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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Dieser Brief brachte auf Eduard die doppelte Wirkung hervor, ihm Clara im vollsten Licht ihres ruhig milden Wesens zu zeigen und ihn zu ermannen, obgleich er ihn die ganze Größe seines Verlustes fühlen ließ. Er durfte nicht kleiner sein als sie, die ein unabwendbares Geschick mit Ergebung trug und mit ängstlicher Sorgfalt das geringste Glück, auf das sie Anspruch hatte, sich und dem Geliebten zu erhalten strebte. Doch nur schwer und allmählich gelangte er zu der Fassung, welche Clara gleich in sich gefunden hatte, um ihn damit zu beruhigen. Auch ihm drängte sich dadurch unwillkürlich die Frage auf, ob in der Frauen-Natur wirklich eine höhere Leidensfähigkeit liege als in der des Mannes. Er bewunderte Clara, aber er konnte ihre Entsagung kaum begreifen. Ja, einen Augenblick lang wagte er zu glauben, Claras Gefühl könne an Stärke dem seinigen nicht gleich sein; sie müsse ihn weniger lieben als er sie. Das ist eine Ungerechtigkeit, deren man sich nur zu oft schuldig macht. Weil das Weib besser liebt, weil es nur an den Schmerz des Geliebten, nicht an sich selbst denkt und sich in dem Glück des andern vollkommen vergessen kann, schilt man es kalt und tröstet sich über den Gram, den man verursacht, mit dem alten Gemeinplatz, das Weib sei leidensfähiger als der Mann. Die Schmach fühlt man gar nicht mehr, den Frauen, dem sogenannten schwachen Geschlecht, eine Stellung im Leben angewiesen zu haben, die sie von Jugend auf an Leiden und Entsagungen gewöhnt; man denkt nicht an jene schweren Stunden, in denen sie genötigt sind, sich zu beherrschen, wenn ihr Herz gepeinigt wird. Wer sieht die Tränen, die oft aus der innersten Seele hervorbrechen möchten, während ein Männerarm die schöne Gestalt umschlingt und mit ihr durch die fröhlichen Reihen des Walzers dahinfliegt? Ihr seht nur die schimmernden Tautropfen auf dem Rosenkranz in ihren Locken, nur die Perlen, die den schönen Nacken zieren, und ahnet nicht, daß hinter dem feuchten Blau des Auges, das euch entzückt, Perlen und Tautropfen hängen, viel kostbarer und reiner als der Tand, den ihr bewundert. Ihr preiset das süße Lächeln des holden Mundes, der nur zu oft traurig lächelt über ein Dasein, das so grelle Gegensätze in sich schließt. Kommt dann einer einmal zu der Erkenntnis des Schmerzes, den solch ein heiteres Frauenantlitz birgt, dann schreit er über die Verstellung, die Unwahrheit des Geschlechts und vergißt, daß jeder, der ein Mädchen traurig sieht, ohne sich zu bedenken, auf eine unglückliche Liebe schließt und mit roher Hand das stille Geheimnis an das Licht ziehen möchte. Ein Frauenherz, in dem einmal der Strahl wahrer Liebe gezündet, erkennt seinen Besieger in dem Manne, fühlt sich ihm untertan, als Sklavin seines Willens, und möchte doch aus angebornem Schamgefühl nicht dem Auge jedes Ungeweihten die Fessel zeigen, durch die es gebunden wird, die oft blutig drückt und selbst zerbrochen unvertilgbare Narben zurückläßt. Geliebt werden ist das Ziel der Frauen. Ihr Ehrgeiz ist Liebe erwerben; ihr Glück lieben, und die Liebe, nach der sie gestrebt, nicht erlangen können, unglücklich lieben, eine Kränkung, welche nur die edelsten Frauennaturen ohne Schädigung zu tragen vermögen. So beruht die ganze Entwicklung der weiblichen Seele auf dem Verhältnis zum Manne; und man darf das Weib nicht der Falschheit anklagen, wenn es den geheimnisvollen Prozeß seines geistigen Werdens schamhaft der Welt verbergen möchte. In der ganzen Natur schreitet die Entwicklung so mystisch verhüllt vor, daß wir fast überall nur das Fertige erblicken, ohne uns über das Werden Rechenschaft geben zu können. Warum verlangt man es denn anders von den Frauen? Es mag den Mann stolz machen, die sichtbare Vorsehung des Weibes zu sein; zu fühlen, daß Glück und Unglück ihm aus seiner Hand kommt; aber es sollte ihn auch Mitleid und Schonung für die Armen lehren, die echt biblisch die Hand küssen, welche sie schlägt. Man hat sich nicht zu wundern, wenn einst die Stunde kommt, in der das Weib gleichen Schmerz mit dem Manne zu tragen berufen ist, es ruhig in liebender Ergebung zu finden, wo der Mann gegen das Schicksal tobt, solange er die Möglichkeit begreift, ein besseres Los zu ertrotzen.

Das letztere war denn auch Eduards Fall, der nicht allein die Geliebte verlor, sondern der aufs neue glaubte, eine Unbill rächen zu müssen, die man an ihm, an seinem Volk begangen. Er haßte in der ersten Leidenschaft des Schmerzes die Welt, die noch immer in stumpfer Gefühllosigkeit Recht und Wahrheit verhöhnte. Seine Phantasie erschrak vor keiner noch so gewaltsamen Maßregel, welche ihn zum Besitz der Geliebten, zur Erlangung seines guten Rechtes führen konnte. Dann, als der erste Sturm vorüber war, las er Claras Brief aufs neue und verstand die Schönheit einer Seele, die so zu entsagen vermochte. Er konnte die Zeit nicht erwarten, in der es ihm vergönnt sein würde, sie wiederzusehen, und durfte doch nicht wagen, den ersehnten Augenblick herbeizuführen, ehe sie ihn dazu berechtigte. Sein Herz war noch tief erschüttert, als sein Geist schon wieder zu seiner Klarheit gelangte und sich an einem Gedanken mächtig emporrankte. Um sein Glück war es geschehen, sein Leben hatte man der reinsten Freuden beraubt; darum fühlte er den Mut, alles von sich zu werfen, sein Vaterland, seine Ansichten für die Zukunft, selbst seine Freiheit, wenn es sein mußte, um damit das einzige zu erkaufen, was noch Wert für ihn hatte: die bürgerliche Gleichstellung seines Volkes. Diese Idee gab ihm die nötige Kraft, noch an demselben Tage vor seinem Vater zu erscheinen und ihm zu verkünden, er habe das Spiel verloren, auf das er seine Hoffnungen gesetzt.

Der Vater war bewegt. Auch ihn traf der Schlag doppelt, in seinem Sohne und in seinem Volke, obgleich ihm das Gelingen dieser Angelegenheit höchst zweifelhaft gewesen war, aber er war kein Mann des Wortes, wo es etwas zu tun galt. »Und was soll jetzt werden?« fragte er den Sohn.

»Clara weiß es bereits«, antwortete Eduard. »Ich hatte ihr geschrieben, um Abschied von ihr zu nehmen. Ich war entschlossen fortzugehen, um ihr und mir die Trennung zu erleichtern. Ich wollte mich in der freien Größe der Natur verlieren, weil ich mir einen Augenblick vorspiegelte, ich würde irgendwo die Bande nicht fühlen, die mich an Clara binden; die Ketten vergessen, unter denen die Juden seufzen. Der erste Schmerz ist trügerisch in jedem Sinne. – Dann kam Claras Antwort!« – Er seufzte und blieb eine Weile schweigend in seine Gedanken vertieft, darauf fuhr er fort: »Sie will nicht, daß wir scheiden; ihr sanftes Herz vermag es zu entsagen, sie hofft, in die Schranken ruhiger Neigung zurückzukehren, glücklich dabei sein zu können. Ich soll sie wiedersehen, bald, in wenig Tagen – und soll schweigen –, wie ist das möglich?«

»Möglich, mein Sohn«, sagte der Vater, »muß es sein, weil Clara es so will; und das einzige, was du tun kannst, ist, dich unbedingt in jeden Vorschlag zu fügen, den sie dir macht und von dem sie sich Beruhigung verspricht.«

»Du fragtest mich neulich, Vater, als wir über diesen Gegenstand sprachen: Wohin soll das führen? Ich gebe dir heute die Frage zurück. Wohin soll die Pein führen, uns zu sehen und zu schweigen von dem, was jeder Blick, jeder Gedanke uns dennoch verrät?«

»Zu einer notwendigen Trennung, wenn ihr nach Monden eingesehen haben werdet, daß der Instinkt der Jugend sich gegen jeden hoffnungslosen Zustand sträubt. Denn lösen, Eduard, mußt du jetzt ein Band, das Clara an dich bindet, ohne ihr die mindeste Aussicht auf Glück zu geben.«

»Und mit diesem Bewußtsein soll ich sie sehen?« rief Eduard. »Ich soll sie sehen und daran denken, sie zu lassen?«

»Sprich nicht von dir«, sagte der Vater ruhig, »du bist ein Mann!«

»Aber Clara! Was soll aus Clara werden?« fragte Eduard im Tone des tiefsten Schmerzes.

»Williams Frau, wenn es irgend mit ihrer Neigung zu vermitteln ist«, antwortete mit festem Ernst der Vater und fuhr, ohne auf Eduards Widerstreben bei dem Ausspruch zu achten, in seiner gewohnten Weise also fort: »Der herbe Kelch, den uns das Leben bisweilen zu kredenzen liebt, muß ganz und schnell geleert werden, wenn wir uns das Leben nicht schwerer machen wollen, als es leider oftmals ist. Darum stehe ich keinen Augenblick an, dir zu sagen, Clara ist für dich verloren, sie fühlt sich in diesem Augenblick so unglücklich wie du – vielleicht noch mehr –, aber damit ist euer Leben nicht beendet. Denn gerade dieses Mädchen vermag es, ihr Glück in andern zu finden. Wenn sie Williams Hand ausschlägt, zerfällt sie mehr und mehr mit ihrer Mutter. Die Deine kann sie niemals werden; soll sie unaufhörlich Vorwürfen einer herrschsüchtigen Mutter ausgesetzt bleiben, damit dir der Schmerz erspart werde, sie mit einem andern Mann glücklich zu sehen?«

»Kann sie so schnell vergessen?« sprach Eduard im Tone des Zweifels, und schon bei dem bloßen Gedanken an die Möglichkeit erbangend: »Kann sie das auch nur wollen?«

»Das hoffe ich, mein Sohn! Nur Toren verlangen etwas, dessen Unmöglichkeit sie eingesehen haben. William ist brav und liebt seine Cousine, Clara hätte ohne dein Dazwischentreten diese Liebe gewiß erwidert, und ich wünsche um ihretwillen lebhaft, daß sie noch jetzt, wenn auch mit Überwindung, sich zu dieser Ehe entschließt, in der ich allein Glück und Ruhe für sie erblicke, wenn du sie und William, die dir beide als einem Freunde vertrauen, auf den rechten Standpunkt leitest.«

»Nimmermehr!« rief Eduard. »Es ist genug, daß ich sie verliere. Kannst du glauben, daß ich, ich selbst, sie in die Arme eines andern führen werde?«

»Ich erwarte das von dir, wie ich dich kenne!« antwortete Herr Meier.

Eduard konnte sich gegen die Wahrheit in den Worten seines Vaters nicht verblenden, so gern er es auch wollte. Er erkannte die edle, strenge Gerechtigkeit des Greises, aber sein Gefühl empörte sich noch dagegen als gegen eine Sünde an Clara selbst. Indes der Vater ließ sich nicht erweichen. Er wollte gleich in dieser Stunde in seinem Sohne jeden möglichen Selbstbetrug ertöten. Er glaubte, am sichersten jenem langwierigen, unbestimmten Hinsiechen der Seele vorzubeugen, wenn er die Wunde rasch nach allen Seiten hin untersuchte, sie tüchtig ausbluten ließ und dann die Heilung der Zeit und besonders dem Bedürfnis nach Glück überließ, das uns unbewußt antreibt zu genesen, wenn ein geistiges Leid uns niedergeworfen hat. Denn wir sind zum Glück geschaffen, wir streben danach und erlangen es am sichersten, wenn wir uns durch keine falschen Hoffnungen täuschen lassen.

Eine Weile saßen Vater und Sohn noch beieinander, dann schieden sie mit einem Händedruck, und Eduard ging davon, um am Bette der Kranken Trost zu bringen, er, der dessen selbst noch so nötig bedurfte.

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