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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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So sehr Jenny und Clara sich ihres Wiedersehens erfreuten, so lieb sie einander waren, so konnte es beiden doch nicht verborgen bleiben, daß es ihnen eigentlich an jenen gemeinsamen Berührungspunkten fehle, welche die Basis der Freundschaft machen. Sie hatten im ganzen nur wenig Monate zusammen verlebt, eine Reihe von Jahren war seitdem verflossen, und trotz eines fleißigen Briefwechsels waren sie einander in ihrer gegenwärtigen Entwicklung fremd und wußten sich nicht recht ineinanderzufinden. Wie Claras ganze Erscheinung Glück und Zufriedenheit ausdrückte, wie jeder Zug die Wonne aussprach, welche sie als Gattin und Mutter empfand, so zeigte sich auch in ihrer geistigen Richtung eine gewisse Ruhe, ein abgeschlossenes Begnügen. Sie hatte die höchsten Schätze des Lebens erreicht und, obgleich sie für die Außenwelt nicht abgestorben war, interessierte sie dieselbe doch eigentlich nur insoweit, als sie William berührte und mit seinen Wünschen und Ansichten zusammenhing, denn sie lebte doch eigentlich nur in ihrem Manne und in ihren Kindern. Jenny hingegen wollte, durch Eduard daran gewöhnt, teilnehmen an allem Großen und Wichtigen. Mit weiblicher Schwärmerei hing sie an den Plänen und Hoffnungen Eduards, nicht um seinetwillen allein, sondern weil sie auch die ihren geworden waren. Geistige und künstlerische Beschäftigungen füllten die größte Zeit ihres Tages aus, und mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit strebte sie nach neuen Kenntnissen, nach höherer, vielseitiger Ausbildung der Anlagen, die sie ungenutzt in sich fühlte.

Mit schmerzlichem Lächeln sah Clara auf diese Richtung ihrer Freundin hin. Sie glaubte in sich die Erfahrung gemacht zu haben, daß bei Frauen die lebhafte Teilnahme an den Erscheinungen der Außenwelt ein Zeichen innerer Unbefriedigung sei, ein Ersatz, mit dem sie sich für ein Glück entschädigen, das ihnen nicht geworden ist. Jenny hingegen erschien Claras Wesen als eine Entsagung, die sie bewunderte, ohne zu glauben, daß sie selbst imstande wäre, sich zu solcher freiwilligen Selbstbeschränkung zu entschließen.

Bei so verschiedenen Ansichten ward eine gegenseitige Schonung derselben zur Pflicht, und da die ersten Versuche, sich zu verständigen, ohne Erfolg geblieben waren, vermied man es darauf zurückzukommen, und Jenny war nahe daran, ihr Beisammensein mit Clara etwas einförmig zu finden, als durch Walters tägliche Anwesenheit eine erwünschte Abwechslung in ihr Leben kam.

Er war schon nach wenig Tagen ihr steter Begleiter bei den Spaziergängen, zu denen die Umgegend Badens so unwiderstehlich lockt. Vor ihm durfte sie sich sorglos in ihrer eigentümlichen Denkweise gehenlassen, und Walter, der dadurch Jennys hohen Wert täglich mehr erkennen und schätzen lernte, äußerte nach einiger Zeit gegen William und Clara, wie anziehend und bedeutend Jenny ihm erscheine.

»Und nicht auch schön?« fragte Clara.

»Sehr schön!« antwortete der Graf, »und um so fesselnder, als man ihren Augen anzusehen glaubt, daß sie schon geweint, ihrem Munde, daß er schon vor Schmerz gezuckt hat. Solch feucht verklärten Augen gegenüber fühlt man den Beruf zu trösten, zu vergüten, und so heiter Jenny auch erscheint, ist mir doch immer, als hätte die Zukunft bei ihr noch vieles gutzumachen, als müsse sie durch das Glück für früheres Leid entschädigt und belohnt werden.«

»Das klingt sehr warm, lieber Graf«, sagte William scherzend, »und fast, als ob Sie nicht abgeneigt wären, die Entschädigung zu übernehmen. Hüten Sie sich vor den feucht verklärten Augen.«

»Sie tun mir unrecht«, entgegnete Walter, »wenn Sie meinen Worten irgendeinen andern Sinn unterlegen. Daß ich unsere Freundin so lebhaft schätze, ohne sie zu lieben, das gerade macht mir ihren Umgang wert und erhöht den Reiz, den ihr scharf ausgeprägter Charakter, ihr selbständig ausgeprägtes Wesen für mich haben.«

In dem Augenblick kam der kleine Richard herbei und rief. »Oh, kommt doch die Tante sehen, kommt doch alle an das Fenster!«

Man folgte ihm, wohin er zeigte, und erblickte Jenny, die eine junge blasse Frau der niedern Stände unterstützte, während sie das Kind derselben auf dem Arme trug. Walter flog die Treppe hinab, um ihr beizustehen; denn es war Mittag, die Sonne brannte heiß, und Jenny schien erschöpft von der ungewohnten Anstrengung.

»Führen Sie die Frau ins Haus«, sagte Jenny, als Walter dazukam, »aber behutsam. Das Kind behalte ich.«

Der Graf erfüllte ihren Wunsch, und nachdem man für die arme Kranke gesorgt hatte, erzählte Jenny, wie sie dieselbe ohnmächtig am Wege gefunden, sie durch ihre Bemühungen ins Leben gerufen und mit unsäglicher Anstrengung bis hierher gebracht habe, da jetzt in der Mittagsstunde niemand die Straße gekommen sei, den sie um Hilfe hätte bitten können.

»Nicht ein Mensch war zu sehen«, sagte sie. »Ich blickte nach allen Seiten, ich rief, so laut ich konnte, und der unerträglichste Stutzer wäre mir ein hilfreicher Götterbote gewesen, wenn er in dem Augenblicke erschienen wäre.«

»Es ist besser so!« meinte Clara. »Du hast die arme Frau glücklich hierher gebracht und bist allen Bemerkungen entgangen, die man darüber leicht gemacht hätte.«

»Zu diesen bot wohl eine so einfache Handlung keinen Anlaß«, sagte Jenny unbefangen. »Ich konnte doch unmöglich die Frau allein und hilflos liegenlassen, bis ich von hier oder aus der Stadt Beistand geholt hatte. Zudem hätte ich das schreiende Kind doch mit mir nehmen müssen, und endlich weißt du, liebes Clärchen, daß mir die Urteile der Menge sehr gleichgültig sind, wenn ich das, was ich tue, vor mir und meinem Vater verantworten kann.«

In Jennys Worten, in ihrem ganzen Wesen lag in diesem Moment so viel Natürlichkeit und doch ein so edler Stolz, daß Walter sie mit Entzücken betrachtete, obgleich auch ihm der Gedanke unangenehm gewesen, man hätte Jenny bei jenem Samariterdienste beobachten und sie falsch beurteilen können. Aber er selber machte sich diese Scheu zum Vorwurf.

»Wie wir doch nach allen Seiten hin auf Widersprüche in den Sitten unserer sogenannten zivilisierten Welt stoßen«, sagte er zu dem Vater, der indes dazugekommen war. »Wäre eine der Dienerinnen des Hauses der Unglücklichen begegnet und hätte sich ihrer angenommen, so würden wir das schön und lobenswert gefunden haben; und nun tadeln wir die Gütige, daß sie nicht unbarmherziger zu sein vermochte als ihrer Dienerinnen eine, obgleich der Dienst, den sie leistete, größer war, denn er mußte ihr beschwerlicher erscheinen.«

»Sie billigen also die Handlung meiner Tochter unbedingt?« fragte der Vater.

Walter stockte einen Augenblick und meinte dann: »Wenigstens hätte ich selbst nicht anders zu handeln vermocht.«

»Aber Sie würden wünschen«, sagte der alte Herr, »daß Jenny auf keine zweite Probe der Art gestellt würde, denn wir wollen einmal kein Mädchen von der gewohnten Sitte ihres Standes abweichen sehen. Dennoch ehre ich ein Gefühl, das in solchen Augenblicken rücksichtslos zu handeln vermag, ohne an das, was man davon sagen wird, zu denken; und ich bin vielleicht selbst schuld daran, wenn Jenny das Urteil der Leute nicht eben sehr hoch anschlägt. In meinen Verhältnissen war es mir Pflicht, meine Kinder bis zu einem gewissen Grade gleichgültig gegen die öffentliche Meinung zu machen, die wir ein für allemal gegen uns hatten und deren Einfluß auf uns und auf jeden doch viel größer ist, als wir es glauben wollen.«

Clara, die gleich anfangs ihre Äußerung bereut hatte und es nun doppelt tat, da sie Herrn Meier zu einer Erklärung bewogen, welche er ebenso gern vermied als Eduard sie suchte, Clara sagte: »Versteht mich nicht falsch! Ich tadle Jenny nicht. Nur vor der Verderbtheit derjenigen war mir bange, welche ihr irgendeine unlautere Absicht, ein Schaustellen dabei zur Last legen konnten. Wir Frauen sind so sehr gewöhnt, uns nur innerhalb unseres schützenden Hauses zu denken, daß wir erschrecken, wenn wir uns außerhalb desselben handelnd erblicken.«

»Entschuldige dich nicht und mich nicht, Clärchen«, sagte Jenny, die bis dahin schweigend einer Unterhaltung zugehört hatte, bei der sie so nahe beteiligt war. »Du kennst meinen alten Wahlspruch: ›Tue was du sollst, komme was mag.‹ Kann ich dafür, wenn ich den Mut dazu von früher Jugend an fühlte?« Mit diesen Worten entfernte sie sich schnell, um nach ihrem Schützling zu sehen, und ließ Walter in großer Bewegung zurück. Es war das erste Mal, daß er mit einer jüdischen Familie in nähere Berührung kam, und Jennys Geist und Schönheit, des Vaters maßvolle Würde zogen ihn um so mehr an, als sie etwas ihm Fremdes und Eigentümliches besaßen. Er hatte von jeher gewußt, daß Jenny eine Jüdin sei; aber so fern hatte er diesen Verhältnissen gestanden, daß er fast nie daran gedacht, es könne ein edles Unglück darin liegen, Jude zu sein. Jetzt aus des Vaters schlichter Äußerung tönte ihm, dem Glücklichen, der Schmerzensschrei eines ganzes Volkes entgegen, und sein Mitleid mit demselben knüpfte, ihm unbewußt, ein neues Band, das ihn an Jenny fesselte.

Er wenigstens wollte durch sein Verhältnis zu Jenny und ihrem Vater zeigen, daß er frei von den Vorurteilen sei, durch die, wie er allmählich von Jenny erfuhr, auch sie und die Ihrigen so empfindlich gelitten hatten. Er machte sich es zu einer Ehre, überall ihr Begleiter zu sein, und erklärte frei und offen, wie er ihre und ihres Vaters Gesellschaft dem Umgang mit vielen seiner Standesgenossen vorziehe.

Dabei ging Walters Selbsttäuschung so weit, daß er jenes Gefühl, welches ihn zu handeln antrieb, nur für eine Gerechtigkeit, für eine Genugtuung des freien Glücklichen gegen den Unterdrückten hielt. Er glaubte nur seiner politischen Überzeugung, seiner Achtung vor den Menschenrechten zu folgen, die ritterliche Pflicht eines Edelmannes zu erfüllen, indem er durch sein Beispiel gegen ungerechte Vorurteile kämpfte.

Einem Onkel, der durch Bekannte von Walters Verhältnis zur Meierschen Familie unterrichtet war und mit einiger Unruhe desselben gegen ihn erwähnte, schrieb er in dieser Zeit:

»Sie haben mich gewöhnt, mein teurer Onkel, die Besorgnisse und Vorwürfe zu verstehen, die Ihre schonende Liebe für mich zwischen die Linien schreibt, um mir jede unangenehme Empfindung zu ersparen. So lese ich hinter dem wohlwollenden Rat, in die Heimat zurückzukehren und nicht wieder so gar lange von meinen Besitzungen fernzubleiben, die Besorgnis, ich könnte nicht allein in diese Heimat einziehen, sondern eine Gattin mit mir bringen, die Ihnen, dem ehemaligen Vormund, dem väterlichen Freunde, nicht willkommen wäre, so gern Sie mich übrigens verheiratet und unser altes Geschlecht fortgepflanzt wüßten.

Fürchten Sie nichts! Meine Freundschaft für den Kaufmann Meier und für seine Tochter ist allerdings eine lebhafte und, wie ich denke, dauernde, indes ist mir der Gedanke, dieses treffliche Mädchen zu heiraten, vollkommen fremd. Sie wissen, und ich glaube, das fürchten Sie gerade, daß kein Vorurteil mich abhalten könnte, ein bürgerliches Mädchen, das ich liebte, zur Gräfin Walter zu machen: doch ich liebe Jenny Meier nicht, so sehr ich mich ihrer Freundschaft, ihres Umganges erfreue. Es ist wahr, sie ist schön und liebenswürdig in hohem Grade, aber eine gewisse Jugendlichkeit, das weiblich Weiche fehlt ihr, das man an Mädchen ungern vermißt. Sie weiß mit Sicherheit, daß sie gefällt, es ist ihr lieb, ohne daß sie Anspruch darauf macht, und sie würde, wie mich dünkt, nicht das geringste dazu tun, die Meinung oder Gunst eines Mannes zu erwerben. Gefällt sie, ist's ihr recht, wenn nicht, so gilt's ihr gleich. Gestehen Sie, das ist eigentlich nicht die Art, welche wir an einem Mädchen lieben. Es liegt etwas Männliches darin, das interessant ist, das den Umgang sehr erleichtert, unser Vertrauen, unsere Freundschaft erweckt, aber Liebe erzeugt es nicht.

Ich traf mit dieser Familie ganz zufällig durch die Vermittlung eines gemeinsamen Freundes zusammen und nahm mit Dank das Erbieten desselben an, seine und ihre Wohnung zu teilen. Dies veranlaßte vermutlich jenes Gerücht meiner Verlobung mit einer Jüdin, das Sie erschreckt hat. Für diesmal, das sehen Sie, sind Sie der Sorge ledig, mich eine Heirat schließen zu sehen, die so stark gegen Ihre aristokratischen Ansichten verstoßen würde. Was die Zukunft bringt, dafür kann ich nicht einstehen. Doch ohne Scherz! Sie wissen, wie ich darüber urteile, und habe ich je den Beruf gefühlt, mit allen Waffen kämpfend gegen Vorurteile aufzutreten, so war es nach manchen Mitteilungen, die mir Fräulein Meier über ihre Jugend und die Verhältnisse ihres Bruders machte, der auch Ihnen dem Namen nach bekannt sein muß. Jene Vorurteile, das sind die Drachen unserer Tage, die zu vertilgen Ritterpflicht wäre; und soviel an mir ist, will ich beweisen, daß ich noch ein Ritter bin wie jener St. Georg, der den Lindwurm tötete. Es würde Sie selbst ergreifen, wenn Sie Jenny mit Stolz von dem Unglück sprechen hörten, das sie mit Tausenden teilt und für alle empfindet; denn obgleich sie lange zum Christentum übergetreten, ist sie von Grund der Seele Jüdin geblieben. Sie gesteht das frei, und es macht sie mir um so interessanter, wie denn ihr ganzes Wesen mir eine neue Erscheinung, ein Rätsel ist, das mich anmutig beschäftigt. In ihr vereinen sich der Geist und der Mut eines Mannes mit einem Frauenherzen, und es überrascht mich oft, daß doch zuletzt, trotz aller männlichen Klarheit, irgendeine liebenswürdige weibliche Schwäche oder ein lebhaftes Gefühl den Sieg über all ihren Verstand erringen.

Sie sehen aus der Weise, in der ich ruhig ihren Charakter zu zergliedern vermag, daß mein Herz ganz frei ist. Selbst der geübteste Anatom vermöchte das nicht, wenn das Klopfen des Herzens ihm die Hand unsicher macht, wieviel weniger ich. Also unbesorgt, mein väterlicher Freund! Finden Sie mir in unsern Kreisen eine liebenswürdige Gattin, und ich wies mich nicht länger sträuben, mir Ketten anlegen zu lassen, die sehr beglückend sein können, wie ich hier an meinem Freunde und seiner schönen Frau bemerke.«

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