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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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»Wo kommst du her, Nachtwandler?« fragte Jenny scherzend. »Du hast mich förmlich erschreckt, als du so plötzlich hervortratest; und auch die arme Clara fuhr zusammen. Wo warst du denn bis jetzt?«

»In meinem Zimmer«, antwortete er.

»Da war es dunkel, als wir vorübergingen«, bemerkte Reinhard verwundert, »und deine Eltern wähnten dich außer dem Hause.«

»Das war ein Irrtum!« erwiderte er, ebenso zerstreut und tonlos, als er die erste Antwort gegeben.

»Höre, Eduard!« rief Jenny, um nur irgend etwas zu sagen, weil sie nicht wußte, was die Stimmung ihres Bruders, die sie beunruhigte, bedeute, »wenn du nur gekommen bist, uns zu erschrecken, so hättest du fortbleiben sollen. Gustav war so gut, so lieb; du hast uns um die schönste Erzählung aus seinen frühern Jahren gebracht, die ich nicht aufgeben will, und ich gehe mit Gustav fort, wenn du nicht heiter sein kannst.«

»So geht, ihr Lieben!« sagte er und lehnte sich tief aufatmend an den dicken Stamm einer mächtigen Kastanie, deren junge Blätter leise unter der Berührung der Nachtluft zitterten.

Unentschlossen standen alle einen Augenblick einander gegenüber; dann führte Reinhard Jenny einen Augenblick mit sich fort und bot Clara den andern Arm. War es nur Täuschung, oder hatte Eduard wirklich seine Hand bittend gegen Clara bewegt? – Aber das Brautpaar war bereits einige Schritte fort, und Clara stand noch in scheuer Entfernung allein vor Eduard. Sie hatte die Hände ängstlich über die Brust gefaltet, trat ihm näher und fragte mit sanfter Bitte: »Sie kommen nicht mit uns?«

Der Ton dieser süßen Stimme, das war mehr, als Eduard ertragen konnte. »Clara! Clara!« rief er mit einer Leidenschaft, in der das ganze Leiden der letzten Stunden sich zusammendrängte, und riß das junge Mädchen gewaltsam an seine Brust, das sich an ihn lehnte, als ob sie an seinem Herzen Schutz gegen ihn selbst erwartete. Wie nach langer drückender Hitze die schwarzen Wolken sich in großen einzelnen Tropfen entladen, so fielen aus Eduards Augen heiße schwere Tränen auf die Stirn Claras, und auch sie weinte still.

»Warum weinen wir denn«, fragte sie endlich, »wenn ich mit Ihnen bin?«

»Weil ich dich verloren habe«, antwortete er gepreßt, »weil ich über dein geliebtes Haupt den Fluch heraufbeschworen, der mich verfolgt. Auf dies geliebte Haupt«, sagte er, es in seinen Händen haltend und mit der Zärtlichkeit eines Vaters küssend, »auf das ich alles höchste Glück herabzurufen dachte.«

Sie hing sich fester an seine Brust, und er fühlte, wie sie zitterte, aber kein selbstsüchtiger Gedanke kam in ihre reine Seele; nur der Kummer des Geliebten war es, den sie zuerst empfand. »Armer Eduard!« seufzte sie, »und ich wagte, fröhlich zu hoffen, während Sie litten, ich hoffte...«

»Liebste! Dein Wagen ist da!« rief Jennys Stimme und schreckte Clara empor von Eduards Brust, der ihr seinen Arm reichte; und sie hatte dieses Beistandes nötig, um sich aufrecht zu erhalten. Ohne ein Wort der Entschuldigung oder des Abschiedes geleitete Eduard sie an Reinhard und an der Schwester vorüber zu ihrem Wagen, drückte einen langen Kuß auf ihre Hand und ging dann schnell in sein Zimmer zurück, dessen Fenster er verschloß.

Die Verlobten sahen ihnen erschrocken und verstehend nach. Auch sie schritten dem Hause zu. »Die Armen«, klagte Jenny, und Reinhard zog sie näher an sich, wie wenn er sich vor ähnlichem Schreiben bewahren wollte. Arm in Arm langten sie bei Jennys Eltern an. Sie entschuldigten mit einem Vorgeben Claras Fortfahren ohne Abschied; Eduards wurde gar nicht erwähnt. Bald darauf trennten sich auch die übrigen, Reinhard und Jenny mit schwerem Herzen und erst, nachdem sie sich durch einen nochmaligen Gang nach dem Garten überzeugt hatten, daß Eduard zu Hause sei. Sie sahen ihn durch die Vorhänge an seinem Schreibtisch sitzen.

Er schrieb an Clara. Sein Brief an die Geliebte lautete also:

»Jene Stunde, die ich mit aller Wonne der Liebe erwartet hatte, ist herangekommen und zur Trennungsstunde für uns geworden – das höchste Glück, das Bewußtsein, Ihre Liebe zu besitzen, wird zum Schmerz, denn auch auf Sie fällt die Pein des Scheidens. – Zürnen Sie mir um deshalb nicht. Mehr als mein eigener Schmerz peinigt mich der Gedanke, daß Sie mit mir leiden, daß meine Liebe Sie nicht zu schützen, nicht zu beglücken vermag. Ich könnte eine Welt hassen, in der Herzen, die zusammengehören, getrennt werden, weil das eine so, das andere anders zu seinem Schöpfer betet, der beide füreinander erschuf, der sie, wie uns, zusammenführte. Jahrtausende hat der Fluch über meinem Volke geschwebt, nun hat er auch mich getroffen. Ich wähnte, es sei an der Zeit, frei zu werden von jenen Fesseln, die blinder Pfaffenglaube der ganzen Menschheit auferlegt. Ich hatte Dich gesehen, ich liebte Dich und ich hoffte, Du solltest die Aurora werden, welche ein neues Morgenrot der Aufklärung für unser ganzes Land verkündete. Denn nicht allein den Juden trifft der Wahnwitz dieses Hasses, er schlägt in gerechtem Undank selbst die Mutter, die ihn erzeugt. Auch Du, die Christin, leidest unter ihm. Aber wer hieß Dich, einen Juden zu lieben? Warum wolltest Du lieben, was die Deinen hassen? Die Deinen, welche sich zu einer Religion der Liebe bekennen! – Oh! Christus wußte, wie der Haß zerfleischt, entmenscht, darum predigte er Liebe, und die Unwürdigen begriffen nur den Haß, vor dem er sie gewarnt.

Aber ich wollte ruhig sein und nicht auch in Deine Seele den Widerschein des Zornes leuchten lassen, der in mir lodert! Ruhig denn! – Seit ich Dich kenne, seit ich Dich liebe, habe ich keine Stunde ruhigen Glückes gekannt als in Deiner Nähe. Nur der Zauber Deiner Gegenwart konnte mich trösten, mich vergessen machen, daß ich Dich nicht besitzen würde. Ich fühlte es, wie Dein Herz sich zu mir neigte, und wollte Dich und mich vor jeder Hoffnung bewahren, indem ich Dir sagte, mit wie unauflöslichen Banden ich an mein Volk gekettet sei. Es ist nicht der Glaube, der mich an das Judentum bindet: ich bin weder Jude noch Christ in dem Sinne der Menge – ich bin ein Mensch, den Gott geschaffen, der seinem Schöpfer dafür dankt und der seine Mitgeschöpfe liebt. Aber meine Ehre fesselt mich an mein Volk, das gleich mir in Unterdrückung seufzt. Was dem verbannten Polen sein Vaterland, das ist dem Juden die Gemeinde; nur der Verräter sagt sich von ihr los. Denkst Du jener Polenhelden, die wir jüngst gesehen, und der Wunden auf ihren gramdurchfurchten Stirnen? Diese Wunden können heilen; aber der Schmerz ihrer gebrochenen Herzen nimmer! Geschieden von Bräuten, Weibern und Kindern kamen sie in unser Land, alles war ihnen geraubt, und sie hatten nichts als die Ehre und den heiligen Gram um ihr gesunkenes Vaterland. Nach langem Elend war das Volk der Polen erstanden, um mit Männerkraft seine Ketten zu zerreißen. Es mißlang, und die Unterdrücker trugen wieder den Sieg davon.

So ist es mir ergangen. Ich wollte versuchen, auf Deinen Besitz zu verzichten, zu entsagen; aber Entsagen ist Feigheit, solange noch eine Möglichkeit da ist, das Glück zu erreichen. Ich verlangte vom Staate die Erlaubnis, Dich mein zu nennen, ohne Christ werden zu müssen. An Deiner Zustimmung, an Dir zweifelte ich nicht, und mit Dir hoffte ich die Einwendungen der Deinen leicht zu besiegen. Ich hoffte, glücklich zu sein mit Dir und Tausenden, die gleich uns litten, ein Befreier von bejammernswertem Vorurteil zu werden. Es ist anders gekommen.

Der Staat, der es erlaubt, daß Menschen ohne alle innere Zusammengehörigkeit einander den Eid der Treue vor dem Altare schwören, der es duldet, daß die Jungfrau mit gebrochenem Herzen in die Arme eines Mannes geführt wird, welcher vielleicht noch gestern an der Brust einer Buhlerin des Bundes lachte, den er heute beschwört, der Gesetze gibt, diese fluchenswerten Ehen zu schützen derselbe Staat will es nicht dulden, daß zwei Herzen, die in reinstem Einklang schlagen, sich verbinden, weil sie auf verschiedene Weise Gott für das Glück danken würden, das er ihnen durch ihre Liebe gewährt. – Das sind die Gesetze, vor denen man Achtung verlangt!

Nur eine Zuflucht bietet sich uns dar, wenn Du es vermöchtest, Dich von allen Vorurteilen zu befreien, wenn Du Dich entschließen könntest, mir unter dem Schutze der Meinen in ein Land zu folgen, das unsere Ehe zuläßt, und dort die Meine zu werden; wenn ich Dich im Triumphe zurückführen dürfte und den Verblendeten zeigen dürfte, wie die Liebe frei ist vor dem Urteil eines weisern Staates; wenn Du durch ein Wort uns den versagten Himmel zu öffnen bereit wärest – ein Leben voll der wärmsten, ergebensten Liebe sollte es Dir lohnen; Dir, aus deren Hand mir die Liebe und Freiheit zugleich gegeben würden.

Mitten im Fluge solchen Hoffens fühle ich aber bereits das Unrecht, das ich an Dir begehe, indem ich Dich zum Richter über unsere Zukunft mache. Das hätte ich Dir ersparen sollen, und doch kann ich es nicht. So nimm denn wenigstens das heilige Versprechen, Du Geliebte, daß ich mit keinem Worte versuchen werde, das Urteil, wie Du's auch fällst, zu ändern. Was Dein liebendes Herz vermag oder nicht vermag, was Dein gerader Sinn Dir zu tun gebietet, das soll auch meine Richtschnur sein. Nur versage mir die Gunst nicht, Dich noch einmal zu sehen. Und somit Lebewohl!«

Vergebens würde es sein, ein Bild des Schmerzes zu geben, mit welchem Eduard diesen Brief geschrieben, oder der Gefühle, die er in Clara hervorrief. Wer es je erfahren hat, plötzlich eines Glückes beraubt zu werden, auf das er eben ein volles Anrecht erworben zu haben glaubte, der mag ahnen, was Eduard und Clara bei dem Gedanken an ihre Trennung litten, nachdem sie durch das gegenseitige Geständnis ihrer Liebe sich aneinander gebunden. Von Minute zu Minute zögerte Clara, eine Antwort zu geben, die, so innig sie Eduard liebte, niemals eine günstige sein konnte. Immer hoffte sie, es werde sich ihr ein Ausweg aus dem Labyrinthe zeigen, sie fürchtete, Eduards Leiden zu vergrößern durch die Schilderung ihres Schmerzes; sie wollte ruhig werden, um ihn zu beruhigen; und das war der Brief, den sie endlich an ihn schrieb:

»Gott hat es mir auferlegt, daß ich mit den ersten Worten, die ich Ihnen schreibe, Ihnen und mir den tiefsten Schmerz bereite, den eine Menschenbrust empfinden kann. Er wird uns Kraft geben, ihn zu ertragen. Liebte ich Sie weniger, oder wäre ich nicht vollkommen gewiß, es könne kein Zweifel an meiner Liebe Raum in Ihrer Seele finden, ich würde nicht den Mut haben, Ihnen zu sagen, daß ich nicht die Ihre werden, daß die schönste Hoffnung meines Lebens nicht erfüllt werden dürfe. Ach, lieber Eduard! Als ich Jenny und Reinhard verbunden sah, da wagte ich mir zu gestehen, daß ich ein ähnliches Glück begehrte und erhoffte, obgleich ich wußte, was Sie von Jennys Übertritt zum Christentume dachten; wie Sie bei Jenny billigten, was Sie selbst niemals zu tun vermochten. Ich täuschte mich gern, weil ich Sie liebte und kein höheres Glück kannte, als Ihnen in jeder Stunde meines Daseins, mit jedem Gedanken, mit jedem Gefühl meiner Seele zu eigen zu sein. Ein Familienleben hatte ich erst in dem Hause Ihrer Eltern in seiner heiligen Schönheit kennengelernt, und ich wünschte sehnlichste mit Ihnen zu den Kindern dieses schönen Hauses zu gehören, das mich mit so viel Güte empfing, in dem ich die schönsten Stunden meines Lebens genossen habe.

Glauben Sie mir, ich verlange nichts als Ihre Liebe, nichts als Sie, Eduard! Und jedes Band, das uns vereinigte, wäre mir heilig. Ich möchte Ihr treues Weib sein, gleichviel, welch ein Priester den Segen über uns gesprochen; jedes Land, jedes Verhältnis wäre mir gleich. Ich könnte ruhig den Tadel der Menge ertragen – aber den Segen meiner Eltern kann ich nicht entbehren. Ohne diesen Segen, den ich nie zu erhalten hoffen darf, so lange Sie nicht Christ geworden sind, gäbe es, selbst mit Ihnen, kein Glück für mich.

Meine Mutter hat mich William verlobt, ohne mich darum zu befragen, und ich habe mich dadurch keinen Augenblick für gebunden gehalten. William selbst würde meine Hand nicht begehrt haben, hätte er meine Liebe zu Ihnen gekannt. Ich vermag, so leid es mir tut, den Wunsch meiner Mutter nicht zu erfüllen, ich kann Williams Frau nicht werden. Aber auch die Ihre nicht, Eduard! Sie bindet die Ehre an Ihr Volk, mich die Pflicht an meine Eltern, und ich darf an eine Verbindung nicht denken, die auch einer minder stolzen Frau als meiner Mutter verwerflich scheinen müßte durch die befremdlichen Schritte, welche eine Trauung im Auslande erfordert. Ich wähnte, Liebe sei allmächtig, nun sehe ich, daß sie vor Pflicht und Ehre sich beugen muß. Ich bin bereit, das Opfer zu bringen – aber es ist ein schweres, furchtbares Opfer, ich bringe es mit blutendem Herzen und weiß kaum, wie ich das Unvermeidliche ertragen werde.

Sie nehmen Abschied von mir, Eduard! Sie sagen mir Lebewohl! Das begreife ich nicht! Ist es nicht hart genug, daß wir einander nicht gehören sollen? Wollen wir uns selbst um das Glück bringen, uns zu sehen, uns zu sprechen und Trost für unser Leid in dem Beisammensein zu suchen, das uns vergönnt ist? Ich kann den Gedanken nicht fassen, Sie nicht mehr zu sehen; ich möchte den Trost nicht entbehren, Ihrer treuen Brust anzuvertrauen, was mich bewegt, und zu erstarken an den großen Gedanken Ihres Geistes. Waren wir nicht glücklich bis jetzt, auch ehe das Wort Liebe ausgesprochen wurde? Hatten wir uns nicht verstanden? So kann und soll es wieder werden! Man sagt, der Strom, der die Dämme durchbrach, könne niemals wieder von selbst in jene Schranken zurückkehren; das mag sein. Wo aber die Schranke allein Zuflucht vor gänzlichem Verarmen zu geben vermag, da muß man sie aufs neue erbauen, sich hinter sie flüchten, um das einzige Gut zu behalten, das uns geblieben ist.

Schreiben Sie mir nicht mehr, das kann nicht sein. Lassen Sie uns versuchen, die Ereignisse des gestrigen Tages im tiefsten Grunde des Herzens zu bergen. So allein – und ich rechne auf Sie, als ob Sie es mir mit dem heiligsten Eide gelobt hätten – dürfen wir uns wiedersehen. Sie, Eduard, sollen mich schützen vor der Gewalt unserer Liebe; Ihrem starken Willen vertraue ich mich an. Nur ein paar Tage der Einsamkeit gönnen Sie mir, mich zu gewöhnen an das schwere Los, das uns geworden ist. Doch was klage ich? Ich begehrte Glück und Leid mit Ihnen zu tragen und sollte mutlos werden, nun die Prüfung naht? Nein, Eduard! Sie sollen sehen, daß Sie sich nicht in mir geirrt haben, daß ich würdig gewesen wäre, die Ihre zu sein, weil jedes Schicksal, das ich mit Ihnen teile, mir erträglich scheint. Um mich sorgen Sie nicht, ich weiß, daß Sie mich lieben! Mit dem Bewußtsein kann ich alles tragen; denn Liebe, selbst hoffnungslose Liebe ist Glück! Daran halten Sie fest, Eduard, wenn wir uns wiedersehen!«

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