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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Nach Claras Abreise schien Eduard sich plötzlich zu ermannen. Ein Leben, das ihm keine Freude bot, wollte er für andere nützen; nicht umsonst hatte er seine Hoffnung geopfert und der Geliebten entsagt. Er fing an, wieder vorwärts zu blicken, mit neuem Eifer seine medizinischen Studien und die Bestrebungen aufzunehmen, die er im Verein mit gleichgesinnten Männern schon früher für die Befreiung seiner Glaubensgenossen gemacht hatte. So hatte der Vater ihn zu finden erwartet, und das erhabenste Verhältnis bildete sich immer schöner zwischen ihnen aus, denn auf die rasche Tätigkeit des Sohnes übten die Ruhe und Weisheit des Vaters den segensreichsten Einfluß. Seit Eduard ganz von der Leidenschaft für Clara beherrscht, nur dieser und dadurch sich selbst gelebt, war er auch mit Joseph und Steinheim weniger zusammengekommen; sie nahmen den Rückkehrenden nun mit Freuden wieder auf. Jetzt erst erfuhren sie auch, welche Forderung Eduard an die Regierung gestellt, und die abschlägige Antwort, die ihm geworden, und beide errieten leicht, was ihn bewogen hatte, jene Angelegenheit so heimlich zu betreiben.

»Wir müssen mit unermüdlicher Beharrlichkeit den Weg verfolgen«, sagte Eduard, »den wir für den rechten halten. Es kommt nur darauf an, daß wir ausharren, nicht verzagen und immer wieder kommen, sooft man uns auch abweist.«

»Das werden sie jüdische Unverschämtheit nennen!« bemerkte Joseph.

»Mögen sie es immerhin. Nur in der Beharrlichkeit liegt Hoffnung, nur wenn wir unablässig dagegen stürmen, können die Verschanzungen fallen, hinter denen sie uns unsere Rechte vorenthalten; und fallen müssen sie. Unser Recht muß uns werden.«

»›Und wär's mit Ketten an den Himmel geschlossen!‹« unterbrach ihn Steinheim, der selbst bei einer so ernsten Unterredung, die ihm sehr am Herzen lag, seine üble Angewohnheit nicht überwinden konnte. Glücklicherweise war man so sehr daran gewöhnt, daß niemand es weiter beachtete. Auch Joseph und Eduard hörten nicht darauf, sondern überlegten lange, ob man jetzt, nachdem Eduards persönlicher Wunsch abschlägig beschieden worden, dieselbe Bitte für die Juden im allgemeinen bei der Regierung wagen solle. Sie stritten hin und her und kamen endlich überein, daß Eduard sich nach Jennys Hochzeit, die nicht allzu fern mehr war, selbst nach der Residenz begeben und versuchen möchte, was dort zu erreichen sein würde. Nach diesem Beschlusse verließ Steinheim die andern, und Eduard, der erst jetzt wieder auf seine Umgebung aufmerksam zu werden anfing, sagte zu Joseph: »Da wir Jennys Hochzeit erwähnen, sage mir, du, der du meine Schwester nie aus den Augen verloren hast, was quält Jenny? Liebt sie Reinhard nicht? Scheut sie sich vor dem Leben auf dem Lande? Oder was geht sonst mit ihr vor? Ich finde sie geistig in einer Weise verändert, die mich um so mehr überrascht, als sie mir bis jetzt gänzlich entgangen war.«

»Du hast recht!« sagte Joseph. »Aber wir können ihr nicht helfen, sie quält sich selbst, und ich weiß nicht, wie das enden wird.«

»Wie meinst du das?« fragte Eduard bestürzt.

»Ich bin überzeugt, Jenny ist ohne allen Glauben an die christlichen Dogmen Christin geworden, und der Gedanke, einen Meineid geschworen zu haben, peinigt und verfolgt sie mit einer Gewissensangst, vor der sie sich nicht zu schützen weiß.«

»Wär's möglich? – Sollte es das sein? Was bringt dich auf die Vermutung?«

»Jennys ganzes Wesen und vor allem eine Unterhaltung, die ich vor einigen Tagen mit ihr hatte. Sie brachte absichtlich das Gespräch auf Religionsverschiedenheit und gestand mir jetzt, da sie Christin geworden wäre, käme sie sich manchmal wie ausgeschlossen oder verstoßen von den Ihren vor. Es sei ihr, als wenn sie nicht mehr wie sonst zu den Eltern gehöre, obgleich sie sich doch Reinhard durch die Taufe nicht nähergebracht fühle. Sie fragte mich, was ich von dem Eide denke? Ob ich überhaupt glaube, daß alle sogenannten Sünden auch Sünden vor Gott seien? Und sie äußerte sich überhaupt in einer Art, die mir bei ihrem Geiste lächerlich und kindisch erschienen wäre, wenn ich nicht darin eine vollkommene innere Verwirrung, einen Zwiespalt gefunden hätte, der mir herzlich leid tat. Zuletzt sagte sie mir, sie könne den Gedanken nicht fassen, nicht mit ihren Eltern auf demselben Kirchhofe zu ruhen. Ich stellte ihr vor, das sei eine Torheit; auch wir, obgleich noch Juden, könnten leicht fern von allen Freunden eine Ruhestatt finden, und es sei gewiß höchst gleichgültig, wo man uns begraben würde. Sie aber blieb dabei, es wäre ihr schrecklich, und war überhaupt in einer Stimmung, in der jeder Vernunftsgrund fruchtlos bleiben mußte.«

»Das arme Kind!« rief Eduard, »was kann man für sie tun?«

»Wir müssen sie sich selbst überlassen. Ich bin überzeugt, daß sie den Ausweg finden wird. Das muß man abwarten, und ich hoffe, sie findet ihn bald, besonders, wenn irgendein äußerer Anlaß ihrer Unentschlossenheit zu Hilfe käme und sie veranlaßte, sich offen darüber zu erklären, wo eigentlich die Quelle ihres Leides liegt.«

»So laß uns gemeinschaftlich über sie wachen«, bat Eduard, »damit wir den rechten Augenblick nicht verfehlen, wenigstens Jenny glücklich zu machen, da wir es nicht geworden sind.«

»Leidensgefährte –«, sagte Joseph mit einer Miene und einem Tone, die ein eigentümliches Gemisch von Spott und Schmerz ausdrückten. »Wir wollen sie behüten, so gut es geht, aber ich fürchte, auch ihr ist nicht zu helfen!«

Und leider war Josephs Vermutung nur zu richtig. Je glücklicher sich Jenny in Reinhards Liebe fühlte, um so mehr demütigte sie der Gedanke, unwahr gegen ihn zu sein. Von frühester Kindheit an hatte man ihr die Lüge als etwas so Unedles, so Verächtliches dargestellt, daß sie sich nur mit Entsetzen zu gestehen vermochte, wie tief sie sich in dieselbe verwickelt habe. Der Zustand ihrer Seele möchte für denjenigen, der ihn nicht von selbst versteht, schwer zu beschreiben sein. Sie fühlte sich dem Elemente, in dem sie geboren, der Atmosphäre, in der allein sie atmen konnte, entrissen. Man hatte sie gelehrt, wahr gegen sich selbst, gegen jeden andern zu sein, und Recht und Wahrheit waren die Sterne gewesen, auf die man von jeher ihr Auge gelenkt. »Gott ist die Wahrheit, das Recht, das Gute und das Schöne«, hatte ihr Vater ihr stets gesagt, »und solange du das Recht tust, solange du wahr bleibst, bist du Gottes Kind und mein liebes Kind!« – Stundenlang konnte die Erinnerung an diese freundlichen Worte, bei denen sie sich sonst so glücklich gefühlt, sie jetzt quälen. Nachdem sie damit angefangen hatte, unwahr gegen sich selbst zu sein, hatte sie durch eine damals unfreiwillige Selbsttäuschung von ihrem Vater die Erlaubnis erlangt, zum Christentume überzutreten, an das sie zu glauben wähnte. Als aber der Zweifel in ihr erwachte; als sie mit aller Anstrengung und dem Aufwande von tausend Scheingründen in sich die Lehren Reinhards und des Pastors zu begründen strebte; da, sagte sie sich jetzt, da habe sie gewußt, daß sie niemals werde glauben können, was sich gegen ihre Vernunft sträube; und daß sie dennoch, trotz dieser innern Gewißheit, Christin geworden sei, daß sie ihren Vater, Reinhard und sich selbst habe hintergehen wollen, das war ein Verbrechen, um dessentwillen sie sich verächtlich vorkam, eine Sünde, die sie sich nicht vergeben konnte. ›Aber was ist eine Sünde?‹ fragte sie sich dann wieder. ›Wenn ich Reinhard nicht anders glücklich machen konnte als durch eine Unwahrheit; wenn ich selbst ohne sie elend werden mußte, kann Gott ein Unrecht strafen, das aus großer Liebe begangen wurde?‹ Einen Augenblick fühlte sie sich dann frei und gerechtfertigt durch die Liebe; durch den Kampf, den es sie gekostet, aus Liebe gegen ihre Überzeugung zu handeln. Sie hatte aus Liebe ein Opfer gebracht, das ihr schwer geworden war, sie hatte sich selbst überwunden – das war es ja gerade, was Gott von uns verlangt –, und diese Idee gab ihr Ruhe, bis sie sich gestand, daß auch dies wieder eine Unwahrheit sei. Nicht nur um glücklich zu machen, sondern um es zu werden, war sie Christin geworden; es lag Selbstsucht auch in dieser Handlung, und die Bemerkung, daß es ihr fast zur Gewohnheit geworden, sich nach ihrem Bedürfnis zu täuschen, vermehrte ihre Seelenpein in einem Grade, der ihr jedes ruhige Urteil raubte. Eine Furcht vor der Strafe Gottes bemächtigte sich ihrer Seele, und sie, die nicht an die mystischen Lehren des Christentums zu glauben vermochte, überließ sich fast willenlos dem Aberglauben des alten Testaments, das Gott einen Rächer nennt, das Böse strafend bis in das fernste Glied. ›Auch Reinhard‹, sagte sie sich, ›ziehe ich mit in mein Verderben; auch ihn wird der Strudel erfassen, wenn ich ihm nicht mehr verbergen kann, daß ich nicht glaube. Was soll er dann beginnen? Er wird mich lieben und mir doch nicht verzeihen können! Auch er wird in den heillosen Kampf zwischen seiner Liebe und seinem Glauben geraten; auch auf sein teures Haupt werde ich das Elend herabbeschwören, das mich nicht ruhen läßt, und das wird die erste Strafe sein, mit der Gott meine Sünden rächt.‹

In dieser Verfassung ihrer Seele vermehrten die Briefe des Geliebten ihr Leiden. Sie sprachen ihr warme Liebe und ein volles, unbedingtes Vertrauen aus. Er schilderte ihr das Glück einer Ehe, wie er sie an ihrer Seite erwartete, die, auf gleichen Ansichten, gleicher Überzeugung gegründet, in gemeinsamem Streben nach Vollkommenheit, den Himmel auf Erden bieten müsse; und meldete ihr endlich voller Freude, daß der Tag zu seiner Ordination bestimmt sei und er, sobald ihm diese Weihe geworden, zurückkehren werde, um sie heimzuführen. Seine Mutter, die seiner Ordination beizuwohnen wünsche, sei bereits bei ihm und werde mit ihm zur Hochzeit nach Berghoff kommen. Dann wünsche er vor derselben mit Mutter und Braut das Abendmahl zu nehmen, was Jenny bisher noch nicht empfangen hatte, und bald nach der Hochzeit abzureisen, während seine Mutter in der Stadt bleiben würde, um sie die Tage des ersten Beisammenseins ganz ungestört und allein genießen zu lassen.

Jennys Herz schlug freudig der langersehnten Nachricht entgegen, sie drückte das Blatt an ihre Lippen. Vor der sichern Hoffnung auf die nahe Vereinigung mit dem Geliebten war für einen Augenblick jeder andere Gedanke aus ihrer Seele geschwunden; und sie begann den Brief nochmals zu lesen, um nur keines der Worte zu verlieren, welche sie so glücklich machten. Da fiel ihr Blick auf die Stelle: »Ich wünsche noch vor unserer Hochzeit mit Dir das Abendmahl zu nehmen und auch auf diese Weise in die heiligste, innigste Gemeinschaft mit Dir zu treten, die Du bald als mein geliebtes Weib, unauflöslich, untrennbar mit mir verbunden, mein sein wirst.«

Ihrer Hand entsank das Blatt, jetzt war der Augenblick gekommen! Zum zweiten Mal, wie bei der Taufe, ein Spiel zu treiben mit dem, was Reinhard das Heiligste auf der Welt war, das vermochte sie nicht. Dies, das fühlte sie, dies war der entscheidende Moment, in welchem sie entweder sich durch einen gewaltsamen Entschluß in ihrer eigenen Achtung wiederherstellen und ihr Gewissen in bezug auf Reinhard beruhigen oder sich mit geschlossenen Augen in ein Labyrinth stürzen mußte, in dem sie und der Geliebte untergehen konnten.

Der Kampf war ernst und schwer, aber die Wahrheit siegte, und aufgelöst in Schmerz schrieb sie nach durchwachter Nacht, als schon das helle Tageslicht in ihr Fenster schien, folgenden Brief an Reinhard:

»Geliebtester! Wieviel glücklicher wären wir beide, wenn statt dieses Briefes die Nachricht in Deine Hände käme, Deine Jenny sei gestorben. Du würdest weinen, mein Reinhard. Du würdest um mich trauern, mein Andenken lieben, wie Du mich liebst, und ich wäre, erhoben von diesen Gedanken, geschieden und hätte Ruhe. Warum konnte ich nicht sterben, als du mich das letzte Mal in Deine Arme schlossest, als Deine Liebe mich so beglückte? Denkst Du daran, wie ich es wünschte, wie ich es Dir sagte, weil ich schon damals ahnte, daß ein Augenblick wie der jetzige mir bevorstehen könnte?

Bei der Erinnerung an jene Stunde beschwöre ich Dich, bei der Liebe und Nachsicht, die Du mir damals gelobt hast, stoße mich jetzt nicht von Dir, Geliebter! Du, der mich fast seit meiner Kindheit kennt, den ich liebte, seit ich ihn zuerst sah. Du bist mein Lehrer gewesen und kennst meine Seele; Du weißt, daß mein Geist ebenso heiß nach Wahrheit dürstet, als mein Herz nach Liebe verlangt. Darum kannst Du mich verstehen, darum mußt Du Mitleid mit mir haben, wenn ich Dir sage, daß ich Dich mehr als die Wahrheit liebe, daß ich meine Überzeugung zwingen wollte, sich meiner Liebe zu fügen. Ich vermag es nicht länger.

Von Augenblick zu Augenblick zögere ich, Dir ein Bekenntnis zu machen, von dem ich fürchte, daß es Dich tief betrüben, mich in Deinen Augen heruntersetzen könne. Ich möchte Dich an all die Liebe erinnern, die uns vereint, an das Glück, das wir gemeinsam erhoffen, damit sie Dir vorschweben, wenn ich Dir alles gesagt haben werde.

Ich glaube nicht, daß Christus der Sohn Gottes ist; daß er auferstanden ist, nachdem er gestorben. Ich glaube nicht, daß es seines Todes bedurfte, um uns Gottes Vergebung und Nachsicht zu erwerben. Die Dreieinigkeit, in der er lebte, ist mir ein ewig unverständlicher Gedanke, der keinen Boden in meiner Seele findet. Ich glaube nicht, daß es ein Wunder gibt, daß eines geschehen kann, außer den Wundern, die Gott, der Eine, einzig wahre, täglich vor unsern Augen tut. Und selbst zu Christus', des erhabenen, göttlichen Menschen Erinnerung kann ich das Abendmahl nicht nehmen, mich nicht zu einer Zeremonie entschließen, die mir wie eine unheimliche Form erscheint, während Du die innigste Verbindung mit Gott darin feierst.

Ich kann nicht anders! Diese Überzeugung ist stärker als meine Liebe, als ich! Nach furchtbarem Kampf wurde ich Christin; denn schon vor der Taufe war die Wahrheit in mir Herr geworden über eine Täuschung, die ich mit der Angst der Verzweiflung in mir zu erhalten strebte, um Deinetwillen! Lügen kann ich nicht länger, aber auch glauben kann ich nicht – kein Ausweg ist möglich; und mit dem Gefühl der tiefen Liebe, die ewig wahr und unverändert in mir ist, werfe ich mich an Deine Brust. Du sollst mir sagen, wie ich Frieden mache zwischen Liebe und Glauben, wie ich mich wiederfinde in dem Gewühl des Kampfes.

Wenn Du mich liebst, habe Mitleid mit mir, komme bald, komme gleich und laß mich aus Deinem Munde die Worte hören, die meiner Seele allein Ruhe geben können. Sage mir, daß Du mich lieben kannst, wenn ich auch nicht an Christus glaube, wie ihr es verlangt. Ihr sagt, er sei die Liebe – nun, dann ist er mit mir, denn ich liebe Dich, wie je ein Mensch zu lieben vermochte; ich kenne kein Glück als Deine Liebe. Schreibe mir nicht! Das dauert zu lange, komme selbst, damit ich Dich sehe und in Deinen Augen die Antwort finde, die langsam aus toten Lettern zu lesen eine Qual wäre, die Du mir ersparen wirst, weil Du mich liebst. Ja, ich weiß, daß Du mich liebst! Mit dem Glauben sage ich Dir auf Wiedersehen! Geliebter, Lehrer, Freund, mein Alles auf der Welt! Laß mich nicht lange auf Deine Ankunft warten, jetzt, wo jede Minute mir zu Jahren wird, bis ich Dich sehe!«

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