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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Nie war es ihr eingefallen, daß Erlau einer solchen Liebe fähig, daß sie der Gegenstand derselben sein könne. Sie hatte ihn geistreich gefunden; seine fröhliche Laune, sein unerschöpflicher Humor und besonders sein bedeutendes Talent hatten sie angezogen, und sie konnte sich nicht verhehlen, daß er ihr vor ihrer Verlobung in einer Weise begegnet sei, die ihr seine Neigung hätte verraten können, wenn sie damals auf irgend jemand außer auf Reinhard geachtet hätte. Erlaus Liebe zu ihr betrübte sie, und doch machte es ihr Freude, von ihm um jener Eigenschaften geliebt zu werden, welche sie selbst in sich als eine Quelle poetischen Genusses schätzte und die Reinhard fast unbeachtet ließ. Sie hatte mit Erlau die sprudelnde Leichtigkeit des Geistes gemein, die Scherz und Ernst auf wundersame Weise zu mischen und das Leben wie ein fröhliches Spiel zu nehmen begehrt, dessen ernste Bedeutung sie trotzdem wohlverstand. Aus dieser gewohnten Denkart hatte ihr Verhältnis zu Reinhard sie gerissen, und so sehr sie Reinhards Charakter ehrte, so erschreckte sie doch oft der strenge Ernst, den er selbst auf die unbedeutendsten Verhältnisse angewendet wissen wollte. Jetzt besonders, als sie angstvoll mit den Zweifeln gerungen, die der Übertritt zum Christentum in ihr hervorgerufen, hatte Erlau, ihre trübe Stimmung bemerkend, mit unermüdlicher Gefälligkeit täglich auf irgendeine kleine Zerstreuung für sie gedacht. Er sah sie leiden, er bemerkte, daß seine Gesellschaft ihr willkommen sei, und ohne die Quelle ihres Kummers entdecken zu wollen, war er glücklich, ihr alles zu gewähren, was sie zu bedürfen schien. Je ernster er sie sah, um so mehr strebte er, sie mit sich auf die heitere Höhe des Daseins zu führen, auf die ihn seine poetische Seele und die Freiheit des wahren Künstlerlebens stellten. Seine Bemühungen waren nicht ohne Wirkung auf sie geblieben, nun sollte auch dieser Trost ihr genommen werden. Es war ihr, als ob mit Erlau der Genius ihrer fröhlichen Jugend von ihr scheide. Sie hatte ihn lieb gehabt, mehr, als sie es gewußt hatte, das fühlte sie in dieser Stunde. Ihm hatte sie sich gleich gefühlt und sich nie gescheut, sich ihm in aller Exzentrizität zu zeigen, zu welcher der Augenblick sie gerade hingerissen hatte. Er war dem erwachsenen Mädchen ein lieber, treuer Spielgefährte gewesen, und wehmütig schlug sie die Hände zusammen und sagte: »Wie wird es still sein ohne seine Fröhlichkeit! Wie still und ernst!«

Sie sah ihm lange nach, als er von dannen ging, ohne nach ihr zurückzuschauen, und sie sagte sich dann, als er ihrem Blick entschwunden war, von diesem Scheiden dürfe niemand, auch Reinhard nichts erfahren. Es war Erlaus Geheimnis, nicht das ihre. Erlau besaß ihr Bild, das für Reinhard zu malen er unter immer neuen Vorwänden sich geweigert hatte. Sie hätte es ihm vielleicht nicht lassen dürfen; aber es zu fordern hatte sie nicht den Mut, nicht die Besonnenheit gehabt. Daneben gönnte sie es ihm, und doch kam es ihr wie eine Untreue an Reinhard vor, daß sie schwieg, besonders, weil trotz aller Einwendungen ihres Gewissens Erlaus stille Liebe ihr im Herzen heimlich wohltat. Wie schroff stach gegen dieses Mannes selbstlos verschwiegene Liebe das Betragen ihrer nächsten Freundin ab!

Schon vor langer Zeit war Jenny der Eifer unangenehm gewesen, mit dem Therese immer gegen sie Partei genommen hatte, wenn sie in den gleichmütigsten Sachen von Reinhards Meinung abwich. Es fiel ihr ein, daß sie sich einmal scherzend gegen Joseph darüber beschwert und dieser erwidert hatte, er halte Therese für neidisch und rate überhaupt davon ab, sie ganz in die Familie aufzunehmen. Das hatte Jenny mit tausend Gründen bestritten. Sie hatte damals den Vetter darauf hingewiesen, wie gutmütig Therese stets gewesen sei, wie anhänglich und anspruchslos; sie hatte versichert, daß sie nie etwas Übles von ihr glauben würde, und hatte dann lächelnd hinzugefügt: »Sie ist doch gewissermaßen Reinhard und mir zu Hilfe gekommen und hat mindestens dazu beigetragen, uns schneller in den Hafen des Brautstandes zu bringen; dafür ertrage ich ihre kleinen Schwächen, denn lieb hat sie uns beide, Reinhard sowohl als mich.«

»An ihrer Liebe für Reinhard habe ich nie gezweifelt«, hatte Joseph geantwortet, und so gleichgültig diese Bemerkung ihr damals erschienen war, so deutlich erinnerte sie sich jetzt der Absichtlichkeit, mit welcher er sie ausgesprochen. Tausend kleine Züge, welche sie früher nicht beachtet, fielen ihr jetzt ein und erhoben die Vermutung, die sich ihr heute aufgedrungen hatte, zur Gewißheit. Sie konnte sich es nicht verbergen: Therese hatte eine Neigung für Reinhard gefaßt und mißgönnte ihr das Glück, von ihm geliebt zu werden. Sie muß fort, Therese darf nicht mit uns bleiben, das war Jennys erster Gedanke. Dann dachte sie an die Reihe von Jahren, in denen sie Therese gekannt, an unzählige kleine Liebesdienste, welche sie sich gegenseitig erzeigt hatten; sie erinnerte sich, wie Therese lange Zeit ihr einziger Umgang gewesen, und daß erst, seit sie Reinhard und Clara kannte, jene so in den Hintergrund ihres Herzens getreten sei. Theresens Gesundheit war schwankend; Eduard, der ihr Arzt war, hatte gehofft, der Sommer auf dem Lande werde ihr guttun, da sie im Hause seiner Eltern es nicht nötig hatte, sich so angestrengt zu beschäftigen als bei ihrer Mutter. Madame Meier hatte Theresens Gesellschaft gern; sie war ihr in mancher Hinsicht bequem, und es schien nicht unwahrscheinlich, daß Therese sich gern entschließen würde, als Gesellschafterin in dem reichen Hause zu bleiben, wenn Jenny nach ihrer Hochzeit aus demselben schied. Alle diese Rücksichten stimmten Jenny milder. Sie durfte hoffen, noch im Laufe des Jahres mit Reinhard verbunden zu werden, und einige Monate, meinte sie, gingen ja leicht vorüber. Mochte Therese immerhin sie auf das Land begleiten, wenn sie ihrem Bräutigam offen die Wahrheit bekannte, konnte für niemand Gefahr daraus entstehen. Durfte sie, ohnehin die Glücklichere, der armen Therese aus kleinlicher Eifersucht eine Zuflucht in ihrem väterlichen Hause mißgönnen, in das sie auf Jennys Bitten eingetreten war? Reinhards Liebe konnte ihr ja nie geraubt werden, und ihr festes Vertrauen zu derselben mußte ihm Freude machen.

Trotz dieser Gedanken, welche sich nacheinander in Jenny entwickelten, konnte sie einer gewissen Beklommenheit nicht Herr werden. Erlaus und Theresens Bilder traten störend zwischen sie und Reinhard; und so sehr sie es sich zu verbergen strebte, sie fühlte ungeachtet ihrer guten Vorsätze einen Groll gegen Therese, wie sie ihn selbst an jenem Abend nicht empfunden hatte, an dem ihre Eifersucht Veranlassung zu ihrer Verlobung geworden war. Damals wußte Therese nicht, was Jenny für Reinhard fühlte; jetzt war es anders! Sie war erbittert gegen ihre Freundin. Nur die Furcht zu zeigen, daß ihr Therese gefährlich scheine, hielt sie von Schritten gegen dieselbe zurück. Aber ihr Verlobter sollte und mußte alles wissen, mußte heute noch erfahren, was Therese sei.

Reinhard kam eben die Straße herauf. Die kleine Skizze, welche für ihn bestimmt war, hatte Jenny beiseite gelegt, weil ihr in dem Augenblick Erlaus Andenken mit dieser Arbeit so innig verwebt war, daß sie eine Scheu empfand, sie ihrem Bräutigam mit diesen Empfindungen zu schenken. Des armen Erlaus tränenschweres Auge hatte auf dem Blatt geruht: nun sollte ihr Verlobter sich daran erfreuen? Unmöglich! Als Reinhard die Tür des Treibhauses öffnete, das den Saal von dem Balkon trennte, machte Jenny schnell die Mappe auf, zerriß das Blättchen und warf die Stücke in die lebhaft bewegte Luft, die sich derselben bemächtigte und in tändelnder Eile dem Strome zuführte, welcher am Garten vorüberrauschte.

Reinhard freute sich, seine Braut allein zu finden. Er teilte ihr einen Brief seiner Mutter mit, welche mit vieler Zärtlichkeit von Jenny sprach und die Zuversicht gab, bei der Taufe Jennys nicht zu fehlen, die, um jedes Aufsehen zu vermeiden, auf dem Landsitz vollzogen werden sollte, sobald man sich dort wieder heimisch gemacht haben würde. Nach dieser Zeremonie mußte Reinhard verreisen, um mit seinem alten Onkel persönlich die Bedingungen wegen der Übergabe seiner Stelle an ihn zu verabreden; »und das ist«, sagte Reinhard, »dann endlich die letzte Schwierigkeit, die wir zu beseitigen haben, um an das Ziel zu gelangen. Nun steht uns voraussichtlich kein Hindernis mehr entgegen.«

»Wer weiß?« meinte Jenny. »Wie, wenn ich nun plötzlich eifersüchtig würde und dich nicht reisen ließe?«

»Jenny! Könntest du zu so süßer Torheit fähig sein?« antwortete Reinhard, »ich fände dich mit einer solchen nur noch liebenswürdiger als je zuvor! Dann würdest du es fühlen, wie sehnsüchtig ich danach verlange, dich bald mein Eigentum zu wissen, wie unglücklich mich die Galanterien, die Aufmerksamkeiten all der Männer machen, die dich hier umschwärmen und die, das fühle ich, mehr oder weniger ein wirkliches Interesse daran haben, dir zu gefallen, deine Gunst zu erwerben.«

»Das quält dich, lieber Gustav?« fragte Jenny. »Was würdest du denn beginnen, wenn nun jemand außer dir auf den närrischen Einfall käme, sich in mich allen Ernstes zu verlieben?«

»Wer wagt das?« rief Reinhard, »denn ich kenne dich, du scherzest nicht mit solchen Dingen, du verbirgst mir etwas. Sage mir, was ist es? Treibe kein Spiel mit mir, für das ich keinen Sinn habe und das mich peinigt.«

Jenny machte sich von Gustavs Arm, der sie umschlungen hatte, los und sagte, Steinheims Manier nachäffend: »Und erst gespießt und dann gehangen! So würdest du doch über jeden Mann urteilen, du Grausamer, der so unglücklich wäre, deine Neigung für mich begreiflich zu finden, während ich in nächster Nähe ein Wesen dulde, das – nun, das vielleicht auch recht gern Frau Pfarrerin Reinhard würde; und ich bin so großmütig, dir das zu erzählen und ihr zu vergeben.«

»Wovon sprichst du denn eigentlich?« fragte Reinhard dringender; »du weißt, daß ich nicht geschickt zu solchen Scherzen bin, und es ist etwas in deinem Auge, in deiner ganzen Art, was mich Ernst in diesen Neckereien vermuten läßt, darum sage mir, was hat sich denn ereignet?«

»Ereignet?« wiederholte Jenny und setzte sich wieder zu ihm nieder, »ereignet hat sich eigentlich nichts; ich habe aber eine Entdeckung gemacht, die ich dir vielleicht verhehlen würde, wärest du nicht eben von Eitelkeit so fern als ich von Eifersucht. Therese liebt dich, des bin ich gewiß.«

»Unmöglich!« rief der junge Mann.

»Das finde ich nicht«, antwortete Jenny, »ich finde es im Gegenteil gar sehr natürlich und, wie ich aus Erfahrung weiß, sehr zu entschuldigen. Aber denke nicht daran, laß es uns beide vergessen, und – ich glaube, nun ich es dir gesagt habe, ich hätte es vielleicht nicht tun sollen, denn...«

»Liebstes Herz«, unterbrach Reinhard sie fröhlich, »also doch! Du kannst auch eifersüchtig sein? So lieb hast du mich? Wie soll ich nur Therese danken, daß sie mir zum zweiten Male solch unverhoffte Freude bereitet! Ich wollte wirklich, ich könnte ihr vergelten, denn das habe ich oft gemerkt, sie ist in ihrer verständigen, überlegenen Art mein bester Anwalt bei dir. Sie hat dich manchmal in so freundlicher Weise auf das Gute aufmerksam gemacht, das unsere künftige Stellung mit sich bringen wird, daß ich ihr von Herzen ein ähnliches Glück wünsche. Und sie hat ja in der Tat allen Anspruch, den Männern zu gefallen!«

»Findest du? Ich finde das durchaus nicht«, wendete Jenny ein. »Therese ist freilich auch noch jung, aber sie hat für mich ein gewisses Etwas, nenne es Pedanterie oder wie du sonst willst, das mir mißfällt. Sie ist so altjüngferlich, so überlegt. Alles ist Absicht bei ihr, und ich begreife im Gegenteil gar wohl, weshalb sie den Männern selten nur gefällt.«

Reinhard zog Jenny an seine Brust und sagte lachend: »Siehst du, und ich begreife wieder, weshalb Männer wie Steinheim, Erlau und die andern den Frauen gar nicht gefallen sollten. Aber du hättest mir heute beim Abschied von der Stadt nichts besseres geben können als die Versicherung, daß dir die arme Therese wirklich gar so sehr mißfällt. Laß es indes nur gut sein – wenn meine kleine Braut nicht mehr neben ihr sein wird, um sie zu verdunkeln, findet wohl irgendein braver Mann die gute Therese nicht so unliebenswürdig, als sie dir heute erscheint.«

Er verlangte darauf zu wissen, wie Jenny zu der Vermutung hinsichtlich Theresens gekommen sei, und obgleich seine Braut ihn wegen dieser Neugier neckte, konnte sie nicht umhin, ihm mehr zu erzählen, als eigentlich in ihrer Absicht gelegen hatte, nachdem sie gesehen, welch ein Interesse er daran nahm.

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