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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Die Familie Meier galt bei allen, die sie kannten, für eine der glücklichsten. Der Vater hatte ein hübsches Vermögen, das er von seinen Eltern ererbt, durch Tätigkeit und kluge Berechnung in einen großen Reichtum verwandelt, dessen er bei seiner Bildung auf würdige Weise zu genießen wußte und von dem er dem Dürftigen gern und reichlich mitteilte. Aus Neigung hatte er sich früh mit seiner Frau, einem schönen und guten Mädchen, verheiratet, die ihm mit immer gleicher Liebe zur Seite gestanden und ihm zwei Kinder, Eduard und Jenny, geboren hatte. In seiner Frau, und mit ihr in diesen beiden Kindern, hatte Meier Trost und Ersatz gefunden, wenn Welt und Menschen ihren Haß und ihre Unduldsamkeit gegen den Juden bewiesen, wenn man ihn ausgeschlossen hatte von Gemeinschaften, ihm Rechte verweigert, deren Gewährung jeder Mann von Ehre zu fordern hat. Die Tätigkeit, Wirksamkeit und Liebe, denen einer großen Gesamtheit zu nutzen nicht vergönnt war, waren lange Zeit hindurch Eduards alleiniger Segen geworden, da er mehr als zehn Jahre älter war als seine Schwester.

Man wundert sich oft, daß die Juden noch immer die Geburt eines Messias erwarten und die göttliche Sendung Jesu weder anerkennen noch begreifen. Aber von ihrem Standpunkte aus muß das ganz natürlich erscheinen. Wie sollten sie an eine Lehre glauben, deren mißverstandene Grundsätze ihnen bis auf den heutigen Tag die blutigsten, widersinnigsten Verfolgungen zugezogen haben? Wie an einen Erlöser, der sie bis jetzt nicht von Schmach und Unterdrückung erlöset hat? Von der Liebe, die Jesus der Menschheit gepredigt, haben die Juden bei den Christen seit jener Zeit wenig zu bemerken Gelegenheit gehabt. Sie haben in der Tat noch keinen Messias gefunden. Welch ein Wunder also, wenn sie ihn um so sehnlicher erwarten, je mehr sie der Befreiung und Erlösung sich wert fühlen; wenn jeder Vater bei der Geburt eines Sohnes freudig hofft, dies könne der Erlöser seines Volkes werden, und wenn er den Knaben so erziehen möchte, daß der Mann reif werde für den großen Zweck.

So war auch Eduards Erziehung in jeder Beziehung sorgfältig geleitet worden. Sie sollte ihn zu einem Menschen heranbilden, der in sich Ersatz für die Entbehrungen finden könnte, welche das Leben ihm auferlegen würde, und sollte ihn andererseits fähig machen, die Verhältnisse zu besiegen und sich womöglich eine Stellung zu verschaffen, die ihn der Entbehrungen überheben und alle Vorurteile besiegen könne. Glücklicherweise kamen Eduards Fähigkeiten dem Wunsche seiner Eltern entgegen. Eine starke Fassungsgabe und eine große Regsamkeit des Geistes machten, daß er die meisten seiner Mitschüler überflügelte, und erwarben ihm ebensosehr die Gunst der Lehrer als eine gewisse Herrschaft über seine Gefährten. Von Liebe und Wohlwollen überall umgeben, schien sein Charakter eine große Offenheit zu gewinnen, und er galt für einen fröhlichen, sorglosen Knaben, bis einst in der Schule der Sohn einer gräflichen Familie, mit dem er sich knabenhaft in Riesenplänen für die Zukunft verlor, bedauernd gegen ihn äußerte: »Armer Meier, dir hilft ja all dein Lernen nichts, du kannst ja doch nichts werden, weil du nur ein Jude bist.«

Von dieser Stunde ab war der Knabe wie verwandelt. Er erkundigte sich eifrig nach den Verhältnissen der Juden, er fühlte sich gedrückt und gekränkt durch sie, und nur sein angeborner Stolz verhinderte ihn, sich gedemütigt zu fühlen, doch entwickelte sich durch das Nachdenken über diesen Gegenstand bei ihm sehr früh der Begriff von jenen Rechten des Menschen, die alle in gleichem Grade geltend zu machen vermögen, das Bewußtsein innern Wertes und ein Zorn gegen jede Art von Unterdrückung. Je älter er wurde und je mehr er erkennen lernte, welche Vorzüge ihm schon bei seiner Geburt durch die Aussicht auf eine glänzende Unabhängigkeit zuteil geworden waren, je bestimmter er einsah, zu welchen Ansprüchen ihn seine Fähigkeiten einst berechtigen dürften, um so mehr empörte sich sein Herz gegen ein Vorurteil, das alle seine Hoffnungen unerbittlich vernichtete.

Grade in der Zeit von Eduards Kindheit war wieder eine neue Judenverfolgung durch ganz Deutschland gegangen, und die allgemeine Stimmung hatte sich natürlich auch in der Schule sichtbar gemacht, die Eduard besuchte. Spott und Kränkungen mancher Art waren nicht ausgeblieben; man hatte wohl gehofft, der feige Judenjunge werde alles ruhig dulden. Darin hatte man sich aber geirrt. Eduards Charakter war furchtlos, und er erlangte durch Übung bald eine Gewandtheit und Entschlossenheit, die jeder sich anzueignen vermag. Er lernte fechten, reiten, schwimmen, und nachdem er sich ein paarmal mit starker Hand selbst sein Recht verschafft hatte, fand er Ruhe und endlich auch wieder seine frühere überlegene Stellung zu seinen Gefährten wieder. Hatte der Jüngling früher in einzelnen Momenten dem Gedanken Raum gegeben, sich von dem Judentum loszusagen und Christ zu werden, so verschwand der Plan plötzlich bei dem Anblick der Roheiten, die er als Knabe hatte selbst von sogenannten gebildeten Christen gegen seine Glaubensgenossen ausüben sehen. Er konnte sich nicht denken, daß das Recht und die Wahrheit sich auf einer Seite befänden, die so zu handeln imstande war, und Verfolgung machte auch ihn, wie tausend andere zu allen Zeiten, nur fester seinem Volke angehörig.

Er hatte sich aber in jener Zeit gewöhnt, sich in der Opposition zu empfinden, und das Gefühl verließ ihn nie wieder, weil er beständig in Verhältnissen lebte, die dazu gemacht waren, seine Opposition hervorzurufen.

Da Eduard keine Neigung für den Kaufmannsstand hegte, beschlossen seine Eltern, ihn studieren zu lassen, wobei ihm freilich nur die Wahl blieb, Mediziner zu werden oder nach beendigten Studien in irgendeinem andern Fache als Privatgelehrter zu arbeiten, da ihm der Eintritt in eine Staatsstelle ebenso wie die Erlangung eines Lehrstuhles als Jude unmöglich waren. Er entschied sich für das erstere und verließ das Vaterhaus, um die Universität zu beziehen.

Glücklicherweise herrschte damals an den Hochschulen ein freier akademischer Geist, und die neuen Verhältnisse übten auf Eduard einen guten Einfluß aus. Hier galt er selbst, sein eigenstes Wesen, ohne daß ihn jemand fragte, wer bist du und was glaubst du? Sein Geist, seine körperliche Gewandtheit erwarben ihm die Achtung seiner Genossen, sein Fleiß das Wohlwollen der Lehrer, und die Bereitwilligkeit, mit der sein reichlich gefüllter Beutel allen offenstand, die Sorglosigkeit und Genußfähigkeit, die er zu jedem Feste brachte, machten ihn bald zum Lieblinge der ganzen Burschenschaft, der er sich mit jugendlicher Begeisterung angeschlossen hatte. Die Idee der Freiheit und Sittlichkeit, die jenem Bunde ursprünglich zum Grunde lag, berührte die zartesten Seiten seiner Seele und kam seiner ganzen Richtung entgegen. Er fühlte sich gehoben als Glied eines schönen Ganzen, das harmonisch aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzt war, frei in einem Verbande, in dem alle gleiche Rechte genossen.

Unter den Jünglingen, die sich an ihn angeschlossen hatten und deren Freundschaft ihn beglückte, war Reinhard ihm der liebste geworden. Er war der Sohn einer armen Predigerwitwe, die einer reichen Familie angehörte. Von seinen Verwandten unterstützt, hatte er die Schule besucht und kaum die Universität bezogen, als er erklärte, nun weiter keines Beistandes zu bedürfen, da er in sich die Kraft fühle, für seine Existenz selbst zu sorgen und hoffentlich auch seine Mutter ernähren zu können. Es hatte ihn seit Jahren schmerzlich gedrückt, von andern abhängig zu sein, es hatte ihn gedemütigt, seine Mutter von den Wohltaten einer hochmütigen Familie leben zu sehen, welche ihr niemals die Heirat mit einem armen bürgerlichen Kandidaten hatte vergeben wollen. Abhängigkeit irgendeiner Art schien ihm die größte Schmach, weil sie ihm Kränkungen zugezogen, die er nie vergessen konnte, und nur zu leicht mußten er und Eduard sich verständigen, da beide, wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen, sich in ihrem Ehrgefühle verletzt, in mancher Rücksicht von der Allgemeinheit ausgeschlossen empfunden hatten.

Wenn Reinhard den halben Tag mit mühevollem Unterrichten zugebracht hatte und mit unerschütterlichem Eifer seinen theologischen Studien nachgekommen war, erquickte ihn abends der Frohsinn, der Geist und der Reichtum an Hoffnungen, mit denen Meier in die Zukunft sah. Im Anfang ihrer Bekanntschaft waren ihre religiösen Überzeugungen freilich oftmals zwischen ihnen zur Sprache gekommen und ein Gegenstand lebhafter Erörterungen geworden. Meier konnte es nicht begreifen, wie man an einen Sohn Gottes, an seine Menschwerdung, an die Dreieinigkeit, an die wirkliche Anwesenheit Christi im Abendmahl zu glauben vermöge – ein Glaube, den Reinhard mit tiefer Überzeugung heilig hielt und den zu lehren und zu predigen sein sehnlicher Wunsch war; denn er gehörte zu jenen poetischen Naturen, die sich alles, was sie ergreifen, zu einer Religion gestalten und bei denen der Glaube an die Wunder ein wahrhaftes Bedürfnis ist. Später aber war davon niemals mehr die Rede zwischen ihnen gewesen, weil sie fühlten, daß der verschiedene Glaube sie beide doch zu demselben Ziele leite, und ein äußeres Ereignis war dazugekommen, sie noch fester zu verbinden.

Es war gegen die Zeit ihres Abgangs von der Universität gewesen, als die Regierung es für nötig befunden hatte, eine Untersuchung gegen die Burschenschaft einzuleiten. Meier und Reinhard waren nebst vielen andern verhaftet, längere Zeit mit Verhören und Untersuchungen geplagt und erst nach einem halben Jahre freigesprochen worden. Meier hatte diese Zeit gezwungener Zurückgezogenheit benutzt, sich für sein Doktorexamen vorzubereiten, das er in den ersten Tagen der wiedererlangten Freiheit gemacht, und war dann in seine Vaterstadt zurückgekehrt, um dort seine Karriere zu beginnen. Zwar war er, wie es zu geschehen pflegte, noch eine geraume Zeit unter der sorgsamen Aufsicht der höhern Polizei geblieben, aber das hatte ihn in der Ausübung seiner medizinischen Praxis nicht gehindert, die er gleich mit dem glücklichsten Erfolge begann. Anfänglich waren es, wie gewöhnlich, nur die Armen gewesen, die seiner Hilfe begehrt und sie bei ihm gefunden hatten, doch das Gerücht von einigen glücklichen Kuren, von seiner Uneigennützigkeit und Menschenliebe hatte sich schnell verbreitet, seine Praxis hatte angefangen, sich auch in den höhern Ständen auszudehnen, und sein Los würde ein beneidenswertes gewesen sein, wenn nicht aufs neue die alten Vorurteile gegen ihn geltend gemacht worden wären.

Meiers sehnlichster Wunsch war nämlich dahin gegangen, Vorsteher irgendeiner bedeutenden klinischen Anstalt zu werden, um lehrend zu lernen und zu nützen. Auf eine solche Stelle an irgendeiner Universität Deutschlands hatte er aber nicht rechnen können, und es war ihm also wünschenswert geworden, wenigstens die Leitung einer Krankenanstalt zu erhalten. Als dann durch den Tod eines alten Arztes die Direktorstelle eines Stadtlazaretts freigeworden, hatte er nicht gezögert, sich darum zu bewerben, besonders da er einer günstigen Meinung im Publikum gewiß gewesen war. Die Vorstellungen der Armenvorsteher und mancher andern Leute hatten die betreffende Behörde auch wirklich dazu vermocht, den jungen geachteten Arzt, dessen Kenntnisse ihn ebensosehr zu dieser Stelle empfahlen als seine strenge Redlichkeit und seine reinen Sitten, zum Direktor zu wählen und bei der Regierung um seine Bestätigung einzukommen. Meier war auf dem Gipfel des Glücks gewesen, und in der Freude seines Herzens hatte er sich, nachdem er gewählt worden war, anheischig gemacht, auf das immerhin bedeutende Gehalt zugunsten der Lazarettkasse zu verzichten. Einige Wochen waren in frohen Erwartungen hingeschwunden, er hatte die Glückwünsche seiner Freunde empfangen und bereits daran gedacht, seine Wohnung im elterlichen Hause mit der neuen Amtswohnung zu vertauschen, als der Bescheid der Regierung angelangt war, welcher statt der erwarteten Bestätigung die Aufforderung enthalten, Meier möge zum Christentume übertreten, da es ganz gegen die Ansichten der Regierung sei, einem Juden irgendeine Stelle anzuvertrauen. Vergebens waren seine Vorstellungen, wie der Glaube bei einer solchen Anstellung gar kein Hindernis sein könne, wie diese Zurückweisung in den Gesetzen des Staates nirgends begründet sei – die Regierung war bei ihrem Entschlusse geblieben. Man hatte Meier einen unruhigen Kopf genannt; seine Neider, an denen es dem Talentvollen, Glücklichen nie fehlt, hatten über die jüdische Anmaßung gelacht, die sich zu Würden dränge, für die sie nicht berufen sei, und dabei vergessen, daß die Behörden selbst den verspotteten Gegner durch ihre Wahl für den Würdigsten erklärt hatten.

Auf das Empfindlichste gekränkt, hatte Meier schon damals sein Vaterland verlassen wollen; doch die angeborene Liebe zu demselben und der Gedanke an seine Eltern hatten ihn davon zurückgehalten. Er war in der Heimat geblieben, und obgleich er das Unrecht, das ihm geschehen, niemals vergessen oder es verschmerzen konnte, das schöne Feld für seine Tätigkeit verloren zu haben, hatten ihn die Anerkennung, die er fand, der ausgezeichnete Ruf, den er erwarb, endlich schadlos gehalten für die erfahrene Zurücksetzung.

Bei seiner Rückkehr von der Universität hatte er Jenny als ein liebliches Kind von elf Jahren wiedergefunden, das sich mit leidenschaftlicher Innigkeit an ihn hing und für das er eine Zärtlichkeit fühlte, die ebensoviel von der Liebe eines Vaters als eines Bruders besaß. Die Eltern hatten die Kleine niemals aus den Augen verloren und jeden Wunsch des nachgebornen Lieblings mit zärtlicher Zuvorkommenheit erfüllt. Eduard war überrascht durch den Verstand und den schlagenden Witz des Kindes, er sah, daß ein lebhaftes, leidenschaftliches Mädchen aus demselben werden müsse, konnte sich es aber nicht verbergen, daß die übergroße Liebe seiner Eltern in Jenny eine Herrschsucht, einen Eigensinn entstehen gemacht hatten, dem bis jetzt nur durch seinen Vetter Joseph eine Schranke gesetzt worden war, der, im Meierschen Hause lebend, die Kleine mit seiner ernsten, rauhen Art tadelte und zurechtwies. Dafür hatte Jenny den Cousin schon damals nicht leiden mögen und es dem Bruder unter vielen Tränen geklagt, wie garstig der Joseph sei, wie er ihr alles zum Trotze täte und wie sie hoffe, in Eduard einen Beschützer gegen den unliebenswürdigen Cousin zu finden.

Der junge Mann begriff schnell, daß bei Jenny mit Strenge nichts auszurichten sei, und machte sich in der ersten Zeit seiner Anwesenheit selbst zu ihrem Lehrer und Erzieher. Sie lernte fast spielend, ja es schien oft, als läge das Verständnis aller Dinge in ihr, und man dürfe sie nur daran erinnern, um klar und deutlich in ihr Kenntnisse hervorzurufen, die man ihr erst mitzuteilen wünschte. Ebenso wahr und offen als Eduard, wuchs sie diesem von Tag zu Tag mehr ans Herz, und obgleich er gegen die Eltern oft beklagte, daß sich in Jenny zu viel Selbstgefühl und eine fast unweibliche Energie zeigten, obgleich er es Joseph zugestehen mußte, daß sich bei ihr die Eigenschaften des Geistes nur zu früh, die des Herzens aber scheinbar gar nicht entwickelten, so fiel es ihm doch schwer, als er nach zwei Jahren den Unterricht derselben aufgeben mußte, weil seine zunehmende Praxis ihm keine Zeit mehr dazu übrig ließ.

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