Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
Schließen

Navigation:

Nachdem Walter an jenem Morgen Jenny den verlangten Bericht abgelegt, bat er um die Erlaubnis, die Arbeit zu besehen, mit der sie sich beschäftigt hatte, als er ankam. Bereitwillig nahm sie ihn Skizzenbuch wieder vor und zeigte ihm eine Gruppe von Bäumen, die sie am Tage vorher in der Nähe des kleinen Wasserfalls entworfen hatte.

»Ich kann es nicht ausdrücken«, sagte Jenny, »wie ich diese schönen, großen Bäume liebe. Sie geben mir immer ein Bild unsers Lebens, das fest in der Erde gewurzelt, doch sehnsüchtig himmelan strebt; und in dem Spiel der sonnenbeschienenen Blätter liegt außerdem für mich ein hoher Genuß. Die schönsten Träume meiner Kindheit, die rosigsten Märchen gaukeln an mir vorüber, und alle Wunder der Feenwelt scheinen mir möglich, wenn ich das flüsternde Kosen der Blätter höre.«

»Das ist eine echt deutsche Empfindung«, bemerkte Walter, »die ich vollkommen begreife und mit Ihnen teile. Ich bin so glücklich, in meinem Park die herrlichsten Eichen zu besitzen, und weiß meinen Voreltern Dank, die mir jene Bäume gepflanzt. Auch für mich sind sie eine Quelle immer neuen Genusses, wie die ganze Natur, die uns umgibt. Sie schreitet mit uns fort, sie lebt mit uns, sie hat Antwort für unsere Fragen, und es ist für mich das Zeichen eines wahren Dichters, wenn er die Sprache versteht, welche die Natur in seinen Tagen zu den Menschen spricht.«

»Glauben Sie denn«, fragte Jenny, »daß die Einwirkung der Natur auf das Gemüt des Menschen nicht zu allen Zeiten dieselbe blieb?«

»Insofern gewiß«, antwortete der Graf, »als sie immer die höchsten, heiligsten Empfindungen seiner Seele anregt. Aber je nachdem diese Gefühle sich im Laufe der Zeiten ändern, wechselt auch der Eindruck, den sie auf uns macht. Der heitre Grieche sah in den schönsten Bäumen seines Waldes liebliche Dryaden, die ihn mit Liebe umfingen. Dem deutschen Mittelalter predigten sie den Ernst, der auch in den düstern Domen gelehrt wurde, sie sprachen ihm von dem Kreuz, das aus ihrem Holze gezimmert worden...«

»Und uns?« fragte Jenny lebhaft.

»Uns weisen sie hinauf in die Region der Klarheit, uns predigen sie Freiheit und Licht mit ihren himmelan strebenden Zweigen«, sagte Walter mit schöner Erhebung, »und eben deshalb hoffe ich, wir werden nun endlich auch eine Menge veralterter, stereotyp gewordener Bilder loswerden, von denen viele mir geradezu verkehrt erscheinen und schädlich wirken.«

»Verkehrt?« wiederholte Jenny, »wie meinen Sie das? Und welche Bilder rechnen Sie dazu?«

Walter sann einen Augenblick nach, dann sagte er: »Um gleich eines der gewöhnlichsten zu nennen: Das Bild des Baumes und des Schlingkrautes für die Ehe. Sie glauben nicht, wie müde ich dieser starken Eichen bin, an die sich zärtlich der Efeu anschmiegt; der Ulmen, an denen die Rebe sich vertrauend emporrankt. Leider ist es in vielen Ehen so wie in dieser Naturerscheinung. Es gibt Bäume und Männer genug, die in angebornem Naturtrieb hoch und kühn emporstreben und sich von einer kümmerlichen Pflanze umrankt finden, die weder sie zurückhalten noch sich aufzuschwingen und zu gedeihen vermag in einer Höhe, für die sie nicht geschaffen ist! Aber schlimm genug, daß es so ist, und kein Dichter dürfte dies Bild brauchen, wenn er das Ideal schildern will, das von dieser innigsten Vereinigung in uns lebt. Das Gleichnis ist falsch!« schloß er und sah verwundert auf Jenny, die, während er gesprochen, den Stift aufgenommen hatte und mit dem größten Eifer zeichnete. Nach einigen Minuten reichte sie dem Grafen, der über ihre scheinbare Zerstreutheit ein wenig verletzt und schweigend neben ihr saß, ihre Zeichnung hin und fragte: »Und so, Herr Graf, befriedigt dieses Gleichnis Sie?«

Sie hatte mit kunstgeübter Hand eine vortreffliche Skizze entworfen. Zwei kräftige, üppige Bäume standen dicht nebeneinander, frisch und fröhlich emporstrebend, mit eng verschlungenen Ästen. Darunter las man die Worte: ›Aus gleicher Tiefe, frei und vereint zum Äther empor!‹

Walter betrachtete das kleine Bild mit Freude; sah dann mit einem Ausdruck hoher Bewunderung in Jennys glühendes Gesicht und sagte: »So vermag man nur das wiederzugeben, was tief empfunden in uns selbst lebt. Schenken Sie mir das Blatt, als Zeichen, wie unsere Gesinnung in dieser Beziehung übereinstimmt. Ich bitte, lassen Sie es mir!«

»Nein!« antwortete Jenny, »wenn Ihnen diese kleine Zeichnung gefällt, wenn sie Ihnen richtig erscheint, werden Sie es natürlich finden, daß ich sie meinen schönen Vorbildern zueigne; daß ich sie Clara gebe, welche eben mit ihrem Manne und den Kindern über die Brücke kommt. Auch mein Vater ist mit ihnen! Lassen Sie uns ihnen entgegengehen.«

Es war ein gar erfreulicher Anblick, die Familie zu sehen, als sie über die Wiese dahinschritt. William, nun gegen das Ende der dreißiger Jahre, ein Bild selbstbewußter, kräftiger Männlichkeit geworden. Er und die blühend schöne Mutter führten die kleine Lucy in ihrer Mitte, die seit einigen Tagen die ersten Versuche machte, auf den eigenen Füßchen fortzukommen und mit aller Gewalt dem Bruder nachlaufen wollte, der fröhlich jubelnd voransprang. Man konnte kein anmutigeres Bild ehelichen Glückes finden, und Walters Augen suchten Jenny, die plaudernd am Arme ihres Vaters hing und nur allein mit ihm beschäftigt war.

Nachdem man sich niedergelassen und eine lange Zeit mit den lieblichen Kindern vertändelt hatte, sagte William zu Walter: »Ich habe gewünscht, daß wir alle beisammen wären, ehe ich Ihnen einen Plan enthülle, den ich schon seit einigen Tagen in mir ausgebildet habe. Ich wollte Ihnen vorschlagen, jetzt, wie einst in England, unser Hausgenosse zu werden, um die flüchtige Zeit unseres Beisammenseins recht zu genießen. Sie finden Raum genug bei uns und sollen durchaus nicht geniert sein. Auch für Ihre Dienerschaft, Ihre Equipage ist hinreichend Platz, und wie sehr es mich freuen würde, Sie wieder einmal als meinen Gast zu sehen, bedarf keiner Versicherung.«

Der Vater vereinte seine Bitte mit Williams, und ohne lange zu überlegen, nahm Walter den Vorschlag unbedingt und mit sichtlichem Vergnügen an. Man machte Entwürfe, wie man sich einrichten wolle, um soviel als möglich miteinander zu sein und doch jedem die nötige Ruhe und Freiheit zu gönnen, ohne welche auf die Länge kein behagliches Dasein denkbar ist, und man trennte sich erst, nachdem man übereingekommen war, Walter solle noch im Laufe des Tages sein Hotel verlassen, um sich gleich heute bei seinen Freunden einzurichten.

Als er fortgegangen war, bemerkte Jenny: »Mir hat die Art sehr gefallen, mit der Walter Williams Erbieten annahm. Ein anderer hätte vielleicht Einwendungen gemacht, das Bedenken geäußert, er könne beschwerlich sein, und zuletzt sich in Danksagungen erschöpft, wenn er die Einladung angenommen hätte. Von dem allen tat er nichts. Er dachte offenbar im ersten Augenblick nur daran, ob es ihm selbst zusagend sei; dann, als er sich davon überzeugt hatte, sagte er, ohne weitere Umstände: ›Ich komme mit großer Freude, wenn Sie mich haben wollen!‹ Und doch lag gerade in dieser Einfachheit für mich etwas besonders Angenehmes.«

»Das ist es auch!« bestätigte der Vater. »Es spricht sich darin ein festes Zutrauen zu dem Freunde und zu sich selbst aus; die Überzeugung, er wisse, wie willkommen er seinen künftigen Wirten sei, und die Versicherung, er sei ihnen gern verpflichtet. Überhaupt charakterisiert sich ein edles Gemüt, ein freier, durchgebildeter Sinn am meisten in der Art, mit welcher man Dienste empfängt und Gefälligkeiten annimmt. Sie auf eine schickliche Weise zu leisten erlernt mancher.«

»Ach, auch das ist nicht jedes Menschen Sache!« wandte William ein. »Wie oft erdrückt man uns mit der Art, in der man sich uns dienstwillig und gefällig zeigt!«

»Eben weil man es nicht ist!« erwiderte der Vater. »Weil man sich das für eine Tugend, für eine Pflichterfüllung oder gar für ein Opfer auslegt, was dem wohlwollenden Sinne ganz einfach und natürlich erscheint. Wer bereit ist, andern zu dienen und gefällig zu sein, wer empfunden hat, wieviel Freude darin liegt, der gönnt diesen Genuß auch den übrigen und nimmt Hilfsleistungen und Gefälligkeiten so gern und unbefangen an, als er sie erzeigt. Er weiß, daß Geben seliger sei als Nehmen und daß die Befriedigung des Gewährenden gewiß ebenso groß ist als die des Empfangens. Darum habe ich Vertrauen zu Personen, die mit guter Art anzunehmen verstehen, ohne den innerlichen Vorbehalt, durch einen Gegendienst baldmöglichst quitt zu werden oder zu vergelten. Dies Vertrauen hat mich fast niemals betrogen und findet in Walter aufs neue seine Bewährung. Damit aber auch er sich nicht getäuscht finde, lassen Sie uns selber danach sehen, daß alles für ihn bereit sei, wenn er kommt.«

*

 << Kapitel 37  Kapitel 39 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.