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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Wenige Tage nach Claras erstem Besuch in Berghoff war William zurückgekehrt. Da er den Tag seiner Ankunft nicht bestimmt angegeben, fand er zufällig weder seine Tante noch Clara zu Hause und wurde von dem Diener zu Herrn Horn in das Comptoir gewiesen, mit dem Bemerken, Frau Kommerzienrätin würde sehr überrascht sein, ihn schon zu finden, da man seine Ankunft heute noch nicht erwartet hätte.

Nicht erwartet zu werden von Personen, nach denen man sich gesehnt hat, gehört zu den peinlichsten Gefühlen, die uns nach längerer Trennung von denselben berühren können. Tausendmal hatte er es sich vorgestellt, während er in seinem Wagen einsam und rasch dahinflog, wie die Tante und Clara ihm entgegeneilen und er mit dem Willkomm zugleich den Brautkuß von den Lippen seiner Cousine küssen werde. Statt dessen empfing ihn sein Onkel zwar freundlich, aber durch Geschäfte zerstreut, in denen er ihn unterbrochen hatte, und mit so eiligen Fragen nach dem Befinden seines Vaters, nach seiner Reise und den Aussichten für das nächste Handelsjahr in London, daß der junge Mann wohl merken konnte, wie gern sein Onkel ihn abzufertigen wünsche. Er zog sich also bald zurück und begab sich in die Zimmer der Damen, um dort die Heimkehr derselben zu erwarten.

Eine eigentümliche Empfindung beschlich ihn, als er sich wieder in den Räumen befand, aus denen er, von Furcht und Hoffnung bewegt, geschieden war. Gleich nach seiner Ankunft in London hatte er der Kommerzienrätin geschrieben und einen kurzen, herzlichen Brief für Clara beigelegt, den sie ihm beantwortet, ohne eigentlich seiner Werbung zu gedenken, indem sie ihm hauptsächlich ihre Teilnahme an der Krankheit seines Vaters, ihr Bedauern über seine plötzliche Abreise unter so traurigen Umständen ausdrückte und die Hoffnung äußerte, daß dennoch alles sich zum Besten und nach ihren Wünschen fügen werde. William selbst gehörte nicht zu den Menschen, welche es lieben, sich mündlich oder gar schriftlich über ihre Gefühle auszusprechen, die Zurückhaltung seiner Cousine überraschte ihn deshalb nicht. Sie wußte, daß er sie liebe; die Tante hatte ihm die Hand ihrer Tochter zugesagt, hatte ihm die Versicherung gegeben, daß Clara seine Neigung erwidere, und da diese sich nicht dagegen erklärt hatte, las er mit fröhlichem Vertrauen aus den wenigen und flüchtigen Briefen, welche er von ihr erhielt, alles das heraus, was sein Herz begehrte. Jetzt, wo er jeden Augenblick den leichten Tritt der Geliebten zu hören hoffte, wo er ihrer mit lebhafter Ungeduld harrte, fiel es ihm auf, wie wenig Clara bis jetzt dazu getan hatte, ihn ihrer Liebe oder nur der Zustimmung zu seinen Ansprüchen zu versichern. Er setzte sich sinnend auf den Platz nieder, den er so häufig Clara gegenüber an ihrem Arbeitstische eingenommen hatte. Ein Nähkästchen, welches Eduard in einer Verlosung gewonnen und in Williams Beisein Clara geschenkt hatte, erkannte er wieder. Es war schon ein wenig abgenutzt und mußte eben gebraucht sein, denn es enthielt außer verschiedenen Gerätschaften für weibliche Arbeit eine Visitenkarte des Doktor Meier, auf welche mit Bleistift das Datum eines der letzten Tage und die Worte geschrieben standen: Bedauert, die Einladung der Frau Kommerzienrätin Horn für heute nicht annehmen zu können. Eine politische Broschüre lag aufgeschlagen neben dem Kästchen; sie gehörte ebenfalls dem Doktor Meier, wie die von seiner Hand geschriebenen Anmerkungen in derselben verrieten. Von all jenen eleganten Kleinigkeiten, die William seiner Cousine geschenkt, schien sie keinen Gebrauch zu machen, denn sie standen in kalter Ordnung nebeneinander auf einer der Etagèren aufgerichtet, wo sie nur die Hand des Hausmädchens gesäubert und Claras Auge vielleicht niemals getroffen haben mochte. Das tat William wehe und machte ihn unmutig und nachdenkend, so daß er fast erschrak, als er endlich die Stimme seiner Tante hörte.

Eilig stand er auf und ging den Damen entgegen. Mit einem »Willkommen, mein Sohn!« umarmte ihn die Kommerzienrätin und, gegen Clara gewendet, fügte sie hinzu: »Nun, da ist er! Ich will wie eine echte Romanmutter, die ich euch immer war, den zärtlichen Erguß eurer Herzen nicht stören und erwarte euch erst in einer halben Stunde in meinem Zimmer.«

Es ging aber der sonst so klugen Frau wie allen sehr förmlichen, gemessenen Leuten, die, wenn sie einmal unbefangen und herzlich scheinen wollen, meist völlig aus der Rolle fallen und die ungeschicktesten Verstöße begehen. Clara und William standen sich verlegen gegenüber, beide gepeinigt durch die unvorteilhafte Lage, in der sie sich befanden. William hatte statt einer zärtlichen Braut, die ihn liebend begrüßte, sehnsüchtig nach ihm verlangte, ein Mädchen vor sich, das ihn mit scheuer Zurückhaltung behandelte und offenbar eher erschreckt als erfreut durch seine Anwesenheit war. Er fand Clara verändert, und um nur aus dem peinlichen Schweigen herauszukommen, fragte er: »Warst du krank, mein Clärchen? Du bist so bleich, so still. Und freut es dich denn gar nicht, daß wir beisammen sind?«

»O gewiß, lieber Cousin!« antwortete sie, »es freut mich von Herzen, daß dein Vater hergestellt ist und daß du zu uns zurückkehren konntest.«

»Lieber Cousin? Und weiter nichts?« rief William scherzend, »mein Clärchen, das klingt doch wirklich zu cousinenmäßig, und selbst eine Cousine hätte mir längst ihren Mund statt der Hand zum Willkomm reichen müssen.« Er schloß sie in seine Arme und küßte sie trotz ihres Widerstrebens herzlich. »Ah«, rief er, »das ist ein ander Ding, nun lebe ich erst wieder! Nun weiß ich, daß ich hier bin und wozu ich wieder hier bin. Wenn du wüßtest, Clärchen, wie meine Eltern sich freuen, dich bald als Tochter zu begrüßen! Mein Vater will, wenn seine Kräfte es erlauben, selbst bei unserer Hochzeit gegenwärtig sein, und ich habe ihm versprochen, daß wir auf ihn warten, wenn er sich ein wenig mit seiner Erholung beeilt.«

»Und wie weit ist diese vorgeschritten?« fragte Clara, froh, das Gespräch von der bisherigen Richtung ablenken zu können. William aber deutete diese Frage nach seinem Sinne und antwortete tändelnd: »So weit, mein Fräulein, daß Sie Ihr Hochzeitskleid bestellen und Ihr Reisekostüm anordnen müssen; denn so lieb mir Deutschland und seine Sitten geworden sind, nach der Trauung geht es fort, und unsern Honigmonat verleben wir in England, bei uns auf dem Lande.«

In der Freude seines Herzens bemerkte William nicht, wie er ganz ausschließlich die Kosten dieser Unterhaltung trug, während Clara mit schlecht verhehltem Bangen seinen Worten zuhörte und nur dann und wann eine gleichgültige Frage dazwischen warf, bis das Eintreten ihrer Mutter sie befreite.

Natürlich war eine der ersten Fragen, welche die Kommerzienrätin an ihren Neffen richtete, nach dem Ergehen ihres Sohnes, weil dieser die Zeit seiner Heimkehr von Monat zu Monat gegen seines Vaters Wünsche hinausgeschoben hatte.

»Ferdinand ist gesund«, berichtete William; fügte aber mit einer gewissen Zurückhaltung hinzu: »ich zweifle jedoch, ob er freiwillig so bald zurückkehrt, als Sie es wünschen, liebe Tante.«

»Und was ist es, was ihn davon abhält? Was fesselt ihn so sehr?«

»Eine Schwäche, falls man eine Leidenschaft so nennen darf, mit der man Nachsicht haben müßte, wenn sie einem würdigeren Gegenstand zugewendet wäre.«

Die Kommerzienrätin gab ihrer Tochter ein Zeichen, sich zu entfernen, dann nötigte sie William, sich zu ihr zu setzen, und verlangte, daß er ihr rasch und unumwunden sage, was sie wissen müsse. Die Angst der Mutter machte William vorsichtig. So schonend als möglich teilte er ihr mit, wie Ferdinand gleich bei seiner Ankunft in England die Bekanntschaft einer schönen, aber übel berufenen Frau gemacht habe, welche seine Geliebte geworden sei und ihn in seinem Hange zur Verschwendung bestärke, nachdem sie ihren frühern Geliebten, einen jungen Mann vom Stande, ruiniert und verlassen habe.

»Sie hat Ferdinand vorgespiegelt«, erzählte William, »um seinetwillen und nur aus Liebe für ihn mit ihrem ersten Verehrer gebrochen zu haben, der, wie sie behauptet, ihr die Ehe versprochen hatte, und Ferdinand ist in einer unglücklichen Stunde so töricht gewesen, ihr schriftlich eine ebensolche Zusicherung zu geben, die er später in Gegenwart ihrer und seiner Bekannten wiederholt hat und auf deren Erfüllung sie jetzt dringt, ohne von irgendeinem Vergleich oder einer Abfindung hören zu wollen.«

William hielt inne, weil er sah, wie schwer die Nachricht seine Tante traf.

»Nur weiter, weiter!« bat sie, als sie das Zaudern ihres Neffen bemerkte. »Hältst du es für möglich, daß mein Sohn ehrlos genug sein könnte, wirklich an eine Heirat mit einer solchen Frau zu denken? Daß er mir, seiner Mutter, eine solche Frau zur Tochter aufzudrängen denkt?«

»Ich hoffe«, antwortete William, »daß es Ihren Ermahnungen gelingt, ihn davon zurückzubringen, was bis jetzt freilich weder meinem Vater noch mir gelungen ist.«

»Er muß zurück, noch heute schreibe ich ihm«, rief die Kommerzienrätin wie außer sich, »er soll und muß gehorchen.«

»Das wird er nicht, liebste Tante«, bemerkte William, »und Sie würden sich, falls er Ihnen sogar gehorchte, nur der Unannehmlichkeit aussetzen, diese lästigen Verhältnisse in Ihre Nähe zu ziehen; denn ich bezweifle keinen Augenblick, daß jene Frau ihm auch gegen seine Erlaubnis hierher folgen und hier auf die Erfüllung seines Wortes dringen würde. Darum haben Sie Geduld, schreiben Sie ihm, daß Sie um das Verhältnis wissen, daß Sie es mißbilligen; aber vermeiden Sie eine Strenge, welche ihn leicht zu offenem Widerstand, zu unüberlegten Schritten treiben könnte, da er sie von Ihnen nicht gewohnt ist. Vielleicht wäre es sogar besser, Sie überließen es dem Onkel einzuschreiten, obgleich mein Vater mir riet, Ihnen zuerst die Mitteilung zu machen.«

»Das war gut, war klug«, sagte die Kommerzienrätin, »denn dir darf ich es bekennen, und du weißt es vielleicht selbst, daß niemals ein gutes Vernehmen zwischen Ferdinand und seinem Vater herrschte. Männer vergessen es leicht, daß sie einst selbst jung und der Nachsicht bedürftig gewesen sind, und –«, fuhr sie fort, plötzlich umgestimmt durch den Gedanken, ihr Liebling Ferdinand könne irgendwie den Tadel seines Vaters auf sich ziehen, »vielleicht ist es mit Ferdinand so schlimm nicht als wir glauben. Deshalb versprich mir, seinem Vater nichts zu sagen, bis ich selbst eine Antwort von meinem Sohne erhalten haben werde.«

William versprach das, aber die Kränkung, die ihr Stolz erlitten hatte, der Schreck und die Unruhe, die sie empfunden, waren so lebhaft gewesen, daß ihre gewohnte Selbstbeherrschung sie verließ und sie von nervösen Zufällen ergriffen wurde, welche sie nötigten, ein paar Tage ihr Zimmer zu hüten und ihr Claras Pflege und Wartung unentbehrlich machten.

Dadurch bekam William seine Braut, denn als solche betrachtete er die Cousine, wenig nur zu sehen. Trotzdem mußte ihm ihr Betragen auffallen, das offenbar zurückhaltender und befangener war, als sie sich ihm jemals gezeigt hatte. Er konnte nicht begreifen, weshalb sein Onkel mit keinem Worte seiner Verlobung gedachte, er sah, daß man sie wie ein Geheimnis behandelt haben müsse, und obgleich dieses gewissermaßen durch die Umstände entschuldigt werden oder selbst geboten sein konnte, fand er die strenge Beobachtung der Etikette unter so nahen Verwandten, die alle einig und glücklich über diese Verbindung waren, übertrieben. Er nahm sich vor, sobald die Kommerzienrätin wieder wohl und sichtbar sein würde, auf die Bekanntmachung seiner Verlobung mit Clara zu dringen, weil ihm seine jetzige Stellung lästig war und er hoffte, die ungewöhnliche Schüchternheit seiner Braut werde sich von selbst geben, wenn ihr beiderseitiges Verhältnis zueinander kein Geheimnis mehr sei.

Am zweiten Abende hatte sich denn auch der Zustand der Mutter soweit gebessert, daß Clara sie auf ihren ausdrücklichen Befehl verlassen mußte, um sich ihrem Bräutigam nicht unnötig zu entziehen, der, innig erfreut, sie wiederzuhaben, ihr den Vorschlag machte, mit ihm nach Berghoff zu fahren. Er wünschte, Clara möge sich nach den in der Krankenstube ihrer Mutter verlebten Tagen in freier Luft erholen und zugleich mit ihm die befreundete Familie besuchen, von der er noch niemand gesehen hatte. Clara lehnte aber beides ab und bat William, ihr in ihr Zimmer zu folgen, da sie ihn allein und gleich zu sprechen habe.

Als sie sich in demselben allein mit ihm befand, sagte sie: »Ich weiß wirklich nicht, lieber William, wie ich es machen soll, dir zu sagen, was du doch erfahren mußt. Du bist mir mit so herzlichem Vertrauen entgegengekommen, so gut, so freundlich gegen mich gewesen, daß ich dir nie genug danken kann.« Sie stockte; William sah sie verwundert an und sagte: »Ist denn das Versprechen, die Meine zu werden, nicht der schönste Dank, den meine Liebe von dir begehrt?«

»Das ist es eben«, fiel Clara ein, »was mich beunruhigt. Glaube mir, ich erkenne deine treue Anhänglichkeit mit tiefer Beschämung, ich achte dich von Herzen –«

»Aber du liebst mich nicht«, rief William, »sage es kurz, Clara! Du schlägst meine Hand aus, weil ich dir gleichgültig oder wohl gar zuwider bin.«

»Nein, das nicht; gewiß, das nicht. Ich habe dich lieb, William, von Herzen lieb, ich bin überzeugt, daß einer Frau ein schönes Los an deiner Seite werden muß – aber ich kann deine Frau nicht werden.«

»So liebst du einen andern?« fragte William heftig und stand auf.

Ein leises, kaum hörbares Ja von Claras Lippen gab ihm darauf Antwort. Er trat erschreckt zurück. Dann blieb er lange schweigend vor Clara stehen und fragte endlich, mühsam seinen Schmerz bekämpfend: »Und weiß der Glückliche, daß du ihn liebst? Verdient er das Glück, das er mir raubte?«

»Er weiß es«, antwortete Clara, »aber glücklich ist er nicht und bin ich nicht und können wir nie werden.«

Jetzt verstand er sie; und im Tone des Vorwurfs fragte er: »Und das erfahre ich erst jetzt, nachdem ich seit langem an deine Liebe geglaubt, auf deine Hand gerechnet hatte? Wie durftest du so an mir handeln? Wie konnte Deine Mutter mir so zuversichtlich ihr Wort für dich geben?«

»Vergib mir, William«, bat Clara, »wenn ich dir verschwieg, was wir einander nur gestanden, um es für ewig zu vergessen. Niemand weiß davon, und von dir, von deiner Großmut erflehe ich es als die höchste Gunst, daß du selbst dem Anspruche an meine Hand entsagst und mir beistehst, die Verzeihung meiner Mutter zu erlangen. Sie wird unerbittlich darauf dringen, daß ich ihr Wort löse und dir meine Hand gebe, die du nicht begehren wirst, da du jetzt alles weißt.«

William hatte sich niedergesetzt und sah düster sinnend vor sich nieder. Die widersprechendsten Gefühle wogten in seiner Brust. Ein paarmal war es, als ob er seinen Gedanken Worte geben wolle, dann aber unterdrückte er sie wieder, wie wenn er das rechte Wort noch nicht gefunden hätte, bis er endlich aufstand, Clara die Hand reichte und sagte: »Du siehst wohl, daß ich darauf nicht vorbereitet war, mich nicht darein finden kann; denn es fällt schwer, so plötzlich von seinen liebsten Hoffnungen zu scheiden, Darum fordere heute keinen Entschluß, kein Versprechen von mir; nur darauf nimm mein Wort, niemand, auch deine Mutter nicht, soll dich zu einem Schritte zwingen, der mich nicht glücklich machen kann, wenn du ihn nicht freiwillig tust.«

»Guter, edler Mann!« rief Clara dem Enteilenden nach, der sie nach seinen letzten Worten verlassen hatte, um Eduard aufzusuchen und sich mit diesem zu erklären.

Er traf den Doktor glücklicherweise in der Stadt und zu Hause, wo er in den jetzt einsamen Gängen des Gartens umherging und schnell William entgegeneilte. Sie reichten sich die Hände zum gewohnten Gruß, aber plötzlich zog Hughes seine Hand zurück und Eduard, die Absichtlichkeit dieser Handlung bemerkend, sagte: »Sie kommen von Ihrer Cousine!«

»Ich komme von ihr und weiß alles«, antwortete der andere. »Was haben Sie mir darauf zu sagen?«

Einen Augenblick bedurfte Eduard, um sich zu sammeln, dann sprach er mit sicherer Stimme: »Wir beide, denke ich, können auch in dieser Angelegenheit, die uns gleich nahe berührt, offen zu Werke gehen, weil sie dem einen so heilig ist wie dem andern. Es wäre unwahr, wenn ich mich einer Großmut rühmen wollte, die ich nicht in mir fühlte. Ich liebe Clara, das wissen Sie, und würde alles daran gesetzt haben, sie zu besitzen, wäre es möglich für mich gewesen, ohne meine Ehre zu opfern. Nur nachdem ich alles Mögliche versucht, vergeblich verursacht habe, fügte ich mich widerstrebend in den Gedanken, Clara zu entsagen.«

»Und das erzählen Sie mir? Mir, dessen Ansprüche an Clara Sie kannten, mir, der Sie für seinen Freund hielt?«

»Sie irren!« entgegnete der Doktor. »Ich kannte Ihre Ansprüche nicht, aber ich ahnte, daß Clara Ihnen bestimmt und teuer sei, ich wußte fast gewiß, daß meine Hoffnung sich nur von meinen Wünschen täuschen ließ, und dennoch kämpfte ich vergebens gegen eine Neigung an, die Clara erriet und teilte, so sehr ich sie ihr zu verbergen strebte. Der Kampf um Liebe, um ein Weib ist ein unerbittlicher Kampf, ein Kampf auf Leben und Tod. Es gibt kein Drittes. Und wenn zwei Unglückliche auf dem Meere schiffbrüchig umhergetrieben werden, wenn ein letztes Brett beide von sicherm Verderben trennt, wenn einer untergehen muß; werden Sie den verdammen, der, um sich zu retten, den andern im unwillkürlichen Trieb der Selbsterhaltung hinunterstößt, auf die Gefahr hin, ihn sinken zu sehen?«

»Ihr Gleichnis mag richtig sein«, versetzte William bitter; »ich bin nur leider nicht in der Stimmung, mich mit Gleichnissen abzufinden, und muß Sie deshalb bitten, mir unumwunden zu erklären, wie Sie in Betreff meiner Cousine jetzt zu handeln denken.«

Eduard wollte heftig werden, aber er bezwang sich und antwortete mit möglichstes Ruhe: »Ich handle, wie Clara es von mir gefordert, wie ich es vor mir selbst verantworten kann, und ich bitte Sie zu bemerken, daß nur die Rücksicht auf Ihr gekränktes Gefühl und auf die Ansprüche, welche Sie an Clara zu haben glauben, mich zu irgendeiner Erklärung veranlaßt, die Sie in diesem Tone von mir zu fordern nicht berechtigt sind. Nachdem ich jede Hoffnung verloren hatte, mir Clara zu gewinnen, und ihr im ersten Schmerz darüber meine Liebe gestand, wollte ich für immer von ihr scheiden; und ich sagte ihr das schriftlich. Sie selbst befahl mir zu bleiben, obgleich auch sie von der Hoffnungslosigkeit unserer Liebe vollkommen überzeugt war. Ich blieb, weil sie es wünschte, weil sie die Entsagung, zu der wir verdammt sind, leichter zu tragen hoffte, wenn wir uns nicht plötzlich und gewaltsam trennten. Seitdem habe ich sie nur selten und niemals allein gesprochen; ich habe mir keine Annäherung erlaubt, ich wage auch nicht, den kleinsten Anspruch an Clara zu machen, weil ich leider ihr nichts bieten, nichts sein darf, was mich dazu ermächtigte. Ich weiß, man wird darauf dringen, daß Clara sich verheiratet. Schwer wird mir der Gedanke«, sagte er, und seine Festigkeit wankte so sehr, daß seine Stimme zitterte, »es wird mir schwer werden, die Geliebte als das Weib eines andern mir vorzustellen, sehr schwer!« Dann sammelte er sich wieder, reichte William die Hand und sagte: »Aber meine Hand darauf, ich werde sie ruhiger und lieber in Ihren Armen als in denen jedes andern Mannes sehen, denn auch Sie sind mir wert, und Sie verdienen ein Mädchen wie Clara, weil Sie es zu würdigen wissen.«

William war von des Doktors sichtbarem Schmerz und seiner Offenheit überwunden. Er schlug in die dargebotene Rechte und sagte: »Sie wissen es nicht, wie sehr ich Clara liebe, aber gerade darum möchte ich nicht, daß sie mir mit Widerstreben folgt, ich will nicht, daß der Gedanke, sie hätte doch vielleicht die Ihre und mit Ihnen glücklicher werden können, wenn ich nicht dazwischengetreten wäre, jemals von meiner Frau gedacht werden soll. Darum überlegen Sie selbst: Gibt es eine Möglichkeit, ein Mittel, durch das Sie Claras Hand erlangen können, so trete ich zurück.«

»Ich habe keine Aussicht, keine«, antwortete Eduard schmerzlich, aber bestimmt, »als die Emanzipation unsers Volkes, die noch in weiter Ferne liegt, und auch dann stehen mir die Ansichten von Claras Eltern entgegen. Clara selbst hat mir jede Hoffnung genommen und glaubt an keine.«

»Das genügt mir!« rief William mit einer Freude, welche deutlich hervorbrach, obgleich er sie aus Zartgefühl vor dem Freunde zu verbergen trachtete.

Eduard saß in sich gekehrt und wortlos, und sein Freund ehrte, ebenfalls schweigend, diese Totenfeier seines Herzens. So verging eine lange Zeit, bis William sich erhob und, indem er sich zum Fortgehen anschickte, Eduard Lebewohl sagte.

»Sie gehen schon?« fragte dieser, wie aus schwerem Traum erwachend, und sah, nachdem sie sich mit einem Händedruck getrennt, dem rasch Davoneilenden lange nach. Dann, als er ihn aus dem Gesichte verloren hatte, rief er: »Er geht zu seiner Braut!« Und wie ein Dolchstoß zuckte die Gewißheit durch sein Herz. Schwere Tropfen fielen aus seinen Augen nieder. Sie galten der verlornen Geliebten.

*

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