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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Eduard drang deshalb darauf, man möge seine Schwester einer Privatschule anvertrauen, die von den Töchtern der angesehensten Familien besucht wurde. Er hoffte, der Umgang und das Zusammenleben mit Mädchen ihres Alters werde bei Jenny die Härten und Ecken, die ihr Charakter zu bekommen schien, am leichtesten vertilgen. Die Eltern folgten seinem Rate, und die neuen Verhältnisse machten in vielen Beziehungen einen günstigen Eindruck auf Jenny. Sie gewöhnte sich, ihrem Witze nicht so zügellos den Lauf zu lassen wie in dem elterlichen Hause, wo man ihre beißenden Einfälle nur lachend getadelt hatte; sie lernte es, sich in den Willen ihrer Mitschülerinnen zu fügen, dem Lehrer zu gehorchen, aber sie fing auch an, sich ihrer Fähigkeiten bewußt zu werden, welche sie in eine Klasse gebracht, in der alle Mädchen ihr im Alter um mehrere Jahre voraus waren. Von einem Umgange, wie Eduard ihn für sie gehofft hatte, war indessen nicht die Rede. Die halberwachsenen Mädchen dieser ersten Klasse mochten sich größtenteils mit dem bedeutend jüngern Kinde weder unterhalten noch befreunden, das ihnen obendrein von den Lehrern mitunter vorgezogen wurde. Andere, denen Jennys lebhaftes, freimütiges Wesen behagte und die gern mit ihr zusammen waren, konnten von ihren Eltern nicht die Erlaubnis erhalten, die Tochter einer jüdischen Familie einzuladen oder zu besuchen, und zu diesen letztern gehörte auch Clara Horn. Zwei Jahre älter als Jenny, hatte sie dieselbe unter ihre Vormundschaft genommen, ihr geraten und geholfen, wenn das verzogene Mädchen sich in den strengen Schulzwang nicht zu finden gewußt, und dadurch ihr volles Vertrauen erworben. Ihr hatte Jenny in den Zwischenstunden von ihren Eltern, von ihrem Bruder, von allen ihren Freunden erzählt und damit ihrer Beschützerin eine Vorliebe für die ganze Meiersche Familie eingeflößt. Wenn nun Clara nach solcher Mitteilung ihre kleine Freundin glücklich pries und sie um die Eintracht ihrer Eltern und die Liebe ihres Bruders beneidete, da sie beides entbehrte, wenn Jenny sie dringend bat, zu ihr zu kommen und das alles mit ihr zu genießen, hatte Clara immer verlegen geantwortet, sie dürfe das nicht. Endlich hatte Jenny sie einmal beschworen, ihr den Grund zu sagen, warum sie nicht zu ihr kommen könne. Da hatte Clara ihr mit Tränen erklärt, sie dürfe nicht, weil Jennys Eltern Juden wären und ihre Eltern diesen Umgang niemals gestatten würden. Jenny wurde glühend rot, sprach aber kein Wort und gab nur schweigend der weinenden Clara die Hand. Die nächsten Stunden saß sie so zerstreut da, daß weder Lehrer noch Mitschüler sie erkannten. Sie dachte über Claras Worte nach, und es wurde ihr klar, wie sie allein und einsam in der Schule sei, wie keines von den ihr befreundeten Mädchen sie besuche oder ihre Einladungen annähme, außer bei solchen Gelegenheiten, wo man die ganze Klasse einlud und sie, ohne es zu auffallend zu machen, nicht zurücklassen konnte. Sie erinnerte sich der ewigen Frage, bei wem sie eingesegnet werden würde, und des Lächelns, wenn sie den Namen des jüdischen Predigers nannte. Es schien ihr unerträglich, künftig in diesem Kreise zu leben, und als sie nach Hause kam, warf sie sich weinend den Eltern in die Arme, flehentlich bittend, man möge sie aus der Schule fortnehmen. Alle Tränen, die sie in der Schule standhaft unterdrückt hatte, brachen nun gewaltsam hervor. Eduard kam dazu, und bei der Schilderung, die sie von ihrer Zurücksetzung und Ausgeschlossenheit machte, deren sie sich jetzt plötzlich bewußt geworden war, fühlten ihre Eltern und ihr Bruder nur zu lebhaft, daß sie auch dies geliebte Kind nicht gegen die Vorurteile der Welt zu schützen, ihm nicht die Leiden zu ersparen vermochten, die sie selbst empfunden hatten und nun wieder mit ihm erdulden mußten.

Jenny länger in der Anstalt zu lassen fiel niemand ein, weil man das bei ihrem Charakter fast für untunlich hielt und mit Recht befürchtete, daß ihre Fehler, die man zu bekämpfen wünschte, dort unter diesen Verhältnissen nur wachsen könnten. Man gab also den Besuch der Schule wieder auf, und Jenny sollte wieder zu Hause unterrichtet werden, wobei man aber die Änderung machte, daß man ihr Therese Walter, die Tochter einer armen Beamtenwitwe, zur Gefährtin gab, die in der Nachbarschaft wohnte und mit der sie von früh auf bekannt gewesen war.

Jenny hatte bis dahin für Therese keine besondere Zuneigung gefühlt. Jetzt, getrennt von der Schule, in welcher Umgang mit Mädchen ihr zum Bedürfnis geworden war, wurde Therese ihr Ersatz für diese Entbehrungen, ja ihr einziger Trost. Es bildete sich dadurch allmählich eine Freundschaft zwischen den beiden Mädchen, die sich sonst wohl niemals besonders nahe getreten wären, da Theresens mittelmäßige Anlagen, ihr ruhiges und stilles Wesen zu Jennys Art und Weise nicht recht paßten und sie derselben unterordneten, was aber freilich dazu beitrug, das Verhältnis zu befestigen.

Als es nun nötig wurde, einen Lehrer für die beiden jetzt fast fünfzehnjährigen Mädchen zu wählen, schlug Eduard seinen Freund Reinhard dazu vor, der in sehr beschränkten Verhältnissen noch immer in der Universitätsstadt lebte, in welcher die Freunde einander begegnet waren. Reinhards Bemühungen, nach gemachtem Examen eine Pfarre zu bekommen, waren an dem Einwande gescheitert, den man gegen ihn wegen seiner burschenschaftlichen Verbindungen machte. Ein paar Jahre war er Hauslehrer gewesen, hatte die Stelle aber aufgegeben, weil sein Gehalt zwar für seine Verhältnisse hinreichte, jedoch nicht groß genug war, seiner Mutter die Unterstützung zu gewähren, deren sie bedurfte. Seitdem hatte er durch Unterrichten und durch literarische Tätigkeit für sich und seine Mutter zu sorgen gesucht. Von Eduard Beistand anzunehmen hatte er verweigert, und nur mit Vorsicht konnte derselbe ihm den Vorschlag machen, nach dessen Vaterstadt zu kommen, um den Unterricht der beiden Mädchen unter den vorteilhaften Bedingungen, die man ihm stellte, zu übernehmen.

Eduards Plan gelang. Er sah seinen Freund nach mehrjähriger Abwesenheit wieder und fand in ihm mit großer Freude den alten treuen Gefährten, den er verlassen hatte; doch war er im Denken und Fühlen mannigfach verändert. Ein düsterer Ernst hatte sich seiner bemächtigt. Die Armut hatte ihn stolz, mißtrauisch und reizbar gemacht und dadurch die Schönheit seines Charakters beeinträchtigt. Im höchsten Grade streng gegen sich selbst, wahr gegen seine Freunde, glühte er für Recht und Freiheit, hing er mit dem alten schwärmerischen Glauben dem Christentume an, das ihm der Urquell der Wahrheit und der Liebe war. Der günstige Erfolg, den sein Unterricht im Meierschen Hause hatte, verschaffte ihm bald so viele Schüler, daß er den Anforderungen, die in dieser Beziehung an ihn gemacht wurden, kaum genügen konnte, während sie ihm eine sorgenfreie Existenz bereiteten, da der Unterricht in der reichen Handelsstadt ganz anders als in dem kleinen Universitätsstädtchen bezahlt wurde. Er konnte seine Mutter zu sich nehmen, mit der er seine kleine freundliche Wohnung teilte, und die treffliche Frau wurde bald in vielen Familien, besonders aber im Meierschen Hause ebenso geachtet und geliebt als Reinhard selbst. –

Auf Jenny hatte der neue Lehrer einen eigentümlichen Eindruck gemacht. Weil Eduard ihn so hoch hielt, hatte sie im voraus die günstigste Meinung für ihn gehegt, und als nun Reinhard in ihrem elterlichen Hause vorgestellt worden, hatte ihr sein Äußeres und sein ganzes Wesen auf ungewohnte Weise Beachtung geboten. Weit über die gewöhnliche Größe, schlank und doch sehr kräftig gebaut, hatte er eine jener Gestalten, unter denen man sich die Ritter der deutschen Vorzeit zu denken pflegte. Hellbraunes, weiches Haar und große blaue Augen bei graden regelmäßigen Zügen machten das Bild des Deutschen vollkommen, und ein Ausdruck von melancholischem Nachdenken gab ihm in Jennys Augen noch höhere Schönheit. Er bewegte sich ungezwungen, sprach mit einer ruhigen Würde, für die er fast zu jung schien, doch ließen sich seine große Abgeschlossenheit, seine sichtbare Zurückhaltung nicht verkennen, die er selbst der Freundlichkeit entgegensetzte, mit der man ihn im Meierschen Hause empfing. Therese und Jenny, welche man ihm als seine künftigen Schülerinnen vorstellte, behandelte er mit einer Art Herablassung, die Therese nicht bemerkte, von der aber Jenny, durch die Huldigungen Steinheims und Erlaus bereits verwöhnt, sich so betroffen fühlte, daß sie ganz gegen ihre sonstige Weise sich scheu zurückzog und weder durch Reinhards Fragen noch durch Eduards und der Eltern Zureden in das Gespräch und aus ihrer Befangenheit gebracht werden konnte.

Nach einigen Tagen hatte der Unterricht begonnen, und beide Teile waren sehr miteinander zufrieden gewesen. Reinhard fühlte sich durch die ursprüngliche Frische in Jennys Geist angenehm überrascht, und die ruhige, stille Aufmerksamkeit Theresens machte ihm Freude. Was jene plötzlich und schnell erfaßte, mußte diese sich erst sorgsam zurechtlegen und klarmachen, dann aber blieb es ihr ein liebes, mühsam erworbenes Gut, dessen sie sich innig freute, während Jenny des neuen Besitzes nicht mehr achtete, wenn er ihr Eigentum geworden war, und immer eifriger nach neuen Kenntnissen strebte. Diese unruhige Eile machte, daß sie sich ihres geistigen Reichtums kaum bewußt ward und sich und andere damit in Verwunderung setzte, wenn sie gelegentlich veranlaßt wurde, ihn geltend zu machen.

Für Reinhard war der Unterricht doppelt anziehend. Er hatte wenig Gesellschaften erlebt, wenig mit Frauen verkehrt, und ihr eigentümliches Gemütsleben, die ganze innere Welt desselben, war ihm fremd. Mit erhöhter Begeisterung las er die deutschen Klassiker mit den Mädchen, wenn er Jenny, hingerissen durch die Schönheit der Dichtung, rot werden und ihr Auge in Tränen schwimmen sah. So hatte er ihnen einst das erhabene Gespräch zwischen Faust und Gretchen vorgetragen, das mit den Worten beginnt: ›Versprich mir, Heinrich!‹ und das schönste Glaubensbekenntnis eines hohen Geistes enthält. Reinhard selbst fühlte sich wie immer lebhaft davon ergriffen, und als Jenny bei den Versen: ›Ich habe keinen Namen dafür! Gefühl ist alles. Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsgut!‹ weinend vor Wonne dem Lehrer beide Hände reichte, ihm zu danken, hatte er dieselben schnell und warm in die seinen geschlossen, obgleich er es einen Augenblick später schon bereute.

Infolge dieser Stunde und eines dadurch entsprungenen Gesprächs war Reinhard zu der Erkenntnis gekommen, daß Jenny, obgleich tief durchdrungen von dem Gefühl für Schönheit und Recht und von dem zartesten Gewissen, dennoch in seinem Sinne aller religiösen Begriffe entbehrte. Ihre Familie hatte sich von den jüdischen Ritualgesetzen losgesagt; Jenny hatte daher von frühester Kindheit an sich gewöhnt, ebenso die Dogmen des Judentums als die des Christentums bezweifeln und verwerfen zu hören, und es war ihr nie eingefallen, daß es Naturen geben könne, denen der Glaube an eine positive geoffenbarte Religion Stütze und Bedürfnis sei. Ja, sie hatte ihn, wo ihr derselbe erschienen war, mitleidig wie eine geistige Schwäche betrachtet. Um so mehr mußte sie es befremden, daß Reinhard, vor dessen Geist und Charakter ihr Bruder so viel Verehrung hatte, daß ihr Lehrer, der ihr so wert geworden war, einen Glauben für den Mittelpunkt der Bildung hielt, den sie wie ein leeres Märchen, wie eine den wahren Kern verhüllende Allegorie zu betrachten gelernt hatte. Reinhard behauptete geradezu, daß ein weibliches Gemüt ohne festes Halten an Religion weder glücklich zu sein noch glücklich zu machen vermöge. Absichtlich führte er deshalb die Unterhaltung mit seinen Schülerinnen häufig auf christlich-religiöse Gegenstände, so daß in seinem Unterricht Religion und Poesie Hand in Hand gingen, wodurch den Lehren des Christentumes ein leichter und gewinnender Einzug in Jennys Seele bereitet wurde.

Ihr und Reinhard unbewußt, war aber mit dem neuen Glauben nur zu bald eine leidenschaftliche Liebe für den Lehrer desselben in des Mädchens Herzen entstanden, für den begeisterten jungen Mann, der ihr wie ein Apostel des Wahren und des Schönen gegenüberstand. Aus Liebe zu ihm zwang sie sich, die Zweifel zu unterdrücken, die immer wieder in ihrem Geiste gegen positive Religionen aufstiegen, und sich nur an die Morallehren zu halten, die dem Gläubigen in dem Christentume geboten werden. Reinhard seinerseits hatte nicht eigentlich daran gedacht, seinem Glauben eine Proselytin zu gewinnen, diese Schwäche lag ihm fern, denn er ließ jeden Glauben gelten, weil er Geltung für den seinen forderte; nur einem dringenden Mangel in dem Herzen seiner Schülerin hatte er abhelfen wollen. Er war überzeugt, daß der Glaube in Jenny den geistigen Hochmut zerstören, ihr Wesen milder machen müsse, und war sehr erfreut, wirklich diese Resultate zu erblicken, ohne zu ahnen, daß ihre weichere Stimmung, die er für das Werk der Religion gehalten, nur eine Folge ihrer Liebe zu ihm war. Jenny fühlte das Bedürfnis, an einen Gott zu glauben, der das Gute jenseits lohne, weil ihr kein Erdenglück für Reinhard ausreichend schien; sie wurde demütiger, aber nicht im Hinblick auf Gott, sondern vor dem Geliebten; und der Gedanke, ihre Liebe könne jemals ein Ende finden oder durch den Tod aufhören, machte sie so unglücklich, daß ihr die Hoffnung auf Unsterblichkeit und ein ewiges Leben wie der einzige Trost dagegen erscheinen mußte.

Den Eltern und Eduard blieb die vorteilhafte Veränderung in Jennys Wesen nicht verborgen, und wenn Eduard, was häufig geschah, mit Reinhard über die Schwester sprach, so verfehlte er nicht, es dankend anzuerkennen, wie wohltuend des Freundes Unterricht auf Jenny wirke. Nur Joseph schien die Meinung nicht zu teilen.

»Er wird eine schlechte Christin aus ihr machen«, äußerte er gelegentlich, verweigerte es aber, sich näher darüber zu erklären, weil er ein Geheimnis nicht verraten wollte, das ihn nur seine eifersüchtig wachende Liebe so früh hatte erkennen lassen.

So war Jenny in das sechzehnte Jahr getreten. Ihr Äußeres hatte sich schön entwickelt, ihre Liebe zu Reinhard war von Tag zu Tag gewachsen, und es konnte nicht fehlen, daß sie mit der Hingebung, die sie dem jungen Lehrer in den Stunden bewies, einen Eindruck auf ihn machen mußte, den er vergebens mit allen Waffen der Vernunft bekämpfte. Denn welche Hoffnungen konnte er für die Neigung hegen, die er für Jenny zu fühlen begann? Selbst wenn die Eltern darin willigten, sie Christin werden zu lassen und sie ihm zur Frau zu geben, konnte er es wagen, das reiche, verwöhnte Mädchen in sein armes Haus zu führen? – So eigensüchtig durfte er nicht sein; und von den Unterstützungen ihres Vaters zu leben, zu wissen, daß seine Frau ihre behaglichen Verhältnisse nicht ihm allein verdanke, der Gedanke schien ihm, nach den Erfahrungen seiner Jugend, fast unerträglich. – Nach jeder Stunde nahm er sich vor, den Unterricht unter irgendeinem Vorwande zu beendigen, um eine Liebe nicht tiefer in sich Wurzel fassen zu lassen, die kein Erfolg krönen konnte, die, einmal aufgegangen, blitzschnell und mächtig aufschoß, obwohl er sie mit festem Willen still in sich verschloß. Auch Jenny hielt sich scheu zurück. Aus Furcht, sich zu verraten, ging sie, sobald der Unterricht vorüber und ihre Familie oder Fremde zugange waren, plötzlich aus ihrer Hingebung in eine fremdtuende Kälte über. Sie zeigte anscheinend für jeden andern mehr Teilnahme als für Reinhard, und dieser blieb dann meistens an Theresens Seite, um im Gespräch mit ihr seine qualvolle Aufregung so gut als möglich zu verbergen.

Besonders war es Erlau, welcher Reinhards Eifersucht erregte. Mit echtem Künstlerenthusiasmus bewunderte er Jennys erblühende Schönheit, und seine frohe, kecke Laune half dem jungen Mädchen oft über ihre Befangenheit und über all ihre Verwirrung fort. Es tat ihr wohl, wenn Erlau sie ganz begeistert lobte; sie freute sich, wenn Reinhard es hörte, dessen scheinbare Gleichgültigkeit sie schmerzte, und während sie, eifersüchtig auf Therese, sich von dieser und Reinhard fern hielt, suchte sie Erlau geflissentlich auf, der sich ohnehin gern in ihrer Nähe befand.

In solchen Stimmungen ließ sie sich von Steinheim bisweilen zu lebhaften Unterhaltungen hinreißen, in denen der Witz die Hauptrolle spielte und die oft in eine Art von Neckereien und Scherzen übergingen, an denen Reinhard, seiner ganzen Natur nach, keinen Anteil zu nehmen vermochte. Jenny wußte das wohl, aber sie vermochte nicht, dem Geliebten die unangenehme Empfindung zu ersparen. Je teilnahmsloser und ferner er sich davon hielt, je mehr überzeugte sich Jenny, daß sie ihm ganz gleichgültig sei, und um so weniger sollte er eine Ahnung von ihrer Liebe erhalten. Nur vor Reinhards Mutter löste sich die Stimmung des jungen Mädchens zu seltener Weichheit auf.

Sooft die Pfarrerin das Meiersche Haus besuchte, verließ Jenny augenblicklich die ganze übrige Gesellschaft, um sich ausschließlich der Pfarrerin zu weihen. Jedes Wort, das diese sprach, war ihr wert; stundenlang konnte sie ihr zuhören, wenn sie von der Kindheit ihres Sohnes erzählte, von den unzähligen Opfern, denen der Jüngling sich für sie unterzogen, von der immergleichen Liebe, die der Mann ihr darbringe, und wie sie nichts sehnlicher wünsche, als den geliebten Sohn bald in Verhältnissen zu sehen, die es ihm möglich machten, an der Seite einer guten Frau das Glück zu finden, das Gott ihm gewiß gewähren müsse.

Jede solche Erzählung diente nur dazu, Jennys Liebe lebhafter anzufachen; und je deutlicher das Bewußtsein derselben in ihr wurde, je bestimmter der Wunsch in ihr hervortrat, Reinhard anzugehören, um so unerträglicher mußten ihr die Bewerbungen Josephs scheinen, die von den Wünschen ihrer Eltern unterstützt wurden.

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