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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Eines Morgens ließ die Kommerzienrätin Clara früher als gewöhnlich rufen. Sie hatte ihre Krankenstube verlassen und saß mit einer gewissen Feierlichkeit in ihrem Lehnsessel. Als die Tochter bei ihr eintrat, reichte sie derselben freundlich die Hand, nötigte sie, sich zu ihr zu setzen und sagte, nachdem sie einen Augenblick über den Anfang der Unterhaltung nachgedacht hatte: »Mein Kind, es ist zwischen uns nicht immer so gewesen, wie es hätte sein sollen; und ich will dir es gestehen, ich habe dich verkannt. Ich habe deine Sanftmut für Schwäche gehalten, habe dir auch sonst in meinem Herzen Unrecht getan, weil ich alle Pläne für das Ansehen unseres Hauses nur auf Ferdinand basierte. Er hat meine Hoffnungen betrogen – ich habe keinen Sohn mehr.«

Ein nervöses Zittern fuhr trotz der Mühe, mit der sie es verbergen wollte, sichtbar durch ihre Glieder. Clara bat sie, sich zu schonen; sie versuchte ein Wort zugunsten ihres Bruders einzulegen und der Mutter vorzustellen, wie seine unbesonnene Handlung vielleicht weniger traurig in ihren Folgen sein würde, als man glaube.

Die Kommerzienrätin ließ sie nicht vollenden. »Das verstehst du nicht«, sagte sie heftig. »Kann denn irgend etwas die Schmach vertilgen, daß ein Weib wie jenes den Namen unserer Familie, meinen Namen trägt? Fürchte nicht, daß Ferdinand Mangel leiden, daß dein Vater ihn enterben könne, wie er neulich gedroht. Er soll mehr haben, als er bedarf, mehr, als Lord D. der Person geboten hätte, unter der einzigen Bedingung, daß er unsern Namen ablegt, daß er nie nach Deutschland kommt, daß ich nie wieder von ihm und von dem Frauenzimmer etwas höre. Für mich ist Ferdinand tot, ich habe keinen Sohn mehr«, wiederholte sie noch einmal.

Während dieser Rede war sie immer heftiger geworden und brach zuletzt in ein krampfhaftes Weinen aus, das sie zu erleichtern schien. »Auf dich allein ist nun meine Zukunft angewiesen«, sagte sie. »Deine Söhne sollen die Erben dieses Hauses werden, und William hat mir heute versprechen müssen, daß sie unsern Namen neben dem euren führen sollen. Morgen muß der Ehekontrakt aufgenommen werden, und sehr bald soll eure Hochzeit sein. Ich würde nicht Ruhe finden, ehe ich nicht die einzige Angelegenheit beendet habe, die mir auf Erden noch Freude machen kann, und daß du mir diese letzte Freude machst, das wird dir Segen bringen. Gott gebe, du würdest eine glücklichere Mutter als ich.«

Sie fiel ganz erschöpft in die Kissen des Sofas zurück, Clara stand sprachlos an ihrer Seite, bemüht, sie durch den Geruch stärkender Essenzen zu beleben. Sie hatte sich vorgenommen, ihrer Mutter zu sagen, daß sie William nicht liebe und ihn nicht heiraten könne, und hatte sich gefaßt gemacht, den heftigen Zorn derselben mit Ergebung zu tragen. Jetzt aber, als die Mutter vor ihr lag, die stolzen Züge ganz gebrochen von der Macht des Leidens, fehlte ihr der Mut, sie durch eine entschiedene Weigerung noch mehr zu betrüben. Nur um Aufschub wollte sie fürs erste bitten und tat es, indem sie der Kommerzienrätin vorstellte, wie ihr leidender Zustand keine Aufregung gestattete und wie William gern bereit sein würde zu warten, bis die Mutter wieder ganz wohl und kräftig sei. Aber auch davon wollte diese nichts hören, und als in diesem Moment Eduard in das Zimmer trat, um seinen täglichen Morgenbesuch zu machen, richtete die Kommerzienrätin sich lebhaft mit der Frage empor: »Sagen Sie, lieber Doktor, glauben Sie, daß Freude meinen Nerven schaden könne?«

»Im geringsten nicht«, antwortete er unbefangen; »ich glaube vielmehr, daß Erheiterung Ihres Gemüts mehr zu Ihrer Gesundheit beitragen würde als irgendeine Arznei.«

»Also haben Sie nichts dagegen, wenn wir morgen die Verlobung meiner Tochter feiern?«

Eduard schwieg betroffen; Clara sah ihn mit flehenden Blicken an, ihr Atem stockte; denn von dieser Antwort hing ihre Zukunft ab. Die Kommerzienrätin schien aber zu glauben, ihr Arzt überlege, ob ihre Anwesenheit in größerer Gesellschaft zulässig sei, und sagte: »Ich spreche ja von keinem großen Feste, nur im engsten Kreise wollen wir die Verlobung vor sich gehen lassen. An solche Feste, wie ihre Eltern bei Jennys Verlobung veranstalteten, darf ich jetzt freilich nicht denken, auch wird Clara zur Entschädigung in dem Hause ihrer Schwiegereltern Glanz und Feste in Überfluß finden – deshalb soll alles morgen in Stille vor sich gehen, und dagegen dürfen Sie keine Einwendungen machen.«

»Nein, gewiß nicht! Ich darf keine Einwendungen dagegen machen«, antwortete er mit einem Seufzer und blickte auf Clara, die sich, unfähig, seinem Blicke zu begegnen, an einen Stuhl lehnte, um nicht ihrer Bewegung zu unterliegen.

Kaum aber hatte die Kommerzienrätin Eduards Erlaubnis erhalten, als sie die Klingel zog und dem Diener befahl, William zu ihr zu bitten. Eduard hielt die Hand der alten Dame noch in der seinen und richtete eine Frage über ihren Zustand an sie, als William schon dem Ruf der Tante Folge leistete.

»Gleich, gleich, Doktor!« unterbrach sie ihn, »seien Sie nicht böse. Aber Sie selbst gestanden mir, Freude sei meine beste Arznei, darum muß ich William sagen, daß Sie mir die Erlaubnis gegeben haben, morgen die Verlobung der beiden Lieben feiern zu dürfen.«

»Eduard!« rief William. Doch ehe er noch ein Wort hinzufügen konnte, sprang Eduard auf und wollte Clara zu Hilfe eilen, die, unfähig, sich länger zu beherrschen, bleich und matt der Tür zuwankte. Plötzlich blieb er stehen und sagte rasch, aber mit einer Selbstbeherrschung, die jeden täuschen mußte, der die Verhältnisse nicht kannte: »Ihre Braut ist unwohl, William, begleiten Sie sie.«

In demselben Augenblick war William auch an Claras Seite, ihre letzte Kraft verließ sie, er umfing sie stützend mit seinen Armen, und in Eduards und in ihrer Mutter Gegenwart weinte sie heiße Tränen über ihr verlorenes Liebesglück an ihres künftigen Gatten Brust.

Noch am Abende fuhr Eduard nach Berghoff hinaus. »Clara ist mit William verlobt«, sagte er, nachdem er sich mit den Seinen begrüßt hatte.

»Das freut mich sehr«, antwortete sein Vater und drückte Eduard die Hand, während die Frauen ihn um nähere Mitteilungen baten. Mehr wurde zwischen Vater und Sohn nie wieder über eine Angelegenheit gesprochen, welche früher zwischen ihnen der Gegenstand lebhafter Erörterungen, banger Besorgnis und schweren Kampfes gewesen war.

Eduard fuhr nach wie vor an jedem Morgen in das Haus der Kommerzienrätin, solange ihre Gesundheit seine Pflege erforderte; nur Zeuge von Claras Verlobung zu sein hatte er unter einem Vorwande verweigert, und William und Clara wußten ihm dies Dank. Die ersten Tage, an denen er das neue Brautpaar sah, bedurfte es seiner ganzen Kraft, um äußerlich eine Fassung zu erzwingen, die ihm in seinem Geiste noch fehlte. Aber William stand ihm wie seiner Braut in edler Weise bei. Er selbst begleitete bald darauf Clara nach Berghoff, und mit einer Gewandtheit, die aus dem feinsten Schicklichkeitsgefühl und einem wohlwollenden Herzen entsprang, wußte er Eduard und Clara vor jeder zu schmerzlichen Berührung zu bewahren.

Während die Damen sich mit einer Unterhaltung über die in beiden Häusern nötig gewordenen Ausstattungen für die Bräute beschäftigten, zog William seinen Freund mit sich und sagte: »Lieber Eduard! Clara hat gegen mich das Verlangen geäußert, Sie noch einmal allein zu sprechen, und ich hatte ihr zugesagt, ihr dazu Gelegenheit zu geben. Später bin ich anderer Meinung geworden, ich habe Clara gebeten, der Erfüllung dieses Wunsches zu entsagen. Sie werden mir zugeben müssen, daß es für uns alle besser ist, wenn wir uns so schnell als möglich über eine Zeit fortzuhelfen versuchen, die an schmerzlichen Eindrücken nur zu reich ist. Deshalb habe ich meine Tante überredet, unsere Hochzeit zu beschleunigen. In vierzehn Tagen spätestens soll sie vollzogen werden.«

»Ich billige Ihre Ansicht vollkommen und danke Ihnen für alles, was Sie tun, Claras Gefühle zu schonen«, sagte der Doktor.

»Und nun, Eduard«, sagte William, »noch eine Bitte. Ich habe Sie seit unserm ersten Begegnen für einen seltenen Mann gehalten; weil Sie der sind, lassen Sie es mich nicht entgelten, daß ich glücklicher bin als Sie – soll ich deshalb den Freund verlieren, den ich gewonnen zu haben glaubte?«

»Nein, bei Gott, das sollst du nicht!« rief Eduard, hingerissen von Williams Worten. »Glaube mir, William, daß ich dich aus Grund der Seele achte, aber wundre dich nicht, wenn mir jetzt, wo ich von den Hoffnungen meiner Vergangenheit so plötzlich scheide, Gegenwart und Zukunft noch umwölkt erscheinen, wenn ich keinen andern Gedanken habe, als wie groß das Glück war, auf das ich verzichten mußte. Dir vertraue ich dies Glück an, und könnte mich etwas trösten, so wäre es das Bewußtsein, Clara an dich, an den Würdigsten verloren zu haben.«

Arm in Arm kehrten sie zu den übrigen zurück, sie fanden Steinheim in der Familie, der eben dazugekommen war. »Ich schwöre Ihnen«, sagte er, »ich wäre längst einmal hierher gekommen, wenn die fatale Hitze mir nicht eine vollkommene Nervenabspannung zuwege brächte; besonders da die Stadt so still und einsam ist wie Pompeji vor der Ausgrabung.«

»So bringen Sie uns keine Neuigkeiten mit, und wir Landsleute wissen mehr als Sie. Denken Sie nur, der räuberische Engländer entführt uns Clara schon in der nächsten Woche!« bemerkte Jenny.

»Ja! Dann hat er ein Recht, stolz zu sein, weil wir dann das einzige an ihn verlieren, um das England uns beneiden mußte«, rief Steinheim, Posas Worte parodierend, indem er sich gegen Clara tief verneigte.

»Die Hitze macht Sie nicht galanter«, sagte Jenny lächelnd, »denn Sie vergessen, daß William mich nicht ebenfalls mitnimmt, sondern daß ich hierbleibe, um mich an Ihnen für Ihren Mangel an Galanterie zu rächen.«

»Gehört die Rache auch zu den christlichen Tugenden einer Frau Pfarrerin?« fragte Steinheim, und da Jenny gegen sein Erwarten nichts darauf erwiderte, sondern die Frage fallen ließ, wendete er sich zu den Herren, die, seitwärts stehend, miteinander sprachen. Bald aber kehrte er wieder zu den Damen zurück, weil, wie er behauptete, da, wo die Männer säßen, ein furchtbarer Zugwind wehe, von dem man in dieser Witterung den Tod haben könnte. Man lachte ihn aus, und doch war er heute Clara willkommen. Seine Anwesenheit, seine Unterhaltung, auch wenn sie, wie fast immer, nur sein Ich betraf, zogen die Aufmerksamkeit von ihr ab; und je größer der Zirkel wurde, um so ungestörter konnte sie sich in die Erinnerung alles dessen versenken, was sie in diesem Kreise erlebt hatte und was sich heute unwillkürlich ihrem Geiste aufdrängte.

»Sehen wir Sie vor Ihrer Hochzeit noch?« fragte die Hausfrau sie, als sie später schieden.

»Oh, gewiß!« antwortete Clara, »ich komme noch Abschied von Ihnen allen nehmen, da wir gleich nach der Trauung abreisen. Denken Sie unser, wenn wir nicht mehr hier sein werden!« bat sie mit kaum unterdrücktem Weinen, und ihr Blick traf Eduard, der ihn nur zu wohl verstand. William aber machte der stummen Szene schnell ein Ende und führte seine Braut davon.

*

Die Trauung des neuen Ehepaares war vorüber; die junge Frau in Reisekleidern war des Augenblickes gewärtig, in dem die Diener melden würden, daß alles zur Abreise bereit sei. Die Gäste hatten sich entfernt, nur Jenny und Eduard waren noch geblieben. In sich gekehrt, sah dieser kaum, was um ihn vorging; er wünschte, der schwere Kampf des Scheidens wäre an Clara und ihm bereits vorüber. Die Kommerzienrätin sprach mit ihrem Schwiegersohne und empfahl ihm die dringendste Vorsicht für die junge Frau, welche Hand in Hand mit ihrem Vater dasaß, der in ihr seine einzige Freude verlor.

Da trat ein Diener herein, und wie ein elektrischer Schlag durchzuckten jeden die einfachen Worte: »Der Postillion hat angeschirrt!«

Weinend schieden die Eltern von der einzigen, schönen Tochter; weinend sank sie Jenny in die Arme und wollte, sich gewaltsam losreißend, an Eduard vorüber, ihrem Manne folgen. Dieser aber hielt sie zurück. »Und Eduard?« sagte er leise mahnend und führte sie selber zu dem Freunde hin. Das war mehr als sie ertragen konnten, aber William hatte vorausgesehen, was er ihnen damit tat, was er ihnen damit leistete und gewährte.

Jetzt in der Stunde der Trennung bedurfte es keines Geheimnisses, gab es keine Entweihung für diese reine Liebe mehr. Eduard zog die Geliebte, Williams Frau, tief erschüttert an sein Herz und drückte einen langen Kuß auf ihre Stirne. »Gott segne Sie!« rief er und schloß dann auch William noch einmal in seine Arme. »Gott segne euch!« Er konnte nicht weitersprechen. Überrascht, aber mit ehrendem Schweigen sahen es der Vater, sah die Mutter es.

»Leben Sie wohl, Eduard! Ihnen vermache ich meine Eltern«, sagte Clara kaum hörbar, »stehen Sie ihnen bei!« – Und nun erst nahm William ihren Arm und führte sie zu dem Wagen, der sie bald den Augen der nachsehenden Freunde entzog.

*

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