur Verzweiflung. Ich war krank, ein Fieber nahm mir die Besinnung, und diesen Zeitpunkt benutzte sie, mir alles zu rauben, was ich noch besaß, und mich zu verlassen. Ich hatte ja nichts mehr zu verschenken, zu verschwenden‹, sagte er, und wieder flog das krankhafte Zittern durch seine Züge.

Ich sah, daß seine körperliche Erschöpfung aufs höchste gestiegen war, und redete ihm zu, die Nacht bei mir zu bleiben, zu ruhen; wir könnten das Nötige dann am Morgen überlegen. Er betrachtete mich mit einem Mißtrauen, das mich befremdete, da er mich doch aufgesucht hatte, und sagte: ›Wollen Sie erst von der Familie Horn Verhaltungsbefehle holen?‹ Nun wußte ich, wie ihm beizukommen war. Es gelang mir, ihn zu beruhigen. Ich ließ eine Mahlzeit auftragen, denn er bedurfte dringend einer Erquickung. Mit gieriger Hast griff er nach den Speisen und brach dann, als er sich gesättigt hatte, in ein lautes Weinen aus. ›So komme ich in meine Heimat zurück!‹ rief er und fing darauf an, mir zu erzählen, wie er gestern fast keine Nahrung zu sich genommen, den Postwagen nicht verlassen hätte, aus Scheu, hier in der Nähe seiner Vaterstadt Bekannten zu begegnen. ›Auch hatte ich kaum, wovon eine Mahlzeit zu bezahlen‹, sagte er. ›Sie hat mir alles genommen, ehe sie mich verließ. Als ich zum Bewußtsein wachte, war ich allein, ein Bettler. Seit Monden war unser Kredit erschöpft, niemand wollte uns mehr borgen. Ich erfuhr, daß sie einem Russen gefolgt war, der ihr lange nachgestellt hatte und ihr glänzendere Aussichten versprach, als sie bei mir erwarten konnte. Ein Ring, den ich nie abgelegt und den ich jetzt verkaufte, bot mir die Mittel, sie zu verfolgen – doch bald sah ich die Torheit des Unternehmens ein. Ich mag sie nicht wiedersehen. Eine unbezwingbare Sehnsucht trieb mich hierher. Ich will hier sterben, wo ich geboren und jung gewesen bin.‹

Erschöpft fiel er in das Sofa zurück, und da ich absichtlich schwieg, schlief er bald ein, obgleich er heftig fieberte. Seitdem hat sich unverkennbar ein nervöses Fieber herausgebildet, und die Krankheit ist im Steigen. Er hat nur wenige klare Augenblicke, in seinen Phantasien aber spricht er mit dem tiefsten Haß von seiner Mutter, der er sein Unglück zuzuschreiben scheint. Wenn nicht besondere Zufälle dazwischentreten, hoffe ich auf seine Herstellung. Indessen halte ich es für ratsam, den Eltern die Anwesenheit Ferdinands zu verbergen, bis er körperlich und geistig imstande ist, ein Wiedersehen mit ihnen zu ertragen. Jetzt, da die Trennung von seiner Frau erfolgt ist, wird es uns ein leichtes sein, ihn allmählich seinen Eltern und seinen früheren bürgerlichen Verhältnissen wiederzugeben.

Beruhige Deine Frau deshalb und sage ihr, daß es ihm an der Pflege und Sorgfalt, die sein Zustand erfordert, nicht fehlen soll. Ich bürge dafür und hoffe, Dir bald tröstlichere Nachrichten geben zu können.«

Mit der Entschlossenheit, die Williams ganzes Wesen charakterisierte, erklärte er gleich nach Lesung dieses Briefes sich bereit, nach Claras Vaterstadt zu reisen, um nicht Eduard allein die Sorge für den Unglücklichen aufzubürden, und unter strömenden Tränen beschwor ihn seine Frau, sie mitzunehmen, es ihr zu vergönnen, daß sie selbst die Pflege des Bruders übernehmen und seine Rückkehr in das väterliche Haus einleiten könne. Auch dazu war William geneigt, nur die Unmöglichkeit, mit den Kindern eine so schleunige Reise zu machen, wie sie hier erforderlich war, schien ihren Wünschen ein Hindernis in den Weg zu legen, bis Jenny mit ihres Vaters Zustimmung sich erbot, die Kinder unter ihre Obhut zu nehmen und mit sich nach Hause zu bringen. So ward es beschlossen, noch an demselben Nachmittage abzureisen, und in trauriger Stimmung sah Clara der Stunde entgegen, in der sie zum ersten Mal sich von den Lieblingen ihres Herzens trennen sollte, während William und Jenny ihr Mut zusprachen und das Nötige besorgten.

Natürlich mußten Walters persönliche Wünsche vor diesen Ereignissen in den Hintergrund treten. Jenny schien des vorigen Abends vergessen zu haben. Sie war eifrig um Clara bemüht und gönnte sich nicht eher Ruhe, bis sie die Freundin wohlversorgt auf dem Wege in die Heimat wußte. Dann ließ sie die Kinder in ihre Zimmer bringen, richtete sie dort gehörig ein und traf endlich zur Teestunde mit dem Grafen und ihrem Vater zusammen.

Jetzt erst fühlte sie, wie sich seit gestern ihr Verhältnis zu Walter geändert hatte. Sie wußte nun, daß er sie liebte, und obgleich er ihr sehr wert war, war ihr seine Liebe nicht willkommen. Sie konnte den rechten Ton für die Unterhaltung nicht finden, wurde zerstreut, dann verdrießlich, daß sie sich so wenig zu beherrschen wisse, und entfernte sich unter dem Vorwande, Frau von Meining ihren Besuch zugesagt zu haben.

Walter, dem Jennys befangenes Wesen, ihre Zurückhaltung nicht entgangen war, glaubte sie durch sein leidenschaftliches Betragen verletzt und benutzte ihre Abwesenheit dazu, ihrem Vater seine Bitte um Jennys Hand auszusprechen, um sich dann auch gegen sie zu erklären und in seiner Liebe eine Entschuldigung für den Ungestüm zu finden, mit dem er sie gestern erschreckt hatte.

Sooft der Vater auch in gleicher Lage gewesen war, so sehr überraschte ihn Walters Antrag. Er fragte, ob der Graf die Liebe seiner Tochter besitze.

»Ich glaube mit Zuversicht, daß mir ihre Freundschaft und Achtung gewiß ist, ich hoffe, ihre Liebe zu erwerben«, antwortete Walter.

»Und ist Ihre Familie von dem Schritte unterrichtet, den Sie tun wollen, lieber Walter?«

»Nein, aber Sie wissen, daß ich unabhängig und Herr meiner Handlungen bin.«

»Indem Sie mir diese Erklärung geben«, sagte Herr Meier, »gestehen Sie mir zu, daß Sie die Meinung der Ihrigen gegen sich haben würden. Das fürchte ich selbst, und ich wünschte, ich könnte Ihre Werbung ungeschehen machen. Ich weiß nicht, ob Jenny Sie liebt, noch wenigstens ist sie, wie ich hoffe, frei genug, eine Trennung von Ihnen zu ertragen; darum folgen Sie meinem Rate, Herr Graf, benutzen Sie Williams Abreise, uns gleichfalls zu verlassen, und geben Sie einen Wunsch auf, dessen Erfüllung Ihnen und uns leicht Kummer machen könnte.«

»So verweigern Sie mir Jennys Hand?« fragte Walter erbleichend und setzte mit einem Ton, dem man den gekränkten Stolz anhörte, hinzu: »Darauf war ich nicht vorbereitet.«

Ruhig nahm der Vater des Grafen Hand und zog ihn zu dem Sitze nieder, von dem er aufgestanden war.

»Verstehen Sie mich nicht falsch«, sagte er. »Ich glaube Ihnen durch mein Betragen gegen Sie gezeigt zu haben, daß ich Sie achte, Sie für einen edlen Menschen halte. Sie selbst wissen, daß Ihre Stellung in der Welt den Ansprüchen des ehrgeizigsten Vaters genügen müßte. Aber die gräflich Waltersche Familie könnte vielleicht die Tochter eines Juden nicht der Ehre würdig erachten, welche Sie ihr mit Ihrer Wahl erzeigen. Davor möchte ich mein Kind bewahren und Sie vor der schweren Pflicht, Ihre Frau gegen die Vorurteile Ihrer Familie und Ihrer Standesgenossen zu schützen.«

»Und glauben Sie, daß mir dazu der Wille oder die Kraft fehlt?« fragte Walter. »Glauben Sie, daß Jennys persönlicher Wert nicht die Einwendungen besiegen würde, die mein Onkel gegen diese Verbindung machen könnte? Er ist der einzige, dessen Meinung mir etwas bedeutet, dessen Ansichten ich schonen möchte, und er wird den Schritt billigen, wenn er Jenny kennt und meine Liebe für sie. Ich war glücklich, seit ich denken kann, ich habe alles, was das Leben schön macht, nur eine Gattin fehlt mir, mein Glück zu teilen. Da führt ein günstiges Geschick mir Jenny zu. Ich liebe sie, ich möchte ihrer Hand mein höchstes Gut verdanken, und Sie verweigern es mir, weil Sie mich von Vorurteilen nicht frei glauben, die man in unsrer Zeit kaum noch der Unbildung verzeiht.«

»Wollte Gott, es wäre so!« sagte der Vater ernst, »dann sollte mir kein Gatte willkommener für Jenny sein als Sie; keinem würde ich meine Tochter mit größerer Zuversicht vertrauen als Ihnen. Diese Erklärung muß Ihnen für meine volle Achtung bürgen.« Bei den Worten reichte er dem Grafen seine Hand, der sie herzlich drückte. »Was aber nun Ihren Antrag und Ihr Verhältnis zu Jenny betrifft, darin folgen Sie mir. Es gilt das Glück meiner Tochter und das Ihre. Trauen Sie mir, der ich die Welt und die Menschen länger kenne als Sie. Ich betrachte Sie für frei von jeder Verpflichtung gegen uns. Übereilen Sie nichts. Lassen Sie sich Zeit, die Ansicht Ihres Onkels zu hören, prüfen Sie selbst die Meinung des Kreises, dem Sie angehören, und wenn Sie dann Ihren Wunsch noch hegen, wenn Jenny damit einverstanden ist, will ich von Herzen einen Bund segnen, der in bezug auf Sie schon jetzt meine vollkommenste Zustimmung hat. Sind Sie damit zufrieden?« fragte er.

»Muß ich nicht?« fragte der Graf, der sich nur ungern in den Gedanken fand, sein Ziel so weit hinausgeschoben zu sehen, obgleich er fühlte, daß der Vater seiner Denkart nach nicht anders handeln konnte, und ihn deshalb nur um so höher schätzte. Aber nur mit Widerstreben verstand er sich dazu, sich gegen Jenny nicht zu erklären, bis er seinen Onkel von seiner Absicht in Kenntnis gesetzt und dessen Antwort erhalten haben würde, und er verließ den Greis, um seinem Onkel schreiben zu gehen. Auch Herr Meier zog sich zurück, um Eduard seinerseits von dem Geschehenen zu benachrichtigen. Er machte ihn auf die glänzenden Verhältnisse, auf den trefflichen Charakter Walters aufmerksam und schrieb: »Dennoch widerstrebt meine innere Überzeugung dieser Verbindung fast ebensosehr als einst der mit Reinhard, mit dem Unterschiede, daß jetzt meine Besorgnis den Verhältnissen gilt, während sie bei Reinhard den Charakter des Mannes betraf. Niemand ist so gleichgültig gegen das Urteil der Menschen, daß Lob oder Tadel seiner Umgebung ihn kalt ließe, und es könnte für Jennys Glück eine harte Probe werden, wenn sie es erleben müßte, Walters Entschluß von seinen Standesgenossen getadelt und ihn dadurch verletzt zu sehen. Ihre erste Verlobung brachte sie in geistiger Beziehung in einen traurigen Konflikt, diese könnte sie in ein schwer zu überwindendes Mißverhältnis zu den äußern Umständen versetzen und sie leicht ebenso unglücklich machen als jene. Wie ich Jenny beurteile, fühlt sie das selbst und hat Scheu vor Walters unverkennbarer Neigung, weil sie sich nicht den Mut zutraut, seiner Liebe und seiner Werbung zu widerstehen. Bei Walters persönlichen Eigenschaften und seiner Stellung in der Welt würde das vielleicht jedem Mädchen schwer, da keines von Eitelkeit frei und Walter ganz der Mann ist, Liebe und Zutrauen zu erwecken. Doch bin ich überzeugt, daß diese Heirat früher oder später zustandekommt, und teile Dir diese Nachricht mit als etwas, das ich nicht gern sehe, aber nicht zu hindern vermag. Deinen Ansichten dürfte das Verhältnis willkommen sein. Gott gebe, daß meine Besorgnis mich trüge und Jenny so glücklich werde, als sie es verdient.«

In seiner Ansicht von Jennys Scheu vor der Bewerbung Walters und ihrem Mißtrauen gegen sich selbst hatte ihr Vater sich wirklich nicht getäuscht. Jenny war zu sehr an Huldigungen gewöhnt und nicht mehr jung genug, um in jeder Annäherung eines Mannes Liebe zu erblicken. Gerade deshalb hatte sie sich in ihrem Verhältnis zu Walter, in seiner Gesellschaft um so behaglicher und freier gefühlt, als sie mit Sicherheit glaubte, hier keinen andern Ansprüchen zu begegnen als denen, welche man einem geachteten Freunde willig zugesteht. Jetzt war ihr plötzlich die Überzeugung des Gegenteils geworden und mit ihr das Bewußtsein, daß sie durch Walters Liebe manchem neuen Kampfe ausgesetzt werden könnte: sei es, daß er ihre Hand verlange oder aus Rücksicht auf seine weltliche Stellung darauf verzichte. Verstimmt gemacht durch diese Gedanken, langte sie, während Walter die Unterredung mit ihrem Vater hatte, bei Frau von Meining an, die in Jennys beweglichem Gesicht die Spuren einer innern Unruhe leicht bemerkte. Sie fragte um die Ursache derselben, obgleich Jenny anfangs die Tatsache leugnete, und erst nach freundlichem Bitten und Dringen von seiten der Geheimrätin sagte jene:

»Ich habe die Entdeckung gemacht, die Liebe eines Mannes zu besitzen, an die ich nie gedacht habe, und das ist mir unangenehm.«

Die Geheimrätin sah sie verwundert an, lächelte dann und meinte: »Das heißt, du bemitleidest ihn, weil du diese Liebe nicht erwiderst und er dir nicht gefällt. Das kommt wohl vor im Leben und sollte dir nicht so neu sein, dich so sehr zu verstimmen.«

»Im Gegenteil«, antwortete Jenny, »er ist mir lieb und wert, und gerade darum tut es mir so wehe.«

»Jenny«, sagte die Geheimrätin, plötzlich ernsthaft geworden, »ich will kein Vertrauen erzwingen, wenn du nicht geneigt bist, es mir zu gewähren. Nur das eine sage mir, mich zu beruhigen: Ist der Mann, der dich liebt, verheiratet oder sonst in einer Weise gebunden, die deine Unruhe erregt? Nur die Frage beantworte mir.«

»Nein, nein!« rief Jenny, über den feierlichen Ernst ihrer Freundin lächelnd, »er ist frei und unumschränkter Herr seines Willens; ich zweifle nicht, daß er mir seine Hand anträgt, aber das ist es, was ich fürchte und was mein Vater ungern sehen wird.«

»So ist er arm und seine Stellung der deinen allzu ungleich?« fragte Frau von Meining.

»Kennst du meinen Vater und mich so wenig«, entgegnete Jenny im Tone des Vorwurfs, »zu glauben, daß dergleichen uns irren könnte? Nein, im Gegenteil, es ist Graf Walter, der mich liebt und dessen Liebe ich befürchte.«

»Walter!« rief die Geheimrätin erfreut und setzte dann hinzu: »Du bist unwahr gegen dich oder mich. Walters Liebe kann dir nicht unwillkommen sein, denn gleichgültig ist er dir nicht.«

»Das habe ich auch nicht behauptet«, antwortete Jenny. »Aber ich habe durch meine Verlobung mit Reinhard so viel gelitten, mich so an das ruhige Glück gewöhnt, welches ich jetzt genieße, daß ich vor dem Gedanken zittere, neuen Stürmen ausgesetzt zu sein. Ich habe in der Liebe meines Vaters und meiner Brüder – denn auch Joseph ist mir wie ein Bruder –, in der Kunst mir eine Welt geschaffen, in der ich Freude finde und sie den andern bereite. Nenne es Feigheit oder Selbstsucht, wie du willst, ich mag aus diesem sichern Hafen mich nicht aufs neue in das Meer des Lebens wagen. Ich will nicht heiraten.«

»Und wenn dein Vater stirbt?«

»Dann leben mir die Brüder...«

»Die wahrscheinlich deinen Entschluß nicht teilen«, fiel ihr die Geheimrätin ins Wort, »die sich verheiraten würden, wenn du dich ihnen durch einen vernünftigen Entschluß entzögest und so ihr und dein Bestes fördertest. Wieviel hundert Mal hast du mir über die hohe Ansicht gesprochen, die du von der Ehe hegst! Wie erhaben hast du mir Walters Idee davon geschildert, als du mir neulich von der Unterhaltung erzähltest, die du über diesen Gegenstand mit ihm gehabt hast. Also Gleichnisse zeichnen kannst du, aber im Leben sie durch dich zu verwirklichen stehst du an!«

Sie war ganz erhitzt durch den Eifer, mit dem sie gesprochen hatte, lehnte sich in ihren Sessel zurück und sagte lächelnd, da Jenny nachdenklich schwieg: »Wie sich doch alles im Leben wiederholt. Meine Tante würde eine Freude haben, könnte sie sehen, wie ich jetzt an dir die Ermahnungen probiere, die sie mir gemacht hat, ehe ich mich verheiratete. Ich denke aber, sie finden bei dir ein so williges Ohr als bei mir und nehmen auch ein so glückliches Ende.«

»Das sagst du, Clementine«, rief Jenny, »du, die mir selbst erzählt, welchen Kampf du noch nach deiner Hochzeit zwischen Pflicht und Liebe bestanden hast.«

Clementine strich sich mit der Hand über die hohe, zarte Stirn und sagte mit unbeschreiblicher Weichheit und Demut: »Ich halte dich nicht für schwächer als mich. Was ich vermochte, mußt du auch vermögen. Du sollst es auch kennenlernen, das Glück, seine Neigung dem Glücke eines andern zu opfern und darin ein neues, besseres Glück zu finden.« Dann, nach einer Pause fuhr sie fort: »Übrigens, was will ich denn? Von dem Opfer einer Neigung ist ja hier die Rede nicht! Du liebst keinen andern; du bist frei und Walter ist dir wert. Was drückt und ängstigt dich also?«

»Der Gedanke, man könne mir ehrgeizige Motive unterlegen«, sagte Jenny lebhaft, »wenn ich Walters Hand annehme; und – daß ich es dir gestehe – die Möglichkeit, er könne es einst bereuen, eine Bürgerliche, eine Jüdin geheiratet zu haben, wenn irgendein Ereignis ihn unangenehm daran erinnert. Ich mag nicht, wie Walter es in jenem Gleichnis nannte, die kümmerliche Pflanze sein, die sich zu einer Höhe emporrankt, für die sie nicht geboren ist. Liebte ich Walter, vielleicht wäre ich dann schwach genug, meine Vernunft zu verleugnen; jetzt nimmermehr! Mag Walter sich eine Gefährtin wählen, die ihm gleich ist an Vorzügen des Ranges und der Geburt, die mit ihm auf gleicher Höhe erwuchs. Ich will keinem Menschen etwas verdanken, das er jemals bereuen könnte mir gegeben zu haben.«

»Aus der Hand eines geachteten Gatten entehrt keine Gabe, und er bereut sie nicht, wenn er sie, wie Walter dir, mit ruhiger Überzeugung darbringt«, sagte Clementine, die es fühlte, daß hier der Punkt läge, von dem Jennys Weigerung gegen Walters Wünsche ausging. Auch sie kannte Walter und, erfreut durch den Gedanken, ihn und Jenny verbunden zu sehen, wünschte sie womöglich dazu beizutragen. Darum vermied sie es für diesmal, Jenny auf dieser für sie empfindlichsten Seite anzugreifen, und bemerkte ablenkend: »Und das ist doch der einzige Grund, der dich besorgt machen kann!«

»Nein!« antwortete Jenny, »auch in mir sind Gründe dagegen. Mir fehlt die Fähigkeit, mich in dem Leben eines andern aufgehen zu lassen. Meine Existenz ist eine fest bestimmte, in sich abgeschlossene. Ich habe mich an eine gewisse Freiheit gewöhnt, die ich nicht mehr entbehren kann und die ich in der Ehe doch aufgeben müßte. Vor allem aber, wie ich Reinhard liebte, kann ich nicht wieder lieben. Mir fehlt die Jugendlichkeit, die Frische des Herzens, das fühle ich tief. Ich kann so nie wieder lieben!«

»So liebe Walter anders!« wandte Frau von Meining ein. »Auch du bist sicher nicht das erste Mädchen, das ihn die Liebe kennen lehrt. Er ist ein Mann, der in der Schule des Lebens und des Hofes seine Prüfungen bestand. Den ruhigen Mann reißt keine Leidenschaft blindlings hin; was er tut, hat er überlegt, was er verspricht, will und wird er halten. Und was die Frische des Herzens betrifft, so ist es mit der Liebe wie mit dem Menschen überhaupt. Die Geschlechter gehen und kommen, jedes hat die Erfahrungen des vorigen für sich, sie gleichen sich fast alle und doch – hat jedes neue Geschlecht seine Torheit und seine Weisheit, seine Jugend, seine Blüte nach seiner Individualität; eine Blüte, die rein und schön ist, obgleich sie erst auf der Asche der geschiedenen Generation erwuchs. Darum Mut, mein Herz! Den falschen Stolz besiege, und im übrigen vertraue der Liebesfähigkeit und der Liebesbedürftigkeit des Frauenherzens.«

Eine innige Umarmung beendete diese Unterhaltung, die in Frau von Meining den Entschluß hervorrief, sich so bald als es ihr möglich sein würde, der Gesellschaft anzuschließen, um Jenny und Walter schnell an ein Ziel zu bringen, das ihr für beide so glückversprechend schien. Diese freudige Hoffnung tat für die Anregung ihrer Nerven mehr, als irgendeine Arznei vermochte, und schon am nächsten Tage nahm sie zum ersten Male Walters Besuch an, der fast täglich in ihrer Wohnung gewesen war, um sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen.

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